Vor kurzem ging der Weltklimagipfel in Glasgow zu Ende und auch in
Deutschland soll der Klimaschutz einen höheren Stellenwert bekommen. Prof.
Rita Adrian, Prof. Sonja Jähnig und Prof. Mark Gessner vom Leibniz-
Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) beleuchten, wie
sich der Klimawandel auf die Binnengewässer und ihre Artenvielfalt
auswirkt und ob der aktuelle politische Diskurs Anlass zur Hoffnung gibt.
Frau Adrian, Sie können als Mitautorin des Weltklimaberichts sowohl die
wissenschaftlichen als auch die politischen Diskussionen unmittelbar
mitverfolgen. Welche Rolle spielen Gewässer in den aktuellen Debatten?
Binnengewässer werden oftmals nicht explizit neben den Meeren und dem Land
genannt und häufig dem Land zugeordnet. Das war auch bei der
COP26-Konferenz so. Der Vielfalt der Ökosysteme kann natürlich nicht im
Detail Rechnung getragen werden. Eine Erwähnung von Binnengewässern – als
wesentliche Süßwasser-Ressource und sich im Zuge der globalen Erwärmung
stark verändernde Ökosysteme – halte ich jedoch für sehr wichtig.
„Die Zwei-Grad-Marke haben wir für Seen schon überschritten und es ist
dennoch nicht Thema im politischen Diskurs.“ – Rita Adrian
Es geht auch darum, die essenziellen Leistungen von Binnengewässern
stärker in das Bewusstsein von Politiker*innen und der Gesellschaft zu
rücken. Menschen sind unmittelbar von der Erwärmung der Gewässer
betroffen. Gerade Seen können sich noch stärker erwärmen als die Luft.
Dort haben wir im Oberflächenwasser das Zwei-Grad-Ziel im langjährigen
Jahresmittel schon überschritten.
Die Erwärmung führt zu höheren Nährstoffbelastungen und vermehrten
Algenblüten. Das kann sich auf die Trinkwasserversorgung auswirken, denn
weltweit spielen Oberflächengewässer als Ressource eine entscheidende
Rolle. Außerdem verlieren Seen ihren Freizeitwert, wenn sich die
Wasserqualität weiter verschlechtert. Wenn Seen wärmer werden, werden sie
weniger häufig vollständig durchmischt, der Sauerstoffgehalt sinkt. Das
wird wiederum problematisch für Fische und andere Lebewesen. Aber es ist
nicht nur eine Frage der Qualität sondern vor allem auch der Quantität:
Ganze Regionen sind von Wasserverknappung und Rückgang der
Grundwasserstände betroffen. Dies alles findet nicht nur im
Mittelmeerraum, sondern vor unserer Haustüre statt. Ganz wesentlich ist:
Aquatische Ökosysteme haben einen inhärenten Wert, den es zu schützen
gilt.
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Frau Jähnig, die Klimakrise überdeckt die Biodiversitätskrise. Inwiefern
werden Ihrer Meinung nach die verschiedenen ökologischen Krisen nach wie
vor isoliert voneinander betrachtet? Und wie wirkt das eine auf das
andere?
In der Tat sind beide Krisen eng verknüpft – und dem wird nicht immer
Rechnung getragen. Im Abschlussdokument der COP26-Konferenz wird die
Verbindung nur einmal kurz erwähnt. Durch den Klimawandel gehen
Lebensräume verloren, beispielsweise weil Gewässer temporär trockenfallen.
Etwa die Hälfte aller Fließgewässer weltweit trocknen zeitweise aus. Und
dieser Trend wird weiter zunehmen. Im Gewässer müssen Tiere, die nur eine
geringe Temperaturspanne tolerieren, in andere Regionen ausweichen. Das
ist nicht immer möglich. Die Verschlechterung der Wasserqualität, von der
Frau Adrian spricht, spielt natürlich auch eine Rolle. Außerdem begünstigt
der Klimawandel die Ausbreitung gebietsfremder Arten, die mit den
heimischen Tieren konkurrieren oder ihnen durch Fraßdruck oder
Krankheitsübertragung schaden.
„Klima- und Biodiversitätsschutz schließen sich nicht aus, im Gegenteil.“
– Sonja Jähnig
Ein Punkt, der mir sehr am Herzen liegt, ist die Auflösung des
vermeintlichen Zielkonflikts zwischen Klima- und Biodiversitätsschutz bei
der Wasserkraft. Die Wasserkraft ist zwar eine erneuerbare, aber keine
umweltfreundliche Energiequelle. Gerade die sogenannte kleine Wasserkraft
trägt nur zu einem verschwindend geringen Anteil zur Energiewende bei,
verschlechtert den ökologischen Zustand der Gewässer und ihrer Lebewesen
aber erheblich. Daher haben kürzlich 65 Fachwissenschaftler*innen aus 30
wissenschaftlichen Institutionen in einer gemeinsamen Stellungnahme
dringend empfohlen, die Förderung ineffizienter Kleinwasserkraftwerke aus
EEG- oder Steuermitteln zu beenden.
Klimaschutz und Biodiversitätsschutz gehen tatsächlich oft Hand in Hand.
Wenn Flüssen zum Beispiel mehr Platz eingeräumt wird, trägt das maßgeblich
zum Schutz vor Hochwasser bei und unterstützt gleichzeitig artenreiche und
vielfältige Lebensräume. Dort können nämlich sogenannte Refugialräume wie
Altarme, Pools, oder Wurzelunterstände entstehen, die eine
Wiederbesiedlung mit Lebewesen nach Perioden mit stark schwankendem
Wasserstand gewährleisten.
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Die COP26-Rahmenentscheidung erkennt an, „dass die Auswirkungen des
Klimawandels viel geringer sein werden bei einem Temperaturanstieg um 1,5
Grad verglichen mit zwei Grad" und sagt zu, die „Bemühungen zur Begrenzung
des Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad fortzusetzen". Herr Gessner, aus Sicht
eines Gewässerforschers: Eine gute Entscheidung ? Oder werden wir selbst
bei Erreichen dieses Ziels kritische Auswirkungen spüren? Welche Folgen
könnten uns bei 1,5 oder 2 Grad Erwärmung erwarten?
Ja, das verstärkte Bekenntnis zur Begrenzung der Erwärmung ist
grundsätzlich ein gutes Ergebnis. Es kommt aber jetzt darauf an, auch
wirksame Maßnahmen zu ergreifen, damit dieses Ziel erreicht wird. Damit
hat sich die Staatengemeinschaft immer noch schwer getan.
Für Gewässer können die Schwellenwerte von 1,5 oder 2 Grad allerdings
nicht eins zu eins übertragen werden. Frau Adrian hat es schon gesagt:
Viele Seen haben diese Marke sowieso schon gerissen. Für den Stechlinsee
im Norden Brandenburgs beispielsweise haben wir seit Ende der sechziger
Jahren eine Erwärmung des Oberflächenwassers von rund 2 Grad gemessen.
Und unsere Langzeitdaten vom gut untersuchten Müggelsee in Berlin zeigen
sogar eine Erhöhung der sommerlichen Temperaturen von 0.6 Grad pro Dekade
zwischen 1978 und 2020.
Neben den langfristigen Temperaturtrends sind aber mindestens drei weitere
Faktoren entscheidend. Da ist erstens das Mischungsregime. In Seen unserer
Breiten wird der gesamte Wasserkörper normalerweise zweimal im Jahr
vollständig durchmischt. Das geschieht im Frühling und im Herbst. Im
Sommer und Winter hingegen bleiben die beiden Schichten scharf voneinander
getrennt. In einigen größeren Seen bei uns, wie beispielsweise dem
Stechlin, wird die Erwärmung dazu führen, dass im Winter keine Schichtung
mehr auftritt. Das zeigen die Modelle unserer Seenphysiker. In der kühlen
Jahreszeit werden diese Seen also durchgehend gemischt und bekommen
dadurch einen grundlegend anderen Charakter. Eine Temperatuerhöhung von
1,5 bis 2 Grad im Winter macht hier einen großen Unterschied.
„Der jahreszeitliche Zyklus von Seenschichtung und Durchmischung verändert
sich in unseren Breitengraden deutlich. Seen bekommen dadurch einen
grundlegend anderen Charakter.“ – Mark Gessner
Daran gekoppelt sind Einflüsse auf den Chemismus und die Biologie. Nehmen
Sie die Sauerstoffverhältnisse. Das ist der zweite wichtige Aspekt, den
ich ansprechen wollte. In der warmen Jahreszeit verlängert sich die
Schichtungsphase und das führt zu verstärkter Sauerstoffzehrung im
Tiefenwasser. Bei vollständiger Aufzehrung des Sauerstoffs, wie wir sie im
Stechlinsee jetzt unterhalb von 40 Metern Tiefe sehen, sind die
Auswirkungen auf Fische und andere Organismen enorm und das gilt auch für
die Nährstoffdynamik im See.
Zusätzlich zu solchen langjährigen Temperatur- und Sauerstofftrends dürfen
wir außerdem extreme Wetterereignisse nicht vergessen. Für die Zukunft
wird eine Zunahme der Häufigkeit und Intensität solcher Ereignisse. Dazu
gehören Hitzewellen genauso wie Stürme. Das ist ein dritter wesentlicher
Aspekt, den wir beachten müssen, wenn wir Vorhersagen über die Reaktion
von Seen auf den Klimawandel machen wollen. Hitzewellen können
Massenentwicklung potenziell giftiger Blaualgen auslösen, ebenso wie
Fischsterben. Und auch Stürme können eine Ursache für solche Entwicklungen
sein. Am Stechlinsee haben wir solche Beobachtungen dokumentiert und auch
in einem großen Freilandversuch nachvollziehen können. Dabei haben wir
gesehen, dass wahrscheinlich gerade vom Menschen wenig beeinflusste oder
restaurierte Klarwasserseen von Sturmereignissen besonders betroffen sind.