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Sprache im Wandel: BTU-Kompetenz bereichert bundesweite Vorlesungsreihe

Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU)
beteiligt sich aktiv an der bundesweiten Online-Ringvorlesung 2023.
Überschrieben mit dem Titel "Sprache – diskriminierungskritisch gedacht
und formuliert. => Gendergerechtigkeit? Geschichte, Motive und Wirkung",
findet die Veranstaltung am Mittwoch, 21. Juni, von 16 bis 18 Uhr statt.

Referentin ist Prof.*in Dr.*in Heike Radvan. Die Wissenschaftlerin leitet
an der BTU das Fachgebiet Methoden und Theorien Sozialer Arbeit mit den
Schwerpunkten Gemeinwesenarbeit und Rechtsextremismusprävention und bringt
ein breites Fachwissen und langjährige Erfahrung in die Vorlesung ein.

Die Veranstaltung bietet eine herausragende Gelegenheit, sich mit den
aktuellen Entwicklungen in der sprachlichen Gleichberechtigung
auseinanderzusetzen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, um eine
inklusive und respektvolle Kommunikation zu fördern. Alle, die gemeinsam
die Bedeutung von Sprache und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft
diskutieren möchten, sind eingeladen.

Interessierte können an der Veranstaltung des Zentrums für
wissenschaftliche Weiterbildung der BTU online teilnehmen oder diese im
Konrad-Zuse-Medienzentrum (Gebäude 11) auf dem Campus Senftenberg
besuchen.
Der Online-Zugang ist über die Internetadresse:
https://www.b-tu.de/weiterbildung/offene-hochschule/bundesweite-online-
ringvorlesung möglich.

Sprache verändert sich. Aus historischer Perspektive handelt es sich
hierbei um kein neues Phänomen. Aktuelle Ansätze wie zum Beispiel eine
geschlechterreflektierende und diskriminierungskritische Sprachverwendung
zielen darauf ab, unser Sprechen dahingehend zu reflektieren, welche
Wirkung sie entfaltet: Wer wird angesprochen? Wer ist mitgemeint? Wie ist
ein respektvolles Sprechen möglich, das Diskriminierungserfahrungen und
mögliche Verletzungen ausschließt? Welche Ansätze eröffnen gemeinsame
Lernprozesse und Wege hin zu einem möglichst inklusiven, solidarischen und
am Dialog orientierten Miteinander? Im Vortrag wird Hintergrundwissen zu
den relevanten Themenbereichen vermittelt als auch in Richtung Praxis
gedacht.

Die bundesweite Online-Ringvorlesung (ORV) wird seit 2008 von
Einrichtungen der wissenschaftlichen Weiterbildung Älterer in
Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche
Weiterbildung Älterer (BAG WiWA) organisiert. In diesem Jahr steht das
Thema "Menschenbilder – Sichtweisen und Perspektiven" im Fokus. Hierbei
werden verschiedene Wissenschaften beleuchtet, die unser Menschenbild und
unseren Blick auf die Welt geprägt haben, darunter Anthropologie,
Kulturwissenschaften, Philosophie und weitere Disziplinen.

Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg bietet ein
breites Spektrum an Studiengängen, Forschungsmöglichkeiten und offenen
Angeboten. Sie ist damit eine angesehene Akteurin in der regionalen und
nationalen Bildungslandschaft für das lebenslange Lernen.

Fachkontakt

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Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen - Kriminalprävention ist komplex

Verbrechen und Kriminalität gehören zum Unterhaltungsprogramm in den
Medien und zur Realität auf deutschen Straßen. Ein Interview mit Prof. Dr.
Marc Coester über Strategien gegen ein Alltagsphänomen.

•       Prävention ist langfristig gut investiertes Geld.
•       Wir brauchen mehr Professionalisierung und noch mehr
Qualifizierung.
•       Kriminalität und Prävention müssen stärker aus einer
opferorientierten Perspektive betrachtet werden.

Zur Person
Dr. Marc Coester ist Professor für Kriminologie am Fachbereich Polizei und
Sicherheitsmanagement der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR
Berlin) und wissenschaftlicher Leiter des Masterstudiengangs Kriminologie
und Kriminalprävention an der Berlin Professional School, dem
Weiterbildungsinstitut der Hochschule. Der Erziehungswissenschaftler ist
Experte für Kriminalitätsprävention, Hasskriminalität und Jugendgewalt, im
Programmbeirat des Deutschen Präventionstags und Vorstandsvorsitzender des
Opferhilfe Berlin e. V.

Prof. Coester, welchen Krimi habe Sie zuletzt gesehen oder gelesen,
welchen Crime Podcast gehört?

Da muss ich gestehen, dass ich ein echter Medienjunkie bin. Ich höre sehr
gerne den Verbrechen Podcast von ZEIT ONLINE oder den englischen Podcast
„Crime Junkie“ und binge mich durch die True-Crime-Serien der
Streamingdienste wie „I am a Killer“ oder „Mindhunter“ auf Netflix.
Biografien von Massen- und Serienmörder haben mich außerdem immer
interessiert, keine Ahnung, warum. Da will ich mal nicht tiefer graben
(lacht).

Wie hätten Straftaten, um die es sich in diesen Serien dreht, durch
Gewalt- und Kriminalitätsprävention verhindern lassen?

Wir haben heute ein sehr gutes und evidenzbasiertes Verständnis davon,
welche Risikofaktoren in welchen Konstellationen die Wahrscheinlichkeit
erhöhen, dass sich Menschen abweichend, kriminell oder gewalttätig
verhalten. Gerade Faktoren, die sehr früh, häufig, kumuliert und in einem
Umfeld ohne soziale Ressourcen auftreten, bedingen oft entsprechende
Karrieren. Jetzt kommt das Erstaunliche: In den genannten True-Crime-
Medien, in den Biografien von schweren Gewalttätern (und seltener auch
Gewalttäterinnen) finden sich retrospektiv immer wieder dieselben
Risikofaktorenkonstellationen. Mit entsprechenden Präventionsprogrammen,
die früh, multidisziplinär und langfristig angelegt sind, hätte man solche
Verläufe verhindern können. Da geht es zum Beispiel um sehr gut evaluierte
Familien- und Elterntrainingsprogramme, Programme zur Förderung
personaler, emotionaler und sozialer Kompetenzen oder Gewaltprävention in
der Schule. So gesehen bin ich ein Fan von früher, primärer Prävention.

Weshalb faszinieren Verbrechen so sehr?

Ich glaube, mal psychologisch oder gar philosophisch gesprochen:
Beschreibungen von Verbrechen nehmen uns mit an einen Abgrund, der sich in
uns selber auftut. In den detaillierten Beschreibungen steht der Zuhörer
oder Zuschauer davor, schaut hinab und erkennt, dass ihn im Grunde nicht
viel von dem Täter unterscheidet. Das Potential ist da, der Weg und die
Umstände waren anders. Der Philosoph Immanuel Kant hat gesagt, der Mensch
ist aus krummem Holz gemacht. Naja, so ganz beweisen kann man diese
Aussagen nicht, aber sie klingen gut (lacht).

Mal weg von den Aufsehen erregenden und medialen Taten. Kriminalität ist
in vielen unterschiedlichen Formen ein alltägliches Phänomen in der
Gesellschaft. Wie passt die Prävention da ins Bild?

Wir müssen in der Gesellschaft noch viel mehr und an allen Orten
Prävention denken. Ich habe das schon gesagt: Wir kennen heute die
Ursachsen von Kriminalität, wir haben ein breites Wissen an evaluierten
und evidenzbasierten Programmen und Projekten entwickelt. Wir kennen
kommunale Präventionsstrategien, die alle wichtigen Partner einbinden,
vernetzen und immer wieder erfolgreich eingesetzt werden. Wir haben ein
dichtes Netz an Präventionsgremien, die jeden Tag in unterschiedlichsten
Feldern anpacken. Wir arbeiten mit potentiellen Tätern und Opfern, aber
auch im Bereich der technischen und städtebaulichen Prävention. Alles da.

Und trotzdem…?

Gleichzeitig wissen wir aus Kosten-Nutzen-Analysen, dass Kriminalität
wahnsinnig teuer ist. Da sind die Kosten für medizinische Versorgung von
Opfern, Arbeitsausfälle, Kosten für Strafverfolgungsbehörden. Ein Tag
Strafvollzug kostet etwa 200 Euro und so weiter. Prävention ist
langfristig gut investiertes Geld. Leider funktioniert Kriminalpolitik oft
so, dass besonders dann agiert wird, wenn es wieder mal eine spektakuläre
Tat gegeben hat. Dann hört man die übliche, repressive Rhetorik – mehr
Polizei, längere Haftstrafen und so weiter – und geht dann wieder zum
Tagesgeschäft über. Die Prävention muss noch selbstbewusster werden und
ihren Wert besser kommunizieren.

Wie verändert sich Kriminalprävention?

Es gibt immer wieder neue Kriminalitätsphänomene, das macht die
Kriminologie so spannend. Ein Verständnis dieser Phänomene ist die
Voraussetzung, auch präventiv in diesem Feld zu handeln. Gleichzeitig kann
die Prävention bei den Tätern, Opfern, dem Umfeld, der Situation oder auf
der technischen Ebene ansetzen. Somit ergeben sich immer wieder neue,
interessante Kombinationen und Ansätze.

Könnten Sie das bitte an konkreten Beispielen festmachen?

Wenn man sich um die Mobbingopfer im Internet kümmert und hier
gegebenenfalls auch einen digitalen Zugang wählt, werden andere Methoden
angewendet, als wenn ich mir überlege, wie ich eine Parkanlage so
gestalte, damit sich Menschen dort sicherer fühlen und weniger
Tatgelegenheiten entstehen können. Trotzdem meine ich, dass sich die
grundlegenden Prinzipien der Prävention in allen alten und neuen Ansätzen
wiederfinden: Prävention will fördern, helfen, stärken, sensibilisieren,
aufklären, informieren oder trainieren. Also, die Phänomene ändern sich,
die Methoden der Prävention entwickeln sich weiter, aber die Grundlagen
präventiven Handelns bleiben bestehen.

Es wird von Opferverbänden oft kritisiert, dass der öffentliche Fokus auf
den Straftätern und Straftäterinnen liegt. Was müsste sich aus Ihrer Sicht
für die Opfer von Gewalt verbessern?

Tatsächlich ist es so, dass sich Staat und Gesellschaft schon immer viel
mehr für den Täter und seine Strafe und weniger für das Opfer und sein
Leid interessiert haben. Während es beispielsweise Kriminalitätstheorien
schon ein paar Hundert Jahre gibt, ist die Viktimologie, die
Opferforschung, erst in den letzten etwa 60 Jahren gewachsen. Erst seither
fragen und forschen wir, was Straftaten für die Opfer bedeuten, welche
Folgen daraus entstehen, wie sie damit umgehen und was sie sich als
Reaktion darauf wünschen. Während Unbeteiligte oftmals härteste Strafen
für einen Täter fordern, wünschen sich Opfer viel eher eine
Wiedergutmachung, eine Entschuldigung ein klärendes Gespräch mit dem
Täter.

Den Täter zu bestrafen löst nicht die Probleme des Opfers.

Unterm Strich müssen wir Kriminalität – und das gehört auch zur Prävention
– mehr noch aus einer opferorientierten Perspektive betrachten. Der Täter-
Opfer-Ausgleich ist eine Möglichkeit, im Strafverfahren solche Elemente
einzubauen. Ein anderes Beispiel ist der proaktive Ansatz, der zur Zeit in
Berlin erprobt wird: dabei wird jedem Opfer im Polizeikontakt die
Möglichkeit eröffnet, dass sich eine Servicestelle im Nachgang zeitnah
meldet, um von dort aus Hilfsangebote zu unterbreiten. In der
Servicestelle sitzen geschulte Mitarbeiter*innen, die im Gespräch Bedarfe
gemeinsam mit dem Opfer entwickeln und dann gegebenenfalls an einschlägige
Hilfsorganisationen weiterleiten.

Theoretisch ist Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, auch vielen
Verantwortlichen klar, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Woran
hakt es bei der Umsetzung?

Grundsätzlich muss man zunächst anmerken, dass sich die Kriminalprävention
in den letzten 30 Jahren deutlich entwickelt hat und mittlerweile die
schon erwähnte Präventionslogik immer weiter in das Bewusstsein von Staat
und Gesellschaft „sickert“. Um ein Beispiel zu geben, der Deutsche
Präventionstag ist ein jährlicher Präventionskongress, der 1995 das erste
Mal in Lübeck stattfand und damals etwa 250 Besucher*innen zählte. Heute
ist er der weltweit größte Präventionskongress mit bis zu 4 000
Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus Deutschland und der Welt.

Sie und andere Forscher*innen stellen fest, dass die kriminalpolitische
Logik bis heute oftmals eher repressiv als präventiv funktioniert.

Wie gesagt, in ruhigen Zeiten spricht man nicht darüber. Dann kommt ein
medial Aufsehen erregender Fall und es wird von allen Seiten mehr Härte,
mehr Polizei, es werden längere Haftstrafen, neue Gesetze und so weiter
gefordert. Die Prävention muss mehr Selbstbewusstsein wagen. Wir wissen,
was wirkt und was es langfristig spart. Wir brauchen mehr
Professionalisierung und noch mehr Qualifizierung in der Prävention. Je
komplexer das Arbeitsfeld wird, desto mehr angewandtes Wissen ist
notwendig. Das war auch die Grundidee für unseren Masterstudiengang
Kriminologie und Kriminalprävention.

Kriminalprävention ist ein wichtiges Thema für die Polizei, schon in der
Ausbildung und im Studium. Aber nicht nur. Welche Behörden und
gesellschaftlichen Gruppen müssen hier zusammenarbeiten?

Mittlerweile finden sich Fachleute der Prävention an unterschiedlichsten
Stellen wie der Kommunalverwaltung (vor allem in Ordnungsbehörden, in
Jugendämtern), in Präventionsgremien, bei der Justiz, in der Kita, Schule
und in der Sozialen Arbeit, bei freien Trägern der Kinder- und
Jugendhilfe, in Vereinen, in der Wirtschaft, Kommunalpolitik, in den
Medien, in Ministerien, Behörden, Verbänden oder Wissenschafts- und
Bildungseinrichtungen. Und es ist gut, dass sich auch die Polizei in
Deutschland immer mehr diesem Thema annimmt und es in unterschiedlichsten
Ansätzen und gemeinsam mit der Zivilgesellschaft angeht.
Kriminalprävention lebt von einem breiten und heterogenen Netzwerk.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren beruflich mit den Schattenseiten
der Gesellschaft. Was lässt Sie weiter an das Gute im Menschen glauben?

Mit Schattenseiten der Gesellschaft kann ich mitgehen. Bei der Frage nach
Gut und Böse fällt es mir schwerer. Wenn der Mensch auf die Welt kommt,
ist er sich doch ziemlich ähnlich, in jedem Fall ist jedes Baby und jedes
Kind unschuldig. Was dann folgt, können sie nicht beeinflussen. Ob man von
den Schattenseiten der Gesellschaft getroffen wird oder das Glück hat, auf
der Sonnenseite zu stehen, ist ziemlich zufällig und prägt den Menschen
letztendlich in seinen Werten, Einstellungen, Entscheidungen und
Handlungen. Ich habe irgendwo mal ein Sprichwort gelesen, man solle
hundert Schritte in den Schuhen eines anderen gehen, wenn man ihn
verstehen will. Das ist auch das Motto einer verstehenden Kriminologie und
prägt auch die Kriminalprävention. Sie will in schwierigen Lebenslagen ein
Angebot machen und damit ungünstige Verläufe in der Zukunft vermeiden.

Prof. Coester, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Sylke Schumann, Pressesprecherin der Hochschule für
Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin).

Mehr zum Masterstudiengang „Kriminologie und Kriminalprävention“
Im Oktober 2023 startet an der Berlin Professional School der HWR Berlin
der berufsbegleitende Masterstudiengang „Kriminologie und
Kriminalprävention“. Die Bewerbungsfrist läuft bis 15. Juli.
https://www.berlin-professional-school.de/master/berufsbegleitend-
studieren/master-kriminologie-und-kriminalpraevention/


Zur Pressemitteilung über die Unterzeichnung des Kooperationsvertrages
zwischen HWR Berlin, Landespräventionsrat im Niedersächsischen
Justizministerium, Kriminologischem Forschungsinstitut Niedersachsen und
dem Deutsches Forum für Kriminalprävention
https://www.hwr-berlin.de/meta/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung-
detail/3401-neuer-masterstudiengang-kriminologie-und-kriminalpraevention/


Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin

Die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin) ist eine
fachlich breit aufgestellte, international ausgerichtete Hochschule für
angewandte Wissenschaften, einer der bundesweit größten staatlichen
Anbieter für das duale Studium und im akademischen Weiterbildungsbereich.
Sie sichert den Fachkräftebedarf in der Hauptstadtregion und darüber
hinaus. Rund 12 000 Studierende sind in über 60 Studiengängen der
Wirtschafts-, Verwaltungs-, Rechts-, Ingenieur- und Polizei- und
Sicherheitswissenschaften sowie in internationalen Master- und MBA-
Studiengängen eingeschrieben. Die HWR Berlin ist die viertgrößte
Hochschule für den öffentlichen Dienst in Deutschland und mehrfach
prämierte Gründungshochschule. Über 700 Kooperationen mit Partnern in der
Wirtschaft und im öffentlichen Dienst garantieren den ausgeprägten
Praxisbezug in Lehre und Forschung. 195 aktive Partnerschaften mit
Universitäten auf allen Kontinenten fördern einen regen
Studierendenaustausch und die internationale Forschungszusammenarbeit. Die
HWR Berlin ist Mitglied im Hochschulverbund „UAS7 – Alliance for
Excellence“ und unterstützt die Initiative der Hochschulrektorenkonferenz
„Weltoffene Hochschulen – Gegen Fremdenfeindlichkeit“.

http://www.hwr-berlin.de

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Chancen und Herausforderungen einer diverseren Gründungsszene

Obwohl Frauen mittlerweile vermehrt Unternehmen gründen, sind sie nach
aktuellen Zahlen weiterhin unterrepräsentiert und gründen vor allem im
Nebenerwerb. Die Gründe dafür sind vielfältig, sagt Dr. Simone Chlosta,
die als Professorin für Wirtschaftspsychologie und Entrepreneurship an der
FOM Hochschule lehrt. Einflussfaktoren reichen von der Care-Arbeit über
mangelnde Vorbilder bis hin zu konkreten Finanzierungsfragen. Dabei hätte
eine diversere Gründungsszene viele Vorteile für die Gesellschaft, wie
Prof. Chlosta im Interview erklärt.

Frauen kommen laut KfW-Gründungsmonitor derzeit auf einen Anteil von 37
Prozent an allen Gründungen. Ist das ein Grund zur Freude?

Prof. Dr. Simone Chlosta: Diese Zahlen schwanken immer und sind zuletzt
nach einem Hoch während der Corona-Pandemie wieder gesunken. Insgesamt
gibt es positive Tendenzen, die zeigen: Frauen sind in der Mitte der
Gründungsgesellschaft angekommen. Aber es existiert noch ein recht großer
Gender Bias in Deutschland und ein starker Überhang an Männern. Frauen
gründen zudem immer noch häufiger im Nebenerwerb – auch wegen der Care-
Arbeit.

Abgesehen von der Care-Arbeit: Welche Gründe liegen dem geringeren
Frauenanteil zugrunde?

Chlosta: Da spielen natürlich sehr individuelle Faktoren eine Rolle. Das
Gründungsinteresse ist bei Frauen und Männern ungefähr gleich. Allerdings
gibt es eine Lücke, die sich bis zur Umsetzung auftut. Woran das liegt?
Oft fängt es mit fehlendem Support aus der Familie und dem Freundeskreis
an. Das liegt auch an einem Mangel weiblicher Vorbilder, die Inspiration
für die Gründung eines Unternehmens geben können. Klassische Rollenbilder,
gesellschaftliche Vorurteile und die kulturell verfestigte Vorstellung vom
Idealbild des männlichen Unternehmers können weitere Hindernisse sein.
Ganz praktisch erfolgen die Beurteilung und Finanzierung des
Geschäftsmodells immer noch hauptsächlich durch Männer, die andere
Perspektiven einbringen als weibliche Gründerinnen.

Gibt es denn Branchen, in denen Frauen tendenziell mehr gründen?

Chlosta: Ja, da gibt es ganz klare Tendenzen. Schauen wir uns den Female
Founders Monitor 2022 an, dann gründen Frauen besonders in den Bereichen
Konsumgüter und Food. Außerdem gründen sie häufiger mit einem sozialen
Fokus, etwa in den Feldern Medizin, Gesundheitswesen sowie Bildung. Gerade
im Bereich Social Entrepreneurship sind Frauen stark vertreten.

Mit Ihrem Verein Perspektive neuStart e.V. möchten Sie nicht nur Frauen,
sondern Menschen aus aller Welt dabei unterstützen, ein eigenes
Unternehmen zu gründen. Inclusive Entrepreneurship ist das Stichwort. Was
müssen wir uns darunter vorstellen?

Chlosta: Mit dem Ziel Inclusive Entrepreneurship wollen wir in Deutschland
ein diskriminierungsfreies Unternehmertum entwickeln, das unabhängig ist
von Herkunft, Alter, Geschlecht, Religion, sozialer Zugehörigkeit und
persönlichen Einschränkungen. Es geht um das, was wir „the missing
entrepreneur“ nennen. Denn wir lassen ein enormes unternehmerisches
Potenzial liegen: Menschen mit Einwanderungsgeschichte gründen ungefähr
doppelt so häufig wie Einheimische. Dieses Potenzial wollen wir heben,
indem wir zielgruppenspezifisch auf die Bedürfnisse eingehen und
beispielsweise die Gründungsberatung sensibilisieren. Darüber hinaus
verfolgen wir das Ziel, bundesweite Angebote für bessere
Gründungsbedingungen zu schaffen und wir zielen auf ein bundesweites
Netzwerk ab, um als starke Stimme zu sprechen und Informationen gebündelt
anzubieten.

Welcher gesellschaftliche Mehrwert entsteht, wenn mehr Menschen mit
unterschiedlichen Hintergründen ein Unternehmen auf den Weg bringen?

Chlosta: Diversität hilft uns dabei, innovative und kreative Lösungen für
die kritischen Probleme unserer Zeit zu finden und in einer resilienten
und offenen Gesellschaft zu leben. Da Frauen oft mit einem Fokus auf
gesellschaftliche Probleme gründen, bilden sie eine wichtige Stütze, um
die Gesellschaft und die Menschen krisenfest zu machen. Zudem führt eine
diverse Gründungsszene zu den genannten Vorbildeffekten, sodass
nachfolgende Generationen sich besser identifizieren können, selbst
gründen und so das ganze System offener wird. Nicht zuletzt erhöht
Diversität die Standortattraktivität, so werden neue kluge Köpfe
angesprochen und gewonnen.

Wie können solche Gründungen gefördert werden?

Chlosta: Netzwerke über gesellschaftliche Gruppen und Branchen hinweg sind
enorm wichtig, wenn nicht das Wichtigste. Gründungsinteressierte können
sich einen Sparringpartner suchen, um Ideen und Konzepte zu besprechen.
Der Austausch kann sehr wertvoll sein. Insgesamt müssen wir mehr
Unterstützung schaffen, gerade im Bereich Pflege und Kinderbetreuung. Oft
geht es um weitere Aspekte: etwa die Stärkung des Selbstbewusstseins oder
der Sprachkenntnisse. Menschen, die nicht in Deutschland aufgewachsen
sind, benötigen Systemwissen, um sich in der Bürokratie zurechtfinden.
Zudem helfen zielgruppenspezifische Gründungsbegleitungen, gerade wenn das
Netzwerk in Deutschland fehlt. Es liegt also noch einiges an Arbeit vor
uns.

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Diskussion: Am gläsernen Schreibtisch

Über Wissenschaftstracker, Profiler und Datenhändler

Montag, 3. Juli 2023, 18 Uhr
Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Gartensaal & live via Zoom
Goethestr. 31, 45128 Essen

Wer wissenschaftlich arbeitet, kann auf den Gebrauch digitaler Werkzeuge
kaum mehr verzichten – spätestens, wenn es um das Publizieren von
Forschungsergebnissen geht. Auch Verlage, Bibliotheken, Forschungsförderer
und Hochschulleitungen machen sich verstärkt die Möglichkeiten der
Digitalisierung zunutze – teils zu ganz neuen Zwecken. So haben sie etwa
die Entwicklung bibliometrischer Verfahren vorangetrieben und Tracking-
Systeme zur Überwachung wissenschaftlicher Arbeitsprozesse implementiert.

Während Dienste wie Orcid eine maschinenlesbare Verwaltung von
Wissenschaftler*innen-Identitäten erlauben, erstellen eigens dafür
betriebene Suchalgorithmen (sog. ”Scholar Crawler”) personenbezogene
Datenprofile. Onlinebasierte Literaturverwaltungs- und Redaktionssysteme
zielen indessen auf die Erfassung des gesamten wissenschaftlichen
Arbeitsprozesses, von der Ideenfindung und Recherche bis zur Publikation
und Diskussion von Forschungsfragen und -daten.

Diese umfassende Verdatung von Forschungsprozessen tritt dabei mit dem
Versprechen einer Steigerung der Qualität und Sichtbarkeit
wissenschaftlicher Arbeit sowie der frühzeitigen Erkennung innovativer
Forschungstrends und Talente an. Kritiker*innen sehen hingegen in solchen
Datenbanken das eigentliche Hauptprodukt der großen Wissenschaftsverlage –
die schon längst aufgehört haben, einfach nur Publikationsorgane für
Fachliteratur zu sein.

Was bedeutet der aktuelle Umbau der Wissenschaftsverlage in
Informationsbroker und Datendienste für die künftige Gestaltung von
Wissenschaft? Welche Folgen hat die Datensammlung und die Dauerbeobachtung
eigener Forschungsarbeit für die Karrierewege von Wissenschaftler*innen
und die Strategien ihrer Institutionen? Wie verhält sich das Paradigma der
Öffentlichkeit von Wissenschaft zu den oft opaken Datensammlungen von
Konzernen wie Elsevier oder Springer Nature? Wie lässt sich das Tracking
in den generellen Transformationsprozessen von Wissenschaft und ihren
Verlagen verorten? Was ist überhaupt problematisch an diesen Entwicklungen
und welche Alternativen gäbe es?

DISKUTANT*INNEN
Alexander Friedrich ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für
Literatur- und Kulturforschung forscht dort zu Methoden der digitalen
Begriffsgeschichte. Er ist Mitherausgeber des Jahrbuch Technikphilosophie
und betreut u.a. den Themenblog zum Wissenschaftler*innen-Tracking auf
jtphil.de.
Petra Gehring lehrt und forscht am Institut für Philosophie an der
Technischen Universität Darmstadt. Sie ist Wissenschaftliche Direktorin
des Zentrums  verantwortungsbewusste Digitalisierung (ZEVEDI) und
Mitherausgeberin des Jahrbuch Technikphilosophie.
Ute Volkmann lehrt und forscht am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit
und Sozialpolitik der Universität Bremen u.a. zu soziologischen
Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen sowie zur Medien- und
Wirtschaftssoziologie mit Fokus auf Journalismus und Wissenschaftsverlage.

MODERATION
Stefan Höhne, KWI

TEILNAHME & ANMELDUNG
Die Teilnahme ist kostenlos und in Präsenz im KWI (Gartensaal) oder online
(via Zoom) möglich. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Den Zoom-Link
finden Sie hier: https://www.kulturwissenschaften.de/veranstaltung
/diskussion-am-glaesernen-schreibtisch/


VERANSTALTER
Eine Veranstaltung des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) in
Kooperation mit dem Jahrbuch Technikphilosophie.

Über das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI):
Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) ist ein
interdisziplinäres Forschungskolleg für Geistes- und Kulturwissenschaften
in der Tradition internationaler Institutes for Advanced Study. Als
interuniversitäres Kolleg der Ruhr-Universität Bochum, der Technischen
Universität Dortmund und der Universität Duisburg-Essen arbeitet das
Institut mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern seiner
Trägerhochschulen und mit weiteren Partnern in NRW und im In- und Ausland
zusammen. Innerhalb des Ruhrgebiets bietet das KWI einen Ort, an dem die
Erträge ambitionierter kulturwissenschaftlicher Forschung auch mit
Interessierten aus der Stadt und der Region geteilt und diskutiert werden.
Derzeit stehen folgende Forschungsschwerpunkte im Mittelpunkt:
Kulturwissenschaftliche Wissenschaftsforschung, Kultur- und
Literatursoziologie, Wissenschaftskommunikation, Visual Literacy sowie ein
„Lehr-Labor“. Fortgesetzt werden außerdem die Projekte im
Forschungsbereich Kommunikationskultur sowie Einzelprojekte.
www.kulturwissenschaften.de

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