Zum Hauptinhalt springen

Schweiz:Tanz 14: Nuts! Ein märchenhafter Abend mit dem Luzerner Tanzensemble im UG, besucht von Gabriela Bucher-Liechti

Nuts, knackiger Tschaikowsky

 

Der Choreograph Kinsun Chan inszeniert Tschaikowskis „Nussknacker“ und begeistert im UG des Luzerner Theaters mit seiner erfrischenden Version des  weltberühmten Balletts von Pjotr I. Tschaikowski.Die Darbietung beginnt bereits lange vor der eigentlichen Vorstellung, mit dem Eintreffen der Besucher im UG.


 

Der Empfang ist herzlich und persönlich, die Wand hinter der Bar bis in den letzten Winkel dekoriert mit Teddybären, Holzfiguren, Gipsengeln, venezianischen Gondeln, Buddhas, Porzellanrehen, Matrioschkas, himmelwärtsfahrenden Weihnachtsmännern und meterweise rotem Lametta. Dazu die Melodien aus dem „Nussknacker“ in Endlosschlaufe, unterschiedlichste Dialekte, die sich vermischen, etwas Englisch, Holländisch, Tänzer, die zwischen Bühne und Garderobe hin- und herhuschen, sich unter das herumstehende Publikum mischen, zuerst unauffällig, privat, dann immer präsenter, bis die Vorstellung irgendwie begonnen hat, ohne dass man den Übergang so ganz bewusst wahrgenommen hätte.

Craig Davidson, Rachel Lawrence Klara hängt an der Bar, weggetreten, dahinter hantiert ein Barmann kunstvoll mit Gläsern und Tüchern, eine Horde junger Männer drängt sich schreiend und johlend um den Tresen, eine Mäuseherde schiebt sich durch die amüsierten Zuschauer, welche ab und an im Vorbeigehen sanft weggeschoben, neu aufgestellt werden. Mal wird Platz geschaffen an der Bar, mal beim Vorhang auf der gegenüberliegenden Seite. Auf kleinstem Raum wird da getanzt, gefeiert, gespielt, die „Bühne“ neu arrangiert. Eine beschwipste Klara torkelt schlussendlich zu einer ebenfalls leicht beschwipst klingenden  Melodie durch die Zuschauer und fordert diese auf, ihre Sitzplätze einzunehmen, denn jetzt beginnt die Vorstellung.


 

Vorne Rachel Lawrence hinten Ana Portela Chiara Dal Borgo Eva Calanni Craig Davidson Aurélie Robichon Salome Martins Myronne Rietbergen

 

 

 

 

Die anschliessenden Tanzsequenzen aus dem „Nussknacker“ haben etwas Verzaubertes, Verschmitztes und Verspieltes. Unter einem Himmel voller grüner Karton-Tannenbäumchen, wie sie sonst in Autos zu finden sind, tanzen sich die Protagonisten mal zu zweit, mal zu dritt, mal im Ensemble durch die verschiedenen Episoden mit viel Humor und kleinen ironischen Seitenhieben. Umwerfend komisch die arabische Szene, wo sich eine Figur in einer  Burka plötzlich verfünffacht, ein ziemlich verdrehtes Augenballet hinlegt und schlussendlich zwei Figuren gebärt und herzerfrischend das Fingerballett mit roten Tutus unter Klaras Rüschenrock. Die Kostüme in zart-verhaltenem Grau, Blau und Silber mit etwas Glitzer, etwas Pelz, etwas Tüll und Rüsche haben etwas festlich-nostalgisches. Die von Daniel Steffen arrangierte Musik mit Einlagen, die manchmal an Drehorgeln oder Daumenklavier erinnern, vervollständigt den Eindruck des Märchenhaften und man verliert sich mehr und mehr in der Traumwelt der drei Protagonisten.

 

 

 

Samuel Déniz Falcón Anton Rosenberg Davidson Farias Rachel LawrenceLuftig, leicht und verspielt kommt sie daher, diese  Version des Tschaikowski klassikers  die der gebürtige Kanadier Kinsun Chan inszeniert und die an diesem Abend irgendwie an ein grosses Weihnachtspaket erinnerte, aus welchem immer neue Überraschungen zum Vorschein kamen. Gerne wäre man noch etwas länger geblieben in dieser wohlig-warmen Vorweihnachtsatmosphäre. Das begeisterte Publikum bedankte sich lange und lautstark für den verzaubernden Abend.

 

Text: www.gabrielabucher.ch

Fotos: www.luzernertheater.ch Ingo Höhn

 

Zur Visualisierung hier noch  eine andere Choreografie von Kinsun Chan

http://www.youtube.com/watch?v=s9Ij4LBXQRU

www.leonardwuest.ch  www.irenehubschmid.ch

  • Aufrufe: 793

Schweiz: Luzerner Theater Première: Der gute Mensch von Sezuan, Parabelstück von Bertolt Brecht , 7.12.2013, besucht von Léonard Wüst

Der gute Mensch von Sezuan, Bertolt Brecht

 

Produktionsteam

Andreas Herrmann Inszenierung
Max Wehberg Bühne
Sabin Fleck Kostüme
Martin Baumgartner Musik
Gérard Cleven Licht
Carolin Losch Dramaturgie

Besetzung

Christian Baus Der Schreiner Lin To / Der Barbier Shu Fu / Polizist / Kellner, Daniela Britt Shen Te / Shui Ta, Hans-Caspar Gattiker Yang Sun, ein stellungsloser Flieger, Wiebke Kayser Die Witwe Shin, Juliane Lang Frau der achtköpfigen Familie / Die Teppichhändlerin, Bettina Riebesel Die Hausbesitzerin Mi Tzü / Frau Yang, Clemens Maria Riegler Wang, ein Wasserverkäufer, Samuel Zumbühl Neffe der achtköpfigen Familie / Polizist

Die drei Götter: Markus Felber, Barbara Willimann, Hans Woodtli; Mitglieder der achtköpfigen Familie: Yannic Ambach, Bernhard Itel, Hans Kneubühler, Silas Schmuckli, Julia Skof, Cecile Zwyssig; Kind: Juri Schmuckli

 

Vorabbemerkung und Stückbeschreibung: Brecht`s Parabel ist doch aktueller als eh und je:

Bankenkrise, spektakuläre Betrugsfälle, Nahrungsmittelspekulation … Jeden Morgen beim Aufschlagen der Zeitung werden wir mit negativen Aus­wüchsen unseres Wirtschaftssystems konfrontiert. Die Frage, ob moralisches Empfinden als oberste Handlungsmaxime gelten kann, beschäftigte nicht nur christliche Ethiker, sondern auch den dramatischen Provokateur Bertolt Brecht.

Drei Götter haben sich auf die Erde begeben, um einen «guten Menschen» zu suchen. Überall stossen sie auf Ablehnung, lediglich die Prostituierte Shen Te ist bereit, ihnen ein Nachtlager zur Verfügung zu stellen. Die Entlohnung der Götter reicht aus, um einen kleinen Tabakladen zu eröffnen. Doch schlagartig sieht sich Shen Te von Bittstellern umgeben, die an ihrem bescheidenen Wohlstand teil­haben möchten und das Geschäft in den Ruin zu treiben drohen. Shen Te weiss sich nicht zu helfen und tritt als ihr Vetter Shui Ta auf den Plan, der alle davonjagt und mit harter Hand wieder Ordnung herstellt. Er gründet eine Tabakfabrik, in der die Angestellten unter unwürdigen Bedingungen arbeiten müssen. Die Liebe Shen Tes zu einem stellungslosen Postflieger stürzt sie erneut in Schwierigkeiten. Als das Gerücht aufkommt, Shui Ta habe seine Cousine ermordet, sieht sich Shen Te von allen Seiten umstellt.

Brechts 1943 in Zürich uraufgeführtes Parabelstück wirft die Frage auf, ob ein guter Mensch im Kapitalismus überleben kann oder ob nicht Unbarmherzigkeit erst Güte ermöglicht. Die Götter haben ausgedient. Sie stehlen sich aus der Verantwortung, verweisen den Menschen auf sich selbst und kehren schliesslich reichlich ramponiert in den Himmel, also ins «Nichts», zurück. Güte als absolutes moralisches Gesetz scheint unmöglich.

Rezension:

Karl`s kühne Gassenschau gibt es ja schon seit 1984, völlig unnötig also, den guten Menschen auf diese Art in Szene zu setzen, scheint aber überall Mode zu werden, hab ich diesen Sommer schon bei der Welttheaterproduktion in Einsiedeln erleben müssen. Lieber ein Motorrad an der Klosterkirche neben den aufgestellten Bulldozern vorbeirattern lassen, oder jetzt in Luzern einen ferngesteuerten Minihelikopter über die Bühne. Lebende Tiere hat man vor Jahrzehnten schon in Bauerntheatern auf dem Land zur Belustigung des Publikums auf die Bühne gezerrt, sogar mal ein echtes Mercesdescabriolet  beim „Vetter aus Dingsda“ auf der Sursee`r Opperettenbühne in den 1960er Jahren, also was soll`s?

Dabei waren die Ansätze ja im Prinzip ja in ihrer Einfachheit und Aussagekraft überzeugend genug, der Zigarettenautomat als Symbol für den Tabakladen der Shen Te, als auch die Plastikplanen als Symbol unserer Wegwerfmentalität. Der mündige Theatergänger ist durchaus in der Lage solche Sachen im Sinne der Dramaturgie zu interpretieren, sonst sässe er zuhause und schaute sich „Desperates housewives“ oder die 899. Folge der „Simpsons“ an. Es ist ja grossartig, dass die Theater heute über eine so ausgefeilte Bühnentechnik verfügen, heisst aber nicht, dass man alle Komponenten unbedingt gleichzeitig einsetzen muss.

Ein Glück, dass man in Luzern über so hervorragende Schauspieler verfügt, die das ganze unnötige Brimborium mit ihrem Können zum Teil weg- und überspielen können, aber gegen die unseligen, fast läppisch-peinlich anmutenden Musikeinlagen waren auch sie auf verlorenem Posten. Schade, bei diesem Brecht brächte weniger mehr. Das Mittel sollte nicht zum Zweck werden, So bleibt denn Bertolt Brechts Frage, ob es noch einen guten Menschen gibt, auch in Luzern unbeantwortet. Reduce tot he max, hätte hier durchaus seine Berechtigung. Wer das Stück nicht schon kennt, kommt sich ein ziemlich  verloren vor. Botschaften, ja gar ganze Handlungen werden überspült und überspielt mit technischen Gags, viel zu gröligen – scheppernden Lautsprechermusikeinspielungen usw., leider mehr commedia dell` arte denn Sprechtheater.

Welch grosses Potential das Luzerner Theater hat, wussten die Protagonisten in den letzten paar Jahren meistens mit Bravour zu demonstrieren, ohne diesen unnötigen, nur vom Wesentlichen ablenkenden Firlefanz.

Erwähnt trotz allem die grossartigen Leistungen der Darsteller, allen voran die überzeugend wandlungsfähige Daniela Britt, der Sturzpilot Hans Caspar Gattiker, der Wasserträger Clemens Maria Riegler und der gleich in vier verschiedenen Rollen brillierende Christian Baus. Diese Aufzählung schmälert keineswegs die überzeugende Leistung des gesamten Ensembles auf der Bühne. Bleibt zu hoffen, dass bei der nächsten Inszenierung der Schwerpunkt wieder auf den Inhalt verlagert wird und nicht auf ein, bloss optisches Feuerwerk. Der Applaus des Premierenpublikums war trotzdem langanhaltend, wenn auch nicht stürmisch begeistert.

 

Ein paar visuelle Eindrücke über diesen Link, Fotos von Ingo Höhn, Luzerner Theater

http://fotogalerien.wordpress.com/2013/12/06/luzerner-theater-premiere-der-gute-mensch-von-sezuan-parabelstuck-von-bertolt-brecht-7-12-2013/

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: Ingo Höhn  www.luzernertheater.ch

  • Aufrufe: 1156

Schweiz:Migros Kulturprozent Classics Konzert: Orchestre Révolutionnaire et Romantique, Kulturcasino Bern, 23. November 2013, besucht von Paul Ott

 

Konzertsaal des Kulturcasino Bern

Programm:

Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)
«Ah, lo previdi… Ah, t’invola», Rezitativ und Arie für Sopran und Orchester, KV 272
Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36

Leitung: Sir John Eliot Gardiner, Solistin: Die Schweizer Sopranistin Chiara Skerath

Mozart im diamantroten Plisseekleid

Das Orchestre Révolutionnaire et Romantique spielt Beethoven und Mozart

 

Der Vorteil des unverbildeten Konzertbesuchers ist es, dass er das Ereignis geniessen kann und das Staunen noch nicht verloren hat. Ich besitze zwar die am vergangenen Sonntag in Bern präsentierten Beethoven-Sinfonien auf Tonträgern, wahrscheinlich auf Langspielplatten – ja, ich höre noch Vinyl! –, aber ich habe sie nicht im Kopf. Deshalb bin ich, um es kurz zu sagen, von der Aufführung begeistert. Aber auch die erfahrenen Klassikfans haben anerkennend genickt und ausgiebig Beifall gespendet.

 

Orchestre Revolutionnaire et Romantique unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner

 

Der Abend begann mit Ludwig van Beethovens 2. Sinfonie, zu Beginn etwas matt, erinnernd an die Konsistenz eines Streichkäses. Die Geiger/innen zwangen ihre Oberkörper wie mechanische Puppen zu abrupten Bewegungen, während sie steif auf ihren Stühlen sassen. Faszinierend.

Beethoven nahm langsam Fahrt auf, klang witziger, frischer und anregender, das  Orchestre Révolutionnaire et Romantique wuchs unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner zu einer kompakten Einheit zusammen.

 

Schweizer Sopranistin Chiara Skerath

 

Zwischen den Beethoven-Sinfonien gab es eine Einlage von drei Mozart-Gesangsstücken, gegeben von der jungen Schweizer Sopranistin Chiara Skerath. Aus ihrem diamantroten Plisseekleid explodierte die glockenhelle Stimme: „Wahnbetörter! Mit dem ruhmreichen Schwerte, das mich befreit, durchbohrtest du dein Herz! … Ein Tiger! Ein Tiger nährte dich!“ Ich hab’s zwar eher mit Hauskatzen, aber wenn der Tiger so präsentiert wird, interessieren mich auch wilde Tiere.

 

Wenig Worte gibt es zu Beethovens 8. Sinfonie zu verlieren. Mal hört man ein romantisches Ständchen, zu dem man sich die Geliebte imaginiert, dann reitet eine Jagdgesellschaft durch den Wald, dann belauscht man ein witziges Zwiegespräch und verfolgt ein lockeres Tänzchen. In der Dichte und Vielseitigkeit schlicht grossartig. Für den enthusiastischen Beifall gibt es noch ein melodiöse, tanzartige Zugabe, von der die befragten Experten nicht wussten, was es war, also muss ich es auch nicht wissen. Das Fazit des ganzen Abends: Migros-Kulturprozent-Classics: Wir kommen wieder!

 

Text: Paul Ott www.literatur.li

Fotos: http://www.migros-kulturprozent-classics.ch/de/Home

www.gabrielabucher.ch   www.leonardwuest.ch  www.irenehubschmid.ch

  • Aufrufe: 894

Schweiz:All Blues: Neumünster-Konzert Zürich, 25.11.2013, „Réunion Flamenca“, besucht von Irène Hubschmid

Zürich Kirche Neumünster

 

Kirche Neumünster, das tönt irgendwie göttlich, die Musikgötter der Organisatoren (www.allblues.ch) brachten Weltklasse, als sie  im Gottestempel „Réunion Flamenca“ auftreten liessen.

Die drei Musiker und die Tänzerin sorgten für Begeisterungsstürme, das Publikum dankte mit verdienter Standing Ovation.

Der 1961 in Andalusien geborene Gitarrist Gerardo Nùñez, spielt nicht nur der übliche Flamencostil sondern wagt sich auch die Grenzen zu überschreiten, in seiner Art temperamentvolle, rhythmische Virtuosität. Ab und zu leise Töne, dann wieder geradezu orgiastische Höhepunkte. Anfangs begleitete ihn nur ein Musiker, Cepillo auf dem selten zu sehenden Cajón. Mit blossen Händen spielte er Rhythmus, wie ein Bongospieler.

Die anderen beiden  Musiker heissen, David Carpio, vocals und Toño, bass. Die grosse Erscheinung war natürlich die Tänzerin, Carmen Cortés. Wie ein Feuerwerk tanzte sie mit orangefarbenem Kleid über die Bühne. Der Feuervogel ruft zur Hölle hätte man meinen können. Begleitet von spontanen Zwischenrufen aus dem Publikum: olé! Ihren Flamenco untermalten die Musiker auf ihren Instrumenten und mit Klatschen. Ausser Atem ging die Cortés sich umziehen oder setzte sich auf ihren Stuhl, wo sie  mit Klatschen zur Musik beisteuerte.

Kleine Fotodiashow von Carmen Cortes und ihren Musikern:

http://fotogalerien.wordpress.com/2013/11/28/allbluesneumunster25-11-2013carmen-cortez-gerardo-nunez/

Das zweite Kleid und ihr Tanzstil erinnerten an einen erotischen Schmetterling, leicht und biegsam. Die Schatten, die die Tänzerin mit ihren eleganten Bewegungen an die die hohen Wände der klassizistischen Kirche projizierte, ähnelten an die Bewegungen einer indischen Tempel-Tänzerin. Während sie sich ein drittesmal umzog, sang David Carpio eine spanische Klageelegie mit weit tragender Stimme, ohne Mikrophon. Señor Toño gab ein Bass-Solo zum Besten.

Gerardo Nunez, Carmen Cortes

 

Mit schwarz-rotem Kleid, Stil Satansweib, tanzte Señora Cortés den zornigen Flamenco. Als leider schon Schluss war, setzten sich die Ensemblemitglieder an die Bühnenrampe und feuerten das enthusiastische Publikum mit seiner Musik noch einmal an.

Das war das einzige Konzert in der Deutschschweiz, ein wenig spanische Allüre und Temperament tat der Seele wohl in der kalten Novembernacht.

 

Kleine Flamencokostprobe von Carmen Cortes:

http://www.youtube.com/embed/hGIbB149cJ8

Text: www.irenehubschmid.ch

Fotos: www.allblues.ch

  • Aufrufe: 726