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Gesundheit

Depression bei Herzerkrankung: Welche Therapien helfen bei psychischen Leiden?

Psychokardiologe informiert in HERZ heute über aktuelle Therapieoptionen
bei Herzschwäche, koronarer Herzkrankheit (KHK) und anderen Herzleiden

Stress, soziale Isolation, negative Gefühlszustände und Depression können
zusätzlich die meist ohnehin aufgrund der körperlichen Symptome
verminderte Lebensqualität chronisch herzkranker Menschen beeinträchtigen.
Bei Herzschwäche sind es insbesondere Luftnot, Abnahme der
Leistungsfähigkeit, Müdigkeit und Wassereinlagerungen in den Beinen. In
den letzten rund 25 Jahren sind zahlreiche psychokardiologische
Behandlungen mit dem Ziel entwickelt worden, Betroffenen bei der
Überwindung von psychosozialen Leiden und zu einer höheren Lebensqualität
zu verhelfen. „Aber nicht alles, was in der Theorie hilfreich erschien und
in Studien positive Effekte gezeigt hat, hat sich in der Praxis bewährt“,
erklärt Professor Dr. Christoph Herrmann-Lingen vom Wissenschaftlichen
Beirat der Deutschen Herzstiftung und Leiter der Klinik für
Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin
Göttingen. In der aktuellen Ausgabe von HERZ heute 4/2022 erläutert der
Experte für Psychokardiologie, welche psychologischen Therapien und
Medikamente für Patienten mit Herzkrankheiten wie koronare Herzkrankheit
(KHK) oder Herzschwäche, die unter einer Depression oder depressiven
Verstimmung leiden, Wirkung zeigen. Denn manche Medikamente wirken zwar
bei Patienten mit einer KHK, nicht aber bei Herzschwäche. Am Beispiel der
Antidepressiva zeigt der Psychokardiologe, dass sich ihre Wirksamkeit je
nach Schweregrad der Depression und je nach Vorliegen einer KHK oder einer
Herzschwäche deutlich unterscheiden kann: Warum wirken etwa Antidepressiva
aus der Klasse der sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) bei
KHK-Patienten mit Depression, aber nicht bei Herzschwäche-Patienten?
Dieser und vielen weiteren Fragen zur Behandlung psychosozialer Probleme
widmet sich der Beitrag „Trost für die Seele“ von Herrmann-Lingen in der
aktuellen Ausgabe HERZ heute 4/2022. Diese kann als kostenfreies
Probeexemplar telefonisch unter 069 955128-400 oder unter
www.herzstiftung.de/bestellung (Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.)
angefordert werden.

Positive Perspektive für Patienten mit Herzschwäche und Depression
Jüngste Beobachtungen aus Studien hätten gezeigt, dass es bei Patienten
mit Herzschwäche und Depression durchaus Therapieoptionen gibt, die
helfen. So können Therapieelemente, die man aus der telemedizinischen
Behandlung kennt, zur Besserung der depressiven Symptome beitragen: eine
engmaschige intensive Betreuung, regelmäßiger persönlicher Kontakt mit
einem Ansprechpartner und eine allgemeine medizinische Beratung. „Die
Beobachtung, dass sich schon der regelmäßige persönliche Kontakt mit einem
verlässlichen Ansprechpartner positiv auf das psychische Befinden von
Herzpatienten auswirkt, haben mehrere Studien wissenschaftlich gesichert“,
so Herrmann-Lingen. Wichtig bei der Nutzung telemedizinischer
Betreuungskonzepte ist daher, dass dabei die wichtige persönliche
Begegnung von Patient/Patientin und Arzt oder Ärztin nicht ersetzt werden
soll. Infos der Herzstiftung zur Telemedizin bei Herzschwäche sind unter
www.herzstiftung.de/herzinsuffizienz-telemedizin abrufbar.

Therapien, die Herzkranken bei Ängsten, Stress und Belastungsstörungen
helfen
Der Psychokardiologie-Experte Prof. Herrmann-Lingen geht in HERZ heute
auch auf psychosoziale Faktoren ein, die über die Depression hinaus gehen.
Psychokardiologische Behandlungen helfen auch bei herzbezogenen Ängsten
oder bei organisch nicht ausreichend erklärbaren, sogenannten
funktionellen Herzbeschwerden. Deren erst durch wenige Studien belegte
Wirkung liege „in einer ähnlichen Größenordnung wie bei der Behandlung der
Depression“, so Herrmann-Lingen. Schwerwiegendere psychische Leiden wie
posttraumatische Belastungsstörungen etwa nach Herzinfarkt, nach
Wiederbelebung oder wiederholter Defibrillator-Schockabgabe erfordern eine
traumaspezifische Psychotherapie. Chronischem Stress können Herzpatienten
mit verschiedenen Verfahren zur Entspannung und besseren Stressbewältigung
entgegenwirken. Hier stehen Gesprächsgruppen zur Stressbewältigung als
Option im Fokus, aufgrund neuester Erkenntnisse auch in getrennten
Programmen für Männer und Frauen.
(wi)

Aktuelle HERZ heute: Jetzt Probeexemplar anfordern!
Die Zeitschrift HERZ heute wendet sich an Herz-Kreislauf-Patienten und
deren Angehörige. Die aktuelle Ausgabe 4/2022 mit dem Themenschwerpunkt
„Herzensansichten – kardiale Bildgebung“ informiert in dem Beitrag „Trost
für die Seele“ von Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen über aktuelle
psychkardiologische Therapiekonzepte. Die Zeitschrift HERZ heute erscheint
viermal im Jahr, Mitglieder der Deutschen Herzstiftung bekommen sie im
Abonnement nach Hause geliefert. Ein kostenfreies Probeexemplar ist unter
Tel. 069 955128-400 oder unter www.herzstiftung.de/bestellung (Mail:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.) erhältlich.

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Auch ältere Menschen profitieren von einer Blutdrucksenkung (2)

Bluthochdruck ist eine der Hauptursachen für die Schädigung von Organen
und Gefäßen. Je länger Bluthochdruck unbehandelt bleibt, desto höher ist
das Sterberisiko. Es ist also nie zu spät, auch im höheren Alter mit einer
medikamentösen Therapie zu beginnen, das zahle sich im Hinblick auf
Lebenszeit und -qualität aus, wie Prof. Peter Trenkwalder, Experte der
Deutschen Hochdruckliga e. V. DHL® │ Deutsche Gesellschaft für Hypertonie
und Prävention, auf der heutigen Pressekonferenz zum Hypertonie Kongress
in Berlin hervorhob. Allerdings müsse die Diagnostik bei älteren Menschen
besonders sorgfältig erfolgen.

Eine Altershypertonie ist unabhängig vom Geschlecht ein weit verbreitetes
Phänomen. Von in Deutschland insgesamt ca. 20 bis 30 Millionen Menschen
mit Bluthochdruck ist im Alter über 60 Jahren fast jeder Zweite betroffen.
Der Grad der Gefäßverkalkung nimmt zu, damit steigt das Risiko für
Schlaganfälle und Herzinfarkte. Die Hälfte aller Schlaganfälle tritt bei
über 70-Jährigen auf, die Überlebenschancen älterer Menschen nach einem
Herzinfarkt verschlechtern sich mit jedem weiteren Lebensjahr. Etwa ein
Viertel aller Betroffenen, die bei einem Infarkt 75 Jahre oder älter sind,
überlebt diesen nicht [1].

„Die Hypertonie hat auch im Alter einen hohen Krankheitswert, doch das
wird immer wieder bagatellisiert“, betonte Prof. Dr. Peter Trenkwalder,
Gauting, ehemaliges Mitglied des Vorstands der Deutschen Hochdruckliga.
„Die Zeiten von ‚normaler Blutdruck = 100 plus Lebensalter‘, dem
sogenannten Erfordernis-Hochdruck im höheren Alter, sind vorbei. Mit
dieser althergebrachten Einstellung – mental wie auch im Hinblick auf den
Blutdruck – gefährden wir Leben“, so lautet sein eindringlicher Appell.
Auch eine Altershypertonie muss konsequent behandelt werden, um
Folgekomplikationen durch Organschädigungen zu verhindern. Der Nutzen
einer Therapie ist mittlerweile gut belegt.

Bereits 2008 hat die groß angelegte HYVET-Studie („Hypertension in the
Very Elderly Trial“), eine randomisierte, doppelblinde Studie, gezeigt,
dass „rüstige“ über 80-jährige Hochdruckpatientinnen und -patienten (alle
Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen konnten noch selbst zum
Studienzentrum gehen) von einer blutdrucksenkenden Therapie profitieren.
Im Vergleich zur Placebogruppe reduzierte die Therapie das
Schlaganfallrisiko um 30 %, die Gesamtmortalität um 21 % und die
kardiovaskuläre Mortalität um 23 %, die Herzinsuffizienzrate war unter
antihypertensiver Behandlung sogar um 64 % reduziert. Letzteres bringt
einen großen Vorteil für die Lebensqualität, denn die Herzinsuffizienz
beeinträchtigt das Leben alter Menschen stark, führt oft zur Einschränkung
ihrer Selbstständigkeit und zur sozialen Isolation.

Auch was die vermeintlichen Nebenwirkungen der blutdrucksenkenden Therapie
anging, war die doppelt verblindete Studie, bei der also weder die
Betroffenen noch ihre Behandler wussten, wer zur Placebogruppe gehörte und
wer die „echte“ Medikation erhielt, aufschlussreich: Die Nebenwirkungsrate
war in der Placebogruppe signifikant erhöht (358 vs. 448, p = 0,001).

Im vergangenen Jahr bestätigte eine große chinesische Studie [3] das
Ergebnis der HYVET-Studie und zeigte ebenfalls, dass ältere Menschen (hier
60–80 Jahre alt, auch in dieser Studie relativ gesund) von der Therapie im
Hinblick auf Mortalität und Morbidität profitieren. Sie verglich das
kardiovaskuläre Outcome von über 8500 Menschen mit Bluthochdruck, deren
Blutdruck entweder in den Zielbereich von 110–129 mm Hg oder in den von
130–150 mm Hg eingestellt wurde. Die striktere Blutdrucksenkung führte zu
einer signifikant geringeren Rate an Herz- und Gefäßerkrankungen, allein
das Schlaganfallrisiko konnte durch die Therapie um ein Drittel gesenkt
werden (HR = 0,67).

Bezüglich der Zielwerte könne man bei älteren Patientinnen und Patienten
zwar etwas großzügiger als bei jungen oder bei Menschen im mittleren
Lebensalter sein, bei denen 120–130/75–80 mm Hg optimal sind, erklärte
Prof. Trenkwalder. Dennoch sollte man auch bei „rüstigen“, gesunden
Betagten und Hochbetagten einen systolischen Wert zwischen 130 und 140 mm
Hg anstreben. Bei der Blutdruckeinstellung sei zudem zu beachten, dass
Menschen sehr unterschiedlich altern. So gebe es gesunde und körperlich
aktive über 80-Jährige ebenso wie gebrechliche, kognitiv eingeschränkte
und wenig belastbare 70-Jährige – und diese allgemeine Verfassung habe
letztlich Einfluss auf die Therapieziele. Je „rüstiger“ ältere Menschen
sind, desto eher solle man die Blutdruckziele jüngerer Hypertonikerinnen
und Hypertoniker anstreben.

„Dennoch sind die alten Vorurteile, die Blutdrucksenkung bringe bei
Hochbetagten weniger Nutzen als Schaden, bestehen geblieben – und wir
bitten die Medien herzlich, uns zu helfen, mit diesem tödlichen Vorurteil
aufzuräumen“, appellierte Prof. Trenkwalder.

Warum sich dieses Vorurteil so hartnäckig hält, erklärte Prof. Trenkwalder
mit zwei gängigen Fehlern, die in der Praxis und der Klinik immer wieder
vorkämen und in wenigen Fällen zu einer Übertherapie führten. So würde
nicht berücksichtigt, dass bei alten Menschen die sogenannte
Weißkittelhypertonie, bei der durch äußere Einflüsse wie z. B. Aufregung
beim Arztbesuch der Blutdruck kurzzeitig erhöht ist, oder auch
kurzfristige Blutdruckschwankungen häufiger vorkommen. „Jede
Bluthochdruckdiagnose sollte in einer 24-Stunden-Messung bestätigt werden,
bevor therapiert wird“, so der Experte. Denn die Langzeitmessung kann
ausschließen, dass blutdruckgesunde Menschen fälschlicherweise behandelt
werden und entdeckt umgekehrt auch Fälle der sogenannten maskierten
Hypertonie. Zum anderen würde die orthostatische (aufrecht stehend)
Hypotonie vielmals nicht beachtet werden, die z. B. beim Aufrichten des
Körpers aus einer Sitz- oder Liegestellung den Blutdruck plötzlich
absacken lässt. Um sie auszuschließen, sollte der Blutdruck unbedingt auch
im Stehen gemessen werden. Denn bei orthostatischer Hypotonie trotz
Hypertonie sollte die antihypertensive Therapie vorsichtig erfolgen und
ist in schweren Fällen sogar kontraindiziert. „Gerade bei älteren
Patientinnen und Patienten muss daher die Diagnosestellung sorgfältig
erfolgen. Betroffene sollten sich an DHL®-zertifizierte
Hypertensiologinnen/Hypertensiologen wenden, denn sie haben mögliche
Fallstricke im Blick und sind in der Diagnose und in der Therapie der
Hypertonie bei alten und betagten Menschen geschult.“

Weitere Informationen zu Bluthochdruck unter https://www.hochdruckliga.de

[1] Pressemeldung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie vom
07.04.2018. Langzeit-Sterblichkeit nach Herzinfarkt: Alter, Gewicht und
Akuttherapie sind entscheidende Faktoren. https://dgk.org/daten/PA-
Langzeitdaten-BSR.pdf

[2] Beckett NS, Peters R, Fletcher AE, Staessen JA, Liu L, Dumitrascu D,
Stoyanovsky V, Antikainen RL, Nikitin Y, Anderson C, Belhani A, Forette F,
Rajkumar C, Thijs L, Banya W, Bulpitt CJ; HYVET Study Group. Treatment of
hypertension in patients 80 years of age or older. N Engl J Med. 2008 May
1;358(18):1887-98. doi: 10.1056/NEJMoa0801369. Epub 2008 Mar 31. PMID:
18378519.
[3] Zhang W, Zhang S, Deng Y, Wu S, Ren J, Sun G, Yang J, Jiang Y, Xu X,
Wang TD, Chen Y, Li Y, Yao L, Li D, Wang L, Shen X, Yin X, Liu W, Zhou X,
Zhu B, Guo Z, Liu H, Chen X, Feng Y, Tian G, Gao X, Kario K, Cai J; STEP
Study Group. Trial of Intensive Blood-Pressure Control in Older Patients
with Hypertension. N Engl J Med. 2021 Sep 30;385(14):1268-1279. doi:
10.1056/NEJMoa2111437. Epub 2021 Aug 30. PMID: 34491661.

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Lecanemab verlangsamte das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit in frühen Stadien

Offensichtlich konnte in der Alzheimer-Therapie ein Durchbruch
mit Lecanemab erzielt werden. Der Antikörper richtet sich gegen sogenannte
Protofibrillen, ein toxisches Zwischenprodukt von Amyloid-Fibrillen, hat
also einen spezifischeren Ansatzpunkt als die bisherigen Antikörper, die
enttäuschten. Die neuen Studiendaten sind überzeugend und konsistent, die
Publikation lässt auch nicht auf Sicherheitssignale schließen. Allerdings
gibt es Medienberichte über zwei Todesfälle in der Open-Label-
Extensionsphase der Studie, denen nachgegangen werden muss.

Auf dem Alzheimer-Kongress in San Francisco wurde vor wenigen Stunden eine
Phase-3-Studie [1] vorgestellt, die einen Meilenstein für die Behandlung
der Alzheimer-Erkrankung darstellen könnte. An Demenz leiden weltweit 50
Millionen Menschen; in Deutschland sind es 1,6 Millionen – im Jahr 2050
könnten es bereits 2,8 Millionen sein [2] – und ein Großteil der Demenzen
ist auf die Alzheimer-Erkrankung zurückzuführen.

Bisher hatten Studien zu Antikörpern enttäuscht – der erhoffte Effekt im
Hinblick auf die Verlangsamung des kognitiven und funktionellen Abbaus
konnte nicht nachgewiesen werden. Die bisher getesteten Antikörper
(Aducanumab und Gantenerumab) richteten sich gegen aggregiertes Amyloid.
Es handelt sich dabei um ein Eiweiß-Molekül, das sich im Gehirn ansammelt,
sich dort zwischen den Nervenzellen wie ein Belag absetzt – man spricht
daher auch von Alzheimer-Plaques – und die Nervenzellen schädigt. Diese
Amyloid-Ablagerungen sind typisch für Alzheimer und waren daher Target der
zuvor getesteten Antikörper, die nicht überzeugten.

Nun konnte offensichtlich ein Durchbruch mit einem anderen Antikörper,
Lecanemab, erzielt werden, der sich gegen sogenannte Protofibrillen
richtet. Es handelt sich dabei um toxische Zwischenprodukte von Amyloid-
Fibrillen, winzigen Bestandteilen der Amyloid-Zellen. „Möglicherweise
haben wir nun einen Angriffspunkt gefunden, der einen Unterschied im
klinischen Verlauf macht“, erklärt Prof. Dr. med. Jörg B. Schulz, Aachen,
Sprecher der Kommission Demenz der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
(DGN).

In der gestern Nacht präsentierten Studie wurden 1.795 Teilnehmende mit
einer Alzheimer-Erkrankung in den Frühstadien randomisiert, 898 erhielten
Lecanemab (10 mg pro kg Körpergewicht i.v. alle zwei Wochen), 897 ein
Placebo. Nach 18 Monaten wurde der Effekt auf den sogenannten CDR-SB-Score
(Clinical Dementia Rating–Sum of Boxes) erhoben. Es handelt sich um einen
etablierten Score zur Einschätzung der Schwere der Demenz, der Faktoren
wie Gedächtnis, Orientierung, Urteils- und Problemlösungsvermögen,
Geschäftsfähigkeit, häusliches Leben und Hobbies sowie die Fähigkeit, sich
selbst zu versorgen, einbezieht. Bei Studieneinschluss lag der mittlere
CDR-SB-Score bei etwa 3,2 in beiden Gruppen. Der Unterschied zwischen den
Gruppen war nach 1,5 Jahren beträchtlich: Der Score hatte sich um 1,21 in
der Verumgruppe und um 1,66 in der Placebogruppe verändert (p<0,001).

„Die Effekte der Behandlung mit Lecanemab waren in allen untersuchten
primären und sekundären Endpunkten signifikant positiv. Gemessen mit der
CDR-SB wurde die Erkrankungsprogression um 27% verlangsamt, bei den
Aktivitäten des täglichen Lebens machte der Unterschied 37% aus. Die
Unterschiede zwischen den mit Lecanemab und Placebo behandelten
Patientinnen und Patienten waren bereits nach sechs Monaten signifikant
und nahmen mit weiterer Behandlungsdauer zu. Die PET-Amyloid Last wurde
sehr deutlich und signifikant reduziert“, erklärt der Alzheimer-Experte.
„Die Daten sind überzeugend und konsistent, so dass wir nun auf eine
schnelle Zulassung hoffen, wenn die Zulassungsbehörden das Medikament als
sicher einstufen.“

Im Hinblick auf mögliche schwere Nebenwirkungen gab es in der Studie keine
Überraschungen. Wie bei der Therapie mit gegen Amyloid gerichteten
Antikörpern traten zwar auch unter Behandlung mit Lecanemab Nebenwirkungen
auf, darunter Ödeme und Mikrohämorrhagien („Amyloid-related imaging
abnormality“/ARIA). Diese blieben allerdings meist klinisch stumm. So lag
die ARIA-H-Rate (ARIA-H: Zerebrale Mikroblutungen und oberflächliche
Siderose) bei 17,0 % in der Lecanemab-Gruppe und bei 8,7 % in der
Placebogruppe, das Auftreten von symptomatischen ARIA-H lag hingegen nur
bei 0,7 % in der Lecanemab-Gruppe und bei 0,2 % in der Placebogruppe. „In
der Studie sind keine Sicherheitssignale zu erkennen, das Nutzen-Risiko-
Profil lässt sich aus diesen Daten als positiv bewerten“, schlussfolgert
Prof. Schulz.

Allerdings gibt es in den USA Berichte [3] über zwei Todesfälle, die nach
der eigentlichen Studie in der Open-Label Extensionsphase auftraten. Eine
Frau starb infolge einer Hirnblutung nach rtPA -Therapie bei Verschluss
der Arteria cerebri media, ein weiterer Patient entwickelte eine
Gehirnblutung unter Antikoagulation und im Anschluss einen tödlichen
Herzinfarkt. „Diesen Berichten muss nun nachgegangen werden, auch muss
untersucht werden, ob die Alzheimer-Medikation das Risiko für solche
Ereignisse erhöhen könnte. Die Zulassungsbehörden arbeiten hier sehr
sorgfältig. Werden diese Zweifel an der Sicherheit ausgeräumt, hätten wir
endlich ein wirksames Medikament gegen Alzheimer.“

Wichtig sei allerdings, dass der Antikörper nur in den Frühphasen der
Alzheimer-Erkrankung mit nur milden kognitiven Einschränkungen erfolgreich
ist. Lecanemab verlangsamt das Fortschreiten der Erkrankung, mache sie
nicht rückgängig, Patientinnen und Patienten mit ausgeprägtem
Krankheitsbild und schwerer Demenz profitieren also nicht von der
Therapie.

[1] van Dyck CH, Swanson CJ, Aisen P et al. Lecanemab in Early Alzheimer’s
Disease. NEJM 2022; published on November 29, 2022. DOI:
10.1056/NEJMoa2212948
[2] Livingston G, Huntley J, Sommerlad A et al. Dementia prevention,
intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission. Lancet 2020
Aug 8; 396 (10248): 413-446
[3] https://www.science.org/content/article/second-death-linked-potential-
antibody-treatment-alzheimer-s-disease


Pressekontakt
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
c/o Dr. Bettina Albers, albersconcept, Jakobstraße 38, 99423 Weimar
Tel.: +49 (0)36 43 77 64 23
Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft in der
gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren 11.400 Mitgliedern die
neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu
verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre,
Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der
gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden
gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

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Online-Vortrag „Das Haus der Medizin – Ernährung und Prävention im historischen Wandel“

Die Ernährung des Menschen ist mehr als die reine Aufnahme von
Lebensmitteln. Sie umfasst auch Aspekte wie Anbau, Verteilung,
Konservierung und Zubereitung von Nahrungsmitteln und Getränken. Prof. Dr.
Nadine Berling und Prof. Dr. Michael Rosentreter widmen sich in ihrem
Online-Vortrag am 13.12.2022 ab 18:00 Uhr der historischen Entwicklung von
der Nahrungssuche zur Befriedigung des Hungerbedürfnisses hin zur
Konsumentenentscheidung angesichts nahezu unüberblickbarer Genusswelten.

Entwicklungsgeschichtlich verbrachten Menschen den Großteil ihrer Zeit mit
der Suche nach Nahrung, um ihren Hunger zu stillen. Erst seit wenigen
Jahrhunderten haben Fortschritte in Produktion, Konservierung und
Distribution ein stabiles Überangebot an Nahrungsmitteln beschert, das
individuellen Genuss, Geschmack und Ernährungsstile ermöglicht.
Unterernährung bleibt überwiegend ein historisch gewachsenes Problem der
sogenannten Dritten Welt. Fehlernährung und
Nahrungsmittelunverträglichkeiten durch unausgewogene Ernährung mit zum
Teil hoch verarbeiteten, energiedichten, aber nährstoffarmen Lebensmitteln
sind wiederum zu einem Problem der wohlhabenden Industrienationen
geworden.

Dabei beschäftigt die Frage nach dem Zusammenhang von Ernährungsweise und
Gesundheit Philosophie und Medizin nachweislich seit der Antike. Diätetik,
ursprünglich die Lehre vom richtigen Verhältnis gesunderhaltender und
krankmachender Lebensweisen und Umstände, lässt sich exemplarisch
beeindruckend am hippokratischen Modell „Haus der Medizin“ sowie an
historischen Beispielen gelebter Ernährungspraxis darstellen. Was aßen
Menschen früherer Epochen? Wie bereiteten sie ihre Speisen zu? Und: Lassen
sich hier möglicherweise Antworten auf heutige Ernährungsprobleme in den
westlichen Industriegesellschaften finden?

Zur Teilnahme am Online-Vortrag benötigen Interessierte entweder Computer,
Smartphone oder Tablet mit Internetzugang und Audioausgabe. Mit der
Anmeldung bis zum 11.12.2022 per E-Mail an studienorganisation(at)apollon-
hochschule(dot)de erhalten externe Teilnehmer:innen die Zugangsdaten zum
virtuellen Vortragsraum. Der Warteraum ist ab 17:45 Uhr geöffnet.
Studierende der APOLLON Hochschule entnehmen die Anmeldemöglichkeiten und
Zugangsdaten den Informationen auf dem Online-Campus.

Prof. Dr. Nadine Berling ist an der APOLLON Hochschule Professorin für
Ernährungswissenschaften, insbesondere für Ernährungsberatung und Public
Nutrition. Sie hat Ökotrophologie studiert und in theoretischer Medizin
promoviert.

Prof. Dr. Michael Rosentreter hat an der APOLLON Hochschule die Professur
für Pflegemanagement und Berufspädagogik inne, ist Medizinsoziologe und
-historiker mit dem Schwerpunkt Mittlere und Neue Geschichte.

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