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Produktionstechnik für Feststoffbatterien

Im Zentrum für Digitalisierte Batteriezellenproduktion am Fraunhofer IPA
wird gemeinsam mit den mittelständischen Unternehmen Dr. Fritsch
Sondermaschinen GmbH und Dr. Fritsch GmbH & Co KG die Prozesstechnik für
die Festkörperbatterien der Zukunft entwickelt. Das Forschungsprojekt
fördert das Land Baden-Württemberg mit über einer Million Euro.

»Feststoffbatterien haben das Potenzial, die bisherige Batterietechnik
abzulösen«, davon ist Carsten Glanz überzeugt. Der Gruppenleiter für
Applikationstechnik funktionaler Materialien am Fraunhofer-Institut für
Produktionstechnik und Automatisierung IPA will zusammen mit einem Team
von Wissenschaftlern und zwei mittelständischen Unternehmen aus Baden-
Württemberg die Voraussetzungen schaffen für die automatisierte Fertigung
hochwertiger Stromspeicher.

Verglichen mit den heute gängigen Lithium-Ionen-Batterien haben
Festkörperbatterien mehrere Vorteile: Die Sicherheit ist höher – weil kein
flüssiger Elektrolyt benötigt wird, kann nichts auslaufen und sich
entzünden. Hinzu kommen eine höhere Energiedichte und eine längere
Lebensdauer.

Noch steckt die Technik in den Kinderschuhen. »Festkörperbatterien mit
einer Elektrolyt-Schicht aus Keramik beispielsweise wurden bisher nur im
Labormaßstab gefertigt. Die Skalierbarkeit – also die Übertragung der
Ergebnisse auf eine Produktion im großen Maßstab – ist noch völlig
ungeklärt«, erklärt Glanz.

Im Projekt »Erforschung neuer Misch- und Sintertechnologien für gradierte
keramische Festkörperelektrolyte«, kurz EMSig, will der Ingenieur jetzt
zusammen mit zwei Industriepartnern eine Prozesskette für die
großtechnische Herstellung von Batterien mit keramischen
Festkörperelektrolyten entwickeln und optimieren: »Wir haben am IPA durch
das Zentrum für Digitalisierte Batteriezellenproduktion viel Erfahrung mit
der Automatisierung in der Batterie-Fertigung, und unsere
Kooperationspartner verfügen über ein fundiertes Know-how, was die
Herstellung und Funktionalisierung, das Handling und das Sintern von
Pulvern betrifft.«

»Dr. Fritsch GmbH & Co KG wird im Rahmen des Projekts das keramische
Ausgangspulver bereitstellen und modifizieren, das für die Herstellung
keramischer Elektrolyte benötigt wird«, informiert Ute Wilkinson,
Geschäftsführerin bei Dr. Fritsch. »Hier haben wir die Kompetenz,
maßgeschneiderte Materialien zu erzeugen und zu analysieren.« Der zweite
Partner ist die Dr. Fritsch Sondermaschinen GmbH, ein international
führender Hersteller von Maschinen zum Mischen, Dosieren und Sinterpressen
von Pulvern. Das Unternehmen hat eine lange Tradition beim innovativen
Handling von Pulvern und in der Sintertechnik. So können neue
Produktionsmethoden sofort in die benötigten Maschinen umgesetzt werden.
Im Mittelpunkt des Produktionsprozesses wird dabei die Weiterentwicklung
innovativer FAST-/SPS-Sinteranlagen stehen. Dr. Fritsch ist mit über 1000
installierten Sinteranlagen der weltweit führende Hersteller solcher FAST
-/SPS-Maschinen.

Sanfter Übergang statt starrer Grenzen

Eine besondere Herausforderung bei der Fertigung von Feststoffbatterien
sind die Material-Übergänge: Scharfe Grenzen zwischen den einzelnen
Schichten der Batterie können zu einer schlechten Ionenleitung führen.
Durch unterschiedliche thermische Ausdehnungen kann es sogar zum Bruch
entlang der Grenzschichten kommen.
Die Lösung: fließende Grenzen. »Wir wissen aus Laborversuchen, dass sich
die Spannungen durch graduelle Übergänge zwischen dem keramischen
Festkörperelektrolyten und den Elektroden verhindern lassen«, berichtet
Glanz. »Ungeklärt war bisher jedoch, wie sich diese spannungsverringernden
Übergänge prozesstechnisch realisieren lassen.«

Ziel des EMSig-Projekts ist es, eine Demonstrator-Anlage zu bauen, in der
Feststoffbatterien aus nur hauchdünnen, homogenen Pulverschichten Lage für
Lage aufgebaut und gesintert werden, wobei sich die Zusammensetzung des
Pulvers mit jeder Schicht verändert: Am Übergang zwischen Elektrode und
Elektrolyt beispielsweise wird sukzessive mehr Keramikpulver beigemischt –
25, 50, 75 und schließlich 100 Prozent.

In zwei Jahren soll der gesamte Produktionsprozess soweit ausgereift sein,
dass er von der Industrie für die Batterieherstellung im großen Maßstab
genutzt werden kann. Unterstützt wird das EMSig-Projekt durch das Land
Baden-Württemberg mit 1,164 Millionen Euro.

Steckbrief

Projekt: »Erforschung neuer Misch- und Sintertechnologien für gradierte
keramische Festkörperelektrolyte (EMSig)«
Projektpartner: Dr. Fritsch GmbH & Co KG, Dr. Fritsch Sondermaschinen
GmbH, Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA
Projektlaufzeit: 15.9.2021 bis 14.9.2023
Fördersumme: 1,164 Millionen Euro
Fördergeber: Land Baden-Württemberg
Förderkennzeichen: BW1_0163/03

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4. OptecNet Jahrestagung in Hannover: Technologietrends und Networking

Vom 24. bis 25. November 2021 fand die 4. OptecNet Jahrestagung in
Hannover mit vier spannenden Fachsessions, einer Begleitausstellung und
zahlreichen Networking-Möglichkeiten statt. Zur Sicherheit aller
Teilnehmenden wurde die Veranstaltung unter der 2G+ Regelung durchgeführt.

Thomas Bauer, Vorstandsvorsitzender von OptecNet Deutschland e.V. und
Geschäftsführer von OptoNet e.V., begrüßte am Mittwochvormittag alle
Teilnehmenden und rief dazu auf, den persönlichen Austausch rund um die
vielfältigen Technologietrends der Photonik und Quantentechnologien
intensiv zu nutzen.

In diesem Jahr wurde die Jahrestagung von PhotonicNet, dem Innovationsnetz
Optische Technologien in Niedersachsen, organisiert. Geschäftsführer
Thomas Fahlbusch richtete sich mit einem Grußwort an die Teilnehmenden.
Anschließend folgte ein virtuelles Grußwort von Dr. Sabine Johannsen,
Staatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und
Kultur.

Die OptecNet Jahrestagung widmete sich aktuellen Technologietrends zu
folgenden Schwerpunktthemen:

KI und Photonik
Quantentechnologien
Photonik in der Agrar- und Forstwirtschaft
Photonik für die Batterieproduktion

Vier Keynotes eröffneten das Programm des ersten Veranstaltungstages.

Wolfgang Ebert, Geschäftsführer des Goldsponsors Laseroptik GmbH, stellte
eindrucksvoll die Entwicklungen in der Optikbeschichtung für
Hochleistungslaser vor.

Dr. Bernhard Ohnesorge, Geschäftsführer der Carl Zeiss Jena GmbH und
Vorsitzender des SPECTARIS-Dachverbands Photonik, berichtete anschließend
per Liveschaltung über die Ziele und Aktivitäten von PHOTONIK DEUTSCHLAND
– PHOTONICS GERMANY, der Allianz von OptecNet Deutschland und SPECTARIS
zur Förderung der Photonik und Quantentechnologien als
Schlüsseltechnologien in Deutschland

Als Vorgeschmack auf die Fachsession „KI und Photonik“ gab Prof. Dr.
Cornelia Denz, Professorin an der Westfälischen Wilhelms-Universität
Münster, Einblicke in die Künstliche Intelligenz und deren Funktionsweise
sowie Anwendungsmöglichkeiten in der Photonik.

Mit der Formulierung „Quo Vadis?“ stellte Prof. Dr. Joachim Ankerhold von
der Universität Ulm die Potenziale und Entwicklungen der
Quantentechnologien als bedeutende Zukunftstechnologien vor.

In den Pausen hatten die Teilnehmenden Gelegenheit für persönliches
Netzwerken und für den Besuch der Begleitausstellung.

Ob Prozesskontrolle, Sensorik, Lasertechnik oder Medizintechnik – in der
Fachsession „KI und Photonik“, moderiert von Thomas Bauer, wurden die
Potenziale von Machine Learning und Deep Learning für unterschiedlichste
Anwendungsbereiche näher beleuchtet.

Die zweite Fachsession – moderiert von Dr. Horst Sickinger von bayern
photonics – widmete sich den vielfältigen Einsatzgebieten der
Quantentechnologien. Hierzu zählen u.a. die sichere und verschlüsselte
Kommunikation, die Quantensensorik und die Quantenkryptographie.

Die Abendveranstaltung mit einer Ansprache von Dr. Andreas Ehrhardt, Stv.
Vorstand, zu 20 Jahren OptecNet Deutschland e.V. rundete den ersten
Veranstaltungstag ab. Neben einer Rückschau auf die zahlreichen
Veranstaltungen und Projekte des mitgliederstärksten Photonik-Verbunds in
Deutschland gab er auch einen Ausblick auf die geplanten Aktivitäten. Die
Photonik fungiere als Problemlöser für zahlreiche Entwicklungen und
Herausforderungen, wie die Digitalisierung, Elektrifizierung und
Dekarbonisierung. Vor diesem Hintergrund betonte Andreas Ehrhardt die
große Bedeutung neuer Photonik-Ausschreibungen, welche ein zentrales
Handlungsfeld von PHOTONIK DEUTSCHLAND – PHOTONICS GERMANY darstellen.

Im Rahmen der Abendveranstaltung wurde der Kaiser-Friedrich-
Forschungspreis an das Team um Dr. Ann-Kathrin Kniggendorf und Prof. Dr.
Bernhard Roth vom Hannoverschen Zentrum für Optische Technologien der
Leibniz Universität Hannover verliehen. Das Team wurde für seine Forschung
zur Detektion von Mikroplastiken und anderen Kontaminanten in Wasser
ausgezeichnet. Das auf Optischen Technologien basierende Verfahren wurde
im Projekt OPTIMUS entwickelt und ermöglicht die Überwachung von
Mikroplastik in Echtzeit. Herzlichen Glückwunsch zu dieser herausragenden
Erfindung!

Fünf facettenreiche Keynote-Vorträge bildeten den Auftakt des zweiten
Veranstaltungstages, moderiert von Dr. Frank Lerch von OptecBB.

Prof. Dr. Ir. Hugo Thienpont von der Vrije Universiteit Brüssel stellte
die Aktivitäten des PhotonHub Europe vor. Dr. Silke Diedenhofen vom Dutch
Research Council gab Einblicke in die zahlreichen Institutionen und
Aktivitäten im Bereich Photonik in den Niederlanden. Anschließend
berichtete Markus Wilkens, Senior Technology Consultant bei VDI
Technologiezentrum GmbH, über die neuen Entwicklungen und Ziele des
Programms „Horizon Europe“.

Die Keynotes von Prof. Dr. Arno Ruckelshausen zu bildgebenden
Sensorsystemen in der Landwirtschaft und Laseranwendungen in der Lithium-
Ionen-Batterieherstellung von Johannes Bührle leiteten zu den Fachsessions
des zweiten Veranstaltungstages über.

Ob maschinelles Lernen für die Präzisionslandwirtschaft, Unkrautbekämpfung
mit dem Laser oder Einsatz von leistungsfähiger Bilderkennung in der
AgriPhotonik - die Teilnehmenden der dritten Session, moderiert von Dr.
Thomas Fahlbusch von PhotonicNet, ließen sich von spannenden Vorträgen
rund um die Photonik in der Agrar- und Forstwirtschaft inspirieren.

Parallel dazu führte Dr. Andreas Ehrhardt von Photonics BW durch die
Session Photonik für die Batterieproduktion mit Fachbeiträgen zu
Laseranwendungen für Lithium-Ionen-Batterien und die Herstellung von
Elektrodenverbindungen und -optimierungen.

Der Abschlussvortrag von Prof. Dr. Richard Hanke-Rauschenbach zur
Generierung von Wasserstoff und den Potenzialen der Wasserstoffwirtschaft
rundete die diesjährige Jahrestagung ab.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei den Referentinnen und Referenten,
Ausstellern, Sponsoren und bei allen Teilnehmenden für den interessanten
und informativen Austausch rund um die Photonik und Quantentechnologien!

Die 5. OptecNet Jahrestagung wird in Fürstenfeldbruck stattfinden – der
Termin wird rechtzeitig bekanntgegeben. Freuen Sie sich erneut auf
hochkarätige Fachvorträge, eine Begleitausstellung und den fachlichen
Austausch mit Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung und
Ausbildung.

Mehr unter www.optecnet.de

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Sponsoren der diesjährigen
Jahrestagung:

Gold-Sponsor: Laseroptik GmbH
Silber-Sponsoren: Edmund Optics GmbH, Carl Zeiss AG, Sill Optics GmbH &
Co. KG
Bronze-Sponsoren: Thorlabs GmbH, EPIC – European Photonics Industry
Consortium

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50 Jahre zepf: 50 Jahre empirische Bildungsforschung made in Landau

Generationen von Lehrern und Schülern kennen
diese vergleichenden Schulleistungsstudien. Der Grundstein für die
objektive Bewertung von Schülerleistungen in Schulen wurde vor 50 Jahren
in Landau mit der Gründung des Zentrums für Empirische Pädagogische
Forschung (zepf) gelegt.

Seither ist die Sicherung und Entwicklung von Qualität in Schule und
Unterricht ein wesentliches Anliegen der zentralen Forschungseinrichtung
an der Universität in Landau. Die Vergleichsarbeiten VERA in den
Klassenstufen 3 und 8, die von Landau aus in sechs Bundesländern
durchgeführt und ausgewertet werden, sind ein Beispiel dafür. Sie sind ein
Baustein der Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring der
Kulturministerkonferenz.

Professor Dr. Karlheinz Ingenkamp gründete vor 50 Jahren das zepf an der
damaligen erziehungswissenschaftlichen Hochschule Landau und heutigen
Universität Koblenz-Landau und bewies damit Weitblick: Er verankerte
empirische diagnostische Verfahren in der pädagogischen Forschung und
Ausbildung angehender Lehrkräfte, seinerzeit ein Novum. „Innovativ und ein
Zeichen von Pioniergeist war auch seine Entscheidung, unter einem Dach
pädagogische wie auch psychologische Forschung zu vereinen“, unterstreicht
Professor Dr. Ingmar Hosenfeld, Mitglied der kollegialen Leitung des zepf.
„Erziehungswissenschaftliche Forschung war zu jener Zeit in Deutschland
vor allem noch philosophisch orientiert, empirisches Vorgehen unüblich“.
Am zepf forschen heute rund 25 Erziehungswissenschaftlerinnen und
-wissenschaftler sowie Psychologinnen und Psychologen an vielfältigen
Themen der empirischen pädagogischen Forschung.

In seiner Forschung hatte zepf-Gründer Ingenkamp die großen Unterschiede
bei der Bewertung von Schülerleistungen durch verschiedene Lehrkräfte
aufgedeckt und begründete damit die Forderung nach objektiven
Bewertungsverfahren in der Schule. „Mit der Begründung der empirischen und
somit objektiven Bewertung von Schülerleistungen hat Ingenkamp Standards
geschaffen, die heute selbstverständlich sind“, hebt Hosenfeld die
wegbereitenden Leistungen des zepf-Gründers und die Bedeutung Landaus für
die Bildungsforschung hervor.

Mit dem schlechten Abschneiden der deutschen Schülerinnen und Schüler bei
den Internationalen Leistungsstudien TIMSS und PISA um die
Jahrhundertwende wurde der Nimbus der Überlegenheit des deutschen
Schulsystems gebrochen. „Die Politik sah sich gefordert, den von Ingenkamp
festgestellten Problemen der Leistungsbewertung etwas entgegenzusetzen und
etablierte die regelmäßige Überprüfung von Leistungsständen in den
Schulen“, so Hosenfeld.

Die Sicherung und Entwicklung von Qualität in Schule und Unterricht ist
auch heute noch ein Hauptbetätigungsfeld des zepf. Alle 3.- und
8.-Klässler in Deutschland und einige im deutschsprachigen Ausland kennen
die Vergleichsarbeiten (VERA3 und VERA8), die unter anderem von Landau aus
in sechs Bundesländern durchgeführt und ausgewertet werden. Der
langjährige Landauer Professor Dr. Andreas Helmke hatte zusammen mit
Hosenfeld 2002 die ersten Vergleichsarbeiten in Rheinland-Pfalz
entwickelt.  Mit ihnen wird der Entwicklungsstand von fachspezifischen
Kompetenzen in den Kernfächern Deutsch und Mathematik in Bezug auf die
Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz der Bundesländer (KMK)
ermittelt und mit verschiedenen Vergleichswerten den Schulen zur
Weiterarbeit zur Verfügung gestellt. „Diese Werte sind vor allem für die
Schulen selbst aufschlussreich und stellen daneben in zusammengefasster
Form auch für die Bildungsverantwortlichen in den Ministerien wichtige
Grundlagen dar, um Lehren und Lernen weiterentwickeln und den Erfolg der
pädagogischen Arbeit besser einschätzen zu können“, so Hosenfeld. „VERA
bietet somit Lehrkräften die Möglichkeit der Selbstreflexion und
Selbstvergewisserung über den eigenen Unterricht“. Einen Anteil an der
Verbesserung der Qualität von Schule zu haben, ist seit der Gründung ein
Anspruch des zepf: „Das Bildungssystem in Deutschland ist sehr komplex mit
vielen unterschiedlichen Stellschrauben“, unterstreicht Hosenfeld.
Unermüdlich arbeitet das Team im zepf daran, an diesen Stellschrauben
erfolgreich zu drehen und somit an der Optimierung des Bildungssystems
mitzuarbeiten.

Selbstfürsorge ein zentraler Motor für Gesundheit und Wohlbefinden

In den vergangenen fünf Jahrzehnten sind neben den objektiven
Bewertungsverfahren weitere Profilbereiche im Arbeits- und Forschungsfeld
des zepf hinzugekommen. Ein Schwerpunkt liegt heute auch auf dem Thema
Gesundheit und Wohlbefinden, der sich aktuell insbesondere der
Lehrergesundheit widmet. „Die Frage, wie ich Stress, Erschöpfung und
Burnout vorbeugen kann, hat in den vergangenen Jahren durch die starke
Belastung im Arbeitsalltag zunehmend an Bedeutung gewonnen“, bekräftigt
Privatdozentin Dr. Gabriele E. Dlugosch. Ihr Arbeitsbereich geht in
gesundheitspsychologischen Studien u. a. der Frage nach, welche
prophylaktische Wirkung Selbstfürsorge, Achtsamkeit und Stressbewältigung
entfalten können. Ende Oktober startete eine Studie speziell für
Lehrkräfte. Darin wollen Dlugosch und ihr Team die präventive Wirksamkeit
ihres erprobten Seminarkonzepts im Online-Format für Lehrkräfte prüfen.
Das Seminar „Besser leben! Selbstfürsorge für Lehrkräfte“ zielt darauf ab,
arbeits- und stressbedingten Belastungsfolgen vorzubeugen. Die
wissenschaftliche Begleitung wird vom Bundesforschungsministerium
gefördert.

Professionalisierung von Lehrkräften

Eine wichtige, und in Zukunft noch bedeutsamer werdende Rolle im Hinblick
auf die Forschung zur Qualitätssicherung und -steigerung im Bildungswesen
spielt auch die Professionalisierung der verschiedenen Akteure. Diesem
Feld widmet sich am zepf u.a. Professor Dr. Josef Strasser, dessen
Forschungsschwerpunkt im Bereich der pädagogischen Beratung liegt. „Mit
den allgegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen, wie der
Digitalisierung oder der zunehmenden Diversität kommen auf Schule und
Lehrkräfte neue Herausforderungen zu, auf die sie nicht immer gut
vorbereitet sind“, erklärt Strasser. Längst beschränkt sich
professionelles schulisches Handeln nicht mehr nur auf den guten
Unterricht im Klassenzimmer. Eine zunehmend wichtigere Rolle spielt etwa
die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus. „Doch gerade hier sind
Defizite festzustellen“, so Strasser. Wie sich in einer aktuellen
Interviewstudie zeigte, fühlen sich Lehrkräfte im Kontakt mit Eltern oft
belastet und sehen sich ungenügend dafür gerüstet, die Kommunikation mit
Eltern professionell zu gestalten. Deshalb geht Strasser mit seinem Team
aktuell der Frage nach, worin die Schwierigkeiten der Lehrkräfte beim
Führen von Elterngesprächen begründet liegen und wie sie besser auf diese
Aufgabe vorbereitet werden können. Wie sich in der Befragung von
erfahrenen Lehrkräften und Lehramtsstudierenden erwies, scheinen mangelnde
Erfahrung mit und Vorbereitung insbesondere auf schwierige und
konflikthafte Gespräche zentrale Faktoren zu sein. In simulierten
Beratungsgesprächen gelang es angehenden und erfahrenen Lehrkräften oft
nicht, adäquat die Perspektive der Eltern wahrzunehmen und im Gespräch zu
berücksichtigen. Aktuell werden am zepf Trainingskonzepte entwickelt und
erprobt, die helfen sollen, Lehramtsstudierende schon frühzeitig mit
typischen und schwierigen Gesprächssituationen vertraut zu machen und sie
aus verschiedenen Perspektiven zu erleben.

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Der Süßwasser-Biodiversität einen Platz am Tisch einräumen

Forschende aus 90 Wissenschaftseinrichtungen weltweit stellen fest: Die
Erforschung und der Schutz der Süßwasser-Biodiversität bleiben weit hinter
denen im terrestrischen und marinen Bereich zurück. Sie haben in der
Fachzeitschrift Ecology Letters eine Forschungsagenda mit 15 Prioritäten
veröffentlicht, mit denen es gelingen soll, die biologische Vielfalt in
Seen, Flüssen und Feuchtgebieten besser zu erforschen und zu schützen. Das
ist dringend nötig, denn der Artenverlust schreitet in Binnengewässern
schneller voran als an Land und im Meer.

„Der Biodiversitätsverlust im Süßwasser ist eine weltweite Krise, die
buchstäblich unter der Wasseroberfläche verborgen ist“, stellt die
Professorin Sonja Jähnig vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und
Binnenfischerei (IGB) und der Humboldt-Universität zu Berlin fest. Die
Biodiversitätsforscherin hat die Agenda zur Priorisierung der
Forschungsthemen und Schutzmaßnahmen der Süßwasser-Biodiversität initiiert
und zusammen mit 95 Forschenden aus 38 Ländern auf den Weg gebracht.

Die biologische Vielfalt im Süßwasser umfasst die Gene, Populationen,
Arten, Gemeinschaften und Ökosysteme aller Binnengewässer. Sie erbringt
wesentliche Leistungen, die als Lebensgrundlage für das Wohlergehen der
Menschen von großer Bedeutung sind. Aller Wichtigkeit zum Trotz:
„Gegenwärtig nimmt diese biologische Vielfalt in einem noch nie
dagewesenen Ausmaß ab. Zahlen belegen das sehr eindrücklich“, sagt Sonja
Jähnig.

Rückgang der Bestände von Süßwassertieren um über 80 Prozent:

Der jüngste Living Planet Report dokumentiert für 3.741 untersuchte
Populationen, die 944 Süßwasserwirbeltierarten repräsentieren, einen
durchschnittlichen Rückgang der Bestände um 84 Prozent – innerhalb von  50
Jahren. Dies ist der stärkste Rückgang in den drei großen Bereichen Land,
Meere und Süßwasser. „Trotz des anhaltenden, beispiellosen Rückgangs
schaffen es internationale und zwischenstaatliche wissenschaftlich-
politische Plattformen, Förderorganisationen und große gemeinnützige
Initiativen nach wie vor nicht, der Süßwasser-Biodiversität die ihr
gebührende Priorität einzuräumen“, kritisiert auch Dr. Alain Maasri,
Erstautor der Studie vom IGB.

Binnengewässer bei der Umweltförderung deutlich unterrepräsentiert:

So zeigt ein aktueller Bericht (Moralis, D. 2021. Environmental funding by
European foundations, volume 5 ed. Centre, EF. European Foundation Centre)
über die Umweltfinanzierung durch 127 europäische Stiftungen, dass auf
Binnengewässer nur 1,75 Prozent der insgesamt 745 Millionen Euro, die 2018
für Umweltarbeit bewilligt wurden, entfallen und dass unter den 13
thematischen Kategorien, die zur Bewertung der Fördermittelverteilung
herangezogen wurden, Binnengewässer an vorletzter Stelle stehen. Oftmals
werden Binnengewässer auch bei den Land-Ökosystemen mitgeführt - und dann
in Finanzierungsplänen nicht ausreichend berücksichtigt.

Neue Agenda soll Biodiversitätsforschung und Umweltpolitik voranbringen:

„Die Agenda soll einen Impuls für ein stärkeres globales Engagement für
die Erforschung und den Schutz der biologischen Vielfalt von Süßwasser
setzen; konkrete Maßnahmen müssen jedoch immer auf lokaler, regionaler und
nationaler Ebene entwickelt werden“, betont Sonja Jähnig.

Die Autorinnen und Autoren der Agenda identifizieren 15 Prioritäten in den
Bereichen Dateninfrastruktur, Monitoring, Ökologie, Management und
Sozioökologie, anhand derer die internationale Biodiversitätsforschung im
Gewässerbereich zielgerichtet entwickelt werden sollte. Und die
Autor*innen haben drei großen Herausforderungen – Wissenslücken,
Kommunikationsschwierigkeiten und mangelhafte politische Umsetzung – mit
diesen 15 Prioritäten in Zusammenhang gesetzt.

Wissenslücken schließen, besser kommunizieren und politischen Mut zeigen:

„Es geht nicht darum, mit dem Finger auf politische Entscheider*innen oder
andere Akteure zu zeigen. Wir alle – auch wir Forschenden – sind in der
Pflicht, Prioritäten zu setzen und besser zusammenzuarbeiten“, sagt Alain
Maasri. Große Wissenslücken und einen ungleichen Zugang zu Informationen
gibt es im Bereich der Ökologie, also beispielsweise über die
Wechselwirkungen zwischen Organismen und der Umwelt. Auch das Monitoring
könnte verbessert werden: mithilfe von automatisierten Bild- und
Videoanalysen, künstlicher Intelligenz, Fernerkundungstechnologien oder
durch bürgerwissenschaftliches Engagement. Andere Disziplinen sollten
ebenfalls einbezogen werden.

Kommunikationsschwierigkeiten bestehen oftmals zwischen
Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen, Manager*innen und politischen
Entscheidungsträger*innen; dies betrifft z.B. die Mobilisierung und
Bereitstellung vorhandener Daten. Dies sollte mit der Digitalisierung von
Daten aus regionalen und nationalen Überwachungsbehörden,
Museumssammlungen und Forschungseinrichtungen einhergehen.
Mehr politischen Rückenwind wünschen sich die Autor*innen bei
Zielkonflikten zwischen ökologischen, wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Interessen durch die Einbeziehung von lokalen
Gemeinschaften und Fachleuten. Dazu gehört auch, traditionelles und
indigenes ökologisches Wissen einzubeziehen.
„Allen voran sollten Seen, Flüsse, Teiche und Feuchtgebiete in
Bewirtschaftungs- und Renaturierungsprogrammen  ausdrücklich als wichtige,
eigenständige Lebensräume anerkannt werden“, resümiert Sonja Jähnig.

*********

Zur Genese der internationalen Agenda:
Die Agenda wurde auf einem internationalen Workshop der Alliance for
Freshwater Life im November 2018 in Berlin initiiert. Die Agenda spiegelt
die kollektive Meinung der Autor*innen wider und basiert auf intensiven
Diskussionen und Austausch von Wissen und Ideen im Jahr 2020. Bei den
Autor*innen dieser Agenda handelt es sich um Forschende aus 38 Ländern,
von denen 18 (47 %) als Länder des globalen Südens gelten. Von den 96
Autor*innen sind 28 (29 %) mit Universitäten und Forschungsinstituten in
Ländern des Globalen Südens verbunden, und 16 (17 %) geben an, dass sie
derzeit gemeinsam mit indigenen Völkern an der Bewirtschaftung und
Erhaltung der Süßwasser-Biodiversität arbeiten. Daher sind die Autor*innen
überzeugt, dass die vorgeschlagene Agenda mit ihren 15 Prioritäten eine
repräsentative Meinungsvielfalt widerspiegelt.

Die 15 Prioritäten:
Dateninfrastruktur – 1. Erstellung eines umfassenden Überblicks über
Daten, 2. Effektive Mobilisierung und Digitalisierung vorhandener Daten,
3. Entwicklung zugänglicher Datenbanken nach den Grundsätzen der
Auffindbarkeit, Zugänglichkeit, Interoperabilität und Wiederverwendbarkeit
(FAIR-Datenprinzipien).
Monitoring – 4. Koordinierung bestehender und Einrichtung neuer
Monitoringprogramme, 5. Ermittlung und Behebung von Wissenslücken im
Bereich der biologischen Vielfalt, 6. Entwicklung neuer innovativer
Methoden zur Überwachung der biologischen Vielfalt.
Ökologie – 7. Verständnis der mechanistischen Beziehungen zwischen
biologischer Vielfalt und Ökosystemleistungen, 8. Untersuchung der
Reaktionen der biologischen Vielfalt auf verschiedene Stressfaktoren, 9.
Untersuchung der ökologischen und evolutionären Reaktionen von Organismen,
Gemeinschaften und Ökosystemen auf den globalen Wandel.
Management – 10. Evaluierung von Renaturierungsmaßnahmen, 11. Entwicklung
von Bewirtschaftungsstrategien im Einklang mit den Szenarien für „Nature
Futures“, 12. Erarbeitung von landschaftlichen Perspektiven für die
Bewirtschaftung und ökologisch verträgliche Staudammbau- und
Betriebskonzepte
Sozioökologie – 13. Einbeziehung der Sozialwissenschaften in die
Biodiversitätsforschung, 14. Methoden zur Bewertung von Kompromissen
zwischen ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Bedürfnissen, 15. Systematische Entwicklung von Bürgerwissenschaft und
partizipativer Forschung.

Alliance for Freshwater Life (AFL):
Die Vision: Eine Welt, in der die Menschen unter die Wasseroberfläche
schauen – um die Süßgewässerbiodiversität zu verstehen, zu schätzen und zu
schützen. Obwohl Binnengewässer weniger als ein Prozent der Erdoberfläche
bedecken, gehören sie zu den artenreichsten Lebensräumen unseres Planeten.
Noch, denn Flüsse und Seen sind von einem rasanten Rückgang der
biologischen Vielfalt betroffen. Ursachen dafür sind Gewässer- und
Landnutzungskonzepte, in denen der Schutz der Süßgewässerbiodiversität
nicht ausreichend berücksichtigt wird. Die AFL ist ein internationales
Netzwerk von aktuell 23 Partnern, das von fünf Säulen getragen wird:
Forschung, Daten und Synthese, Öffentlichkeitsarbeit und Bildung,
Naturschutz, Politik. Initiiert wurde die AFL unter anderem von
Forschenden des IGB. Die AFL ist für alle Teilnehmenden aus Forschung,
Naturschutz und Politik ein Bekenntnis, ihre Expertisen zu bündeln und das
Thema auf die politische und gesellschaftliche Agenda zu heben.

Über das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB):
„Forschen für die Zukunft unserer Gewässer“ ist der Leitspruch des
Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Das IGB
ist das bundesweit größte und eines der international führenden
Forschungszentren für Binnengewässer. Es verbindet Grundlagen- und
Vorsorgeforschung, bildet den wissenschaftlichen Nachwuchs aus und berät
Politik und Gesellschaft in Fragen des nachhaltigen Gewässermanagements.
Forschungsschwerpunkte sind u. a. die Langzeitentwicklung von Seen,
Flüssen und Feuchtgebieten und die Auswirkungen des Klimawandels, die
Renaturierung von Ökosystemen, der Erhalt der aquatischen Biodiversität
sowie Technologien für eine nachhaltige Aquakultur. Die Arbeiten erfolgen
in enger Kooperation mit den Universitäten und Forschungsinstitutionen der
Region Berlin-Brandenburg und weltweit. Das IGB gehört zum
Forschungsverbund Berlin e. V., einem Zusammenschluss von sieben natur-,
lebens- und umweltwissenschaftlichen Instituten in Berlin. Die vielfach
ausgezeichneten Einrichtungen sind Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft.
https://www.igb-berlin.de

Medieninformationen im Überblick: https://www.igb-berlin.de/newsroom
Anmeldung für den Newsletter: https://www.igb-berlin.de/newsletter
IGB bei Twitter https://twitter.com/LeibnizIGB

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