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Elektrostimulation statt Medikamente: Magnetoceuticals – Ansatz zur elektromagnetischen Stimulation von Nervengewebe

Prinzipskizze des »Magnetoceuticals«-Ansatzes: Lediglich ein magnetischer Implantatkörper wird in den menschlichen Körper implantiert. Die gesamte Intelligenz des elektronischen Systems sitzt in einer extrakorporalen, miniaturisierten Elektronik.  Fraunhofer IBMT.
Prinzipskizze des »Magnetoceuticals«-Ansatzes: Lediglich ein magnetischer Implantatkörper wird in den menschlichen Körper implantiert. Die gesamte Intelligenz des elektronischen Systems sitzt in einer extrakorporalen, miniaturisierten Elektronik. Fraunhofer IBMT.

Eine Vielzahl von Erkrankungen werden heute medikamentös behandelt. Dies
ist häufig mit Nebenwirkungen verbunden, die für den ohnehin erkrankten
Menschen gravierend sein können. Ein neuer Therapieansatz, bekannt unter
dem Schlagwort »Bioelektronische Medizin«, sieht die Therapie von
Erkrankungen mittels Elektrostimulation vor. Seit April 2019 bringt das
Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT im BMBF-
Verbundprojekt »Magnetoceuticals« seine langjährige Expertise im Bereich
intelligenter miniaturisierter aktiver Implantate ein, um ein neuartiges
Elektrostimulationssystem für Nervengewebe zu entwickeln.

Im BMBF-Verbundprojekt »Magnetoceuticals« entwickelt das Konsortium aus
Forschungs- und Industriepartnern einen neuartigen Ansatz zur Stimulation
von Nervengewebe unter Nutzung elektromagnetischer Felder. Ein extern am
Körper getragenes Elektronikgerät und ein rein passives, stark
miniaturisiertes Implantat ohne eigene Elektronik und Elektrodenkontakte
in Form eines biokompatibel gekapselten Magnetkörpers, sind die
wesentlichen Bestandteile des Systems. Die am Körper getragene Elektronik
strahlt zeitveränderliche magnetische Felder in Richtung des Implantats
ab. Das Implantat konzentriert diese und leitet sie an den Stimulationsort
weiter. Gemäß den Maxwell-Gleichungen resultiert aus dem
zeitveränderlichen Magnetfeld ein zeitveränderliches elektrisches Feld,
das - bei geeigneter Wahl aller Parameter -  im zu stimulierenden Gewebe
ein Aktionspotenzial auslöst. Die Stimulation soll so wirksam und
ortsaufgelöst erfolgen, wie das heute bei sehr komplexen Implantaten
bereits der Fall ist. Diese Art der Therapie kommt ohne Medikamente und
ohne eine implantierte Elektronik und Elektroden aus.

Innovation schont Patientinnen und Patienten

Die Innovation im »Magnetoceuticals«-Projekts besteht in der selektiven
Stimulation von Nerven ohne Elektroden und implantierte Elektronik. Dies
erspart Kabelverbindungen zwischen Implantatelektronik und Elektroden und
Probleme wie Kabelbruch oder Elektrodenkorrosion werden vermieden. Da das
Implantat über keinerlei Elektronik verfügt, müssen keine besonderen
Vorkehrungen zum Schutz des Implantats vor Feuchte getroffen werden und
aufgrund des Fehlens einer Implantatbatterie ist die Implantatlebensdauer
praktisch unbegrenzt. Somit entfallen chirurgische Eingriffe für einen
Batteriewechsel komplett. Zudem ist das Implantat aufgrund seines kleinen
und einfachen Aufbaus unkompliziert zu im- und explantieren. Damit werden
nicht zuletzt die Patientinnen und Patienten geschont. Die ohne
Implantatbatterie auskommende und örtlich fokussierte Stimulation eignet
sich besonders für Anwendungen, bei denen eine vorübergehende Stimulation
zur Linderung von Symptomen erwünscht ist, wie beispielsweise zur
Schmerzbehandlung, Senkung von Bluthochdruck, Bekämpfung von Migräne oder
Reduzierung von Fettleibigkeit.

Fraunhofer IBMT-Expertise im Einsatz

Die Schwerpunkte der Arbeiten des Fraunhofer IBMT liegen auf der
Simulation des Gesamtsystems, dem Erarbeiten der Implantatkörper sowie dem
Test der aufgebauten Systeme. Eine Herausforderung besteht darin, für den
zeitlichen Verlauf des externen Magnetfelds und die Geometrie sowie das
Material des Implantatkörpers eine Kombination zu finden, die trotz der
bestehenden Limitationen existierender magnetischer Materialien in Bezug
auf Permeabilität und Sättigungsmagnetisierung zu elektrischen Feldern am
zu stimulierenden Gewebe führen, die Aktionspotenziale auslösen.
Computersimulationen wurden eingesetzt, um eine geeignete
Systemkonfiguration zu finden und die Geometrie des Implantatkörpers zu
optimieren. Nun gilt es, eine Elektronik zu entwickeln, die den nötigen
zeitlichen Verlauf der Magnetfelder gewährleistet. Abschließend soll das
System an Nervengewebe getestet werden.

Neben den bereits erwähnten Vorteilen des elektrodenlosen
Stimulationssystems ergaben die Simulationen interessanterweise einen
weiteren Vorteil hinsichtlich der Anwendersicherheit: Die Geometrie des
Implantatkörpers kann so gestaltet werden, dass der Implantatkörper in die
magnetische Sättigung eintritt, sobald er Magnetfeldern ausgesetzt wird,
die die für die Stimulation erforderliche Stärke überschreiten. Eine
Überstimulation durch extrem starke Magnetfelder kann somit allein durch
das geschickte Design des Implantatkörpers ausgeschlossen werden.

Projektförderung: BMBF 16ES0956 (KMU-innovativ: Elektronik und autonomes
Fahren)

Projektlaufzeit: 04/2019 - 03/2022

Verbundkoordinator:
OSYPKA AG, Rheinfelden (Baden)

Projektpartner:
CORSCIENCE GmbH & Co. KG, Erlangen
Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT, Sulzbach

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„Check-up für die Leber“: Vorsorgeuntersuchungen können gefährlichen Leberzellkrebs vermeiden

Leberzellkrebs gehört aufgrund der schlechten Prognose zu den häufigsten
Krebstodesursachen. Dabei ist die Diagnose eher selten: In Deutschland
liegt die Zahl der jährlich neudiagnostizierten Fälle bei rund 9.000. Die
Zahl der Todesfälle liegt bei circa 8.000 pro Jahr. Fast immer entwickelt
sich der Leberzellkrebs auf Basis einer Leberzirrhose – die meistens
vermeidbar ist. Voraussetzung dafür ist eine frühzeitige Entdeckung und
Therapie der jeweiligen Leber-Grunderkrankung. Die Ausrichter des 21.
Deutschen Lebertages am 20. November 2020 erinnern unter dem Motto:
„Check-up für die Leber“ an die Wichtigkeit von Früherkennung und
informieren bereits im Vorfeld des bundesweiten Aktionstages.

„Lebererkrankungen und somit auch die Entstehung von Leberzellkrebs sind
in vielen Fällen vermeidbar. Neben den Risikofaktoren Übergewicht,
Bewegungsmangel sowie ungesunde Ernährung, Diabetes mellitus, Rauchen und
übermäßiger Alkoholkonsum können auch Virusinfektionen eine
Lebererkrankung verursachen. Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten können
geändert werden. Und gegen einige Virushepatitiden gibt es wirksame
Impfungen“, erläutert Professor Dr. Peter R. Galle, Direktor der 1.
Medizinischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin an der
Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

In den meisten Fällen tritt Leberzellkrebs (Hepatozelluläres Karzinom,
HCC) nach einer langjährigen chronischen Lebererkrankung auf. Zu den
Hauptursachen für ein HCC zählt die chronische Virushepatitis (B, C und
D). Daher war Leberzellkrebs früher hauptsächlich in Ländern mit einer
hohen Prävalenz von Hepatitis B und C verbreitet. Durch den Anstieg von
chronischem Alkoholkonsum und Adipositas (Fettleibigkeit) sind in den
letzten Jahren auch in Deutschland die Erkrankungszahlen angestiegen.
Weltweit ist Leberzellkrebs die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache.

Das Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) im Robert Koch Institut in
Berlin, das Daten der epidemiologischen Landes¬krebs¬register auf
Bundesebene zusammenführt, prognostiziert für 2020 bei Frauen 3.100 HCC-
Neuerkrankungen und bei Männern mit 6.400 eine mehr als doppelt so hohe
Zahl der Neuerkrankungen. Viele Menschen denken, dass eine beschwerde- und
schmerzfreie Leber gesund ist – doch dies ist ein Trugschluss:
Lebererkrankungen verursachen häufig keine oder nur unspezifische
Symptome.

Studien belegen, dass speziell Männer ihren Gesundheitszustand falsch
einschätzen. Eine im Jahr 2015 für die Deutsche Gesellschaft für Mann und
Gesundheit e. V. (DGMG) durchgeführte epidemiologische Studie mit 20.000
Männern belegt die individuellen Fehleinschätzungen und die mangelnde
Bereitschaft von Männern, Vorsorgeuntersuchungen durchführen zu lassen:
Beispielsweise gaben bei den 60- bis 69-jährigen Männern 63 Prozent einen
ausgezeichneten beziehungsweise guten Gesundheitszustand an. Anschließend
durchgeführte Untersuchungen zeigten, dass sich 70 Prozent dieser Männer
falsch eingestuft hatten und sie signifikante Erkrankungen hatten.

Auch Leberzellkrebs wird häufig erst spät und vor dem Hintergrund einer
chronischen Lebererkrankung diagnostiziert. Zwar ist er heute – anders als
noch vor fünfzehn Jahren – in allen Stadien behandelbar, die besten
Heilungschancen bestehen jedoch, je früher die Leberzellkrebs-Erkrankung
entdeckt wird. Eine Therapieoption ist beispielsweise die
Lebertransplantation, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind und das
Tumorstadium noch nicht zu fortgeschritten ist.

Im Hinblick auf die Therapie spät erkannter HCCs hat es in der letzten
Zeit zwar Fortschritte gegeben: „Es sind einige neue Therapieoptionen
entwickelt und zugelassen worden, doch die Überlebenszeitverlängerung
beläuft sich auch hier nur auf einige Monate“, sagt Professor Galle und
ergänzt: „Aktuell liegen große Hoffnungen im Bereich der Entwicklung neuer
Therapiekonzepte, auf den sogenannten Checkpoint-Inhibitoren. Entscheidend
beim Kampf gegen den Leberzellkrebs bleibt jedoch die Früherkennung von
Lebererkrankungen, auf die der 21. Deutsche Lebertag mit dem diesjährigen
Motto ‘Check-up für die Leber‘ aufmerksam macht.“

Mehr Infos zum 21. Deutschen Lebertag unter: http://www.lebertag.org

Alle Institutionen, die im Rahmen des Deutschen Lebertages mit einer
lokalen Veranstaltung aufklären und informieren möchten, werden von den
Ausrichtern bei der Pressearbeit und mit Veranstaltungsmaterialien
unterstützt. Informationen, Anmeldungen und Downloads unter
http://www.lebertag.org

Die Ausrichter des 21. Deutschen Lebertages am 20. November 2020:

Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Krankheiten
von Magen, Darm und Leber sowie von Störungen des
Stoffwechsels und der Ernährung (Gastro-Liga) e. V.
Prof. Dr. Peter R. Galle, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats
Friedrich-List-Straße 13, 35398 Gießen
Tel 0641 – 97 48 10
<geschaeftsstelle@gastro-liga.de>
https://www.gastro-liga.de

Deutsche Leberhilfe e. V.
Prof. Dr. Christoph Sarrazin, Vorstandsvorsitzender
Krieler Straße 100, 50935 Köln
Tel 0221 – 28 29 980
<Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.>
https://www.leberhilfe.org

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Verbindung aus Calcium und Phosphat löst starke Entzündung bei Rheumapatienten aus

Wissenschaftler der Universität Leipzig haben entdeckt, dass Calcium im
Zusammenspiel mit Phosphat starke Entzündungen bei Rheumapatienen auslösen
kann. Die Erkenntnis eröffnet neue Therapieansätze bei rheumatischen und
chronisch entzündlichen Erkrankungen. Das Ergebnis hat eine Forschergruppe
der Medizinischen Fakultät um Studienleiter Prof. Dr. Ulf Wagner aktuell
in der Fachzeitschrift „nature communications“ veröffentlicht.

„Ein entzündungsfördernder Effekt von Calcium-Ionen war bisher bei
chronischer Bronchitis und Adipositas erforscht worden, der Nachweis bei
Rheuma ist völlig neu. Mit dieser Entdeckung ist es nun möglich, neue
Therapieansätze bei rheumatischen und chronisch entzündlichen Erkrankungen
zu entwickeln“, sagt Wagner, Leiter der Arbeitsgruppe „Experimentelle
Rheumatologie“ an der  Klinik und Poliklinik für Endokrinologie,
Nephrologie, Rheumatologie am Universitätsklinikum Leipzig, der das
Ergebnis gemeinsam mit Dr. Elisabeth Jäger, Supriya Murthy und PD Dr.
Manuela Rossol publiziert hat.

Winzige Nanopartikel, enorme Entzündungsreaktion

Die Arbeitsgruppe „Experimentelle Rheumatologie“ der Leipziger
Universitätsmedizin hatte bereits in der Vergangenheit entdeckt, dass eine
erhöhte lokale Calciumkonzentration zu einer sehr starken
Entzündungsreaktion mit nachfolgender Gewebszerstörung beitragen kann. In
einer neuen Arbeit wurde der dafür verantwortliche Mechanismus bei Rheuma
weiter aufgeklärt. Neben Calcium spielt auch Phosphat eine wichtige Rolle.
Bei erhöhten Konzentrationen dieser Ionen bilden sich Calcium-Phosphat-
Nanopartikel aus, welche trotz ihrer winzigen Größe enorme
Entzündungsreaktionen in Immunzellen auslösen können.

Bei rheumatoider Arthritis (RA), einer der häufigsten rheumatologischen
Autoimmunerkrankungen, an welcher circa ein Prozent aller Menschen im
Laufe ihres Lebens erkranken, führen diese Nanopartikel in Verbindung mit
Calcium-Ionen zu einer deutlich stärkeren Entzündungsreaktion als bei
Gesunden. Das geht mit der Produktion potenter Botenstoffe einher. Diese
spielen bei rheumatischen Erkrankungen eine vordergründige Rolle. Ihre
medikamentöse Blockade ist die wirkungsstärkste Form der Behandlung der
RA.

Erhöhte lokale Calciumkonzentration ausschlaggebend

Die durch Calcium-Ionen getriggerte Aufnahme von Calcium-Phosphat-
Nanopartikeln kann bei Rheuma zu Gelenkentzündungen führen. Die treibende
Kraft ist jedoch immer eine erhöhte Calciumkonzentration in der Umgebung
entzündeter Gelenke, während die Calciumaufnahme oder die systemische
Regulation des Calciumspiegels keine Rolle zu spielen scheint. Die bei der
Erkrankung auftretende Freisetzung von Calcium und Phosphat aus dem
Knochen infolge von Knochenentkalkung beziehungsweise -zerstörung kann
dazu beitragen, dass die Erkrankung chronisch wird. Zusammenhänge zwischen
Verkalkung und Entzündung werden aber auch bei anderen entzündlichen
Erkrankungen wie der Arteriosklerose vermutet.

Calcium und Phosphat sind die wichtigsten Elemente des Knochens, werden
dort ständig eingebaut oder bei Bedarf wieder freigesetzt. Rheumatische
Erkrankungen und Osteoporose gehen häufig mit einem Verlust von Calcium
aus dem Knochen einher, während die Ablagerung von Calcium in anderen
Geweben wie der Niere, den Arterien oder dem Bindegewebe eine krankhafte
Veränderung mit häufig schweren Konsequenzen darstellt. Insbesondere die
Verkalkung von Blutgefäßen führt zu deren Zerstörung und kann die Ursache
oder eine Begleiterscheinung von Herz-Kreislauferkrankungen wie
Herzinfarkt oder Schlaganfall sein.

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Der Keuchhusten wird erwachsen

Stiftung Kindergesundheit empfiehlt: Schwangere, Jugendliche und
Erwachsene impfen, um Babys zu schützen

Keuchhusten galt lange als klassische Kinderkrankheit. Seit einigen Jahren
aber verlagert er sich immer mehr ins Jugendlichen- und Erwachsenenalter.
Deshalb reicht es heute nicht mehr, nur Babys dagegen zu impfen: Auch
Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene benötigen einen Impfschutz gegen
Keuchhusten (medizinisch: Pertussis), betont die Stiftung Kindergesundheit
in einer aktuellen Stellungnahme.

Die Impfung gegen Keuchhusten gehört bereits seit 1993 wieder zu den
öffentlich empfohlenen Impfungen für alle Säuglinge und Kleinkinder. Die
Impfung wird auch gut angenommen: Laut Robert-Koch-Institut waren im Jahre
2018 rund 93 Prozent der Schulanfänger gegen Keuchhusten geimpft.
„Trotzdem war Keuchhusten 2018 mit 12.907 gemeldeten Fällen die insgesamt
siebthäufigste gemeldete Infektionskrankheit“, sagt Prof. Dr. Johannes
Liese, Professor für Pädiatrische Infektiologie und Immunologie an der
Universitäts-Kinderklinik Würzburg und Kuratoriumsmitglied der Stiftung
Kindergesundheit: „Keuchhusten tritt damit in Deutschland mindestens
25-mal häufiger auf als Masern“.

Zu den Komplikationen des Keuchhustens gehören zusätzliche Infektionen wie
eine Lungenentzündung oder Mittelohrentzündungen, berichtet Professor
Johannes Liese: „Zum Glück sind Todesfälle durch Keuchhusten in
Deutschland auch im internationalen Vergleich sehr selten. So wurden seit
2013 lediglich ein Todesfall bei einem 84-jährigen Mann und drei
Todesfälle bei Säuglingen übermittelt“.

Eine Kinderkrankheit als Todesursache bei einem 84-Jährigen? Das ist heute
nichts Außergewöhnliches mehr. Seit einigen Jahren verlagert sich der
Keuchhusten immer mehr ins Jugendlichen- und Erwachsenenalter. So lag das
Durchschnittsalter bei den dem Robert-Koch-Institut Berlin gemeldeten
Keuchhustenfällen 1995 noch bei 15 Jahren, seit 2013 liegt es jedoch bei
rund 40 Jahren. Heute treten 75 Prozent der Fälle in der Altersgruppe der
über 19-Jährigen auf. Unter den 1.069 Patienten, die laut Statistischem
Bundesamt 2016 wegen Keuchhusten in einem Krankenhaus behandelt werden
mussten, waren 515 Babys, aber auch 120 über 70-jährige Senioren.

Die Immunität hält nicht lebenslang

Warum kommt es trotz hohen Durchimpfungsraten zu so vielen Erkrankungen?
Professor Johannes Liese nennt dazu zwei entscheidende Faktoren: „Eine
durchgemachte Pertussis-Infektion hinterlässt keine lebenslängliche
Immunität. Es kann deshalb auch nach der Erstinfektion im Kindesalter z.B.
20 Jahre später zu einer erneuten Erkrankung kommen. Sie verläuft
allerdings in der Regel milder und weniger ausgeprägt als die
Erstinfektion“.

Ein weiterer Grund liegt im unerwartet schnellen Nachlassen des
Impfschutzes: „Durch die Impfung lassen sich zwar die Erkrankungen und
insbesondere ihre Komplikationen erfolgreich reduzieren. Nach der Impfung
mit den heute zugelassenen sogenannten azellulären Impfstoffen kommt es
jedoch bereits ein bis zwei Jahre nach der Impfung zu einem allmählich
nachlassenden Impfschutz“. Deshalb müssten neue Impfstoffe mit besserer
Langzeitwirkung entwickelt werden, um die Prävention zu verbessern und zu
vereinfachen, unterstreicht der Würzburger Experte.

Eines der Hauptprobleme liegt laut Stiftung Kindergesundheit in den
bestehenden Impflücken bei Jugendlichen und Erwachsenen. Keuchhustenkranke
Erwachsene stellen nämlich eine gefährliche Infektionsquelle dar. Mutter,
Vater und Geschwister, sogar Großeltern können mit ihren Keimen Säuglinge
und kleine Kinder anstecken und in höchste Lebensgefahr bringen.

Babys haben oft keinen „Nestschutz“

Leider können Babys erst ab dem vollendeten zweiten Lebensmonat geimpft
werden und besitzen in der Regel keinen natürlichen Nestschutz gegen die
Krankheit, betont die Stiftung Kindergesundheit. Deshalb sind sie darauf
angewiesen, dass enge Kontaktpersonen in ihrer Umgebung wie Eltern,
Geschwisterkinder oder Großeltern durch Impfungen geschützt sind.

Neugeborene und junge Säuglinge sind besonders gefährdet und haben die
höchsten Komplikationsraten, sagt Professor Johannes Liese. Im ersten
Lebensjahr verläuft die Ansteckung mit Keuchhustenbakterien äußerst
heimtückisch. Die Säuglinge sind zwar infiziert, husten aber oft nicht
oder untypisch. Sehr gefährlich für diese Altersgruppe sind
krankheitsbedingte Unterbrechungen der Atmung, sogenannte Apnoe-Anfälle.
Sie setzt mitunter 15 Sekunden und länger aus.

Während solcher Apnoe-Anfälle kommt es zu einem Sauerstoffmangel im
Gehirn, der bleibende Hirnschäden hervorrufen und sogar tödlich enden
kann. Deshalb gehören Babys, bei denen der Verdacht auf Keuchhusten
besteht, unbedingt in eine Klinik, in der ihre Herztätigkeit und Atmung
ständig überwacht werden. „Von den im Krankenhaus betreuten Säuglingen
weisen bis zu 61 Prozent eine Apnoe auf, 23 Prozent entwickeln eine
Lungenentzündung, etwa ein Prozent bekommen Krampfanfälle oder Störungen
der Gehirnfunktionen“, erläutert Professor Johannes Liese.

Heranwachsende und Erwachsene sind sich meist nicht bewusst, welche Gefahr
sie für Babys und kleine Kinder darstellen. Sie kommen oft gar nicht auf
den Gedanken, dass sich hinter einem hartnäckigen, trockenen Husten ein
ansteckender Keuchhusten verbergen könnte. Bei Erwachsenen fehlen nämlich
häufig das charakteristische „Einziehen“ und die typischen bellenden
Hustenattacken. Damit lässt sich erklären, dass sich Babys oft bei ihren
eigenen Eltern anstecken - meist bei der Mutter. In vielen Fällen sind
auch Großeltern die Ansteckungsquelle.

Neue Strategie: Impfung schon in der Schwangerschaft

„Als erfolgreiche Strategie zur Verbesserung des Schutzes von Neugeborenen
hat sich die Pertussisimpfung in der Schwangerschaft vor allem in England
und USA bewährt“, berichtet Professor Johannes Liese. „Dort konnte gezeigt
werden, dass eine Pertussisimpfung von Schwangeren im letzten Trimenon der
Schwangerschaft eine über 90-prozentige Schutzwirkung gegen Keuchhusten in
den ersten beiden Lebensmonaten vermittelt. Entsprechend sind die
Erkrankungszahlen bei Neugeborenen seit Einführung der
Schwangerschaftsimpfung deutlich zurückgegangen. Auch in Australien und
der Schweiz wurden entsprechende Impfprogramme für Schwangere etabliert“.

Diesen Beispielen folgt nun auch die Ständige Impfkommission STIKO beim
Robert-Koch-Institut: Seit März 2020 empfiehlt auch sie eine Keuchhusten-
Impfung für schwangere Frauen zu Beginn des 3. Schwangerschaftsdrittels.
Wenn eine Frühgeburt wahrscheinlich ist, soll die Impfung ins 2. Trimenon
vorgezogen werden. Die Impfung soll unabhängig vom Abstand zu vorher
verabreichten Pertussis-Impfungen und in jeder Schwangerschaft erfolgen.

Zusätzlich sollten enge Kontaktpersonen (Eltern, Geschwister, Freunde) und
Betreuer (z. B. Tagesmütter, Babysitter, Großeltern), die in den letzten
10 Jahren keine Pertussisimpfung erhalten haben, möglichst schon bis vier
Wochen vor der anstehenden Geburt geimpft werden. Auch Beschäftigten in
Gesundheits- und Gemeinschaftseinrichtungen wird die Pertussisimpfung von
der STIKO als Indikationsimpfung alle zehn Jahre empfohlen.

Keuchhusten-Impfstoffe sind gut verträglich

Einen Einzelimpfstoff gegen Keuchhusten gibt es nicht mehr, heißt es in
der Stellungnahme der Stiftung Kindergesundheit. Alle Impfungen erfolgen
mit einem Kombinationsimpfstoff, der gleichzeitig Bestandteile gegen
Diphtherie, Tetanus, Pertussis und eventuell auch Polio enthält.

Die Impfstoffkomponenten gegen Keuchhusten werden heute nicht mehr wie
früher aus ganzen Keuchhusten-Erregern hergestellt, sondern nur aus
bestimmten Bestandteilen („azellulär“) und sind dadurch wesentlich besser
verträglich.

Als unerwünschte Wirkungen werden am häufigsten Schmerzen an der
Injektionsstelle, Rötungen und Schwellungen registriert. Fieber über 38
Grad Celsius tritt nach einer Impfung mit diesen Impfstoffen nur noch in
fünf bis acht Prozent der Fälle auf. Die Impfreaktionen verschwinden in
der Regel nach ein bis drei Tagen wieder.

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