Dr.-Ing. Sascha Schriever und Maximilian Mohr (zweiter und dritter von links) mit dem Innovation Award ITA Institut für Textiltechnik of RWTH Aachen University
Zukünftig Gebäude und Bekleidung vollständig nachhaltig herstellen und so das Klima schützen – SA-Dynamics macht genau das zur Realität. Dafür wurde Dr. Sascha Schriever und Maximilian Mohr stellvertretend für das SA- Dynamics‘ Team ein Techtextil-Innovation Award in der Kategorie „New Technologies on Sustainability & Recycling“ am 23. April auf der Techtextil in Frankfurt am Main verliehen.
SA-Dynamics‘ zum Patent angemeldete, aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellte Aerogel-Textilien bieten eine herausragende thermische Isolation, sind extrem leicht und vollständig biologisch abbaubar. Mit einem Team aus zwei Chemikern, einem Luft- und Raumfahrtingenieur und einem Wirtschaftsingenieur hat SA-Dynamics einen Durchbruch erzielt, der die wirtschaftliche Herstellung flexibler Aerogel-Txtilien ermöglicht. Maximilian Mohr, Technischer Leiter (CTO) bei SA-Dynamics, ergänzt: „Unser Ziel ist es, mit Unterstützung unserer Pilotkunden aus der Baubranche und der Textilindustrie unser Material in den Anwendungen zu validieren und auf den Markt zu bringen. Damit wollen wir einen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz und zur Ressourceneffizienz zu leisten.“ Das Aachener Start-up S-Dynamics besteht aus Forschern des Instituts für Textiltechnik (ITA) und des Instituts für Industrieofenbau und Wärmetechnik (IOB) der RWTH Aachen University.
Die Fakultät Design der Hochschule Coburg öffnet an Himmelfahrt drei TageArchitektur-Student Tarek Hansen vor einem Modell, das einen Teil des Mitwitzer Pavillons nachbildet – auch dieser ist Thema beim Campus.Design Open 2024. Natalie Schalk Hochschule Coburg
lang ihre Türen: Der Campus.Design Open 2024 erwartet die Besucherinnen und Besucher mit über 50 Ausstellungen, zehn Workshops und mehr als einem Dutzend Vorträgen zu verbrauchernahen und zukunftsweisenden Themen rund um Bauen und Design.
Noch sind die Türen am Campus Design der Hochschule Coburg für die Öffentlichkeit geschlossen. Dahinter steht bereits alles im Zeichen des jährlichen Groß-Events. Die Studierenden freuen sich schon darauf, von Donnerstag, 9., bis Samstag, 11. Mai, endlich wieder ihre Arbeiten zeigen zu können und den Campus für alle erlebbar zu machen. Heute gibt es vorab schon einen kleinen Blick hinter die Kulissen. „Wir erwarten hohen Besuch aus Japan: Tomoaki Uno!“, erzählt zum Beispiel Architekturstudentin Stefanie Lederer. Sie berichtet voller Begeisterung von der Arbeit des japanischen Architekten, der bekannt ist für Holzbauten nach dem Vorbild traditioneller Handwerkskunst. „Alte japanische Pavillons stehen seit Jahrhunderten. Wenn ein Holzteil kaputt geht, kann es wieder ausgetauscht werden: sehr, sehr nachhaltig.“ Und anregend für heutige Architektur- Entwürfe. Bei einer Exkursion von Prof. Markus Schlempp mit Studierenden nach Japan entstand vergangenes Jahr ein freundschaftlicher Kontakt zu Uno. Er folgte der Einladung nach Coburg: „Das ist wirklich sehr besonders, weil er zwar online zahlreiche Vorträge hält“, sagt Lederer, „aber bisher hat er nur einmal in Präsenz in Europa gesprochen, in Oslo.“ Das zweite Mal ist jetzt beim Campus.Design Open.
Nachhaltige Holzbauten in Franken und der Welt
Den Werkbericht von Uno gibt’s am Freitag, 10. Mai, um 16 Uhr. Bereits um 15.15 Uhr wird Dr. Christoph Henrichsen, Kunstgeschichtler und Japanologe in das Thema „Holzkultur Japan“ einführen. Passend dazu werden Holzverbindungen gezeigt, die Studierende angefertigt haben – einige nach japanischer Art, andere dem klassischen deutschen Zimmererhandwerk entsprechend, wie Tarek Hansen erklärt. Er ist ebenfalls Architektur- Student und gehört zu einem Team, das in Mitwitz (Kreis Kronach) einen besonderen Pavillon geplant und umgesetzt hat. Nachdem ein altes Haus mitten im Ortskern abgerissen werden musste, entstand die Idee, hier eine neue Mitte zu schaffen. „Am Ende wurde aus Käferholz ein großer überdachter Treffpunkt mit viel regionalem Bezug umgesetzt.“ Beim Campus.Design Open werden aber nicht nur solche spannenden regionalen Projekte vorgestellt, sondern auch bedeutende internationale wie das „Women Empowerment Center“, das Prof. Dr. Rainer Hirth mit Studierenden in Sri Lanka umgesetzt hat. Außerdem gibt es eine Ausstellung zu vorbildlichen Stallbauten, die landschaftsgerechte Architektur, artgerechte Tierhaltung und zimmermannsmäßige Bauweise ineinander verschmelzen lassen.
Für Neulinge und Wiederkehrer
Insgesamt werden an den drei Tagen über 50 Ausstellungen zu sehen sein. Der Campus Design vereint die Studiengänge Architektur, Innenarchitektur, Bauingenieurwesen und Integriertes Produktdesign und aus allen Studiengängen werden auch Bachelor- und Masterarbeiten gezeigt. „Wir öffnen unsere Hochschule, präsentieren die sehenswerten Arbeiten unserer Studierenden und zeigen Beispiele, wie das Thema Nachhaltigkeit im Alltag umgesetzt werden kann“, sagt Prof. Dr. Egbert Keßler, der die Veranstaltung als Nachfolger von Prof. Dr. Holger Falter zum ersten Mal als Dekan der Fakultät vorstellt. „Es gibt immer ein erstes Mal“, erklärt er – und das gilt nicht nur als Dekan. „Diejenigen, die den Campus Design kennen, kommen sicher auch dieses Jahr gerne wieder und allen anderen empfehle ich, ihr persönliches ,erstes Mal‘ am Campus Design. Sie werden ihr Kommen nicht bereuen!“
Schwebende Tropfen und Ultraschallspionage im ISAT
Bei Workshops zu Themen wie Siebdruck, Portraitmalen und Foto-Entwicklung können die Besucherinnen und Besucher auch selbst aktiv werden. Nachmittags und abends spielen Bands im Außenbereich. Dort werden auch Getränke, kaltes und warmes, veganes und fränkisches Essen angeboten. Campus.Design Open ist ein Fest, macht Spaß, vermittelt aber auch viel praxisnahes Wissen. In einer Ausstellung geht Prof. Dr. Alexandra Troi der Frage auf den Grund: „Was läuft ab in der Wand. Wärme und Feuchte im Visier“. Dazu passt auch das Programm des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg. Im Rahmen des Campus.Design Open öffnet das ISAT am Donnerstag 9. Mai, von 13.30 Uhr bis 17 Uhr seine Türen und Labore unter dem Motto „Von schwebenden Tropfen, Ultraschallspionage, Feuchtemessung im Mauerwerk und Sensorik für Hüftprothesen: Forschung hautnah und interaktiv erleben“. Mehr dazu unter: www.isat-coburg.de. Laborführungen gibt’s aber auch bei den Bauingenieurinnen und Bauingenieuren. Freitagvormittag ist ihnen mit dem „Tag der Bauingenieure“ gewidmet: Der Coburger Professor für Energieeffizientes Gebäudedesign Prof. Dr. Michael Schaub spricht ab 10 Uhr über das Thema „Status quo – Energiewende und Wärmpumpe“, gefolgt um 10.45 Uhr von Roland Koenigsdorff von der Hochschule Biberach zu „Geothermie“, um 11.20 Uhr von Prof. Dr. Bernd Hüttl und Prof. Dr. Michael Rossner aus der Fakultät Elektrotechnik und Informatik der Hochschule Coburg zu „Photovoltaik und Stromspeicher“ und um kurz vor 12 Uhr von Stefan Grafe (Baurconsult) zu „Planungspraxis“.
Viel Praxis und gute Partnerschaften
Wie grundlegend der Bezug zur Praxis im Studium an der Hochschule für angewandte Wissenschaften ist, zeigen auch die vielen Kooperationen: Unter Leitung von Prof. Mark Phillips, Prof. Philipp Stingl und Gastdozentin Maria Pfeiffer haben Studierende der Studiengänge Innenarchitektur und Integriertes Produktdesign ein Konzept für die Ausstellung „Waffen und so...“ für die Räume der Kunstsammlungen der Veste Coburg entwickelt. Integriertes Produktdesign präsentiert außerdem beispielsweise auch die Zusammenarbeit mit einem Outdoorhersteller. Dabei konzentrierten sich die Studierenden unter Leitung von Prof. Natalie Weinmann auf innovative Ansätze für nachhaltiges Produktdesign, den sinnvollen Einsatz von Materialien, Recycling und Kreislaufwirtschaft. Im Projekt „Ctrl-Goethe“ geht es um den zweiten Teil einer Kooperation des Studiengangs mit der Klassik Stiftung Weimar: Unter Leitung von Prof. Dr. Michael Markert gestalten Studierende Interaktionen zur Kontrolle des virtuellen Arbeitszimmers von Johann Wolfgang von Goethe. Darum, wie KI das Berufsfeld von Designerinnen und Designern in Zukunft verändern wird, dreht sich am Freitag um 11 Uhr der Vortrag „Fast Digital Prototyping - Mockups With AI“ im Hofbrauhaus. Mehr Informationen finden sich auf www.campus.design. Es lohnt sich, immer mal wieder auf der Seite vorbeizuschauen, denn auch hier wird noch fleißig gewerkelt. So wie hinter allen Türen des Campus Design. Fürs Erste gibt es einen kleinen Einblick in das große Programm.
Professorin Anna Kühne besetzt die neu geschaffene Professur „Öffentliche Gesundheit“ am Universitätsklinikum Dresden und der Medizinischen Fakultät der TU Dresden. UKD/Michael Kretzschmar
Im April hat Sachsens erste Professur für Öffentliche Gesundheit ihre Arbeit aufgenommen. Professorin Anna Kühne besetzt die neue Stelle am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden und der Medizinischen Fakultät der TU Dresden. Die Professur wird anteilig vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Landeshauptstadt Dresden getragen. Das Konzept sieht eine enge Zusammenarbeit, den Austausch zwischen Forschung, Lehre und Weiterbildung sowie die tägliche Arbeit im Gesundheitsamt vor.
Die Professur sowie wissenschaftlichen Mitarbeitenden sind sowohl an der Hochschulmedizin als auch am Amt für Gesundheit und Prävention angesiedelt, um die Brückenfunktion mit Leben zu füllen – diese Form der Zusammenarbeit ist deutschlandweit einzigartig. Die enge Kooperation des Amtes für Gesundheit und Prävention mit dem Lehrstuhl soll den Öffentlichen Gesundheitsdienst nachhaltig stärken und langfristig dafür sorgen, dass Studierende schon während des Studiums diesen kennenlernen können.
„Deutschlandweit gibt es vier Professuren Öffentliche Gesundheit, zwei davon in Sachsen, die als Brückenprofessuren in enger Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt konzipiert sind. Die Hochschulmedizin Dresden geht nun voran und hat die erste dieser Professuren in Sachsen besetzt. Wir sind stolz darauf, damit erneut als Vorreiter zu agieren und überzeugt, dass die Partnerschaft zum Amt für Gesundheit und Prävention Dresden schnell konkrete Erkenntnisse für den Öffentlichen Gesundheitsdienst hervorbringen wird“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand am Uniklinikum. „Der neue Lehrstuhl am Zentrum für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV) soll eine Brücke schlagen zwischen Wissenschaft und Praxis im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD), sowohl in der Lehre als auch in der Forschung. Wir freuen uns sehr, dass wir damit einen weiteren wichtigen Aspekt in der Ausbildung junger Medizinerinnen und Mediziner anbieten können. Das bereichert unser Portfolio enorm“, sagt Professorin Esther Troost, Dekanin der Medizinischen Fakultät an der TU Dresden. Dr. Frank Bauer, Leiter des Amtes für Gesundheit und Prävention, teilt diese Ansicht: „Die Arbeit des Öffentlichen Gesundheitsdienstes hat in den letzten Jahren deutlich an Präsenz gewonnen. Ihn in Forschung, Lehre und Weiterbildung stark zu vertreten, ist aus unserer Sicht ein ebenso richtiger wie wichtiger Schritt. Die gemeinsame Ausgestaltung einer Brückenprofessur kann viele Vorteile bringen: Ausbau des wissenschaftlichen Fundaments unserer Arbeit in den Gesundheitsämtern, Nachwuchsgewinnung und fachliche Stärkung von Beschäftigen im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Wir freuen uns, nun als Lehr- und Forschungsgesundheitsamt der Hochschulmedizin Dresden zu firmieren.“
Professorin Anna Kühne besetzt die neu geschaffene Professur „Öffentliche Gesundheit“ am Universitätsklinikum Dresden und der Medizinischen Fakultät der TU Dresden. Die Humanmedizinerin hat in London Public Health und in Berlin Angewandte Epidemiologie studiert und kommt mit einer breiten ärztlichen Expertise in Epidemiologie und Public Health nach Dresden. Sie verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Lehre und Weiterbildung sowie der Entwicklung und Durchführung von Studien im Bereich der öffentlichen Gesundheit, sowohl in den Krisengebieten dieser Welt als auch im deutschen Öffentlichen Gesundheitsdienst auf kommunaler und nationaler Ebene. Ihre Expertise umfasst sowohl infektionsepidemiologische Forschung einschließlich Modellierungen und Krisenmanagement als auch partizipative Forschungsansätze im Bereich der Prävention im kommunalen Setting mit besonderer Berücksichtigung von vulnerablen Gruppen, sowie Begleitforschung und Entwicklung von Projekten, die kurative Medizin mit Gesundheitsförderungsangebote und Verhältnisprävention verschränken.
„Der Lehr- und Forschungsbereich Öffentliche Gesundheit soll zu einem Zentrum für Wissensaustausch, Innovation und Zusammenarbeit werden, das mit dem ÖGD neue Konzepte hervorbringt und implementiert und so die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig verbessert“, sagt Prof. Anna Kühne. Partnerschaftliche Forschungsprojekte im Bereich der Verhältnisprävention, Infektionsschutz, der Umweltmedizin und Hygiene, aber auch der Kinder- und Jugendgesundheit sowie Gesundheitsförderung und Prävention sind vorgesehen. So werden evidenzbasierte Interventionen umsetz- und evaluierbar. Zudem ist ein Kern- oder Wahlfach Öffentliche Gesundheit als fester Teil des Medizinstudiums geplant.
Das ZEGV ist mit seinen Forschungsprojekten eine perfekte Heimat für die neue Professur. So arbeiten die Mitarbeitenden zum Beispiel aktuell am „Dresdner Gesundheitsindex – Ein detailliertes Monitoring des Gesundheitsstatus, Gesundheitsverhaltens und des Zugangs zur Gesundheitsversorgung (RESILIENT)“ und am Projekt „PRE-paredness and PAndemic Response in Deutschland (PREPARED)“. Weiterhin liegen im ZEGV Erfahrungen in der Verschränkung von Daten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und der Gesetzlichen Krankenkassen vor. In den Lehrveranstaltungen der Humanmedizin (QB3), zu Public Health und der Hebammenkunde sind Inhalte der neuen Professur bereits Thema und werden jetzt weiter ausgebaut.
„Die Professur erweitert das Forschungsspektrum des ZEGV um infektionsepidemiologische, gesundheitsplanerische und verhältnispräventive Ansätze, verstärkt die Zusammenarbeit mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst, initiiert sächsische und bundesweite Netzwerke und Verbundprojekte und investiert in die Ausbildung von Studierenden und Mitarbeitenden, um den Öffentlichen Gesundheitsdienst in Sachsen und bundesweit nachhaltig zu stärken“, sagt ZEGV-Direktor Prof. Jochen Schmitt. Forschungsschwerpunkte liegen in der Infektionsepidemiologie, der Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsplanung und Interventionsgestaltung sowie den Health in All Policies (HiAP) Ansätzen als Schwerpunkt der Gesamtstrategie des Amtes für Gesundheit und Prävention Dresden als Mitglied im europäischen „Gesunde- Städte-Netzwerk“ der WHO.
Hintergrund Professuren für den Öffentlichen Gesundheitsdienst Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Coronavirus-Pandemie wurde dem ÖGD seit 2020 eine immer größere gesellschaftliche Bedeutung beigemessen. Hier arbeiten Expertinnen und Experten in den Gesundheitsämtern, den Landesstellen und aus dem Robert-Koch-Institut zusammen. Die Aufgabenbereiche sind vielfältig: Prävention und Gesundheitsförderung, kinder- und jugendärztlicher Dienst, amtsärztlicher Dienst, Beratung zu sexuell übertragbaren Krankheiten und zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten sowie die medizinische Versorgung von vulnerablen Gruppen. Die nun etablierten Lehrstühle sollen die Belange des ÖGD während der ärztlichen Ausbildung sowie in der Forschung stärken. Insgesamt gibt es vier dieser neuen Professuren in Deutschland: in Köln, Frankfurt a.M., Dresden und Leipzig. In Leipzig und Frankfurt sind die Professuren bisher unbesetzt – die Findungsphase läuft.
Analyse von Blut-Hirn-Schranken-Modellen basierend auf pluripotenten Stammzellen nach einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Erreger. Martin Kunze Fraunhofer ITMP
Fraunhofer SCAI leitet das Konsortium des von der Europäischen Kommission geförderten Projekts COMMUTE. Vier Jahre lang arbeiten führende Fachleute aus verschiedenen Disziplinen daran, naheliegende Zusammenhänge zwischen COVID-19 und neurodegenerativen Erkrankungen zu erforschen. Ein zu entwickelndes KI-gestütztes Empfehlungssystem soll Erkrankten eine individuelle Risikoabschätzung ermöglichen.
SANKT AUGUSTIN. Erhöht eine Infektion mit SARS-CoV-2 das Risiko, um an Demenz zu erkranken? Dieser Frage widmen sich führende europäische Fachleute in den Disziplinen Medizin, Zellbiologie, Datenwissenschaft und Künstliche Intelligenz sowie Ethik, Recht und Patientenbeteiligung im EU- Projekt COMMUTE. Die Abkürzung steht für »COMmorbidity Mechanisms UTilized in HealthcarE« und gibt die Richtung der Forschungsarbeiten vor. Es geht darum, Mechanismen zu ergründen, die ursächlich für neurodegenerative Erkrankungen wie der Alzheimer- und Parkinson-Krankheit als Folge von Corona-Infektionen sind.
»Zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass eine SARS-CoV-2-Erkrankung bei einigen Patienten eine Neuroinflammation auslöst. Parkinson-ähnliche Symptome als direkte Auswirkung der Infektion wurden bereits früh in der Pandemie gemeldet. Diese Beobachtungen veranlassen uns, den Zusammenhang zwischen COVID-19 und Neurodegeneration systematisch zu untersuchen«, sagt Prof. Dr. Martin Hofmann Apitius. Der Leiter des Geschäftsfelds Bioinformatik am Fraunhofer-Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen SCAI ist Koordinator des europäischen Projektkonsortiums.
Seit dem Abklingen der COVID-Pandemie wächst die Zahl der Evidenzen, die für einen kausalen Zusammenhang zwischen Virusinfektion in der Pandemie und der Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen sprechen. Die Aufklärung von Mechanismen der möglichen Komorbidität von COVID und Alzheimer bzw. Parkinson, so Hofmann-Apitius, sei daher von entscheidender Bedeutung, um gefährdete Gruppen zu identifizieren und neue Präventionsansätze zu entwickeln.
Um die Zusammenhänge von Corona-Infektion und neurodegenerativen Erkrankungen zu untersuchen, verfolgen die Forscherinnen und Forscher zwei sich ergänzende Ansätze:
1. einen hypothesenfreien, datengesteuerten Ansatz. Hierbei werden vorhandene Patientendaten mit Methoden der Künstlichen Intelligenz untersucht, um herauszufinden, ob Ansteckungen mit SARS-CoV-2 zu einem erhöhten Risiko zur Ausbildung neurodegenerativer Erkrankungen, insbesondere von Alzheimer und Parkinson, in der Bevölkerung führen.
2. einen hypothesengesteuerten, wissensbasierten Ansatz. Im Projekt wird dazu das umfangreiche, publizierte Wissen aus der wissenschaftlichen Literatur extrahiert und in eine für Algorithmen nutzbare Form (als so- genannter „Knowledge Graph“) abgespeichert. Mit Hilfe moderner Verfahren der Künstlichen Intelligenz (KI) lassen sich dann eine große Zahl von Krankheits-Hypothesen systematisch durchtesten. Dies geschieht unter anderem auch in zellulären Textsystemen, die aus Stammzellen Gehirnorganoide ableiten, die wiederum für das Testen von Hypothesen genutzt werden können.
Beide Ansätze sollen zu einem intensiven Austausch zwischen computergestützten und experimentellen Methoden der Biologie anregen. Ein Aspekt dabei ist auch, ob man Medikamente, die bei der Therapie anderer Erkrankungen zum Einsatz kommen, zur Behandlung von durch SARS- CoV-2-Infektionen ausgelöste neurodegenerative Erkrankungen einsetzen kann. Dazu möchte man mit den Fachleuten aus dem EU-Projekt REMEDI4ALL zusammenarbeiten, die die Umnutzung von Arzneimitteln untersuchen.
Die im Verlauf des Projekts gewonnenen Erkenntnisse dienen schließlich als Grundlage dafür, personalisierte Gesundheitsanwendungen zu entwickeln. Ein Beispiel dafür ist ein Empfehlungssystem für Patienten. Es soll mit Methoden der Künstlichen Intelligenz eine individuelle Abschätzung des Risikos ermöglichen, beispielsweise an Alzheimer oder Parkinson zu erkranken.
Da die Prognose eines erhöhten Krankheitsrisikos für Patienten weitreichende Konsequenzen haben kann, adressiert das Projekt auch ethische und rechtliche Fragen. Zur Bearbeitung dieses Aspekts werden daher Vertreter von Patientenorganisationen mit in das Forschungsvorhaben einbezogen.
Die Europäische Kommission fördert das Projekt COMMUTE mit 7,3 Millionen Euro von Dezember 2023 bis November 2027. Am 14. und 15. Dezember veranstaltete Fraunhofer-Institut SCAI das erste Treffen des Projektkonsortiums im Bonn-Aachen International Center for Information Technology (b-it) in Bonn.
Projektkoordinator: Prof. Dr. Martin Hofmann-Apitius, Fraunhofer SCAI