In manchen Gegenden Indiens ist rund jeder zehnte Mensch zuckerkrank. Schäden der Netzhaut aufgrund von Diabetes gelten inzwischen als häufigste Erblindungs-Ursache bei Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter. Umso wichtiger ist die Früherkennung einer so genannten diabetischen Retinopathie (DR). Doch für Diabetiker, die in Indien auf dem Land oder in ärmeren Bereichen der Städte leben, fehlt es an ausreichender augenärztlicher Versorgung. Daher hat die Augenklinik am Universitätsklinikum Bonn (UKB) zusammen mit der Sankara Eye Foundation in Indien ein kostengünstiges Smartphone-basiertes, telemedizinisches DR- Screening-Programm ins Leben gerufen. Zur Fortführung der Kollaboration haben die Projektpartner jetzt eine Förderung von insgesamt 50.000 Euro vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Else Kröner-Fresenius-Stiftung erhalten. Zusätzlich unterstützt Novartis im Rahmen des eXcellence in Ophthalmology and Vision Awards (XOVA) das Projekt mit weiteren 50.000 Euro.
Millionen von Menschen drohen in Entwicklungs- und Schwellenländern aufgrund von einer DR eine Seheinschränkung bis hin zur Erblindung zu erleiden, da es an Möglichkeiten einer augenärztlichen Versorgung mangelt. „Wenn man eine solche Retinopathie aber rechtzeitig erkennt und behandelt, kann man den Sehverlust oft verhindern“, betont Dr. Maximilian Wintergerst, Arzt an der Augenklinik des UKB und Projektleiter in Deutschland. „Wir wollten daher Abhilfe schaffen und ein Netzhaut- Screening von Diabetikern in ärmeren Gegenden einführen.“ Dazu ergänzt Prof. Dr. Robert Finger, Ko-Leiter des Projektes: „Ein erschwingliches und leicht durchführbares Screening-Verfahren zur Früherkennung ist sehr hilfreich, um die augenärztliche Versorgung zu verbessern.“ „Unser Bestreben bei der Sanakra Eye Foundation India ist es, eine qualitativ hochwertige Augenheilkunde mit sozialer Komponente zu gewährleisten. Wir wissen, dass Technologie den fehlenden Zugang von Millionen von Menschen zu Screenings für diabetische Augenkrankheiten überbrücken kann", erklärte Dr. Mahesh P. Shanmugam, Leiter des Bereichs Glaskörper-/Netzhaut- Erkrankungen und okuläre Onkologie der Sankara Eye Foundation India.
Der Schlüssel ist ein Smartphone mit speziellem Kamera Aufsatz
Eine auf Smartphones basierende Untersuchung des Augenhintergrundes testeten die Augenärzte vom UKB das erste Mal bereits vor etwa vier Jahren im Rahmen einer Pilotstudie zusammen mit der Sankara Eye Foundation in Südindien. Dort untersuchte Wintergerst zusammen mit dem Team des Sankara Eye Hospitals in Bangalore 200 Patienten mit Diabetes. „Wir nutzten die Kamera des Smartphones, um ins Auge zu sehen“, erklärt Wintergerst. Dazu nahmen sie mit umgerüsteten Smartphones Bilder vom Augenhintergrund auf. Ein Adapter fokussiert den Strahlengang der Kamera und der Beleuchtungsquelle so, dass die Mobiltelefone als Ophthalmoskop eingesetzt werden können.
Das leicht zugängliche sowie sehr kostengünstige Verfahren war dann auch die Basis zur Etablierung eines telemedizinischen DR Screenings in den ärmeren Stadtvierteln von Bangalore und der ländlichen Umgebung. Denn der Smartphone-Augenspiegel ist schnell und einfach zusammengebaut, so dass geschultes, nicht-ärztliches Personal fernab eines medizinischen Zentrums Aufnahmen von der Netzhaut machen kann. Ein weiterer Einspareffekt entsteht dadurch, dass ein Augenarzt die vom Smartphone per Internet zu ihm ins Krankenhaus gesendeten Bilder direkt auswerten kann. So wird sofort oder nach kurzer Wartezeit zurückgemeldet, ob der Patient eine DR hat und ob eine Behandlung notwendig ist.
Etablierung eines Augen-Screenings per Telemedizin 24-mal in Indien
Wintergerst ist bereits des Öfteren in Indien gewesen, um am Sankara Eye Hospital in Bangalore zusammen mit den Kollaborationspartnern vor Ort, die Smartphone-basierte Tele-Ophthalmologie zu etablieren. „Wichtig ist uns ein nachhaltiger Wissenstransfer, so dass die telemedizinischen Screenings langfristig weitergeführt werden können“, sagt Wintergerst. Dazu trainierte er ophthalmologische Assistenten in der digitalen Netzhautbildgebung mit dem Smartphone und Ophthalmologen in der standarisierten und systematischen Einstufung von DR auf Bildern der Netzhaut. Zusätzlich entwickelten Wintergerst und Kollegen am Sankara Eye Hospital in Kollaboration mit lokalen Informatikern in Bangalore eine eigenständige App, die ein noch effizienteres Smartphone-basiertes telemedizinisches DR Screening ermöglicht.
Der Vision, das telemedizinische DR-Screening-Programm mit dem in Bangalore etablierten telemedizinischen Reading Center als koordinierendes Zentrum auf möglichst viele Krankenhäuser der Sankara Eye Foundation auszuweiten, ist die Kollaboration jetzt ein Stück nähergekommen. Denn das Projekt wird nun auf insgesamt 24 über ganz Indien verteilte Augen- Screening Einheiten der Sankara Eye Foundation ausgeweitet. Außerdem haben die Wissenschaftler in Bonn und Bangalore in Kollaboration mit Informatikern Deep Learning Algorithmen zur automatischen Analyse Smartphone-basierter Aufnahmen auf DR entwickelt und wollen diese in Zukunft in ihre App integrieren. „Mit der Realisierung dieses Projektes kann die augenärztliche Versorgung für viele Menschen mit Diabetes verbessert werden, insbesondere in ländlichen Gebieten mit schlechter medizinischer Infrastruktur“, sagt Prof. Dr. Frank Holz, Direktor der Universitäts-Augenklinik Bonn. „Zudem kann das telemedizinische Screening- Konzept auf andere Schwellen- und Entwicklungsländer übertragen werden."
Der nächste Girls’Day und Boys’Day finden am 28. April 2022 statt. Die Aktionstage sind das weltweit größte Berufsorientierungsangebot, das den Gedanken einer Berufs- und Studienwahl frei von Rollenklischees fördert. Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 besuchen Betriebe oder Hochschulen, treffen auf Vorbilder in Berufen, die noch immer vorwiegend von Frauen oder Männern ausgeübt werden und entdecken so ihre individuellen Stärken und Talente.
Der Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag und der Boys’Day – Jungen-Zukunftstag bieten Kindern und Jugendlichen die Gelegenheit, sich in spannenden Ausbildungsberufen oder Studiengängen auszuprobieren. Unternehmen und Institutionen laden die Mädchen und Jungen ab Klasse 5 ein und stellen sich so den Fachkräften von morgen vor.
“Jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, mit zukünftigen Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern in Kontakt zu treten, neue Perspektiven und Erfahrungsräume kennenzulernen, ist besonders in Pandemiezeiten wichtig”, motiviert Romy Stühmeier, Pädagogin und Projektleiterin vom Boys’Day, zum Mitmachen. “Wir rufen alle Unternehmen und Institutionen auf, mit Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu gehen und ihnen Einblicke in spannende Berufswelten zu ermöglichen.”
Die Praxiserfahrung findet für Mädchen in der IT, im Handwerk, in den Naturwissenschaften oder im Bereich Technik statt. Jungen begegnen in Einrichtungen männlichen Vorbildern in der Pflege, in erzieherischen Berufen, in Dienstleistungsbereichen oder in der Sozialen Arbeit.
2021 fanden der Girls’Day und der Boys’Day bundesweit vornehmlich digital statt – das wird alternativ, neben den Angeboten vor Ort, auch im kommenden Jahr möglich sein.
Interessierte Firmen und Organisationen können ab sofort online unter www .girls-day.de/radar und www.boys-day.de/radar ihre berufspraktischen Veranstaltungen für Mädchen oder Jungen einstellen. Diese informieren und melden sich an gleicher Stelle für ihr Wunschangebot an.
Der Girls’Day wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Der Boys’Day – Jungen-Zukunftstag wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Geschäftsreisende sind sich einig: Digitale Lösungen können Geschäftsreisetätigkeit nicht ersetzen! Berufsbedingte Mobilität ist mittlerweile allgegenwärtig und unersetzbar. Welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf das Segment hat und wie die Geschäftsreise der Zukunft aussieht, haben die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR), das Deutsche Institut für Tourismusforschung (DITF), mit Sitz an der FH Westküste, und das Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) in ihrer Studie „RA Business 2021“, erforscht.
Geschäftsreisende sind sich einig: Digitale Lösungen können Geschäftsreisetätigkeit nicht ersetzen! Berufsbedingte Mobilität ist mittlerweile allgegenwärtig. Sie gehört für viele Erwerbstätige zum beruflichen Alltag. Die Covid-19-Pandemie stellte jedoch das touristische Nachfragesegment der Geschäftsreisen vor sehr große Herausforderungen: Geschäftsreisen wurden gestrichen oder durch digitale Lösungen ersetzt – mit drastischen Auswirkungen auf die gesamte Branche. Wie sehen die Geschäftsreisenden selbst die Auswirkungen von Corona? Warum sollte aus Sicht der Reisenden auch in Zukunft wieder geschäftlich verreist werden? Wie sieht die Geschäftsreise der Zukunft aus? Die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR), das Deutsche Institut für Tourismusforschung (DITF), mit Sitz an der FH Westküste, und das Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) haben ausgewählte Ergebnisse der „RA Business 2021“, der Reiseanalyse für Geschäftsreisen, veröffentlicht.
Im Vergleich zur RA Business 2019, der letzten Studie ohne Corona-Effekt, ermittelt die RA Business 2021 rund 64% weniger Übernachtungsgeschäftsreisen ins In- und Ausland. Auch wenn der Markt von deutlichen Rückgängen gezeichnet wurde, blieb die Reisestruktur relativ stabil. Mit Blick auf die Reiseanlässe dominierten auch in der Pandemie die klassischen Geschäftsreisen, wie Kundenbesuche, Projektbesprechungen und Reisen zu Niederlassungen oder Unternehmenszentralen. Leistungsträger, insbesondere die Hotellerie, müssen sich dabei auf veränderte Ansprüche der Geschäftsreisenden einstellen, wie kulante Stornierungsbedingungen und einwandfreie Hygiene. Auch die Nachhaltigkeit hat eine steigende Bedeutung im Geschäftsreisesegment – deutlich mehr als bei den Urlaubsreisen.
Während der Pandemie haben die meisten Geschäftsreisenden einen guten Teil ihrer Übernachtungsgeschäftsreisen durch digitale Meeting-Formate ersetzt. „Die Geschäftsreisenden erkennen dabei deutlich die Vor- und Nachteile der digitalen Substitute“, so Ulf Sonntag, Projektleiter der RA Business bei der FUR. Prof. Dr. Bernd Eisenstein, Direktor des Deutschen Instituts für Tourismusforschung ergänzt: „Wir wissen durch unsere Forschung, dass Geschäftsreisende nicht nur berufliche, sondern auch viele private Vorteile aus ihrer Reisetätigkeit ziehen - viele können es kaum abwarten, dass wieder mehr Übernachtungsgeschäftsreisen durchgeführt werden.“
Die meisten Geschäftsreisenden gehen davon aus, dass es auch in Zukunft gute Gründe für Übernachtungsgeschäftsreisen geben wird. Geschäftsreisen machen die notwendige Nähe möglich, die sich in der Wichtigkeit des zwischenmenschlichen Kontakts bei komplexen Problemlösungen oder beim Aufbau von Vertrauen zeigen. Geschäftsreisende ziehen bei fast allen Reiseanlässen auch in Zukunft Übernachtungsgeschäftsreisen einem digitalen Substitut vor. Die aktuellen Ergebnisse sowie die Ergebnisse vorhergehender Studien stehen in kurzer und knapper Form unter www.ditf-fhw.de zur Verfügung. Die nächste Erhebungswelle findet im Juni 2022 statt.
Hintergrundinformation zur Reiseanalyse: Die seit fast 50 Jahren jährlich durchgeführte Reiseanalyse gilt als detaillierteste Untersuchung zur deutschen Urlaubsreisenachfrage, die um das Segment der Geschäftsreisen ergänzt wird. Die FUR ist eine neutrale, nicht kommerzielle Interessengemeinschaft der Nutzer von Tourismusforschung. Methodisch erfolgt die Erhebung zur „RA Business“ in zwei Befragungen, zuletzt mit der dritten Erhebungswelle im Sommer 2021: (1) RA online 5/2021 (bevölkerungsrepräsentativ für die deutschsprachige Bevölkerung im Alter von 14-75 Jahren): Volumen und Struktur von Übernachtungsgeschäftsreisenden (letzte 3 Jahre) als Grundlage für (2) (Feldinstitut Ipsos) (2) n = 2.100 Übernachtungsgeschäftsreisende (letzte 3 Jahre) zu Reiseaufkommen und -verhalten, Buchungsverhalten, Reiserichtlinien, Nachhaltigkeit, Corona und Zukunft der Geschäftsreise gewichtet nach Reisehäufigkeit und Reiseanlass) (Feldinstitut Norstat). Feldzeit: Juni 2021. Zeitbezug Reiseverhalten (Basis Reisen; n = 1.983): Mai 2020 bis April 2021.
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847) Ouvertüre zu «Das Märchen von der schönen Melusine», op. 32 Joseph Joachim Raff (1822 Lachen – 1882) Zwei Scenen, op. 199 sowie «Traumkönig und sein Lieb», op.66 für Singstimme und Orchester Cavatina aus «Six Morceaux», op. 85 Nr. 3, arrangiert für Violine und Orchester von Edmund Singer (1874) Richard Wagner (1813 – 1883) «Träume» aus den Wesendonck-Liedern, Fassung für Violine und Orchester, WWV 91B August Walter (1821 – 1896 Basel) Sinfonie in Es-Dur, op. 9
Die frisch restaurierte, altehrwürdige Tonhalle
Die renovierte Tonhalle in Zürich , Ausenansicht Bild Keystone
Vier Jahre in der Tonhalle Maag liegen hinter uns, in einem Interims-Konzertsaal, der viel junges Publikum angezogen hat, der die Schwelle zum klassischen Konzert tief gelegt hat. Und jetzt also der Einzug in den neu renovierten Saal mit seinem Komponistenhimmel, mit glitzernden Kristallleuchtern, mit Gold und Stuck, erbaut Ende des 19. Jahrhunderts als Monument des Bürgerstolzes. Diesen Saal will das Tonhalle Orchester nun «wie ein Instrument neu einstimmen», sagte Ilona Schmiel, Intendantin der Tonhalle-Gesellschaft Zürich und fügt hinzu «Wir hoffen, dass wir das jüngere Publikum, das wir dort neu gewonnen haben, mitnehmen können in die renovierte Tonhalle.
Ilona Schmiel ist seit 2014 Intendantin der Tonhalle Foto Keystone
Hier spüren wir eine besondere Verantwortung.». Die neue Tonhalle positioniert sie in der gleichen internationalen Liga wie das Konzerthaus des Wiener Musikvereins, das Concertgebouw in Amsterdam oder die Symphony Hall Boston – alles Säle, die im gleichen Stil erbaut sind. Schmiel nennt sie mit liebevollem Unterton «Schuhkartons». Und: Sie alle beherbergen Orchester, die ihre Heimstätten im Namen tragen, wie das Tonhalle-Orchester Zürich.
Statement der Orchestergründerin zum Programm
Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer begrüsst das Publikum
Die Schweizer Kunstmusik aus der Klassik und Romantik fristet auch im 21. Jahrhundert immer noch ein Schattendasein. Ein bedauerlicher Fakt, findet Lena-Lisa Wüstendörfer, die Dirigentin, promovierte Musikwissenschaftlerin und Gründerin des Swiss Orchestra. Die beiden vorliegenden Werke aus der Schweizer Romantik wurden von ihr in intensiven Recherchen ausfindig gemacht und können nun dank der DEBUT Produktion von Schweizer Fonogramm einem breiten Publikum vorgestellt werden.
Inspiration durch landschaftliche Schweizer Schönheiten
Die Schönheit der Schweiz hat nicht nur Dichter inspiriert, sondern auch zahlreiche Komponisten aus dem In- und Ausland. Dirigentin und Musikwissenschaftlerin Lena-Lisa Wüstendörfer spürt diese Schätze unbekannter Schweizer Komponisten in Archiven und Bibliotheken auf und erweckt sie in einem attraktiven Konzertformat zum Leben. In der Tonhalle stellte das Orchester vier Tonschöpfer vor, deren Biografien eng miteinander verwoben sind und für die die Schweiz als Heimat, Zufluchtsort, Reiseland oder Inspirationsquelle eine bedeutende Rolle spielte.
Neugierig auf die renovierte alte Dame an der Claridenstrasse
Die Tonhalle Zürich erstrahlt nach der umfassenden Instandsetzung in den Jahren 2017 bis 2021 wieder in ihrer ganzen Pracht Foto Georg Aerni
Äußert gespannt, wie sich die für 180 Millionen Franken renovierte Tonhalle präsentiert, machte ich mich mit dem Zug auf nach Zürich für das Konzert des Swiss Orchestra“, betitelt als „Schatzkammer Schweizer Sinfonik».Neugierig auf die Werke der beiden, mir relativ unbekannten Schweizer Komponisten, betraten wir die frisch herausgeputzten und trotzdem irgendwie vertrauten ehrwürdigen Hallen des Prunkbaus in unmittelbarer Seenähe und stellten fest, dass sich doch eher das typische «Tonhallenpublikum» für das Konzert eingefunden hatte.
Felix Mendelssohn Bartholdy Ouvertüre zu «Das Märchen von der schönen Melusine», op. 32
Grundlage für das Werk war Conradin Kreutzers Oper Melusina in Berlin: Melusine ist eine mythische Sagengestalt des Mittelalters. Im Erzählkern handelt die Sage davon, dass Melusine einen Ritter unter der Bedingung eines speziellen Betrachtungstabus heiratet, demzufolge er sie nicht in ihrer wahren Gestalt sehen soll: der einer Wasserfee, meist mit Schlangenleib. Melusine wird zur Quelle seines Ansehens und Reichtums, bis der Ritter das Tabu bricht.
Konzentration auf das Sagenhaft Allgemeine
LLW und das Swiss Orchestra in Aktion_Foto Dominic Büttner
Die Ouvertüre konzentriert sich aufs „Sagenhaft-Allgemeine“ und breitet in jedem Teil der sonatensatzförmigen Anlage einmal, im Ganzen also dreimal, den Gegensatz der unvereinbaren Sphären aus. Man ist versucht, diese Interpretation produktionsästhetisch zu begründen und philosophisch zu grundieren und meint zu wissen, dass Mendelssohn in seinen Ouvertüren allmählich auf Distanz zu der Äußerlichkeit gegangen sei, auf die ihre Titel verweisen, und mehr und mehr deren Innerlichkeit offengelegt habe. In der Märchenouvertüre sei diese Tendenz an ihr Ziel gekommen. Hier verzichtet er gänzlich darauf, den äußerlichen Verlauf des Märchens wiederzugeben, und zieht sich ganz auf dessen innerliche Voraussetzung und Veranlassung zurück.Mendelssohn , so Zitat Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, trete hier „von einem an sich schon klaren Gehalt“ zurück in die eigene Freiheit des Inneren“. Das erschwere allerdings den Wissenschaftlern und Hörern unserer Tage „die ‚richtige‘ Deutung, das ‚richtige‘ Verständnis der Stücke“, da sie nicht mehr so dächten und fühlten wie Mendelssohn. Zitatende.
Wellenfigur als Leitmotiv
Das Ganze beginnt und schließt mit einer zauberischen Wellenfigur, die im Verlauf einige Mal auftaucht und so wirkt, als würde man vom Kampfplatze heftiger menschlicher Leidenschaften plötzlich hinaus in das großartige, erdumfassende Element des Wassers versetzt, namentlich von da wo es von As durch G nach C moduliert. Der Rhythmus des Ritterthemas in F Moll gewinnt durch die Tempovariation an Stolz und Bedeutung. Gar zart und anschmiegend klingt uns noch die Melodie in As nach, hinter der wir den Kopf der Melusina erblicken. Von einzelnen Instrumentaleffekten hören besonders erwähnenswert das schöne B der Trompete (gegen den Anfang), das die Septime zum Akkorde bildet; — ein Ton aus uralter Zeit. Dies alles souverän dargereicht von den Protagonisten und hefztig beklatscht vom Publikum im gut gefüllten Saal.
Joachim Raff Zwei Scenen, op. 199 sowie «Traumkönig und sein Lieb», op.66 für Singstimme und Orchester
In der nun folgenden kurzen Begrüssungsansprache der Dirigentin erwähnte diese, dass sie bei ihren Recherchen zufälligerweise entdeckt habe, dass August Walter der Grossvater eines Onkels der Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis war. Ebendiese gesellte sich nun zum Orchester für die folgenden drei Lieder, die alles andere, als «leichte Kost» waren.
Die Hirtin und die Jägersbraut
Marie-Claude Chappuis Mezzosopran
Das Orchester breitete den «Soundteppich» für die Sängerin dicht, kräftig, aber auch mit der nötigen Zurückhaltung, auf dem sich die vielfach ausgezeichnete Mezzosopranistin souverän gesanglich bewegen konnte, dies unter dem immer klaren, souveränen Dirigat von Lena – Lisa Wüstendörfer.
Traumkönig und sein Lieb
Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer und Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis
Die aus Fribourg stammende Mezzosopranistin glänzte besonders beim «Traumkönig» mit schönen Koloraturen und im wechselseitigen Dialog mit den vorwitzigen Oboen supportiert vom glänzenden, spielfreudigen Orchester, welches ab 1. Januar 2022 auch das Residenzorchester der Andermatt Konzerthalle wird.Die Lieder waren nicht optimistisch freudig, sondern eher melancholisch, sehnsuchtsvoll nachdenklich. Die Solistin brachte diese innere Sehnsucht perfekt rüber, phrasierte gefühlvoll, trotzdem ausdrucksstark und artikulierte klar und verständlich, intonierte bombensicher in alle Lagen und konnte sich dabei immer auf die Kongenialität ihrer Mitmusiker verlassen, die von Dirigentin Wüstendörfer stilvoll zurückhaltend durch die Partitur geführt wurden.
Dass Auditorium geizte denn auch nicht mit entsprechendem Applaus.
Cavatina aus «Six Morceaux», op. 85 Nr. 3
Konzertmeister Sherniyaz Mussakhan
Dieses, damals sehr populäre Werk, hatte es sogar ins Repertoire (heutzutage Playlist genannt) des Salonorchesters auf der »Titanic» geschafft und wurde an diesem Konzert mit dem jungen kasachischen Konzertmeister Sherniyaz Mussakhan als Solisten intoniert. Er stellte sich den technischen Herausforderungen mit Bravour und liess Raffs Musik ein Äußerstes an Sorgfalt und Einfühlung zuteilwerden. Explizit im ausladenden Kopfsatz der Sonate nutzte er die gewährte Freiheit zum Ausspielen der Kontraste nuancenreich mit sehr viel Feingefühl.
Das sachkundige Publikum bedankte sich mit langanhaltendem Applaus für den Hörgenuss und begab sich gutgelaunt in die Foyers zur Pause.
2. Konzertteil mit Wagner und Walter
Richard Wagner «Träume» aus den Wesendonck-Liedern
Diese akustische Liebeserklärung Wagners an Mathilde Wesendonck, benutze er später in seiner Oper «Tristan & Isolde» als Grundlage für das Liebes Duett in As-Dur zu Beginn des 2. Aktes.
August Walter Sinfonie in Es-Dur, op. 9
Dieses viersätzige Werk erwies sich als wahre «Trouvaille», als Volltreffer beim Wüsterdörferschen Stöbern in der Schatzkammer der Schweizer Sinfonik.
Laut beschrieb des Swiss Orchestra wurde Walters Sinfonie in Es-Dur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum kontinuierlich aufgeführt und galt als eines seiner Hauptwerke. Heute sei sie gänzlich aus den Konzertsälen verschwunden.
Das Hauptthema des 6/8-Kopsatzes mit seinen lebensvollen Fanfaren in gebrochenen Dur-Dreiklängen trägt den ganzen Satz über den Geist des freudig beschwingten Aufbruchs. Der langsame Satz ist von schmachtend liedhaften Themen beherrscht. Als eine Art Trio/Intermezzo erklingt ein Abschnitt mit erregt wirkenden 16teln in den Streichern. Diese Passage ist geprägt von nervös drängendem Gestus. Unter leisem Trommelwirbel erzeugen schließlich Klarinette & Fagott geradezu geisterhafte Szenerien. Hernach Rückkehr zum wiegenden Liedthema. Formal also äußerst interessant. & nicht nur formal. Das Scherzo birgt in seinem Trio hübsche Horn-Fanfaren. Diese steigern sich im Verlauf zu hymnischer Größe. Die streicherdominierten Rahmenteile stehen in grüblerischem Moll.
Langsame Überleitung ins Finale
Die langsame Einleitung des Finales wechselt bald in ein von den Streichern in freudig-festlichem Allegro angeschärften Hauptthema in synkopiertem Rhythmus. Zwischenzeitlich werden tapsige Oktavsprünge des Solo-Fagotts begleitet durch ein von den Streichern gestaltetes Seitenthema. Ein abwechslungsreicher Widerstreit der einzelnen Stimmen sorgt für immer neue Kontraste. Bläser gegen Streicher, jäh dreinfahrende Sforzati, dann wieder subito piano-Passagen. Dieses Finale bildet sicher den Schwer-& Höhepunkt des Werkes. Das Orchester, durch die Partitur manövriert von Kapitänin Lena – Lisa Wüstendörfer spielte auf absoluten Topniveau und mit offensichtlicher Spielfreude
Fazit
Ein alles andere als gewöhnliches Konzert, das trotz nicht viel gehörten Werken, irgendwie vertraut wirkte. Schwang da in unseren Hinterköpfen doch irgendwie ein «Made in Switzerland», ein gewisser Chauvinismus mit?
Bewundernswert auch, dass Orchesterchefin Wüstendörfer ihr Konzept konsequent durchzieht mit der Schweizer Sinfonik und nicht als quasi «Erfolgsgarant» im zweiten Konzertteil doch einen «Gassenhauer» in Form einer bekannten Sinfonie eines der grossen Komponisten einstreut, statt der unbekannteren von August Walter.
Schatzkammer Schweizer Sinfonik – Joachim Raffs ‘Traumkönig und sein Lieb’ op. 66