Das Wissenschafts- und Kunst-Kollektiv MY-CO-X hat eine
ressourcenschonende und recycelbare Skulptur aus Pilzen gebaut
Monatelang haben Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Designer*innen und
Architekt*innen daran gearbeitet: Jetzt steht MY-CO SPACE, eine bewohnbare
Skulptur aus Pilzen, im Frankfurter Metzlerpark. Es ist ein Beitrag zu
Utopien über nachhaltiges, ressourcenschonendes Leben. Tagsüber ist die
Pilzskulptur öffentlich zugänglich – man kann sogar eine Nacht darin
verbringen. Die bewohnbare Skulptur ist ein Projekt des SciArt-Kollektivs
MY-CO-X, das von der Biotechnologie-Professorin Vera Meyer (Technische
Universität Berlin) und dem Architektur-Professor Sven Pfeiffer
(Hochschule Bochum) gegründet wurde.
Das Team nimmt mit seiner Skulptur an der Ausstellungsreihe „tinyBE“ teil,
die in Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden im öffentlichen Raum noch bis
zum 26. September 2021 neun bewohnbare Skulpturen von internationalen und
nationalen Künstler*innen zeigt. Am 19. Juli 2021 findet in Frankfurt ein
digitales Panelgespräch mit Vera Meyer und Sven Pfeiffer statt.
Mutationen in der Stadtentwicklung: Der Pilz als gesellschaftlicher Akteur
und Ideengeber
Ein Panelgespräch
Zeit: Montag, 19. Juli 2021, 19.00 bis 21.00 Uhr
Ort: Panelgespräch Villa 102, Frankfurt (digital)
https://tinybe.org/events/tinymonday-05/
Die Skulptur
MY-CO SPACE, ein pflanzlicher Ort geschaffen aus Holz, Stroh und Pilzen,
ist inspiriert von einer Raumfahrtkapsel und besteht aus einer tragenden
Holzkonstruktion, die mit Pilzpaneelen bedeckt ist. Sie bietet etwa 20 m²
Innenraum. Die Außenschale besteht aus biologisch gewachsenen Pilz-Stroh-
Verbundstoffen und ist somit komplett biologisch abbaubar. Für Vera Meyer
steht das skulpturale Habitat für die Frage zu den heutigen
Herausforderungen der Menschheit: „Wie lassen sich biologisch-technische
Strukturen und essenzielle Wohnfunktionen auf kleinstem Raum so
integrieren, dass Menschen unter Bedingungen begrenzter Ressourcen
trotzdem unbeschwert leben und arbeiten können?“ Dabei bezieht es sich auf
die Arbeit der Architektin Galina Balaschowa (geb. 1931), die für die
Innengestaltung des bemannten Raumschiffes Sojus und der Raumstation Mir
verantwortlich sowie am Apollo-Sojus-Programm beteiligt war. Die
gemeinnützige Gesellschaft tinyBE, die die Ausstellung „tinyBE – living
in a sculpture“ organisiert hat, bringt Kunst, Wissenschaft und
Architektur zusammen und will als Plattform verschiedenen Akteur*innen
ermöglichen, öffentlich über neue, alternative und nachhaltige Wege des
Wohnens und Lebens zu spekulieren und Ergebnisse für Zuschauer*innen
greifbar machen.
Die Akteur*innen und ihre Idee
Vor allem der interdisziplinäre Austausch zwischen Wissenschaftler*innen,
Designer*innen, Architekt*innen und Künstler*innen, hat die Akteur*innen
an dem Gemeinschaftsprojekt MY-CO SPACE gereizt. Beteiligt sind
Professor*innen, wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, Studierende und
Bürgerwissenschaftler*innen. Sie wollen zeigen, wie man mit Biomaterial
neue, zirkuläre Wirtschaftskreisläufe initiieren und damit der planetaren
Ressourcenknappheit entgegenwirken kann; sei es in der Verpackungs-, in
der Textil- oder eben in der Baustoffindustrie mit Bau-, Isolier- oder
Dämmmaterial. Denn das Pilzmaterial ist nicht nur eine erneuerbare
Ressource, sondern auch vollständig biologisch abbaubar.
„Als Wissenschaftler*innen in der Mikrobiologie arbeiten wir sonst ja nur
im kleinen Maßstab. Plötzlich 20 bis 30 Quadratmeter Pilzmaterial zu
produzieren, war eine große Aufgabe.“ sagt zum Beispiel Lisa Stelzer,
Studentin am TU-Fachgebiet Angewandte und Molekulare Mikrobiologie von
Prof. Dr.-Ing. Vera Meyer und Mitbegründerin des TU Start-ups „fungtion“,
welches an Fahrradhelmen aus Pilzmaterialien forscht. Das MY-CO-X
Kollektiv hofft, mit seiner wissenschaftlichen und künstlerischen
Forschung zu einer besseren, nachhaltigeren Zukunft beizutragen, gemeinsam
neue Pilzmaterialien zu entwickeln und Einsatzgebiete für diese zu
identifizieren. „Die Natur macht es uns täglich vor“, so Kustrim Cerimi,
PhD Student der Biotechnologie. „Symbiotische Systeme zwischen Pflanzen,
Tieren, Bakterien und Pilzen sind die Grundlage für das größte zirkuläre
System auf der Welt. Keine Biomasse wird verschwendet und alles findet
wieder seinen Weg zurück in die Natur.“
Biotechnologin und Mikrobiologin Prof. Dr. Vera Meyer, die als Künstlerin
auch unter dem Namen „V.meer“ bekannt ist, sagt: „Es geht um nichts
weniger als komplett neu zu denken: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie
ist das, mit begrenzten Ressourcen zu leben, zu wohnen? Geht das
unbeschwert? Und können wir uns vorstellen, in Pilzen zu leben, in diesem
Material aus nachwachsenden und recycelbaren Rohstoffen?“ Denn aus Pilzen
könne man fast alles machen: Medikamente, Enzyme, Biokraftstoffe,
Textilien, Verpackungsmaterialien, Möbel bis hin zu Häusern der Zukunft.
Und der Co-Gründer Kollektivs MY-CO-X, der Architekt Prof. Dipl.-Ing. Sven
Pfeiffer, der an der Hochschule Bochum Digitales Entwerfen, Planen und
Bauen unterrichtet, ergänzt: „Wir müssen dringend über neue Materialien
nachdenken, aus denen wir bauen, vor allem über solche, die nach Gebrauch
in einen Kreislauf zurückgeführt werden können. Pilze als natürliche
Biomaterialien haben ein sehr großes Potenzial für die
Kreislaufwirtschaft.“ Es sei faszinierend, dass man aus Pilzen fast alles
machen könne: von Medikamenten, Textilien und Verpackungsmaterialien,
Fahrradhelmen und Möbeln bis hin zu ganzen Häusern.
Die Pilzbiotechnologie und ihr Potenzial
Pilze sind überall. Pilze sind in der Nahrung, in Wein und Käse, sie
arbeiten auf unserer Haut, im Inneren unseres Körpers, sind auf der ganzen
Welt verteilt, in Böden und Pflanzen. Die Biotechnologie nutzt sie schon
lange als Zellfabriken. Antibiotika, Cholesterinsenker, Insulin, Vitamine,
Enzyme, Biokraftstoffe und vieles mehr stellen sie für uns her. „Pilze
sind zwar Mikroorganismen, aber manche Pilzarten gehören zu den größten
Lebewesen auf unserer Erde“, sagt die Biotechnologin und Künstlerin Vera
Meyer. Im Wissenschaftsjahr der Bioökonomie wurde sie zu einem der „Köpfe
des Wandels“ gewählt. „Ohne Pilze würden viele Kreisläufe einfach nicht
funktionieren, sie besitzen einzigartige Fähigkeiten.“ Pilze seien eine
Art Müllabfuhr in der Natur, Meister der Zersetzung von Biomasse, und
könnten komplexe nachwachsende pflanzliche Rohstoffe durch aktive Enzyme
in ihre Bestandteile zerlegen, insbesondere diejenigen aus der Agrar- und
Forstwirtschaft. Aber gleichzeitig seien sie auch Meister der Synthese,
sie könnten diese Bestandteile für vielfältigste Produkte neu kombinieren
und zusammensetzen. „Sie bieten uns damit nicht nur die einmalige Chance,
eine neuartige, vollständig biobasierte Wirtschaftsweise nach den
Prinzipien von Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit aufzubauen, sondern
sie haben sogar das Potenzial, uns etwas über Symbiosen zu lehren, über
das Funktionieren von Gesellschaften.“
Informationen, Texte und Videos über das „Making of“ der Skulptur, über
die mikrobiologische Technologie, die hinter dem Kunstprojekt steckt,
finden Sie unter:
https://www.linkedin.com/pulse/leben-im-pilzhaus-kustrim-
cerimi/?trackingId=ihIbr4N0QfW8yaMcs9rVgw%3D%3D
Ein Interview „Im Gespräch mit … Prof. Dr. Vera Meyer & Prof. Sven
Pfeiffer“ bietet die Hybrid-Plattform unter:
https://www.youtube.com/watch?v=vEAFb67coUc
Wer eine Nacht im „Pilzhaus“ in Frankfurt verbringen möchte, schaut auf
die Seite:
https://www.eventim.de/artist/living-in-a-sculpture/my-co-x-my-co-space-
tinybe-living-in-a-sculpture-2945094/
https://tinybe.org/en