Zum Hauptinhalt springen

Vierte globale Korallenbleiche: ZMT-Forscherin beobachtet Zustand der Riffe im östlichen tropischen Pazifik

Vollständig gebleichtes Riff vor Isla Iguana in Panama  Juan Maté
Vollständig gebleichtes Riff vor Isla Iguana in Panama Juan Maté

Laut Forschenden der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric
Administration (NOAA) und der International Coral Reef Initiative (ICRI)
erleben die Riffe weltweit derzeit eine weitere globale Korallenbleiche.
Während solche Ereignisse früher eher selten waren, ist dies nun das
zweite Ereignis dieser Größenordnung in den vergangenen zehn Jahren und
das vierte seit 1982. Dr. Sonia Bejarano vom Leibniz-Zentrum für Marine
Tropenforschung (ZMT) ist Teil des Global Coral Reef Monitoring Netzwerks,
das über die Entwicklung dieser globalen ökologischen Krise berichtet.

Korallen sind Meerestiere, die Kolonien bilden und am Meeresboden leben.
Sie bestehen aus kleinen Polypen und Mineralskeletten, die sie selbst aus
Kalziumkarbonat produzieren. Ihre bunten Farben und einen Großteil der
Energie, die sie zum Leben brauchen, verdanken Korallen Tausenden von
mikroskopisch kleinen Algen, die im Inneren ihrer Polypen leben. Ist das
Meerwasser für längere Zeit wärmer als normalerweise, versuchen die
Korallen den Hitzestress zu überleben, indem sie ihre Algen abstoßen. Auch
wenn die Korallen diesen Verlust eine Zeit lang überleben können, sind sie
dadurch doch anfälliger für den Hungertod. Wenn Korallen ihre Algen
abstoßen, verlieren sie auch ihre Farbe, und ihre weißen Korallenskelette
schimmern durch die Polypen hindurch. Gebleichte Riffe sind in großer
Gefahr abzusterben und schließlich zu erodieren.

Die derzeit zu beobachtende Bleiche ist eine Folge der anhaltenden,
ungewöhnlich hohen Meerestemperaturen, die durch das Wetterphänomen „El-
Niño“ noch verstärkt werden. Wie von der NOAA Coral Reef Watch (NOAA CRW)
festgestellt, ist die Bleiche im Atlantik, Pazifik und Indischen Ozean
weit verbreitet. „Von Februar 2023 bis April 2024 wurde sowohl in der
nördlichen als auch in der südlichen Hemisphäre der großen Ozeanbecken
eine signifikante Korallenbleiche dokumentiert“, sagt Dr. Derek Manzello,
Koordinator des NOAA CRW.

Die Bleiche begann Anfang 2023 in allen Riffen weltweit und wurde seitdem
in mindestens 53 Ländern und Gebieten bestätigt, darunter in den USA
(Florida), in der Karibik, im östlichen tropischen Pazifik (Mexiko, El
Salvador, Costa Rica, Panama und Kolumbien) und dem australischen Great
Barrier Reef. Des weiteren betroffen sind große Teile des Südpazifiks
(inkl. der Inselstaaten Fidschi, Vanuatu, Tuvalu, Kiribati und Samoa), das
Rote Meer, der Persische Golf und der Golf von Aden. Die jüngsten
Meldungen bestätigen auch eine weit verbreitete Korallenbleiche in Teilen
des Indischen Ozeans (Tansania, Mauritius, die Seychellen, Tromelin,
Mayotte) und vor der Westküste Indonesiens.

„Die Riffe im östlichen tropischen Pazifik sind von diesem Hitzestress
nicht verschont geblieben“, berichtet Sonia Bejarano, Korallenriffökologin
am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen. „Seit April 2023
haben wir eine lokale Bleiche in den mittelamerikanischen Riffen
festgestellt. Vom Norden Mexikos bis zu den Chilenischen Inseln haben wir
die Riffe genau beobachtet. Es war ein intensives Jahr, in dem wir das
Ausbleichen ganzer Riffgebiete feststellen mussten. Aber es gab auch
einige Hoffnungsschimmer, da wir sehen konnten, dass andere Riffe nicht so
stark betroffen sind oder sich auf dem Weg der Besserung befinden“, fügt
die Forscherin hinzu.

Der östliche tropische Pazifik erstreckt sich vom Golf von Kalifornien im
Norden bis nach Ecuador, den Galapagos-Inseln und den chilenischen Inseln
Pascua und Sala y Gomez im Süden und grenzt an die Westküste von Süd- und
Mittelamerika. Nach dem Indopazifik und der Karibik ist dieses die
drittgrößte Region mit Korallenriffen. Als Teil des Global Coral Reef
Monitoring Network der International Coral Reef Initiative (ICRI)
beobachtet hier ein Netzwerk von 32 lateinamerikanischen Forschenden das
Fortschreiten der Korallenbleiche in der gesamten Region.

Seit Mitte 2023 haben die Wissenschaftler:innen insgesamt 72 Standorte im
östlichen tropischen Pazifik untersucht. 38 dieser Standorte weisen
Anzeichen einer schweren Bleiche auf, während in 20 von ihnen einige
Korallengebiete abgestorben sind. „Es ist noch ungewiss, wie sich die
Riffe bis 2024 entwickeln werden. Unser Team wird die Riffe weiterhin
genau untersuchen, um zu verstehen, wo unsere Hotspots der Anfälligkeit
für Bleiche und der Widerstandsfähigkeit liegen, und um diese
Informationen zu nutzen, um die bestmöglichen Strategien für den Schutz
und die Wiederherstellung der Riffe zu entwickeln“, so Bejarano.

Besonders wenn sie weltweit auftritt, hat die Korallenbleiche starke
Auswirkungen auf die Wirtschaft, die Lebensgrundlage der Menschen und die
Ernährungssicherheit der Länder. Ein ausgebleichtes Riff ist aber kein
totes Riff, sondern ein Riff, das ums Überleben kämpft. Wenn sich die
Meerestemperaturen wieder normalisieren, können sich die Korallen erholen,
und die Riffe weiterhin wertvolle Nahrungs- und Einkommensquellen für die
Menschen vor Ort sein, die von ihnen abhängig sind. Diese globale Bleiche
erfordert globales Handeln. Die International Coral Reef Initiative
(ICRI), ein Zusammenschluss von 101 Mitgliedern, setzt sich unermüdlich
für die Umsetzung von Managementplänen für Riffe ein, um deren
Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Im östlichen tropischen Pazifik beherbergen die Riffe einen großen Teil
der biologischen Vielfalt unserer Meere. Viele Menschen sind für ihre
Ernährung oder ihren Lebensunterhalt durch Fischfang oder Tourismus auf
die Riffe angewiesen. Obwohl viele der Riffe in Meeresschutzgebieten wie
Nationalparks, Reservaten oder Naturschutzgebieten liegen, sind in vielen
dieser Schutzzonen weiterhin Fischfang und andere menschliche Aktivitäten
erlaubt, was zu zusätzlichem Stress für die Riffe führt. Aus diesem Grund
wurden bereits verschiedene Maßnahmen zur Wiederherstellung von
Korallenriffen ergriffen. „Es muss weiterhin in die Grundlagenforschung
investiert werden, um all diese Bemühungen so zu steuern, dass sie
strategisch und koordiniert erfolgen, so kosteneffizient wie möglich sind
und nicht zu ökologischen Katastrophen führen“, sagt Riffökologin
Bejarano.

Globale Bleichereignisse treten in allen tropischen Meeren der Welt auf,
schädigen jedoch nicht alle Riffe gleichermaßen. Deshalb ist es wichtig,
die Schutzbemühungen auf lokaler, nationaler und regionaler Ebene zu
intensivieren und die Korallenriffe ständig und nicht nur während der
Bleiche zu überwachen. „Monitoring- Systeme für Korallenriffe, wie sie von
verschiedenen Universitäten, Regierungsbehörden und
Nichtregierungsorganisationen unterhalten werden, sind dabei essentiell“,
erklärt Sonia Bejarano.

Weitere Informationen

Am Dienstag, 14. Mai veranstaltet die International Coral Reef Initiative
(ICRI) ein Webinar (auf Englisch) zur 4. globalen Korallenbleiche und
informiert über die Ursachen und Folgen und welche Lösungen in unserer
Reichweite liegen.

Anmeldung unter: https://icriforum.org/events/fourth-global-bleaching-
event/


Pressemitteilung NOAA und ICRI: https://icriforum.org/4gbe/

Online-Platform Coral Bleaching Hub: https://icriforum.org/bleaching-hub/

  • Aufrufe: 25

Biobasierte Isolationstextilien statt synthetischer Dämmstoffe wollen die Bauwelt revolutionieren

Am Beispiel eines Kissens werden die Isolierungen verschiedener Aerogelfasern verdeutlicht  ITA Institut für Textiltechnik of RWTH Aachen University
Am Beispiel eines Kissens werden die Isolierungen verschiedener Aerogelfasern verdeutlicht ITA Institut für Textiltechnik of RWTH Aachen University

Mit biobasierten, biologisch abbaubaren und recyclebaren
Isolationstextilien nachhaltig Wärme dämmen und den Energieverbrauch und
CO2-Fußabdruck reduzieren – eine Lösung für diesen Traum vieler Bauherren
hat das Aachener Start-up SA-Dynamics mit Industriepart-nern entwickelt.
Für diese Entwicklung gewinnt SA-Dynamics den zweiten Innovation Award in
der Kategorie „New Technologies on Sustainability & Recycling“ der
textilen Leitmessen Techtextil
https://techtextil.messefrankfurt.com/frankfurt/de.html und Texprocess
https://texprocess.messefrankfurt.com/frankfurt/en.html.

Die biobasierten und recyclebaren Isolationstextilen bestehen zu 100
Prozent aus biobasierten Aerogel-Fasern, also zu bis zu 90 Prozent aus
Luft, eingeschlossen im Nano-Porensystem der Aerogel-Fasern. Der
biobasierte Rohstoff wird nachhaltig gewonnen und ist zertifiziert. Die
Isolationstextilien aus biobasierten Aerogel-Fasern sollen genauso gut und
besser dämmen als synthetische Dämmstoffe fossilen Ur-sprungs wie PET, PP
oder PE und als Mineral- und Steinwolle.
„Wenn wir biobasierte Aerogele einsetzen, verzichten wir auf fossile
Materialien und tun so etwas für Umwelt und Klima“, erläutert Maximilian
Mohr, Technischer Leiter (CTO) bei SA-Dynamics. „Damit treffen wir die
regulatorischen Maßnahmen von EU und den Regierungen vieler Staaten für
mehr Klima- und Umweltschutz. Durch den Einsatz von biobasierten
recyclebaren Aerogelen können wir die Bauwelt re-volutionieren. Kommen Sie
zur Techtextil an unseren Stand https://www.ita.rwth-aachen.de/cms/ITA
/Das-Institut/Aktuelle-Veranstaltungen/ITA-auf-der-Techtextil/~bgdboj
/Aerogel-Fasern-und-Textilien/
am Elmatex-Gemeinschaftsstand in Halle 12.0
D63 und überzeugen sich selbst.“

Die Preisverleihung des Techtextil und Texprocess Innovation Awards findet
am 23. April 2024 um 12.30 Uhr in Halle 9.0 in Frankfurt/Main statt.

Das Aachener Start-up S- Dynamics besteht aus Forschern des Instituts für
Textiltechnik (ITA) und des Instituts für Industrieofenbau und
Wärmetechnik (IOB) der RWTH Aachen University.
Die biobasierten Aerogelfasern entstammen dem Forschungsprojekt LIGHT
LINING https://biotexfuture.info/de/projects/lightlining/ des
Innovationsraums BIOTEXFUTURE https://biotexfuture.info/de/. Die Forschung
bei LIGHT LINING betraf Sport- und Outdoortextilien. Die
Forschungsergebnisse sind auf den Baubereich übertragbar.

  • Aufrufe: 44

Künstliche Intelligenz: Die Gesellschaft muss sich entscheiden

Die Informatikerin Professor Alke Martens beschäftigt sich an der Universität Rostock mit ethischen Fragen bei der KI-Anwendung im Alltag.  Joachim Mangler  Universität Rostock
Die Informatikerin Professor Alke Martens beschäftigt sich an der Universität Rostock mit ethischen Fragen bei der KI-Anwendung im Alltag. Joachim Mangler Universität Rostock

„Zentrum für Künstliche Intelligenz in MV“ an der Universität Rostock
forscht im internationalen Verbund.
Experten und Sozialwissenschaftler sind sich einig: Die Künstliche
Intelligenz (KI) wird das Leben der Gesellschaften verändern. Die Frage
ist, in welchem Maße das geschehen wird und wer darüber zu entscheiden
hat. Mit dieser Problematik beschäftigt sich das „Zentrum für Künstliche
Intelligenz in MV“. Die Informatikerin Professor Alke Martens, die sich
mit ethischen Fragen bei der KI-Anwendung im Alltag auseinandersetzt,
begleitet mit ihrer Forschung den Wandel der Gesellschaft.

Zunächst sei es wichtig, zwischen der sogenannten schwachen und starken KI
zu unterscheiden. „Bei der schwachen KI geht es um Anwendungen, die
beispielsweise in die Industrie transferiert werden können“, sagt Martens.
Dort arbeiten Computer mit großen Datenmengen und erledigen Dinge, zu
denen Menschen zwar befähigt sind, für die Erledigung aber im Gegensatz zu
den Maschinen riesige Zeiträume benötigten. Diese Methoden seien heute
schon vielfach etabliert, wenn es beispielsweise um die Beurteilung von
Herzfunktionen oder die Entdeckung eines Tumors geht. „Der Vorteil ist,
dass die KI auch so kleine Abweichungen von der Norm erkennen kann, die
einem Menschen möglicherweise verborgen bleiben“, sagt Martens. Die
Anwendungen solcher Methoden seien künftig auch für kleinere Unternehmen
essentiell, wenn sie im Wettbewerb mit den so genannten Big Playern
mithalten wollen. „Hier kann das Zentrum für Künstliche Intelligenz der
Universität Rostock beratend zur Seite stehen.“

Im Umgang mit der starken KI haben sich Forscher dagegen die Aufgabe
gestellt, menschenähnliches Verhalten nachzuvollziehen. Das sei im Moment
in seiner ganzen Dimension noch nicht fassbar, erklärt Martens. „Denn die
reale Welt lässt sich nicht in Strukturen fassen, die von einer KI
verarbeitet werden können. Sie besteht aus Ungenauigkeiten oder
Abschätzungen, aus persönlichen Erfahrungen und
Wahrnehmungsabschweifungen. Das alles kann eine KI nicht – noch nicht “.

Die Komplexität lasse sich gut am Beispiel der Pflege von dementen
Menschen darstellen, angesichts des ungeheuren Personalaufwands ein
weltweit großes Forschungsgebiet. Gibt es Möglichkeiten, pflegerische
Handlungen von einer Maschine erledigen zu lassen? So könne ein Roboter
problemlos zu einer bestimmten Uhrzeit Tabletten anbieten, das sei ein
einfacher Erinnerungsvorgang. „Aber überprüfen, ob die Tablette
tatsächlich eingenommen oder die Toilette hinuntergespült wurde, liegt
außerhalb der KI-Kompetenz“, sagt Martens. Genauso könne ein Roboter gut
aufzeichnen, ob sich ein Patient die Zähne geputzt hat. Aber
kontrollieren, ob die Qualität des Putzens ausreichend war, kann er nicht.
Gerade in der Pflege gebe es unendlich viele nicht standardisierbare
Fälle, die die KI nicht auflösen kann.

Ein anderes Beispiel für eine nur scheinbar einfache Anwendung von KI sei
die gesprochene Sprache. „Das machen schon die Unterschiede zwischen Hoch-
und Süddeutsch deutlich“, sagt die Informatikerin. So lasse die kurze
Antwort „gut“ eines eher wortkargen, weniger emotionalen Norddeutschen
völlig andere Schlüsse zu als die gleiche Replik des Süddeutschen. Das
einfache Sprachbeispiel zeige die Komplexität. Bei allen Tätigkeiten des
Alltags, bei denen es um Intuition oder Kreativität geht, sei die
Informatik noch sehr am Anfang.

Die Lösung sei, Computer mit Hilfe von neuronalen Netzen und einer
Vielzahl von Algorithmen immer weiter zu trainieren. „Wie das Ergebnis
entstanden ist, kann ein Mensch nicht mehr nachvollziehen, da hat sich der
Computer selbst feinjustiert.“ Je mehr der Mensch auch kleinste Dinge beim
Programmieren der Trainingsdaten übersieht, umso schlechter sei am Ende
die KI. „Hier greift die Ethik: Denn am Ende muss immer der Mensch
beurteilen, ob die Ergebnisse der KI korrekt sind.“

An diesem Punkt würden die Gefahren deutlich. Vielen Menschen fehle die
ausreichende Distanz zum Computer, wie der Umgang mit den Smartphones oft
beweise. Es sei unglaublich schwierig zu beurteilen, wie sicher die Daten
sind, die eine Software liefert. „Uns fehlt oft die nötige intellektuelle
Distanz.“ Ein Problem sei, dass die KI immer sage, dass ihre Antwort
perfekt sei. „Zweifel gibt es nicht.“ Dabei gebe es genügend
Fragestellungen, die die KI nicht beantworten kann. Gerade in der Politik
werde es heikel, wenn bei den Inhalten nicht mehr zwischen Realität und KI
unterschieden werden kann.
Es müsse also genau darauf geschaut werden, wer die KI trainiert und mit
welchen Inhalten, fordert Martens. „Wem möchten wir die Macht geben?“ Die
Gesellschaften müssten sich entscheiden. Das Zentrum für künstliche
Intelligenz in MV sei breit genug aufgestellt, um sich an den
internationalen Forschungen zu beteiligen.

  • Aufrufe: 63

Patientenorganisationen warnen vor Herz-Reha-Engpass für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler

Aktionsbündnis Angeborene Herzfehler (ABAHF) beklagt als
Patientenvertretung bedenklichen Versorgungsengpass in der kardiologischen
Rehabilitation für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler (EMAH)/
Herzstiftungs-Vorstand: „Fataler Mangel an Reha-Angebot“

Sie ist lebenswichtig für die Betroffenen. Aber verbunden mit Frust und
sehr belastend für die familiäre und berufliche Situation gestaltet sie
sich derzeit: die Versorgung von Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler
(EMAH) in der kardiologischen Rehabilitation. Die Reha für diese Patienten
muss EMAH-fachgerecht sein, weil sie eine auf die Komplexität der über
vierzig verschiedenen angeborenen Herzfehler (AHF) ausgerichtete Expertise
erfordert. Aber nur wenige Nachsorge-Kliniken hierzulande sind auf die
kardiologische Reha für EMAH-Patient:innen ausgerichtet. „Dieser fatale,
gleichwohl vermeidbare Mangel darf nicht dazu führen, dass EMAH jetzt in
ein Versorgungsloch fallen. Schließlich geht es um das Wohl von über
350.000 EMAH in Deutschland, die von Geburt an auf eine lebenslange
spezifische Nachsorge ihres Herzfehlers angewiesen sind. Darunter befinden
sich auch Patient:innen mit schwerwiegenden operationsbedürftigen Rest-
und Folgezuständen ihres Herzens“, warnt Prof. Dr. Stefan Hofer,
Elternvertreter herzkranker Kinder im Vorstand der Deutschen Herzstiftung.
In aller Regel müssten EMAH mehrere Monate bis zu einem Jahr auf eine
stationäre Reha warten, sofern es sich nicht um eine
Anschlussheilbehandlung (AHB) unmittelbar nach einem herzchirurgischen
oder interventionellen Eingriff handelt. Auf das fehlende kardiologische
Reha-Angebot für EMAH in Deutschland macht das Aktionsbündnis Angeborene
Herzfehler (ABAHF), dem die Herzstiftung angehört, zum Tag des herzkranken
Kindes (5. Mai) aufmerksam. Infos zur Rehabilitation für EMAH bietet die
Herzstiftung unter https://herzstiftung.de/emah

„Kaum qualifizierte Anbieter für leitlinienkonforme Rehabilitation von
EMAH“
Jährlich kommen 8.700 Kinder mit einem Herzfehler zur Welt, von denen dank
des herzmedizinischen Fortschritts heute über 95 Prozent das
Erwachsenenalter erreichen und mit über 350.000 EMAH eine stetig wachsende
Patientengruppe bilden. Eine viel zu große Gruppe für die wenigen Reha-
Kliniken mit fachlicher Expertise in der Betreuung von EMAH. „Die
Versorgung von EMAH in der kardiologischen Rehabilitation ist derzeit
katastrophal“, sagt Christina Pack, selbst EMAH-Patientin und 1.
Vorstandsvorsitzende des Bundesvereins Jugendliche und Erwachsene mit
angeborenem Herzfehler JEMAH e.V. Der Bundesverein ist Partner im ABAHF.
„Uns berichten EMAH zunehmend, dass es derzeit – bis auf wenige Ausnahmen
- kaum qualifizierte Anbieter für eine leitlinienkonforme Rehabilitation
von EMAH in Deutschland gibt“, berichtet Pack. Zu beobachten sei, dass
EMAH von einem bewilligten Aufenthalt in einer Rehaklinik für EMAH-
Patient:innen doch noch einer Klinik ohne EMAH-Expertise zugeteilt würden.
„Das ist aus Sicht der Betroffenen dramatisch bis katastrophal, denn es
kann für diese Patient:innen physisch und psychisch einiges schiefgehen“,
so Pack.
Wenige Ausnahmen unter den Reha-Kliniken mit ausgewiesener EMAH-Expertise,
die Patient:innen betreuen, stellen beispielsweise die Nachsorgeklinik
Tannheim im Schwarzwald oder die Klinik Höhenried am Starnberger See dar.
In beiden Kliniken werden EMAH-Patient:innen von EMAH-Kardiolog:innen
betreut, die über die Zusatz-Weiterbildung „Spezielle Kardiologie für
Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern (EMAH)“ in Ergänzung zu einer
Facharztkompetenz verfügen. In Deutschland gibt es nach Angaben der
Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene
Herzfehler (DGPK) ca. 180 EMAH-zertifizierte Kardiolog:innen, den Großteil
davon (mehr als 150) stellen die Kinderkardiolog:innen, alle übrigen sind
Kardiolog:innen. Die überwiegende Mehrheit von ihnen ist in den
überregionalen EMAH-Zentren und den regionalen EMAH-Schwerpunktpraxen und
-kliniken tätig. In Reha-Kliniken fehlt ihre Expertise zurzeit. „Auch
deshalb müssen Patient:innen wegen des hohen Zulaufs auf die wenigen Reha-
Kliniken mit EMAH-Expertise mit mehrmonatigen Wartezeiten rechnen“, räumt
die Reha-Spezialistin Dr. Christa Bongarth, Chefärztin der Abteilung für
Kardiologie der Klinik Höhenried, ein. Ihre Klinik betreut pro Jahr etwa
100 EMAH-Patient:innen.

Hohe Betreuungsintensität und zu wenige EMAH-Ärzt:innen in Rehakliniken
Die Gründe für den enormen Versorgungsengpass sind vielfältig. „Die
Betreuung von EMAH ist viel aufwendiger als bei Patient:innen mit
erworbenen Herzerkrankungen, die sich beispielsweise nach einem
Herzinfarkt oder nach einer Herzschrittmacher-Implantation in eine
Rehaklinik begeben“, erklärt Dr. Bongarth. Wer als EMAH mit einem Ein-
Kammer-Herz geboren wurde, hat mehrere Operationen in Kindheit und Jugend
hinter sich. Und auch erfolgreich korrigiert, erfordert ein „Fontanherz“,
so benannt nach dem Erstoperateur dieser chirurgischen Prozedur, im
Erwachsenenleben des Patienten weitere Reha-Aufenthalte. Auch können bei
den Patienten im Krankheitsverlauf weitere Herzkomplikationen wie
Rhythmusstörungen hinzukommen, die zusätzlich zu versorgen sind. Ähnlich
verhält es sich bei Patient:innen mit einer Transposition der großen
Arterien (TGA). „Bei EMAH ist der Bedarf an Einzeltherapie meistens höher.
Und es erfordert ein Team aus Spezialisten für die kardiologische,
psychosomatische, sporttherapeutische und sozialmedizinische Betreuung.
Das ist personal-, zeit- und kostenintensiv“, so Dr. Bongarth. Bei der
Betreuung von EMAH geht es auch um Themen wie Schwerbehinderung,
Familiengründung, Schwangerschaft oder Berufsplanung bzw. berufliche
Neuorientierung und Wiedereingliederung in das Berufsleben. Je nach Art
und Komplexität des Herzfehlers unterscheidet sich auch die physische
Belastbarkeit von EMAH und damit auch die Art und Intensität der
zumutbaren körperlichen Aktivität. Das erschwere die Integration in eine
Trainingsgruppe mit anderen Herzpatient:innen in einer herkömmlichen Reha-
Klinik. Allesamt Faktoren, die von den Rentenversicherungsträgern und
Krankenkassen nach Aussage von Reha-Spezialistinnen wie Dr. Bongarth nicht
in der Vergütung von Rehaleistungen von EMAH in Kliniken mit EMAH-
Expertise berücksichtigt werden. Bei herztransplantierten oder Kunstherz-
Patient:innen sei das schon der Fall. „Dabei könnte eine bessere
Vergütung, die dem Betreuungsaufwand dieser Patient:innen gerecht würde,
einen Anreiz für weitere Reha-Kliniken schaffen, ihr Betreuungsangebot für
EMAH zu erweitern“, ist Reha-Spezialistin Dr. Bongarth überzeugt.

Was ist zu tun, um die kardiologische Reha für EMAH zu verbessern?
Nicht nur für die Leidtragenden selbst, sondern auch im Sinne des
Gesundheits- und Sozialversicherungswesens ist am Reha-Versorgungsengpass
für die stetig wachsende Patient:innengruppe der EMAH dringend etwas zu
ändern. „Diese Mangelversorgung beeinträchtigt die Wiedereingliederung von
EMAH in den Arbeitsmarkt und die Wiederherstellung ihrer Arbeitsfähigkeit.
Damit fallen zugleich wertvolle Mitglieder der Beitragszahlergemeinschaft
aus. Wer ein Jahr auf seine Reha-Maßnahme warten muss, der fehlt dem
Arbeitsmarkt“, gibt die JEMAH-Vorsitzende Christina Pack zu bedenken.

Einen Ansatz für die Patientengruppe der jüngeren EMAH im Alter bis ca. 25
Jahre sieht DGPK-Präsidentin und EMAH-Spezialistin Prof. Dr. Ulrike
Herberg in solchen Rehabilitationskliniken, die Reha-Behandlungen für
chronisch kranke Kinder und Jugendliche bzw. eine Familienorientierte Reha
(FOR) anbieten. Das sind die Nachsorgekliniken Tannheim (FOR und junge
Reha), Bad Oexen (FOR) und die Ostseeklinik Boltenhagen (Kinder-Reha,
Mutter-Kind-Kuren). „Jüngere EMAH bis zu einem Alter von etwa 25 Jahren
sehen wir in diesen Kliniken mit Themen wie Berufs- und Lebensplanung
sowie Familiengründung gut versorgt“, so Prof. Herberg, Leiterin des
überregionalen EMAH-Zentrums am Universitätsklinikum Aachen. Für ältere
EMAH-Patient:innen ab 35 Jahren sieht die DGPK die Notwendigkeit, das
Spektrum der Reha-Kliniken mit EMAH-Expertise zu erweitern, weil bei
diesen Patient:innen Komorbiditäten beziehungsweise erworbene Herz-
Kreislauf-Erkrankungen dazu kommen wie koronare Herzkrankheit,
Klappenerkrankungen oder Herzinsuffizienz. „Es wäre wünschenswert, wenn
sich zum Beispiel drei bis fünf kardiologische Reha-Kliniken bereit
erklären würden, sich der EMAH-Patient:innen anzunehmen. Es sollte dann
während der Reha-Maßnahme, also des stationären oder ambulanten
Aufenthaltes, eine EMAH-Kardiologin oder ein EMAH-Kardiologe in der Klinik
verfügbar sein und individuell die notwendigen Maßnahmen für den/die EMAH-
Patient:in empfehlen“, so Prof. Herberg. Welche Reha-Kliniken in Nord-,
Süd- und Mitteldeutschland eine EMAH-Erweiterung vollziehen könnten, dazu
müssten sich die Fachgesellschaften DGPK und die Deutsche Gesellschaft für
Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen (DGPR) erst
austauschen. „Ein Netzwerk von Reha-Kliniken einschließlich der auf Kinder
und Jugendliche spezialisierten Einrichtungen wäre zu begrüßen und
hilfreich“, erklärt dazu die DGPK-Präsidentin. Ein unüberwindliches
Problem der Kostenübernahme durch Krankenkassen beziehungsweise
Rentenversicherungsträger sehe sie nicht.

Leitlinienkonforme Nachsorge von EMAH lebenswichtig
Wie wichtig eine leitlinienkonforme Versorgung von Menschen mit AHF ist,
hat unlängst das Projekt OptAHF mit Hilfe von Daten des Statistischen
Bundesamtes und der BARMER aufgezeigt. Nach Angaben des Gemeinsame
Bundesausschusses (G-BA) zeigen die Ergebnisse dieses Projekts u.a., dass
„entgegen geltender Leitlinienempfehlung fast 50 Prozent der erwachsenen
Patientinnen und Patienten mit einem AHF ausschließlich hausärztlich
versorgt wurden“, d.h. nicht in EMAH-Schwerpunktpraxen und EMAH-Ambulanzen
der EMAH-Zentren bzw. EMAH-Kliniken. „Dies betraf auch über 25 Prozent der
Patientinnen und Patienten mit komplexen AHF“. Dabei sind, wie der G-BA
betont, Menschen mit AHF „auf eine lebenslange, spezifische Betreuung
angewiesen“. Der G-BA stellte fest: „Diese Versorgung war mit einem
signifikant früheren und höheren Sterberisiko und dem Risiko von schweren
unerwünschten Ereignissen assoziiert.“ Die DGPK sieht hier die
Krankenkassen als potenzielle Stellen, EMAH unter ihren Mitgliedern über
die regelmäßige Nachsorge ihres Herzfehlers bei einem EMAH-zertifizierten
Kardiologen zu informieren.
(wi)

Literatur
Link zum Projekt OptAHF: https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-
meldungen/1168/


Service
Informationen zur Rehabilitation für EMAH, darunter einen EMAH-Ratgeber,
bietet die Herzstiftung unter https://herzstiftung.de/emah

Für Menschen mit angeborenem Herzfehler ist der Online-Suchdienst „Dein
Herzlotse“ unter https://herzstiftung.de/dein-herzlotse eine Hilfe bei der
Arzt- und Kliniksuche.

Das Aktionsbündnis Angeborene Herzfehler (ABAHF)
Um in der Öffentlichkeit mit einer Stimme für eine bessere Versorgung von
Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern und
deren Familien einzutreten und ihnen noch effektiver zu helfen, haben sich
2014 auf Initiative der Deutschen Herzstiftung e. V. bundesweit tätige
Patientenorganisationen zum „Aktionsbündnis Angeborene Herzfehler“ (ABAHF)
zusammengeschlossen. Die Organisationen sind: Bundesverband Herzkranke
Kinder e.V., Bundesverein Jemah e.V., Herzkind e.V.,
Interessengemeinschaft Das Herzkranke Kind e.V. und die Kinderherzstiftung
der Deutschen Herzstiftung e.V.
Etwa 8.700 Neugeborene mit angeborenem Herzfehler kommen in Deutschland
jährlich zur Welt. Heute erreichen rund 95 % dieser Kinder dank der
Fortschritte der Kinderherzchirurgie und Kinderkardiologie das
Erwachsenenalter. Die Zahl der Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler
(EMAH) wird auf über 350.000 geschätzt. Zur Homepage:
https://www.abahf.de/

  • Aufrufe: 33