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Festival Strings Lucerne «Lust & Fantasie», KKL Luzern, 15.3.2022, besucht von Léonard Wüst

Rudolf Buchbinder spielte Haydn Mozart und Schumann im KKL Luzern
Rudolf Buchbinder spielte Haydn Mozart und Schumann im KKL Luzern

Besetzung und Programm:
Rudolf Buchbinder – Klavier & Leitung
Festival Strings Lucerne

J. HAYDN
Klavierkonzert Nr. 11 D-Dur Hob XVIII:11

W. A. MOZART
Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467

R. SCHUMANN
Klavierkonzert a-Moll op. 54

Rudolf Buchbinder, vor allem als der grosse Beethoveninterpret bekannt, für einmal mit Klavierkonzerten von grad drei anderen Komponisten, eine überaus reizvolle Konstellation.

1. Haydn Klavierkonzert Nr. 11 D-Dur Hob XVIII:11

Für das erste der programmierten Werke machten sich die «Strings» in schlanker Besetzung auf der Bühne bereit, also nur Streicher, keine Bläser. Im Unterschied zu Mozart war Haydn kein Klaviervirtuose. Zwar leitete er seine Orchesterwerke vom Cembalo aus und trug auch seine Klaviersonaten vor, doch der Ehrgeiz des konzertierenden Pianisten lag ihm fern. So sind uns von Haydn “nur” drei Klavierkonzerte erhalten. Das Konzert für Klavier und Orchester in D-Dur Hob. XVIII:11 ist aufgrund seiner eingängigen, frischen Melodik, seiner harmonischen Feinheiten sowie seiner klaren Architektur in der klassischen Konzertform sein meistgespieltes Klavierkonzert. Trotz des hohen Bekanntheitsgrades sind weder Entstehungsjahr noch -anlass bekannt.

Joseph Haydn gilt als Vater der europäischen Klassik

Ein geheimnisvoller Hauch umweht den »Vater der europäischen Klassik«: Joseph Haydns Lebensumstände und seine Persönlichkeit sind nur lückenhaft überliefert. Seinem offenbar weitgehend skandalfreien Leben steht eine unglaubliche Schaffensdichte gegenüber, die von einem ganz dem musikalischen Wirken gewidmeten Leben zeugt. In seinen Werken kommt eine vollendete Formensprache zum Ausdruck, die durch tiefes, aber kontrolliertes Gefühl geleitet ist und dadurch zu einer als rein empfundenen Schönheit findet. Weltweit berühmt sind viele seiner mehr als einhundert Symphonien, seine Streichquartette und geistlichen Werke – sowie seine vielgepriesene musikalische Gewitztheit.

Sein Klavierkonzert D-Dur, das als sein elftes gezählt wird, entstand 1782 und ist das einzige dieser Gattung, das bis heute immer wieder aufgeführt wird. Drei Sätze umfasst das gut 20 Minuten lange Werk. Der Beginn ist mit einem Vivace beinahe ausgelassen-heiter gestimmt, allerdings mischen sich in die Thema-Bearbeitungen und -Wiederholungen auch angedunkelte Moll-Abschnitte. Von Parodie kann in diesem Konzert keine Rede sein, vielmehr gelingt es Buchbinder, eine Heiterkeit (ohne zweite Ebene) zu erzeugen, indem er für manche spielerischen Ornamente sorgt. Im Mittelteil »Un poco Adagio« findet er zu einer beinahe romantischen Klangwelt. Und das abschließende »Rondo all’Ungarese« arbeitet mit Zitaten – wie der Name schon sagt – aus der ungarischen Musikschatztruhe. Diese Herkunft ist unüberhörbar. Allerdings handelt es sich auch hier keinesfalls um Parodien, sondern eher um eine wertschätzende Überführung aus dem ost- in den mitteleuropäischen Kulturraum. Wenn uns das erheitert, schmunzeln wir nicht über, sondern mit der Musik. In bester Stimmung, zügig und mit grosser Spielfreude intonierten Buchbinder und die FSL Haydns Komposition, sehr zur Freude des gutgelaunten Publikums im sehr gut besetzten Konzertsaal und durften dafür auch einen langanhaltenden Applaus ernten.

2. A. MozartKlavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467

Das Logo derFestival Strings Lucerne
Das Logo derFestival Strings Lucerne

Für Mozart gesellte sich jetzt auch die Bläsersektion zu den Streichern und die wurden denn auch reichlich beschäftigt. Mozart locker vom Hocker. Was bei anderen Pianist*innen manchmal eher nach Arbeit aussieht, wirkt bei Rudolf Buchbinder immer elegant, irgendwie spitzbübisch spielerisch entspannt.

Wie schon das Klavierkonzert Nr. 20, gehört das Klavierkonzert Nr. 21 zu den sogenannten sinfonischen Konzerten, denn der orchestrale Part ist hier von großer Bedeutung. Das Klavierkonzert in C-Dur schuf Mozart in nur 4 Wochen nach der Vollendung des d-Moll Konzertes. Eine Probe musste genügen, um das neue Werk am 10. März 1785 – mit Mozart als Solisten – zur ersten Aufführung zu bringen.

Die Proportion von Soloinstrument und Orchester wird zugunsten des Letzteren verändert. Das Orchester bekommt durch längere Zwischenspiele mehr musikalisches Gewicht. Das Hauptthema liegt beim Orchester und nicht beim Soloinstrument. Auch die Orchesterbesetzung ist größer.
Insgesamt ist es ein heiteres Werk, in dem mit relativ einfacher Melodik eine differenzierte Komplexität entwickelt wird. Das Soloinstrument scheint sich immer wieder unabhängig machen zu wollen und wird dann in das Gesamtgeschehen integriert. Der erste Satz trägt die Überschrift “Allegro maestoso” – und erfüllt die damit verbundenen Erwartungen auf ganzer Linie. Das prächtige Hauptthema wird zuerst vom Orchester in unterschiedlicher Form – kammermusikalisch, orchestral und kontrapunktisch – wiederholt, bis es dann vom Klavier aufgenommen wird. Die unterschiedlichen Motive innerhalb des Klavierkonzerts sind miteinander im Einklang: wie er auch seinen Opern eine perfekte Dramaturgie unterlegt hat, so hat es Mozart auch hier wieder verstanden, alles zu einem homogenen Ganzen zusammenzuführen. Im dritten Satz findet man dafür ein besonderes Beispiel: Hier verbindet Mozart das Thema des Rondos über ein zweites neues Thema mit dem Thema des Sonatenhauptsatzes. Das Klavier kann sich ganz der Spielfreude hingeben und doch entsteht eine Gleichstimmigkeit des Soloinstrumentes mit dem Orchester.

Buchbinder moduliert die Kanten und Brüche

Die Qualität dieses Mozartspiels liegt allerdings ohnehin nicht in der Duftigkeit mühelos hin geperlter Sechzehntel Schleppen. Buchbinder sucht nach Kanten und Brüchen in dieser virtuos parlierenden Partitur. Manchmal – etwa im choralhaften Abgesang des Finale-Seitengedankens – opfert er die oft so konfliktlos dargebotene Schönheit einer etwas heiklen, eigenwilligen Phrasierung. Der Mittelsatz, oft missbraucht, fließt bei ihm aber in bewunderungswürdig schlichtem, ungekünsteltem Gesang. Im Zusammenspiel mit dem Orchester waren besonders die superben Dialoge der Fagotte mit dem Solisten herausragend.

Das Auditorium war begeistert ob so viel Rasse und Klasse und beschenkte die Darbietenden mit einer wahren Applauskaskade, bevor man sich hochzufrieden in die Foyers zur Pause begab, wo jetzt auch wieder, «Corona fast vorbei sei Dank», Pausengetränke gereicht wurden .

2. Konzertteil R. Schumann Klavierkonzert a-Moll op. 54

Rudolf Buchbinder - Klavier & Leitung
Rudolf Buchbinder - Klavier & Leitung

Da scheint sich, beim Intro, auch Consuelo Velázquez die Komponistin von «Besame mucho» bedient zu haben. Dann, ganz zu Beginn unvermittelt eine Kaskade von Akkorden, die nur hier in dieser Form erscheint, es folgt eine unvergessliche Melodie, die gleich vorherrschend wird und aus der sich fast alles Folgende entwickeln wird: Der Beginn von Schumanns einzigem Klavierkonzert ist spektakulär. Darf man vielleicht die feurigen Akkorde zu Anfang dem lebhaften Florestan in Schumann zuordnen, das beherrschende Hauptthema aber Clara? Oder kann man den langsamen Teil (andante espressivo) des Kopfsatzes als Liebesduett deuten? Wird der unstete Florestan endlich von der sanften Clara sozusagen gezähmt? Vielleicht, vielleicht auch nicht, reizvoll sind solche Spekulationen allemal. Die Entstehung dieses erzromantischen Konzerts ist jedenfalls einigermaßen unromantisch verlaufen, es wurde keineswegs in einer einzigen kurzen, intensiven und inspirierten Arbeitsphase geschaffen. Begonnen wurde es 1841 etwa ein halbes Jahr nach der Hochzeit der Schumanns und zwar als einsätzige Fantasie mit jenem eigenen langsamen Mittelteil, dem “Liebesduett”, und einem eigenen Finale. In dieser Form konnte das Stück weder aufgeführt noch verlegt werden, der Markt verlangte unerbittlich dreisätzige Konzerte. 1845 fügte Schumann nahtlos zwei weitere Sätze an: das traumhaft schöne Intermezzo und das ohne Pause folgende optimistische, vorwärtsdrängende Finale (allegro vivace). Insgesamt war das Werk jetzt etwa doppelt so lang geworden. Die Uraufführung war im Dezember 1845 in Leipzig, natürlich mit Clara am Flügel.

Keine Komposition für eitle Egomanen

Das Konzert ist von Schumann sehr bewusst nicht für mehr oder weniger eitle Virtuosen geschrieben worden und Liszt z.B. hat es anfangs deswegen auch nicht spielen wollen. Vielleicht noch mehr als Beethovens Violinkonzert, dem es in diesem Punkte ähnelt, setzt dieses Klavierkonzert auf den Dialog zwischen dem Solisten und dem Orchester. Beide Seiten müssen sehr aufmerksam und flexibel sein. Zeitweise vertauschen sich die Rollen, wenn das Klavier das Orchester begleitet. Anderswo wird es richtiggehend kammermusikalisch, wenn das Klavier mit einzelnen Instrumenten aus dem Orchester Zwiegespräche hält. Die Zeitgenossen nahmen sehr wohl wahr, dass Schumann neue Wege ging, auch wenn sein Konzert wiederum in einer Tradition steht und er Anregungen von Beethoven (3.Klavierkonzert), Mendelssohn, Schubert und Bach bezog.

Auch im Zusammenhang mit diesem Konzert sind Schumann Schwächen bei der Orchestrierung vorgeworfen worden. Ganz unberechtigt sind sie nicht, viel Erfahrung hatte er nicht, als er mit der ursprünglichen Fantasie begann. Vielleicht macht es sogar den besonderen Charme dieses Meisterwerks aus, dass es eben nicht ganz perfekt ist, sondern ein wenig grün und jugendlich geblieben ist. Und im Ganzen jugendlich frisch sollte es meiner Meinung nach gespielt werden und eben nicht schmalzig-schmachtend bis hin zur völligen Gedankenverlorenheit und Lethargie. Bruno Walter (“Von der Musik und vom Musizieren”) hat z.B. auf eine unselige Aufführungstradition hingewiesen, die bis zum heutigen Tage nicht ausgerottet ist: Nach den fallenden Akkorden ganz zu Anfang wird das Tempo für das “Clara-Thema” gewöhnlich sofort gedrosselt, obwohl das in der Partitur überhaupt nicht so notiert ist. Erst sehr viel später wird das Thema langsamer verlangt, ein Kontrast geht also dann entweder verloren oder es muss wiederum noch langsamer, noch schmachtender gespielt werden … Ein wenig Schmachten, ein wenig Sehnsucht muss sein, aber nicht im Übermaß. Auch unbändige Lebenslust und Drama haben hier ihren Platz, und wie sich zeigt, sind diese verschiedenen Elemente in diesem Konzert nicht einfach im Gleichgewicht zu halten. Der Solist bewegte sich mit schlafwandlerischer Sicherheit und Grandezza durch die Partitur.

Nie zu viel Schmelz oder gar Wiener Schmäh

So macht er in seiner unprätentiösen Art trotz allen romantischen Schwungs und Überschwangs nie eine überkandidelte Diva aus dem Stück (was man sonst leider verhältnismäßig oft erleben kann). Der gebürtige Wiener gehört nicht zu den Interpreten, für die ‚Romantik‘ eine Art permanente Ekstase bedeutet. Zwar werden die unterschiedlichen Affektlagen von ihm mit aller Deutlichkeit aufgezeigt (auch ihre Brüche und plötzlichen Wechsel). Er begeht allerdings nie den Fehler, es zu ‚überschminken‘ und dadurch Gefahr zu laufen, Schumann in seinem Gefühlsüberschwang der Lächerlichkeit preiszugeben. Insgesamt ist das eine sehr starke, sehr emotionale Interpretation, aber vollständig frei von ‚künstlicher Aufregung‘ und gerade deshalb in ihrer Empfindsamkeit glaubwürdig. Das hat überhaupt nichts ‚Ranschmeißerisches‘ an sich, übertrieben Heroisches oder gar Martialisches, wie man das öfter hören kann. Gleichzeitig wirkt die Interpretation trotz aller Brüche im Stück sehr organisch. Es gibt also nicht lediglich einen Wechsel von Affekten, sondern einen durchdachten Aufbau, der am Ende klar macht, dass es sich trotz aller Überraschungen im Stück um ein ‚Großes Ganzes‘ handelt.

Perfekte Tempovariierung durch den Pianisten

Buchbinder weiß immer sehr genau, wo man bremsen und wo er ein bisschen Gas geben muss, um das Ganze zum Strömen zu bringen. So passiert es ihm beispielsweise nie, dass er erst mit großer Agogik Spannung aufbaut, um dann im entscheidenden Moment durch eine unbedachte Verzögerung (oder – je nachdem – eine fehlende Verzögerung) die ganze Dramatik sinnlos verpuffen zu lassen. Der Solist ist vollkommen frei von dieser ‚Verlegenheits-Agogik‘, die man manchmal bei Pianisten beobachten kann, die sich über die Konstruktion eines Stückes nicht übermäßig intensiv den Kopf zerbrochen haben, aber ‚gefühlsmäßig‘ etwas unternehmen wollen – und es dann ausgerechnet an den ‚falschen‘ Stellen tun, und der ganze Aufbau dann kollabiert. Diese perfekte Umsetzung gelingt natürlich auch dank der Unterstützung des ausgezeichneten Orchesters, welches auf Augen- respektive Ohrenhöhe mit dem österreichischen Altmeister agiert. Besonders auffallend auch der Dialog der Oboen mit dem Piano.

Der stürmische Schlussapplaus ging nahtlos in eine stehende Ovation über, sichtlich genossen von den Protagonisten auf der Bühne.

Eine Zugabe gewährte uns der Tastenzauberer aber nicht, irgendwie verständlich, ist doch so ein Marathon sowohl mental, aber auch körperlich äusserst anspruchsvoll, vor allem auch, wenn man Buchbinders 76 Lebensjahre noch mit berücksichtigt.

Es sind solche Konzertperlen, die den Schmerz aller Klavierliebhaber über den Verlust des seit drei Jahren aus dem Programm gestrichenen Lucerne Festival am Piano, etwas mindern. P.P. Buchbinder negierte mit dieser grandiosen Demonstration, der «ewige Beethoveninterpret» zu sein.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: Fabrice Umiglia   https://www.fsl.swiss/

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Rudolf Buchbinder und die Festival Strings Lucerne geniessen den verdienten Schlussapplaus
Rudolf Buchbinder und die Festival Strings Lucerne geniessen den verdienten Schlussapplaus
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Tag der Megalithkultur: Natur und Mensch kündigt neue App an

Das Landesmuseum Natur und Mensch entwickelt eine Augmented-Reality-App,
mit der die Besuchenden eine virtuelle Verbindung zwischen den
Kleinenknetener Großsteingräbern und der Nachbildung in der
Dauerausstellung herstellen können. Die App soll Ende des Jahres
fertiggestellt sein und den Namen "mega!lith 3D" tragen. Sie wird
entwickelt im Rahmen von „dive in. Programm für digitale Interaktionen“
der Kulturstiftung des Bundes, gefördert durch die Beauftragte der
Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im Programm NEUSTART KULTUR.

Den Europäischen Tag der Megalithkultur am Sonntag, 24. April, nimmt das
Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg zum Anlass, um die Pläne für eine
neue App zu verkünden, die Ende des Jahres an den Start gehen soll: Mit
„mega!lith 3D“ sollen die Besuchenden im Museum zukünftig die Nachbildung
einer Großsteingrabkammer noch intensiver erleben, indem sie mittels
Augmented Reality (dt. „erweiterte Realität“) das Original aus
Kleinenkneten ins Museum holen.

In Kleinenkneten bei Wildeshausen stehen zwei Großsteingräber aus der
Jungsteinzeit, die circa 3500 bis 2800 v. Chr. entstanden sind. Im Natur
und Mensch steht als Teil der Ausstellung „Geest“ eine Nachbildung einer
Grabkammer. Außerdem werden archäologische Sammlungsobjekte präsentiert,
die bei den Großsteingräbern gefunden wurden. Das Museum war in den 1930er
Jahren für die Erforschung der Grabanlagen verantwortlich.

„Mit ‚mega!lith 3D‘ steigern wir das Besuchserlebnis enorm. Wer die App
nutzt, wird auf dem Bildschirm Hintergrundinformationen abrufen können,
die mehr Kontext zur Megalithkultur liefern“, verspricht Steffen Pilney,
Projektkoordinator am Natur und Mensch. Ein 3D-Modell des Originals wird
in der App über die Nachbildung gelegt, sodass sich die Besuchenden
virtuell in der Grabkammer, wie sie in Kleinenkneten vorzufinden ist,
bewegen können. „Die Faszination, die von der Megalithkultur ausgeht, wird
hier im Museum mit der Betrachtung in der erweiterten Realität noch
deutlicher erkennbar“, so Pilney.

Die App wird aktuell von den Agenturen polyform und DroidSolutions
entwickelt. Die dafür notwendigen Daten liegen bereits durch das Projekt
„Modelldigitalisierung 3D von Natur- und Kulturgut Oldenburg (MoDi)“ in
Zusammenarbeit mit der Jade Hochschule Oldenburg vor. Ein vollständiger
3D-Scan der entsprechenden Grabkammer wurde im Rahmen des Projektes
erstellt und steht nun für die Nutzung in der App zur Verfügung.

Die App „mega!lith 3D“ wird entwickelt im Rahmen von „dive in. Programm
für digitale Interaktionen“ der Kulturstiftung des Bundes, gefördert durch
die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im
Programm NEUSTART KULTUR. Geplant sind Vermittlungsangebote speziell für
Schulklassen, aber auch für Besuchende jeden Alters, ob mit oder ohne
Vorerfahrung. Außerdem sind mehrere Veranstaltungen geplant, die die
Megalithkultur thematisieren. Voraussichtlich im Herbst soll die Anwendung
für die Besuchenden nutzbar sein.

Das Landesmuseum Natur und Mensch ist Mitglied im Verein Megalithic
Routes, der seit 2013 jedes Jahr den Europäischen Tag der Megalithkultur
begeht, um ihren hohen allgemeinen Wert und ihre Besonderheiten zu
verdeutlichen. 2022 lautet das Motto „Megalithische Denkmaler als Archive
des alltäglichen Lebens“. Die Kleinenknetener Steine sind Teil der „Straße
der Megalithkultur“, die als niedersächsischer Abschnitt der „European
Route of Megalithic Culture“ 33 archäologische Stationen mit mehr als 70
Megalithanlagen verbindet. Die 310 Kilometer lange Route verläuft von
Osnabrück über Cloppenburg nach Wildeshausen und Oldenburg.

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Eine kalorienarme Diät verändert das Darmmikrobiom und die Immunalterung

Eine kalorienreduzierte Ernährung kann nicht nur die Entstehung von
Stoffwechselerkrankungen hinauszögern, sondern hat auch eine positive
Wirkung auf das Immunsystem. Forscher:innen konnten jetzt erstmals zeigen,
dass dieser Effekt über ein verändertes Darmmikrobiom* vermittelt wird,
das die Verschlechterung des Immunsystems im Alter (Immunseneszenz)
verlangsamt. Die Studie ist in Microbiome erschienen.

Weltweit sind etwa 2 Mrd. Menschen übergewichtig. Adipositas erhöht das
Risiko, an Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Diabetes mellitus Typ 2 zu
erkranken und kann Entzündungen im Körper verursachen, die das Immunsystem
durch die Zunahme von bestimmten T- und B-Gedächtniszellen schwächen. Der
Prozess wird als Immunseneszenz bezeichnet, eine altersbedingte
Veränderung des Immunsystems. Bei adipösen Menschen lässt sich die
Entwicklung von Stoffwechselkrankheiten wie Typ-2-Diabetes durch eine
Ernährung mit wenig Kalorien hinauszögern. Zudem wirkt sich eine solche
Diät auch positiv auf das Immunsystem aus. Doch wie genau die positiven
Effekte vermittelt werden und welche Rolle das Darmmikrobiom dabei spielt,
ist bisher nicht bekannt. In einer aktuellen Studie** haben Forscher:innen
jetzt die Wechselwirkungen zwischen kalorienreduzierter Ernährung,
Mikrobiom, Stoffwechsel und dem Immunsystem untersucht.

Kalorienreduzierte Diät verändert das Darmmikrobiom
Dafür analysierten sie zunächst, wie sich eine sehr kalorienarme Diät (800
kcal/Tag über 8 Wochen) auf das Darmmikrobiom einer fettleibigen Frau
auswirkt. Im nächsten Schritt transplantierten die Forscher: innen das
Darmmikrobiom vor und nach der Diät in ein Modell, in dem keine
Mikroorganismen vorhanden sind (gnotobiotisches Modell). „So konnten wir
die alleinigen Effekte des diätgeprägten Darmmikrobioms auf den
Stoffwechsel und das Immunsystem ermitteln“, erläutert Reiner Jumpertz-von
Schwartzenberg, Letzt-Autor der Studie und Wissenschaftler am Institut für
Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Helmholtz Munich an
der Universität Tübingen, einem Partner des Deutschen Zentrums für
Diabetesforschung (DZD). Er leitete gemeinsam mit Hans-Dieter Volk und
Joachim Spranger von der Charité die Studie.

Diätgeprägtes Mikrobiom verbessert den Stoffwechsel und verzögert
Immunseneszenz
Durch die Transplantation des diätgeprägten Mikrobioms verbesserte sich
der Glukosestoffwechsel und die Fettablagerung wurde reduziert. Zudem
konnte massenzytometrisch gezeigt werden, dass sich auch die Anzahl
bestimmter T- und B-Gedächtniszellen reduzierte. „Das weist auf eine
verzögerte Immunseneszenz hin“, erläutert Julia Sbierski-Kind, Erstautorin
der Studie.

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die positiven Auswirkungen einer
kalorienarmen Ernährung auf den Stoffwechsel und das Immunsystem über das
Darmmikrobiom vermittelt werden“, fasst Sbierski-Kind zusammen. Die
Autoren der Studie betonen jedoch, dass die Untersuchung bislang nur mit
dem Mikrobiom eines Menschen durchgeführt wurde und dass die Experimente
mit weiteren Probanden wiederholt werden müssen, um die Ergebnisse zu
bestätigen. Die neuen Erkenntnisse könnten langfristig auch für die
medizinische Praxis interessant sein. „Ein verbessertes Verständnis des
komplexen Zusammenspiels zwischen Ernährung, Mikrobiom und Immunsystem
kann die Grundlagen für die Entwicklung neuartiger mikrobiombasierter,
therapeutischer Optionen für die Behandlung von Stoffwechselkrankheiten
und Immunkrankheiten legen“, betont Jumpertz-von Schwartzenberg.

* Darmmikrobiom
Als Darmmikrobiom wird die Gesamtheit aller Mikroorganismen und
Darmbakterien in unserem Verdauungstrakt bezeichnet. Es beeinflusst u.a.
das Immunsystem und den Stoffwechsel seines Wirts.

**Über die Studie:
Ziel der Studie war es, die Wechselwirkungen zwischen kalorienreduzierter
Ernährung, Mikrobiom und dem Immunsystem zu ermitteln. Dazu wurde ein
menschlicher Ernährungsinterventionsversuch mit gnotobiotischen
Experimenten kombiniert, bei denen die Immunphänotypisierung mittels
multidimensionaler Einzelzell-Massenzytometrie bestimmt wurde. An den
Untersuchungen waren folgende Institute und Forschungseinrichtungen
beteiligt:
Deutsches Zentrum für Diabetesforschung (DZD e. V.)

Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des
Helmholtz Munich an der Universität Tübingen

Abteilung für Innere Medizin IV, Universitätsklinikum Tübingen

Exzellenzcluster EXC 2124 „Controlling Microbes to Fight Infections“
(CMFI), Universität Tübingen

Institut für Medizinische Immunologie, Charité - Universitätsmedizin
Berlin, korporatives Mitglied der Freien Universität Berlin, Humboldt-
Universität zu Berlin, Berlin, Deutschland

Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Charité-Universitätsmedizin
Berlin,
korporatives Mitglied der Freien Universität Berlin, Humboldt-Universität
zu Berlin

Berliner Institut für Gesundheit der Charité - Universitätsmedizin Berlin,
Flow & Mass Cytometry Core Facility, Berlin

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Wohngebäude an Sommerhitze anpassen – Weiterbildung in Erfurt und Dresden zeigt, wie es geht

Lange Hitzeperioden im Sommer werden auch für den Wohnungsbestand in
Mitteldeutschland zunehmend zur Herausforderung. Doch Baustruktur und
Gebäudetechnik lassen sich wirksam und wirtschaftlich anpassen und die
Lebensqualität dadurch sichern. Das haben Untersuchungen im
Forschungsprojekt HeatResilientCity (deutsch: Hitzeangepasste Stadt)
gezeigt. In einer Weiterbildungsreihe vermittelt das Projektteam nun
dieses Wissen an die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. Die ersten
Seminare finden am 19. Mai in Erfurt und am 13. Juni in Dresden statt.
Weitere Schulungen folgen im Herbst.

Die ersten Termine der Weiterbildung „Hitzeanpassung im Wohnungsbestand:
wirksam, kosteneffizient, bestandsaufwertend“ werden in Kooperation mit
dem Verband Thüringer Wohnungs- und Immobilienwirtschaft e. V. bzw. dem
Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e. V. angeboten. Sie richten
sich an Beschäftigte von genossenschaftlichen und kommunalen
Wohnungsunternehmen, die zum Beispiel verantwortlich sind für Bauplanung,
Ausschreibung, Instandhaltung oder Immobilienverwaltung.

Am Beispiel verschiedener Gebäudetypen, die in Mitteldeutschland weit
verbreitet sind, wird das Projektteam zum einen darstellen, welche
Schwachstellen die Häuser aufweisen und welche Auswirkungen lange
Hitzeperioden auf das Innenraumklima haben können. Zum anderen erläutern
die Referentinnen und Referenten, wie sich die Gebäude wirksam,
wirtschaftlich und klimaschonend anpassen lassen – etwa durch
Veränderungen der Baustruktur oder bei der Gebäudetechnik. Ein weiteres
Augenmerk liegt auf den Bewohnerinnen und Bewohnern der Gebäude selbst.
Denn auch sie können an heißen Sommertagen einiges dafür tun, dass sich
Wohnräume nicht so stark aufheizen. Dieser Teil der Veranstaltung richtet
sich daher vor allem an Personen, die Mietparteien betreuen oder für die
Kommunikation mit diesen zuständig sind.

Die Seminarreihe soll aufzeigen, wie klug umgesetzte bauliche Maßnahmen
gepaart mit Änderungen im Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner zu
einer geringeren Überhitzung von Wohngebäuden führen können. Die Teilnahme
an der Weiterbildung ist kostenpflichtig. Termine für Beschäftigte in
Architektur- und Ingenieurbüros mit Planungs-, Bauüberwachungs- und
Bauherrenaufgaben sowie in Hausverwaltungen sind für September und Oktober
2022 in Planung.

Über HeatResilientCity

Seit Oktober 2017 erforschen im Projekt HeatResilientCity Partner aus
Wissenschaft und Praxis, wie sich dicht bebaute Stadtquartiere und die
dort lebende Bevölkerung nachhaltig vor Sommerhitze schützen lassen. In
den Blick genommen hat das Projektteam dabei sowohl Gebäude als auch
Freiflächen. Wichtig war außerdem der Austausch mit den Bewohnerinnen und
Bewohnern in den beiden untersuchten Stadtquartieren in Erfurt und
Dresden. In Phase II geht es nun darum, das generierte Wissen, passgenau
an Praktikerinnen und Praktiker zu vermitteln. Im Dezember 2021 wurde der
Projekt-Verbund mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis Forschung 2022
ausgezeichnet.

HeatResilientCity wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
(BMBF) als Vorhaben der „Leitinitiative Zukunftsstadt“ im Themenbereich
„Klimaresilienz durch Handeln in Stadt und Region“ gefördert. Neben dem
Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden gehören
zum Projektverbund: das Institut für Stadtforschung, Planung und
Kommunikation der Fachhochschule Erfurt (ISP), das Institut für Hydrologie
und Meteorologie der Technischen Universität Dresden, die Hochschule für
Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden, das Umweltamt der Landeshauptstadt
Dresden, das Umwelt- und Naturschutzamt der Landeshauptstadt Erfurt sowie
in Phase I die Eisenbahner-Wohnungsbaugenossenschaft Dresden und in Phase
II das Amt für Gesundheit und Prävention der Landeshauptstadt Dresden.

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