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Professorin für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie fordert: „Soziale Defizite vor Leistungsdefiziten ausgleichen“

Ein denkwürdiges Schuljahr neigt sich dem Ende: Von 187 Schultagen fielen
in Baden-Württemberg 35 flächendeckend in den virtuellen Raum. Das ist
rund ein Fünftel des Schuljahres. Die weiteren Schultage gerieten zu einer
Schlitterbahn zwischen Wechselunterricht, hybriden Modellen,
Teststrategien und Kontaktbeschränkungen. Die Kinder und Jugendlichen
waren nicht nur in der Schulzeit massiv von den Einschränkungen betroffen,
sondern auch in den Ferien und an den Wochenenden – eine konstante
Belastung und Stresserfahrung. Was Isolation und sich ständig ändernde
Bedingungen für die junge Generation bedeutet, erfährt Prof. Dr. Helena
Dimou-Diringer, Leiterin der SRH Heidelberger Akademie für Psychotherapie
sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Gesprächen mit ihren
Patientinnen und Patienten.

Welche Störungen beobachten Sie seit diesem Schuljahr vermehrt?

Nicht nur die Schulzeit, sondern auch die Freizeit bedeutet für die Kinder
und Jugendlichen seit Pandemie-Ausbruch eine große Belastung: Schule nur
am Computer, keine Sportveranstaltungen, keine Partys, jedes Wochenende im
engen Familienkreis, und all dies verstärkt durch eine negative
Grundstimmung, die auf allen Ebenen vermittelt wird. Dieses
zweidimensionale Leben, die Monotonie hat sehr auf die Psyche geschlagen.
In unserer Ambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie haben wir
festgestellt, dass die Kinder unter Einsamkeit litten, auch gelangweilt
waren, einige waren depressiv, aber vor allem kam es zu mehr
Zwangserkrankungen: Bei Essstörungen, Wasch- oder Kontrollzwängen habe ich
das Gefühl, die Situation selbst kontrollieren zu können, was in der
Pandemie ja vielfach verloren ging. Zudem hatten wir den Eindruck, dass
die Kinder und Jugendlichen insgesamt massiver krank sind, die
Ausprägungen der Symptome haben zugenommen.

Viele Lehrerinnen und Lehrer berichten, dass die Beschulung der Kinder
nach dieser langen Corona-Zeit ein Problem sei. Wie beurteilen Sie die
aktuelle Situation in den Schulen kurz vor den Sommerferien?

Das ist richtig, manche Störungsbilder haben sich verstärkt: Die
Konzentrationsfähigkeit hat nachgelassen, die Unruhe ist größer. Kinder
mit einer ADHS-Erkrankung fallen nun verstärkt im Unterricht auf. Der
Leistungsdruck hat wieder zugenommen, auch die Lerndefizite werden jetzt
deutlich, setzen zusätzlich unter Druck und sorgen vielfach für ein
Auseinanderklaffen innerhalb der Klassenverbände. Die vielen sozialen
Kontakte sind noch ungewohnt, sodass zum Teil auch die sozialen Ängste
wachsen. Lange Zeit fehlte durch das Homeschooling die dritte Dimension:
Wir haben ein Defizit von eineinhalb Jahren sozialer Erfahrung! All dies
sorgt auch für psychosomatische Erkrankungen wie Kopf- oder
Bauchschmerzen.

Wie schätzen Sie die psychische Situation nach den Ferien ein?

Die Kinder werden sich rasch wieder an die neue Situation gewöhnen, sie
sind anpassungsfähiger als manch ein Erwachsener. Die Schulen haben es
jedoch meiner Meinung nach versäumt, nach den langen Lockdown-Monaten das
Augenmerk auf die Sozialisation zu legen. Ausflüge, gemeinsame Erlebnisse
und Teambuilding, das gemeinsame Arbeiten an sozialen Kompetenzen sind
doch jetzt zunächst viel wichtiger als die Leistung! Denn letztendlich
leidet auch die Leistung unter den sozialen Problemen. Wir müssen die
sozialen Defizite daher zuerst ausgleichen! Ich hoffe, dass diese
Dimension zu Beginn des neuen Schuljahres verstärkt mit in den Fokus
genommen wird.

Was können die Eltern gegen die depressive Stimmung oder andere
psychischen Pandemie-Folgen bei ihren Kindern unternehmen?

Die Eltern sollten sich nicht auf das Leistungsdefizit ihrer Kinder
konzentrieren. Vielmehr können sie ihren Kindern helfen, indem sie sie
motivieren, sich nicht wieder nur digital über WhatsApp oder andere
digitale Kanäle auszutauschen, sondern sich persönlich zu treffen und
gemeinsam etwas zu unternehmen. Auch sportliche Aktivitäten sind wichtig,
die man ja auch gemeinsam ausüben kann. In den Ferien sollte die Zeit
dafür da sein. Der Shift vom virtuellen in den realen Raum muss aber auch
von den Erwachsenen vorgelebt werden. Ihre Vorbildfunktion ist sehr
wichtig. Bei langanhaltenden Problemen sollten sich Eltern an eine
psychologische Beratungsstelle wenden oder einen Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapeuten kontaktieren.

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Der Puls des Toten Meeres

Forscher*innen aus einem interdisziplinären Team mehrerer Sektionen des
Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ haben zusammen mit Kollegen aus
Hannover, Kiel und Padua zum ersten Mal einen direkten Zusammenhang
zwischen der Abnahme des Wasserspiegels des Toten Meeres, der Verdunstung
und der Landabsenkung in der Region nachgewiesen. Sie berichten darüber in
der Fachzeitschrift Scientific Reports.

Das Tote Meer schrumpft. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Klimawandel
trägt ebenso dazu bei wie menschliche Übernutzung der Ressource Wasser.
Der sinkende Wasserspiegel hat eine ganze Reihe gefährlicher Folgen. So
führt nachfließendes süßes Grundwasser dazu, dass Salze im Boden gelöst
werden und dadurch Erdfälle („sink holes“) entstehen. Es kommt aber auch
zu großflächigeren Absenkungen der Landoberfläche. Forscher*innen aus
einem interdisziplinären Team mehrerer Sektionen des Deutschen
GeoForschungsZentrums GFZ haben jetzt zusammen mit Kollegen aus Hannover,
Kiel und Padua zum ersten Mal einen direkten Zusammenhang zwischen der
Abnahme des Wasserspiegels, der Verdunstung und der Landabsenkung
nachgewiesen. Sie berichten darüber in der Fachzeitschrift Scientific
Reports.

Das Team nutzte dabei ein breites Instrumentarium – von Messverfahren die
auf dem globalen Navigationssatellitensystemen (GNSS) beruhen über
Radarsatelliten bis hin zu Pegel- und Klimastationen vor Ort. Die
Forschenden zeigten, dass sich die feste Erde mit einer zeitlichen
Verzögerung von etwa acht Wochen synchron zu Schwankungen der
Wasseroberfläche und des Grundwasserspiegels auf und ab bewegt. Der Trend
geht dabei jedoch klar in eine Richtung: abwärts.

Rund ein Meter pro Jahr sinkt der Wasserspiegel des Toten Meeres, und rund
15 Zentimeter pro Jahr senkt sich das Land. Zuflüsse durch Regenfälle in
den umliegenden Bergen und über den Jordan verursachen kurzfristige
Erhöhungen des Seespiegels. Wasserentnahme aus den Zuflüssen für die
Landwirtschaft, Abpumpen des Salzwassers zur Gewinnung von Kalium und die
Verdunstung in der großen Hitze kehren die Bilanz jedoch ins dauerhaft
Negative.

Die Kopplung der Landabsenkung an das schwindende Wasser ist seit langem
klar. Dass aber die Bewegung der Landoberfläche mit den hydro-
meteorologischen Schwankungen so direkt zusammenhängt, ist neu. Diesen
Zusammenhang ermittelten die Forscher*innen innerhalb von drei Jahren. Für
die Landwirtschaft, den Tourismus und die Infrastruktur in der Region sind
die Landabsenkungen und der Wasserverlust sehr bedrohlich. Die Messungen
zeigen zum ersten Mal, wie eng Land, Wasser und Atmosphäre hier
miteinander verbunden sind.

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Heimvorteile für die Olympia-Gastgeber - Leiden die Medaillenchancen unter der Abwesenheit des Publikums?

Die Olympischen Spiele 2021 in Tokio sind die ersten modernen Olympischen
Spiele der Geschichte, die ohne Zuschauer stattfinden. Das hat auch
Auswirkungen auf die japanischen Gastgeber, denn während sich deren
Athleten auf frenetische Anfeuerung gefreut hatten, müssen sie nun vor
leeren Rängen konkurrieren. Die Historie der Olympischen Sommerspiele hat
aber gezeigt, dass sich die jeweiligen Gastgeber noch auf andere
Heimvorteile verlassen können.

Zahlreiche Forschungen (z.B. Forrest et al, 2016; Pollard 2010; Rewilak
2021) der jüngeren Vergangenheit haben sich damit befasst, ob und in
welchem Maße die gastgebende Nation von einem Heimvorteil bei den
Olympischen Sommerspielen profitiert. Dabei haben sich insbesondere vier
Faktoren herauskristallisiert, die einen Heimvorteil begründen:

•       Die Athleten des Ausrichterlandes müssen nicht oder deutlich
weniger reisen,
•       sind bereits mit den Bedingungen vor Ort vertraut,
•       Schiedsrichter fällen, häufig durch das heimische Publikum unter
Druck gesetzt, für sie tendenziell vorteilhaftere Entscheidungen und
•       das Heimpublikum in den Arenen treibt die eigenen Athleten zu
Höchstleistungen an.

Zumindest auf den letzten Faktor müssen die japanischen Olympioniken in
diesem Jahr verzichten. Dennoch hat sich in der Vergangenheit gezeigt,
dass dennoch ein signifikanter Heimvorteil existiert. Teilweise gibt es
allerdings deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Sportarten und
auch zwischen den Geschlechtern.

Forscher der WHU – Otto Beisheim School of Management, der Universität
Reading und der Universität Aston haben im Rahmen einer statistischen
Analyse u.a. beobachtet, dass die Gastgeber der Olympischen Sommerspiele
im Durchschnitt einen um etwa zwei Prozentpunkte höheren relativen Anteil
am sportlichen Erfolg erwarten können. Dies gilt in dieser Form sowohl bei
den Herren als auch bei den Damen und über alle Disziplinen hinweg. Lässt
man Finalisten und Bronzemedaillengewinner außen vor, bedeutet dies in
etwa, dass Japan in Tokio vermutlich trotz der fehlenden Fans jede siebte
Silbermedaille in eine goldene verwandeln können wird – und dies nur
deshalb, weil das Team zu Hause antritt.

Bei den vergangenen drei Olympischen Sommerspielen in Rio (2016), London
(2012) und Peking (2008) schnitten die Heimmannschaften jeweils
ungewöhnlich und überdurchschnittlich gut ab. Sowohl bei den Herren als
auch bei den Damen waren die Ausrichternationen – gemessen an der Anzahl
der insgesamt errungenen Medaillen sowie der im Rahmen der Wettkämpfe
erzielten Finalteilnahmen – relativ erfolgreicher als bei den Spielen
zuvor, die jeweils in anderen Ländern stattgefunden hatten. Betrachtet man
beispielsweise nur die Anzahl der insgesamt gewonnenen Goldmedaillen, so
stieg diese bei Brasilien zwischen 2012 und 2016 von drei auf sieben, bei
Großbritannien zwischen 2008 und 2012 von 19 auf 29, und bei China
zwischen 2004 und 2008 sogar von 32 auf 48. Der sogenannte Spill-Over-
Effekt sorgt außerdem dafür, dass die Gastgeber-Nation auch bei den
unmittelbar vor und nach der Olympiade zu Hause stattfindenden Wettkämpfen
deutlich besser abschneidet als bei allen übrigen Spielen.

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Möbel aus der Biogasanlage

Die Hallertau ist Deutschlands größtes Hopfenanbaugebiet. Bei der Ernte
bleiben Hopfenrebenhäcksel übrig, die vor Ort in einer Biogasanlage zu
umweltfreundlichem Bioerdgas umgewandelt werden. Aber das ist noch nicht
das Ende der Verwertungskette dieser Faserpflanze. Aus den
pflanzenhaltigen Gärresten haben Forscherinnen und Forscher an den
Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF)
einen Verbundwerkstoff hergestellt, aus dem sich Möbel herstellen lassen.

Schichtstoffe sind in der Möbelindustrie sehr gefragt, da sie sehr
flexibel gestaltet werden können. Der an den DITF mit seinen
Projektpartnern entwickelte Verbundwerkstoff aus Gärresten ist eine
besonders nachhaltige Variante. Um ihn herzustellen, werden diese
pflanzenhaltigen Reststoffe zunächst umweltschonend gereinigt. Aus dieser
Masse haben die DITF mit der Hochschule Reutlingen ein Nassvlies
entwickelt, das zusammen mit einem biobasierten Harzsystem zu einem
Verbundwerkstoff gepresst wird. Er ist belastbar und kann vielseitig
verarbeitet werden. Die Projektgruppe hat aus dem Material einen ersten
Demonstrator erstellt.

Das Projekt ist ein Beispiel für erfolgreiche Kreislaufwirtschaft und
Wertschöpfung. Gärreste als Industrierohstoff zu verwenden ist eine
umweltschonende Alternative zur bisherigen Nutzung als Dünger, die die
Nitratbelastung der Böden erhöht und durch neue Verordnungen auch deutlich
eingeschränkt wird. Bei der Produktion wird bewusst auf chemische Zusätze
verzichtet und wenn bei der Gestaltung des Möbelstücks noch Verschnitt aus
der Textilindustrie zum Einsatz kommt, ergeben sich nicht nur
außergewöhnliche Designs sondern ein weiterer Mehrwert für die Umwelt.

Das Forschungsprojekt wurde im Rahmen des Zentralen Innovationsprogrammes
Mittelstand (ZIM) gefördert. Projektpartner waren die Hopfenpower GmbH,
die Novis GmbH und die Schreinerei Nuding.

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