Die Auswirkungen der Digitalisierung lassen sich im Journalismus besonders gut beobachten: Kaum ein Medienbereich unterliegt heute ähnlichen Umwälzungen, die es zu gestalten gilt. Journalismusforscher Christopher Buschow ist davon überzeugt, dass Lehre und Forschung einen wichtigen Beitrag dazu leisten können. Inhaltlich beschäftigt sich der Kommunikationswissenschaftler vor allem mit folgenden Fragen: Wie beeinflussen technologische Fortschritte Berufsbilder im Journalismus, was bedeutet der Einsatz neuer Schlüsseltechnologien wie KI für journalistisches Arbeiten, und welche Rolle spielt der digitale Journalismus in zunehmend wissenschaftsbasierten Gesellschaften?
Im Journalismus lassen sich die Auswirkungen der Digitalisierung wie unter einem Brennglas beobachten: Kaum ein Medienbereich unterliegt heute ähnlichen Umwälzungen, die es zu gestalten gilt. Journalismusforscher Christopher Buschow ist davon überzeugt, dass Lehre und Forschung einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, Antworten auf seine drängendsten Zukunftsfragen zu finden: „Mein Ziel ist es, die gegenwärtige Transformation des Journalismus forschend zu begleiten und wissenschaftsgeleitete Expertise zur Bewältigung dieser Umbrüche bereitzustellen“, so Christopher Buschow. Inhaltlich beschäftigt sich der Kommunikationswissenschaftler vor allem mit folgenden Fragen: Wie beeinflussen technologische Fortschritte Berufsbilder im Journalismus, was bedeutet der Einsatz neuer Schlüsseltechnologien wie KI für journalistisches Arbeiten, und welche Rolle spielt der digitale Journalismus in zunehmend wissenschaftsbasierten Gesellschaften? In seiner Arbeit verfolgt Buschow einen „transformativen Ansatz“. Die Forschung sei in der Pflicht, aktiv an der Weiterentwicklung des Journalismus mitzuwirken.
„Journalismus als Eckpfeiler demokratischer Gesellschaften“ Die Technische Universität Hamburg hat den berufsbegleitenden Studiengang „Digitaler Journalismus“ gemeinsam mit der Hamburg Media School (HMS) eingerichtet. Im Zuge der Kooperation wurde Christopher Buschow zum 1. Januar 2024 als Professor an die TU Hamburg berufen. Er ist gleichzeitig Leiter des Fachgebiets Digitaler Journalismus an der HMS. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter, Doktorand und später Habilitand am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK) der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. An der Bauhaus-Universität Weimar wirkte er von 2018 bis 2023 als Juniorprofessor an der Fakultät Medien. Zu den Themenfeldern Innovationen in der Organisation, der Finanzierung von Produkten des digitalen Journalismus sowie Neugründungen in der Medienwirtschaft hat der Kommunikationswissenschaftler bereits mehrere Projekte durchgeführt, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), vom Bildungsministeriums (BMBF) und der Klaus Tschira Stiftung unterstützt wurden. Buschow verfolgt mit seiner Arbeit das Anliegen, den Journalismus als Eckpfeiler demokratischer Gesellschaften zu stärken. Denn Journalismus informiere Bürger, befähige sie zu Meinungsbildung und Wahlentscheidungen und kontrolliere als vierte Gewalt Politik und Wirtschaft. „Die in dieser Form einzigartige Kooperation zwischen TU Hamburg und Hamburg Media School eröffnet große Chancen, technische Fortschritte für den Journalismus nutzbar zu machen und Technologie zum Wohle des Journalismus auszugestalten“, erklärt der frischernannte TU-Professor.
Jedes Jahr am 26. Januar findet der Tag des Patienten statt. Mit dem Motto: „Ihre Gesundheit, Ihre Stimme: Der schnelle Weg zu Recht und Hilfe im Krankenhaus!“ verfolgt der diesjährige Aktionstag das Ziel, die Situation und Rolle von Patienten zu stärken und zu optimieren. Die Deutsche Leberstiftung unterstützt den Tag des Patienten. Sie nimmt den Aktionstag zum Anlass, über das weltweite Gesundheitsproblem Lebererkrankungen zu informieren, das oft mit Vorurteilen und negativen Bewertungen einhergeht, die zur Stigmatisierung führen.
Imageprobleme kennen wir alle. Ob Star, Unternehmen, Marke oder Produkt – das Image ist wichtig und muss positiv sein. Hat jemand oder etwas einen schlechten Ruf, hält sich dieser oft hartnäckig und es ist schwer, diesen in der öffentlichen Meinung wieder zu beseitigen. Und häufig spielt es auch keine Rolle, ob das entstandene negative Bild überhaupt der Realität entspricht. Genauso verhält es sich auch bei Krankheiten. Es gibt Krankheiten, die in Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung ohne Vorurteile bewertet werden wie beispielsweise Herzerkrankungen. Ein Organ, dessen Erkrankungen jedoch mit sehr negativen Vorurteilen besetzt sind, ist die Leber. Lebererkrankte sind daher noch immer häufig von Stigmatisierung betroffen.
Dass diese unterschiedliche Wahrnehmung und Beurteilung von Krankheiten auch länderspezifische Ausprägungen hat, erklärt Prof. Dr. Michael P. Manns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung: „In unterschiedlichen Nationen gibt es ganz unterschiedliche Krankheitswahrnehmungen bestimmter Organe. Europäer sind eher herzfokussiert. In Asien spielt die Leber aufgrund der höheren Anzahl von Lebererkrankungen eine größere Rolle im öffentlichen Bewusstsein. Bei uns in Deutschland ist kein gutes Bewusstsein für Lebererkrankungen ausgeprägt. Dies betrifft nicht nur die Patienten, sondern auch viele hausärztliche Praxen. Ich habe eine große Anzahl von Patienten, bei denen teilweise über Jahrzehnte erhöhte Leberwerte festgestellt worden sind, bevor man überhaupt über Ursachenforschung nachgedacht hat. Wir haben eine Vernachlässigung des Organs Leber in Deutschland. Und Lebererkrankungen haben ein schlechtes Image. Um dem entgegenzuwirken, engagiert sich die Deutsche Leberstiftung unter anderem für mehr öffentliches Bewusstsein für das lebenswichtige Organ.“
Noch immer sind Patienten, die an der Leber erkranken, häufig dem Vorwurf ausgesetzt, selbst an der Erkrankung schuld zu sein – beispielsweise durch übermäßigen Alkoholkonsum. Auch im Bereich der Bekämpfung von Virushepatitis liegen medizinische und gesellschaftspolitische Themen eng beieinander, was dazu führt, dass Patienten mit einer Virushepatitis oftmals von Stigmatisierung betroffen sind. Zusätzlich zur Angst vor dem Stigma ist auch fehlendes Wissen ein Grund für viele Betroffene, sich der Diagnose nicht zu stellen. Die falsche Annahme, dass keine wirksamen oder aber nur mit sehr starken Nebenwirkungen behaftete Medikamente zur Verfügung stünden, ist noch immer sehr verbreitet. In vielen Fällen können Leberschädigungen oder Lebererkrankungen bereits in einem frühen Stadium nachgewiesen und erfolgreich behandelt werden – vorausgesetzt, Arzt und Patient sind für das lebenswichtige Organ und seinen Gesundheitsstatus sensibilisiert.
Um bei der Bekämpfung des weltweiten Gesundheitsproblems der steatotischen Lebererkrankung (SLD, bislang als Fettlebererkrankung bezeichnet), von dem auch in Deutschland schätzungsweise jeder Vierte betroffen ist, mögliche Hindernisse durch stigmatisierende Bezeichnungen zu beseitigen, wurden im Juni 2023 neue Fachbegriffe veröffentlicht. Zukünftig dient „Steatotische Lebererkrankungen“ als neuer Klammerbegriff, der alle Fettlebererkrankungen einschließt – unabhängig von der Ursache. Die bislang als nicht-alkoholische Fettlebererkrankung bezeichnete Krankheit wird zur Metabolic dysfunction-associated steatotic liver disease (MASLD). Eine aufgrund einer Stoffwechselstörung entzündete Leber, von der in Deutschland vier Prozent betroffen sind, wird in der neuen Nomenklatur als Metabolische dysfunktions-assoziierte Steatohepatitis (Metabolic dysfunction-associated steatohepatitis, MASH) geführt und wurde vormals als nicht-alkoholische Steatohepatitis (NASH) bezeichnet. Neben dem Vorteil, dass die neue Terminologie nicht mehr als stigmatisierend empfunden werden kann, ermöglichen die neuen Fachbegriffe exaktere Diagnosen, die zudem treffsicherer benannt werden können.
Damit sind weitere Schritte getan, das Image-Problem und die Stigmatisierung bei Lebererkrankungen zu beseitigen. Die Deutsche Leberstiftung wird sich weiterhin engagieren – über die Leber und ihre Erkrankungen aufklären und die Verbesserung der Versorgung von Patienten mit Lebererkrankungen vorantreiben. Kein von einer Lebererkrankung Betroffener sollte sich im ärztlichen Gespräch oder persönlichen Umfeld rechtfertigen müssen oder das Gefühl haben, die Erkrankung selbst verschuldet zu haben. Wichtig ist die offene Kommunikation über die vielfältigen Gründe für Lebererkrankungen, die tatsächlich jeden treffen können. Fundierte Aufklärung über etwaige Risikofaktoren kann das Bewusstsein für die Lebergesundheit schärfen, damit die Patienten Vorsorgeuntersuchungen frühzeitig in Anspruch nehmen und die Chancen für die vielfältigen Möglichkeiten einer kurativen Behandlung steigen – und Lebererkrankungen endgültig entstigmatisiert werden.
Deutsche Leberstiftung
Die Deutsche Leberstiftung befasst sich mit der Leber, Lebererkrankungen und ihren Behandlungen. Sie hat das Ziel, die Patientenversorgung durch Forschungsförderung, Forschungsvernetzung und wissenschaftliche Projekte zu verbessern. Mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit steigert die Stiftung die öffentliche Wahrnehmung für Lebererkrankungen, damit diese früher erkannt und geheilt werden können. Die Deutsche Leberstiftung bietet außerdem Information und Beratung in medizinischen Fragen. Auf der Website finden Sie umfangreiche Informationen sowie Bildmaterial für Betroffene, Interessierte, Angehörige der Fachkreise und Medienvertreter: https://www .deutsche-leberstiftung.de.
Am heutigen Freitag berät der Bundestag abschließend über den Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Staatsangehörigkeitsrechts. Prof. Dr. Hans Vorländer, Vorsitzender des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR), erklärt dazu:
„Die geplante Reform des Staatsangehörigkeitsrechts hat großes Potenzial. Zentrale Einbürgerungshürden werden dadurch beseitigt. Das ist ein wichtiges Signal für die ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft in Deutschland gefunden haben. Dass Mehrstaatigkeit nun auch bei Einbürgerung grundsätzlich akzeptiert werden soll, stellt einen Paradigmenwechsel dar, den wir begrüßen. Die unlimitierte Weitergabe der doppelten Staatsangehörigkeit an nachfolgende Generationen wirft dagegen demokratiepolitische Fragen auf: Dass sich Nachkommen von Eingebürgerten vermehrt an politischen Entscheidungsprozessen in anderen Ländern beteiligen können, kann problematisch werden – sowohl für das Land der Einbürgerung wie das Land der weiteren Staatsangehörigkeit.
Die geplante Verschärfung zur Lebensunterhaltssicherung als Einbürgerungsvoraussetzung sieht der SVR ebenfalls kritisch. Bestimmte Gruppen hätten demnach keinen Anspruch mehr auf Einbürgerung – darunter Menschen mit Behinderung, Studierende und Alleinerziehende, die Sozialleistungen beziehen, weil sie nicht oder nur in Teilzeit erwerbstätig sein können. Deren Berücksichtigung als Härtefälle im Rahmen der Ermessenseinbürgerung stellt keinen ausreichenden Ersatz dar. Auch Neuregelungen zur Verringerung von Staatenlosigkeit fehlen. Der SVR empfiehlt einen automatischen ius soli-Erwerb der Kinder von Staatenlosen, wenn die Eltern mindestens fünf Jahre rechtmäßig in Deutschland leben.
Zudem sieht der SVR große Herausforderungen in der Rechtsumsetzung: Zum Beispiel ist unklar, wie die zuständigen Behörden antisemitisch oder rassistisch motivierte Handlungen als Ausschlussgrund für eine Einbürgerung feststellen sollen. Auch ist die vorgesehene Dauer von drei Monaten bis zum Inkrafttreten des Gesetzes für die Anpassung von Verwaltungsabläufen knapp bemessen. Bereits jetzt sind Einbürgerungsbehörden stark belastet. Damit Prozesse beschleunigt werden können, braucht es mehr Ressourcen sowie weitere Digitalisierung – sonst besteht die Gefahr, dass die mit der Reform auf dem Papier abgebauten Einbürgerungshürden in der Realität von einem größer werdenden Antragsstau in den Ämtern wieder aufgefressen werden.“
Über den Sachverständigenrat Der Sachverständigenrat für Integration und Migration ist ein unabhängiges und interdisziplinär besetztes Gremium der wissenschaftlichen Politikberatung. Mit seinen Gutachten soll das Gremium zur Urteilsbildung bei allen integrations- und migrationspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie der Öffentlichkeit beitragen. Dem SVR gehören neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen und Forschungsrichtungen an: Prof. Dr. Hans Vorländer (Vorsitzender), Prof. Dr. Birgit Leyendecker (Stellvertretende Vorsitzende), Prof. Dr. Havva Engin, Prof. Dr. Birgit Glorius, Prof. Dr. Marc Helbling, Prof. Dr. Winfried Kluth, Prof. Dr. Matthias Koenig, Prof. Sandra Lavenex, Ph.D., Prof. Panu Poutvaara, Ph.D.
Veränderung gestalten – unter diesem Motto findet am 4./5. Dezember das Bioökonomie-Forum 2023 in Berlin statt. An der Veranstaltung nehmen mit Landwirtschaftsminister Özdemir, Umweltministerin Lemke und Forschungsministerin Stark-Watzinger gleich drei Bundesminister:innen teil. Das spricht für hohe Erwartungen der Politik in die Bioökonomie beim Umbau unserer Gesellschaft und auch für die Rolle des BioÖkonomieRats. Doch wie weit sind wir bislang gekommen? Welchen Herausforderungen müssen wir uns stellen? Prof. Dr.-Ing. Daniela Thrän, Leiterin des UFZ- Departments Bioenergie und Co-Vorsitzende des BioÖkonomieRats, steht in einem Interview Rede und Antwort.
Frau Thrän, was kann die Bioökonomie leisten, um die Transformation unserer Gesellschaft voranzubringen, unsere Zukunft also klimagerecht, naturerhaltend, sozial gerecht und ökonomisch nachhaltig zu gestalten?
Die Bioökonomie ist an ganz unterschiedlichen Stellen für die Transformation wichtig. Zum einen geht es darum, eine gesunde Ressourcenbasis zu erhalten, damit wir auch in Zukunft Produkte aus Biorohstoffen erzeugen können, die in der Bioökonomie verwendet werden können. Zum anderen kann man mit ausgewählten wichtigen Bioökonomie- Produkten Erdöl und andere fossile Stoffe substituieren – etwa bei Konsumartikeln oder auch im Baubereich. Da kann man gute Ergebnisse erzielen, wenn man mit Sonne, Wind und anderen natürlichen Ressourcen voranschreitet. Zudem geht es auch um biologisches Wissen, um Biotechnologie, mit der man letztlich durch neue biotechnologische Verfahren Bedarfe so decken kann, dass man dafür weniger andere Rohstoffe braucht. Deswegen sehen wir im BioÖkonomieRat vier zentrale Beiträge der Bioökonomie für die anstehenden Probleme: Erstens zum Klimaschutz beitragen, zweitens die Rohstoffwende unterstützen, drittens für Innovationen einen verlässlichen Rahmen schaffen und viertens eine nachhaltige Land- und Flächennutzung.
Auf dem Bioökonomie-Forum wird Bilanz gezogen, wie weit die Bioökonomie bislang gekommen ist. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?
In der Bioökonomie wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viele gute Ansätze entwickelt – es entstanden neue bioökonomische Produkte und neue Bausysteme. Jetzt ist die große Frage, wie schnell die in den Markt kommen. Wir stehen in vielen Bereichen an der Schwelle zum Markteintritt. Die Bioökonomie jetzt umzusetzen, das ist die Herausforderung. Das bedeutet, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit diese Produkte auch zum Zug kommen.
Nennen Sie uns bitte ein paar positive Beispiele.
Man kann Erfolge zum Beispiel an neuen Nahrungsmitteln festmachen, die mittlerweile in allen Supermarktregalen zu finden sind. Sie bestehen nicht mehr aus Fleisch, sondern nutzen alternative Proteine, die etwa aus Algen, Soja, verschiedenen Hülsenfrüchten oder auch der Jackfrucht bestehen. Auch die Nutzung von Insektenproteinen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln ist nicht mehr ungewöhnlich. Perspektivisch werden sicher auch Proteine eine Rolle spielen, die über Präzisionsfermentation durch bestimmte Mikroorganismen hergestellt werden. Bioökonomie-Produkte im Chemiebereich sollten stärker in den Fokus rücken. Es gibt inzwischen vereinzelt Unternehmen, die unterschiedliche Produkte aus Biomasse herstellen wie beispielsweise die UPM Biochemicals GmbH in Leuna. Sie errichtet die weltweit erste Bioraffinerie, in der aus nachhaltig erwirtschaftetem Laubholz Biochemikalien zur Fertigung von recyclingfähigen Alltagsgegenständen und Materialien gefertigt werden sollen. Ein drittes positives Beispiel ist Holzbau, bei dem klimaintensive Rohstoffe wie Zement oder Stahl durch Holz oder Holzverbundstoffe ersetzt werden. Besondere Effekte kann man hier erreichen, wenn es sich um langlebige Materialien handelt, die zum Beispiel auch repariert oder renoviert werden können.
Warum hakt es vielfach noch an der Umsetzung?
Ich glaube, bezüglich der Umsetzung sind drei Fragen relevant. Erstens: Wie viel Biomasse haben wir überhaupt zur Verfügung? Zweitens: Wie kommen wir zu neuen Verfahren, die diese Biomasse effizient für innovative Produkte nutzen? Drittens: Wie machen wir das so, dass diese Aktivitäten nicht im Widerspruch beispielsweise zu den Biodiversitätszielen stehen oder zu Verteilungsungerechtigkeiten, auch im internationalen Bereich, führen? Da wurden schon verschiedene Maßnahmen ergriffen und dafür ist die Gesamtschau auf die Bioökonomie hilfreich. Ein Vorschlag des BioÖkonomieRats war, sich eine Gesamt-Kohlenstoffbilanz für Deutschland anzuschauen, um daraus eine entsprechende Strategie zu entwickeln, wie der begrenzte Kohlenstoff eigentlich wo eingesetzt werden soll. Das könnte sich dann so ähnlich darstellen wie die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung, die auch viel Rechtssicherheit erzeugt hat. Das ist die große Perspektive. Wenn man sich die Frage stellt, wieso die Produkte nicht so schnell in den Markt kommen, dann muss man feststellen, dass es im Moment sehr viele Hürden gibt, neue Anlagen auszuprobieren. Wir haben zum Beispiel im Energiebereich die Option auf Reallabore, aber die gibt es jetzt für die Bioökonomie so noch nicht. Ein ganz praktisches Beispiel: Wenn Sie versuchen, eine Bioraffinerie in ein fossiles Raffineriekonstrukt einzubetten, dann haben Sie andere rechtliche Regeln zu berücksichtigen. Eine Bioraffinerie produziert beispielsweise deutlich mehr und anderes Abwasser als die klassische Erdölverarbeitung. Das bedeutet zusätzlichen Aufwand für Planung und Genehmigung. Dies sind im Moment große Hürden, um dann tatsächlich auch Anlagen errichten zu können.
Der BioÖkonomieRat hat im Mai Vorschläge und Empfehlungen vorgelegt, wie der Regierung mit einer Nationalen Bioökonomiestrategie der Umbau zu einer ressourcenschonenden Wirtschaftsweise gelingen kann. Was sind die zentralen Botschaften?
Wir haben vor allem versucht, für die vier Bereiche Klimaschutz, Rohstoffwende, Innovation und Flächenschonung Handlungsempfehlungen zu geben, die gut und zeitnah umsetzbar sind. Sie sind gegliedert in zehn Themenfelder mit 55 Handlungsempfehlungen. Das umfasst ganz konkrete Vorschläge – beispielsweise, wie man in Bezug auf flächensparende Landnutzung mit Photovoltaiksystemen umgehen sollte. Oder: Wie man in der Landwirtschaft mehr Wertschöpfung generieren kann, indem man Biogasanlagen zu Bioraffinerien weiterentwickelt, und so sicherstellt, dass Biogasanlagen künftig ohne die Nutzung von großen Mengen Energiepflanzen betrieben werden können. Es geht bei der Rohstoffwende sehr stark darum, wie die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass diese Implementierung schneller gelingt. Die entscheidende Frage ist, wie man die Kreislaufwirtschaft bei der Rohstoffwende verbessern kann. Wie lässt sich zum Beispiel sicherstellen, dass Holz einen langen Lebenszyklus bekommt? Man muss sich bei Holz möglicherweise auch vor dem Hintergrund planetarer Grenzen fragen: Wie kann ein fairer Verbrauch aussehen? Es sind am Ende also nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche Fragen der optimalen und fairen Nutzung. Bei Innovationen geht es darum, die biotechnologischen Entwicklungen, die in Deutschland eine starke Rolle spielen, schneller in den Markt zu bringen. Dafür muss man auch sicherstellen, dass Wagniskapital vorhanden ist, damit die Innovationskette gut funktioniert. Es braucht mehr Klarheit, um den Unternehmen die Richtung vorzugeben, damit solche Innovationen vorangebracht werden.
Wie offen ist die Bundesregierung für Ratschläge des BioÖkonomieRats?
Generell hat der derzeitige BioÖkonomieRat, dessen aktuelle Handlungsperiode Ende des Jahres zu Ende geht, unter anderem den Auftrag, die Umsetzung der Nationalen Bioökonomiestrategie zu unterstützen. In diesem Sinne gab es eine gute und von Interesse geprägte Zusammenarbeit mit der Bundesregierung. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine interministerielle Arbeitsgruppe, die die Bioökonomie auf Regierungsebene voranbringen will. Schließlich ist es ein breit angelegtes Thema, das quer über die Ministerien geht. Federführend sind das Bundesforschungs- und Bundeslandwirtschaftsministerium, darüber hinaus zeigen Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium starke Präsenz. Das hat den Vorteil, dass das Ganze als großes Bild angeschaut wird. In dieser Breite haben wir Empfehlungen ausgetauscht und diskutiert. Dadurch brauchen Prozesse aber auch länger. Die Ansätze sind sehr unterschiedlich, zudem gibt es im BioÖkonomieRat eine große wissenschaftliche Vielfalt. Es geht deswegen nicht über Nacht, sich auf bestimmte Handlungsempfehlungen zu einigen.
Sie leiten das Department Bioenergie am UFZ und den Bereich Bioenergiesysteme am Deutschen Biomasseforschungszentrum. Welche Erkenntnisse aus Ihrer Forschung können Sie in den BioÖkonomieRat einbringen?
Das Ziel unserer Forschung ist es, ein umfassendes Verständnis der Wechselwirkungen zwischen erneuerbaren Rohstoffquellen, ihren technischen Nutzungsoptionen, der Umwelt und der Gesellschaft zu gewinnen und auf dieser Basis transparente Modellierungsansätze zu entwickeln, die diese Wechselwirkungen beschreiben. Die Modelle erlauben es, Szenarien von Entwicklungsperspektiven zu simulieren. Sie dienen damit sowohl als Entscheidungsgrundlage für nachhaltige Strategien im Bereich der Erneuerbaren Energien als auch im Bereich der Bioökonomie – und fließen natürlich auch direkt in die Arbeit des BioÖkonomieRats ein.
Welche Erwartungen haben Sie als eine der beiden Vorsitzenden des BioÖkonomieRats an die Tagung?
Wir wollen zwei Dinge erreichen: Zum einen wollen wir mit Kolleg:innen aus Forschung, Praxis und Politik diskutieren, wie die Umsetzung der Bioökonomie gelingen kann, und wie wir in den vier Handlungsfeldern schnell vorankommen, um die Bioökonomie umzusetzen und deren Potenzial zu nutzen. Zum anderen möchten wir auf diesem Weg natürlich gern zeigen, was an Überlegungen im BioÖkonomieRat in den vergangenen drei Jahren stattgefunden hat.
Die Ingenieurin und Systemwissenschaftlerin Prof. Dr. Daniela Thrän leitet das Department Bioenergie am UFZ-Standort in Leipzig und ist gleichzeitig Bereichsleiterin „Bioenergiesysteme“ am Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ). An der Universität Leipzig hat sie den Lehrstuhl für Bioenergiesysteme inne. Daniela Thrän ist in zahlreichen Beratungsgremien und Beiräten tätig, unter anderem im Bioökonomierat der Bundesregierung, dem sie seit 2012 angehört und dessen Co-Vorsitzende sie seit 2020 ist. Videoporträt: https://www.youtube.com/watch?v=fjdpgehPzoA