In einem Opinion Paper gibt Dr. Sandra Uthes vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) ihre Einschätzung zu diesen Fragen. Etienne Girardet / Unsplash
Steigende Energiepreise haben Einfluss auf die Herstellung und den Einsatz von mineralischen Düngemitteln und führten zuletzt zu signifikanten Verteuerungen. Dr. Sandra Uthes vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) gibt in einem Opinion-Paper eine Einschätzung darüber, wie die Landwirtschaft reagieren kann und ob möglicherweise der Umweltschutz von einer Reduktion des Düngemitteleinsatz profitiert.
Eine gestiegene Nachfrage nach Strom und höhere Gaspreise sind zwei der vielfältigen Gründe dafür, dass auch im Jahr 2022 mit weiter steigenden Energiepreisen zu rechnen ist. Da die Herstellung von mineralischem Dünger mit hohem Energieaufwand verbunden ist, schlägt sich dieser Trend bereits seit 2021 auf den Düngemittelpreis nieder.
Dr. Sandra Uthes gibt in einem Opinion Paper des ZALF Hintergrundinformationen zu dem Thema und eine Einschätzung dazu, welche Entwicklung den Düngemittelpreisen weiter bevorsteht und wie sich die aktuelle Teuerung auf die landwirtschaftliche Praxis auswirken kann. Uthes zeigt Handlungsoptionen für Landwirtinnen und Landwirte auf und diskutiert Alternativen zu Mineraldüngern. Darüber hinaus stellt Uthes in dem Opinion Paper dar, inwiefern aus dieser Situation eine Chance auf einen sparsameren Einsatz von Düngemitteln, weniger Nährstoffauswaschungen im Grundwasser und damit einen Schritt hin zu umweltfreundlicherer Bewirtschaftung entstehen kann.
Am ZALF ist Uthes Co-Leiterin der BMBF-Nachwuchsforschungsgruppe „BioKum“, die am Beispiel der Nährstoffüberschüsse in der Landwirtschaft die komplexen Zusammenhänge, Chancen aber auch Risiken und Konflikte bioökonomischer Transformationsprozesse untersucht.
Wissenschaftliche Ansprechpartner: Dr. Sandra Uthes Programmbereich 3 - „Agrarlandschaftssysteme“ Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer, FernUniversität Volker Wiciok FernUniversität
Willkür in der Corona-Blase? Offene Diskussion über die Unterdrückung von Minderheiten? Wirtschaftlicher Aufschwung für China? Die Olympischen Winterspiele in Peking sind geprägt durch scharfe Kontrollen des Gastgeberlandes in Zeiten von Corona und Kritik an China wegen Verletzungen der Menschenrechte. Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer von der FernUniversität in Hagen spricht im "Olympia-Interview" über die Folgen der Zero-Covid-Strategie für Wirtschaft und Wissenschaft. Der Ökonom forscht zum internationalen Handel mit China. Schmerer ist Mitgründer und Sprecher des Center for East Asia Macroeconomic Studies und leitet den Lehrstuhl für Internationale Ökonomie.
Willkür in der Corona-Blase? Offene Diskussion über die Unterdrückung von Minderheiten? Wirtschaftlicher Aufschwung für China? Die Olympischen Winterspiele in Peking sind geprägt durch scharfe Kontrollen des Gastgeberlandes in Zeiten von Corona und Kritik an China wegen Verletzungen der Menschenrechte. Prof. Hans-Jörg Schmerer von der FernUniversität in Hagen spricht im Olympia-Interview über die Folgen der Zero-Covid-Strategie für Wirtschaft und Wissenschaft. Der Ökonom forscht zum internationalen Handel mit China. Schmerer ist Mitgründer und Sprecher des Center for East Asia Macroeconomic Studies und leitet den Lehrstuhl für Internationale Ökonomie.
FernUniversität: Herr Prof. Schmerer, wie blicken Sie auf die Olympischen Winterspiele in Peking?
Hans-Jörg Schmerer: Durch die Pandemie ist es momentan schwierig, sich für die Spiele zu begeistern. Ich habe daher wenig Interesse an den sportlichen Wettbewerben, verfolge aber die politische Dimension mit den Boykotten und Corona-Sorgen.
FernUniversität: Die politische Dimension prägt die internationale Debatte. Insbesondere der Umgang mit Menschenrechten in China steht in der Kritik. Wird sich die Situation in China durch die Olympischen Spiele verbessern?
Schmerer: Sicherlich nicht. Die Diskussion über Menschenrechte haben wir schon recht lange. Anfang des neuen Jahrtausends entwickelte sich ein Dialog über Menschenrechtsfragen in der Ära Hu Jintao, in der die Volksrepublik China auch stark an internationalen Kooperationen interessiert war. Ich habe diese Bereitschaft zum Dialog als Beginn einer positiven Entwicklung gesehen, die zu einer zunehmenden Verbesserung der Menschenrechtssituation führen würde. Aus heutiger Sicht war diese Vorstellung viel zu optimistisch. Damals gab es einen sehr starken Fokus auf Wachstum und Öffnung, das erklärt die sehr diplomatische Außenpolitik. Ab 2013 mit Beginn der Ära des aktuellen Staatspräsidenten Xi Jinping ist das umgeschlagen. Der Diskurs über Menschenrechtsfragen hat abgenommen und die Kontrolle im Land massiv zugenommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Olympischen Spiele großartig etwas bewirken werden. Freies Denken und freie Meinungsäußerung sind heute nicht mehr angedacht. Das kann sicherlich auch mit der liberalen Einstellung und den damit gesammelten Erfahrungen in der Ära Hu Jintao begründet werden.
FernUniversität: Als Ökonom blicken Sie insbesondere auf die wirtschaftliche Lage Chinas. Nach 2008 im Sommer richtet Peking als erster Austragungsort nun auch Winterspiele aus. Rechnen sich die Spiele für China?
Schmerer: Es kommt darauf an, wie man das sieht. Wirtschaftlich sicherlich nicht, da erwarte ich keinen Schub. Aber darum geht es ja nicht bei so einem medialen Großevent. Es geht vielmehr darum, Werbung für das eigene Land zu machen und zu demonstrieren, dass man die immensen Kosten aufnehmen und so ein Ereignis selbst in einer Pandemie effizient organisieren und inszenieren kann. Das Covid-Thema überschattet die olympischen Spiele. Die chinesische Regierung hat sich das sicherlich anders vorgestellt und hätte gerne ein anderes Bild präsentiert. Die Spiele finden nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit als reines Medienspektakel statt.
FernUniversität: Wie blicken Sie auf die Zero-Covid-Strategie Chinas und deren Folgen?
Schmerer: Durch die Zero-Covid-Strategie, die China fährt, schottet sich das Land immer mehr ab. Das sieht man klar und deutlich bei den Wettkämpfen in Peking. Ein Stück weit ist Corona jetzt auch ein Vorwand, um die Abschottung nochmal auf ein anderes Level zu heben. Im Zusammenhang mit Olympia wird ja auch immer wieder die Ungewissheit diskutiert. Es kann jederzeit sein, dass morgen ein Test positiv ausfällt und Sportlerinnen und Sportler in Quarantäne landen. Die Willkür, der man sich bei der Einreise nach China aussetzt, ist ein Problem. Nicht nur für den Sport, auch für die Wirtschaft und Wissenschaft. Ich habe das schon 2019 vor Ausbruch der Pandemie bei meinem letzten Besuch in China an den Universitäten festgestellt, wo ich früher öfters gelehrt, Vorträge gehalten und mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus China zusammengearbeitet habe. Man merkt seit 2013, dass dies schrittweise schwieriger wird und die Kontrolle zunimmt.
FernUniversität: Wie findet unter diesen Bedingungen aktuell der Austausch im Forschungszentrum mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und den Partneruniversitäten in China statt?
Schmerer: Das ist leider sehr schwierig geworden. Momentan findet kaum Austausch statt. Unsere Kooperationen liegen weitgehend auf Eis. Wir wissen nicht, ob wir in naher Zukunft wieder Workshops veranstalten können. Das heißt aber nicht, dass unsere Forschung zu China komplett ruht. Mein Gefühl ist, dass wir uns in den nächsten Jahren eher von außen mit China beschäftigen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Phasen, in denen China sich weitgehend abgeschottet hat und in denen es fast unmöglich war, nach China zu reisen. Die ganze sinologische Forschung hat dann von außen stattgefunden. Seit 2013 haben wir wieder eine solche Phase der zunehmenden Abschottung, die momentan einen Höhepunkt erreicht hat. Wir wissen auch nicht, wie es mit der Zero-Covid-Strategie weitergeht und ob irgendwann die große Impfkampagne in China starten wird. Die westlichen und wirksamen Impfstoffe sind in China nicht zugelassen. Das ist ein großes Problem für unsere internationalen Kooperationen.
FernUniversität: Wie spiegeln sich die Olympischen Spiele und die Zero- Covid-Strategie in Ihrer Forschung wider?
Die Olympischen Spiele greifen wir in unserer Forschung nicht auf. Das Event ist zu singulär und eher etwas für die tagesaktuelle Diskussion in den Medien. Zentrales Forschungsthema ist die Frage, wie sich die Zero- Covid-Strategie in Zukunft auf internationale Lieferketten und das wirtschaftliche Wachstum in China auswirkt. Die Unsicherheit und die Herausforderungen für deutsche Unternehmen, die auf Zwischengüter und Importe aus China angewiesen sind, sind groß. Wir schauen daher, wie sich der internationale Handel mit China auf den deutschen Arbeitsmarkt auswirkt.
CEAMeS
Die Lehrstühle für Makroökonomik und Internationale Ökonomie der FernUniversität in Hagen haben das Center for East Asia Macroeconomic Studies 2016 gegründet. Das Forschungszentrum ist eine Plattform für den internationalen Austausch mit Ostasien.
Das Luzerner Sinfonieorchester mit Dirigent Michael Anderling und Marc-André Hamelin Foto Patrick Hürlimann.
Besetzung und Programm: Luzerner Sinfonieorchester Michael Sanderling, Leitung Marc-André Hamelin, Klavier
Johannes Brahms (1833 – 1897) Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83 Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73
Das früher jeweils im November programmierte «Lucerne Festival am Piano» wird von sehr vielen Konzertgängern schmerzlich vermisst. Das Luzerner Sinfonieorchester ist nun hier in die Bresche gesprungen, oder nutzt geschickt die Möglichkeit, ein eigenes kleines Festival unter dem Namen «Le piano symphonique» zu etablieren, was bis anhin erfolgreich gelungen ist. Nach den, von Besuchern und Kritik gefeierten Konzertabenden mit Klavierwerken von Camille Saint-Saëns, waren nun Werke von Johannes Brahms an der Reihe.
Die manchmal unterschätze Bedeutung von Brahms Klavierwerken
Le piano symphonique Johannes Brahms Dirigent Michael Sanderling
Die Klavierkonzerte von Johannes Brahms sind zwar nicht mit den virtuosen Monumenten à la Liszt, Tschaikowsky oder Rachmaninow vergleichbar, dennoch sind sie beim Publikum sehr beliebt, vielleicht auch etwas aufgrund der Biografie des Komponisten. Trotzdem: Lange Zeit galt es unter Pianisten als das überhaupt schwierigste aller Klavierkonzerte. Vor allem in den Ecksätzen weist es grosssinfonische Dimensionen auf; der langsame, durch ein elegisches Solo-Cello gekrönte Satz ist im Gegensatz dazu von exquisiter kammermusikalischer Intimität.
Reinfall mit dem ersten, Triumph mit dem zweiten Klavierkonzert
Marc-André Hamelin Solist am Klavier
Mit seinem Ersten Klavierkonzert war Brahms im Alter von 25 Jahren noch entschieden durchgefallen. Denn das Publikum erwartete vor allem wirkungsvolle Zirkusnummern und pianistische Bravour. Brahms bot stattdessen ein Konzert aus dem strengen Geist der großen Symphonie. Auch in seinem Zweiten Konzert blieb sich Brahms darin absolut treu, doch diesmal war das Publikum hin und weg vor Begeisterung. Das lag zum einen schlicht daran, dass Brahms mittlerweile, im Jahr 1881, weltberühmt war. Man wusste eben, dass man von diesem Meister kein kompositorisches «fast food» zu erwarten hatte, sondern reiche und dichte Musik, emotional packend, aber nicht auf äußere Wirkung berechnet.
Brahms ordnet dem Solisten neue Rolle zu
Der andere Grund für den großen Erfolg des 2. Klavierkonzerts war die neue Rolle des Solisten: Er wird zur Schaltzentrale, ist fast immer aktiv, gibt die Impulse, dialogisiert und treibt das Geschehen voran. So steht gleich am Beginn ein romantisches Horn Solo, aus dem sich eine ausgedehnte Klavierkadenz entwickelt. Dann erst antwortet das ganze Orchester. Auch der langsame Satz ist über weite Strecken eigentlich intime Kammermusik. Ein Solocello wird zum Partner des Klaviers – und in den Klarinetten zitiert Brahms aus seinem Lied “Todessehnen” den Vers: Hör es, Vater in der Höhe, aus der Fremde fleht dein Kind.
Schwerbepackt auf Italienreise
Warum kann man sich Brahms so schwer als bildungsbürgerlichen Kunstreisenden in Italien vorstellen? Und doch arbeitete er sich, mit Reiseführern schwer bepackt, von Kathedrale zu Kathedrale pilgernd, im Frühjahr 1881 bis nach Sizilien vor – mit seinem Freund, dem Chirurgen Billroth. Von dieser schönsten seiner acht Italienreisen brachte er Skizzen für ein neues Konzert mit. Die italienische Musik unterwegs wird ihn nicht abgelenkt haben, die fand Brahms nämlich „schauderhaft“. Doch wann immer ihm ein neues Werk zur Herzensangelegenheit wurde, schrieb er darüber in krampfig witzelndem Ton.
Aus angekündigtem «ganz kleinen Konzert» wurde ein Chef d`oeuvre
Solist Marc-André Hamelin
Das vierhändige Probespiel des neuen Klavierkonzertes – „ganz ein kleines Konzert“ nannte Brahms es – kündigte er Bülow gegenüber als „das lange Schrecknis“ an. Und in gewisser Weise war das B-Dur-Konzert auch ein „Schrecknis“. Mit seinem ersten Klavierkonzert hatte Brahms 1859 die furchtbarste Niederlage seiner Laufbahn erlebt, und er brauchte über zwanzig Jahre, um Mut für einen zweiten Anlauf zu fassen. Vielleicht gab ihm die Schönheit Italiens Sicherheit, dieses mächtigste aller romantischen Konzerte zu schaffen, das mit seinen Gebirgen von Sexten und Oktaven so extrem schwer zu spielen ist, dass der eigentlich zurückhaltende Alfred Brendel einmal gar von „pianistischen Perversionen“ sprach. Mit seiner breiten, marmorhaft getürmten Größe hat das Werk – allzu selbstsicher vielleicht – die Zweifler verstummen lassen, doch man vermisst auch jene sehnsüchtige Wehmut, jenes fast intime Aroma, das Brahms´ Formkunst das Abweisende nimmt. Es ist am Solisten, all den Akkordmassen eine menschliche Stimme zu geben, die füllig-wärmsten Klänge zu formen. Kraftvoll-gelassen erspielt sich Hamelin dieses Werk, kann größte Wildheit im zweiten oder die schlendernde Lässigkeit im ungarischen Finale entfalten, ohne seine wahrhaft olympische Balance zu verlieren. Vielleicht hat er da den zum majestätischen Ebenmaß strebenden Wesenszug des Konzertes erspürt, den es den Kunstekstasen seines Schöpfers in Italien verdankt. Marc-André Hamelin sprengt mit wilder Attacke diese tönende Abgewogenheit. Er greift die Kadenzen des ersten Satzes mit kalter Wut an, gönnt sich kaum Pedalabsicherung bei den riesigen Sprüngen. Er will das Stück bezwingen. Erregend hörbar wird, wie gefordert er ist, sein Ziel einer schlanken, gar aggressiven Deutlichkeit hier zu erreichen. Das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms ist ein Schwergewicht, keine Frage. Und dies nicht nur aufgrund seiner Länge von gut fünfzig Minuten, sondern weil es Sinfonisches mit pianistischer Klanggewalt verbindet, daneben aber auch Kammermusikalisches enthält. Gewissermaßen die Quadratur des Kreises also für die Interpreten. Wenn es zündet, ist es eine Offenbarung. Das Luzerner Sinfonieorchester hat unter der Leitung von Michael Sanderling einen feurigen Zugriff, Leidenschaft kommt durch, und auch die filigranen Passagen kommen zu ihrem Recht, die Farben sind gekonnt abgemischt. Solist Marc-André Hamelin stößt mit technischer Meisterschaft, in die dramatischen und ekstatischen Höhen vor.
Hamelin kann sanft, aber auch grantig
Solist Marc-André Hamelin Symbolbild
Auch die leichtfüßigen und lyrischen Teile, ebenso das Duftige, das Verträumte in diesem Konzert liegen ihm. Also, ob grantig oder lyrisch, kraftvoll oder feinfühlig, der frankokanadische Solist weiss zu überzeugen und begeistern, auch dank kongenialer Unterstützung des, von Michael Sanderling sehr engagiert geleiteten Luzerner Sinfonieorchester, dem Residenzorchester des Hauses.
Das Auditorium war begeistert und applaudierte den Solisten und den Dirigenten immer wieder zurück auf die Bühne und liess nicht locker, bis Hamelin sich wieder an den Flügel setzte und noch ein kurzes Werk von Philippe Emmanuel Bach als Zugabe gewährte.
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73
Kurzbeschrieb :
Eine einladende Geste der Bässe – und ein freundliches Hornthema eröffnet den ersten Satz. Das lange, gestikulierende Cellothema im zweiten Satz weiß, dass der Weg das Ziel ist. Der dritte Satz ist ein nostalgisches Menuett – ein tanzendes Paar aus Porzellan auf dem Kaffeetisch. Im vierten Satz wird ein lustiger Überraschungsangriff vorbereitet. Es beginnt pianissimo, alle gehen in Stellung – dann tobt es los: ausgelassen, überkandidelt. Am Schluss heißt es: hau den Lukas, Fanfare, alles gut!“
Die am leichtesten zugängliche aller Brahms Sinfonien
Von den vier Brahms-Sinfonien ist die zweite wohl am leichtesten zugänglich: Nichts von norddeutscher, tiefschürfender Grübelei, sondern viel lichtstrahlende Helle und ebenso viel elegische Melodik. Für Brahms möglicherweise fast zu viel des Guten, sodass er warnend meinte: «Die neue Sinfonie ist so melancholisch, dass Sie es nicht aushalten.» Die Musikgeschichte hat es längst bewiesen: Wir halten es nur zu gerne aus.
Brahms komponierte künstlerisch befreit
In einem Gefühl der „künstlerischen Befreiung“ komponierte Brahms seine zweite Sinfonie innerhalb von wenigen Monaten und behauptete sich damit als souveräner Sinfoniker. Während des Schaffensprozesses 1877 am Wörthersee sagt Brahms sogar, es sei dort so schön und harmonisch, dass die Melodien geradezu in der Luft herumflögen. Die erste Sinfonie wird gerne als „Pathetische“ bezeichnet, wohingegen seine zweite Sinfonie als „Pastorale“ in die Musikgeschichte eingegangen ist. Die ersten beiden Sinfonien sind unmittelbar nacheinander in den Jahren 1876 und 1877 entstanden. Daraus wird oft der Schluss gezogen, dass es sich um Gegensatzpaare handele: Die zweite Sinfonie als optimistisches Gegenstück zur ernsten ersten Sinfonie.
Selbst nach der erfolgreichen Uraufführung seiner zweiten Sinfonie plagten Brahms noch Selbstzweifel
Denn noch vor dem ersten Konzert feilte Brahms intensiv an der Blechbläser-Instrumentation der beiden Ecksätze und gestaltete sogar die Streicherbegleitung in der Coda des ersten Satzes neu, Auch nach der umjubelten Uraufführung waren die Selbstzweifel des Komponisten noch nicht restlos verschwunden. Zudem verwirrte er Verleger sowie Kritiker mit Kommentaren wie: „Die neue Sinfonie ist so melancholisch, dass Sie es nicht aushalten. Die Partitur muss mit Trauerrand erscheinen.“
Melancholie durchweht das Werk
Michael Sanderling Leitung
In diesen Äußerungen des Komponisten steckt sicherlich eine gehörige Portion Mystifizierung. Dennoch ist die Betonung der melancholischen Aspekte nicht ganz unberechtigt. Bei genauerer Betrachtung erweist sich das Werk als durchaus nicht unproblematisch. So ist beispielsweise der lange erste Satz nicht durchgehend heiter, sondern voller harmonischer und kontrapunktischer Verwicklungen und Kontraste. Auch die Instrumentierung des tiefen Bläserregisters mit drei Posaunen und Tuba, anstelle einer Bassposaune, bewirkt eine dunkle Stimmung. Brahms setzte die Tuba bereits in seinem Requiem immer dort ein, wo von den letzten Dingen die Rede ist. Umso erstaunlicher, dass Brahms zwei – dreimal die «Marseillaise» zu zitieren scheint und zwar genau den Aufbruch, also den Optimismus ( tä tä tä tä tä tä tä tä tädä).
Insbesondere im zweiten Satz, einem sehnenden Adagio, schwingt der Wunsch nach etwas Unerreichbarem mit. Ist es die Naturidylle, die Brahms für kurze Zeit in Kärnten gefunden zu haben glaubt? Aber auch diese entpuppt sich als Utopie, als etwas, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Ein tiefer Ernst liegt auch in diesem eigentlich hellen H-Dur-Satz.
Verwirrend tänzerischer 3. Satz
Der dritte Satz mit seinem tänzerischen Rhythmus, überschrieben “Allegretto grazioso”, erscheint als eine kurze Auflockerung zwischen den großen, bedeutungsvollen Gedanken dieses Werks. Aber auch hier: Brahms lässt der Heiterkeit niemals freien Lauf. Diverse Musiker*innen äusserten schon: “Er spielt mit uns die ganze Zeit”. “Es ist ein bisschen wie ein Spiel mit einem Spiegel. Nichts ist, wie es scheint. Für das Orchester ist das immer eine Herausforderung. Vom Metrum her ist es wahnsinnig schwer. Die Musiker klagen immer, dass es in dem Satz total leicht ist, sich zu verzählen. Brahms gibt eine Melodie vor, die eigentlich einfach ist. G-Dur, die einfachste aller Tonarten. Und dann macht er durch dieses Spiel mit dem Rhythmus und den Zeitverhältnissen aus etwas Einfachem ein kleines Kunstwerk. ”
Ein Kunstwerk machten die Luzerner, unter der souveränen Leitung ihres Chefdirigenten Michael Sanderling aus dieser zweiten Sinfonie, knüpften nahtlos an ihre Ausstrahlung von vor der Pause beim Klavierkonzert an. Die ca. 1500 Besucher bedankten sich denn auch mit stürmischer, langanhaltender Akklamation bei den Protagonisten.
Das Luzerner Sinfonieorchster geniesst den verdienten Schlussapplaus
Seit 2019 erforscht ein Wissenschaftlerteam am FBN die Schwarze Soldatenfliege als alternative hochwertige Eiweißquelle. Foto: FBN/Nordlicht
Für einen Modellstandort der blauen Bioökonomie wird am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf ein optimales und nachhaltiges Futter für die Schwarze Soldatenfliege designt
Auf Rügen entsteht ein Modellstandort der blauen Bioökonomie. Das Projekt „RüBio“ des „Innovationsraums Bioökonomie auf Marinen Standorten“ der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel bringt sechs Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, um regionale Ressourcenkreisläufe effizient und erlebbar zu machen. Ein entscheidender Bestandteil: Die Schwarze Soldatenfliege, die am FBN in Dummerstorf erforscht wird.
Schwarze Soldatenfliegen sind Alleskönnerinnen: Ihre Larven verwandeln so gut wie jedes Futter in hochwertiges Eiweiß. Das macht sie zur idealen, nährstoffreichen Futterquelle. Am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) werden sie von Prof. Cornelia C. Metges und ihren Mitarbeitern Dr. Gürbüz Daş und Dr. Manfred Mielenz erforscht. „Die Larven sind ausgesprochen vielseitig in der Wahl ihres Futters, anders als beispielsweise Mehlwürmer“, erläutert Dr. Manfred Mielenz. Als prozessiertes Futtermittel seit letztem Jahr nun auch für Schweine und Hühner zugelassen, bietet die schwarze Soldatenfliegenlarve eine ressourcenschonende Alternative zu importiertem eiweißreichem Zusatzfutter, wie etwa Soja. Für das Projekt „RüBio“ bilden die Schwarzen Soldatenfliegen einen wichtigen Baustein. Für die Forschung zur nachhaltigen Fütterung der Larven auf der Basis von Reststoffen haben Prof. Cornelia C. Metges und ihre Mitarbeiter nun eine Projektförderung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erhalten.
Traditionsmolkerei wird Modellstandort für regionale Ressourcenkreisläufe
In der ehemaligen Molkerei des „Rügener Badejungen“ in Bergen auf Rügen entsteht nun eine einzigartige Kreislaufanlage im neuen „Bioökonomischen Forschungszentrum Rügen (BFZR)“. Im Zentrum steht eine Aquakultur mit Speisefischen. Deren Wasser wird mittels eines Algenreaktors zur Produktion von Algenbiomasse geklärt und für die Bewässerung von Heilkräutern und Obstkulturen verwendet. Eine essenzielle Komponente des Ressourcenkreislaufs wird die Anlage für die Schwarze Soldatenfliege sein: Die anfallenden Rest- und Nebenstoffe, beispielsweise aus dem Obstanbau, dienen der Schwarzen Soldatenfliege als Nahrung, deren Larven wiederum an die Speisefische verfüttert werden. Damit kann auf den Einsatz von Fischmehl in der Aquakultur verzichtet werden. Der Modellstandort „Bioökonomisches Forschungszentrum Rügen“ soll später aber auch Wissenschaft für Besucher erlebbar machen.
Futterdesign für die Schwarze Soldatenfliege am FBN
Was genau die Larven der Schwarzen Soldatenfliege brauchen, um möglichst viel hochwertiges Eiweiß zu produzieren, wird nun in der Anlage für die Schwarze Soldatenfliege des FBN als Teil des Projektes „RüBio“ im Labormaßstab erforscht. Um ressourcenschonend und nachhaltig zu produzieren, sollen ausschließlich organische Rest- oder Nebenstoffe aus der Anlage selbst und der Region, wie z.B. Obstreste, Heureste, Reste aus der Bäckerei oder Bierbrauerei, verwendet werden. „Wir analysieren die verschiedensten Reststoffe und finden heraus, wie sie kombiniert werden müssen, damit ihre Nährstoffe optimal für das Wachstum der eiweißreichen Larven genutzt werden können“, erklärt Dr. Gürbüz Daş. Aber auch die Klimafreundlichkeit der verschiedenen Reststoffkombinationen wird in den Respirationskammern für die schwarze Soldatenfliegen am FBN überprüft. „Je nach Zusammensetzung des Futters werden unterschiedliche Mengen klimarelevanter Gase freigesetzt“, führt Dr. Manfred Mielenz aus. Die Ergebnisse der Versuche werden dann in der neuen Insektenanlage im „BFZR“ umgesetzt, wobei die Forschenden aus dem FBN beratend zur Seite stehen. Bis 2024 soll der Modellstandort auf Rügen etabliert sein. Dort wird auch über die Produktion hochwertiger Kosmetika nachgedacht – das Öl der Schwarzen Soldatenfliegenlarve ist dem von Palmkernöl und Kokosöl sehr ähnlich aber wesentlich klimafreundlicher. Eine echte Alleskönnerin eben.