Forschungsprojekt Reallabor Eckernförde zieht erste Bilanz nach
einjährigem Dialog mit Interessengruppen aus der Region
Im Zeitraum zwischen April 2021 und März 2022 hat das von der Deutschen
Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderte Projekt „Reallabor Eckernförder
Bucht 2030“ unter Leitung des Center for Ocean and Society an der
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) einen intensiven Dialog
zwischen Forschungsgruppen und unterschiedlichen gesellschaftlichen
Akteurinnen und Akteuren rund um die Eckernförder Bucht aufgebaut. Mit dem
wissenschaftlichen und praktischen Ansatz eines Reallabors wurden
verschiedene Lösungsvorschläge erarbeitet, um den ökologischen Zustand der
Ostsee in der Region zu verbessern. Fischer, Landwirte, Fachleute aus
Tourismus und Anbieter von Wassersportaktivitäten haben sich ebenso
eingebracht wie Expertinnen und Experten der Marine, Betreibende von
Campingplätzen und Umweltschutzverbände.
Als mögliche Maßnahmen sollen nun die Züchtung von Blasentang und die
Wiederherstellung von Steinriffen geprüft werden sowie weitere Maßnahmen,
um auf natürlichem Wege Nährstoffe zurückzuhalten. So könnte man einem
guten Umweltzustand der Ostsee in der Region Eckernförde gemäß den
Vorgaben der EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie näherkommen. „Unser Ziel
war es, Maßnahmen zu identifizieren, die einen breiten gesellschaftlichen
Konsens finden und möglichst viele Bedürfnisse berücksichtigen“, sagt
Projektleiter Dr. Christian Wagner-Ahlfs, der im Center for Ocean and
Society (CeOS) des Forschungsschwerpunktes Kiel Marine Science (KMS) an
der Universität Kiel für den gesellschaftlichen Dialog verantwortlich ist.
Blasentang soll dem Meer Nährstoffe entziehen
Der zu hohe Eintrag von Nährstoffen primär durch die angrenzende
Landwirtschaft in die Ostsee und die bereits in der Ostsee vorhandenen
Belastungen aus früheren Einträgen bleiben ein zentrales Problem, das zum
Beispiel das Wachstum von Seegraswiesen beeinträchtigt. Nährstoffe fördern
unter anderem das Wachstum von Plankton- und Fadenalgen. Diese Algen
trüben das Wasser und schädigen durch den Lichtmangel bodenlebende
Makroalgen und Seegras. Schließlich kann es häufiger zu Sauerstoffmangel
und im Sommer vermehrt zu Fischsterben kommen. „Hier müssen wir neu
ansetzen und die Wasserqualität entscheidend verbessern,“ betont Professor
Martin Wahl, Benthosökologe vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für
Ozeanforschung Kiel. „Zunächst muss natürlich der Nährstoffeintrag durch
die Landwirtschaft weiter reduziert werden. Da sich jedoch schon viele
Nährstoffe im Sediment am Meeresboden abgelagert haben, sind weitere
Maßnahmen sinnvoll,“ erklärt Martin Wahl. Das Projekt „Reallabor
Eckernförder Bucht 2030“ hat gezeigt, dass Blasentang Nährstoffe aus der
Ostsee binden kann. „Wir wollen daher prüfen, wo Blasentang in größerem
Maßstab kultiviert werden kann und wie eine Verwertung an Land organisiert
werden könnte, um Stickstoff aus dem Wasser zu entfernen“, so der
Algenexperte Wahl.
Flache Steinriffe: Lebensraum für Fische und Algen
Eine weitere Maßnahme ist die Wiederherstellung von Steinriffen. Bis in
die 1970er Jahre wurden im Rahmen der kommerziellen Steinfischerei gezielt
große Steine wie Granitfindlinge aus dem Meer entfernt. Diese Steinfelder
waren als natürliche Riffstrukturen wichtige Habitate für verschiedene
Fischarten, Muscheln und Algen und fungierten darüber hinaus als
Küstenschutz. „Mit der Steinfischerei wurde auch ein wichtiger natürlicher
Untergrund für den Blasentang zerstört,“ sagt Dr. Friederike Prowe von der
BioConsult GmbH & Co. KG, die sich im Projekt mit den Themenschwerpunkt
Marine Habitate befasst. Blasentang kann größere Mengen an Stickstoff aus
dem Ostseewasser binden und so zur einer besseren Wasserqualität
beitragen. „Mit der Wiederherstellung flacher Riffe können wir nicht nur
neuen Lebensraum für Blasentang schaffen. Blasentang bildet darüber hinaus
einen wichtigen Schutzraum für junge Fische. Damit profitieren
mittelfristig auch Fischer und Angler,“ so Prowe.
Naturnaher Küstenschutz als Antwort auf die Folgen des Klimawandels
Auch das Thema Küstenschutz spielt eine wichtige Rolle im einjährigen
Pilotprojekt. Es wurden vor allem die Küstenabschnitte in der Eckernförder
Bucht identifiziert, die in den kommenden Jahren am stärksten betroffen
sein werden. „Der Klimawandel wird uns Campingplatzbesitzer vermutlich vor
große Herausforderungen stellen", prophezeit Philipp Hoff, der einen
Campingplatz in direkter Strandlage in Karlsminde betreibt.
"Hochwasserereignisse und Sturmfluten könnten häufiger auftreten und
unsere Infrastruktur dadurch beschädigt werden. Wir wollen daher auf
naturverträgliche Lösungen setzen und können von den Erkenntnissen im
Projekt nur profitieren.“
Am Projekt „Reallabor Eckernförder Bucht 2030“ sind die Universität Kiel
mit dem Center for Ocean and Society, dem Geographischen Institut, dem
Institut für Geowissenschaften und dem Institut für Pflanzenbau und
Pflanzenzüchtung, das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel,
das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD, Rostock),
die Firmen BioConsult GmbH & Co. KG und Coastal Research and Management
GbR (CRM), das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume
Schleswig-Holstein (LLUR) sowie das Ministerium für Energiewende,
Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-
Holstein (MELUND) beteiligt. Mehr als 50 Stakeholder wurden über
Videokonferenzen, persönliche Gespräche und Arbeitstreffen eingebunden.
Fotos stehen zum Download bereit:
https://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2022/047-fucus_rocks.jpg
Die Züchtung von Blasentang, ein Bestandteil der Flora der
Unterwasserwelt, kann eine mögliche Maßnahme sein, um auf natürlichem Wege
Nährstoffe aus der Ostsee zu binden.
© Uli Kunz
https://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2022/047-seastar_mussel.jpg
Steinriffe sind sowohl natürliche Lebensräume für Algen, Muscheln,
Seesterne oder Fische und fungieren gleichzeitlich als Maßnahme für den
Küstenschutz.
© Uli Kunz
https://www.uni-kiel.de/de/pressemitteilungen/2021/077-eckernfoerder-
hafenspitze.jpg
Eckernförde, hier mit Blick auf die Hafenspitze, ist der Forschungsraum im
Projekt „Eckernförder Bucht 2030“.
© ETMG (Eckernförde Touristik & Marketing GmbH)
Über das Center for Ocean and Society (CeOS):
Das Center for Ocean and Society ist eine fakultätsübergreifende Plattform
des Forschungsschwerpunktes Kiel Marine Science (KMS) an der Universität
Kiel. Das CeOS forscht interdisziplinär zu Meer und Küste und bezieht
aktiv gesellschaftliche Akteure in transdisziplinäre Projekte smit ein.
Die Forschung im CeOS beruht auf dem Verständnis von Meeren und Küsten als
sozial-ökologische Systeme. Fachleute aus der Ökonomie, Geologie,
Ozeanographie, Fischereibiologie, Chemie und weiteren Disziplinen arbeiten
gemeinsam an Projekten mit aktiver Einbindung von gesellschaftlichen
Akteuren. Der Fokus liegt auf den Kernthemen Ernährungssicherheit,
Naturgefahren der Küsten und Meere und Ökonomie der Meeres- und
Küstenressourcen.
Weiterführende Links:
Reallabor Eckernförde, www.reallabor-eckernfoerde.de
Center for Ocean and Society (CeOS),
https://oceanandsociety.org/de/startseite
Kiel Marine Science (KMS), https://www.uni-
kiel.de/de/forschung/forschungsschwerpunkte/kiel-marine-science