Anna Rybinski verbrachte ihre Jugend in Ungarn, wo sie auch die Ausbildung zur Musikerin absolvierte. Nach der Übersiedlung in die Schweiz arbeitete sie als Musikpädagogin und organisierte Kinderkonzerte.
Anna Rybinski, bei einem Konzert in Luzern 2012
Sie schreibt Texte für Konzertprogramme, Artikel zum Thema Kultur, Kurzgeschichten, Satiren und Krimis, die in Anthologien erschienen sind.
Matthias Bamert (u.a. von 1992 bis 1998 Intendant der Internationalen Musikfestwochen Luzern, heute Lucerne Festival), feierte im Juli seinen 75. Geburtstag. Er hat viel Erfahrung mit asiatischen Orchestern, war er doch u.a. von 2005 bis 2008 Chefdirigent des Malaysian Philharmonic Orchestra was ihm sicherlich dienlich war bei diesem Konzert mit den jungen Musikerinnen und Musiker des in Hongkong beheimateten AYO, Asian Youth Orchestra ( gegründet 1990 von Yehudi Menuhin und Richard Pontzious). Dieses ist bereits das zweite asiatische Orchester, nach dem Shanghai Symphony Orchestra am 20. August, das am diesjährigen Lucerne Festival im Sommer debütiert.
Mehrfach ausgezeichnetes Orchester
Es setzt sich aus zirka 110 Talenten zwischen 17 und 27 Jahren aus China, Taiwan, Hongkong, Indonesien, Japan, Korea, Malaysia, den Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam zusammen, die jährlich ausgewählt werden. Das AYO, Asian Youth Orchestra wurde 2010 mit dem «Praemium Imperiale Grant for Young Artists» und 2015 mit dem «Nikkei Asia Prize» ausgezeichnet. Es absolviert dieses Jahr eine Konzertreise, die nach China, Japan, in die USA und zwölf europäische Städte führt. Unter der Leitung Menuhins gab es im August 1990 sein erstes öffentliches Konzert.
Grundsätzliches zu Gustav Mahler und zur 1. Sinfonie
Mahler liebte zahlenmässig grosse Orchester, denn, so der Komponist: eine Sinfonie zu komponieren bedeutet, mit allen Mitteln der existierenden Technik eine Welt aufzubauen. Gustav Mahler gab seiner 10. Sinfonie zeitweilig den Beinamen Titan, nach dem Roman „Titan“ von Jean Paul, zog den Titel aber später wieder zurück. Sie kam im November 1889, unter seiner Leitung und von ihm als „Sinfonische Dichtung“ bezeichnet, in Budapest zur Uraufführung. Das Werk wurde von Kritik und Publikum aber kühl und verständnislos aufgenommen. Es ist dramaturgisch so angelegt, dass alles auf das furios, mächtige Finale hinführt. Also wenig Spektakuläres in den Zwischensätzen, für die sich Mahler reichlich Motiven anderer Komponisten bediente, u.a. aus Franz Liszts „Dante Sinfonie, Richard Wagners „Parsifal“ und inspiriert von Dantes „Commedia divina“. Ausnahme sind im dritten Satz die Variationen des französischen Volksliedes „Frère Jacques, dormez vous?“ Dieses wird zuerst von den Kontrabässen intoniert, später von den Bläsern übernommen, weitergereicht an die Streicher, dann wieder vom ganzen Orchester variiert. Integriert auch Motive seines eigenen, vierten Gesellenliedes. Matthias Bamert führte das Orchester behutsam, trotzdem bestimmt durch die Partitur und baute die Spannung punktgenau auf. Er verfolgte eine klare Linie, trieb seine Mitmusiker vorsichtig, aber stetig voran, bis er „seinen“ Klang gefunden hatte. Dieser mündete dann ins heldenhafte Finale, dessen letzter Teil das Blech stehend absolvierte, quasi über den andern Instrumente stehend.
Natürlich begeistert diese tonale Machtdemonstration heute das Publikum weltweit und war auch in Luzern so. Mit kräftigem, stürmischem Beifall, garniert mit vereinzelten Bravorufen, verdanke das Auditorium diese superbe Demonstration. Der Dirigent holte dann für die einzelnen Sektionen noch Extraapplaus ab, der bei den Bläsern besonders stürmisch ausfiel. Der nicht enden wollende Applaus führte schlussendlich noch in eine stehende Ovation, von den Protagonisten sichtlich genossen
Junge Musiker ohne Berührungsängste
Es waren erstaunlich viele asiatische Touristen im Publikum, die nach dem Konzert ein Foto des Orchesters machen wollten. Die Musikerinnen gaben sich völlig unkompliziert, setzten sich auf Wunsch gar an den Bühnenrand, gruppierten sich ganz nach Wünschen der Motivjäger. Auch für Selfies posierten sie geduldig, seis im Verbund, oder einzeln. Dafür gabs vom Publikum noch einen Sonderapplaus
Auch heuer beeindruckt die Seebühne und das Bühnenbild zu Carmen
Musikalische Leitung Jordan de Souza Inszenierung Kasper Holten Bühne Es Devlin Kostüme Anja Vang Kragh Licht Bruno Poet Video Luke Halls Ton Gernot Gögele | Alwin Bösch Chorleitung Lukáš Vasilek | Benjamin Lack Choreographie Signe Fabricius Stuntchoreographie Ran Arthur Braun Dramaturgie Olaf A. Schmitt
Besetzung
Carmen Lena Belkina Don José Martin Muehle Escamillo Andrew Foster-Williams Micaëla Melissa Petit Frasquita Jana Baumeister Mercédès Marion Lebègue Zuniga Sébastien Soulès Moralès Rafael Fingerlos Remendado István Horváth Dancaïro Adrian Clarke
Stuntmen | Tänzer | Statisten Bregenzer Festspielchor Prager Philharmonischer Chor Kinderchor der Musikmittelschule Bregenz-Stadt Wiener Symphoniker
Rezension:
Carmen Wasserballett
Bei meinem allerersten Besuch auf der Seebühne 1992 stand ebenfalls „Carmen“ auf dem Programm. Hatte damals die Tribüne fast noch ausgesehen wie ein Baugerüst mit Sitzplätzen, ist heute alles viel mondäner, bequemer, inkl. geeigneter moderner Toilettenanlagen, fast alles, was zur Infrastruktur eines Opernhauses gehört. Die weltgrösste Seebühne (7000 Plätze) wird seit 1947 bespielt, wobei der Standort nicht immer am aktuellen Platz war. Zu Beginn der Festspiele im, Jahr 1946, als die Seebühne aus zwei Kieskähnen im Bregenzer Gondelhafen bestand, gab es ein Konzert mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart auf dem See. Für die „Entführung aus dem Serail“ von W. A. Mozart der ersten Oper, wechselte man im Jahre 1947 ins Strandbad, 1950 Begann dann das Spiel auf der heutigen Seebühne mit der Operette „Gasparone“ von Carl Millöcker.
Das Publikum strömt jeden Sommer in Massen an den Bodensee
Lena Belkina
Seither pilgern jedes Jahr um die 200000 Zuschauer nach Bregenz, um dieses weltweit einmalige Spektakel zu sehen. Die Aufführungen auf der Seebühne sind faktisch immer ausverkauft, frühzeitig Tickets erstehen ist ein Muss. Während der Festspielzeit werden, nebst der Seebühne, auch noch die folgenden Spielstätten bespielt: Das Festspielhaus und das Opernstudio am Kornmarkt So zählt man Jahr für Jahr total 250000 Festspielbesucher. Welche Bedeutung die Festspiele haben, zeigt die Tatsache, dass diese immer vom österreichischen Bundespräsidenten persönlich eröffnet werden. So tat dies heuer am 19. Juli Alexander van der Bellen. Dabei anwesend war, nebst anderer Prominenz, auch die schweizerische Bundespräsidentin Doris Leuthard.
Vergleich der Carmen Darstellerin von 1992 mit der von 2017
Szenenfoto Carmen
Im Jahre 1992 verkörperte Julia Migenes die Titelrolle auf der Seebühne (diese hatte sie 1983 auch im gleichnamigen, sehr erfolgreichen Film an der Seite von Plàcido Domingo und unter der Regie von Francesco Rosi inne). Für mich war damals klar, eine erotischere „Carmen“ gabs vorher noch nie und wird es auch nie mehr geben.
Deshalb war ich natürlich auf die diesjährige Titelfigur besonders gespannt und musste mich eines Besseren belehren lassen. Lena Belkina, ein richtiges „Vollweib“, die an diesem Abend die Carmen gab, gelang es auch bestens, knisternde Erotik rüberzubringen und bezirzte so nicht nur die Herren auf der Bühne, sondern auch sehr viele ebensolcher auf der Zuschauertribüne.
Auch dieses Jahr ein spektakuläres Bühnenbild
Seebühne tagsüber
Beim Bühnenbild im Jahre 1992 bildete die Taverne des Lillas Pastia den Mittelpunkt, heuer lässt es viele Interpretationen zu, die Spielkarten, gehalten von den zwei 20 Meter hohen Händen, stehen symbolisch für das Kartenlegen, das unter Fahrenden (was „Carmen“, als Zigeunerin, im weitesten Sinne ja auch ist), grosse Tradition hat. Nebst den bekannten Arien stachen folgende Aktionen besonders hervor: Eine Balletteinlage, teilweise im Wasser stehend performt. Die Flucht von „Carmen“ mittels Kopfsprung in den See. Die zwei Tänzer, die mit eleganten Bewegungen, einer als Torero, der andere als Stier, einen Stierkampf nachstellten. Das spektakuläre Feuerwerk zum Schluss, das den Bodensee Nachthimmel erleuchtete.
Fazit des Abends
Abendstimmung auf der Seebühne
Ein Feuerwerk als Ganzes war auch die Inszenierung auf der Seebühne, auch dank Mitwirkenden, die man auf der Bühne, ausser über die zwei Monitore, gar nicht sieht, also die Wiener Sinfoniker und die diversen Chorformationen,( alle, wie jedes Jahr, mit grossartigen Leistungen). Ebenso die Techniker, die alles, auch noch so komplizierte, im Griff haben und so auch wesentlich zum Gesamtkunstwerk „Carmen auf der Seebühne“ beitragen. Dies belohnten die 7000 Zuschauer mit langanhaltendem, kräftigem Applaus.
Auch heuer beeindruckt die Seebühne und das Bühnenbild zu Carmen
Musikalische Leitung Jordan de Souza Inszenierung Kasper Holten Bühne Es Devlin Kostüme Anja Vang Kragh Licht Bruno Poet Video Luke Halls Ton Gernot Gögele | Alwin Bösch Chorleitung Lukáš Vasilek | Benjamin Lack Choreographie Signe Fabricius Stuntchoreographie Ran Arthur Braun Dramaturgie Olaf A. Schmitt
Besetzung
Carmen Lena Belkina Don José Martin Muehle Escamillo Andrew Foster-Williams Micaëla Melissa Petit Frasquita Jana Baumeister Mercédès Marion Lebègue Zuniga Sébastien Soulès Moralès Rafael Fingerlos Remendado István Horváth Dancaïro Adrian Clarke
Stuntmen | Tänzer | Statisten Bregenzer Festspielchor Prager Philharmonischer Chor Kinderchor der Musikmittelschule Bregenz-Stadt Wiener Symphoniker
Rezension:
Abendstimmung auf der Seebühne, Ankunft Kursschiff
Carmen in Bregenz, bei Weitem nicht meine erste Carmen, aber mein erstes Mal Bregenz. Und ich muss gestehen, ich hatte meine Vorbehalte: 7000 Besucher, ungedeckte Bühne, wie wohl die Sitzplätze sein würden, die Akustik, die Verhältnisse im Gourmetzelt bei so vielen Menschen? Und da ist da noch meine generelle leise Skepsis gegenüber Produktionen die man «einfach-unbedingt-gesehen-haben-muss».
Vorneweg; alle Bedenken haben sich zerschlagen, was eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Hinter dem Ganzen steckt eine jahrzehntelange Erfahrung und die ist omnipräsent.
Die Natur hilft mit
Seebühne tagsüber
Die Möglichkeit, am Nachmittag den «Schauplatz» anzusehen, ist spannend und macht neugierig. Die beiden Hände, die da aus dem Wasser ragen, die Nägel mit abgeblättertem Lack, das fliegende Kartenspiel zwischen den Fingern, darüber hat man viel gelesen seit Beginn der Spielzeit. Das sieht imposant aus, aber auch etwas leblos im grellen Tageslicht. Die Tribüne ist riesig, aber trotzdem überschaubar. Am frühen Abend dann ein farbiges Gewusel vor dem Festspielhaus, aber es herrscht eine festliche Stimmung, im Gourmetzelt eine gemütliche Atmosphäre, freundlicher Service und es kommt nie ein Gefühl von «Masse» auf. Da gibt es praktisch kein Anstehen, alles ist perfekt orchestriert, läuft vor sich hin. Dazu kommt das herrliche Wetter, der Himmel hinter den Händen, welche nun bereits sehr viel lebendiger wirken im Abendlicht, gibt sich unglaublich Mühe, ein Maximum aus seiner Farbpalette herauszuholen. Die Tribüne füllt sich, da ist keine Eile zu spüren, das Meer an Köpfen erinnert je länger je mehr an einen riesigen, grob gewobenen Teppich. Und während die untergehende Sonne einen immer spektakuläreren Kulissenhintergrund kreiert, kommt die MS München beinahe lautlos über den silbrig grauen See geglitten und ein nicht enden wollender Strom von schwarzen Silhouetten ergiesst sich aus ihrem Bauch über den Steg Richtung Tribüne.
Ein Fest der Sinne
Szenenfoto Carmen
Der Einstieg ist gelungen, die Natur hat sich ihre eigene Ouvertüre gegönnt. Pünktlich erklingen dann die ersten Töne der musikalischen Ouvertüre und es zeigt sich, auch die Akustik ist tadellos! Und nun läuft der Abend von Bild zu Bild, von Szene zu Szene, eine Farbsymphonie, ein Spektakel für alle Sinne. Alles ist da, von wunderbar farbigen Tutti-Szenen bis hin zu intimen Momenten trotz Grösse der Bühne, von eindrucksvollen Stunteinlagen über künstlichen Regen, geräuschlose Feuerwerke, Boote, die mit blinkenden Laternen aus dem Nichts erscheinen, das ist mehr als Oper, das ist auch Unterhaltung pur. Anfänglich wagt sich noch eine neugierige Ente von links ins Bühnenbild, rechtzeitig zur Arie «L’amour est un oiseau rebelle» und schafft ihren Abgang punktgerecht rechts nach der ersten Strophe. Danach flirrt noch ab und zu eine Fledermaus vor der Bühne durch. Und dann schaut man nur noch gebannt auf diese spektakuläre Kulisse, die riesigen Karten, die abwechslungsweise Spiel- und Tarotkarten, Projektionsfläche für Bilder, für Videoeinlagen der Sängerinnen und Sänger werden, man bewundert das das unglaubliche Wasserballett, die waghalsigen Stunts auf und über den Karten. Die kleinen Figuren, die da ganz oben auf den Spielkarten herumturnen, wirken im Nachthimmel wie Kobolde.
Tolle Solisten
Szenenfoto Carmen
Die Sängerinnen und Sänger überzeugen ebenfalls, allen voran an diesem letzten Abend Lena Belkina als Carmen, dunkel, verführerisch, provozierend, Martin Muehle als Don José mit dem nötigen Schmelz aber auch dem nötigen Schmerz in der Stimme, Mélissa Petit als Micaëla, klar und bestimmt und Andrew Foster-Williams (Escamillo), anfänglich mit etwas Mühe, nicht vom Orchester überdeckt zu werden, aber mit zunehmend mehr Kraft und Ausdruck.
Abendstimmung auf der Seebühne
Einziger kleiner Vorbehalt: Wegen der Distanz zu den Akteuren bleiben der mimische Ausdruck und somit die Gefühle ab und zu etwas auf der Strecke. Stimme und Gesang reichen nicht immer aus, diese zu transportieren. Abgesehen davon war diese erste Bregenz-Erfahrung aber in jeder Hinsicht ein voller Erfolg und ja, es ist so: Man muss diese Produktion unbedingt gesehen haben, die Möglichkeit dazu bietet sich wieder ab 19. Juli 2018.