Heidelberger Karzer: Digitaler Katalog mit über 2.000 Bildern
Die Malereien des Studentengefängnisses sowie zahlreiche
Hintergrundinformationen sind online frei zugänglich
Szenen aus dem Studentenleben, Karikaturen, geheimnisvolle Zeichen – mehr
als 2.000 Malereien und Graffiti zieren die Wände und Decken des
historischen Karzers der Universität Heidelberg. Sie stammen von
Studenten, die aufgrund eines Vergehens dort inhaftiert waren. Über ein
neues Online-Portal lassen sich nun neben den Bildern selbst auch
zahlreiche Hintergrundinformationen zu den einzelnen Objekten abrufen –
darunter auch Angaben, von wem sie gestaltet wurden oder aus welcher Zeit
sie stammen. Hervorgegangen ist das frei zugängliche Recherche-Instrument
aus einem Projekt des Instituts für Europäische Kunstgeschichte der
Ruperto Carola in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege sowie
der Universitätsbibliothek Heidelberg. Erarbeitet wurde dabei eine
vollständige Foto-Dokumentation des Universitätskarzers, der zu den
beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt Heidelberg gehört.
Den Ausgangspunkt dieser Dokumentation bildete ein zentimetergenauer Plan
des Karzers mit allen fünf Arrestzellen sowie dem Treppenhaus, das sich
über drei Stockwerke erstreckt. Jede Malerei, jede Inschrift, jede
Zeichnung wurde fotografisch erfasst und klassifiziert. „Durch Auswertung
verschiedener Quellen des Universitätsarchivs war es in sehr vielen Fällen
möglich, die Karzerinsassen als Urheber der Graffiti namentlich zu
identifizieren. Mithilfe des sogenannten Karzerbuchs ließ sich zudem
ermitteln, welche Person wann und wie oft eine Strafe im
Studentengefängnis verbüßt hat“, erläutert der Leiter des
Dokumentationsprojekts, Prof. Dr. Matthias Untermann vom Institut für
Europäische Kunstgeschichte. Entstanden ist auf diese Weise ein
umfangreicher digitaler Katalog mit über 2.000 Bildern, der mithilfe
entsprechender Such- und Filterfunktionen nach verschiedenen Kriterien
durchforstet werden kann. So besteht die Möglichkeit, einzelne Räume
direkt anzusteuern, der Katalog kann aber auch nach Namen, Objekten und
weiteren Informationen durchsucht werden. Ergänzende Links führen darüber
hinaus zu den Quellen des Heidelberger Universitätsarchivs sowie der
Universitätsbibliothek. Handschriftliche Texte wie die Inschriften, die
sich auf Wänden und Decken der Arrestzellen sowie des Treppenhauses
befinden, werden in einer Transkription zugänglich gemacht.
Der Studentenkarzer befindet sich in der Augustinergasse auf der Rückseite
der Alten Universität. Das Gebäude wurde 1786 von der Universität
erworben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgte nach und nach der Umbau
zum Karzer. Mehr als 100 Jahre lang wurden Studenten dort unter Anwendung
der akademischen Gerichtsbarkeit für Delikte wie nächtliche Ruhestörung
oder andere Verstöße gegen die öffentliche und universitäre Ordnung
festgesetzt. In den letzten Jahrzehnten vor Schließung des studentischen
Gefängnisses im Jahr 1914 galt es in Studentenkreisen als schick, sich in
den Karzer sperren zu lassen und sich dort mit Malereien und Kritzeleien
zu verewigen. Dazu gehörte zum Beispiel das Anfertigen von Schattenrissen,
die Darstellung von Streichen oder das Anbringen von Erkennungszeichen
studentischer Verbindungen, sogenannter Zirkel. „Ich glaube nicht, dass
ich jemals in üppiger mit Fresken geschmückten Räumen war“, schrieb der
amerikanische Schriftsteller Mark Twain, als er den Heidelberger Karzer im
Jahr 1878 besuchte – zu einer Zeit als dieser noch als Studentengefängnis
genutzt wurde.
Wie Prof. Untermann betont, spielt die neue Bilddatenbank auch eine
unterstützende Rolle bei der mittlerweile gestarteten Karzersanierung, die
im Rahmen des Denkmalschutz-Sonderprogramms der Bundesregierung gefördert
wird. Aufgrund natürlicher Verfallserscheinungen, klimatischer
Verhältnisse und letztlich auch der Nutzung durch die Besucher sind
mittlerweile umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen notwendig geworden, um
vor allem die Wand- und Deckenbemalungen zu erhalten. Dazu gehören unter
anderem die Malschicht- und Putzsicherung, die Ergänzung von Fehlstellen
sowie Retuschen.
- Aufrufe: 12