Zukünftige Freiheiten: Reportagen aus der postkarbonen Gesellschaft des Jahres 2049
Die Universität Stuttgart hat im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2024 –
Freiheit ein neues Projekt eingeworben. Forschende des Internationalen
Zentrums für Kultur- und Technikforschung (IZKT), Studierende der
Politikwissenschaft und Mediengestaltung, Stuttgarter Bürger*innen sowie
Expert*innen unterschiedlicher Fachdisziplinen untersuchen und diskutieren
gemeinsam was Freiheit für zukünftige Generationen bedeutet. Dabei
erproben sie ein neues Format der Wissenschaftskommunikation: den
spekulativen Dokumentarfilm.
Freiheit: Ein Begriff, der polarisiert
„Kaum ein Begriff polarisiert derzeit so stark wie der Begriff der
Freiheit. Deswegen wollen wir dem kollektiven Pessimismus zukunftsfähige
Freiheitserfahrungen entgegensetzen“, erklärt Elke Uhl, Geschäftsführerin
des Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung (IZKT).
Umstritten ist, welche Formen gelebter Freiheit in Zukunft möglich sein
werden. Lässt sich die Erfahrung von Freiheit vom Ressourcenverbrauch
entkoppeln? Wie sieht unsere Freiheit im Jahr 2049 aus, wenn das
Grundgesetz seinen 100sten Geburtstag feiert? Oft wird die Debatte nach
einem allzu bekannten Schema geführt: Vom linken zum rechten politischen
Rand abgewandert ist ein Freiheitsbegriff, der Ungebundenheit,
individuelle Selbstverwirklichung und eine radikale Skepsis gegenüber dem
Staat betont. Formen diffuser Staatsfeindlichkeit zeigen, dass „Freiheit“
zu einem demokratiegefährdenden Schlagwort werden kann.
Entsprechend unproduktiv verläuft die Debatte meist: Während die einen
Rücksicht auch gegenüber kommenden Generationen einklagen, zeichnen die
anderen die Gefahr eines Nanny-States. Mit dem Projekt „Zukünftige
Freiheiten: Reportagen aus der postkarbonen Gesellschaft des Jahres 2049“
versuchen Wissenschaftler*innen gemeinsam mit Stuttgarter Bürger*innen und
gesellschaftlichen Akteur*innen diesen standardisierten Argumenten
entgegenzuwirken, indem sie die Debatte „erden“ und bei alltäglichen
Freiheitserfahrungen wie Fliegen, Bauen, Essen und Fahren ansetzen.
Im Dialog: Transdisziplinäres Projektseminar
„Unser Projekt appelliert an die politische Phantasie“, sagt Prof. Felix
Heidenreich, wissenschaftlicher Koordinator am IZKT. In einem
transdisziplinären und hochschulübergreifenden Seminar beschäftigen sich
Studierende theoriegeschichtlich und künstlerisch mit Freiheit und stehen
dabei in einem kontinuierlichen Austausch. Studierende der Merz Akademie
arbeiten in einer temporär eingerichteten Freiheitswerkstatt im
Hospitalviertel in Stuttgart und sammeln dort im Austausch mit
Bürger*innen und Expert*innen verschiedener Fachrichtungen Impulse für
„spekulative Dokumentarfilme“ – ein neues Format in der
Wissenschaftskommunikation, das auf dem Alltagswissen und den Erfahrungen
der Beteiligten basiert, mögliche Zukünfte anschaulich macht und
Zuversicht erzeugen soll: „Wir stellen uns vor, dass das, was Europa sich
vorgenommen hat, tatsächlich auch gemacht worden ist. Das ist gar nicht so
einfach. Sich die Apokalypse vorzustellen ist viel leichter“, erklärt
Prof. Peter Ott von der Merz Akademie.
Freiheitswerkstatt: Atelier Leuschnerplätzle
Die Freiheitswerkstatt ist nur wenige Schritte von der Leuschnerstraße in
Stuttgart entfernt. Hier wurde 1849 das „Stuttgarter Rumpfparlament“ als
erste gesamtdeutsche Demokratiebewegung militärisch niedergeschlagen. Mit
Unterstützung des Vereins Forum Hospitalviertel e.V. nutzen die
Projektpartner bis Ende September eine leerstehende Bürofläche als
„Atelier Leuschnerplätzle“. Das Atelier ist ein kollektiver Ort, an dem
Menschen mit unterschiedlichem Wissen und unterschiedlichen Erfahrungen
aufeinandertreffen und in unterschiedlichen Dialogformaten wie zum
Beispiel einem Stammtisch über Freiheitsvorstellungen diskutieren. Die
Ausstellung „Rückblick. Anblick. Ausblick (Looking back, looking at,
looking forward)“ thematisiert die Geschichte des Rumpfparlaments sowie
vergangene und zukünftige Freiheitvorstellungen.
Blick in die Zukunft: Spekulative Dokumentarfilme
Die aus den Impulsen der Freiheitswerkstatt und den Expert*innen-
Interviews entstandenen spekulativen Dokumentarfilme setzen sich mit den
Freiheitspraktiken Fliegen, Bauen, Essen, Fahren auseinander. Im Herbst
2024 werden diese „Reportagen aus der postkarbonen Gesellschaft des Jahres
2049“ im Hospitalhof Stuttgart in der vierteiligen Reihe „Film & Diskurs“
uraufgeführt und diskutiert. Die Filme werden darüber hinaus in einer
„Zukunftskinokiste“ im Stadtraum zu sehen sein. Das Projekt endet mit
einer interaktiven Abschlussveranstaltung im Format einer
Unterhausdebatte.
Über das Projekt
Unter Federführung des Internationalen Zentrums für Kultur- und
Technikforschung (IZKT) der Universität Stuttgart beteiligen sich die Merz
Akademie - Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien sowie die
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg an dem Projekt. „Zukünftige
Freiheiten: Reportagen aus der postkarbonen Gesellschaft des Jahres 2049.“
Es ist eines von 35 Projekten, die das BMBF im Rahmen des
Wissenschaftsjahres 2024 fördert. Insgesamt wurden 320 Projektskizzen
eingereicht.
Über das Wissenschaftsjahr 2024 - Freiheit
Das Thema des Wissenschaftsjahres 2024 ist Freiheit. Denn sie ist von
grundlegendem Wert und heute in lange nicht vorstellbarer Weise bedroht.
Zwei bevorstehende Jahrestage unterstreichen ihre Bedeutung für
Deutschland: 75 Jahre Grundgesetz und 35 Jahre Mauerfall. Das
Wissenschaftsjahr 2024 beschäftigt sich daher mit verschiedenen
Dimensionen von Freiheit. Was genau ist Freiheit? Hängen Freiheit und
Demokratie zusammen? Wo fängt Freiheit an? Mit vielfältigen Angeboten zum
Mitmachen bietet das Wissenschaftsjahr einen Rahmen, um
generationenübergreifend über Freiheit, ihren Wert und ihre Bedeutung zu
diskutieren– miteinander und mit der Wissenschaft. Über Freiheit von
heute, morgen und weltweit.
Das Wissenschaftsjahr ist eine Initiative des Bundesministeriums für
Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog (WiD).
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