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EHLA 3D: Eroberung der dritten Dimension

Das am Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT entwickelte Extreme
Hochgeschwindigkeits-Laserauftragschweißen EHLA gilt als effiziente und
umweltfreundliche Alternative zu den herkömmlichen Beschichtungsverfahren.
Wesentliche Vorteile bringt es vor allem dort, wo metallische Bauteile
extrem beansprucht und deshalb durch Beschichtung vor Korrosion und
Verschleiß geschützt werden sollen. Zusammen mit der Ponticon GmbH
arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fraunhofer ILT unter
der Bezeichnung EHLA 3D nun daran, das patentierte Verfahren für die
additive Fertigung weiterzuentwickeln und damit die Möglichkeiten des
Verfahrens um ein Vielfaches zu erweitern.

Metallische Bauteile sind häufig extremen Bedingungen ausgesetzt. Zum
Beispiel beim Einsatz in der Luft- und Raumfahrt, auf Ölbohrplattformen im
Meer, in Form von Papierwalzen, Hydraulikzylindern oder als Bremsscheiben
in Autos. Spezielle Beschichtungen sollen die Werkstoffe deshalb vor
Korrosion und schnellem Verschleiß bewahren. Mit dem technologischen
Fortschritt jedoch steigen die Anforderungen auf dem internationalen Markt
stetig. Die Nachfrage ist infolgedessen zunehmend gekennzeichnet vom
Bedarf nach noch schnelleren Produktionszeiten, individuellen und hoch
performanten Bauteilen sowie einem enorm hohen Preisdruck.

Keines der herkömmlichen Verfahren jedoch genügt diesen Standards noch.
Sie sind weder ausreichend flexibel, ressourceneffizient noch
wirtschaftlich genug, um schmelzmetallurgisch angebundene, dünne Schichten
mit hoher Qualität auf Bauteil-Oberflächen aufzutragen. Das
Hartverchromen, bis vor nicht allzu langer Zeit das gängigste Verfahren,
wird von der EU seit September 2017 nur noch unter strengen Auflagen
zugelassen. Denn die elektrochemische Abscheidung von giftigem Chrom (VI)
schädigt die Umwelt nachhaltig.

Um diese Lücke zu schließen, haben Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler des Fraunhofer ILT deshalb ein alternatives
Beschichtungsverfahren entwickelt: das Extreme Hochgeschwindigkeits-
Laserauftragschweißen EHLA. Seit 2015 kommt es insbesondere für
Beschichtungen zum industriellen Einsatz, jetzt erfolgt für EHLA der
Schritt in die dritte Dimension.

Die perfekte Grundlage

EHLA punktet im Vergleich zu den herkömmlichen Verfahren in mehrfacher
Hinsicht. Nicht umsonst gewannen Wissenschaftler des Fraunhofer ILT dafür
2017 den renommierten Joseph-von-Fraunhofer-Preis. Das von ihnen
entwickelte Verfahren verbessert die Vorschubgeschwindigkeit, mit der die
Oberfläche bearbeitet wird, im Vergleich zum klassischen
Laserauftragschweißen von 0,5 bis 2 Meter pro Minute auf 50 bis 500 Meter
pro Minute. Ein Bauteil lässt sich heute also 100- bis 250-mal schneller
beschichten. Auch ist es möglich, wesentlich dünnere Schichten
aufzutragen. Waren durch konventionelles Laserauftragschweißen Schichten
von mindestens 500 Mikrometer Stand der Technik, sind jetzt minimal 25
Mikrometer möglich.

Ein weiterer Vorteil liegt im geringen Wärmeeintrag. Beim klassischen
Laserauftrag-schweißen wird der pulverförmige Zusatzwerkstoff in einem
verhältnismäßig großen Schmelzbad direkt auf der Bauteiloberfläche
aufgeschmolzen, um sie zu beschichten. Das kann die Materialeigenschaften
jedoch nachhaltig verändern und kostet eine Menge Energie. Nicht so bei
EHLA. Hier werden die festen Pulverpartikel schon in der Luft vom Laser
aufgeschmolzen. Sie erreichen die Bauteiloberfläche also bereits im
flüssigen Zustand und müssen dort nicht unter hohem Energieaufwand weiter
aufgeschmolzen werden. Die Wärmeeinflusszone verkleinert sich so auf fünf
bis zehn Mikrometer, beträgt also im Vergleich zum Laserauftragschweißen
lediglich noch ein Hundertstel.

So können jetzt auch metallurgisch inkompatible, hitzeempfindliche
Werkstoffgruppen miteinander verbunden und verarbeitet werden, Aluminium
und Titan zum Beispiel. Insgesamt wird die Bauteil-Oberfläche zudem
wesentlich glatter: die Rauheit verringert sich etwa um den Faktor 10. Für
die Expertinnen und Experten am Fraunhofer ILT bietet das eine perfekte
Grundlage für weitere Entwicklungsschritte.

Neue Generation der additiven Fertigung

»EHLA eignet sich im Prinzip für alles, was rotationssymmetrisch ist und
auf einer schnellen Drehkinematik bearbeitet werden kann«, sagt Jonathan
Schaible, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer ILT. »Die Frage ist
nur: Warum sollten wir uns auf einfache runde Teile beschränken, wenn eine
weitaus größere Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten denkbar ist?«

Aus diesem Grund arbeitet ein Team von Wissenschaftlern seit 2017 daran,
eine neue Generation des Verfahrens zu entwickeln. Ihr Vorhaben: Die
innovative Technologie für den 3D-Druck zu nutzen. Arbeitstitel: EHLA 3D.
Schaibles Promotion darüber dürfte spannende Erkenntnisse zutage fördern.
»Im Zentrum steht die Frage, welche speziellen Anforderungen für
Maschinen- und Systemtechnik zu erfüllen sind, um EHLA mit dem Highspeed-
3D-Druck kombinieren zu können.«

EHLA 3D ermöglicht gleich mehrere einzigartige, verfahrenstechnische
Vorteile: hohe Aufbauraten, große Flexibilität und Materialvielfalt und
gleichzeitig eine hohe Präzision. »In naher Zukunft sollen selbst
komplexe, filigrane Strukturen im großen Maßstab einfach und kostengünstig
hergestellt werden können«, sagt Schaible. »Auch individualisierte
Bauteile sind denkbar.«

Erste Projekte gestartet

Der erste Prototyp der Anlage ist bereits erfolgreich im Einsatz. Er wurde
2019 in Zusammenarbeit mit der Ponticon GmbH aus Wiesbaden fertiggestellt.
Das Konzept dafür basiert auf dem kinematischen Prinzip des Tripoden,
einer Konstruktion mit drei Linearmotoren, die über Koppelstangen mit der
Bauplattform, auf der das zu bearbeitende Bauteil bewegt wird, verbunden
sind. »Das funktioniert ähnlich wie bei der Transrapid-Schwebebahn«,
erklärt Schaible. »Der spezielle Aufbau gleicht die Trägheitskräfte
weitgehend aus. In unserem Fall kann die Bauplattform dadurch sehr
schnelle und präzise Bewegungen ausführen, ohne dass dabei große
Schwingungen auftreten.« Inzwischen kann die Anlage so bis zu 25 Kilogramm
schwere Bauteile bearbeiten – mit bis zu fünffacher Erdbeschleunigung und
Geschwindigkeiten von bis zu 200 Metern pro Minute, bei zugleich sehr
hoher Präzision von 100 Mikrometern. Beim herkömmlichen
Laserauftragschweißen sind gerade einmal 0,5 bis 2 Meter pro Minute
üblich.

»Um die Vorteile von EHLA 3D für einen großen Anwenderkreis im
industriellen Umfeld nutzbar zu machen, werden am Fraunhofer ILT derzeit
zielgerichtete Forschungsarbeiten durchgeführt«, sagt Schaible. »Auf dem
Weg dorthin müssen wir die Komplexität beherrschbar machen.« Zentral sind
etwa Prozessüberwachungskonzepte und automatisierte Bahnplanungs-Tools, am
wichtigsten bleibt zunächst die Parametervariation im Labor. Bei der
Prozessentwicklung müssen alle Parameter exakt aufeinander abgestimmt
werden: Geschwindigkeit, Laserleistung und Pulvermenge in Abhängigkeit von
der jeweils verarbeiteten Werkstoff-Kombination. »Da gibt es noch eine
Menge experimenteller und empirischer Vorarbeit zu leisten. Die ersten
Interessenten aus der Industrie haben aber schon ihre Fühler
ausgestreckt«, ist Schaible optimistisch. »Wir sind also genau auf dem
richtigen Weg.«

Derzeit wird EHLA 3D bereits in einem Projekt des Industriekonsortiums
ICTM International Center for Turbomachinery Manufacturing unter
Beteiligung zahlreicher namhafter Unternehmen aus den Bereichen Luftfahrt
und Turbomaschinenbau weiter erforscht, ein Folgeprojekt ist für 2022
beantragt. Weitere bilaterale sowie öffentlich geförderte
Konsortialprojekte und Machbarkeitsstudien sind in Planung. Die Bandbreite
der Möglichkeiten für die Fertigung und Verarbeitung von Bauteilen wird
mit EHLA 3D um ein Vielfaches erweitert, gleichzeitig effizienter und
umweltverträglicher.

Fraunhofer ILT auf der Formnext 2021

Die Formnext findet vom 16. bis 19. November 2021 in Frankfurt am Main
statt. Besuchen Sie unsere Expertinnen und Experten am Fraunhofer-
Gemeinschaftsstand, Halle 12, Stand D41.

Vorträge zu diesem Thema

Erfahren Sie mehr auf der Onlinekonferenz ICAM 2021 – International
Conference on Additive Manufacturing (ASTM International) vom 1.-5.
November 2021 im Vortrag von Jonathan Schaible »Extreme High-Speed Laser
Material Deposition for Additive Manufacturing«. Weitere Informationen:
www.amcoe.org/icam2021

Auf dem AKL‘22 – International Laser Technology Congress, vom 4.-6. Mai
2022 in Aachen hält zudem Min-Uh Ko, Gruppenleiter Systemtechnik am
Fraunhofer ILT, einen Vortrag zum Thema »Extreme High-Speed Laser Material
Deposition for Additive Manufacturing«. Weitere Informationen:
www.lasercongress.org

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Medien-Studierende der TU Ilmenau arbeiten mit Kinderhilfswerk zusammen

Studentinnen und Studenten der Technischen Universität Ilmenau erarbeiten
in ihrem Medien-Studium professionelle Kommunikationskonzepte für die
Kinderhilfsorganisation Plan International Deutschland. In einem Seminar
im Masterstudiengang „Media and Communication Science“ entwickeln sie in
diesem Wintersemester Ideen unter anderem für die Kampagne „Girls Get
Equal“, mit der Plan International sich weltweit für Gleichberechtigung
von Mädchen einsetzt. Die besten Konzepte werden möglicherweise von der
Kinderhilfsorganisation in der eigenen Kommunikationsarbeit umgesetzt.

Das Leitmotiv des internationalen Kinderhilfswerks Plan International:
Mädchen und Jungen sollen, unabhängig von Religion und Politik, weltweit
die gleichen Rechte und Chancen haben und ihre Zukunft aktiv gestalten
können. Dazu führt die Nichtregierungsorganisation, die von den Vereinten
Nationen als private und unabhängige Organisation anerkannt ist, in mehr
als 75 Projektländern in Afrika, Asien und Lateinamerika Projekte zu
nachhaltiger Gemeindeentwicklung durch. Die Gemeinden sollen die Kinder,
ihre Sichtweisen, ihre Bedürfnisse und Rechte ins Zentrum all ihrer
Anstrengungen stellen.

Die Arbeit von Plan International Deutschland fußt vor allem auf zwei
Strategien: Kinderpatenschaften und der globalen Kampagne für
Gleichberechtigung „Girls Get Equal“ – für beide Aktivitäten sollen die
Studierenden des Masterstudiengangs „Media and Communication Science“ nun
professionelle Kommunikationskonzepte entwickeln. 30 Studentinnen und
Studenten aus Deutschland und 15 weiteren Ländern arbeiten in sechs
konkurrierenden Nachwuchs-PR-Agenturen zusammen und entwickeln bis Ende
des Wintersemesters Ideen – mit der Aussicht, dass die besten von Plan
International Deutschland umgesetzt werden. Dabei soll einerseits das
Modell der Kinderpatenschaften jüngeren Zielgruppen bekannt gemacht und
seine Wirksamkeit gezeigt werden. Anderseits soll Aufmerksamkeit für die
„Girls-Get-Equal“-Kampagne geschaffen werden, die Gleichberechtigung von
Jungen und Mädchen anstrebt. Ziel des Projekts: 100 Millionen Mädchen
sollen lernen, leiten, entscheiden und ihr volles Potenzial entfalten.

Das Seminar wird von Dr. Andreas Schwarz, Leiter des Fachgebiets Public
Relations und Technikkommunikation der TU Ilmenau, durchgeführt. Julia
Engel und Michelle Sager, Kampagnen-Koordinatorinnen bei Plan
International Deutschland, sind die „Auftraggeberinnen“ der Studierenden.
In Briefings leiten sie die Studentinnen und Studenten bei ihren Arbeiten
an – das erste findet am 29. Oktober statt – und am Ende entscheiden sie
als Teil der Jury, welche Konzepte sie am meisten überzeugt haben.

Mit der Kooperation mit Plan International Deutschland setzt das
Fachgebiet Public Relations und Technikkommunikation seine zeitgemäße PR-
Ausbildung an der TU Ilmenau fort. Die Medien-Studierenden arbeiten auf
Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse mit internationalen
Partnern an praxisrelevanten Themen. So sind die Seminare für sie beste
Vorbereitung auf künftige Tätigkeiten in der zunehmend
internationalisierten Kommunikationsbranche.

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Klimaneutralität: Berlin diskutiert über die Zukunft des Wohnens und Bauens

► 2. November 2021: Tagung „Wissen. Wandel. Berlin. 2021“ des
Forschungsverbunds Ecornet Berlin in der Urania Berlin als Teil der Berlin
Science Week

► Führende Institute der Nachhaltigkeitsforschung diskutieren gemeinsam
mit der Stadtgesellschaft über Berlins klimaneutrale Zukunft

► Neue Impulse, wie Berlin die Wärmewende ökologisch und zugleich sozial
gerecht gestalten kann

Berlin, 27. Oktober 2021 – Berlin hat beim Klimaschutz viel vor. Eine
große Baustelle ist die Wärmewende: Um bis spätestens 2045 klimaneutral zu
werden, müssen rund 360.000 Wohn- und Nichtwohngebäude der Hauptstadt
umweltfreundlich mit Raumwärme und Warmwasser versorgt werden. Zusätzlich
müssen alle Neubauten ressourcenschonend geplant und errichtet werden.
Neben organisatorischen und technischen Herausforderungen auf dem Weg zu
einer klimaschonenden Wärmeversorgung ist eine Schlüsselfrage, wie das
sozial gerecht gelingen kann, damit Mieten auch für einkommensschwache
Gruppen bezahlbar bleiben. Am 2. November 2021 tragen fünf führende
Berliner Institute der Nachhaltigkeitsforschung auf der Tagung „Wissen.
Wandel. Berlin. 2021“ Lösungsansätze für klimaneutrales Wohnen und Bauen
zusammen und laden Akteure aus der Stadt zur Diskussion ein.

Welche Aufgaben stehen für den künftigen Senat bei der Wärmewende an und
welche Handlungsspielräume haben Praxisakteure wie private
Hauseigentümer*innen, Genossenschaften, Verbände und Handwerk? Seit
anderthalb Jahren arbeiten die Institute im Forschungsverbund Ecornet
Berlin mit finanzieller Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters,
Senatskanzlei – Wissenschaft und Forschung daran, wie Berlin zentrale
Zukunftsthemen wie Klimaschutz, Digitalisierung und nachhaltiges
Wirtschaften angehen kann.

Klimaneutrales Wohnen und Bauen müssen Standard werden

„Wenn wir den Kollaps des Klimasystems verhindern und den politischen
Zielen gerecht werden wollen, müssen klimaneutrales Wohnen und Bauen zum
Standard werden“, erläutert Thomas Korbun, Sprecher des Forschungsverbunds
und Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für ökologische
Wirtschaftsforschung (IÖW). „Auf diesem Weg darf niemand zurückgelassen
werden. Diesen Herbst und Winter spüren wir, wie steigende Preise für
fossile Energie für viele Haushalte zur Belastung werden. Das Signal ist
deutlich: Wir müssen konsequent auf erneuerbare Energien setzen und
gleichzeitig unseren Energiebedarf durch wärmegedämmte und effizientere
Gebäude drosseln.“

Klimaschutz mit Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen zusammendenken

Soziale, ökologische und technische Herausforderungen müssen konsequent
zusammengedacht werden, um klimaneutrales Wohnen und Bauen für alle zu
ermöglichen. Welche Lösungsansätze kommen infrage und welche Rolle können
Kreislaufwirtschaft und digitale Technologien dabei spielen? Auf der
Tagung kommen die relevanten Praxisakteure an einen Tisch – Expert*innen
aus Architektur, Wohnungswirtschaft, dem Mieterverein, der
Senatsverwaltung und der Bundespolitik.

„Uns ist es dabei wichtig, über den Berliner Tellerrand zu blicken und von
den Perspektiven anderer Städte in Europa zu lernen. Daher bringen wir
unsere Forschungsergebnisse in den Dialog mit Erfahrungen aus anderen
Ländern“, erklärt Verbundsprecherin Anke Herold, Geschäftsführerin des
Öko-Instituts. Impulse kommen aus den Vorreiterstädten Wien und Zürich.
Dort werden energetische Sanierung und eine konsequente Dekarbonisierung
der Wärmeversorgung von Gebäuden bereits in zahlreichen Maßnahmen und
Experimenten zusammengedacht und vorangetrieben. Gerade Wien verknüpft
diese Themen auch mit sozialem Wohnungsbau und bezahlbaren Mieten.

Workshops zu sozialer Gerechtigkeit, zirkulärem Bauen und Datengovernance

Über 25 Expert*innen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und
Zivilgesellschaft diskutieren auf der Tagung mit den Gästen. In drei
Workshops geht es um konkrete Lösungswege: Wie können Investments in
energetische Sanierungsmaßnahmen und neue Energieerzeuger refinanziert
werden, ohne dass der Zielkonflikt zwischen Klima- und Mieterschutz zum
Hemmschuh wird? Wie kann Berlin mit seinen öffentlichen Gebäuden
vorangehen und neue Standards setzen für Kreislauffähigkeit, Langlebigkeit
und nachwachsende Rohstoffe? Und wie können digitale Technologien, die den
Strom- und Wärmeverbrauch in Wohngebäuden messen und optimieren, einen
sozialen und ökologischen Mehrwert schaffen?

Die Ergebnisse der Tagung fließen in die praxisorientierten Projekte des
Forschungsverbunds Ecornet Berlin ein, die das Ziel verfolgen, Berlin auf
dem Weg zur sozialen und ökologischen Metropole spezifisches Wissen
bereitzustellen.

Tagung kann im Livestream verfolgt werden

Die plenaren Teile der Tagung mit mehreren Impulsen, Inputs sowie zwei
Paneldiskussionen werden im Internet live gestreamt. Alle Informationen
über die Tagung und zur Anmeldung gibt es unter:
<www.ecornet.berlin/jahrestagung-2021>.

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Wenn Abschiedsschmerz zum Lebensgefühl wird: Hilfe bei Anhaltender Trauerstörung

Der Tod einer nahestehenden Person bedeutet einen tiefen Lebenseinschnitt
für die Hinterbliebenen. Trauer ist dabei eine ganz normale Reaktion auf
den Verlust. Doch bei fünf bis zehn Prozent der Trauernden dominiert der
Verlust auch nach geraumer Zeit den Alltag so sehr, dass Fachleute dann
von einer Anhaltenden Trauerstörung im Sinne einer psychischen Erkrankung
sprechen. Unter Leitung von Psychologinnen und Psychologen der
Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) wird bundesweit in
mehreren Behandlungszentren eine spezielle Form der Psychotherapie bei
dieser Erkrankung erprobt – mit vielversprechenden Zwischenergebnissen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Förderung des Projektes
PROGRID (Prolonged Grief Disorder) gerade noch einmal verlängert, so dass
für Betroffene weiterhin Gelegenheit dafür besteht, professionelle Hilfe
in Anspruch zu nehmen.

„Trauer ist eine ganz normale Reaktion, die alle Menschen im Lauf ihres
Lebens erfahren. Dabei wird die Bindung zu einer verstorbenen Bezugsperson
gewissermaßen neu aufgestellt. Das ist ein hochindividueller Prozess, der
in der Regel nicht behandelt wird“, erläutert Dr. Anna Vogel. Sie ist
wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Klinische und
Biologische Psychologie (Prof. Dr. Rita Rosner) an der KU und
stellvertretende Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in
Ingolstadt. „Es gibt keine allgemeingültigen Ratschläge für den Umgang mit
Trauer. Gut ist das, was jedem selbst guttut. Fest steht: Wenn man bei
Trauer psychotherapeutisch zu früh einschreitet, kann dies genau das
Gegenteil bewirken und den Trauerprozess sogar verlängern!“ Auch wenn
hierzulande immer wieder von einem Trauerjahr gesprochen werde, nach dem
die Gedanken rund um die verstorbene Person angeblich weniger im
Vordergrund sein sollen, sei dies kein allgemeingültiger Zeitrahmen.
Selbst Jahre später gebe es sogenannte Trauerspitzen, etwa zu Jahrestagen.

Im Vergleich dazu hat die Anhaltende Trauerstörung jedoch einen
grundlegend anderen Charakter. „Wir sprechen davon, wenn auch nach mehr
als sechs Monaten der Tod des oder der Angehörigen den Alltag bestimmt und
die eigene Lebensführung signifikant einschränkt – indem sich die
Hinterbliebenen etwa weiterhin zurückziehen, die Sehnsucht nach der
verstorbenen Person täglich als quälend erlebt wird, ihr Zimmer
unangetastet bleibt oder über sie so berichtet wird als ob sie immer noch
leben würde.“ Auch Extreme zum Beispiel im Hinblick auf das Grab der
Verstorbenen begegnen den Psychologinnen und Psychologen in ihrer Praxis
zur anhaltenden Trauer: Manche Hinterbliebenen gehen auch nach langer Zeit
dreimal täglich ans Grab, andere meiden den Friedhof komplett, weil dieser
Ort nicht ertragbar scheint.

Die Grenzen zu einer Depression sind – wie Vogel erläutert – teilweise
fließend und setzen eine genaue Diagnostik voraus. Identisch zu einer
Depression sind Symptome wie etwa das Gefühl, keinerlei Freude mehr
empfinden zu können und wie betäubt zu sein. Im Unterschied zur Depression
sind jedoch Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit oder gar
Suizidgedanken eher untypisch für eine Anhaltende Trauerstörung. Zudem
helfen, wie verschiedene Studien gezeigt haben, keine Medikamente gegen
komplizierte Trauer.

Dass die Anhaltende Trauerstörung erst vor kurzem als psychische
Erkrankung in die Systematik der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen
wurde, zeigt, wie komplex die Materie ist: „Es geht nicht darum die Trauer
per se zu pathologisieren! Zudem hat die Forschung lange gebraucht, um
präzise zwischen einer Depression bzw. einer Postraumatischen
Belastungsstörung und anhaltender Trauer differenzieren zu können“, so
Vogel. International gehe man in der Wissenschaft davon aus, dass die
besonderen Umstände der Pandemie zu einem Anstieg der Anhaltenden
Trauerstörung führen werde. „Betroffene schildern uns, wie belastend es
für sie war, sich nicht von Sterbenden verabschieden oder eine Beerdigung
nur im engsten Kreis abhalten zu können. Hinzu kommt, dass viele
Hilfsangebote für Trauernde pandemiebedingt nicht möglich waren.“

Die anhaltende Trauer als psychische Erkrankung sei nicht auf ältere
Menschen beschränkt, so dass das Angebot der Forscherinnen und Forscher
für alle Personen ab 18 Jahren offen ist. Vor der eigentlichen Therapie
finden mehrere Vorgespräche statt, um genau zu diagnostizieren, ob eine
Anhaltende Trauerstörung vorliegt. Die eigentliche Behandlung dauert ca.
ein halbes Jahr und umfasst rund 25 Sitzungen, die – wie erste
Zwischenergebnisse zeigen – zu einer deutlichen Besserung der Symptome
führt. Anlaufpunkt zur Teilnahme an der PROGRID-Studie sind
Behandlungszentren in Ingolstadt, München, Frankfurt, Marburg und Leipzig.

Weitere Informationen finden sich unter <www.trauer-therapie.de>.

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