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Mit der Seuche leben? Der Umgang mit Epidemien im Mittelalter

Die Historikerin PD Eva-Maria Butz von der FernUniversität zeigt in der
Veranstaltungsreihe „BürgerUni Coesfeld“ auf, welche Maßnahmen ergriffen
wurden, um Seuchen einzudämmen. Manche werden auch heute eingesetzt, etwa
die Quarantäne. Der Vortrag ist jetzt online zu erreichen. In ihm geht es
auch um gesellschaftliche Folgen von Seuchen - es waren keineswegs nur
negative.

Wie die Menschen bereits im Mittelalter mit Suchen umgingen, zeigt PD Dr.
Eva-Maria Butz in einem Online-Vortrag auf, der jetzt allen Interessierten
kostenfrei zur Verfügung steht. Darin macht sie die unterschiedlichen
Strategien zur Eindämmung anhand verschiedener Beispiele deutlich. Sie
belegen auch, dass dies durchaus Erfolg haben konnte. Die Historikerin am
Hagener Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas an der
FernUniversität in Hagen befasst sich in ihrem Online-Vortrag „Mit der
Seuche leben? Der Umgang mit Epidemien im Mittelalter“, den sie in der
BürgerUniversität Coesfeld gehalten hat, zudem mit gesellschaftlichen
Folgen von Epidemien.

Epidemien gibt es, seit Menschen eng mit ihren Tieren zusammenleben. Die
erste dokumentierte Seuche, ein hochansteckendes Fieber, tötete während
des Peloponnesischen Krieges (431 bis 404 v. Chr.) 30 bis 40 Prozent der
300.000 Athenerinnen und Athener. Geschätzt 25 Millionen Menschen forderte
der „Schwarze Tod“, die Beulenpest, zwischen 1346 und 1353 in Europa.
Andere Seuchen entwickelten sich langsamer.

Manche der Maßnahmen, mit denen die Menschen die Seuchen einzudämmen
versuchten, werden auch heute noch einsetzt. Ein Beispiel ist die
Quarantäne. Wirklich erfolgreich wurde die Seuchenbekämpfung aber erst mit
dem Aufkommen der Naturwissenschaften im 18. und 19. Jahrhundert.

Nach den Erkenntnissen von Eva-Maria Butz wirkten Seuchen in der
Geschichte eher schleichend und bereits bestehende Entwicklungen – zum
Beispiel in Technik, Wirtschaft oder Religion – verstärkend denn als
Revolutionen. So spielten sie unter anderem bei der Abschaffung der
Leibeigenschaft in Mitteleuropa eine gewisse Rolle. Sie konnten also auch
positive Folgen für die Überlebenden haben.

Die „BürgerUniversität Coesfeld“ ist eine Vortragsreihe des Lehrgebiets
Ernsting’s family-Stiftungsprofessur für Mikrosoziologie (Prof. Dr. Dorett
Funcke) an der FernUniversität in Hagn. Sie richtet sich an die breite
Öffentlichkeit. Ihre Präsenz-Veranstaltungen finden in Coesfeld statt.
Aufgrund der Corona-Lage werden die Vorträge zurzeit jedoch aufgezeichnet
und am ursprünglich geplanten Termin online allen Interessierten
kostenfrei zugänglich gemacht.

https://www.fernuni-hagen.de/videostreaming/ksw/soz_lng/2144a.shtml

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Intensiv- und Notfallmediziner aktualisieren klinisch-ethische Empfehlungen zur Priorisierung und Triage bei COVID-19

Angesichts der starken Zunahme von COVID-19-Patienten mit schweren
Erkrankungsverläufen stehen Notfall- und Intensivmediziner, wie auch
andere Disziplinen im Gesundheitswesen, derzeit vor schwierigen
Entscheidungen: Wie sollen die zur Verfügung stehenden Ressourcen so
verteilt werden, dass möglichst viele Patienten mit Bedarf einen Nutzen
haben? Nachdem sich nicht zuletzt durch die Impfung neue Aspekte in der
Diskussion ergeben, haben Experten aus sieben Fachgesellschaften die im
Frühjahr 2020 veröffentlichte „Leitlinie zur Priorisierung und Triage bei
akuter Ressourcenknappheit“ aktualisiert.

Die wichtigsten Punkte betreffen die Gleichbehandlung von geimpften und
nicht geimpften Patienten in der Gesundheitsversorgung sowie die Beachtung
des Gleichheitsgebotes bei Erhöhung der Ressourcen zugunsten der
Versorgung von Patienten mit COVID-19.

Fehlende Impfung ist kein Grund für Begrenzung der Gesundheitsversorgung

In der öffentlichen Diskussion wurde in den letzten Wochen wiederholt
vorgeschlagen, den Impfstatus als Entscheidungskriterium für die
Priorisierung bei knappen Mitteln anzuwenden. Die Frustration über den
Verzicht mancher Menschen auf eine wirksame Impfung sei zwar nicht zuletzt
angesichts der massiven Belastungen für die im Gesundheitssystem Tätigen
nachvollziehbar, so Prof. Uwe Janssens, ehemaliger Präsident der DIVI und
Leiter der Arbeitsgruppe Ethik. Allerdings haben die Fachgesellschaften in
der aktualisierten Leitlinie klargestellt, dass eine fehlende Impfung kein
legitimes Kriterium für Triage-Entscheidungen darstellen kann.
„Die Hilfspflichten im Gesundheitswesen bestehen bei lebensbedrohlichen
Erkrankungen unabhängig vom Auslöser beziehungsweise dem vorangehenden
Verhalten des bedürftigen Patienten“, fasst Janssens die Position der
Leitlinie zusammen.

Der Medizinethiker und Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin,
Prof. Georg Marckmann, ergänzt, dass Leistungsansprüche in unserem
solidarischen Gesundheitssystem aus guten ethischen Gründen nicht von
Kriterien wie "Selbstverschulden" oder "Eigenverantwortung" abhängig
gemacht werden. Erstens sei im Einzelfall in der Regel nicht hinreichend
sicher nachzuweisen, dass die Erkrankung ursächlich auf ein
gesundheitsschädigendes Verhalten des Patienten zurückzuführen ist.
Zweitens beruhe das Verhalten häufig nicht auf einer freien,
selbstbestimmten und damit selbst zu verantwortenden Entscheidung.
Drittens fehlen allgemein akzeptierte Standards, für welche selbst
verursachten und frei gewählten gesundheitsgefährdenden Handlungen der
Einzelne in welchem Ausmaß Verantwortung tragen soll. Dies gilt nicht nur
für Übergewicht, Rauchen oder Risikosportarten, sondern auch für die
Entscheidung zum Verzicht auf eine SARS-CoV-2-Impfung. Deshalb ist eine
Priorisierung knapper akutmedizinischer Ressourcen nach dem Impfstatus
nicht akzeptabel.

Ressourcen für COVID-19-Patienten schaffen, Gleichbehandlung von anderen
Patienten sichern

Die zweite wesentliche Änderung der Leitlinie zielt auf die klinisch-
ethischen Grundlagen der Ressourcenverteilung angesichts des gestiegenen
Bedarfs für COVID-19-Patienten. Zeichnet sich eine Ressourcenknappheit ab,
sollten Krankenhäuser den Regelbetrieb einschränken, um damit Kapazitäten
für die zunehmende Anzahl Schwerkranker mit COVID-19 breitstellen zu
können. Hierzu sollten zunächst solche Behandlungen aufgeschoben werden,
bei denen durch die zeitliche Verzögerung keine Verschlechterung der
Prognose, keine irreversiblen Gesundheitsschädigungen oder gar der
vorzeitige Tod zu erwarten sind.

Für den Fall, dass darüber hinaus eine weitere Ausweitung von
Behandlungskapazitäten für COVID-19-Patienten erforderlich ist, muss
bedacht werden, dass Patienten mit anderen Erkrankungen gegenüber
COVID-19-Patienten nicht benachteiligt werden, betont der Arzt und
Medizinethiker, Prof. Schildmann, Mitautor der Leitlinie. Die
Gleichbehandlung aller zu versorgenden Patienten ist auch im Falle knapper
Ressourcen zu gewährleisten. Negative gesundheitliche Auswirkungen durch
die Einschränkungen sind zu minimieren. Die Patienten und ihre Angehörigen
sind über die Gründe etwaiger Begrenzungen in der Versorgung und die damit
möglicherweise verbundenen gesundheitlichen Auswirkungen transparent zu
informieren.

Beteiligt an der Leitlinie sind:
1.      Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und
Notfallmedizin (DIVI)
2.      Deutsche Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und
Akutmedizin (DGINA)
3.      Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin
(DGAI)
4.      Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und
Notfallmedizin (DGIIN)
5.      Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP)
6.      Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) und
7.      die Akademie für Ethik in der Medizin (AEM)

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Spielen für die Diabetesforschung

Wissenschaftler:innen der Universitätsmedizin Magdeburg wollen mit Hilfe
eines neuartigen Ansatzes Nervenschädigungen und Wahrnehmungsstörungen bei
Betroffenen mit Diabetes  frühzeitig erkennen.

Die Zahl der Menschen mit Diabetes nimmt nach wie vor zu. In Sachsen-
Anhalt sind es mit über 11 Prozent der Bevölkerung (GKV-Daten der BARMER)
besonders viele. Erhöhte Zuckerspiegel führen nicht zu eindeutigen
Symptomen. Meistens klagen die Betroffenen über unspezifische Zeichen wie
vermehrtes Wasserlassen, Mundtrockenheit, Sehstörungen und
Abgeschlagenheit. Heimtückisch ist die Erkrankung Diabetes wegen
schleichender Veränderungen an den Nerven und der Entwicklung von
Missempfindungen oder dem Verlust von Wahrnehmung an den Füßen. Damit
besteht die Gefahr ernsthafter Verletzungen bei den Betroffenen. Schon zum
Zeitpunkt der ersten Diagnose einer Zuckererkrankung können Veränderungen
an den Nerven vorliegen. Mit einem neuartigen Forschungsansatz widmet sich
eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Peter Mertens, Klinikdirektor der Klinik
für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Diabetologie und Endokrinologie der
Universitätsmedizin Magdeburg, diesem Problem. Die Arbeitsgruppe hat ein
Register für „Diabetes und Nerven“ aufgebaut, in dem schon mehr als 1.100
Betroffene der Region Magdeburg aufgenommen wurden. Ziel ist es,
Nervenschäden mit Hilfe eines einfach gestalteten Spiels zu erfassen und
damit einen frühzeitigen Nachweis einer Nervenschädigung oder einer
kognitiven Einschränkung zu erbringen. In dem Forschungsprojekt unter dem
Titel „Neuropath iA“ werden noch weitere Studienteilnehmer:innen gesucht.

Prof. Mertens erklärt: „Zirka jeder dritte Patient mit Diabetes leidet an
einer Nervenschädigung. Gut die Hälfte dieser Patienten weiß dies jedoch
nicht und läuft somit Gefahr für eine ernsthafte Fußverletzung, wie etwa
Verbrennungen. Verletzungen werden dadurch unbemerkt verschleppt und
weiten sich leichter aus.“ Laut dem Diabetologen können zudem Nerven durch
den Einfluss von erhöhten Blutzuckerwerten aktiviert werden, ohne dass es
angebracht wäre. Dies führe zu Symptomen wie Ameisenkribbeln, unangenehmem
Ziehen bis brennenden Schmerzen, meist verbunden mit Bein- oder
Fingerkrämpfen. Bei der ärztlichen Untersuchung wird nach solchen
Veränderungen gefahndet. In der Diagnostik nutzt die Magdeburger
Arbeitsgruppe dafür ein eigens entwickeltes einfaches Spiel. Prof. Mertens
erläutert das Prinzip: „Nervenschäden werden unter anderem durch Auslösung
der Muskelreflexe oder die Nutzung einer Stimmgabel bestimmt. Unsere
Probandinnen und Probanden tragen Schuhe mit speziellen Einlegesohlen, die
mit Hilfe von Drucksensoren die Nervenfunktion bei bestimmten
Bewegungsübungen messen können. Sind die Wahrnehmungen vermindert, spricht
man von einer Polyneuropathie.“ Neben dem 20-minütigen Bewegungs-Spiel
erfolgen eine ärztliche Untersuchung aller Nervenfunktion, eine Testung
der kognitiven Funktionen und ein Fragebogen ist ebenfalls auszufüllen.
Die Auswertung der Spielergebnisse werden den Studienteilnehmenden
unmittelbar mitgeteilt und mit Untersuchungsbefunden der Ärzt:innen
verglichen.

Mehr als 200 Probanden haben bisher erfolgreich an der Studie
teilgenommen. „Wir benötigen knapp 500 Probanden mit Diabetes Typ I oder
II, damit wir eine aussagefähige Kohorte haben“, erklärt Prof. Mertens.
Interessierte sollten im Alter von 18 bis 80 Jahren sein, eine Schuhgröße
von 36 bis 46 tragen und nicht an Fußveränderungen und akuten Erkrankungen
leiden. Die Untersuchungen finden an der Universitätsmedizin in Magdeburg
statt. Die Fahrtkosten können erstattet werden.

Das Projekt mit dem Titel „Neuropath iA“ (Prof. Dr. Peter Mertens, Antao
Ming, Claudia Piehler) ist Teil des interdisziplinären Forschungsverbundes
„Autonomie im Alter“ und wird durch den Europäischen Fonds für regionale
Entwicklung (EFRE) gefördert.

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Unstatistik des Monats: Die Angst vorm Impfdurchbruch

Die Unstatistik des Monats November ist die Darstellung der Corona-
Impfdurchbrüche in verschiedenen Medienberichten. Mit irreführenden
Botschaften wird der Nutzen der Impfung massiv in Frage gestellt. Dies
geschieht in einer Situation, in der wir uns eine Fehleinschätzung von
Risiken nicht länger leisten können.

Die Unstatistik des Monats November ist die Darstellung der Corona-
Impfdurchbrüche in verschiedenen Medienberichten. Bereits im Oktober hat
das ZDF in einer Grafik den Anteil der wahrscheinlichen Impfdurchbrüche an
hospitalisierten COVID-19-Fällen für verschiedene Altersgruppen seit
Februar 2021 mit den entsprechenden Anteilen in den Monaten September und
Oktober 2021 verglichen (s. in diesem Beitrag ab 1:00min). Die Grafik
stellt dar, dass seit Februar unter den 18- bis 59-Jährigen, die mit
COVID-19 ins Krankenhaus mussten, vier Prozent geimpft waren; unter den
Menschen ab 60 (die in der Grafik fälschlicherweise als >60 bezeichnet
werden) insgesamt 9,6 Prozent. Allein im Zeitraum Mitte September bis
Mitte Oktober betrug der Anteil der Geimpften an den hospitalisierten
COVID-19-Fällen aber 17,4 Prozent in der Altersgruppe unter 60 Jahre und
42,1 Prozent in der Altersgruppe ab 60.

Warum vermittelt der Anteil der Geimpften unter den COVID-19-Fällen ein
falsches Bild?

Das größte Problem dieser Darstellung ist nicht die Visualisierung in Form
von Balkendiagrammen, auch wenn dieser jeglicher Maßstab fehlt – so stellt
die X-Achse offensichtlich weder die Zeit maßstabsgetreu dar, noch die
Y-Achse den Prozentsatz an Fällen oder gar den Absolutwert. Vielmehr
erweckt die Darstellung den Eindruck, als ginge die Wirksamkeit der
Impfung massiv zurück.

Ähnliches gilt für eine Schlagzeile des mdr: „Mehr Impfdurchbrüche bei
vollständig Geimpften“, heißt es dort: „Auf den Intensivstationen steigt
der Anteil der geimpften Coronapatienten. Etwa jeder fünfte
intensivmedizinisch betreute Covid-19-Patient in Deutschland ist gegen das
Coronavirus geimpft“. Auch wenn diese Aussage für sich genommen nicht
falsch ist, liefert sie weder Informationen über die Wirksamkeit einer
Impfung noch ist sie wirklich überraschend. Denn je höher der Anteil der
Geimpften in der Bevölkerung ist, desto höher MUSS der Anteil der
Impfdurchbrüche sein. So relativiert der mdr seine Aussage später im Text
und zitiert das RKI: „Wenn 100 Prozent aller Menschen geimpft sind, kommt
es zu 100 Prozent zu Impfdurchbrüchen“. Zumindest gilt das, solange kein
Wirkstoff zu 100 Prozent schützt.

Auch im November thematisierten zahlreiche Medien die Impfdurchbrüche –
und folgen dabei häufig einem ähnlichen Muster: Während die Beiträge
selbst durchaus klarstellen, dass die Impfdurchbrüche kein Argument gegen
die Impfung sind, werden Schlagzeilen irreführend formuliert und schüren –
bewusst oder unbewusst – große Verunsicherung. So zitiert etwa der WDR in
seinem Beitrag vom 16. November den Intensivmediziner Uwe Janssens mit den
Worten „Auf keinen Fall bedeuten Durchbruchinfektionen im Krankenhaus oder
auf den Intensivstationen, dass die Impfung nicht wirkt. Das ist ein
Fehlschluss, der im Moment leider durch die Republik, aber auch durch die
ganze Welt geistert“, und stellt klar: dass Geimpfte „deutlich seltener
schwer an Corona erkranken und daran sterben als Ungeimpfte, daran lassen
die Zahlen keinen Zweifel“. Auf Twitter bewirbt der WDR jedoch den Beitrag
mit einem Anreißer, der das Gegenteil suggeriert: „Impfdurchbrüche sind
keine Ausnahme mehr. Auch doppelt Geimpfte erkranken zum Teil schwer – und
sterben. Was bringen die Impfungen überhaupt? Ein Überblick in neuen
Zahlen“. Die Deutsche Welle warnte am 12. November: „Trügerische
Sicherheit:: Nach Impfdurchbrüchen müssen immer mehr Geimpfte ins
Krankenhaus - auch Jüngere.“ Die Visualisierung des Anteils der Geimpften
unter den schwer Erkrankten und Verstorbenen transportiert optisch die
Botschaft, die Impfung schütze nur unwesentlich vor Hospitalisierung und
Tod, auch wenn Grafik-Überschrift und der folgende Absatz die
Impfeffektivität verbal bestätigen.

Warum nützt die Impfung uns als Individuen?

Wir haben in verschiedenen Unstatistiken dargestellt, was es bedeutet,
wenn ein Impfstoff zu 70 Prozent oder auch zu 95 Prozent vor einer
Erkrankung schützt. Zwar sollen die derzeit zugelassenen Corona-Impfstoffe
laut RKI bis zu 95 Prozent vor einem schweren Verlauf und bis zu 99
Prozent vor dem Tod schützen. Weil wir jedoch bisher nicht wissen, wie
lange die Schutzwirkung anhält, heißt das eben nicht, dass 95 Prozent der
Menschen durch eine Impfung dauerhaft vor einer Erkrankung geschützt sind.
Nicht zuletzt deswegen werden sogenannte Impf-Booster derzeit intensiv
diskutiert und von der „Ständigen Impfkommission“ (STIKO) seit dem 18.
November allen Personen ab 18 Jahren empfohlen.

Aus Israel und Quatar gibt es Hinweise, dass der Impfschutz nach sechs
Monaten auf 50 Prozent sinkt, was mit einem Rückgang der Antikörper, aber
auch der Entwicklung neuer Virus-Varianten erklärt werden könnte.
Allerdings sind diese Zahlen wie auch die Senkung des Infektions- und
Erkrankungsrisikos, die wir in der September-Unstatistik diskutiert haben,
vor einer völlig anderen Situation zu betrachten. Die Inzidenz lag in
Israel zum Zeitpunkt der „Booster-Studie“ bei 9.000 Fällen je 100.000
Einwohner. Von einer Welle derartigen Ausmaßes und auch der damit
verbundenen Bedrohung waren und sind wir in Deutschland, mutmaßlich auch
wegen frühzeitiger und harter Maßnahmen, weit entfernt.

Um zu überprüfen, ob auch in Deutschland bei einem insgesamt wesentlich
geringeren Infektions- und Erkrankungsrisiko ein nachlassender Impfschutz
zu beobachten ist, fehlen uns belastbare Daten – obwohl es diese längst
geben könnte, wie unser Nachbarland Österreich beweist. Dazu müssten bei
sämtlichen positiv getesteten wie auch an COVID-19 erkrankten Menschen der
Impfstatus und das Datum der letzten Impfung erfasst werden, um die Fälle
in Relation zur Gesamtzahl der in einem gewissen Zeitraum Geimpften zu
setzen. In Deutschland werden bislang allerdings noch nicht einmal
flächendeckend die Inzidenzen nach Impfstatus getrennt ausgewiesen. Ganz
anders in Österreich: Dort berichtet die AGES – Österreichische Agentur
für Gesundheit und Ernährungssicherheit täglich die positiv getesteten
Fälle wie auch die symptomatischen Fällen getrennt nach Altersgruppen und
Impfstatus. Eine vorbildliche Grafik zeigt anhand natürlicher Häufigkeiten
auf, was Impfdurchbrüche sind. Die AGES schreibt dazu:

„Die Wirksamkeit der Impfung ist sehr gut, es können aber nicht alle
Infektionen bei den Geimpften verhindert werden. Wenn der Anteil an
Geimpften in der Bevölkerung steigt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit,
trotz Impfung zu erkranken. Der prozentuale Anteil an Impfdurchbrüchen
steigt, die Anzahl an Erkrankungen in der Bevölkerung insgesamt sinkt aber
durch die Schutzwirkung der Impfung.“

In Österreich sind die Inzidenzen bei den vollständig geimpften Menschen
im Alter ab 60 Jahren derzeit um 70 Prozent geringer als bei den
unvollständig geimpften. Aber da die Mehrzahl von ihnen schon seit
längerer Zeit geimpft ist, ist es dringend angezeigt, die Trends im Auge
zu behalten. Während die Inzidenzen von vollständig und nicht vollständig
Geimpften in einem recht stabilen Verhältnis stehen, nähern sich bei den
symptomatischen Fällen die Anteile gerade etwas an. Auch berichtete die
AGES laut orf.at im August, dass die Impfeffektivität bezüglich
symptomatischer Erkrankungen in der Altersgruppe 60+ bei über 90 Prozent
liege. Inzwischen beträgt sie laut den Informationen auf der AGES-Homepage
(Stand: 24. November 2021) je nach Impfstoff nur noch 63 Prozent (Johnson
& Johnson) bis 82 Prozent (mRNA-Impfstoffe). Das könnte ein Indikator
dafür sein, dass der Impfschutz langsam nachlässt.

Wir müssen diese Entwicklungen selbstverständlich genau beobachten, um
frühzeitig zu erkennen, wann eine dritte Impfung für welche Gruppen
angezeigt ist. Es ist auch mehr als überfällig, dass die Politik endlich
dafür sorgt, dass entsprechende Daten erhoben und laufend analysiert
werden. Gleichwohl sollten wir uns klar machen, dass rund 215.000
wahrscheinliche Impfdurchbrüche, die das RKI seit Beginn der Impfkampagne
verzeichnet, bei fast 56 Millionen vollständig geimpften Menschen nicht
einmal 0,4 Prozent dieser Menschen ausmachen. Von einem Grund zur Panik,
weil die Impfung nicht perfekt vor einer COVID-19-Erkrankung schützt, kann
also keinesfalls die Rede sein.

Warum nützt die Impfung uns allen als Gesellschaft?

Nicht nur Individuen profitieren jedoch von der Impfung. Es ist durchaus
anzunehmen, dass ohne die Corona-Impfung erheblich früher und/oder
erheblich schwerere Maßnahmen ergriffen worden wären. Dies lässt sich
veranschaulichen, wenn man die Hospitalisierungsinzidenz der vollständig
und nicht vollständig Geimpften vergleicht. Die Hospitalisierungsinzidenz
ist hierbei ein härteres Kriterium als die Meldeinzidenz, weil man
durchaus unterstellen könnte, dass Ungeimpfte häufiger getestet werden als
Geimpfte.

Am 22. November 2021 waren laut RKI 85,8 Prozent der Über-60-Jährigen und
74,7 Prozent der 18- bis 59-Jährigen zweimal geimpft. Im Durchschnitt der
vom RKI dokumentierten Meldewochen lag die Hospitalisierungsinzidenz der
Ungeimpften in der erstgenannten Gruppe rund sechsmal so hoch wie
diejenige der Geimpften. In der jüngeren Gruppe war sie sogar rund elfmal
so hoch. Zugleich stellen Ungeimpfte in der jüngeren Altersgruppe 75
Prozent der Hospitalisierten, in der älteren 45 Prozent – statt der
erwarteten 25 Prozent bzw. 14 Prozent, wenn die Impfung keinen Effekt
hätte.

Gäbe es keine Impfung, wäre ohne weitere Annahmen die
Hospitalisierungsinzidenz in der Gesamtbevölkerung so hoch wie bei den
Ungeimpften. Dies würde bedeuten, dass es theoretisch heute insgesamt gut
dreimal so viele Hospitalisierte gäbe, statt über 5.000 also deutlich über
15.000. Für die Todesfälle, die proportional sind zu den
Hospitalisierungen, dürfte etwas Ähnliches gelten.

Vermutlich wäre es aber nicht so weit gekommen, weil angesichts solcher
Entwicklungen die Politik deutlich früher einen harten Lockdown
beschlossen hätte. Dies wäre wohl bereits vor mindestens einem Monat kaum
zu vermeiden gewesen, wenn die Politik die Lage so eingeschätzt hätte, wie
sie es heute tut: Denn mit dem Simulationsmodell des Bundesinstituts für
Bevölkerungsforschung ergibt sich für Mitte Dezember eine vorhergesagte
Intensivbetten-Auslastung von ca. 70 Prozent in Thüringen, 55 Prozent in
Bayern, 40 Prozent in Sachsen, je ca. 30 Prozent in Baden-Württemberg und
in Brandenburg.  Für die anderen Bundesländer liegt die prognostizierte
Intensivbetten-Auslastung bei bis zu 20 Prozent.

Diese Prozentangaben beziehen sich NUR auf COVID-19-Fälle. Alle anderen
Intensivpatienten kämen noch dazu (bzw. auch nicht, weil Triage wohl
zumindest in einigen Bundesländern nicht zu vermeiden wäre).

Die obige Vorhersage hätte sich ohne Impfung etwa bei einer Inzidenz in
der Höhe, die vor einem Monat vorlag, ergeben, als die Neuinfektionen noch
etwa um den Faktor 3 geringer waren – denn Neuinfektionen und
Hospitalisierungen entwickeln sich zeitverzögert einigermaßen
proportional. Ohne Impfung hätte dies durchaus noch früher eintreten
können, weil sich die Wirkung der Impfung auch in der Inzidenz
widerspiegelt. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, davon auszugehen,
dass spätestens Mitte Oktober ein Lockdown beschlossen worden wäre, der
erhebliche Auswirkungen auf zahlreiche gesellschaftliche Bereiche gehabt
hätte. Diesen Lockdown hat uns die Impfung erspart.

Fazit

Es ist wohl kaum zu ändern, dass mit der zunehmenden
(Des-)Informationsflut plakative und neugierig machende Schlagzeilen
benutzt werden, um in den sozialen Medien Aufmerksamkeit zu erregen. Das
rechtfertigt es jedoch in keiner Weise, mit irreführenden Botschaften den
Nutzen der Impfung massiv in Frage zu stellen – genausowenig wie es
angezeigt ist, ihn dramatisch zu übertreiben, was wir in unserer
September-Unstatistik angemahnt haben. Beides schadet der Sache in einer
Situation, in der wir uns eine Fehleinschätzung von Risiken nicht länger
leisten können.

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