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„Schmerz und Versorgung im Dialog“ – neuer DGS-Podcast mit Doc Esser

Wie sieht es mit der Versorgung von 23 Millionen Menschen mit chronischen
Schmerzen in Deutschland aus? Brauchen wir den Facharzt für
Schmerzmedizin? Welchen Einfluss hat die COVID-19-Pandemie auf die
Palliativmedizin? Steht Cannabis in der Schmerztherapie zur Verfügung?
Diese und weitere Fragen rund um die Schmerzmedizin diskutiert Facharzt
und Moderator Doc Esser mit seinen Gästen im aktuellen Podcast der
Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS). Ab sofort und
jeweils am letzten Donnerstag im Monat gibt es eine neue Folge von
„Schmerz und Versorgung im Dialog“.

Mit dem Podcast „Schmerz und Versorgung im Dialog“ will die DGS in erster
Linie diejenigen erreichen, die sich beruflich mit Schmerzen befassen –
vom Arzt über den Apotheker und Physiotherapeuten bis hin zum Psychologen.
Auch Gesundheitspolitiker und Vertreter von Krankenkassen sind
angesprochen. Interessierte Patienten erhalten ebenfalls wichtige
Informationen.

„Es ist mir eine Ehre und ein besonderes Anliegen, den Podcast der DGS zu
moderieren“, sagt Dr. Heinz Wilhelm Esser, bekannt als Fernseharzt Doc
Esser. Der Facharzt für Pneumologie, Kardiologie und Intensivmedizin will
gemeinsam mit der DGS auf wichtige Themen in der Versorgung von Menschen
mit chronischen Schmerzen aufmerksam machen und engagiert sich auch aus
persönlichen Gründen: „Ich habe meinen krebskranken besten Freund sehr
lange begleitet. In dieser Zeit ist mir klar geworden, wie wichtig eine
individuelle und multimodale Schmerzmedizin ist, weil sie Patienten eine
bessere Lebensqualität ermöglichen kann.“

In der ersten Folge von „Schmerz und Versorgung im Dialog“ spricht Doc
Esser mit Dr. Johannes Horlemann, Präsident der DGS aus Kevelaer, über die
mangelhafte Versorgung von Schmerzpatienten und die Notwendigkeit für den
Facharzt für Schmerzmedizin. „Wir wollen Ärzte dazu motivieren, sich
schmerzmedizinisch weiterzubilden“, erklärt der DGS-Präsident. „Die
Kollegen in den verschiedenen Fachdisziplinen werden in ihrer Ausbildung
in keinster Weise auf Schmerz- oder auch Palliativpatienten vorbereitet.“

Interessierte finden den Podcast auf allen gängigen Podcast-Plattformen.
Die Video-Version gibt es auf https://www.dgschmerzmedizin.de/presse/dgs-
podcastserie-mit-doc-esser
und im DGS YouTube-Kanal:
https://www.youtube.com/channel/UCt1vcW3gNdt7OCGb2EJuD5A

Geplante Veröffentlichungstermine Podcast „Schmerz und Versorgung im
Dialog“, erste Staffel 2021
Folge 1: Donnerstag, 26.08.2021
Folge 2: Donnerstag, 30.09.2021
Folge 3: Donnerstag, 28.10.2021
Folge 4: Donnerstag, 25.11.2021
Folge 5: Donnerstag, 30.12.2021

Kontakt für Zuhörer und Zuschauer:
WhatsApp: 015128102635
E-Mail: info-podcast@dgschmerzmedizin.de

***

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) ist mit rund 4.000
Mitgliedern und 125 Schmerzzentren die führende Fachgesellschaft zur
Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. In enger Zusammenarbeit
mit der Deutschen Schmerzliga e. V. ist es ihr vorrangiges Ziel, die
Lebensqualität dieser Menschen zu verbessern – durch eine bessere
Diagnostik und eine am Lebensalltag des Patienten orientierte Therapie.
Dafür arbeiten die Mitglieder der DGS tagtäglich in ärztlichen Praxen,
Kliniken, Schmerzzentren, Apotheken, physiotherapeutischen und
psychotherapeutischen Einrichtungen interdisziplinär zusammen. Der von der
DGS gestaltete jährlich stattfindende Deutsche Schmerz- und Palliativtag
zählt seit 1989 auch international zu den wichtigen Fachveranstaltungen
und Dialogforen. Aktuell versorgen gut 1.200 ambulant tätige
Schmerzmediziner die zunehmende Zahl an Patienten. Für eine
flächendeckende Versorgung der 3,4 Millionen schwerstgradig Schmerzkranken
wären mindestens 10.000 ausgebildete Schmerzmediziner nötig. Um eine
bessere Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen zu erreichen,
fordert die DGS ganzheitliche und bedürfnisorientierte Strukturen –
ambulant wie stationär – sowie eine grundlegende Neuorientierung der
Bedarfsplanung.

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Seltene Schlaganfallgefahr bei Herzklappenersatz: Schützender Filter

Blutfiltersysteme können Risiko für seltene Schlaganfälle nach
kathetergestütztem Aortenklappenersatz (TAVI) senken. Herzklappen-
Spezialistin informiert in aktueller „HERZ heute“

Schlaganfälle gehören zu den seltenen, aber schwerwiegenden Komplikationen
einer Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI). Bei diesem
Klappenersatz-Verfahren wird die künstliche Ersatzklappe mit einem
Katheter über der defekten Aortenklappe positioniert. Dabei besteht die
Gefahr, dass Partikel aus der verkalkten Herzklappe oder der
Körperschlagader (Aorta) freigesetzt werden, mit dem Blut ins Gehirn
gelangen und dort einen Schlaganfall verursachen. In Deutschland wurden
allein 2019 über 24.000 TAVI durchgeführt (Deutscher Herzbericht 2020).
Mit den in den vergangenen Jahren verbesserten Implantationstechniken und
der Wahl zwischen verschiedenen Klappentypen (selbst- beziehungsweise
ballonexpandierbare Klappen) ist das nur noch selten der Fall. „Doch auch
heute kommt es bei etwa zwei bis drei Prozent aller TAVI-Prozeduren zu
Schlaganfällen mit bleibenden Folgen“, erklärt die Kardiologin und
Professorin Dr. med. Tanja Rudolph, Oberärztin in der Klinik für
Allgemeine und Interventionelle Kardiologie/Angiologie am Herz- und
Diabetes-Zentrum Nordrhein-Westfalen (HDZ NRW) in Bad Oeynhausen, in der
aktuellen Ausgabe der Herzstiftungs-Zeitschrift HERZ heute 3/2021. Die
Ausgabe zum Themenschwerpunkt Herzklappen-Therapien ist kostenfrei unter
www.herzstiftung.de/bestellung erhältlich. Der Expertenbeitrag von Prof.
Rudolph zum Schutzfiltersystem zur Schlaganfallverhütung ist unter
www.herzstiftung.de/tavi-schutzschirme als Online-Fassung abrufbar.

Wie kann die Gefäßkomplikation entstehen?
„In der Regel zeigen sich die Probleme entweder sofort oder innerhalb der
ersten zwei Tage nach dem minimalinvasiven Eingriff, bei dem der Katheter
mit der Ersatzklappe über einen Führungsdraht über den Aortenbogen und die
aufsteigende Aorta durch die verengte Klappe vorgebracht wird“, erläutert
Prof. Rudolph. Führungsdraht und Katheter sowie das Einsetzen der Klappe
können Material an den Gefäßwänden lösen, das aus kleinen Blutgerinnseln,
Resten arteriosklerotischer Ablagerungen, Bindegewebe und Kalkpartikeln
besteht. Dieses Material kann dann mit dem Blutstrom über die Halsarterien
in den Gehirnkreislauf gelangen und dort kleine, gelegentlich auch größere
Gehirngefäße verstopfen (embolische Komplikation). „Verstopfen größere
Gefäße, kann es zum Schlaganfall kommen, dessen Folgen vom Ort des
Gefäßverschlusses und der betroffenen Hirnregion abhängen“, erläutert
Rudolph.

Schutzschirme zur Schlaganfallverhütung: Wie ist die Studienlage?
Eine ähnliche Komplikation ist auch bei Gefäßaufweitungen und
Stentimplantationen in den Halsarterien bekannt. Um das zu vermeiden, sind
spezielle Schutzsysteme entwickelt worden, so auch bei der TAVI. Hier hat
man verschiedene Filtersysteme eingeführt, die die beiden großen
Halsarterien (Arteria carotis) und zumindest eine der beiden kleinen
Arterien (Arteria vertebralis) wie Schutzschirme schützen sollen. Der
Erfolg dieser Maßnahme wird noch unterschiedlich beurteilt. In den ersten
Studien, bei denen ein Schutzsystem verwendet wurde, fand sich kein
Unterschied in der Häufigkeit an Schlaganfällen zwischen Patienten, die
das System erhielten und solchen ohne Filterschutz. Allerdings hatten die
verglichenen Patientengruppen auch ein unterschiedliches Risiko für
Embolien, so dass der Vergleich der Daten schwer möglich ist. Inzwischen
liegen auch Daten aus der praktischen Anwendung vor, die darauf deuten,
dass gerade Hochrisikopatienten durchaus von einem Schutzsystem
profitieren. Um das zu bestätigen, werden derzeit Studien durchgeführt,
die den Nutzen von Protektionssystemen bei Patientengruppen mit
verschiedenen Risiken für embolische Komplikationen vergleichen.

Warum Schutzfilter bisher selten im Einsatz sind
Die noch unklare Datenlage und die verlängerte Eingriffsdauer beim Einsatz
von Schutzfiltern sind ein Grund, warum diese in Deutschland bisher nur
bei etwa 4 % aller TAVI-Eingriffe eingesetzt werden. Auch die Deutsche
Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK)
empfiehlt die Protektionssysteme deshalb nicht generell. Doch sie nennt
sie als eine Option für Patienten mit einem besonders hohen embolischen
Risiko. Aber wie lässt sich ein hohes Embolie-Risiko erkennen? In vielen
Fällen gelingt das mit einer Echokardiographie über die Speiseröhre oder
mit Hilfe einer CT-Untersuchung. „Jeder Patient, der einer TAVI erhält,
sollte sich bei seinem Arzt vorab informieren, ob bei ihm ein erhöhtes
embolisches Risiko vorliegt. Wenn dies der Fall ist, sollte für die
Prozedur der Einsatz eines Protektionssystems erwogen werden“, rät
Rudolph.

Welchen Patienten nutzt ein Schlaganfallschutz?
Auch wenn die Schutzfilter nicht für alle Patienten mit einem
Herzklappenersatz mittels TAVI geeignet sind, so haben sich bestimmte
Gruppen mit hohem Risiko herauskristallisiert, denen der zusätzliche
Filter nutzen kann. Der Einsatz eines Protektionssystems kann nach
individueller Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt beispielsweise
erwogen werden, wenn:
- bereits ein Schlaganfall erlitten wurde,
- die neue Herzklappe in eine schon degenerierte alte Herzklappe
implantiert werden muss („Valve-in-Valve“, eine Klappe-in-Klappe-
Prozedur);
- bei den bildgebenden Verfahren verdächtige Auflagerungen in der
Körperschlagader oder an der Herzklappe nachgewiesen wurden;
- die Aortenklappe sehr stark verkalkt ist.
- der Patient noch sehr jung ist, da dann Schlaganfälle häufig besonders
schwer verlaufen.

Quellen
L. et al.(2018): Cerebral Protection During Transcatheter Aortic Valve
Implantation: An Updated Systematic Review and Meta-Analysis.
doi:10.1161/JAHA.117.008463

Seeger, J. et al. (2019): Rate of peri-procedural
stroke observed with cerebral embolic protection during transcatheter
aortic valve replacement: a patient-level propensity-matched analysis.
doi:10.1093/eurheartj/ehy847

Aktuelle HERZ heute: Jetzt Probeexemplar anfordern!
Die Zeitschrift HERZ heute erscheint viermal im Jahr. Sie wendet sich an
Herz-Kreislauf-Patienten und deren Angehörige. Weitere Infos zu
Schutzfiltern bei TAVI und zum Thema Herzklappenerkrankungen bietet die
aktuelle Zeitschrift HERZ heute 3/2021 „Klappentausch – Wann mit dem
Katheter, wann chirurgisch?“ Ein kostenfreies Probeexemplar ist unter Tel.
069 955128-400 oder unter www.herzstiftung.de/bestellung erhältlich.
Der Expertenbeitrag „Vor Komplikationen bewahren“ von Prof. Tanja Rudolph
zum Schutzfiltersystem zur Schlaganfallverhütung ist unter
www.herzstiftung.de/tavi-schutzschirme abrufbar.

  • Aufrufe: 190

Herzklappenersatz: Besser chirurgisch oder per Katheter?

Herzstiftung informiert in „HERZ heute“ über Vor- und Nachteile
verschiedener
Klappentherapieverfahren

Herzklappenerkrankungen lassen sich heute gut therapieren. In Deutschland
leiden rund 13 Prozent der über 75-Jährigen an einer undichten oder
verengten Herzklappe. Seit knapp 20 Jahren stehen neben klassischen
chirurgischen Eingriffen auch kathetergestützte Verfahren zur Verfügung.
Sie gelten als schonender und sind insbesondere für Patienten geeignet,
bei denen eine Operation am offenen Herzen als zu riskant erscheint. Doch
auch kathetergestützte Eingriffe wie die Transkatheter-
Aortenklappenimplantation (TAVI) bergen Risiken. Über 24.000 TAVI wurden
allein im Jahr 2019 in Deutschland durchgeführt. „Ob ein klassisches
chirurgisches Verfahren oder die Kathetertechnik für einen Patienten
infrage kommt, hängt von den therapiespezifischen Risiken ab und davon,
welche Therapieform für den Patienten das langfristig beste Ergebnis
verspricht“, erklärt Professor Dr. Thomas Meinertz, Kardiologe und
Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. Welche
Behandlungsmethode bei einem Herzklappendefekt die beste ist, hängt nicht
nur von der Erkrankung selbst ab. Entscheidend sind unter anderem die
Fragen: Wie gut wirkt die Therapie auf Dauer? Wie belastend ist sie für
den Patienten und welche Risiken bestehen? Das Alter sowie die
Lebenserwartung des Patienten sind etwa wichtige Entscheidungskriterien
bei der Wahl des Behandlungsverfahrens. Auch die Vorerkrankungen der
Patienten spielen eine Rolle, beispielsweise, ob eine Operation mit
besonderen Risiken verbunden wäre.

In der aktuellen Ausgabe von HERZ heute 3/2021 mit dem Schwerpunkt
„Klappentausch – Wann mit dem Katheter, wann chirurgisch?“ werden die Vor-
und Nachteile kardiologischer interventioneller und klassischer
chirurgischer Herzklappentherapieverfahren gegenübergestellt. „Die
Entscheidung für das Therapieverfahren, das den größten Nutzen für den
Patienten verspricht, muss stets individuell in einer gemeinsamen
Herzkonferenz erfolgen, der Vertreter unterschiedlicher medizinischer
Disziplinen angehören“, betont HERZ heute-Chefredakteur Prof. Meinertz im
Editorial der neuen Ausgabe der Zeitschrift. Ein Probeexemplar dieser
Ausgabe kann kostenfrei bei der Herzstiftung angefordert werden unter Tel.
069 955128-400 oder per Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Infos zum Thema Herzklappenerkrankungen bietet außerdem die Herzstiftungs-
Homepage unter www.herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzklappen-
erkrankung

Aktuelle HERZ heute: Jetzt Probeexemplar anfordern!
Die Zeitschrift HERZ heute erscheint viermal im Jahr. Sie wendet sich an
Herz-Kreislauf-Patienten und deren Angehörige. Weitere Infos zum Thema
Herzklappenersatz und Therapieverfahren bietet die aktuelle Zeitschrift
HERZ heute 3/2021 „Klappentausch – Wann mit dem Katheter, wann
chirurgisch?“ Ein kostenfreies Probeexemplar ist unter Tel. 069 955128-400
oder unter www.herzstiftung.de/bestellung erhältlich.

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Jugendliche - Sorgenkinder der Kindermedizin

Die Stiftung Kindergesundheit informiert über die Vielzahl
gesundheitlicher und psychosozialer Probleme von Teenagern

Es gibt in diesem Jahr einen besonderen Grund zu feiern: Die ersten
Kinder, die in der Bundesrepublik an einer kostenlosen
Vorsorgeuntersuchung teilnehmen durften, werden in diesem Jahr 50 Jahre
alt. Seit 1971 sorgt der Gesetzgeber dafür, dass jedes Kind regelmäßig an
einem Früherkennungsprogramm teilnehmen kann. Und so sind die ersten
„Scheckheft-untersuchten“ Babys und Kleinkinder vermutlich längst selbst
Eltern oder sogar Großeltern von ebenfalls „Scheckheft-untersuchten“
Kindern geworden, berichtet die Stiftung Kindergesundheit in einer
aktuellen Stellungnahme.

Früherkennung: „Ein Erfolgsmodell!“

In dem ersten, noch blauen Vorsorgeheft, waren sieben Untersuchungstermine
enthalten. Das heutige gelbe Heft beinhaltet zehn „U“-Untersuchungen (U1
bis U9) und eine “J“-Untersuchung (J1). Die 1998 eingeführte
J1-Untersuchung ist der Gesundheitscheck beim Eintritt ins Jugendalter und
soll Erkrankungen und Entwicklungsstörungen, aber auch soziale und
psychische Probleme frühzeitig erkennen, mögliche Ursachen ergründen und
wenn nötig eine Behandlung veranlassen.

„Mit einer Beteiligungsrate von weit über 90 Prozent bei Säuglingen hat
sich das Früherkennungsprogramm zu einem wirklichen Erfolgsmodell
entwickelt“, berichtet Kinder- und Jugendarzt Prof. Dr. Berthold Koletzko,
Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Es gibt allerdings einen
Makel: Die allen Heranwachsenden vom zwölften bis zum vierzehnten
Lebensjahr angebotene Jugendgesundheitsuntersuchung J1 wird nur noch von
knapp über 50 Prozent der Teenager tatsächlich wahrgenommen. Viele Eltern
und Jugendliche wissen nicht einmal, dass es sie gibt“. Besonders selten
nehmen Jugendliche mit Migrationshintergrund, sowie Jugendliche mit
älteren Geschwistern oder mit einem alleinerziehenden Elternteil beim
Kinder- und Jugendarzt den J1-Termin wahr.

„Kein Bock“ auf den Arztbesuch

Warum lassen so viele Jugendliche die J1 aus? Die häufigsten Gründe sind
Unkenntnis, Ängste vor der Untersuchung, fehlendes
Verantwortungsbewusstsein für die eigene Gesundheit, „keine Zeit“ und
„keine Lust“.

Dabei zeigen die Erkenntnisse aus der großen Kindergesundheitsstudie
KiGGS, dass auch die Jugendphase erhebliche Risiken für die Gesundheit in
sich birgt, betont die Stiftung Kindergesundheit. Gerade in der Gruppe der
11- bis 17-Jährigen gibt es eine hohe Zahl von gesundheitlichen
Beeinträchtigungen und psychosozialen Problemen, zu deren Bewältigung die
Jugendlichen kompetente ärztliche Hilfe benötigen.

Die Kommission für Jugendmedizin der Deutschen Akademie für Kinder- und
Jugendmedizin (DAKJ) hat für eine Bestandsaufnahme die aktuelle Situation
der in Kliniken, sozialpädiatrischen Zentren, Arztpraxen und beim
Öffentlichen Gesundheitsdienst betreuten Jugendlichen analysiert und im
Fachjournal „Kinder- und Jugendarzt“ veröffentlicht. Die ermittelten Daten
lassen erkennen, dass Jugendliche - entgegen ihrer eigenen Wahrnehmung und
Überzeugung – oft erhebliche gesundheitliche Risiken tragen, betont die
Stiftung Kindergesundheit.

Professor Berthold Koletzko präzisiert: „Auch wenn es der Mehrheit der
Kinder in Deutschland gut oder sogar sehr gut geht, sind anhaltende
Gesundheitsprobleme nicht selten und bedürfen einer sorgfältigen
ärztlichen Betreuung“. Laut der KiGGS-Studie (Welle 2) haben 16,2 Prozent
(15,3 %–17,1 %) der 0- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen, also
ungefähr jedes sechste Mädchen bzw. jeder sechste Junge, ein lang
andauerndes chronisches Gesundheitsproblem.

Asthma, Adipositas und ADHS – auch nach zehn Jahren ein Problem

Die häufigste chronische Erkrankung in Kindheit und Jugend ist Asthma
bronchiale. Die entzündliche Atemwegserkrankung ist bei vielen betroffenen
Kindern und Jugendlichen allergisch bedingt. Die Krankheit ist sehr
belastend, da sie sich auf das emotionale Befinden, die körperliche und
schulische Leistungsfähigkeit sowie auf das soziale Miteinander auswirken
kann.

Auch Übergewicht und Adipositas beeinträchtigen die Lebensqualität und
gehen mit schwerwiegenden Risiken wie z. B. Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-
Erkrankungen oder Diabetes mellitus Typ 2 einher.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS ist bei Kindern und
Jugendlichen – und dabei vor allem bei Jungen – die am häufigsten
diagnostizierte Verhaltensstörung. Sie kann sich negativ auf die
schulische und soziale Entwicklung auswirken.

„Das wächst sich noch aus“ – diese Hoffnung vieler Eltern erweist sich
leider häufig als trügerisch, betont die Stiftung Kindergesundheit. Die
aktuellen Ergebnisse der KiGGS-Studie zeigen, dass viele Teilnehmende auch
zehn Jahre später noch von ihrer chronischen Krankheit betroffen sind: Bei
Asthma sind es mehr als ein Drittel (35 Prozent), ebenso bei ADHS (37
Prozent) und bei Adipositas betrifft es mit 47 Prozent fast die Hälfte.


Kliniken bleiben auf Kosten sitzen

7,7 Prozent aller Jugendlichen müssen mindestens einmal im Jahr stationär
in einer Klinik aufgenommen werden. Die häufigsten Gründe hierfür sind
Depressionen, Bauch- und Beckenschmerzen, Alkoholmissbrauch,
Gehirnerschütterung und Blinddarmentzündung.

Die Teenager werden in Kinderkliniken häufig gemeinsam mit Säuglingen und
Kleinkindern auf gemischten Stationen behandelt, die nicht primär für
Heranwachsende ausgestattet sind. Ein besonderes Problem der Kliniken:
Eine Finanzierung von speziellen Jugendabteilungen und Jugendstationen ist
im heute gültigen Fallpauschalen-System nicht vorgesehen. Eine wirklich
angemessene Betreuung der jungen Patienten über die unmittelbaren
medizinischen Probleme hinaus ist in der Regel nicht gewährleistet, da das
Fallpauschalen-System die Finanzierung solcher zusätzlichen Leistungen
nicht vorsieht. Dies ist besonders bedauerlich, denn zwei der drei
häufigsten Diagnosen für Jugendliche finden sich im Bereich der
psychosomatischen Medizin, beklagt die DAKJ.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Pflegekräfte in den Kinderkliniken
häufig auf die Betreuung von Neugeborenen und älteren Säuglingen
spezialisiert sind, aber keine spezielle Ausbildung zu jugendmedizinischen
Themen und den besonderen Bedürfnissen von Heranwachsenden vorweisen
können. Mit der vom Bundestag beschlossenen Einführung einer
generalistischen Pflegeausbildung wird die spezielle pädiatrische
Ausbildung in der Pflege zusätzlich reduziert.

Neue Aufgaben in den Sozialpädiatrischen Zentren

Ähnliche Probleme stellen sich in den Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ).
Früher lag dort der Fokus überwiegend auf der Betreuung von schwer- und
mehrfachbehinderten Kindern, die vor allem eine neuropädiatrische
Behandlung benötigten. Inzwischen werden aber immer mehr Kinder und
Jugendliche mit anderen chronischen sowie psychosozialen Problemen
betreut.

Aktuell betreffen knapp 50 Prozent aller Diagnosen Verhaltens- und
emotionale Störungen. Der Anteil der Kinder mit infantiler Zerebralparese
beträgt dagegen 5,6 Prozent, mit Epilepsie 8,2 Prozent.

Entsprechend hat sich auch die Zusammensetzung der SPZ-Teams im Laufe der
Jahre verändert: Mittlerweile stellt die Berufsgruppe von Psychologen
sowie Sozial- und Heilpädagogen den größten Anteil der Mitarbeitenden dar.

Probleme in den kinderärztlichen Praxen

Viele Jugendliche scheuen den Besuch beim Kinderarzt. Sie glauben, gesund
zu sein, halten eine Untersuchung nicht für nötig und finden den
Aufenthalt im Wartezimmer zwischen den Babys und kleineren Kindern
„ätzend“. Dabei hätten sie genügend Gründe für ein Gespräch: Denn wenn sie
gefragt werden, berichten mehr als 15 Prozent der Jugendlichen über
anhaltende körperliche und psychische Erkrankungen oder zumindest
Belastungen.

Gefahren für die Gesundheit bergen auch die für das Jugendalter typischen
riskanten Verhaltensweisen: Viele Heranwachsende beginnen das Rauchen,
konsumieren Alkohol oder experimentieren mit illegalen Drogen. Auch
Verletzungen durch gefährdendes Verhalten sind häufig: 16 Prozent der
befragten Jugendlichen geben an, in den letzten zwölf Monaten einen Unfall
erlitten zu haben, 6,3 Prozent sogar mehr als einmal.

Dass Jugendliche dennoch nur selten ihre Spezialisten, die Kinder- und
Jugendärztinnen und -ärzte aufsuchen, liegt allerdings oft am Management
und der kleinkind-spezifischen Ausstattung der ärztlichen Praxen. Nötig
wären, nach Einschätzung der DAKJ, jugendspezifische Anmeldemöglichkeiten,
Terminvergabe, geringe Wartezeit, im Umgang mit Jugendlichen erfahrene
Mitarbeitende und entsprechend jugendspezifisch – zum Beispiel mit WLAN -
eingerichtete Warte- und Behandlungszimmer.

Finanzierung – Knackpunkt im Öffentlichen Gesundheitsdienst

Wichtige Arbeitsbereiche der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen
Gesundheitsdienst (ÖGD) sind, neben dem während der aktuellen Corona-
Pandemie noch wichtiger gewordenen Infektionsschutz, die in einigen
Bundesländern noch regelmäßig durchgeführten Schuluntersuchungen und der
Kinder- und Jugendärztliche Dienst. Das besondere Augenmerk gilt Gruppen,
die häufig nicht ausreichend versorgt sind, zum Beispiel Kinder und
Jugendliche aus psychosozial benachteiligten Familien, psychisch erkrankte
Jugendliche, aber auch Kinder und Jugendliche von psychisch erkrankten
oder suchtkranken Eltern.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst wurde jedoch in den letzten Jahren sehr
stark abgebaut und leidet mittlerweile unter einem gravierenden Personal-
und Nachwuchsmangel: ÖGD-Ärztinnen und -ärzte verdienen 15 bis 20 Prozent
weniger als andere Ärztegruppen. Wohl auch deshalb bleiben viele Stellen,
sogar in Führungspositionen, unbesetzt.

„Die aufgezeigten gesundheitlichen Risiken zeigen, dass es sich bei den
Jugendlichen um eine bisher in vieler Hinsicht in der Versorgung
benachteiligte Gruppe handelt“, sagt Kinder- und Jugendarzt Professor
Berthold Koletzko. „Wir brauchen daher mehr gesundheitsfördernde und
präventive Lebens- und Arbeitsbedingungen in Schule und Ausbildung“.

Wichtig sei dabei ein abgestimmtes, vernetztes Handeln der daran
beteiligten Institutionen von Forschung, Medizin und Politik sowie eine
gesicherte Finanzierung der Maßnahmen. Professor Koletzko betont: „Nur
gemeinsam können wir erreichen, dass Jugendliche gesund in ihr
Erwachsenenleben starten und dort ihre Potentiale entfalten können“.

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