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Journalismus digital transformieren: Christopher Buschow ist neuer Professor an der TU Hamburg

Die Auswirkungen der Digitalisierung lassen sich im Journalismus besonders
gut beobachten: Kaum ein Medienbereich unterliegt heute ähnlichen
Umwälzungen, die es zu gestalten gilt. Journalismusforscher Christopher
Buschow ist davon überzeugt, dass Lehre und Forschung einen wichtigen
Beitrag dazu leisten können. Inhaltlich beschäftigt sich der
Kommunikationswissenschaftler vor allem mit folgenden Fragen: Wie
beeinflussen technologische Fortschritte Berufsbilder im Journalismus, was
bedeutet der Einsatz neuer Schlüsseltechnologien wie KI für
journalistisches Arbeiten, und welche Rolle spielt der digitale
Journalismus in zunehmend wissenschaftsbasierten Gesellschaften?

Im Journalismus lassen sich die Auswirkungen der Digitalisierung wie unter
einem Brennglas beobachten: Kaum ein Medienbereich unterliegt heute
ähnlichen Umwälzungen, die es zu gestalten gilt. Journalismusforscher
Christopher Buschow ist davon überzeugt, dass Lehre und Forschung einen
wichtigen Beitrag dazu leisten können, Antworten auf seine drängendsten
Zukunftsfragen zu finden: „Mein Ziel ist es, die gegenwärtige
Transformation des Journalismus forschend zu begleiten und
wissenschaftsgeleitete Expertise zur Bewältigung dieser Umbrüche
bereitzustellen“, so Christopher Buschow. Inhaltlich beschäftigt sich der
Kommunikationswissenschaftler vor allem mit folgenden Fragen: Wie
beeinflussen technologische Fortschritte Berufsbilder im Journalismus, was
bedeutet der Einsatz neuer Schlüsseltechnologien wie KI für
journalistisches Arbeiten, und welche Rolle spielt der digitale
Journalismus in zunehmend wissenschaftsbasierten Gesellschaften? In seiner
Arbeit verfolgt Buschow einen „transformativen Ansatz“. Die Forschung sei
in der Pflicht, aktiv an der Weiterentwicklung des Journalismus
mitzuwirken.

„Journalismus als Eckpfeiler demokratischer Gesellschaften“
Die Technische Universität Hamburg hat den berufsbegleitenden Studiengang
„Digitaler Journalismus“ gemeinsam mit der Hamburg Media School (HMS)
eingerichtet. Im Zuge der Kooperation wurde Christopher Buschow zum 1.
Januar 2024 als Professor an die TU Hamburg berufen. Er ist gleichzeitig
Leiter des Fachgebiets Digitaler Journalismus an der HMS. Zuvor war er
wissenschaftlicher Mitarbeiter, Doktorand und später Habilitand am
Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK) der Hochschule
für Musik, Theater und Medien Hannover. An der Bauhaus-Universität Weimar
wirkte er von 2018 bis 2023 als Juniorprofessor an der Fakultät Medien. Zu
den Themenfeldern Innovationen in der Organisation, der Finanzierung von
Produkten des digitalen Journalismus sowie Neugründungen in der
Medienwirtschaft hat der Kommunikationswissenschaftler bereits mehrere
Projekte durchgeführt, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG),
vom Bildungsministeriums (BMBF) und der Klaus Tschira Stiftung unterstützt
wurden.
Buschow verfolgt mit seiner Arbeit das Anliegen, den Journalismus als
Eckpfeiler demokratischer Gesellschaften zu stärken. Denn Journalismus
informiere Bürger, befähige sie zu Meinungsbildung und Wahlentscheidungen
und kontrolliere als vierte Gewalt Politik und Wirtschaft. „Die in dieser
Form einzigartige Kooperation zwischen TU Hamburg und Hamburg Media School
eröffnet große Chancen, technische Fortschritte für den Journalismus
nutzbar zu machen und Technologie zum Wohle des Journalismus
auszugestalten“, erklärt der frischernannte TU-Professor.

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Lebererkrankte sind Vorurteilen ausgesetzt: Deutsche Leberstiftung fordert zum „Tag des Patienten“ Entstigmatisierung

Jedes Jahr am 26. Januar findet der Tag des Patienten statt.
Mit dem Motto: „Ihre Gesundheit, Ihre Stimme: Der schnelle Weg zu Recht
und Hilfe im Krankenhaus!“ verfolgt der diesjährige Aktionstag das Ziel,
die Situation und Rolle von Patienten zu stärken und zu optimieren. Die
Deutsche Leberstiftung unterstützt den Tag des Patienten. Sie nimmt den
Aktionstag zum Anlass, über das weltweite Gesundheitsproblem
Lebererkrankungen zu informieren, das oft mit Vorurteilen und negativen
Bewertungen einhergeht, die zur Stigmatisierung führen.

Imageprobleme kennen wir alle. Ob Star, Unternehmen, Marke oder Produkt –
das Image ist wichtig und muss positiv sein. Hat jemand oder etwas einen
schlechten Ruf, hält sich dieser oft hartnäckig und es ist schwer, diesen
in der öffentlichen Meinung wieder zu beseitigen. Und häufig spielt es
auch keine Rolle, ob das entstandene negative Bild überhaupt der Realität
entspricht. Genauso verhält es sich auch bei Krankheiten. Es gibt
Krankheiten, die in Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung ohne
Vorurteile bewertet werden wie beispielsweise Herzerkrankungen. Ein Organ,
dessen Erkrankungen jedoch mit sehr negativen Vorurteilen besetzt sind,
ist die Leber. Lebererkrankte sind daher noch immer häufig von
Stigmatisierung betroffen.

Dass diese unterschiedliche Wahrnehmung und Beurteilung von Krankheiten
auch länderspezifische Ausprägungen hat, erklärt Prof. Dr. Michael P.
Manns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung: „In
unterschiedlichen Nationen gibt es ganz unterschiedliche
Krankheitswahrnehmungen bestimmter Organe. Europäer sind eher
herzfokussiert. In Asien spielt die Leber aufgrund der höheren Anzahl von
Lebererkrankungen eine größere Rolle im öffentlichen Bewusstsein. Bei uns
in Deutschland ist kein gutes Bewusstsein für Lebererkrankungen
ausgeprägt. Dies betrifft nicht nur die Patienten, sondern auch viele
hausärztliche Praxen. Ich habe eine große Anzahl von Patienten, bei denen
teilweise über Jahrzehnte erhöhte Leberwerte festgestellt worden sind,
bevor man überhaupt über Ursachenforschung nachgedacht hat. Wir haben eine
Vernachlässigung des Organs Leber in Deutschland. Und Lebererkrankungen
haben ein schlechtes Image. Um dem entgegenzuwirken, engagiert sich die
Deutsche Leberstiftung unter anderem für mehr öffentliches Bewusstsein für
das lebenswichtige Organ.“

Noch immer sind Patienten, die an der Leber erkranken, häufig dem Vorwurf
ausgesetzt, selbst an der Erkrankung schuld zu sein – beispielsweise durch
übermäßigen Alkoholkonsum. Auch im Bereich der Bekämpfung von
Virushepatitis liegen medizinische und gesellschaftspolitische Themen eng
beieinander, was dazu führt, dass Patienten mit einer Virushepatitis
oftmals von Stigmatisierung betroffen sind. Zusätzlich zur Angst vor dem
Stigma ist auch fehlendes Wissen ein Grund für viele Betroffene, sich der
Diagnose nicht zu stellen. Die falsche Annahme, dass keine wirksamen oder
aber nur mit sehr starken Nebenwirkungen behaftete Medikamente zur
Verfügung stünden, ist noch immer sehr verbreitet. In vielen Fällen können
Leberschädigungen oder Lebererkrankungen bereits in einem frühen Stadium
nachgewiesen und erfolgreich behandelt werden – vorausgesetzt, Arzt und
Patient sind für das lebenswichtige Organ und seinen Gesundheitsstatus
sensibilisiert.

Um bei der Bekämpfung des weltweiten Gesundheitsproblems der steatotischen
Lebererkrankung (SLD, bislang als Fettlebererkrankung bezeichnet), von dem
auch in Deutschland schätzungsweise jeder Vierte betroffen ist, mögliche
Hindernisse durch stigmatisierende Bezeichnungen zu beseitigen, wurden im
Juni 2023 neue Fachbegriffe veröffentlicht. Zukünftig dient „Steatotische
Lebererkrankungen“ als neuer Klammerbegriff, der alle
Fettlebererkrankungen einschließt – unabhängig von der Ursache. Die
bislang als nicht-alkoholische Fettlebererkrankung bezeichnete Krankheit
wird zur Metabolic dysfunction-associated steatotic liver disease (MASLD).
Eine aufgrund einer Stoffwechselstörung entzündete Leber, von der in
Deutschland vier Prozent betroffen sind, wird in der neuen Nomenklatur als
Metabolische dysfunktions-assoziierte Steatohepatitis (Metabolic
dysfunction-associated steatohepatitis, MASH) geführt und wurde vormals
als nicht-alkoholische Steatohepatitis (NASH) bezeichnet. Neben dem
Vorteil, dass die neue Terminologie nicht mehr als stigmatisierend
empfunden werden kann, ermöglichen die neuen Fachbegriffe exaktere
Diagnosen, die zudem treffsicherer benannt werden können.

Damit sind weitere Schritte getan, das Image-Problem und die
Stigmatisierung bei Lebererkrankungen zu beseitigen. Die Deutsche
Leberstiftung wird sich weiterhin engagieren – über die Leber und ihre
Erkrankungen aufklären und die Verbesserung der Versorgung von Patienten
mit Lebererkrankungen vorantreiben. Kein von einer Lebererkrankung
Betroffener sollte sich im ärztlichen Gespräch oder persönlichen Umfeld
rechtfertigen müssen oder das Gefühl haben, die Erkrankung selbst
verschuldet zu haben. Wichtig ist die offene Kommunikation über die
vielfältigen Gründe für Lebererkrankungen, die tatsächlich jeden treffen
können. Fundierte Aufklärung über etwaige Risikofaktoren kann das
Bewusstsein für die Lebergesundheit schärfen, damit die Patienten
Vorsorgeuntersuchungen frühzeitig in Anspruch nehmen und die Chancen für
die vielfältigen Möglichkeiten einer kurativen Behandlung steigen – und
Lebererkrankungen endgültig entstigmatisiert werden.

Deutsche Leberstiftung

Die Deutsche Leberstiftung befasst sich mit der Leber, Lebererkrankungen
und ihren Behandlungen. Sie hat das Ziel, die Patientenversorgung durch
Forschungsförderung, Forschungsvernetzung und wissenschaftliche Projekte
zu verbessern. Mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit steigert die Stiftung
die öffentliche Wahrnehmung für Lebererkrankungen, damit diese früher
erkannt und geheilt werden können. Die Deutsche Leberstiftung bietet
außerdem Information und Beratung in medizinischen Fragen. Auf der Website
finden Sie umfangreiche Informationen sowie Bildmaterial für Betroffene,
Interessierte, Angehörige der Fachkreise und Medienvertreter: https://www
.deutsche-leberstiftung.de.

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Wichtige Ansätze und offene Fragen: SVR zu Staatsangehörigkeitsreform

Am heutigen Freitag berät der Bundestag abschließend über den Entwurf
eines Gesetzes zur Modernisierung des Staatsangehörigkeitsrechts. Prof.
Dr. Hans Vorländer, Vorsitzender des Sachverständigenrats für Integration
und Migration (SVR), erklärt dazu:

„Die geplante Reform des Staatsangehörigkeitsrechts hat großes Potenzial.
Zentrale Einbürgerungshürden werden dadurch beseitigt. Das ist ein
wichtiges Signal für die ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die
ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft in Deutschland gefunden haben. Dass
Mehrstaatigkeit nun auch bei Einbürgerung grundsätzlich akzeptiert werden
soll, stellt einen Paradigmenwechsel dar, den wir begrüßen. Die
unlimitierte Weitergabe der doppelten Staatsangehörigkeit an nachfolgende
Generationen wirft dagegen demokratiepolitische Fragen auf: Dass sich
Nachkommen von Eingebürgerten vermehrt an politischen
Entscheidungsprozessen in anderen Ländern beteiligen können, kann
problematisch werden – sowohl für das Land der Einbürgerung wie das Land
der weiteren Staatsangehörigkeit.

Die geplante Verschärfung zur Lebensunterhaltssicherung als
Einbürgerungsvoraussetzung sieht der SVR ebenfalls kritisch. Bestimmte
Gruppen hätten demnach keinen Anspruch mehr auf Einbürgerung – darunter
Menschen mit Behinderung, Studierende und Alleinerziehende, die
Sozialleistungen beziehen, weil sie nicht oder nur in Teilzeit
erwerbstätig sein können. Deren Berücksichtigung als Härtefälle im Rahmen
der Ermessenseinbürgerung stellt keinen ausreichenden Ersatz dar. Auch
Neuregelungen zur Verringerung von Staatenlosigkeit fehlen. Der SVR
empfiehlt einen automatischen ius soli-Erwerb der Kinder von Staatenlosen,
wenn die Eltern mindestens fünf Jahre rechtmäßig in Deutschland leben.

Zudem sieht der SVR große Herausforderungen in der Rechtsumsetzung: Zum
Beispiel ist unklar, wie die zuständigen Behörden antisemitisch oder
rassistisch motivierte Handlungen als Ausschlussgrund für eine
Einbürgerung feststellen sollen. Auch ist die vorgesehene Dauer von drei
Monaten bis zum Inkrafttreten des Gesetzes für die Anpassung von
Verwaltungsabläufen knapp bemessen. Bereits jetzt sind
Einbürgerungsbehörden stark belastet. Damit Prozesse beschleunigt werden
können, braucht es mehr Ressourcen sowie weitere Digitalisierung – sonst
besteht die Gefahr, dass die mit der Reform auf dem Papier abgebauten
Einbürgerungshürden in der Realität von einem größer werdenden Antragsstau
in den Ämtern wieder aufgefressen werden.“

Über den Sachverständigenrat
Der Sachverständigenrat für Integration und Migration ist ein unabhängiges
und interdisziplinär besetztes Gremium der wissenschaftlichen
Politikberatung. Mit seinen Gutachten soll das Gremium zur Urteilsbildung
bei allen integrations- und migrationspolitisch verantwortlichen Instanzen
sowie der Öffentlichkeit beitragen. Dem SVR gehören neun
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen und
Forschungsrichtungen an: Prof. Dr. Hans Vorländer (Vorsitzender), Prof.
Dr. Birgit Leyendecker (Stellvertretende Vorsitzende), Prof. Dr. Havva
Engin, Prof. Dr. Birgit Glorius, Prof. Dr. Marc Helbling, Prof. Dr.
Winfried Kluth, Prof. Dr. Matthias Koenig, Prof. Sandra Lavenex, Ph.D.,
Prof. Panu Poutvaara, Ph.D.

Weitere Informationen unter: https//:www.svr-migration.de

Originalpublikation:
https://www.svr-migration.de/publikation/positionspapier-
weiterentwicklung-staatsangehoerigkeitsrecht/

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"Der Markteintritt von bioökonomischen Lösungen ist jetzt die große Herausforderung"

Prof. Daniela Thrän  Susan Walter-Pantzer / UFZ
Prof. Daniela Thrän Susan Walter-Pantzer / UFZ

Veränderung gestalten – unter diesem Motto findet am 4./5. Dezember das
Bioökonomie-Forum 2023 in Berlin statt. An der Veranstaltung nehmen mit
Landwirtschaftsminister Özdemir, Umweltministerin Lemke und
Forschungsministerin Stark-Watzinger gleich drei Bundesminister:innen
teil. Das spricht für hohe Erwartungen der Politik in die Bioökonomie beim
Umbau unserer Gesellschaft und auch für die Rolle des BioÖkonomieRats.
Doch wie weit sind wir bislang gekommen? Welchen Herausforderungen müssen
wir uns stellen? Prof. Dr.-Ing. Daniela Thrän, Leiterin des UFZ-
Departments Bioenergie und Co-Vorsitzende des BioÖkonomieRats, steht in
einem Interview Rede und Antwort.

Frau Thrän, was kann die Bioökonomie leisten, um die Transformation
unserer Gesellschaft voranzubringen, unsere Zukunft also klimagerecht,
naturerhaltend, sozial gerecht und ökonomisch nachhaltig zu gestalten?

Die Bioökonomie ist an ganz unterschiedlichen Stellen für die
Transformation wichtig. Zum einen geht es darum, eine gesunde
Ressourcenbasis zu erhalten, damit wir auch in Zukunft Produkte aus
Biorohstoffen erzeugen können, die in der Bioökonomie verwendet werden
können. Zum anderen kann man mit ausgewählten wichtigen Bioökonomie-
Produkten Erdöl und andere fossile Stoffe substituieren – etwa bei
Konsumartikeln oder auch im Baubereich. Da kann man gute Ergebnisse
erzielen, wenn man mit Sonne, Wind und anderen natürlichen Ressourcen
voranschreitet. Zudem geht es auch um biologisches Wissen, um
Biotechnologie, mit der man letztlich durch neue biotechnologische
Verfahren Bedarfe so decken kann, dass man dafür weniger andere Rohstoffe
braucht.
Deswegen sehen wir im BioÖkonomieRat vier zentrale Beiträge der
Bioökonomie für die anstehenden Probleme: Erstens zum Klimaschutz
beitragen, zweitens die Rohstoffwende unterstützen, drittens für
Innovationen einen verlässlichen Rahmen schaffen und viertens eine
nachhaltige Land- und Flächennutzung.

Auf dem Bioökonomie-Forum wird Bilanz gezogen, wie weit die Bioökonomie
bislang gekommen ist. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

In der Bioökonomie wurden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viele
gute Ansätze entwickelt – es entstanden neue bioökonomische Produkte und
neue Bausysteme. Jetzt ist die große Frage, wie schnell die in den Markt
kommen. Wir stehen in vielen Bereichen an der Schwelle zum Markteintritt.
Die Bioökonomie jetzt umzusetzen, das ist die Herausforderung. Das
bedeutet, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit diese Produkte auch zum Zug
kommen.

Nennen Sie uns bitte ein paar positive Beispiele.

Man kann Erfolge zum Beispiel an neuen Nahrungsmitteln festmachen, die
mittlerweile in allen Supermarktregalen zu finden sind. Sie bestehen nicht
mehr aus Fleisch, sondern nutzen alternative Proteine, die etwa aus Algen,
Soja, verschiedenen Hülsenfrüchten oder auch der Jackfrucht bestehen. Auch
die Nutzung von Insektenproteinen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln
ist nicht mehr ungewöhnlich. Perspektivisch werden sicher auch Proteine
eine Rolle spielen, die über Präzisionsfermentation durch bestimmte
Mikroorganismen hergestellt werden.
Bioökonomie-Produkte im Chemiebereich sollten stärker in den Fokus rücken.
Es gibt inzwischen vereinzelt Unternehmen, die unterschiedliche Produkte
aus Biomasse herstellen wie beispielsweise die UPM Biochemicals GmbH in
Leuna. Sie errichtet die weltweit erste Bioraffinerie, in der aus
nachhaltig erwirtschaftetem Laubholz Biochemikalien zur Fertigung von
recyclingfähigen Alltagsgegenständen und Materialien gefertigt werden
sollen.
Ein drittes positives Beispiel ist Holzbau, bei dem klimaintensive
Rohstoffe wie Zement oder Stahl durch Holz oder Holzverbundstoffe ersetzt
werden. Besondere Effekte kann man hier erreichen, wenn es sich um
langlebige Materialien handelt, die zum Beispiel auch repariert oder
renoviert werden können.

Warum hakt es vielfach noch an der Umsetzung?

Ich glaube, bezüglich der Umsetzung sind drei Fragen relevant. Erstens:
Wie viel Biomasse haben wir überhaupt zur Verfügung? Zweitens: Wie kommen
wir zu neuen Verfahren, die diese Biomasse effizient für innovative
Produkte nutzen? Drittens: Wie machen wir das so, dass diese Aktivitäten
nicht im Widerspruch beispielsweise zu den Biodiversitätszielen stehen
oder zu Verteilungsungerechtigkeiten, auch im internationalen Bereich,
führen?
Da wurden schon verschiedene Maßnahmen ergriffen und dafür ist die
Gesamtschau auf die Bioökonomie hilfreich. Ein Vorschlag des
BioÖkonomieRats war, sich eine Gesamt-Kohlenstoffbilanz für Deutschland
anzuschauen, um daraus eine entsprechende Strategie zu entwickeln, wie der
begrenzte Kohlenstoff eigentlich wo eingesetzt werden soll. Das könnte
sich dann so ähnlich darstellen wie die Wasserstoffstrategie der
Bundesregierung, die auch viel Rechtssicherheit erzeugt hat. Das ist die
große Perspektive.
Wenn man sich die Frage stellt, wieso die Produkte nicht so schnell in den
Markt kommen, dann muss man feststellen, dass es im Moment sehr viele
Hürden gibt, neue Anlagen auszuprobieren. Wir haben zum Beispiel im
Energiebereich die Option auf Reallabore, aber die gibt es jetzt für die
Bioökonomie so noch nicht.
Ein ganz praktisches Beispiel: Wenn Sie versuchen, eine Bioraffinerie in
ein fossiles Raffineriekonstrukt einzubetten, dann haben Sie andere
rechtliche Regeln zu berücksichtigen. Eine Bioraffinerie produziert
beispielsweise deutlich mehr und anderes Abwasser als die klassische
Erdölverarbeitung. Das bedeutet zusätzlichen Aufwand für Planung und
Genehmigung. Dies sind im Moment große Hürden, um dann tatsächlich auch
Anlagen errichten zu können.

Der BioÖkonomieRat hat im Mai Vorschläge und Empfehlungen vorgelegt, wie
der Regierung mit einer Nationalen Bioökonomiestrategie der Umbau zu einer
ressourcenschonenden Wirtschaftsweise gelingen kann. Was sind die
zentralen Botschaften?

Wir haben vor allem versucht, für die vier Bereiche Klimaschutz,
Rohstoffwende, Innovation und Flächenschonung Handlungsempfehlungen zu
geben, die gut und zeitnah umsetzbar sind. Sie sind gegliedert in zehn
Themenfelder mit 55 Handlungsempfehlungen. Das umfasst ganz konkrete
Vorschläge – beispielsweise, wie man in Bezug auf flächensparende
Landnutzung mit Photovoltaiksystemen umgehen sollte. Oder: Wie man in der
Landwirtschaft mehr Wertschöpfung generieren kann, indem man Biogasanlagen
zu Bioraffinerien weiterentwickelt, und so sicherstellt, dass
Biogasanlagen künftig ohne die Nutzung von großen Mengen Energiepflanzen
betrieben werden können.
Es geht bei der Rohstoffwende sehr stark darum, wie die Rahmenbedingungen
so gestaltet werden, dass diese Implementierung schneller gelingt. Die
entscheidende Frage ist, wie man die Kreislaufwirtschaft bei der
Rohstoffwende verbessern kann. Wie lässt sich zum Beispiel sicherstellen,
dass Holz einen langen Lebenszyklus bekommt? Man muss sich bei Holz
möglicherweise auch vor dem Hintergrund planetarer Grenzen fragen: Wie
kann ein fairer Verbrauch aussehen? Es sind am Ende also nicht nur
technische, sondern auch gesellschaftliche Fragen der optimalen und fairen
Nutzung.
Bei Innovationen geht es darum, die biotechnologischen Entwicklungen, die
in Deutschland eine starke Rolle spielen, schneller in den Markt zu
bringen. Dafür muss man auch sicherstellen, dass Wagniskapital vorhanden
ist, damit die Innovationskette gut funktioniert. Es braucht mehr
Klarheit, um den Unternehmen die Richtung vorzugeben, damit solche
Innovationen vorangebracht werden.

Wie offen ist die Bundesregierung für Ratschläge des BioÖkonomieRats?

Generell hat der derzeitige BioÖkonomieRat, dessen aktuelle
Handlungsperiode Ende des Jahres zu Ende geht, unter anderem den Auftrag,
die Umsetzung der Nationalen Bioökonomiestrategie zu unterstützen. In
diesem Sinne gab es eine gute und von Interesse geprägte Zusammenarbeit
mit der Bundesregierung. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine
interministerielle Arbeitsgruppe, die die Bioökonomie auf Regierungsebene
voranbringen will. Schließlich ist es ein breit angelegtes Thema, das quer
über die Ministerien geht. Federführend sind das Bundesforschungs- und
Bundeslandwirtschaftsministerium, darüber hinaus zeigen Bundeswirtschafts-
und Bundesumweltministerium starke Präsenz. Das hat den Vorteil, dass das
Ganze als großes Bild angeschaut wird.
In dieser Breite haben wir Empfehlungen ausgetauscht und diskutiert.
Dadurch brauchen Prozesse aber auch länger. Die Ansätze sind sehr
unterschiedlich, zudem gibt es im BioÖkonomieRat eine große
wissenschaftliche Vielfalt. Es geht deswegen nicht über Nacht, sich auf
bestimmte Handlungsempfehlungen zu einigen.

Sie leiten das Department Bioenergie am UFZ und den Bereich
Bioenergiesysteme am Deutschen Biomasseforschungszentrum. Welche
Erkenntnisse aus Ihrer Forschung können Sie in den BioÖkonomieRat
einbringen?

Das Ziel unserer Forschung ist es, ein umfassendes Verständnis der
Wechselwirkungen zwischen erneuerbaren Rohstoffquellen, ihren technischen
Nutzungsoptionen, der Umwelt und der Gesellschaft zu gewinnen und auf
dieser Basis transparente Modellierungsansätze zu entwickeln, die diese
Wechselwirkungen beschreiben. Die Modelle erlauben es, Szenarien von
Entwicklungsperspektiven zu simulieren. Sie dienen damit sowohl als
Entscheidungsgrundlage für nachhaltige Strategien im Bereich der
Erneuerbaren Energien als auch im Bereich der Bioökonomie – und fließen
natürlich auch direkt in die Arbeit des BioÖkonomieRats ein.

Welche Erwartungen haben Sie als eine der beiden Vorsitzenden des
BioÖkonomieRats an die Tagung?

Wir wollen zwei Dinge erreichen: Zum einen wollen wir mit Kolleg:innen aus
Forschung, Praxis und Politik diskutieren, wie die Umsetzung der
Bioökonomie gelingen kann, und wie wir in den vier Handlungsfeldern
schnell vorankommen, um die Bioökonomie umzusetzen und deren Potenzial zu
nutzen. Zum anderen möchten wir auf diesem Weg natürlich gern zeigen, was
an Überlegungen im BioÖkonomieRat in den vergangenen drei Jahren
stattgefunden hat.

Die Ingenieurin und Systemwissenschaftlerin Prof. Dr. Daniela Thrän leitet
das Department Bioenergie am UFZ-Standort in Leipzig und ist gleichzeitig
Bereichsleiterin „Bioenergiesysteme“ am Deutschen
Biomasseforschungszentrum (DBFZ). An der Universität Leipzig hat sie den
Lehrstuhl für Bioenergiesysteme inne. Daniela Thrän ist in zahlreichen
Beratungsgremien und Beiräten tätig, unter anderem im Bioökonomierat der
Bundesregierung, dem sie seit 2012 angehört und dessen Co-Vorsitzende sie
seit 2020 ist. Videoporträt: https://www.youtube.com/watch?v=fjdpgehPzoA

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