Frédéric Chopin (1810–1849) Nocturne f-Moll op. 55 Nr. 1
Nocturne Es-Dur op. 55 Nr. 2
Klaviersonate Nr. 3 h-Moll op. 58
Rezension:
Er kommt leicht gebückt auf die Bühne, setzt sich an seinen Flügel und beginnt mit Schumanns Arabeske in C-Dur op. 18. Eine «reizende kleine Nichtigkeit» wurde sie auch schon genannt, «mit leichter Geste hingeworfen». So hätte man sie sich gewünscht, ganz so kam sie aber nicht daher. Da war teilweise etwas Verwaschenes, Unpräzises in Pollinis Spiel, es fehlte an Ausdruck. Dasselbe im Allegro in h-Moll op. 8 und später teilweise auch in der Fantasie C-Dur op. 17. Ab und zu blitzten zwar expressiv-melancholische Momente auf in der Fantasie und Pollini brachte seinen Flügel durchaus zum Singen. Irgendwie wollte dieser Schumann aber nicht auf Touren kommen, es fehlte das Drängende, die Leidenschaft, als entspräche diese Musik nicht mehr ganz Pollinis Lebensabschnitt. Der Funke sprang nicht wirklich, obwohl seine Finger immer noch verblüffend virtuos über die Tasten fliegen, man spürte auch eine ganz leichte Ratlosigkeit im Publikum.
Maurizio Pollini c Cosimo Filippini
Anders im zweiten Teil mit Chopin, wo er sicherer, expressiver und ausgeglichener scheint. Er setzt die zwei Nocturnes op. 55 Nr. 1 und Nr. 2 leicht-luftig in den Saal, reiht die Töne perlend aneinander, kleine Ungereimtheiten fallen weniger auf und es entsteht ein Zwiegespräch zwischen Pollini und Chopin, was auch das Publikum spürt. Da ist mehr Gefühl in den sanften Tönen, eine Leichtigkeit in den Phrasierungen, Chopin geht ihm leicht von der Hand, da versinkt er drin und geht gleichzeitig darin auf. Jetzt ist auch die Spannung da im Publikum, die Stille hat eine ganz andere Qualität und der Applaus ist unendlich viel grösser als nach dem ersten Teil. Mit einer Standing Ovation bedankt sich das Publikum beim Altmeister, mit zwei ausschweifenden Zugaben, ebenfalls von Chopin, bedankt dieser sich beim Publikum und geht danach immer noch leicht gebückt aber mit einem milden Lächeln von der Bühne.
Kuratorin Sara Zeller begrüsst Niklaus (Knox) Troxler im Garten des Sankt Urbanhofes Sursee
Voller Theatersaal mit begeisterten Zuhörern
Irène Schweizer und Pierre Favre
Sie klangzaubern noch immer, als wär die Zeit stehen geblieben, die wohl grössten Ikonen der schweizerischen Jazzszene, die Pianistin Irène Schweizer (*1941) und der Perkussionist Pierre Favre.(*1937), die übrigens, als sie für die Firma Paiste in Nottwil tätig waren, von 1967 bis 1971 beide in Sursee lebten, der Region, aber natürlich besonders auch Niklaus Troxler, dem Gründer des Jazz Festivals Willisau und damit auch Pionier und Wegbereiter für viele Schweizer Jazzmusiker, immer noch eng verbunden sind. Während dieser Zeit gründete Pierre Favre sein Trio, in dem auch Irène Schweizer mitspielte. Jenes Trio bedeutete dann in Willisau 1968 den Wendepunkt zum Freien Jazz.
Und dieser Niklaus Troxler, liebevoll „Knox“ genannt und mittlerweile weltweit unter diesem Namen bekannt, war ja der Grund für dieses, von der Stiftung Somehuus Sursee initiierten und organisierten Gratiskonzertes, für das die Stiftung Stadttheater Sursee ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellte.
Vorgängig traf man sich in den Räumlichkeiten des Surseer Stadtmuseums Sankt Urbanhof zur Vernissage «World Wide Willisau-Retrospektive Niklaus Troxler».
Anwesend waren, nebst Gastgebern und Geehrtem, viel lokale und regionale Prominenz, Weggefährtinnen, dazu die üblichen Verdächtigen und natürlich auch die „Adabeis“.
Warum einem fremden Fötzel aus dem Luzerner Hinterland im doch weit bedeutenderen Bauchnabel der Luzerner Landschaft, dem auch „Versailles von Luzern“ genannten Sursee, so viel Ehre zuteil wurde sei kurz geschildert.
Vorgeschichte:
Somehuus Stiftungsräte von links nach rechts Simon Lipp, Brigitte Buchs, Kurt Schäfer, Emil W. Scherer, Annelies Strobel, Hanspeter Stalder, Lisa Birrer, Paul Tschopp, Edith Budmiger
Als im Jahre 1992 die Renovation des Kleintheaters „Soomehuus“ in Sursee anstand, brachte Werner R. Hess, damaliger Besitzer des Hauses, die Idee aufs Tapet, den, auch in Sursee sehr bekannten, Grafiker und Künstler „Knox“ aus Willisau anzufragen, ob er willens sei, die Fassade des Soomehuusgebäudes neu zu gestalten. Dieser zeigte sich willens und bereit, diese Aufgabe wahr zu nehmen. Seitdem ist dieses, so speziell individuell bemalte Gebäude ein absoluter Hingucker und aus der preisgekrönten Sorser Altstadt nicht mehr wegzudenken. Gestaltet von der Persönlichkeit „Knox“, der als erster noch lebender Schweizer Künstler im MOMA (Museum of Modern Art) in New York ausgestellt wurde. (Was dem MOMA gut genug ist, ist dem Sorser grad recht)
Landläufig heisst es ja bekanntlich: Viele Köche verderben den Brei!
Im Gegenteil kann man aber hier sagen: Wenn in Sursee Stiftungen sich gegenseitig anstiften, kommt es gut, gar sehr gut heraus! ( massgeblich beteiligt an der Retrospektive sind die Stiftung Somehuus, die Stiftung Sankt Urbanhof Sursee, die Stiftung Stadttheater Sursee, dazu die Stadt Sursee, die Stadt Willisau, das Kulturwerk 118 Sursee und die Kantonsschule Sursee)
Und etwas ganz besonders Erfreuliches: Niklaus „Knox“ Troxler ist einer der wenigen Propheten, der auch im eigenen Land etwas gilt, dem verdiente Anerkennung widerfährt und der auch hierzulande Wert geschätzt wird und „nicht bloss“ in der übrigen ganzen Welt.
Start der Vernissage im Sankt Urbanhof
Die Vernissage im Sankturbanhof Sursee war der Auftakt zu den vielfältigen Veranstaltungen vonArt&Jazz. Gleichzeitig wurden auch die Ausstellungen im öffentlichen Raum und im Somehuus eröffnet.
Programm der Vernissage:
Begrüssung: Paul Tschopp, Stiftungsrat Somehuus Sursee
Grusswort der Stadt Sursee: Heidi Schilliger Menz, Stadträtin, Sursee
Grussworte des Städtchen Willisau: Irma Schwegler-Graber, Stadträtin, Willisau
Einführung in die Ausstellung:Sara Zeller, Kuratorin
Mit launigen Worten, gewürzt mit manch persönlichen Anekdoten, taten alle Rednerinnen ihrer Freude kund, über diesen Höhepunkt des diesjährigen Surseer Kulturjahres.
Die Initianten haben ein, mit vielen Rosinen gespicktes Programm, auf die Beine gestellt, das noch bis in den Winter hinein dauert. Wer also an der Vernissage nicht dabei sein konnte, dem bleibt ausreichend Zeit und Gelegenheit, noch die Ausstellungen oder das eine oder andere Konzert zu besuchen. Die Aktivitäten sind auf der Homepage des „Somehuus“ ebenso aufgelistet, wie auf derjenigen des „Sankt Urbanhofes“ und über unten eingefügte Links erreichbar.
Ech wetz scho säge: Schwach, ja gar beschämend, dass fast keine Sorser Künstler anwesend waren, um ihrem, halt etwas bekannteren Kollegen, die Ehre zu erwiesen.
World Wide Willisau - Retrospektive Niklaus Troxler
Nach all den Begrüssungsansprachen widmete man sich dem Aperitif und dem Small Talk, bei dem sich „Knox“ unter die Leute mischte und mit jedem ein paar Worte wechselte, sympathisch, trotz Welterfolgen nicht abgehoben, geerdet wie vor 50 Jahren, als alles begann, seis mit der Kunst und, oder der Musik. Die Leidenschaft für beides ist ihm immer noch eigens, wenn er jetzt, mit eben erreichten 70 Jahren, auch etwas kürzer tritt. So hat er vor ein paar Jahren die Leitung des Jazz Festivals Willisau an seinen Neffen Arno abgegeben, was ihm doch erlaubt, seinen Unruhestand etwas intensiver zu geniessen und statt in der „wide world“, mal im der „small town“ Sursee vorbei zu schauen. Anschliessend dislozierte man ins Stadttheater zum eingangs beschriebenen Konzert.
Impressionen der Vernissage «World Wide Willisau-Retrospektive Niklaus Troxler» Sursee, 19. August 2017 von Annelis Strobel
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893) Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35
Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47
Rezension:
Hutongs of Peking, eine selten gespielte musikalische Dichtung
Long Yu Dirigent
Die selten gespielte musikalische Dichtung Hutongs of Peking (1930/31) von Aaron Avshalomov ist die Hommage eines russischen Komponisten an das Leben in den alten Gassen der chinesischen Hauptstadt. Das Werk war in verschiedener Hinsicht ein passender Auftakt im Rahmen des Themas „Identität“ des Lucerne Festivals. Avshalomov, der 1894 geborene Sohn kaukasischer Juden, wuchs in Nikolajewsk am Amur, weit im Osten Sibiriens auf. Nach seiner Studienzeit am Konservatorium in Zürich und einem Zwischenhalt in den USA lebte er lange Zeit in China, wo er sich mit der traditionellen chinesischen Musik auseinander setzte. In den 1940er Jahren war er Chefdirigent des Städtischen Orchesters Shanghai. Hutongs of Peking ist eine musikalische Betrachtung des asiatischen Lebens, jedoch ganz aus dem Blickwinkel einer westlich-romanischen Symphonik. Es war passend, dass am Konzert gerade das Schanghai Symphony Orchestra unter der Leitung von Long Yu, die musikalische Dichtung im Rahmen eines russischen Programms spielte. Das Orchester entwickelte eine gewaltige Steigerung aus einem Piano heraus. Wuchtige, an russische Symphonik erinnernde Bläsersätze, unterstützten Kantilenen der Geigen, welche in Ganztonskalen den Charakter chinesischer Musik vermittelten. Klangflächen wurden prägnante Rhythmen mit besonderen Instrumenten wie Gongs und Becken entgegengesetzt. Schliesslich verklang die Tonmalerei in einem Piano. Die interessante Kombination musikalischer Elemente wirkte wie eine Reise in eine exotische Welt, erinnerte an westliche Orchestermusik für einen asiatischen Film, aus heutiger Sicht war die Wirkung ein wenig plakativ.
Maxim Vengerov spielte Tschaikowsky grossartig
Maxim Vengerov Solist Violine
Das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 schrieb Pjotr Iljitsch Tschaikowsky nach einem psychischem Zusammenbruch im Jahr 1878 in Clarens am Genfersee, wo er sich zur Erholung befand. Der durchaus glückliche, ja sogar euphorisch gestimmte Grundtenor, der den Charakter des Violinkonzerts ausmacht, zeigt, dass Tschaikowsky während des Komponierens – das Werk entstand innerhalb nur weniger Wochen – seine Lebensfreude wieder gefunden hatte. Nach wenig Akzeptanz bei der Uraufführung gehört es heute zu den beliebtesten und meistgespielten Instrumentalstücken der klassischen Musikliteratur. Die Interpretation von Maxim Vengerov in Zusammenarbeit mit dem Shanghai Symphony Orchestra wurde mit Spannung erwartet.
Trotz aller hohen Erwartungen überraschte Vengerov durch Präsenz, Klangschönheit und den Klangreichtum, den er seiner Stradivari zu entlocken verstand. Sein Spiel war dynamisch und auch die filigranen Passagen waren im ausverkauften KKL gut hörbar, trotz Grösse des Orchesters. Sein Spiel, mal süss, mal zart, mal kraftvoll, überzeugte jeden Moment. Der Kadenz im ersten Satz fügte Vengerov eigene Noten hinzu. Diese und der darauf folgende Einsatz des Orchesters mit der Kantilene der Querflöte waren bewegende Momente. Leider wurden die zahlreichen musikalischen Impulse Vengerovs von Dirigent und Orchester wenig aufgenommen. Die Streicher klangen über lange Strecken dumpf und die Begleitung des Orchesters liess Dynamik und ein bewegliches Zusammenspiel vermissen. Trotzdem war das Violinkonzert ein Erlebnis, welches das Publikum mit stehendem Applaus dankte.
Shostakovitch regt zum Nachdenken an
In der Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47 von Shostakovich schlugen das Schanghai Symphony Orchestra unter der Leitung von Long Yu ein neues Kapitel auf. Im Allegretto, welches reich an Stimmungen, filigranen, auch klein besetzten Passagen und raffinierten Rubati ist, blühten Dirigent und Orchester mit einem Mal auf. Die Musik begann zu atmen, der zuvor bisweilen unflexible Klang war verschwunden, er wurde mit einem Mal sinnlich, mit Tiefe versehen, ohne der Struktur der Musik zu schaden. Das Largo folgte innig, expressiv und bewegend, schuf so einen drastischen Kontrast zum folgenden Allegro non troppo. Die Aktualität der Musik wurde dem Zuhörer bewusst und auch die Wichtigkeit von Shostakovich’s musikalischer Rede in der Gegenwart. Die Musik ist in ihrer Doppelbödigkeit mit keinem Ton geeignet ein autoritäres Regime zu glorifizieren. Der vermeintliche Jubel entpuppt sich als erzwungen. Shostakovich schrieb: „Das ist doch keine Apotheose. Man muss schon ein kompletter Trottel sein, dies nicht zu hören.“
Shostakovitch’s bedeutungsvolle und berückende Musik und die Zugabe eines instrumental gespielten chinesischen Volksliedes, mit dem das Orchester das Programm abrundete, wurden vom Publikum begeistert aufgenommen und mit stehenden Applaus verdankt.
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) Ouvertüre und Auszüge aus der Bühnenmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum opp. 21 und 61
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893) Manfred-Sinfonie h-Moll op. 58
Rezension:
Riccardo Chailly steht mitten in seiner zweiten Saison als Leiter des Lucerne Festival Orchestra und ist, wie man hört, angekommen, geschätzt und unumstritten. Dass er nicht nur das Werk seines Ziehvaters Claudio Abbado fortführt, sondern auch starke eigene Akzente setzt, zeigte das diesjährige Eröffnungskonzert, wo er, zum allgemeinen Erstaunen, ein reines Richard Strauss Konzert darbot (Also sprach Zarathustra, Tod und Verklärung, Till Eulenspiegels lustige Streiche). Vielleicht lebte er so das Motto des diesjährigen Festivals, das schlicht „Identität“ heisst. Chailly erläuterte einmal in einem Gespräch über die Zukunft des Orchesters, er wolle Werke anderer, weniger gespielten Komponisten aufführen als sein Vorgänger, dessen Mahler-Zyklus er letztes Jahr mit der ‘Symphonie der Tausend’ (Chailly widmete diese Claudio Abbado), aber vervollständigte und so dessen Vision umsetzte, die dieser mit dem ‘Lucerne Festival Orchestra’ selbst nicht zu Ende führen konnte.
Folgerichtig stand mit Mendelssohns „Sommernachtstraum“ ein leichteres, mit Tschaikowskys „Manfred Sinfonie“ ein eher düsteres Werk auf dem Programm.
Das Publikum begrüsste den Dirigenten mit viel Applaus, gar Bravorufen, als er die Bühne betrat und sich zu seinem Orchester gesellte.
Der Geniestreich des 17 jährigen Felix Mendelssohn
Am 4. Juli 1826 teilte Felix Mendelssohn seiner Schwester Fanny schriftlich mit: heute oder morgen will ich „midsummernight`s dream“ zu träumen anfangen. So komponierte er die Ouvertüre vom 6. Juli bis 28. August, während die 13 Nummern umfassende Bühnenmusik erst 17 Jahre später entstand. Diese dann im Auftrag von König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen, während Mendelssohns Amtszeit als Generalmusikdirektor in Berlin.
Die musikalische Geschichte von Elfen und Liebenden
Riccardo Chailly, Dirigent c Priska Ketterer
Beginnend mit dem luftigen Klangzauber der Elfenmusik mündet die Ouvertüre ins massiv strahlende, fast etwas herrisch interpretiert, bis die Bläser die aufgebrachte Streichersektion wieder beruhigen und sich alles harmonisch vereint. Im folgenden Scherzo lässt der Dirigent die Streicher eingangs hüpfen, rhythmisch harmonisch das Motiv aufbauen, bevor die G Moll Tonart auch etwas bedrohlichere Töne hervorbringt, schliesslich sind auch Elfen nicht immer nur freundlich gesinnt. Das darauffolgende „Intermezzo“ versinnbildlicht die Irrungen und Wirrungen der Liebenden in fast Schumann`scher Melodik und mutet recht simpel an. Dies im Gegensatz zum romantischen „Notturno“ das sphärisch dicht das Innenleben der Liebenden widergibt, bis sich bei der Hochzeit von Theseus und Hippolyta im „Hochzeitsmarsch“ alles entlädt.
Ein gefundenes Fressen in Form von Tönen für die Trompeter um Reinhold Friedrich und die andern Bläser dieser „Marsch“, den Chailly majestätisch durch den Konzertsaal paradieren lässt und bei dem das Orchester aus den Vollen schöpfen kann. Das Auditorium beklatschte diese Demonstration heftig, durchsetzt mit einzelnen Bravorufen und beorderte so den Dirigenten noch einige Male auf die Bühne zurück. Sonderapplause gab es dann auch noch für die einzelnen Sektionen, also Bläser, Schlagwerke, Streicher abgerundet nochmals von einem Applaus fürs Gesamtorchester.
Tschaikowskys „Manfred Sinfonie“ im zweiten Konzertteil
Der Komponist hatte ein zutiefst gespaltenes Verhältnis zum Stoff von George Gordon Lord Byron, das in vollständiger Form erstmals im Juni 1817 erschien. Es zählt zu den wichtigsten Werken nicht nur Byrons, sondern der ganzen Romantik.
Die Grobskizzierung zu „Manfred“ erstellte Tschaikowsky anlässlich des Besuches seines schwer lungenerkrankten Freundes und ehemaligen Geliebten Jossif Kotek auf dem „Zauberberg“ in Davos. Erst im April 1885 dislozierte er in sein Sommerhaus in Maidanowo bei Klin und begann mit der Arbeit an der Sinfonie, zu der ihn sein Kollege Mili Balakirew bereits im Herbst 1882 angeregt hatte. Dieses intensive Schaffen dauerte bis im September, dann war das Werk fertig und wurde am 11. März 1886 in Moskau uraufgeführt. Diese Zerrissenheit des Komponisten widerspiegelt sich in der gesamten Partitur und folgt nicht unbedingt genau der Vorlage. So gestaltete er für das Finale eine religiöse Bedeutung und der Tod Manfreds wird umgedeutet. Viel weist darauf hin, dass Tschaikowsky sich mit dieser Auslegung selbst eine Art Absolution erteilen will, gab er sich doch an vielem eine Mitschuld, was in seiner nahen Umgebung traurig dramatisches geschehen war. ( zum Beispiel der Tod von Eduard Sack, eines ehemaligen Schülers, der sich mit 19 Jahren das Leben nahm)
Präzisionsarbeit in höchster Vollendung
Es gelang Riccardo Chailly, diese Nuancen heraus zu arbeiten, ohne die Dramatik zu überreizen. Zu Beginn verleiht das dunkle Leitmotiv mit den Dissonanzen dem Helden die musikalische Identität, die fast schmerzlich herausmodelliert wird, bevor sich eine expressive Phrase voller Streicher und eine obsessiv kreisend bohrende Triolenfigur dazu fügt. Der Chefdirigent verfügt mit dem „Lucerne Festival Orchestra“ über einen einmaligen, kongenialen Klangkörper, der die Intuitionen des Chefs eins zu eins umzusetzen weiss, sei es im Gesamtbild, wie auch in Solopassagen, wo sich besonders die Bläser in Szene setzen konnten und brillierten. In den bildhaft breit ausgemalten Mittelsätzen schälte Chailly gar die Harfen fein heraus, ohne dass sich das Orchester zu sehr zurücknehmen musste. Präzisionsarbeit in Vollendung. Eindrücklich das Finale mit den Orgelklängen die Tschaikowsky als eine Art Fanal dem Orchester zufügte.
Das Auditorium würdigte die Protagonisten mit langanhaltendem stürmischen Applaus und einzelnen Rufen wie. Bravo Maestro! Zu einer „Standing Ovation“ reichte es aber nicht ganz.
Fazit des Konzertes in Bezug zum angestrebten Richtungswechsel
Ein sehr schönes, solides und ausgewogenes Konzert, aber (noch) nicht das berauschende Erlebnis mit dem Aha Effekt. Man wird sehen, vor allem hören, ob Chailly und das Orchester es unbeschadet schaffen, diese Neuausrichtung voll und schlussendlich erfolgreich durchzuziehen. Die Voraussetzungen dafür sind vielversprechend, ist doch das treue Lucerne Festival Publikum immer offen für Neues, aufgeschlossen und neugierig gegenüber Innovationen, zumindest solange diese nicht total revolutionär oder gar verstörend sind.
Die bewährten Klassiker fallen ja nicht aus dem Festival Programm, sondern werden weiterhin von Gastorchestern immer noch interpretiert. So ist halt jeder auf der Suche nach seiner Identität, die im Falle des Lucerne Festival Orchestra eine etwas neue vielschichtigere werden soll. Später wird man sehen, vielmehr hören, ob es Riccardo Chailly gelingt, seine Mitmusiker auf den, von ihm angestrebten differenzierten Weg zu führen und so, nach der „Ära Abbado“, eine „Ära Chailly“ zu etablieren. Die Akzente sind gesetzt, die Fixpunkte klar markiert, die Duftmarke platziert. Bleibt abzuwarten, ob die Lucerne Festival Academy unter seinen Leitern Wolfgang Rihm und Matthias Pintscher den Intentionen des Maestro folgt und ihre Musiker mit entsprechenden Werken so vorbereitet, dass später eine nahtlose Integration gewährleitet ist. Spätestens in Derr nächsten, also dritten Saison, wird Riccardo Chailly die Karten ganz auf den Tisch legen müssen, ober er den totalen Umbruch will, oder zwischendurch sicherheitshalber doch ab und zu auf altbewährtes zurückgreift.