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Langjähriges DGIM-Mitglied Felix Hirschfeld mit Stolperstein gewürdigt

In der Bamberger Straße 17 in Berlin-Wilmersdorf erinnert seit heute ein
Stolperstein an den jüdischen Arzt und Medizinprofessor Felix Hirschfeld
(1863-1938), der dort seinen letzten Wohnort hatte. Der Internist war 28
Jahre lang Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V.
(DGIM) und lehrte mehr als drei Jahrzehnte lang an der Berliner Friedrich-
Wilhelms-Universität. Im Rahmen der Aufarbeitung ihrer eigenen NS-
Geschichte hat die DGIM bereits mehrere Stolperstein-Verlegungen
initiiert. Die Fachgesellschaft unterstützte auch die Verlegung der
Stolpersteine für Hirschfeld, seine Ehefrau Grete und seine Schwägerin
Else Wiesenthal.

Die von Dr. PH Benjamin Kuntz, dem Leiter des Museums im Robert Koch-
Institut, initiierte Verlegung führte der Künstler Gunter Demnig durch,
der die Stolperstein-Initiative 1992 ins Leben gerufen hat. Felix
Hirschfeld war als niedergelassener Arzt und Internist in Berlin tätig mit
dem Fokus auf der Behandlung des Diabetes mellitus und anderer
Stoffwechselstörungen sowie der Ernährungsmedizin. Auf diesem Gebiet lagen
auch die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Von 1896 bis
1924 war Felix Hirschfeld Mitglied der DGIM und nahm regelmäßig am
Wiesbadener Kongress teil. „Als niedergelassener Internist widmete sich
Felix Hirschfeld weiterhin der Wissenschaft und veröffentlichte zu Themen
der Ernährungsmedizin, besonders bei Diabetes mellitus“, hob Professor Dr.
med. Ulrich Fölsch, ehemaliger Generalsekretär der DGIM, das Wirken
Hirschfelds hervor.

Felix Hirschfeld war als niedergelassener Arzt und Internist in Berlin
tätig mit dem Fokus auf der Behandlung des Diabetes mellitus und anderer
Stoffwechselstörungen sowie der Ernährungsmedizin. Auf diesem Gebiet lagen
auch die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Von 1896 bis
1924 war Felix Hirschfeld Mitglied der DGIM und nahm regelmäßig am
Wiesbadener Kongress teil. „Als niedergelassener Internist widmete sich
Felix Hirschfeld weiterhin der Wissenschaft und veröffentlichte zu Themen
der Ernährungsmedizin, besonders bei Diabetes mellitus“, hob Professor Dr.
med. Ulrich Fölsch, ehemaliger Generalsekretär der DGIM, das Wirken
Hirschfelds hervor.
Am 14. September 1933 wurde Hirschfeld jedoch wegen seiner jüdischen
Herkunft die Lehrbefugnis entzogen - nach mehr als drei Jahrzehnten
universitärer Lehrtätigkeit und wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag.
Durch die immer zahlreicher werdenden Demütigungen zermürbt, unternahm
Hirschfeld im Juli 1938 einen „Selbstmordversuch durch
Morphiumvergiftung“, wie es in der Sterbeurkunde heißt. Er wurde in die
II. Medizinische Klinik der Charité gebracht, wo er am 16. Juli 1938
starb. Hirschfelds hinterließ seine Ehefrau Grete (Margarete) und seinen
1899 geborenen Sohn Walter, ebenfalls Arzt, der bereits 1934 in die USA
emigriert war. Grete Hirschfeld und ihre Zwillingsschwester Else
Wiesenthal wurden am 3. April 1942 in das Warschauer Ghetto transportiert.
Dort verliert sich ihre Spur. An die Schwestern erinnern ebenfalls zwei
Stolpersteine, die heute gemeinsam mit dem Stein für Felix Hirschfeld
verlegt wurden. An der feierlichen Verlegung nahmen auch ein Enkel sowie
eine Urenkelin Felix Hirschfelds aus den USA teil.
„Die Stolpersteine erzählen auf erschütternde Art und Weise von
Repression, Ausgrenzung, Flucht und Tod. Sie geben den Opfern ihren Namen
zurück und holen sie damit aus der Anonymität“, sagte Fölsch, der im Jahr
2011 die Aufarbeitung der Geschichte der DGIM in der NS-Zeit angestoßen
hatte. Zu viele hätten es damals hingenommen, dass zwischen 1933 und 1940
etwa 250 jüdische Mitglieder der Fachgesellschaft verfolgt, ausgeschlossen
und gedemütigt wurden, so Fölsch. „Im widerspruchslosen Hinnehmen
bösartiger Propaganda liegt auch heute eine Gefahr für unsere Demokratie.
Es ist gut, dass diese Gefahr von immer mehr Menschen erkannt wird. Möge
sich diese Entwicklung fortsetzen.“
„Die DGIM nimmt auf diese Weise und auch in einer kürzlich
veröffentlichten Stellungnahme Position ein gegen Demokratiefeindlichkeit
und Bestrebungen nach autoritären Gesellschaftsformen“, ergänzt Professor
Dr. med. Georg Ertl, Generalssekretär der DGIM, für deren Vorstand. In
mehreren Monographien sowie auf der Webseite Gedenken & Erinnern unter www
.dgim-history.de haben unabhängige Historiker bis heute zahlreiche
wissenschaftliche Ausarbeitungen zur Geschichte der DGIM in der Zeit des
Nationalsozialismus zusammengetragen. „Die Erinnerung an das NS-Unrecht
mahnt uns im Hier und Heute“, sagte Fölsch.

Weiterführende Informationen
Ein Biogramm Hirschfelds findet sich auf der DGIM-Seite "Gedenken &
Erinnern":
https://www.dgim-history.de/biografie/Hirschfeld;Felix;1827
Forschung braucht Freiheit, Medizin braucht Unabhängigkeit! Die DGIM gegen
autoritäre Bestrebungen, Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für
Innere Medizin e.V., Wiesbaden, 21. Februar 2024.:
https://www.dgim.de/fileadmin/user_upload/PDF/Publikationen/Stellungnahmen/20240221_Stellungnahme_DGIM_gegen_autoritaere_Bestrebungen.pdf

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Innovatives Forschungsprojekt zur Optimierung der Gewässerqualität in der Schussen

Die 60 Kilometer lange Schussen durchquert die Landkreise Biberach,
Ravensburg und den Bodenseekreis, bevor sie bei Eriskirch in den Bodensee
mündet. In einem Bestreben, die Gewässerqualität im Verbandsgebiet zu
verbessern und die EU-Wasserrahmenrichtlinie im Einzugsgebiet der Schussen
zu erfüllen, hat der Abwasserverband Unteres Schussental (AUS) ein
gewässerökologisches Gutachten beauftragt. Dieses wurde 2020 abgeschlossen
und zeigt die Notwendigkeit ingenieurtechnischer Maßnahmen auf den letzten
17,5 Kilometern vor der Mündung. Die wissenschaftliche Konzeption dieser
Maßnahmen wird in Zusammenarbeit mit der Hochschule Biberach (HBC) und
anderen Projektpartnern umgesetzt.

Die Schussen durchquert auf ihrem etwa 60 Kilometer langen Weg die drei
Landkreise Biberach, Ravensburg und den Bodenseekreis und mündet bei
Eriskirch in den Bodensee. Auf den letzten 17,5 Kilometern vor ihrer
Mündung ins schwäbische Meer nimmt die Schussen etwa 20 Zuflüsse auf. Im
Bestreben, den Zustand der Gewässer im Verbandsgebiet zu verbessern und
die Ziele der EU-Wasserrahmenrichtlinie im Einzugsgebiet der Schussen im
Bodenseekreis zu erreichen, hat der Abwasserverband Unteres Schussental
(AUS) ein umfassendes gewässerökologisches Gutachten in Auftrag gegeben.
Dieses wurde 2020 abgeschlossen und zeigt, dass ingenieurtechnische
Maßnahmen notwendig sind. Für die wissenschaftliche Konzeption dieser
Maßnahmen erhält der Verband Unterstützung von der Hochschule Biberach
(HBC) und weiteren Projektpartnern.

Unter der Leitung von Professorin Dr.-Ing. Ulrike Zettl und dem Team des
Instituts für Geo und Umwelt (IGU) arbeitet die HBC an einem innovativen
Forschungsprojekt zur Verbesserung der Wasserqualität durch die
Entwicklung eines Retentionsbodenfilters zur weitergehenden
Regenwasserbehandlung, der gezielt Mikroschadstoffe entfernen kann. Die
innovative Komponente des Projekts liegt in der Nutzung von
Aktivkohleverfahren zur Spurenstoffelimination. Durch die gezielte
Anwendung von Aktivkohle soll die Effizienz der Retentionsbodenfilter zur
Rückhaltung von Mikroschadstoffen wie TCPP, Diclofenac, Carbamazepin und
Metoprolol erhöht werden. „Ein erheblicher Anteil schlechter
Wasserqualität ist auf die Siedlungsentwässerung zurückzuführen“, erklärt
Prof. Zettl. Das Problem: „Während bei trockenem Wetter sämtliches
Abwasser zur Kläranlage abgeleitet und dort gereinigt wird, gelangt bei
Regen hingegen ein Teil der Siedlungsabflüsse direkt in die Gewässer“.

Um die Belastung der Gewässer zu reduzieren, werden Speicherbecken
errichtet, dadurch werden Schmutz- und Regenwasser seltener und in
geringerem Umfang in die Gewässer entlastet. Trotzdem reiche das nicht
aus, weshalb Bodenfilter zur weitergehenden Behandlung eingesetzt werden.
Durch die Bodenpassage werden Feststoffe zurückgehalten und es zeigt sich
eine biologische Reinigungswirkung. Jedoch bleiben problematische Stoffe,
insbesondere wasserlösliche und schwer abbaubare Mikroschadstoffe, die
sich nicht an Feststoffe binden, weiterhin im Wasser und gelangen in die
Gewässer. Um diesem Umstand zu begegnen, untersucht das Forschungsteam der
HBC zunächst den im Einzugsgebiet der Schussen eingesetzten
konventionellen Bodenfilter (Baujahr 2004) in der Gemeinde Tettnang um ihn
im nächsten Schritt weiterzuentwickeln. Entscheidend für den
Forschungsprozess ist die Auswahl von Leitsubstanzen. Das Team
identifiziert dabei relevante Substanzen für die beiden Eintragswege aus
Schmutzwasser und Niederschlagsabflüssen und stimmt diese mit bereits
bekannten Spurenstofflisten aus der Literatur, unter anderem der Liste B
des Kompetenzzentrum Spurenstoffe Baden-Württemberg (KomS BW) ab. Die
Untersuchung der Eliminationsleistung des bestehenden Filters bildet einen
weiteren Schwerpunkt der Forschung. Hier analysiert das Team gezielt die
ausgewählten Leitsubstanzen sowie das Adsorptionsverhalten der
unzureichend eliminierten Stoffe an verschiedenen marktgängigen
Aktivkohleprodukten.

„Aus den Betriebsdaten dieses bestehenden Retentionsbodenfilters der
letzten 5 Jahren werden die Anzahl der Einstauereignisse bestimmt, sowie
deren Dauer berechnet und mit der zu erwartenden Wasserbeaufschlagung des
zu konzipierenden Filters verglichen. Des Weiteren werden Spurenstoffe aus
Abwasserproben am Zulauf und Ablauf des bestehen Filters identifiziert und
bilanziert, um das Eliminationsverhalten des Filters zu evaluieren. Die
Stoffe, die nicht von diesem gewöhnlichen Bodenfilter zurückgehalten
werden, sind besonders für dieses Projekt interessant. Sie sollen durch
den Einsatz von Aktivkohle, die im „neuen“ Bodenfilter geplant ist, weiter
reduziert werden, um so den Spurenstoffeintrag in die Gewässer weiter zu
reduzieren.“, beschreiben die Forscherinnen ihre Vorgehensweise. Die
gewonnenen Erkenntnisse zum Eintrags- und Eliminationsverhalten der
Leitsubstanzen sollen in das bestehende Schmutzfrachtmodell des AUS
integriert werden.

Unterstützung erhalten Ulrike Zettl und ihre Mitarbeiterin Birgit Kornmann
bei ihrer Arbeit sowohl von Studierenden der Fakultät Bauingenieurwesen
und Bau-Projektmanagement als auch von Prof. Dr. Chrystelle Mavoungou und
ihrem Mitarbeiter Tim Hamann vom Institut for Applied Biotechnology (IAB).
Denn das Pilotprojekt wird an der HBC interdisziplinär behandelt. Das IAB
stellt hierfür u.a. hochmoderne Messgeräte wie z.B. Py-GC-MS
(Gaschromatograph mit Pyrolyse und einem MS-Detektor,
Fluoreszenzmikroskopen, UV-Sonden und HPLC etc. für die
Spurenstoffanalytik bereit und ist an der Optimierung und ggfs. der
Erweiterung der Screeningverfahren beteiligt. Die AG von Prof. Mavoungou
war von Anfang an in die Gewässeruntersuchungen eingebunden. „Alle
Beteiligten setzen sich nachdrücklich für eine Verbesserung der
Gewässergüte und des Umweltschutzes ein. Wir freuen uns umso mehr auf die
hochschulinterne Zusammenarbeit und den Austausch mit allen anderen
Expert*innen in unserem Projektteam“, freut sich die Projektleiterin über
die Kooperation.

Neben den Expert*innen der Hochschule Biberach sind noch weitere
Partner*innen an der Entwicklung des Bodenfilters beteiligt. Kern ist die
Zusammenarbeit mit Fachleuten, die lokale Kenntnisse zum
Entwässerungssystem des Abwasserverbands (Wasser-Müller Ingenieurbüro GmbH
in Biberach) und dem Gewässer haben (Büro Gewässerplan in Kressbronn a.B.)
sowie große Erfahrung mit der Anwendung von granulierter Aktivkohle in der
Abwasserreinigung mitbringen (Ingenieurbüro Jedele und Partner in Wangen
im Allgäu). Ebenso ist die Einbindung der Wasserwirtschaftsbehörde
(Landratsamt Bodenseekreis) und des Betriebspersonals vor Ort
(Abwasserverband Unteres Schussental) für die Projektbeteiligten von
großer Bedeutung.

Zudem ist das KomS BW am Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte und
Abfallwirtschaft (ISWA) der Universität Stuttgart involviert, um das
Forschungsteam bei der Beprobung und der Spurenstoffanalytik zu
unterstützen, genauso wie das Lehr- und Forschungslabor des Instituts für
Siedlungswasserbau, Wassergüte und Abfallwirtschaft (ISWA, Universität
Stuttgart).

Grundsätzlich soll die innovative Filtertechnologie zur weitergehenden
Regenwasserbehandlung eingesetzt werden, aber auch im Ablauf von kleineren
Kläranlagen in Gebieten, in denen eine gezielte Spurenstoffelimination
erforderlich ist. Die langfristigen Perspektiven dieses Ansatzes umfassen
die mögliche Integration solcher Bodenfilter in die landesweite
Wasserinfrastruktur, um die Wasserqualität zu verbessern und den
Herausforderungen im Zusammenhang mit Mikroverunreinigungen zu begegnen.
„Der Bau eines Retentionsbodenfilters mit einer zusätzlichen gezielten
Spurenstoffelimination gilt als Schlüssel für eine nachhaltige
Verbesserung der gewässerökologischen Situation. Gleichzeitig stellt die
Verwendung eines mit Aktivkohle ausgestatteten Retentionsbodenfilters zur
weitergehenden Regenwasserbehandlung eine technische Neuerung dar, die
bislang nur in Versuchsanlagen zur Anwendung kam“, betont das Projektteam
die Relevanz und Innovation seiner Arbeit.

Das Forschungsprojekt wird vom Regierungspräsidium Tübingen sowie dem
Umweltministerium Baden-Württemberg gefördert.

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Ist Bremsstaub schädlich für die Gesundheit?

Das Projekt ULtrafine particles from TRansportation – Health Assessment of
Sources (ULTRHAS) untersucht die gesundheitlichen Auswirkungen von
Ultrafeinstaub, der durch Verkehr verursacht wird.

Im November und Dezember 2023 ist die zweite von drei Messkampagnen an der
Universität der Bundeswehr München unter der Leitung von Prof. Thomas Adam
(Institut für Chemie und Umwelttechnik) durchgeführt und erfolgreich
abgeschlossen worden. Die Messungen sind in Zusammenarbeit mit dem dtec.bw
-Projekt MORE erfolgt. Das Ziel des Projektes ULTRHAS ist es, den Einfluss
von Ultrafeinstaub aus dem Verkehr auf die menschliche Gesundheit und das
Klima zu untersuchen.

Als Ultrafeinstaub bezeichnet man Partikel in der Luft mit einer Größe
unter 100 Nanometern, das heißt, sie sind etwa 1000-mal kleiner als der
Durchmesser eines menschlichen Haares. Vor allem bei der Entstehung von
Atemwegserkrankungen wie Lungenkrebs, der chronisch obstruktiven
Lungenerkrankung (COPD) und Asthma, aber auch bei Herz-Kreislauf-
Erkrankungen wie Herzinfarkten und Schlaganfällen wird dem Ultrafeinstaub
eine Schlüsselrolle zugeschrieben.

ULTRHAS untersucht die biologische Wirkung sowie die chemisch-
physikalischen Eigenschaften von Partikeln, welche durch verschiedene
Bereiche des Verkehrssektors hervorgerufen werden. Dazu gehören Abgase von
Diesel-, Benzin- und Gasmotoren aus dem Straßenverkehr, Schiffsmotoren,
Flugantriebe, aber auch Abrieb von Bremsen und Schienenoberleitungen. Im
Anschluss werden die Ergebnisse verwendet, um eine Risikoanalyse zu
erstellen und herauszufinden, welche Quelle das höchste
Gefährdungspotential für die menschliche Gesundheit aufweist.

Vergleich der Emissionen aus dem Straßen-, Schiffs- und Bahnverkehr sowie
dem Flugbetrieb

Basis der wissenschaftlichen Studie bilden drei mehrwöchige Messkampagnen
in Rostock, München und Kuopio (Finnland). Nachdem sich die erste
Messkampagne mit den Schwerpunkten Schiffsmotoren und Flugantrieben
befasste, lag der Fokus der zweiten Messkampagne in München auf der
Charakterisierung von Bremsstaub aus dem Straßenverkehr.

An dieser Stelle kam die projektübergreifende Zusammenarbeit mit MORE
unter der Leitung von Prof. Christian Trapp (Professur für
Fahrzeugantriebe) zustande: ein kürzlich fertiggestellter Bremsenprüfstand
konnte für die Messreihe eingesetzt werden. Das Prüffeld erfüllt bereits
heute die Voraussetzungen für zukünftige gesetzeskonforme
Bremsstaubmessungen, da ab der Abgasnorm Euro 7 auch der Bremsstaub für
Pkw gesetzlich geregelt ist.

Neben den chemisch-physikalischen Analysen durch die UniBw M lag der
Schwerpunkt auf toxikologischen Untersuchungen, welche von den Partnern
aus dem Helmholtz Zentrum München und der Universität Rostock durchgeführt
wurden. Dabei wurden menschliche Lungenzellkulturen in einem
Expositionssystem (Air-Liquid-Interface Exposure (ALI)), direkt mit dem
Bremsstaub beaufschlagt. Anschließende bioanalytische Laboruntersuchungen
zeigen, ob dies zu Zelltoxizität, DNA-Strangbrüchen oder Störungen des
Zellstoffwechsels führt.

Über das Projekt
ULTRHAS ist ein Konsortium, das über vier Jahre hinweg mit vier Millionen
Euro durch die EU finanziert wird. Neben der Universität der Bundeswehr
München sind sechs weitere Forschungseinrichtungen aus Norwegen, Finnland,
Deutschland und der Schweiz Teil des Projektes. An der Universität der
Bundeswehr München sind aus der Fakultät Maschinenbau Prof. Thomas Adam
(Institut für Chemie und Umwelttechnik) und Prof. Andreas Hupfer (Institut
für Aeronautical Engineering) für das Projekt verantwortlich.

1Das dtec.bw – Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der
Bundeswehr – ist ein von beiden Universitäten der Bundeswehr gemeinsam
getragenes wissenschaftliches Zentrum und Bestandteil des
Konjunkturprogramms der Bundesregierung zur Überwindung der
COVID-19-Krise. Mit der Aufnahme in den Deutschen Aufbau- und
Resilienzplan (DARP) wird dtec.bw von der Europäischen Union –
NextGenerationEU finanziert.

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Arbeit, Unternehmen und Gesellschaft: Wandel durch Industrie 4.0

Für eine menschenorientierte Arbeits- und Organisationsgestaltung bedarf
es eines Verständnisses von Industrie 4.0, das sowohl die soziale als auch
die technische Dimension des Wandels umfasst. Unternehmen sollten
beispielsweise Weiterbildung und Kompetenzentwicklung der Mitarbeitenden
als strategische Aufgaben in den Fokus nehmen. Über diese und weitere
Herausforderungen sowie das Aufbrechen tradierter Rollen in den
Unternehmen spricht Hartmut Hirsch-Kreinsen im Interview. Er ist Mitglied
im von acatech koordinierten Forschungsbeirat Industrie 4.0 und Research
Fellow an der Sozialforschungsstelle der Technischen Universität Dortmund.

Herr Hirsch-Kreinsen, für eine menschenorientierte Arbeits- und
Organisationsgestaltung bedarf es eines Verständnisses von Industrie 4.0,
das sowohl die soziale als auch die technische Dimension des Wandels
umfasst. Wo sehen Sie hier die entscheidenden Stellhebel?

Die allgemeine Auffassung der Arbeitsforschung ist seit langem, dass
digitalisierte Produktionsprozesse, eben auch Industrie 4.0, als
soziotechnische Systeme zu verstehen sind. Für eine menschenorientierte
bzw. qualifikationsorientierte Gestaltung von digitalisierten
Produktionsprozessen bedeutet dies, dass stets das Zusammenspiel digitaler
Technologien mit den dadurch induzierten personellen und organisatorischen
Veränderungen in den Blick zu nehmen ist. Anders formuliert, zentraler
Stellhebel ist, das Gesamtsystem der Produktion so zu gestalten, dass die
Verbindungen zwischen den verschiedenen Teilen berücksichtigt werden. Es
geht nicht nur darum, die Arbeitsorganisation oder ein technisches System
isoliert zu betrachten und zu gestalten, sondern vielmehr sicherzustellen,
dass sie gut aufeinander abgestimmt sind und im Kontext des gesamten
Produktionssystems wirksam werden.

Kompetenzentwicklung und Weiterbildung gelten angesichts der sich
beschleunigenden Digitalisierung auch in Zukunft als zentrale Bausteine,
den digitalen Wandel sozial und ökonomisch erfolgreich zu bewältigen. In
welchen Bereichen der Industrie 4.0 sehen Sie den größten Wandel der
Kompetenzanforderungen und wie können diese erfüllt werden?

Generelle Antworten sind hier schwierig, weil neue Kompetenzanforderungen
an die Mitarbeitenden je nach Funktion, Beschäftigungssegment,
Qualifikationsniveau und digitalen Systemen in unterschiedlicher Weise
auftreten und damit auch spezifische Maßnahmen erfordern. Je nach
Arbeitssituation sind hier stets valide Analysen und die Entwicklung
passgenauer Qualifizierungs- und Weiterbildungskonzepte erforderlich.
Freilich sind zwei häufig vernachlässigte Voraussetzungen hierfür
unabdingbar: Zum Ersten müssen Unternehmen Kompetenzentwicklung und
Weiterbildung als strategische Aufgaben ansehen. Zum Zweiten müssen die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ausreichenden Ressourcen und
motivierenden Bedingungen für effektive Qualifizierungsmaßnahmen
ausgestattet werden.

Eine erfolgreiche Einführung von Industrie 4.0 sowie der damit verbundenen
Geschäftsmodelle muss mit einem organisationalen Wandel einhergehen. Was
ist für Unternehmen im Vorfeld besonders zu berücksichtigen?

Wie auch vom Forschungsbeirat Industrie 4.0 in seinen Themenfeldern für
Forschung und Entwicklung betont, sind für eine erfolgreiche
Implementierung von Industrie 4.0 sowie der damit verbundenen
Geschäftsmodelle weitreichende unternehmensorganisatorische Anpassungen
notwendig, die von der Arbeits- bis zur Führungsebene reichen. Denn
Industrie 4.0 verändert die tradierten Rollen von Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern, Führungskräften sowie Betriebsräten. Digitale Medien machen
Information und Wissen inner- und überbetrieblich transparenter und
Führungsfunktionen differenzieren sich auf verschiedenen Ebenen –
hierarchisch, horizontal, im Netzwerk etc.– aus. Insgesamt ist
festzuhalten, dass eine mangelnde Ausprägung von „Lessons Learned“, eine
fehlende adäquate Fehlerkultur sowie unzureichende Lösungen der
Wissensspeicherung und des Wissenstransfers in der Organisation, gerade
auch in global verteilten Wertschöpfungsketten, wesentliche Gründe
darstellen, warum viele Unternehmen nicht über den Prototypen-Status von
Industrie 4.0 hinauskommen. Es gilt nicht nur tradierte Denkweisen und
Prozesse zu überwinden, sondern durch geeignete Methoden des Change-
Managements einen Umbruch in Kultur und Organisationsstruktur von
Unternehmen herbeizuführen. Daher ist eine umfassende Neubewertung des
Führungsverständnisses sowie der Beteiligungsformen der Beschäftigten
unabdingbar.

Über den Forschungsbeirat Industrie 4.0:
Der Forschungsbeirat Industrie 4.0 trägt als strategisches und
unabhängiges Gremium wesentlich dazu bei, forschungsbasierte Lösungswege
für die Weiterentwicklung und Umsetzung von Industrie 4.0 aufzuzeigen und
somit Orientierung zu geben – mit dem übergeordneten Ziel, das deutsche
Innovationssystem und die Wertschöpfung zu stärken. Dafür kommen im
Forschungsbeirat aktuell 32 Vertreter*innen aus Wissenschaft und Industrie
mit ihrem interdisziplinären Expertenwissen zusammen, formulieren neue,
vorwettbewerblich beantwortbare Forschungsimpulse bzw. -bedarfe, zeigen
mittel- bis langfristige Entwicklungsperspektiven auf und leiten
Handlungsoptionen für die erfolgreiche Umsetzung von Industrie 4.0 ab. Die
Forschung im Bereich Industrie 4.0 fokussiert sich dabei verstärkt auf
Themen wie Nachhaltigkeit, Resilienz, Interoperabilität, technologische
bzw. strategische Souveränität und die zentrale Rolle des Menschen. Die
Arbeit des Forschungsbeirats wird von acatech – Deutsche Akademie der
Technikwissenschaften koordiniert, vom Projektträger Karlsruhe (PTKA)
betreut und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
gefördert.

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