Drohne mit Ohren
Nach einer Katastrophe zählt jede Minute. Bei der Suche nach Überlebenden
werden oftmals unbemannte Luftfahrzeuge (UAV) eingesetzt, die in schwer
zugänglichen Gebieten ein erstes Lagebild liefern und helfen, Opfer
aufzuspüren – sofern diese sichtbar sind. Forschende am Fraunhofer FKIE
wollen mit einer neuen Technologie eine Lücke im Katastrophenschutz
schließen: Mit Mikrofon-Arrays ausgestattete Drohnen sollen künftig die
Hilfeschreie und akustische Signale Hilfesuchender aus der Luft gezielt
orten und Bergungskräften die Standortdaten der Verletzten liefern. Das
erhöht deutlich die Chancen auf eine schnelle Rettung von Verschütteten,
die nicht per Kamera entdeckt werden können.
Überschwemmungen in Libyen, Griechenland und Slowenien, Brände auf Hawaii
und Teneriffa, Erdbeben in der Türkei und in Marokko – wird eine Region
von einer Naturkatastrophe betroffen, zählt jede Minute, um die Verletzten
zu retten. Doch die Suche nach Überlebenden ist komplex, Gebäude und
Straßen können beschädigt, große Gebiete nicht zugänglich sein. Daher
werden zunehmend Drohnen mit Tageslicht- und Wärmebildkameras an Bord
eingesetzt, um schnell große Gebiete mit zerstörter Infrastruktur zu
überfliegen, Hilfesuchende zu orten und die Reaktionsfähigkeit der
Rettungsteams zu beschleunigen. Das Problem: Unter Trümmern
eingeschlossene Opfer sind für diese bildgebenden Sensoren nicht sichtbar.
Auch bei dickem Rauch, Nebel und Dunkelheit sind den Kameras Grenzen
gesetzt. Für diese Szenarien entwerfen Forschende am Fraunhofer FKIE eine
Lösung, die die Kameras um akustische Sensoren ergänzt: Mit LUCY, kurz für
Listening system Using a Crow’s nest arraY, entwickelt die Fraunhofer-
FKIE-Wissenschaftlerin Macarena Varela zusammen mit Kollegen und dem
Forschungsgruppenleiter Dr. Marc Oispuu eine Technologie, die
Verschütteten und von Bränden Eingeschlossenen das Leben retten kann.
Mikrofon-Array empfängt Signale aus allen Richtungen
Bei LUCY handelt es sich um ein Array von MEMS-Mikrofonen, ein sogenanntes
Krähennest-Array, das an Drohnen montiert wird, um die Einfallsrichtung
von Geräuschen wie Hilferufe, Klatschen oder Klopfsignale zu bestimmen.
Die robusten, winzigen MEMS-Mikrofone sind kostengünstig und werden
beispielsweise in Smartphones verwendet. Die Besonderheit des Systems: Die
Mikrofone werden in einer speziellen geometrischen Anordnung an der
Unterseite der Drohne angebracht und können Schall aus allen Richtungen
wahrnehmen. »Der höchste Aussichtspunkt auf Schiffen wird als Crow‘s nest
bezeichnet, von dort aus kann man in alle Richtungen sehen. Dies gilt auch
für LUCY, unser System kann quasi uneingeschränkt in alle Richtungen
hören«, erläutert die Forscherin.
LUCY funktioniert ähnlich wie das menschliche Ohr, das Schallinformationen
aufnimmt und an das Gehirn weiterleitet, wo sie analysiert werden. Bei dem
Array-System werden die Ohren durch Mikrofone ersetzt, das Gehirn durch
eine Signalverarbeitungseinheit, die die Einfallsrichtung der Geräusche
schätzt. Da LUCY aktuell nicht nur zwei, sondern 48 Mikrofone umfasst,
kann die Richtung der Schallquelle präzise bestimmt werden. »Räumliches
Hören funktioniert mit 48 und mehr Mikrofonen natürlich besser als mit
zwei akustischen Sensoren, und auch das gezielte Hören in eine Richtung
klappt besser, ebenso wie das Weghören«, sagt Dr. Oispuu. Zudem nimmt das
System Frequenzen wahr, die das menschliche Ohr nicht registrieren kann.
Die Anzahl der Mikrofone soll künftig auf 256 Sensoren erweitert werden,
die Signale in Echtzeit verarbeiten können.
Störende Umgebungsgeräusche werden herausgefiltert
Störende Umgebungsgeräusche etwa von Bergungsgeräten, Wind oder Vögeln,
aber auch vom Rotorensurren der Drohne selbst blendet das System aus. Mit
Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) und mithilfe von adaptiven
Filtern werden zum einen Signale herausgefiltert, zum anderen werden
Lautmuster wie Schreien, Schlagen oder Klatschen, mit denen Menschen in
Notfallsituationen auf sich aufmerksam machen, erlernt. Das System bedient
sich dabei einer Datenbank mit unterschiedlichen Geräuschen bzw.
Signaturen, auf die die KI zuvor trainiert wurde. In Kombination mit
Signalverarbeitungstechniken wie Coherent Beamforming werden Geräusche
detektiert, klassifiziert und wird deren Einfallswinkel präzise bestimmt.
Eine kompakte Processing Unit ermöglicht es darüber hinaus, Signale sehr
schnell zu verarbeiten. Die empfangenen Standortdaten sollen im
Katastrophenfall an die Rettungsteams übermittelt werden, die dann zum
Beispiel auf Tablets die exakten Positionen der Hilfesuchenden erkennen
können.
Leichtgewicht LUCY
Die Sensormodule bzw die Mikrofon-Arrays sind aufgrund ihrer
Skalierbarkeit auf vielen handelsüblichen Drohnen einsetzbar. Da sowohl
die MEMS-Technologie als auch die Drohnen preisgünstig sind, bietet es
sich an, mehrere unbemannte Luftfahrzeuge einzusetzen, um das
Katastrophengebiet effektiv erkunden zu können. Aufgrund seines geringen
Gewichts können Notfallhelfer das System LUCY auch tragen. Zudem lässt es
sich auf Bodenfahrzeugen montieren oder stationär einsetzen. Derzeit
arbeiten die Fraunhofer-FKIE-Forschenden an weiteren Verbesserungen des
Experimentalsystems.
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