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Opinion Paper: Einfluss steigender Energiepreise auf den Düngemitteleinsatz

In einem Opinion Paper gibt Dr. Sandra Uthes vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) ihre Einschätzung zu diesen Fragen.  Etienne Girardet / Unsplash
In einem Opinion Paper gibt Dr. Sandra Uthes vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) ihre Einschätzung zu diesen Fragen. Etienne Girardet / Unsplash

Steigende Energiepreise haben Einfluss auf die Herstellung und den Einsatz
von mineralischen Düngemitteln und führten zuletzt zu signifikanten
Verteuerungen. Dr. Sandra Uthes vom Leibniz-Zentrum für
Agrarlandschaftsforschung (ZALF) gibt in einem Opinion-Paper eine
Einschätzung darüber, wie die Landwirtschaft reagieren kann und ob
möglicherweise der Umweltschutz von einer Reduktion des Düngemitteleinsatz
profitiert.

Eine gestiegene Nachfrage nach Strom und höhere Gaspreise sind zwei der
vielfältigen Gründe dafür, dass auch im Jahr 2022 mit weiter steigenden
Energiepreisen zu rechnen ist. Da die Herstellung von mineralischem Dünger
mit hohem Energieaufwand verbunden ist, schlägt sich dieser Trend bereits
seit 2021 auf den Düngemittelpreis nieder.

Dr. Sandra Uthes gibt in einem Opinion Paper des ZALF
Hintergrundinformationen zu dem Thema und eine Einschätzung dazu, welche
Entwicklung den Düngemittelpreisen weiter bevorsteht und wie sich die
aktuelle Teuerung auf die landwirtschaftliche Praxis auswirken kann. Uthes
zeigt Handlungsoptionen für Landwirtinnen und Landwirte auf und diskutiert
Alternativen zu Mineraldüngern. Darüber hinaus stellt Uthes in dem Opinion
Paper dar, inwiefern aus dieser Situation eine Chance auf einen
sparsameren Einsatz von Düngemitteln, weniger Nährstoffauswaschungen im
Grundwasser und damit einen Schritt hin zu umweltfreundlicherer
Bewirtschaftung entstehen kann.

Am ZALF ist Uthes Co-Leiterin der BMBF-Nachwuchsforschungsgruppe „BioKum“,
die am Beispiel der Nährstoffüberschüsse in der Landwirtschaft die
komplexen Zusammenhänge, Chancen aber auch Risiken und Konflikte
bioökonomischer Transformationsprozesse untersucht.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Sandra Uthes
Programmbereich 3 - „Agrarlandschaftssysteme“
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Originalpublikation:
https://www.zalf.de/de/forschung_lehre/publikationen/Documents/Policy_Paper/Opinion_Paper_Duengemittel_1-22.pdf
Das ZALF-Opinion Paper 1|22 „Einfluss steigender Energiepreise auf den
Düngemitteleinsatz“

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Olympia in Peking: Chinas Zero-Covid-Strategie und die Folgen für Wirtschaft und Wissenschaft

Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer, FernUniversität  Volker Wiciok  FernUniversität
Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer, FernUniversität Volker Wiciok FernUniversität

Willkür in der Corona-Blase? Offene Diskussion über die Unterdrückung von
Minderheiten? Wirtschaftlicher Aufschwung für China? Die Olympischen
Winterspiele in Peking sind geprägt durch scharfe Kontrollen des
Gastgeberlandes in Zeiten von Corona und Kritik an China wegen
Verletzungen der Menschenrechte. Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer von der
FernUniversität in Hagen spricht im "Olympia-Interview" über die Folgen
der Zero-Covid-Strategie für Wirtschaft und Wissenschaft. Der Ökonom
forscht zum internationalen Handel mit China. Schmerer ist Mitgründer und
Sprecher des Center for East Asia Macroeconomic Studies und leitet den
Lehrstuhl für Internationale Ökonomie.

Willkür in der Corona-Blase? Offene Diskussion über die Unterdrückung von
Minderheiten? Wirtschaftlicher Aufschwung für China? Die Olympischen
Winterspiele in Peking sind geprägt durch scharfe Kontrollen des
Gastgeberlandes in Zeiten von Corona und Kritik an China wegen
Verletzungen der Menschenrechte. Prof. Hans-Jörg Schmerer von der
FernUniversität in Hagen spricht im Olympia-Interview über die Folgen der
Zero-Covid-Strategie für Wirtschaft und Wissenschaft. Der Ökonom forscht
zum internationalen Handel mit China. Schmerer ist Mitgründer und Sprecher
des Center for East Asia Macroeconomic Studies und leitet den Lehrstuhl
für Internationale Ökonomie.

FernUniversität: Herr Prof. Schmerer, wie blicken Sie auf die Olympischen
Winterspiele in Peking?

Hans-Jörg Schmerer: Durch die Pandemie ist es momentan schwierig, sich für
die Spiele zu begeistern. Ich habe daher wenig Interesse an den
sportlichen Wettbewerben, verfolge aber die politische Dimension mit den
Boykotten und Corona-Sorgen.

FernUniversität: Die politische Dimension prägt die internationale
Debatte. Insbesondere der Umgang mit Menschenrechten in China steht in der
Kritik. Wird sich die Situation in China durch die Olympischen Spiele
verbessern?

Schmerer: Sicherlich nicht. Die Diskussion über Menschenrechte haben wir
schon recht lange. Anfang des neuen Jahrtausends entwickelte sich ein
Dialog über Menschenrechtsfragen in der Ära Hu Jintao, in der die
Volksrepublik China auch stark an internationalen Kooperationen
interessiert war. Ich habe diese Bereitschaft zum Dialog als Beginn einer
positiven Entwicklung gesehen, die zu einer zunehmenden Verbesserung der
Menschenrechtssituation führen würde. Aus heutiger Sicht war diese
Vorstellung viel zu optimistisch. Damals gab es einen sehr starken Fokus
auf Wachstum und Öffnung, das erklärt die sehr diplomatische Außenpolitik.
Ab 2013 mit Beginn der Ära des aktuellen Staatspräsidenten Xi Jinping ist
das umgeschlagen. Der Diskurs über Menschenrechtsfragen hat abgenommen und
die Kontrolle im Land massiv zugenommen. Ich kann mir nicht vorstellen,
dass die Olympischen Spiele großartig etwas bewirken werden. Freies Denken
und freie Meinungsäußerung sind heute nicht mehr angedacht. Das kann
sicherlich auch mit der liberalen Einstellung und den damit gesammelten
Erfahrungen in der Ära Hu Jintao begründet werden.

FernUniversität: Als Ökonom blicken Sie insbesondere auf die
wirtschaftliche Lage Chinas. Nach 2008 im Sommer richtet Peking als erster
Austragungsort nun auch Winterspiele aus. Rechnen sich die Spiele für
China?

Schmerer: Es kommt darauf an, wie man das sieht. Wirtschaftlich sicherlich
nicht, da erwarte ich keinen Schub. Aber darum geht es ja nicht bei so
einem medialen Großevent. Es geht vielmehr darum, Werbung für das eigene
Land zu machen und zu demonstrieren, dass man die immensen Kosten
aufnehmen und so ein Ereignis selbst in einer Pandemie effizient
organisieren und inszenieren kann. Das Covid-Thema überschattet die
olympischen Spiele. Die chinesische Regierung hat sich das sicherlich
anders vorgestellt und hätte gerne ein anderes Bild präsentiert. Die
Spiele finden nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit als reines
Medienspektakel statt.

FernUniversität: Wie blicken Sie auf die Zero-Covid-Strategie Chinas und
deren Folgen?

Schmerer: Durch die Zero-Covid-Strategie, die China fährt, schottet sich
das Land immer mehr ab. Das sieht man klar und deutlich bei den
Wettkämpfen in Peking. Ein Stück weit ist Corona jetzt auch ein Vorwand,
um die Abschottung nochmal auf ein anderes Level zu heben. Im Zusammenhang
mit Olympia wird ja auch immer wieder die Ungewissheit diskutiert. Es kann
jederzeit sein, dass morgen ein Test positiv ausfällt und Sportlerinnen
und Sportler in Quarantäne landen. Die Willkür, der man sich bei der
Einreise nach China aussetzt, ist ein Problem. Nicht nur für den Sport,
auch für die Wirtschaft und Wissenschaft. Ich habe das schon 2019 vor
Ausbruch der Pandemie bei meinem letzten Besuch in China an den
Universitäten festgestellt, wo ich früher öfters gelehrt, Vorträge
gehalten und mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus China
zusammengearbeitet habe. Man merkt seit 2013, dass dies schrittweise
schwieriger wird und die Kontrolle zunimmt.

FernUniversität: Wie findet unter diesen Bedingungen aktuell der Austausch
im Forschungszentrum mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und
den Partneruniversitäten in China statt?

Schmerer: Das ist leider sehr schwierig geworden. Momentan findet kaum
Austausch statt. Unsere Kooperationen liegen weitgehend auf Eis. Wir
wissen nicht, ob wir in naher Zukunft wieder Workshops veranstalten
können. Das heißt aber nicht, dass unsere Forschung zu China komplett
ruht. Mein Gefühl ist, dass wir uns in den nächsten Jahren eher von außen
mit China beschäftigen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Phasen,
in denen China sich weitgehend abgeschottet hat und in denen es fast
unmöglich war, nach China zu reisen. Die ganze sinologische Forschung hat
dann von außen stattgefunden. Seit 2013 haben wir wieder eine solche Phase
der zunehmenden Abschottung, die momentan einen Höhepunkt erreicht hat.
Wir wissen auch nicht, wie es mit der Zero-Covid-Strategie weitergeht und
ob irgendwann die große Impfkampagne in China starten wird. Die westlichen
und wirksamen Impfstoffe sind in China nicht zugelassen. Das ist ein
großes Problem für unsere internationalen Kooperationen.

FernUniversität: Wie spiegeln sich die Olympischen Spiele und die Zero-
Covid-Strategie in Ihrer Forschung wider?

Die Olympischen Spiele greifen wir in unserer Forschung nicht auf. Das
Event ist zu singulär und eher etwas für die tagesaktuelle Diskussion in
den Medien. Zentrales Forschungsthema ist die Frage, wie sich die Zero-
Covid-Strategie in Zukunft auf internationale Lieferketten und das
wirtschaftliche Wachstum in China auswirkt. Die Unsicherheit und die
Herausforderungen für deutsche Unternehmen, die auf Zwischengüter und
Importe aus China angewiesen sind, sind groß. Wir schauen daher, wie sich
der internationale Handel mit China auf den deutschen Arbeitsmarkt
auswirkt.

CEAMeS

Die Lehrstühle für Makroökonomik und Internationale Ökonomie der
FernUniversität in Hagen haben das Center for East Asia Macroeconomic
Studies 2016 gegründet. Das Forschungszentrum ist eine Plattform für den
internationalen Austausch mit Ostasien.

https://www.fernuni-hagen.de/igas/ceames/index.shtml

Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insb. Internationale Ökonomie:
https://www.fernuni-hagen.de/oekonomie/

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Luzerner Sinfonieorchester Le piano symphonique Johannes Brahms KKL Luzern 9. 2 2022, besucht von Léonard Wüst

Das Luzerner Sinfonieorchester mit Dirigent Michael Anderling und Marc-André Hamelin Foto Patrick Hürlimann.

Das Luzerner Sinfonieorchester mit Dirigent Michael Anderling und Marc-André Hamelin Foto Patrick Hürlimann.

Besetzung und Programm:
Luzerner Sinfonieorchester
Michael Sanderling, Leitung
Marc-André Hamelin, Klavier

Johannes Brahms (1833 – 1897)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

Das früher jeweils im November programmierte «Lucerne Festival am Piano» wird von sehr vielen Konzertgängern schmerzlich vermisst. Das Luzerner Sinfonieorchester ist nun hier in die Bresche gesprungen, oder nutzt geschickt die Möglichkeit, ein eigenes kleines Festival unter dem Namen «Le piano symphonique» zu etablieren, was bis anhin erfolgreich gelungen ist. Nach den, von Besuchern und Kritik gefeierten Konzertabenden mit Klavierwerken von Camille Saint-Saëns, waren nun Werke von  Johannes Brahms an der Reihe.

Die manchmal unterschätze  Bedeutung von Brahms Klavierwerken

Le piano symphonique Johannes Brahms Dirigent Michael Sanderling
Le piano symphonique Johannes Brahms Dirigent Michael Sanderling

Die Klavierkonzerte von Johannes Brahms sind zwar nicht mit den virtuosen Monumenten  à la Liszt, Tschaikowsky oder Rachmaninow vergleichbar, dennoch sind sie beim Publikum sehr beliebt, vielleicht auch etwas aufgrund der Biografie des Komponisten. Trotzdem: Lange Zeit galt es unter Pianisten als das überhaupt schwierigste aller Klavierkonzerte. Vor allem in den Ecksätzen weist es grosssinfonische Dimensionen auf; der langsame, durch ein elegisches Solo-Cello gekrönte Satz ist im Gegensatz dazu von exquisiter kammermusikalischer Intimität.

Reinfall mit dem ersten, Triumph mit dem zweiten Klavierkonzert

Marc-André Hamelin Solist am Klavier
Marc-André Hamelin Solist am Klavier

Mit seinem Ersten Klavierkonzert war Brahms im Alter von 25 Jahren noch entschieden durchgefallen. Denn das Publikum erwartete vor allem wirkungsvolle Zirkusnummern und pianistische Bravour. Brahms bot stattdessen ein Konzert aus dem strengen Geist der großen Symphonie. Auch in seinem Zweiten Konzert blieb sich Brahms darin absolut treu, doch diesmal war das Publikum hin und weg vor Begeisterung. Das lag zum einen schlicht daran, dass Brahms mittlerweile, im Jahr 1881, weltberühmt war. Man wusste eben, dass man von diesem Meister kein kompositorisches «fast food» zu erwarten hatte, sondern reiche und dichte Musik, emotional packend, aber nicht auf äußere Wirkung berechnet.

Brahms ordnet dem Solisten neue Rolle zu

Der andere Grund für den großen Erfolg des 2. Klavierkonzerts war die neue Rolle des Solisten: Er wird zur Schaltzentrale, ist fast immer aktiv, gibt die Impulse, dialogisiert und treibt das Geschehen voran. So steht gleich am Beginn ein romantisches Horn Solo, aus dem sich eine ausgedehnte Klavierkadenz entwickelt. Dann erst antwortet das ganze Orchester. Auch der langsame Satz ist über weite Strecken eigentlich intime Kammermusik. Ein Solocello wird zum Partner des Klaviers – und in den Klarinetten zitiert Brahms aus seinem Lied “Todessehnen” den Vers: Hör es, Vater in der Höhe, aus der Fremde fleht dein Kind.

Schwerbepackt auf Italienreise

Warum kann man sich Brahms so schwer als bildungsbürgerlichen Kunstreisenden in Italien vorstellen? Und doch arbeitete er sich, mit Reiseführern schwer bepackt, von Kathedrale zu Kathedrale pilgernd, im Frühjahr 1881 bis nach Sizilien vor – mit seinem Freund, dem Chirurgen Billroth. Von dieser schönsten seiner acht Italienreisen brachte er Skizzen für ein neues Konzert mit. Die italienische Musik unterwegs wird ihn nicht abgelenkt haben, die fand Brahms nämlich „schauderhaft“. Doch wann immer ihm ein neues Werk zur Herzensangelegenheit wurde, schrieb er darüber in krampfig witzelndem Ton.

Aus angekündigtem «ganz kleinen Konzert» wurde ein Chef d`oeuvre

Solist Marc-André Hamelin
Solist Marc-André Hamelin

Das vierhändige Probespiel des neuen Klavierkonzertes – „ganz ein kleines Konzert“ nannte Brahms es – kündigte er Bülow gegenüber als „das lange Schrecknis“ an. Und in gewisser Weise war das B-Dur-Konzert auch ein „Schrecknis“. Mit seinem ersten Klavierkonzert hatte Brahms 1859 die furchtbarste Niederlage seiner Laufbahn erlebt, und er brauchte über zwanzig Jahre, um Mut für einen zweiten Anlauf zu fassen. Vielleicht gab ihm die Schönheit Italiens Sicherheit, dieses mächtigste aller romantischen Konzerte zu schaffen, das mit seinen Gebirgen von Sexten und Oktaven so extrem schwer zu spielen ist, dass der eigentlich zurückhaltende Alfred Brendel einmal gar von „pianistischen Perversionen“ sprach. Mit seiner breiten, marmorhaft getürmten Größe hat das Werk – allzu selbstsicher vielleicht – die Zweifler verstummen lassen, doch man vermisst auch jene sehnsüchtige Wehmut, jenes fast intime Aroma, das Brahms´ Formkunst das Abweisende nimmt.
Es ist am Solisten, all den Akkordmassen eine menschliche Stimme zu geben, die füllig-wärmsten Klänge zu formen. Kraftvoll-gelassen erspielt sich Hamelin dieses Werk, kann größte Wildheit im zweiten oder die schlendernde Lässigkeit im ungarischen Finale entfalten, ohne seine wahrhaft olympische Balance zu verlieren. Vielleicht hat er da den zum majestätischen Ebenmaß strebenden Wesenszug des Konzertes erspürt, den es den Kunstekstasen seines Schöpfers in Italien verdankt.
Marc-André Hamelin sprengt mit wilder Attacke diese tönende Abgewogenheit. Er greift die Kadenzen des ersten Satzes mit kalter Wut an, gönnt sich kaum Pedalabsicherung bei den riesigen Sprüngen. Er will das Stück bezwingen. Erregend hörbar wird, wie gefordert er ist, sein Ziel einer schlanken, gar aggressiven Deutlichkeit hier zu erreichen. Das zweite Klavierkonzert von  Johannes Brahms ist ein Schwergewicht, keine Frage. Und dies nicht nur aufgrund seiner Länge von gut fünfzig Minuten, sondern weil es Sinfonisches mit pianistischer Klanggewalt verbindet, daneben aber auch Kammermusikalisches enthält. Gewissermaßen die Quadratur des Kreises also für die Interpreten. Wenn es zündet, ist es eine Offenbarung. Das Luzerner Sinfonieorchester hat unter der Leitung von  Michael Sanderling einen feurigen Zugriff, Leidenschaft kommt durch, und auch die filigranen Passagen kommen zu ihrem Recht, die Farben sind gekonnt abgemischt. Solist Marc-André Hamelin stößt mit technischer Meisterschaft, in die dramatischen und ekstatischen Höhen vor.

Hamelin kann sanft, aber auch grantig

Solist Marc-André Hamelin Symbolbild
Solist Marc-André Hamelin Symbolbild

Auch die leichtfüßigen und lyrischen Teile, ebenso das Duftige, das Verträumte in diesem Konzert liegen ihm. Also, ob grantig oder lyrisch, kraftvoll oder feinfühlig, der frankokanadische Solist weiss zu überzeugen und begeistern, auch dank kongenialer Unterstützung des, von Michael Sanderling sehr engagiert geleiteten Luzerner Sinfonieorchester, dem Residenzorchester des Hauses.

Das Auditorium war begeistert und applaudierte den Solisten und den Dirigenten immer wieder zurück auf die Bühne und liess nicht locker, bis Hamelin sich wieder an den Flügel setzte und noch ein kurzes Werk von Philippe Emmanuel Bach als Zugabe gewährte.

Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

Kurzbeschrieb :

Eine einladende Geste der Bässe – und ein freundliches Hornthema eröffnet den ersten Satz. Das lange, gestikulierende Cellothema im zweiten Satz weiß, dass der Weg das Ziel ist. Der dritte Satz ist ein nostalgisches Menuett – ein tanzendes Paar aus Porzellan auf dem Kaffeetisch. Im vierten Satz wird ein lustiger Überraschungsangriff vorbereitet. Es beginnt pianissimo, alle gehen in Stellung – dann tobt es los: ausgelassen, überkandidelt. Am Schluss heißt es: hau den Lukas, Fanfare, alles gut!“

Die am leichtesten zugängliche aller Brahms Sinfonien

Von den vier Brahms-Sinfonien ist die zweite wohl am leichtesten zugänglich: Nichts von norddeutscher, tiefschürfender Grübelei, sondern viel lichtstrahlende Helle und ebenso viel elegische Melodik. Für Brahms möglicherweise fast zu viel des Guten, sodass er warnend meinte: «Die neue Sinfonie ist so melancholisch, dass Sie es nicht aushalten.» Die Musikgeschichte hat es längst bewiesen: Wir halten es nur zu gerne aus.

Brahms komponierte künstlerisch befreit

In einem Gefühl der „künstlerischen Befreiung“ komponierte Brahms seine zweite Sinfonie innerhalb von wenigen Monaten und behauptete sich damit als souveräner Sinfoniker. Während des Schaffensprozesses 1877 am Wörthersee sagt Brahms sogar, es sei dort so schön und harmonisch, dass die Melodien geradezu in der Luft herumflögen. Die erste Sinfonie wird gerne als „Pathetische“ bezeichnet, wohingegen seine zweite Sinfonie als „Pastorale“ in die Musikgeschichte eingegangen ist. Die ersten beiden Sinfonien sind unmittelbar nacheinander in den Jahren 1876 und 1877 entstanden. Daraus wird oft der Schluss gezogen, dass es sich um Gegensatzpaare handele: Die zweite Sinfonie als optimistisches Gegenstück zur ernsten ersten Sinfonie.

Selbst nach der erfolgreichen Uraufführung seiner zweiten Sinfonie plagten Brahms noch Selbstzweifel

Denn noch vor dem ersten Konzert feilte Brahms intensiv an der Blechbläser-Instrumentation der beiden Ecksätze und gestaltete sogar die Streicherbegleitung in der Coda des ersten Satzes neu, Auch nach der umjubelten Uraufführung waren die Selbstzweifel des Komponisten noch nicht restlos verschwunden. Zudem verwirrte er Verleger sowie Kritiker mit Kommentaren wie: „Die neue Sinfonie ist so melancholisch, dass Sie es nicht aushalten. Die Partitur muss mit Trauerrand erscheinen.“

Melancholie durchweht das Werk

Michael Sanderling Leitung
Michael Sanderling Leitung

In diesen Äußerungen des Komponisten steckt sicherlich eine gehörige Portion Mystifizierung. Dennoch ist die Betonung der melancholischen Aspekte nicht ganz unberechtigt. Bei genauerer Betrachtung erweist sich das Werk als durchaus nicht unproblematisch. So ist beispielsweise der lange erste Satz nicht durchgehend heiter, sondern voller harmonischer und kontrapunktischer Verwicklungen und Kontraste. Auch die Instrumentierung des tiefen Bläserregisters mit drei Posaunen und Tuba, anstelle einer Bassposaune, bewirkt eine dunkle Stimmung. Brahms setzte die Tuba bereits in seinem Requiem immer dort ein, wo von den letzten Dingen die Rede ist. Umso erstaunlicher, dass Brahms zwei – dreimal die «Marseillaise» zu zitieren scheint und zwar genau den Aufbruch, also den Optimismus ( tä tä tä tä tä tä  tä  tä tädä).

Insbesondere im zweiten Satz, einem sehnenden Adagio, schwingt der Wunsch nach etwas Unerreichbarem mit. Ist es die Naturidylle, die Brahms für kurze Zeit in Kärnten gefunden zu haben glaubt? Aber auch diese entpuppt sich als Utopie, als etwas, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Ein tiefer Ernst liegt auch in diesem eigentlich hellen H-Dur-Satz.

Verwirrend tänzerischer 3. Satz

Der dritte Satz mit seinem tänzerischen Rhythmus, überschrieben “Allegretto grazioso”, erscheint als eine kurze Auflockerung zwischen den großen, bedeutungsvollen Gedanken dieses Werks. Aber auch hier: Brahms lässt der Heiterkeit niemals freien Lauf. Diverse Musiker*innen äusserten schon: “Er spielt mit uns die ganze Zeit”. “Es ist ein bisschen wie ein Spiel mit einem Spiegel. Nichts ist, wie es scheint. Für das Orchester ist das immer eine Herausforderung. Vom Metrum her ist es wahnsinnig schwer. Die Musiker klagen immer, dass es in dem Satz total leicht ist, sich zu verzählen. Brahms gibt eine Melodie vor, die eigentlich einfach ist. G-Dur, die einfachste aller Tonarten. Und dann macht er durch dieses Spiel mit dem Rhythmus und den Zeitverhältnissen aus etwas Einfachem ein kleines Kunstwerk. ”

Ein Kunstwerk machten die Luzerner, unter der souveränen Leitung  ihres Chefdirigenten Michael Sanderling aus dieser zweiten Sinfonie, knüpften nahtlos an ihre Ausstrahlung von vor der Pause beim Klavierkonzert an. Die ca. 1500 Besucher bedankten sich denn auch mit stürmischer, langanhaltender Akklamation bei den Protagonisten.

Das Luzerner Sinfonieorchster geniesst den verdienten Schlussapplaus

Das Luzerner Sinfonieorchster geniesst den verdienten Schlussapplaus

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: www.sinfonieorchester.ch

Homepages der andern Kolumnisten:   https://noemiefelber.ch/

www.gabrielabucher.ch  www.herberthuber.ch  www.maxthuerig.ch

 

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Die Alleskönnerin: Schwarze Soldatenfliege macht nachhaltige Ressourcenkreisläufe möglich

Seit 2019 erforscht ein Wissenschaftlerteam am FBN die Schwarze Soldatenfliege als alternative hochwertige Eiweißquelle.  Foto: FBN/Nordlicht
Seit 2019 erforscht ein Wissenschaftlerteam am FBN die Schwarze Soldatenfliege als alternative hochwertige Eiweißquelle. Foto: FBN/Nordlicht

Für einen Modellstandort der blauen Bioökonomie wird am Forschungsinstitut
für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf ein optimales und nachhaltiges
Futter für die Schwarze Soldatenfliege designt

Auf Rügen entsteht ein Modellstandort der blauen Bioökonomie. Das Projekt
„RüBio“ des „Innovationsraums Bioökonomie auf Marinen Standorten“ der
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel bringt sechs Partner aus
Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, um regionale Ressourcenkreisläufe
effizient und erlebbar zu machen. Ein entscheidender Bestandteil: Die
Schwarze Soldatenfliege, die am FBN in Dummerstorf erforscht wird.

Schwarze Soldatenfliegen sind Alleskönnerinnen: Ihre Larven verwandeln so
gut wie jedes Futter in hochwertiges Eiweiß. Das macht sie zur idealen,
nährstoffreichen Futterquelle. Am Forschungsinstitut für Nutztierbiologie
(FBN) werden sie von Prof. Cornelia C. Metges und ihren Mitarbeitern Dr.
Gürbüz Daş und Dr. Manfred Mielenz erforscht. „Die Larven sind
ausgesprochen vielseitig in der Wahl ihres Futters, anders als
beispielsweise Mehlwürmer“, erläutert Dr. Manfred Mielenz. Als
prozessiertes Futtermittel seit letztem Jahr nun auch für Schweine und
Hühner zugelassen, bietet die schwarze Soldatenfliegenlarve eine
ressourcenschonende Alternative zu importiertem eiweißreichem
Zusatzfutter, wie etwa Soja. Für das Projekt „RüBio“ bilden die Schwarzen
Soldatenfliegen einen wichtigen Baustein. Für die Forschung zur
nachhaltigen Fütterung der Larven auf der Basis von Reststoffen haben
Prof. Cornelia C. Metges und ihre Mitarbeiter nun eine Projektförderung
vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erhalten.

Traditionsmolkerei wird Modellstandort für regionale Ressourcenkreisläufe

In der ehemaligen Molkerei des „Rügener Badejungen“ in Bergen auf Rügen
entsteht nun eine einzigartige Kreislaufanlage im neuen „Bioökonomischen
Forschungszentrum Rügen (BFZR)“. Im Zentrum steht eine Aquakultur mit
Speisefischen. Deren Wasser wird mittels eines Algenreaktors zur
Produktion von Algenbiomasse geklärt und für die Bewässerung von
Heilkräutern und Obstkulturen verwendet. Eine essenzielle Komponente des
Ressourcenkreislaufs wird die Anlage für die Schwarze Soldatenfliege sein:
Die anfallenden Rest- und Nebenstoffe, beispielsweise aus dem Obstanbau,
dienen der Schwarzen Soldatenfliege als Nahrung, deren Larven wiederum an
die Speisefische verfüttert werden. Damit kann auf den Einsatz von
Fischmehl in der Aquakultur verzichtet werden. Der Modellstandort
„Bioökonomisches Forschungszentrum Rügen“ soll später aber auch
Wissenschaft für Besucher erlebbar machen.

Futterdesign für die Schwarze Soldatenfliege am FBN

Was genau die Larven der Schwarzen Soldatenfliege brauchen, um möglichst
viel hochwertiges Eiweiß zu produzieren, wird nun in der Anlage für die
Schwarze Soldatenfliege des FBN als Teil des Projektes „RüBio“ im
Labormaßstab erforscht. Um ressourcenschonend und nachhaltig zu
produzieren, sollen ausschließlich organische Rest- oder Nebenstoffe aus
der Anlage selbst und der Region, wie z.B. Obstreste, Heureste, Reste aus
der Bäckerei oder Bierbrauerei, verwendet werden.
„Wir analysieren die verschiedensten Reststoffe und finden heraus, wie sie
kombiniert werden müssen, damit ihre Nährstoffe optimal für das Wachstum
der eiweißreichen Larven genutzt werden können“, erklärt Dr. Gürbüz Daş.
Aber auch die Klimafreundlichkeit der verschiedenen Reststoffkombinationen
wird in den Respirationskammern für die schwarze Soldatenfliegen am FBN
überprüft. „Je nach Zusammensetzung des Futters werden unterschiedliche
Mengen klimarelevanter Gase freigesetzt“, führt Dr. Manfred Mielenz aus.
Die Ergebnisse der Versuche werden dann in der neuen Insektenanlage im
„BFZR“ umgesetzt, wobei die Forschenden aus dem FBN beratend zur Seite
stehen.
Bis 2024 soll der Modellstandort auf Rügen etabliert sein. Dort wird auch
über die Produktion hochwertiger Kosmetika nachgedacht – das Öl der
Schwarzen Soldatenfliegenlarve ist dem von Palmkernöl und Kokosöl sehr
ähnlich aber wesentlich klimafreundlicher. Eine echte Alleskönnerin eben.

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