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Helmholtz-Wasserstoffcluster in Jülich nimmt Fahrt auf

Der Kapitän ist an Bord. Seit November steht Prof. Peter Wasserscheid dem
neu ins Leben gerufenen Institut für nachhaltige Wasserstoffwirtschaft des
Forschungszentrums Jülich, kurz INW, als Gründungsdirektor vor. Das INW
soll mit seinem H2-Innovationszentrum die wissenschaftlichen Aktivitäten
bündeln und sich zum innovativen Kern des Helmholtz-Clusters für
nachhaltige und infrastruktur-kompatible Wasserstoffwirtschaft entwickeln,
das für 17 Jahre mit 860 Millionen Euro durch das
Bundesforschungsministerium gefördert werden soll. In den nächsten Wochen
und Monaten stehen nun zahlreiche Treffen an, um den Kontakt zu Kommunen,
Unternehmen und weiteren Stakeholdern in der Region zu verfestigen.

Das Helmholtz-Wasserstoffcluster HC-H2 soll im Zuge des Strukturwandels
Impulse setzen, um die Entwicklung des Rheinischen Reviers zu einer
Wasserstoff-Modellregion mit zahlreichen Forschungs- und Industriepartnern
voranzutreiben. Im Zentrum der Forschung stehen Technologien, die auf
bereits existierende oder schnell und günstig installierbare
Infrastrukturen für die Lagerung und den Transport von Wasserstoff
zurückgreifen und ein klar erkennbares Marktpotenzial für die Energiewende
in Deutschland und weltweit besitzen. Dies soll die rasche Umsetzung im
großen Maßstab ermöglichen.

„Wir freuen uns sehr, mit Herrn Professor Peter Wasserscheid einen
herausragenden Wissenschaftler und weltweit anerkannten Experten als
Gründungsdirektor für das INW gewonnen zu haben. Ich bin zuversichtlich,
dass es ihm mit seinem Engagement und seinen innovativen Ansätzen gelingen
wird, eine exzellente Forschungsumgebung für die Entwicklung und
Implementierung zukunftsweisender Wasserstoffspeichertechnologien zu
schaffen. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag, um das Rheinische Revier
zu einer Wasserstoff-Modellregion zu entwickeln, in der zukunftsweisende
Konzepte der Wasserstoffwirtschaft demonstriert werden und wo neue
Arbeitsplätze entstehen“, erklärt Prof. Wolfgang Marquardt,
Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich.

Prof. Peter Wasserscheid leitet seit 2003 den Lehrstuhl für Chemische
Reaktionstechnik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Zusätzlich ist er seit 2014 Direktor am Helmholtz-Institut Erlangen-
Nürnberg für Erneuerbare Energie (HI ERN), das eine Außenstelle des
Forschungszentrums Jülich ist. 2006 wurde er für seine Forschung mit dem
Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis geehrt. Die konkrete Anwendung seiner
wissenschaftlichen Entdeckungen hat ihn seit jeher besonders interessiert
und so hat er bereits zahlreiche Ausgründungen und Industriekooperationen
vorangetrieben.

Das INW bündelt die wissenschaftlichen Aktivitäten im
H2-Innovationszentrum des Helmholtz-Wasserstoffclusters HC-H2, in dem das
Forschungszentrum Jülich seine breite Wasserstoff-Expertise einbringt und
sich mit Partnern vernetzt. Im Fokus der Forschung stehen Technologien zur
chemischen Wasserstoffspeicherung mit flüssigen oder leicht
verflüssigbaren Wasserstoffträgern, die sich ähnlich wie konventionelle,
fossile Brennstoffe handhaben lassen. So lässt sich Wasserstoff
beispielsweise chemisch in Form von Methanol oder anderen Alkoholen sowie
Ammoniak speichern.

Ein weiterer Schwerpunkt wird die Optimierung und Skalierung der LOHC-
Technologie sein. Dabei wird Wasserstoff an organische Trägerflüssigkeiten
gebunden. Diese lassen sich etwa mit Tankschiffen oder Tanklastern
transportieren und in Tanklagern speichern. Die bestehende Infrastruktur
für flüssige Kraftstoffe kann so weiter genutzt werden.

Die Forschung am INW wird in mindestens vier Forschungsbereichen erfolgen,
die von der Nano-, über die Meso- und Reaktor- bis hin zur Systemskala
reichen. Die vorgeschlagene Struktur ist darin begründet, dass die
betreffenden Materialien, Apparate und Prozesse auf sehr unterschiedlichen
Längen- und Zeitskalen erforscht und weiterentwickelt werden müssen. Diese
reichen von extrem schnellen Prozessen, etwa auf katalytischen
Grenzflächen, bis hin zu Fragen der Systemstabilität eines
Anlagenverbundes, die es über Jahre hinweg sicherzustellen gilt.

Die Abteilung „Infrastruktur und wissenschaftliche Koordination“ des neu
gegründeten Instituts soll zudem die Aufgabe einer Geschäftsstelle für das
Helmholtz-Wasserstoffcluster HC-H2 wahrnehmen, beispielsweise für die
Entwicklung von Demonstrationsvorhaben oder die Netzwerkpflege. Denn das
Helmholtz-Wasserstoffcluster wird innovative Technologien für die
Produktion, Logistik und Nutzung von grünem Wasserstoff nicht nur
erforschen, sondern auch großskalig demonstrieren. Die aussichtsreichsten
Entwicklungen werden gemeinsam mit Partnern aus der Industrie,
akademischen Kooperationspartnern, Verbänden und den Kommunen im
Rheinischen Revier in Demonstrationsvorhaben umgesetzt.

Die Arbeiten im INW sollen überwiegend außerhalb des Campus des
Forschungszentrums Jülich stattfinden. Damit relevante Partner des
Helmholtz-Wasserstoffclusters aus Forschung, Industrie, Verbänden und
Kommunen räumlich leicht zusammenfinden können, soll das INW im Brainergy
Park in Jülich untergebracht werden, der sich derzeit im Aufbau befindet.
Im Rahmen einer Meet & Greet-Tour wird der neue Gründungsdirektor sich in
den nächsten Wochen und Monaten mit Akteuren in der Region zusammensetzen,
um gemeinsame Interessen und Potenziale auf dem Gebiet der
Wasserstoffwirtschaft zu erörtern. Geplant sind unter anderem Treffen mit
Bürgermeister:innen des Rheinischen Reviers, Landräten der Region,
Unternehmen aus Wirtschaft und Industrie sowie weiteren Stakeholdern.
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Neue Online-Fortbildung soll hohe Beratungsqualität bei familiärem Brust- und Eierstockkrebs sicherstellen

Ein neues kostenloses Online-Programm unterstützt Ärzt*innen bei der
Aufklärung und Beratung von Menschen mit einem erhöhten Risiko für
familiär bedingten Brust- und Eierstockkrebs. Die Deutsche
Krebsgesellschaft (DKG) hat diese Fortbildung gemeinsam mit dem Deutschen
Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs konzipiert. Das Programm
ist von der Ärztekammer Westfalen-Lippe mit 14 CME-Punkten anerkannt.

Auf einer Online-Plattform können sich Teilnehmer*innen Wissen in
Videoschulungen aneignen. Die Online-Vorträge vermitteln fachspezifische
Inhalte zu genetischen Risiken, zum Gendiagnostikgesetz, zu den
diagnostischen und therapeutischen Optionen und den besonderen
Anforderungen an die Kommunikation mit Risikopatient*innen. Im Anschluss
an die Vorträge findet, ebenfalls online, eine kurze Lernerfolgskontrolle
statt.

Bei rund 30 Prozent aller Betroffenen mit Mamma- oder Ovarialkarzinom
liegt eine familiäre Risikokonstellation vor. Von diesen tragen rund 30
Prozent eine Mutation in einem der bekannten Risikogene BRCA 1 und BRCA 2,
die mit einem Gentest nachgewiesen werden können. Rund 60 Prozent
entwickeln bis zum 80. Lebensjahr Brustkrebs, bei 20 bis 40 Prozent bildet
sich Eierstockkrebs. Deutlich erhöht ist bei Brustkrebs-Betroffenen auch
das Risiko für ein Karzinom in der zweiten Brust. Bei rund 40 Prozent
tritt innerhalb von 25 Jahren ein weiteres Karzinom auf. Da die Mutationen
vererbt werden können, haben auch Familienmitglieder ein erhöhtes
Krebsrisiko. Betroffene und deren Angehörige stellen sich dann oftmals die
Fragen, wie hoch das individuelle Erkrankungsrisiko ist und ob eine
vorsorgliche Entfernung von Brust oder Eierstock sinnvoll ist.

„Ärzt*innen können in der Fortbildung grundlegende Kenntnisse erwerben,
wie eine fundierte Beratung erkrankter Personen mit einer familiär gehäuft
auftretenden Krebserkrankung durchgeführt werden sollte“, sagt Professorin
Dr. Rita Schmutzler, Direktorin des Zentrums Familiärer Brust- und
Eierstockkrebs der Universitätsklinik Köln und Koordinatorin des Deutschen
Konsortiums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs. Die Inhalte des
Curriculums wurden durch die Arbeitsgemeinschaft Curriculum des Deutschen
Konsortiums entwickelt, basierend auf den Vorarbeiten am Zentrum
Familiärer Burst- und Eierstockkrebs der Uniklinik Köln.

„Genetische Beratung ist insbesondere für alle gynäkologisch-onkologisch
tätigen Fachärzt*innen hochrelevant und wichtiger Bestandteil ihrer
täglichen Arbeit“, bestätigt auch PD Dr. Simone Wesselmann,
Abteilungsleiterin Zertifizierung der DKG. „Durch die enge Zusammenarbeit
von zertifizierten Brust- und Gynäkologischen Krebszentren mit den von der
DKG zertifizierten Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs
(FBREK-Zentren) sichern wir eine umfassende Betreuung von Patient*innen
mit einem familiär bedingten Brust- oder Eierstockkrebs. Dazu gehören -
neben Diagnose und Therapie - die genetische Beratung, die Durchführung
und Befundung genetischer Analysen, die Nachsorge, eine engmaschige
risikoadaptierte Früherkennung sowie die Durchführung prophylaktischer
Maßnahmen, wenn nötig. Die neue Online-Fortbildung schafft das Fundament
für eine einheitliche und evidenzbasierte Qualifikation der betreuenden
Ärzt*innen.“

Die Online-Fortbildung kann zeitlich flexibel durchgeführt werden und
richtet sich auch an Ärzt*innen außerhalb der Zertifizierten Zentren. Für
Ärzt*innen aus zertifizierten Brust- und Gynäkologischen Krebszentren
besteht zudem die Möglichkeit zu einer Hospitation in einem FBREK-Zentrum.
Dies ist Voraussetzung für den Abschluss und die Aufrechterhaltung eines
Kooperationsvertrages zwischen einem zertifizierten Gynäkologischen
Krebszentrum oder zertifizierten Brustkrebszentrum mit einem FBREK-
Zentrum. Die Förderung der Fortbildung erfolgt durch das Bundesministerium
für Gesundheit und das Horizon-2020-Projekt BRIDGES der EU.

Hier geht es zur Anmeldung:
https://seminare.akademie-wl.de/index.cfm?seite=veranstaltungsliste&l=2793

Weitere Informationen zur Fortbildung sind hier zu finden:
https://www.krebsgesellschaft.de/fortbildung-familiaerer-krebs.html
https://www.konsortium-familiaerer-brustkrebs.de/

Die Deutsche Krebsgesellschaft
Die Deutsche Krebsgesellschaft e. V. (DKG) – eine Nachfolgeorganisation
des 1900 gegründeten „Comité für Krebssammelforschung“ – ist die größte
wissenschaftlich-onkologische Fachgesellschaft im deutschsprachigen Raum.
In der DKG vertreten sind rund 8.000 Einzelmitglieder in 25
Arbeitsgemeinschaften, die sich mit der Erforschung und Behandlung von
Krebserkrankungen befassen; dazu kommen 16 Landeskrebsgesellschaften und
36 Fördermitglieder. Die DKG engagiert sich für eine Krebsversorgung auf
Basis von evidenzbasierter Medizin, Interdisziplinarität und konsequenten
Qualitätsstandards, ist Mitinitiatorin des Nationalen Krebsplans und
Partnerin der „Nationalen Dekade gegen Krebs". Mehr:
https://www.krebsgesellschaft.de/

Deutsches Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs
Die Zentren im Deutschen Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs
bieten Ratsuchenden aus einer Risikofamilie, die eine familiäre Belastung
für Brust- und/oder Eierstockkrebs haben, eine Beratung und Betreuung an.
Hierbei wird das individuelle Risiko, an Brustkrebs und/oder
Eierstockkrebs zu erkranken, innerhalb einer Risikofamilie durch eine
interdisziplinäre Beratung festgestellt und durch eine Gendiagnostik
ergänzt und präzisiert. Im Rahmen der gynäkologischen Beratung werden
adäquate präventive und therapeutische Maßnahmen besprochen und im Rahmen
von Verträgen zur Besonderen Versorgung mit den Krankenkassen angeboten.
Im Falle von Entscheidungsschwierigkeiten bieten wir eine psychosomatische
Beratung als Hilfestellung an. Ein zentrales Anliegen ist es dabei, unsere
Forschungsergebnisse und den stetigen Wissenszuwachs auf dem Gebiet des
familiären Brust- und Eierstockkrebses in die klinische Wissen
generierende Versorgung umzusetzen. Diesem Ziel dient neben einem
zentralen Register ein großes Angebot an Forschungsprojekten und
klinischen Studien zur Evaluation von präventiven und therapeutischen
Optionen. Mehr: https://www.konsortium-familiaerer-brustkrebs.de/

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(Un)mask yourself! Corona-Schutzmasken und Gesichtsmimikry

HU-Forschende untersuchten die Auswirkungen von Gesichtsmasken auf
Wahrnehmung und Imitation von Emotionsausdrücken während der
COVID-19-Pandemie

Einer der wichtigsten menschlichen Kommunikationswege zwischen zwei
Personen ist der Ausdruck von Emotionen, wie beispielsweise das Lächeln.
Mit der Corona-Pandemie wurden Gesichtsmasken als Schutzmaßnahme
eingeführt. Sie verdecken die untere Gesichtshälfte und somit zumindest
teilweise den Ausdruck von Emotionen.

Die Kommunikation von Emotionen, insbesondere die sogenannte
Gesichtsmimikry wird am Lehrstuhl für Sozial- und Organisationspsychologie
unter der Leitung von Prof. Dr. Ursula Hess untersucht. Gesichtsmimikry
beschreibt die spontane und weitgehend unbewusste Imitation des
Emotionsausdrucks der sendenden durch die wahrnehmende Person. Dieses
Phänomen hat unter anderem eine besondere Bedeutung für die sogenannte
Affiliation, also das fundamentale Motiv des Menschen, sich anderen
Menschen zuzuwenden. Daher wird die Gesichtsmimikry bisweilen auch als
“sozialer Kleber” oder “soziales Schmiermittel” bezeichnet.

In der experimentellen Online-Studie mit 200 Proband:innen war die
Imitationsreaktion auf lächelnde Gesichter mit Masken reduziert oder nicht
vorhanden, während sie bei traurigen, maskenbedeckten Ausdrücken erhalten
blieb.
Zudem fühlten sich die Proband:innen ihrem maskierten Gegenüber weniger
nah. Sie erkannten den fröhlichen oder traurigen Emotionsausdruck ihres
Gegenübers zwar korrekt, nahmen diesen aber weniger intensiv wahr.

Unter nicht-pandemischen Bedingung untersucht das Labor von Prof. Dr. Hess
die Gesichtsmimikry normalerweise mit Gesichtselektromyographie
(Gesichtsmuskelmessung), um selbst geringste, nicht offen sichtbare
Reaktionen zu erfassen. Während der Pandemie war und ist der Laborzugang
jedoch bisweilen eingeschränkt. Als Alternative wurde in der Online-Studie
eine Gesichtsaktivitätserkennungssoftware eingesetzt, die automatisiert
auf Basis von Videoaufzeichnungen offen sichtbare Bewegungen im Gesicht,
wie beispielsweise das Hochziehen der Mundränder beim Lächeln erfassen
kann.

Das Experiment leistet einen Beitrag, besser zu verstehen, wie unter
Pandemiebedingungen mit Maskenpflicht unbewusste, nonverbale
Kommunikationsprozesse wie die Gesichtsmimikry ablaufen. Aufgrund früherer
Studien geht das Team von Prof. Hess aber davon aus, dass die
Einschränkung der Gesichtsmimikry wegen der Vielgestaltigkeit von
Emotionskommunikation auf unterschiedlichen Kanälen (Stimme,
Körperhaltung, Ablesen der Augenpartie) unter Umständen ausgeglichen
werden kann und die Interaktion zwischen Personen dennoch recht hürdenfrei
abläuft.

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Antijüdischen Klischees auf der Spur

Studierende der Uni Würzburg haben in einem Seminar Klischees über das
Judentum hinterfragt. Ihre Ergebnisse teilen sie jetzt über eine App mit
der Öffentlichkeit.

Die Pharisäer – waren das nicht diese heuchlerischen Juden, die in der
Bibel vorkommen? Oder der Spruch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“: Zeigt der
nicht ganz klar, dass das Judentum den Rachegedanken gutheißt?

Durch solche Bilder im Kopf können, ob bewusst oder unbewusst, leicht
antijüdische Klischees entstehen. Denn diese Bilder sind falsch.

Wie falsch, das haben Theologie-Studierende der Julius-Maximilians-
Universität Würzburg (JMU) in einem Seminar erarbeitet. Ihre Ergebnisse
haben sie zu Bounds verarbeitet – einer Mischung aus Stationenlernen und
digitaler Schnitzeljagd. Die Bounds lassen sich mit der kostenfreien App
Actionbound spielen, bei einem Spaziergang durch Würzburg oder auch
zuhause auf dem Sofa.

Pharisäer waren keine Heuchler

Ein Bound erklärt, wer die Pharisäer wirklich waren. Dass ihre
Brandmarkung als Heuchler einer langen antijüdischen Tradition folgt. Und
dass sie eine viel positivere Darstellung verdienen.

Zur Zeit Jesu waren die Pharisäer eine der führenden jüdischen
Religionsgruppen. Besonders wichtig war ihnen die Tora, also die ersten
fünf Bücher der Bibel. Sie integrierten viele religiöse Bräuche aus der
Tora in ihren Alltag, was sie vielleicht etwas frommer wirken ließ als
andere. Sie mochten es, über unterschiedliche Standpunkte zu diskutieren.
Sie forderten zur Nächsten- und zur Feindesliebe auf, schon bevor Jesus
und seine Anhänger das taten.

Das klingt durchweg sympathisch. Warum also das heutige negative Bild der
Pharisäer? Das entwickelte sich ab dem Jahr 70 nach Christus: Die
christlichen Gruppen dieser Zeit befanden sich in Auseinandersetzung mit
und manchmal auch in Konkurrenz zu den verschiedenen jüdischen Gruppen.
Sie wollten sich abgrenzen und scheuten nicht davor zurück, andere negativ
darzustellen. Und das wirkt bis heute: Der Ausdruck „Pharisäer“ wird noch
immer im Sinne von „Heuchler“ verwendet.

Bounds zu vier Themen

Vier Bounds haben die Würzburger Studierenden entwickelt. Sie hinterfragen
darin nicht nur Klischees über die Pharisäer, sondern auch über die
Speisegebote des Judentums, die Beschneidung und den Spruch „Auge um Auge,
Zahn um Zahn“.

Betreuerin des Seminars war Barbara Schmitz, Leiterin des JMU-Lehrstuhls
für Altes Testament und biblisch-orientalische Sprachen. „Die Studierenden
sollten sich wissenschaftlich mit der antijüdischen Tradition des
Christentums auseinandersetzen. In dieser Tradition gibt es viele Punkte,
die über die Jahrhunderte nicht offen antijüdisch, sondern sehr subtil
mitgelaufen sind,“ so die Professorin.

Eine weitere Aufgabe der Studierenden war es, ihre Ergebnisse nachhaltig
aufzubereiten. In einem Format, das sich leicht und spielerisch
weitergeben lässt. Die Wahl fiel auf Actionbound. Bei der medial-
technischen Umsetzung standen ihnen Dr. Dietmar Kretz von der Domschule
Würzburg und Oliver Ripperger zur Seite, Leiter der Medienzentrale des
Bistums Würzburg und Referent für medienpädagogische Fortbildungen.

Videos, Audios, Quizfragen

Die Bounds richten sich primär an ältere Jugendliche und junge Erwachsene.
Sie sind aber auch für ältere Erwachsene absolut spielenswert: Schritt für
Schritt lernt man, Vorurteile und Stereotype zu dekonstruieren. Und das
ist durchaus kurzweilig: Die Bounds arbeiten mit Videos, Audios und
Quizfragen. Sie verhelfen zu einem neuen Blick auf jüdische Themen, von
denen man vielleicht nur eine vage oder sogar falsche Idee hatte.

Studentin Lea Brenner hat an dem Bound über die Pharisäer mitgearbeitet.
„Biblische Texte und das Judentum haben mich schon immer interessiert“,
sagt sie. Darum freute sie sich besonders über das Seminarangebot ihrer
Professorin – zumal sie selber auch schon gemerkt hatte, dass die
„antijüdischen Schwingungen“ des Neuen Testaments noch heute in den Köpfen
präsent sein können.

Auge um Auge …

Eine andere Motivation hatte Student Markus Wissel: „Mich hat die
praktische Aufgabe gereizt, das erarbeitete Wissen in eine leicht
zugängliche Form umzusetzen. Im Seminar ist mir auch bewusstgeworden, wie
unterschwellig Klischees sein können.“

Der Student war an dem Bound beteiligt, der sich um den Spruch „Auge um
Auge, Zahn um Zahn“ dreht. Darin erfährt man, dass es bei dieser Aussage
nicht um Rache geht, sondern um die Umsetzung von Recht und Gerechtigkeit.
Nicht darum, jemandem etwas mit gleicher Münze heimzuzahlen. Sondern
darum, jemanden angemessen zu entschädigen: Wurde zum Beispiel ein Zahn
eingeschlagen, soll der Täter dem Opfer eine Summe bezahlen, die den Wert
des Zahnes ausgleicht.

Rechtsprechung also. Der Bound überrascht auch mit der Information, dass
schon die altjüdische Tradition fünf Arten von Ersatzzahlungen beschreibt,
wie sie auch heute noch gängig sind, darunter Schadenersatz,
Schmerzenzgeld und Übernahme von Heilkosten.

Hoher Arbeitseinsatz, gutes Endprodukt

Die Seminarleitung hat für die Leistung der Studierenden viel Lob übrig.
„Das war doppelte Arbeit“, sagt Barbara Schmitz. „Das Thema musste nicht
nur aufgearbeitet, sondern auch noch technisch umgesetzt werden. Die
Studierenden haben das mit großer Motivation und hohem Arbeitseinsatz
geschafft.“

Co-Seminarleiter Oliver Ripperger ergänzt: „Der zeitliche Aufwand war für
die Studierenden anfangs schwer abzuschätzen. Sie alle waren sehr fleißig,
um zu einem guten Endprodukt zu kommen.“

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Die Idee zu dem Seminar entstand in einer Runde, in der sich verschiedene
Würzburger Institutionen trafen, um ihre Aktivitäten zum Jubiläum „1700
Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zu koordinieren. Dieser Runde
gehörten an: die Jüdische Gemeinde, die Katholisch-Theologische Fakultät
der Universität, das Bistum, die Evangelische Kirche und der Bezirk
Unterfranken.

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