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Wasseraufbereitung in Zeiten des Klimawandels – mehr Physik beim Umweltschutz

Acht Technologien zur Wasseraufbereitung, die einzelnen und auch miteinander kombiniert getestet werden, sind im Demonstrator verbaut  INP
Acht Technologien zur Wasseraufbereitung, die einzelnen und auch miteinander kombiniert getestet werden, sind im Demonstrator verbaut INP

Frischwasser gehört zu den
wertvollsten Ressourcen auf unserer Erde. Nur etwa drei Prozent des
weltweit verfügbaren Wassers ist Süßwasser. Immer extremer werdende
Wetterverhältnisse wie Hitze und Dürren zeigen, dass es ein kostbares Gut
ist. Gleichzeitig steigt der Bedarf für Frischwasser seitens der
Wirtschaft und der Industrie. Denn für die Herstellung von Lebensmitteln
wird enorm viel Wasser benötigt, das dann als Ab- bzw. Prozesswasser
aufwändig – meist chemisch und kostspielig – gereinigt werden muss.

Forscherinnen und Forscher im Projekt PHYSICS & ECOLOGY unter der Leitung
von Dr. Marcel Schneider vom Leibniz-Institut für Plasmaforschung und
Technologie e.V. (INP) in Greifswald haben nun sehr gute Ergebnisse
erzielt: Physikalische Methoden wie Plasma sind in Bezug auf die
Dekontamination von Ab- bzw. Prozesswasser konkurrenzfähig zu etablierten
Methoden wie Ozonung, UV-Behandlung oder Aktivkohle. Die
Konkurrenzfähigkeit bezieht sich sowohl auf ihre Behandlungseffektivität
gegenüber Keimen und Pestiziden, als auch auf ihre Kosteneffizienz. Dr.
Marcel Schneider erklärt hierzu: „Die Ergebnisse bestärken uns in unserer
Annahme, dass innovative physikalische Verfahren wie zum Beispiel Plasma
zur Dekontamination von Wasser eine Alternative zu herkömmlichen Methoden
sein können. Wir sind damit dem Ziel, Wasser von Agrarchemikalien zu
reinigen, aufzubereiten und wieder zurückzuführen, einen großen Schritt
nähergekommen.“

Im Rahmen des durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung
geförderten Bündnisses PHYSICS FOR FOOD, das die Hochschule Neubrandenburg
mit dem INP und Wirtschaftspartnern in insgesamt sieben Leitprojekten auf
den Weg gebracht hat, wird an physikalischen Alternativen in der Land- und
Ernährungswirtschaft geforscht. Das Ziel: In der Landwirtschaft und bei
agrartechnischen Produktionsprozessen soll weniger Chemie gebraucht bzw.
die Umwelt dadurch weniger belastet werden. Es geht um mehr Physik beim
Klima- und Umweltschutz.

Seit Dezember 2021 ist das Projekt aus dem Labor in die Quasi-Wirklichkeit
verlegt worden. Der Projektpartner Harbauer GmbH aus Berlin hat einen
Demonstrator konstruiert, in dem sich 1:1 die Prozesse nachbilden lassen,
die nötig sind, um durch verschiedene physikalische Verfahren aus Abwasser
wieder Frischwasser zu machen.

Im Demonstrator wird mit acht Technologien gearbeitet. Dabei sind
Spaltrohr, Kiesfilter, Ultrafiltration, UV-Behandlung, Ozon und
Aktivkohlefilter die bereits für eine Wasseraufbereitung etablierten
Technologien, während es den Einsatz von Plasma und zusätzlich Ultraschall
– als insgesamt zwei vielversprechende Verfahren – noch weiter zu
optimieren gilt. Mit diesen Methoden sollen neue Wege beschritten werden.
Es gibt aktuell im Übrigen kaum Anlagen in der Größenordnung des
Demonstrators, bei denen diese innovativen Technologien mit den
etablierten Verfahren verglichen aber auch kombiniert werden können, und
die bei einem hohen Durchsatz die Behandlung unter realistischen
Bedingungen ermöglichen.

Seit kurzem steht dieser Demonstrator in Stralsund. Die Braumanufaktur
Störtebeker GmbH hat hierfür einen Teil ihres Brauereigeländes und ihr
Prozesswasser zur Verfügung gestellt. Dort sollen insgesamt ein Kubikmeter
Wasser pro Stunde – also so viel wie fünf gefüllte Badewannen – durch den
Demonstrator laufen, der in einem 20 Fuß-Schiffscontainer untergebracht
ist. Thomas Ott, Betriebsleiter der Störtebeker Braumanufaktur, erklärt
hierzu: „Unsere Brauerei zeichnet sich durch innovative Brauspezialitäten
mit den besten Rohstoffen aus. Wasser spielt im gesamten
Produktionsprozess eine herausragende Rolle. Wir sind sehr daran
interessiert, unseren Beitrag für Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu
leisten und Frischwasser einzusparen, indem es insbesondere durch eine
physikalische Aufbereitung wiederverwendet werden kann.“

Die Braumanufaktur in Stralsund ist dabei der zweite Standort des
Demonstrators. Die ersten vielversprechenden Ergebnisse konnten auf dem
Gelände der rübenverarbeitenden Fabrik in Anklam, der Cosun Beet Company
GmbH & Co. KG (CBC Anklam), erzielt werden. Im Demonstrator ist das
Prozesswasser behandelt worden, das nach dem Waschen der Zuckerrüben
angefallen war. Miriam Woller-Pfeifer, Betriebsingenieurin bei der CBC
Anklam, resümiert nach dem Einsatz des Demonstrators: „Unser Ziel ist eine
komplette Kreislaufwirtschaft bei der Verarbeitung von Zuckerrüben. Wir
wollen sämtliche Bestandteile optimal und nachhaltig nutzen. Die
Wasseraufbereitung ist dabei ein zentraler Punkt in unserer
Nachhaltigkeitsstrategie. Die erzielten Ergebnisse stimmen uns dahingehend
sehr optimistisch.“

Über PHYSICS FOR FOOD

Die Hochschule Neubrandenburg, das Leibniz-Institut für Plasmaforschung
und Technologie e.V. (INP) und Wirtschaftsunternehmen starteten im Jahr
2018 das Projekt ‚PHYSICS FOR FOOD – EINE REGION DENKT UM!‘. Das Bündnis
entwickelt seitdem gemeinsam mit zahlreichen weiteren Partnern neue
physikalische Technologien für die Landwirtschaft und
Lebensmittelverarbeitung. Dabei kommen Atmosphärendruck-Plasma, gepulste
elektrische Felder und UV-Licht zum Einsatz.
Ziel ist es, Agrarrohstoffe zu optimieren und Schadstoffe in der
Lebensmittelproduktion zu verringern, chemische Mittel im Saatgut-Schutz
zu reduzieren und die Pflanzen gegenüber den Folgen des Klimawandels zu
stärken. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen
der Initiative ‚WIR! – Wandel durch Innovation in der Region‘ gefördert
(Förderkennzeichen 03WIR2810).

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Dritter Lernort zwischen Theorie und Praxis: Das neue Skills- und Simulationslabor für angehende Hebammen

Angehenden Hebammen stehen im dualen Studiengang Hebammenwissenschaft an der Hochschule Osnabrück im neuen Skills- und Simulationslabor unter anderem computergesteuerte Ganzkörpersimulatoren in zwei Kreissälen zur Verfügung.  Oliver Pracht  Hochschule Osnabrück/ Oliver Pracht
Angehenden Hebammen stehen im dualen Studiengang Hebammenwissenschaft an der Hochschule Osnabrück im neuen Skills- und Simulationslabor unter anderem computergesteuerte Ganzkörpersimulatoren in zwei Kreissälen zur Verfügung. Oliver Pracht Hochschule Osnabrück/ Oliver Pracht

Hochmoderne Trainingsräume für den dualen Studiengang Hebammenwissenschaft
an der Hochschule Osnabrück feierlich eröffnet

Hebammen sind die Expert*innen für die Versorgung von Frauen und Familien
in der Lebensphase von Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und früher
Elternzeit. Sie fördern die physische und psycho-soziale Gesundheit und
leisten damit einen gesellschaftlich relevanten Beitrag für Frauen und
ihre Familien. Damit sie an diese komplexen Aufgaben herangeführt und
geschützt in diese verantwortungsvolle Tätigkeit hineinwachsen können,
entwickelten Verantwortliche der Hochschule Osnabrück ein 500 Quadratmeter
großes Skills- und Simulationslabor, kurz Skills Lab, im Osnabrücker
Wissenschaftspark. Im Beisein von Professorin Dr. Tina Cornelius-Krügel,
Leiterin der Abteilung Hochschulen im niedersächsischen
Wissenschaftsministerium wurde der neue Lernort jetzt offiziell eröffnet.

„Mit dem Skills Lab verfügt die Hochschule Osnabrück über einen weiteren
innovativen Lehr- und Lernort für simulationsbasiertes Lernen und
praxisnahes Studieren. Damit erreichen wir eine noch höhere Qualität der
Ausbildung. Es freut mich, dass wir dieses Projekt mit Unterstützung des
Landes Niedersachsen realisieren konnten,“ unterstrich Hochschulpräsident
Prof. Dr. Andreas Bertram.

Rund 500.000 Euro steuerte das Ministerium für den Bau des Skills Labs
bei, die Hochschule investierte weitere 400.000 Euro. „Ich freue mich
besonders, das Skills- und Simulationslabor heute eröffnen zu dürfen. Denn
der Fachbereich wird mit den hier getätigten zusätzlichen Investitionen in
die Infrastruktur und der Fertigstellung des Labors seine
Erfolgsgeschichte fortsetzen. Die Hochschule hat mit dem Skills Lab einen
ausgezeichneten Lehr- und Lernort geschaffen, in welchem Theorie und
Praxis eng verzahnt sind“, sagte Cornelius-Krügel im Namen von
Wissenschaftsminister Falko Mohrs.

Die Dekanin der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften,
Professorin Dr. Andrea Braun von Reinersdorff, bezeichnete das Skills Lab
als beeindruckenden Meilenstein im Prozess der Akademisierung der
Gesundheitsberufe und für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung in
der Region. „Die 2020 gesetzlich verankerte Verlagerung der
Hebammenausbildung an die Hochschulen, trägt den steigenden Anforderungen
im Gesundheitswesen Rechnung,“ so Braun von Reinersdorff.

Durch die frühzeitig vereinbarte Zusammenarbeit mit dem ausführenden
Unternehmen Köster/ LANI Immobilien konnte die Hochschule bereits im
frühen Entwurfs- und Planungsstadium die exakten Anforderungen für ein
Skills Lab definieren, so dass die Räume für die gestellten Anforderungen
nahezu ideal geeignet sind.

Das Skills Lab umfasst drei komplett ausgestattete Demoräume, zwei
Simulationskreißsäle und eine Simulationswohnung, außerdem drei Regieräume
und drei Debriefingräume, daneben einen Lernbereich, zwei Umkleiden und
ein Lager. Die umfangreiche technische und apparative Ausstattung
unterstützt die Annäherung an reale Berufssituationen im klinischen, wie
auch im außerklinischen Setting und ermöglicht es, verschiedene Szenarien
mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad aufzubauen und diese als
Vorbereitung auf die Praxis einzuüben.

Dass im Skills Lab mit Hilfe computergesteuerter Ganzkörpersimulatoren und
Simulationsschauspieler*innen auch sehr komplexe Geburtsszenarien und
Notfälle nachgestellt und intensiv geübt werden können, stärkt die
Handlungskompetenz der Studierenden. Dies gilt etwa für spezifische
Situationen, die in der Berufspraxis seltener auftreten, wie zum Beispiel
die Begleitung einer vaginalen Beckenendlagengeburt. Mit Hilfe der Regie-
und Debriefing-Räume lassen sich die nachgestellten Szenen zudem durch die
Lehrenden anleiten und abschließend videobasiert besprechen. Die
systematische Reflexion komplexer Situationen ermöglicht das Einüben einer
konstruktiven Fehlerkultur und fördert das Lernen.

„Im Rahmen der akademischen Qualifikation zur Hebamme sind im Studiengang
Hebammenwissenschaft alle drei Lernorte - Lernen in der Theorie, Lernen im
Skills- und Simulationslabor sowie Lernen in der direkten beruflichen
Praxis wechselseitig eng miteinander verbunden, wodurch im gesamten
Studienverlauf eine fachwissenschaftlich begründete Hebammenarbeit
kompetenzorientiert unterstützt wird,“ erläuterte Studiengangbeauftragte
Professorin Dr. Claudia Hellmers.

Studierende der Hebammenwissenschaft stellten während der
Eröffnungsveranstaltung verschiedene Situationen aus dem Berufsalltag
einer Hebamme nach. Mit Hilfe der Modelle simulierten sie die Untersuchung
einer Schwangeren, den Umgang mit einem Neugeborenen sowie wichtige
Handgriffe bei der Betreuung einer Wöchnerin.

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Hochschule für Musik und Theater München erhält Preis des Auswärtigen Amts für geflüchtete Studierende aus der Ukraine

Ukrainische Gaststudierende an der Hochschule für Musik und Theater München  HMTM
Ukrainische Gaststudierende an der Hochschule für Musik und Theater München HMTM

Die Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) wird mit dem Preis des
Auswärtigen Amts für exzellente Betreuung internationaler Studierender in
Deutschland ausgezeichnet. Dies gab der DAAD am 29. November 2023 in Bonn
bekannt. Die HMTM erhält den Preis für ihr Programm »Gaststudium Plus für
Musik-, Tanz- und Theaterstudierende aus der Ukraine«. Katja Keul,
Staatsministerin im Auswärtigen Amt, betitelt das durch das
Gaststudienprogramm gezeigte Engagement der HMTM als »Aushängeschild mit
Strahlkraft weit über Deutschland hinaus«. Der Preis des Auswärtigen Amts
zählt zu den wichtigsten Auszeichnungen zur Unterstützung von
internationalen Studierenden in Deutschland.

Das Programm »Gaststudium Plus für Musik-, Tanz- und Theaterstudierende
aus der Ukraine« wurde an der HMTM im April 2022, kurz nach Beginn des
russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, ins Leben gerufen. Mit dem
Ziel, geflüchtete ukrainische Studierende in den Bereichen Musik, Tanz und
Theater schnell in den Hochschulalltag in München zu integrieren, wurden
Förderungen und Hilfen in verschiedenen Bereichen etabliert. So erhielten
die Studierenden sehr schnell künstlerischen Einzelunterricht und konnten
an spezifischen Lehrveranstaltungen teilnehmen. Die HMTM unterstützte
außerdem mit der Bereitstellung von Wohnraum, einem kostenfreien
Mittagessen und durch Reparaturen oder Bereitstellung von Instrumenten und
förderte das Ankommen der Ukrainer*innen durch ein deutsch-ukrainisches
Mentor*innennetzwerk und Sprachkurse.

Prof. Lydia Grün, Präsidentin der HMTM:
»Die schnelle und unkomplizierte Hilfe für geflüchtete Studierende aus der
Ukraine aus dem Musik-, Tanz- und Theaterbereich war nur möglich durch das
unglaubliche Engagement vieler Menschen an unserer Hochschule und darüber
hinaus. Besonders nennen möchte ich hier Dominik Pensel, den Beauftragten
für studentische Förderung der HMTM, der das Programm federführend
entwickelt, koordiniert und betreut hat, unser International Office sowie
die zahlreichen Lehrenden, die den geflüchtete Studierenden ehrenamtlich
Unterricht gegeben haben. «

Das Programm »Gaststudium Plus« wurde von vielen privaten Förderinnen und
Förderern unterstützt sowie durch zahlreiche Partner ermöglicht, darunter
die Gesellschaft Freunde der Hochschule für Musik und Theater München e.
V., Siemens Caring Hands e. V., der Stiftung »Offene Chancen«, der Erika
und Georg Dietrich-Stiftung, der UNITEL Musikstiftung, des Bayerischen
Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst u.v.a.

Das Auswärtige Amt verleiht den mit 30.000 Euro dotierten Preis für
exzellente Betreuung internationaler Studierender gemeinsam mit dem DAAD
bereits seit 1998. Er soll zu einer Verbesserung der Willkommenskultur an
deutschen Hochschulen beitragen und für die deutschen Universitäten und
Hochschulen einen Anreiz schaffen, sich noch stärker für die Interessen
und Fragen von internationalen Studierenden und Promovierenden
einzusetzen.

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Wie Zürichs Strassen aussehen müssten, damit mehr E-Bikes als Autos fahren

In der E-​Bike-City besteht das innerstädtische Autostrassennetz weitestgehend aus Einbahnstrassen, wohingegen die Zweiräder eigene Fahrspuren für beide Fahrtrichtungen erhalten.  ETH Zürich/L. Ballo, IVT
In der E-​Bike-City besteht das innerstädtische Autostrassennetz weitestgehend aus Einbahnstrassen, wohingegen die Zweiräder eigene Fahrspuren für beide Fahrtrichtungen erhalten. ETH Zürich/L. Ballo, IVT

Was passiert, wenn Städte ihren Strassenraum in erster Linie auf den
Bedarf beim Radfahren und E-​Biken ausrichten? Auf einer neuen,
populärwissenschaftlichen Website zeigen ETH-​Forschende an Beispielen aus
der Stadt Zürich, wie eine solche E-​Bike-City dereinst aussehen könnte.

Wie sähe der Strassenraum aus, wenn eine Stadt die Hälfte ihrer
Verkehrsflächen fürs Radfahren und E-​Biken zur Verfügung stellte?
Benutzten Städter:innen dann häufiger ihr Rad? Wäre die E-​Bike-City gar
ein Ansatz, um die verkehrsbedingten CO2-​Emissionen zu senken?

Diese Fragen untersuchen neun Professuren der ETH Zürich und der EPF
Lausanne seit gut anderthalb Jahren. Den Lead dieser Forschungsinitiative
hat der Verkehrsforscher Kay Axhausen, der im Januar 2024 emeritiert wird
(vgl. Box). Jetzt liegen die ersten Erkenntnisse vor, und die Forschenden
haben ihre Lösungsansätze anschaulich mit Visualisierungen aufbereitet und
diese Woche auf einer Storymap-​Website veröffentlicht. Mittels
Storymapping lässt sich die Vision der E-​Bike-City leicht verständlich
als Geschichte in Text und Bild nachvollziehen.

Die E-​Bike-City-Vision sieht vor, dass die Menschen künftig die Hälfte
des städtischen Strassenraums nutzen können, wenn sie zu Fuss unterwegs
sind oder per Fahrrad, E-​Bike, Lastenrad, E-​Scooter oder mit anderen
Kleinverkehrsmitteln (sog. Mikromobilität). Heute sind über 80 Prozent des
städtischen Strassenraums für Autos und Parkplätze reserviert. Nur rund
11,7 Prozent sind für E-​Bikes und Fahrräder vorgesehen. Zumeist teilen
sich Radfahrende und E-​Biker:innen die Strassen mit den Autos.

Mehr Raum für die Menschen statt für die Autos

Im Unterschied dazu wären die Fahrspuren für Autos, öffentlichen Verkehr
(Trams, Busse), Zweiräder (Velos, E-​Bikes) sowie die Gehwege für
Fussgänger:innen in der E-​Bike-City grundsätzlich voneinander getrennt.
Dafür müsste kein zusätzlicher Strassenraum neu gebaut werden, sondern der
bestehende würde umgebaut. Das innerstädtische Autostrassennetz bestünde
in der E-​Bike-City weitestgehend aus einspurigen Einbahnstrassen. Die
Fahrspuren für die Räder und E-​Bikes befänden sich in der Regel links und
rechts der Einbahnstrasse. Der öffentliche Verkehr wiederum führe weiter
auf den bestehenden, separaten Fahrspuren. «Eine derartige Neugestaltung
gäbe den Menschen mehr Raum zurück», sagt Kay Axhausen.

Um die Neuerungen der E-​Bike-City so realistisch wie möglich
darzustellen, haben die Forschenden drei typische Beispiele aus der Stadt
Zürich ausgewählt: Das Bellevue und die Quaibrücke beim Zürichsee, die
Birchstrasse in Zürich-​Nord und die Winterthurer-​/Letzistrasse in
Zürich-​Oberstrass. An diesen Beispielen zeigen sie, wie ein Strassenraum
aussähe, wenn er rad-​ statt autofreundlich gestaltet wäre. Mit einem
Bildschieberegler lassen sich der heutige Strassenraum und der mögliche
zukünftige Zustand direkt miteinander vergleichen.

Der Entwurf der E-​Bike-City folgt bestimmten Gestaltungsprinzipien:
Ausgehend vom bestehenden Strassennetz wird jeweils die eine Hälfte jeder
Strasse zu einer sicheren und komfortablen Fahrradstrasse umgebaut, die
mit dem Rad, Elektrorad, Lastenrad, Elektrotretroller etc. befahren wird.
Die andere Hälfte der Strasse dient nach wie vor den Autos (Benzin oder
Batterie), sodass die Zufahrt zu Wohn-​ und Bürogebäuden gewährleistet
ist.

In vier Schritten zum E-​Bike-freundlichen Bellevue

Auf ihrer Storymap-​Website zeigen die ETH-​Forschenden am Beispiel des
Zürcher Bellevues und der Quaibrücke, wie sich die E-​Bike-City-Prinzipien
in vier Schritten realisieren liessen:

Schritt 1: Der öffentliche Verkehr, der die Quaibrücke heute auf einer
Fahrspur in der Mitte überquert, behält seinen Vorrang. Die meisten
Tramgleise und Busspuren bleiben unverändert. Dort, wo keine separaten
Tram-​ und Busspuren möglich sind, sorgen gemeinsame Fahrspuren mit den
Autos für ein durchgängiges ÖV-​Stadtnetz.
Schritt 2: Das Strassennetz der Autos erschliesst jedes Gebäude, sodass
alle wichtigen Zufahrten (z.B. Handwerker:innen, Menschen mit Mobilitäts-​
oder Körperbehinderungen), Notdienste (Krankenwagen, Feuerwehr, Polizei)
und Lieferungen möglich sind.
Schritt 3: Der verbleibende Strassenraum wird für die Mikromobilität
genutzt sowie für breitere Fusswege und neue Grünflächen. 37 Prozent der
heutigen Strassen in Zürich liessen sich laut den ETH-​Forschenden für die
Mikromobilität, Gehwege und Grünflächen umnutzen.
Schritt 4: Je mehr Städter:innen sich in der Folge für ein autofreies
Leben entschieden, umso mehr Parkplätze liessen sich nach und nach zu
Fahrradabstellplätzen, Grünanlagen, Spielplätzen umbauen. Ein
ausreichendes Angebot an Ladezonen und Kurzzeitparkplätzen sicherte die
Zufahrten für Notfall-​, Liefer-​ und Transportfahrzeuge.

Dynamische Strassennutzung gegen Staus

Neben diesen Schlüsselmassnahmen untersuchen die ETH-​ und
EPFL-​Forschenden weitere Begleitmassnahmen. Zum Beispiel könnte die
Umstellung auf ein städtisches Einbahnstrassennetz die Autos stauen. Diese
Stau-​Wahrscheinlichkeit liesse sich mit einer dynamischen Strassennutzung
senken. Dabei würde je nach Tageszeit mittels Lichtsignalen gesteuert, in
welcher Richtung die Autos und Fahrräder jeweils die Strasse benutzten und
wie viele Fahrspuren sie nutzen könnten. Auch die Akzeptanz der E-​Bike-
City wird untersucht. Zum Beispiel könnten sich Autofahrende benachteiligt
sehen, wenn der Radverkehr bevorzugt gefördert wird. «Im Forschungsprojekt
überprüfen wir, wie tragfähig und kostendeckend die Grundannahme und die
Prinzipien der E-​Bike-City sind, und welche Voraussetzungen für einen
möglichen Umbau nötig sind», sagt Kay Axhausen.

«Mit Blick auf die Erderwärmung können wir in der Verkehrsplanung nicht
wie bisher weitermachen. Wir brauchen neue verkehrspolitische Ideen für
die Städte. Die E-​Bike-City ist auch ein Modell, wie der Verkehr seine
Treibhausgasemissionen reduzieren kann», sagt Axhausen, «die E-​Bike-City
soll zeigen, dass Fahrrad und E-​Bike als Standardverkehrsmittel in der
Stadt dienen können. Unsere Vision ist es, dass die Stadt bequemer,
leiser, grüner und gesünder wird als heute.»

Originalpublikation:
https://ebikecity.baug.ethz.ch/

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