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Walnussschalen als Inhaltsstoffe für Kosmetika: Hochschulprojekt erforscht mit Unternehmen Alternativen zu Mikr

Dr. Dirk Bockmühl, HSRW-Professor für Hygiene und Mikrobiologie, forscht an Alternativen zu Mikroplastik  Stephan Hanf / HSRW
Dr. Dirk Bockmühl, HSRW-Professor für Hygiene und Mikrobiologie, forscht an Alternativen zu Mikroplastik Stephan Hanf / HSRW

Seit Oktober 2023 ist es EU-weit verboten: Mikroplastik in sämtlichen
Kosmetikprodukten und Waschmitteln. Doch welche Alternativen gibt es? Das
möchten Forschende an der Hochschule Rhein-Waal (HSRW) zusammen mit dem
Familienunternehmen bb med. product GmbH vom unteren Niederrhein
herausfinden.

Mikroplastik wurde bislang kosmetischen Mitteln (z.B. Dusch- oder
Gesichtspeelings) oder Detergenzien (Wasch- und Reinigungsmitteln) als
Schleifmittel sowie als Trübungsmittel zugesetzt. Dabei handelt es sich um
wasserunlösliche, feste Kunststoffe, die fünf Millimeter und kleiner sind.
Dermatolog*innen betonen zwar mitunter, dass für eine gesunde Haut keine
Peelings nötig seien, aber wer kennt das nicht: das angenehm weiche Gefühl
auf der Haut nach einem Peeling.

Das Problematische an zugesetztem Mikroplastik ist, dass die Partikel mit
dem (Ab )Waschvorgang in das Abwasser gelangen. Die Partikel, die dadurch
in die Kanalisation gespült werden, sind so klein, dass Kläranlagen sie
nicht filtern können. In Kläranlagen wird das Abwasser einem mehrstufigen
Reinigungsprozess unterzogen: Feststoffe werden entfernt, UV-Licht tötet
Keime ab und Membrananlagen filtern Bakterien und Viren. Für
Mikroverunreinigungen sind die Kläranlagen mit ihrem mehrstufigen
Reinigungsprozess nicht ausgelegt. Darunter fällt u.a. Mikroplastik. Aus
diesem Grund schob die EU mit der Chemikalienverordnung REACH der
Verwendung von Mikroplastik in Produkten, deren Reste in das Abwasser
gelangen, aber dennoch nach dem Reinigungsprozess die Kläranlage verlassen
und in Gewässer gelangen, den Riegel vor.

Auch wenn der Anteil an Mikroplastik, der durch Peelings oder Waschmittel
ins Abwasser gelangt, recht gering ist, so ist die Forschung an
Alternativen dafür ein Anfang. Dieser Verantwortung ist sich bb
med.-Geschäftsführer Robert Beinio bewusst: „Wir setzen schon lange kein
Mikroplastik mehr ein. Und auch der Dachverband der europäischen
Kosmetikverbände hat bereits im Jahr 2015 empfohlen, keine
Kunststoffpartikel mehr in Kosmetik einzusetzen“, betont er. Dennoch haben
sich Robert Beinio und Dr. Dirk Bockmühl, Professor für Hygiene und
Mikrobiologie an der HSRW, zum Ziel gesetzt, natürliche Alternativen
einzusetzen. „Eine davon betrachten wir in unserem Projekt näher:
Walnussschalen“, so der Professor der Fakultät Life Sciences.

Um das besser zu verstehen, geht die Reise nach Kirgistan: „Das Land hat
großartige, natürliche Walnusswälder, deren nachhaltige Nutzung wir im
Projekt SUFACHAIN sicherstellen können. Dabei wollen wir auch die
Beiprodukte der Walnussernte berücksichtigen. Im Rahmen des Projektes
wollen wir die technologischen Herausforderungen dieser möglichen Nutzung
– hier sind vor allem der Mahlprozess zur Erzielung von nicht-
scharfkantigen Partikeln und die mikrobiologische Qualität zu nennen –
untersuchen und Lösungen finden“, erklärt Bockmühl den Ansatz des
Forschungsvorhabens.

Dabei gibt es einige Hürden zu meistern, um die kirgisischen Bäuerinnen
und Bauern zu unterstützen. Das weiß auch Bockmühl: „Walnussschalen, aber
auch die ebenfalls im Projekt betrachteten Aprikosenkernschalen, sind im
Zuge des Wachstums, der Ernte und der Weiterverarbeitung immer wieder
mikrobiellen Kontaminationen ausgesetzt, zum Beispiel durch Schimmelpilze.
Um einen sicheren Kosmetikinhaltsstoff zu erhalten, müssen diese
mikrobiologischen Probleme erkannt und gelöst werden. Wir wollen das im
Projekt auf eine Weise tun, damit die Produkte mit möglichst geringer
Nutzung von Bioziden und ohne den Einsatz von möglicherweise
problematischen Behandlungsmethoden wie einer Bestrahlung verarbeitet
werden können. Dazu wollen wir vor allem Prozessschritte in Kirgistan mit
unseren dortigen Partnern optimieren, aber auch mögliche, risikoarme
Konservierungsmethoden entwickeln“, so der HSRW-Professor.

Und auch bevor ein solches Produkt vermarktet werden kann, gibt es in
punkto Produktsicherheit einiges zu beachten: „Bei einem Peeling-Produkt
mit Kernmehlen kommt es zum Beispiel auf die Scharfkantigkeit der Partikel
an. Je nach Herkunft der Partikel und Vermahlungsgrad können sie für eine
Anwendung im Gesicht in Frage kommen oder eher für ein Fuß-Peeling“, weiß
der Kalkarer Unternehmer Beinio. „Ebenso muss das Produkt einen Lagertest
bei verschiedenen Temperaturen bestehen, den sogenannten Stabilitätstest.
Es handelt sich um eine beschleunigte Alterung. Dann wird die
mikrobiologische Sicherheit durch einen Konservierungsbelastungstest
geprüft. Zur Sicherheit für die anwendenden Käufer*innen des Produktes
wird ein toxikologisches Gutachten erstellt und ein dermatologischer Test
durchgeführt“, erläutert Bockmühl. Beinio ergänzt, dass auch die
verschiedenen Naturkosmetiklabel und deren Anforderungen für
Zertifizierungen eine wichtige Rolle spielen.

Ziel des Projektes sei laut Bockmühl einerseits die Entwicklung eines
Kosmetikinhaltsstoffes, nicht eines fertigen Kosmetikums. Durch die
Projektkonzeption, bei der mit finalen Rezepturen gearbeitet wird, sei die
Anwendung nach erfolgreichem Projektabschluss tatsächlich recht
kurzfristig möglich. Andererseits zielt das Projekt auch darauf ab, „den
kirgisischen Bauern Wege zur Vermarktung von Walnussschalen zu eröffnen,
die sonst reines Abfallprodukt wären. Hierbei wollen wir aus
wissenschaftlicher und industrieller Sicht Möglichkeiten eröffnen, die
genannten technologischen Hürden zu meistern, indem wir den kompletten
Produktentwicklungsprozess vom Inhaltsstoff Walnussschale bis hin zur
fertigen Kosmetik im Hinblick auf die kirgisischen Produkte abbilden und
wissenschaftlich begleiten. Letztlich ist das Ziel, dass die Bauern in
Zukunft ihre Wertschöpfung durch die Vermarktung hochwertiger Produkte –
auch aus derzeitigen Abfällen der Lebensmittelproduktion – optimieren“,
fasst der HSRW-Professor das Vorhaben zusammen.

Im Projekt SUFACHAIN soll so eine win-win-win-Situation gemäß der drei
Säulen nachhaltigen Wirtschaftens entstehen: Ökologie, Ökonomie und
Soziales. Ein Abfallprodukt wird weiterverarbeitet, dadurch werden
Landwirt*innen ökonomisch unterstützt. Und ein Unternehmen aus Kalkar am
Niederrhein profitiert davon, bald nachhaltigere Produkte auf den Markt
bringen zu können.

Auch wenn die Entwicklung eines kosmetischen Produktes, inklusive aller
erforderlichen Tests, ein Jahr oder auch länger dauern kann: Die
Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Projekt sind nicht nur am Niederrhein
und in Kirgistan von Bedeutung – davon könnten Hersteller aus ganz Europa
profitieren.

Über das Projekt SUFACHAIN – Nachhaltige agroforstwirtschaftliche
Wertschöpfungsketten
Der landwirtschaftliche Sektor stellt eine wichtige Lebensgrundlage für
die ländliche Bevölkerung in Zentralasien dar. Gleichzeitig werden die
Agrar- und Waldlandschaften der Region durch Degradation (dauerhafte
Veränderung und teilweise auch der Verlust der Struktur des Bodens)
bedroht, verschärft durch Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche
Entwicklung. Im Projekt SUFACHAIN sollen deshalb Agroforstsysteme
analysiert und in die lokale Landnutzung integriert sowie Produkte und
Technologien entwickelt werden, welche zu einer nachhaltigen
Ressourcennutzung und lokalen Wertschöpfung beitragen.

Als Agroforstsysteme werden Landnutzungssysteme bezeichnet, bei denen
Gehölze (Bäume oder Sträucher) mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung so
auf einer Fläche kombiniert werden, dass zwischen den verschiedenen
Komponenten ökologische und ökonomische Vorteilswirkungen entstehen.

Das Projekt wird mit knapp 1,4 Millionen Euro vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Initiative ‚CLIENT II –
Internationale Partnerschaften für nachhaltige Innovationen‘ mit einer
Projektlaufzeit von zwei Jahren gefördert. Regionale Schwerpunkte werden
in Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan gesetzt.
Die Entwicklung effizienterer Technologien zur Verwertung von
Abfallstoffen aus dem Verarbeitungsprozess, wie beispielhaft die
Walnussschalen oder Aprikosenkerne, ist eines der sechs Arbeitspakete des
Projektes. Projektpartner sind die Unternehmen bb med. Product GmbH aus
Kalkar in Nordrhein-Westfalen und A+S Biotech aus Völklingen im Saarland.

Weitere Informationen: www.sufachain.org

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Freiraum für individuelles Lernen

m Studiengang Logistik an der Hochschule Kaiserslautern Standort
Pirmasens besteht ein Teil der Studienleistung aus einer Projektarbeit.
Thema und Aufgabe können Studierende frei wählen. Da die Abgabe an kein
vorgegebenes Datum gebunden ist, bleibt auch zeitlicher Spielraum.

Im Sommersemester 2023 entschieden die Studentinnen Paula Poth und Lisa
Schön ihre Projektarbeit einem vorhandenen Fischertechnik-Modell in den
Labors des Logistikbereichs der Hochschule Kaiserslautern zu widmen. Auf
dem Campus Pirmasens befindet sich eine Nachbildung eines
Distributionszentrums, das größtenteils aus Fischertechnik mit 4
S7Steuerungen zu besteht. Solche Speicherprogrammierbaren Steuerungen sind
heute das Kernstück jeder Automatisierungsanlage.

Jürgen Edel, Laborleiter im Technikum Logistik und Dipl. BW Christian
Maier, Assistent im Fachbereich  Angewandte Logistik- und
Polymerwissenschaften nutzten die Corona-Zeit, als die Studierenden nicht
zur Hochschule kommen konnten. Sie entwickelten das Modell weiter. Das
Materialflusssystem, das ursprünglich ausschließlich aus Fischertechnik
bestand, wurde zum „Industriepark 4.0“ erweitert.. Neue Roboter binden das
Modell an die selbstgebaute Verladestation für den Bahntransport an.

Im Rahmen dieser Projektarbeit wird das Modell und seine Funktionen nun
neu abgebildet. Da es sich um ein dynamisches Modell handelt, wird es in
Form von Videos dokumentiert. Die Projektarbeit umfasst das Verfilmen des
Modells und Videointerviews mit den Beteiligten. Dazu kommen der
anschließenden Videoschnitt und alle zusätzlichen Dokumente. Entsprechend
gaben die beide Studentinnen diese Projektarbeit nicht klassisch in
Papierform, sondern digital ab.

Dieser kreative Freiraum erwies sich allerdings als Hürde. Es galt, ein
Konzept für die Dokumentation und Veröffentlichung festzulegen. Dies war
bedingt durch die vielen Optionen sehr herausfordernd. Schnell wurde klar,
dass das entstehende Material auf mehreren Wegen verwendet werden sollte.
Dadurch wird eine Veröffentlichung auf verschiedenen Video-Plattformen und
sozialen Medien möglich. Die Projektarbeit war also nicht nur inhaltlich
lehrreich, sondern auch in Bezug auf Selbständigkeit und die
Arbeitsorganisation aufschlussreich. Die Botschaft „Echte Logistik
studieren“ unterstreicht die Vielseitigkeit und Praxisnähe des Logistik-
Studiums.

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„Ein wichtiges Signal in die Gesellschaft“

Von diesem Preis geht ein wichtiges Signal in die Hochschule und aus der
Hochschule in die Gesellschaft hinaus“, sagte Präsident Dr. Marc Hudy bei
der feierlichen Verleihung des HAWK-Preises für Genderforschung 2023, den
die Hochschule das 2. Mal in der Aula vergab. „Dieser Preis ist eine
wichtige Motivation, um die Genderforschung und die damit verbundenen
Themenkomplexe an der HAWK zum einen zu würdigen und zum anderen voran zu
bringen. Wir brauchen diese Erkenntnisgewinne für die Lehre und
dementsprechend dann auch für die Praxis“. Besonders in aktuellen Zeiten
gehe davon auch ein politisches Signal für mehr Vielfalt und Gerechtigkeit
im Sinne von Artikel 3 des Grundgesetzes aus.

„Sichtbarkeit“, nennt Gleichstellungsbeauftragte Nicola Hille die
Grundidee des Preises, den sie anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des
Gleichstellungsbüros an der HAWK 2022 ins Leben rief. Der Preis würdigt
seitdem die wissenschaftliche und gesellschaftliche Relevanz von
Forschungs- und Lehrkonzepten mit Geschlechterbezug. Er richtet das
Augenmerk auf innovative Ansätze und Fragestellungen für die Forschung und
Lehre sowie die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
„Genderforschung ist disziplinübergreifend und oft multi-, inter- und
transdisziplinär. Durch die Preisverleihung kann dieser Forschungszweig
dynamischer und methodischer an der HAWK weiterentwickelt werden“, so
Hille. Der Preis wird in Zukunft alle 2 Jahre ausgeschrieben.

Die HAWK-Studentin Fatma Celik von der Fakultät Management, Soziale
Arbeit, Bauen in Holzminden erhielt eine Auszeichnung für ihre
Bachelorarbeit: „Intersektionale und diversitätsbewusste Perspektive in
der Sozialen Arbeit im Kontext Migration“. Bei der professionellen
Ausübung des Berufes sei vor allem immer wichtig, Haltung und
Einstellungen kritisch zu hinterfragen und nicht unbewusst Klischees
einfach zu reproduzieren, fasste Laudatorin Prof. em. Dr. Uta Brandes den
Kern der Arbeit zusammen.

Kikko Neubert entwickelte an der Fakultät Gestaltung in Hildesheim die
ausgezeichnete Masterarbeit: „Tabu(Ab)bruch – Eine Kommunikationsstrategie
zur Verbesserung der Versorgungslage von Schwangerschaftsabbrüchen“.
Getarnt in Form eines Kochbuches zu Papaya [link:
https://projekte.g.hawk.de/projekt/63e0b4b1be482] sollen so medizinisch-
relevante Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen in Länder gelangen,
die Abtreibungen verbieten. „Der Umfang, Informationsgehalt und das Design
haben uns überzeugt“, lobte Laudatorin Prof. em. Dr. Uta Brandes (Köln
International School of Design).

Verw.-Prof. Denise Bernhard-Banza von der Göttinger Fakultät
Ingenieurwissenschaften und Gesundheit erhielt den 1. Preis im Bereich
Forschung für: „Meet me halfway“ – the influence of gender on the attitude
of nurses to work together with physicians“
(Geschlechterrollenorientierung und interprofessionelle Zusammenarbeit von
Pflegefachpersonen und Mediziner*innen). „Das Forschungsprojekt weist
deutlich darauf hin, traditionelle Geschlechterrollenorientierungen
aufzulösen und flexiblere Professionalitätsmerkmale zu definieren. Die
Ergebnisse des Forschungsprojekts können im Rahmen von Aus-, Fort- und
Weiterbildung von Pflegefachpersonen einen relevanten Beitrag zum Abbau
von geschlechtsspezifischen Stereotypen leisten“, so Laudatorin und Jury-
Mitglied Prof. Dr. Anja Henningsen (FH Kiel).

„Wir machen weiter“, versprach Prof. Dr. Tim Rohrmann von der Fakultät
Soziale Arbeit und Gesundheit in Hildesheim. Das Forschungsprojekt:
„Sprachförderbedarf und Geschlecht in der Region Hildesheim: Erhebung
einer Datengrundlage im Bereich der Frühen Bildung“ sei erst der Anfang
gewesen, freute er sich über die frühe Wertschätzung durch den 2. Preis in
der Kategorie „Forschung“. „Die Erkenntnis, dass geschlechtsspezifische
Einstellungen nicht nur die Wahrnehmung beeinträchtigen, sondern sogar zu
problematischen Entwicklungen im Bereich sprachlicher Kompetenzen
beitragen können, unterstreicht die soziale Relevanz dieses Projekts. Es
ist ermutigend zu sehen, dass das Projekt nicht nur eine differenzierte
Analyse der Daten anstrebt, sondern auch darauf abzielt, regionale
Einrichtungen mit diesen Erkenntnissen zu versorgen“, so Jury-Mitglied
Prof. Dr. Anja Henningsen (FH Kiel).

Prof. Dr. Sinje Gehr von der Fakultät Ingenieurwissenschaften und
Gesundheit in Göttingen ist die Preisträgerin in der Kategorie
„Forschungsbasiertes Lehrkonzept“. In ihrem Unterrichtsformat „Journal
Club: Gender Health Gap“ sollen Studierende am Gesundheitscampus Göttingen
die Bedeutung der geschlechtersensitiven Medizin als eine Prämisse für die
Verlängerung der gesunden Lebensjahre und der gesundheitsbezogenen
Lebensqualität verstehen und diskutieren lernen. „Wir wollen in der Lehre
immer für unser Fach begeistern, aber auch irritieren, um wie hier
Forschungslücken aufzudecken und zu schließen“, so Prof. Dr. Britta
Hoffarth (Uni Hildesheim). Die Urkunden übergaben Prof. Dr. Katja Scholz-
Bürig, Vizepräsidentin Studium und Lehre, und Prof. Dr. Wolfgang Viöl,
Vizepräsident für Forschung und Transfer.

Den Festvortrag hielt Mathias Knigge von „grauwert – Büro für Inklusion
und demografiefeste Lösungen“: „Defizitorientierte Ansätze können
ausgrenzen, denken Sie bei Planungen und Änderungen immer an den
Mehrwert“, riet er den Anwesenden und bebilderte seinen Ansatz u.a. mit
dem Zugänglichkeitskonzept für das Rathaus in Hamburg und neuen
Gestaltungsoptionen für den Campus der FH Potsdam.

Prof. Dr.-Ing. Iris Marquardt freute sich als Dekanin der Fakultät Bauen
und Erhalten über die neuen Impulse, um über Geschlechterthemen ins
Gespräch zu kommen. „Die Baubranche ist sehr männlich geprägt, während
unsere Studiengänge Konservierung und Restaurierung sehr weiblich sind“.
Ihre Meinung, unter anderem als Professorin für Baustoffkunde und
Betontechnologie: „Die Mischung macht es, weil dadurch mehr
Lösungsvielfalt entsteht.“

Musikalisch begleiteten den Abend Mira Heller mit Gesang und Gitarre und
Zeynep Irmak mit Gesang und Bağlama.

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Mit Brief und Siegel: JLU erhält wertvolle Sammlung

Sabine Röder, Enkelin des bekannten Ethnologen Theodor Koch-Grünberg,
übergibt der Universität Gießen umfangreiche Siegelsammlung als Schenkung

Freiherr von Hornstein, Baron Humbracht, Erasmus Bernhard von Jagow,
Ritter von Jhering, Freiherr von Imhoff … – die mit der Feder in akkurater
Handschrift notierten Namen unter roten Siegeln von unterschiedlicher
Größe, Farbintensität und Form lesen sich wie eine Zeitreise zu
Angehörigen bedeutender Adelsgeschlechter. Aus dem Nachlass des hessischen
Forschungsreisenden Theodor Koch-Grünberg (1872–1924) hat das Historische
Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) kürzlich eine
wertvolle Siegelsammlung erhalten. Sabine Röder, die Enkelin des
prominenten Ethnologen, hat der Universität Gießen die Sammlung als
Schenkung übergeben. Die Kollektion umfasst etwa 600 aus Siegellack
hergestellte Abdrücke mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Siegel
unterschiedlichster Herkunft. Das Spektrum reicht von mittelalterlichen
Kaiser- und Königssiegeln über Bischofs- und Fürstensiegel bis hin zu
Wappensiegeln zahlreicher Adelsfamilien.

„Der Bestand ist ein besonders wertvolles Beispiel für eine Sammlung, die
bis heute vollständig in Familienbesitz geblieben ist und in dieser
Geschlossenheit an die Universität übergeht“, sagt Historiker Prof. Dr.
Stefan Tebruck, der die Sammlung für die JLU entgegengenommen hat: „Diese
Sammlung bietet Anknüpfungspunkte für unterschiedliche
Forschungsinteressen.“ Es handelt sich um eine besondere Kollektion, die
für die Siegelkunde ebenso aufschlussreich ist wie für die
mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte sowie die
Kunstgeschichte. Spannend dürften die Geschichten hinter den Namen der
Adligen unterschiedlichen Ranges sein, die es zu entdecken und erforschen
gilt.

Aber auch unter dem Blickwinkel der Sammlungsgeschichten des 19. und 20.
Jahrhunderts bietet die Siegelkollektion ein reiches
Untersuchungsmaterial. In der universitären Lehre sind die Siegelabdrücke
als komplexe Bild-Text-Quellen in den Fächern Geschichte und
Kunstgeschichte vielfältig einsetzbar. Ihre Materialität könne in
fächerübergreifenden Lehrveranstaltungen zu Sammlungs- und Objektforschung
untersucht werden, ist Prof. Tebruck überzeugt. Ehe die Siegelsammlung
jedoch für Forschende und Lehrende zur Verfügung gestellt werden kann,
muss sie zunächst restauriert werden.

Im Namen des gesamten JLU-Präsidiums bedankt sich die Erste
Vizepräsidentin Prof. Dr. Katharina Lorenz bei Sabine Röder für die
Schenkung der wertvollen Sammlung ihres Großvaters Theodor Koch-Grünberg:
„An der Justus-Liebig-Universität gibt es mehr als 50 Sammlungen mit ganz
unterschiedlichen Schwerpunkten, die als Teil des institutionellen
Gedächtnisses der JLU zugleich ein fester Bestandteil von Forschung und
Lehre sind. Wir freuen uns sehr, dass die Siegelsammlung das breite
Sammlungsspektrum nun um einen kulturwissenschaftlichen Schatz erweitert.“

Theodor Koch-Grünberg

Theodor Koch-Grünberg, bekannt auch als Theo Koch, wurde am 9. April 1872
in Grünberg, Hessen, geboren. Der Ethnologe und Forschungsreisende, der
wichtige Beiträge zur Erforschung der südamerikanischen indigenen Völker
leistete, vor allem der Pemón in Venezuela und von Amazonasstämmen, starb
am 8. Oktober 1924 in Vista Alegre, Caracaraí, Brasilien.

Die Anfänge der Siegelsammlung, die jetzt die Sammlungen der JLU
bereichert, reichen in das späte 19. Jahrhundert zurück. Theodor Koch-
Grünberg, der sie von seinem Vater, dem Grünberger Pfarrer Karl Koch (1836
– 1901) übernahm, ausbaute und katalogisierte, war der Universität Gießen
eng verbunden. Er hat hier Klassische Philologie studiert und war
anschließend als Lehrer tätig, bevor er sich seit 1898 für die Kultur und
Bevölkerung der Amazonas-Völker interessierte und vier Forschungsreisen
nach Brasilien und Venezuela unternahm. Seit 1901 arbeitete er am Berliner
Völkerkundemuseum, 1913 wurde er nach seiner Habilitation in Freiburg zum
Professor ernannt. Zwei Jahre später übernahm er die Leitung des Linden-
Museums in Stuttgart, an dessen Spitze er bis zu seinem Tod 1924 stand.

Die unterschiedlichen ethnographischen Sammlungen, die Koch-Grünberg von
seinen Forschungsreisen nach Deutschland mitgebracht hat, sind heute auf
verschiedene Standorte verteilt. Der größte Teil der aus den Amazonas-
Gebieten mitgebrachten Objekte befindet sich in Berlin, wo die
prominentesten Stücke im Humboldt-Forum gezeigt werden. Dass der Ethnologe
auch eine umfangreiche Siegelsammlung von seinem Vater übernahm und
fortführte, war bislang nicht bekannt. Sein wissenschaftlicher Nachlass
wird heute in der Völkerkundlichen Sammlung der Philipps-Universität
Marburg verwahrt.

In diesem Jahr wird anlässlich des Todestages von Theodor Koch-Grünberg
vor 100 Jahren verstärkt an den Ethnologen gedacht.

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