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Das LIAG feiert 75 Jahre Geophysik in Hannover

Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung, Frank Doods, überreicht Prof. Dr. Martin Sauter als Leiter des LIAG die Auszeichnung.
Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung, Frank Doods, überreicht Prof. Dr. Martin Sauter als Leiter des LIAG die Auszeichnung.

Forschende des LIAG und seiner Vorgängerinstitutionen setzen seit 75
Jahren angewandte geophysikalische Methoden zur Erkundung des
oberflächennahen und nutzbaren Untergrundes ein und entwickeln Mess- sowie
Auswertungsverfahren stetig weiter. Dies ist Voraussetzung zur
Beantwortung von Forschungsfragen beispielsweise zu Grundwasser,
Geogefahren, Georeservoire als Energiequelle, zum Beispiel Erdwärme, und
Energiespeicher. Rund 130 eingeladene Gäste, darunter der Niedersächsische
Umweltminister Christian Meyer und der Staatssekretär im Niedersächsischen
Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung, Frank
Doods, nahmen am 15. November an der Jubiläumsfestveranstaltung teil.

Eins der Highlights der Veranstaltung bildete die Einrahmung der
Podiumsdiskussion „Klimaneutral heizen mit Geothermie – wie können Open
Data, Forschung und Digitalisierung Veränderungen voranbringen?“ in den
November der Wissenschaft, woran unter anderem der Niedersächsische
Umweltminister Christian Meyer teilnahm. So wurden Fragen und Anliegen in
diesem aktuellen Thema im Bereich Forschung, Politik und Gesellschaft zu
Potenzialen und Risiken in Deutschland und Niedersachsen öffentlich mit
der Bevölkerung diskutiert. Das LIAG ist Partner der Initiative
Wissenschaft Hannover, die den November der Wissenschaft alle zwei Jahre
organisiert.

Meyer gratulierte der LIAG zum 75-jährigen Bestehen und hob die Bedeutung
der Forschung für die Wärmewende hervor: „Um Niedersachsens ehrgeizige
Klimaziele zu erreichen, müssen wir auch die klimaschonende
Tiefengeothermie mit aller Kraft vorantreiben. Effizient Wärme aus einer
umweltfreundlichen und nahezu unerschöpflichen Energiequelle zu gewinnen
ist ein wichtiger Baustein beim Klimaschutz. Vom Niedersächsischen
Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) wurden bereits 20
sogenannte Erlaubnisfelder zur Aufsuchung von Erdwärme vergeben. Da es
derzeit keine spezielle Richtlinie zur Förderung von Geothermie gibt, hat
das Umweltministerium die Voraussetzungen für eine Förderung aus dem
Wirtschaftsförderfonds für zwei Pilot- und Demonstrationsprojekte
geschaffen. Denn das sogenannte Fündigkeitsrisiko stellt oft ein großes
Hemmnis bei der Realisierung entsprechender Projekte dar.“

Geophysik-Forschung seit Beginn der Erdwärmenutzung als Besonderheit in
der Geschichte

Das LIAG beziehungsweise seine Vorgängerinstitutionen beschäftigen sich im
Rahmen der Geophysik-Expertise seit Beginn der Erdwärmenutzung am längsten
mit der Geothermie – seit 1953. So waren Forschende schon mit
geophysikalischen Untersuchungen am ersten Geothermie-Standort Larderello
in der Toskana in Italien mit dabei. Bereits früh wurden Geothermie-
Atlanten erstellt, die schließlich im geothermischen Informationssystem
GeotIS als digitales Informationsportal für die Geothermie in Deutschland
in mehreren aufbauenden geförderten Projekten gebündelt sind.

Eröffnung mit Grußworten und Podiumsdiskussion zur Relevanz der Geophysik

Die Eröffnung durch den Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium
für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung, Frank Doods, bildete
den Auftakt der Veranstaltung. Schnell wurde deutlich: Die langjährige
Spezialisierung auf oberflächennahe geophysikalische Anwendungen, die
Geräte- und Dateninfrastruktur sowie die daraus resultierende Kompetenz in
der Kombination vielfältiger geophysikalischer Methoden zeichnen heute das
LIAG als eine in Deutschland einzigartige Forschungseinrichtung aus. Das
LIAG bekam seinen Namen jedoch erst im Jahr 2008. Es ist damals als GGA-
Institut aus der Abteilung "Geowissenschaftliche Gemeinschaftsaufgaben"
(GGA) des ehemaligen Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung
hervorgegangen. Die so genannten "Geowissenschaftlichen
Gemeinschaftsaufgaben" wurden durch die Höchster Vereinbarungen vom 1.
Juni 1948 gegründet.

„Mit dem Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik und seiner
Vorgängerinstitutionen können wir auf 75 Jahre Erfahrung in der
Geophysikforschung in Niedersachsen zurückblicken. Hierzu spreche ich im
Namen der Niedersächsischen Landesregierung meine herzlichen Glückwünsche
aus“, erklärt Staatssekretär Frank Doods. „Die Niedersächsische
Landesregierung sieht das Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik als
einen wichtigen Bestandteil der nationalen Forschungslandschaft an und
hält sowohl die methodische und wissenschaftliche Kompetenz als auch die
Beratungsleistung des Instituts im Zusammenhang mit aktuellen
gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitischen Fragen zur Erforschung
und Nutzung des Untergrundes für unverzichtbar.“

Vorstellung von Forschungslinie und Highlights am LIAG

Prof. Dr. Martin Sauter, der seit knapp einem Jahr das Institut leitet,
nutzte die Gelegenheit, um die Weiterentwicklung der zukünftigen
Forschungslinie zu präsentieren. Neben Grundwasser(-systemen) und
Geogefahren wird der Forschungsthemenbereich „Georeservoire als
Energiequelle und Energiespeicher“ die dritte Säule der Themenschwerpunkte
für die Geophysikforschung bilden. „Ich freue mich sehr, dass wir im
Rahmen des Jubiläums die langjährige Expertise des LIAG feiern und auf die
Forschungserfolge zurückblicken, die die gesamte LIAG-Belegschaft
erarbeitet hat“, erklärt Prof. Dr. Martin Sauter. „Zukünftig werden wir
diese Expertise in den drei Forschungsthemen Grundwasser, Geogefahren und
Georeservoire bündeln und für exzellente Arbeiten weiterentwickeln.“

Planung von Handlungsmaßnahmen im Zuge des Klimawandels

Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verbänden und
Forschung diskutierten anschließend die Frage: Welche Rolle spielt die
Geophysik bei der Planung von Handlungsmaßnahmen im Zuge des Klimawandels?
Dabei wurden die verschiedenen Aspekte hinsichtlich des
Grundwassermanagements, der Energieversorgung sowie der Geogefahren und
Landschaftsgenese beleuchtet.

Geophysik-Show mit Oberbürgermeister Belit Onay sorgt für Überraschung

Und da ist sie: Die Jubiläumstorte. Mit verschiedenen geophysikalischen
Methoden wurde diese von Dr. Insa Cassens als Forschungsreferentin mit
Unterstützung des Oberbürgermeisters von Hannover sichtbar gemacht.

Wissenschaftliche Vorträge im Rahmen der neuen Forschungslinie

Es folgten Vorträge zu Wasserstoff­ im zukünftigen Energiesystem von Prof.
Dr. Richard Hanke-Rauschenbach der Leibniz Universität Hannover, zu Karst
Grundwasserressourcen von Dr. Linda Luquot, vom Centre National de la
Recherche Scientifique – Géosciences Montpellier, zur Erdbebenforschung an
der Schnittstelle von Geologie und Geophysik von Dr. Christian Brandes der
Leibniz Universität Hannover. Den Abschluss bildete Mike Müller-Petke,
Leiter der Grundwasserforschung am LIAG, mit seinem Vortrag zur Rolle der
Geophysik für das Management küstennaher Grundwassersysteme im
Klimawandel. Jan Egge Sedelies, Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen
Zeitung, moderierte die Veranstaltung.

Festveranstaltung als Teil einer Jubiläumswoche

Den Auftakt der Jubiläumswoche bildete bereits am 14. November das LIAG-
Seminar mit dem Vortrag von Prof. Dr. Gerald Gabriel und Dr. Rodolfo
Christiansen zum Thema „Natürlicher Wasserstoff als saubere Energiequelle?
Geophysikalische Exploration“ zu dem wegweisenden Projekt HyAfrica zur
Erforschung der Entstehung und den Nutzungsmöglichkeiten von natürlichem
Wasserstoff in Afrika. Die langfristige gemeinsame Forschungs- und
Innovationspartnerschaft zwischen der Europäischen Union und der
Afrikanischen Union im Bereich der erneuerbaren Energien (LEAP-RE) fördert
das Projekt mit einem Budget von fast einer Million Euro.

Nach der Festveranstaltung zeigen Forschende am 16. November, praxisnah
über eine Ausstellung von Exponaten und Mitmach-Experimenten im aufhof,
wie Angewandte Geophysik für die Beantwortung von Forschungsfragen in den
Bereichen Grundwasser, Geogefahren und Geothermie funktioniert. Vor Ort
sichtbar ist die 2,5 Meter große LIAG-Drohne mit einem Drohnensimulator.
Ein Nachbau des am LIAG entwickelten Salzwassermonitoringsystems SAMOS
zeigt, wie die elektrische Leitfähigkeit genutzt werden kann, um
Strukturen und beispielsweise Versalzungsprozesse im Untergrund zu
erfassen. Zudem verdeutlicht die mobile seismischen Miniquelle ELVIS, die
ebenfalls eigens am LIAG entwickelt wurde, wie LIAG-Forschende unter
anderem oberflächennahe Verläufe von Störungen abbilden, die
Erdbebenpotenzial haben können. Unter anderem mit Bohrkernen,
Bohrkernscans und Logging-Tools, zeigt die Ausstellung die Erforschung der
Potenziale des Untergrundes für die Erdwärmenutzung in Deutschland
innerhalb des Forschungsbereichs Georeservoire im Hinblick auf die
Geothermie.

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WBH-Absolvent gelingt neuartige Produktentwicklung

Absolvent Pokorny in seinem neu entwickelten Anleger-Kanu  Richard Pokorny
Absolvent Pokorny in seinem neu entwickelten Anleger-Kanu Richard Pokorny

Nach seinem Studium der Kunststofftechnik hat Richard Pokorny das Thema
seiner Bachelorarbeit in die Realität umgesetzt. Damit ist ihm eine
neuartige Produktentwicklung gelungen.

Richard Pokorny ist ehemaliger Leistungssportler und hat im März 2023 an
der WBH erfolgreich sein Bachelor-Studium in „Kunststofftechnik“ im
Fachbereich Energie-, Umwelt- und Verfahrenstechnik (EUV) abgeschlossen.

Im Rahmen seiner Abschlussarbeit beschäftigte er sich mit dem Thema
„Entwicklung und Konstruktion einer Anbindung eines Auslegers an ein
Auslegerkanu für den Paralympischen Kanurennsport“. Ein Thema, das er sich
im Anschluss an sein Studium bei seiner beruflichen Tätigkeit als
Konstrukteur im Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten
(FES) zum Projekt gemacht und 1:1 in die Realität umgesetzt hat. Das
Ergebnis ist ein Boot, das für den paralympischen Spitzensport und dabei
ausschließlich für deutsche Parasportler:innen entwickelt wurde.
Zwischenzeitlich wurde das Ausleger-Kanu im Rahmen der ICF Canoe &
Paracanoe Worldchampionships durch ein internationales Gremium beurteilt
und zugelassen.

Voraussichtlich im kommenden Jahr wird es bei den Paralympischen Spielen
in Paris das erste Mal zum Wettkampf-Einsatz kommen.

Wir haben mit Richard Pokorny über seinen Weg, sein Studium und seine
Erfindung gesprochen:

Herr Pokorny, Sie haben im März 2023 erfolgreich Ihr Studium
abgeschlossen. Warum haben Sie sich für den Bachelor-Studiengang
„Kunststofftechnik (B. Eng.)“ an der WBH entschieden?
Für die Beantwortung dieser Frage muss ich etwas ausholen. Ich habe mit
sieben Jahren mit dem Kanusport angefangen und diesen Sport viele
Jahrzehnte, unter anderem in der Nationalmannschaft, bis heute betrieben.
Bei diesem Sport steht gutes Material an erster Stelle. Über die vielen
Jahre der Werkstoffentwicklung ist man vor geraumer Zeit schließlich beim
kohlenstofffaserverstärkten Kunststoff angekommen. Nach dem Abitur an der
Sportschule und der anschließenden Lehre zum Bootsbauer stand für mich
fest, dass ich mich noch intensiver mit dem Werkstoff „Kunststoff“
auseinandersetzen möchte, um meine Expertise auf diesem Gebiet
weiterzuentwickeln. Für mich war klar, dass nur eine Weiterbildung infrage
kommt, die sich gut mit meinem Vollzeitjob beim Institut für Forschung und
Entwicklung von Sportgeräten vereinbaren lässt. Hier war die WBH für mich
der erste Anlaufpunkt. Die Übersicht des Studiengangs und der Einstieg ins
Studium waren so gut beschrieben, dass ich nicht lange gezögert und die
WBH als Hochschule gewählt habe. Heute kann ich mit dem erworbenen Wissen
vollumfänglich im Bereich der technologischen Entwicklung Sportgeräte für
den deutschen Spitzensport liefern und hoffentlich zu goldenem Glanz
verhelfen.

Eine Frage, die sich Studieninteressierte immer wieder stellen: „Schaffe
ich das Studium neben meiner beruflichen Tätigkeit?“. Was hat Ihnen
geholfen sich tagtäglich neu für das Studium zu motivieren?
Natürlich ist das eine der zentralsten Fragen, bevor man sich für ein
Fernstudium entscheidet. Und ja, man schüttelt es nicht einfach aus dem
Ärmel. Doch die Entscheidung, sich neben dem Job noch weiterzubilden, ist
auch eine Entscheidung fürs Leben. Neben der Möglichkeit, sich finanziell
zu verbessern, sind natürlich auch die bereits beschriebene gesteigerte
Expertise und das eigene Ansehen wichtige Faktoren, das Studium stetig
voranzutreiben. Was die Motivation im Speziellen betrifft, waren meine
Familie und hier an erster Stelle meine Frau und meine Kinder die
treibenden Kräfte. Die tägliche Motivation und das Rückenfreihalten meiner
Frau waren Grund genug, immer wieder das Studienheft in die Hand zu
nehmen.

Sie haben ein Ausleger-Kanu entwickelt, das im nächsten Jahr
möglicherweise die Sieger der Paralympics 2024 über die Ziellinie tragen
wird. Was kann man sich genau darunter vorstellen, und inwieweit hat das
Studium die Grundlage für Ihre Entwicklung geschaffen?
Das Ausleger-Kanu (polynesisch: Va'a) ist im Ursprung ein Boot, das im
polynesischen Raum vor Tausenden Jahren als Handelsboot zwischen den
Inseln verwendet wurde. Durch den seitlichen Ausleger ist das Boot
kippstabil und ermöglicht so eine sichere Fahrt, egal ob schwer beladen
oder bei großen Wellen. Aus diesem Grund wurde mit der Einführung des
Kanusports bei den Paralympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro,
Brasilien, diese Bootsklasse für Sportler:innen mit Einschränkungen
abwärts der Hüfte eingeführt, um ihnen auch eine Möglichkeit des
Leistungssports auf paralympischem Niveau zu bieten. Da ich mit der
Aufgabe betraut wurde, ein komplett neues Boot zu entwickeln, war mir
schnell klar, dass ich Rahmen meiner Bachelorarbeit ein Teilprojekt dieses
Bootes genauer unter die Lupe nehmen möchte. Aufgrund meines erlangten
Fachwissens in den Bereichen „Kohlenstofffaser“ und „Klebstoffe“, habe ich
eine ganz neue Art der Anbindung des Auslegers an das Boot konzipieren und
umsetzen können. Und ohne jetzt – aufgrund von Geheimhaltung – ins Detail
gehen zu können, kann ich Stand heute sagen, dass unsere Topsportlerin das
Boot mit den Neuentwicklungen aktuell erfolgreich und zufriedenstellend
testet.

Wir gratulieren Richard Pokorny herzlich zu dieser tollen
Produktentwicklung und drücken die Daumen, dass das Ausleger-Kanu die
deutschen Parasportler:innen 2024 zum Sieg führt!

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Ausstieg aus fossilen Brennstoffen könnte mehr als fünf Millionen Todesfälle verhindern

Luftverschmutzung durch die Nutzung fossiler Brennstoffe ist verantwortlich für viele Todesfälle.  Sudarshan Jha/Shutterstock
Luftverschmutzung durch die Nutzung fossiler Brennstoffe ist verantwortlich für viele Todesfälle. Sudarshan Jha/Shutterstock

Nach aktuellen Schätzungen ist die Sterblichkeitsrate durch
Luftverschmutzung von fossilen Brennstoffen deutlich höher als bisher
angenommen – Ein rascher Umstieg auf saubere erneuerbare Energiequellen
hätte großen, positiven Einfluss auf die öffentliche Gesundheit.

Eine Studie liefert neue Argumente für den raschen Ausstieg aus der
Nutzung fossiler Brennstoffe. Ein internationales Wissenschaftsteam
ermittelte die Belastung durch Luftverschmutzung und ihre gesundheitlichen
Auswirkungen. Die Zuordnung der Gesamtsterblichkeit und der
krankheitsspezifischen Sterbefälle zu bestimmten Emissionsquellen zeigt,
dass durch den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe weltweit etwa
fünf Millionen zuschreibbarer Todesfälle pro Jahr vermieden werden
könnten. Das Team nutzte dazu sowohl ein aktualisiertes Atmosphärenchemie-
Modell sowie ein neu entwickeltes Modell, um das relative
Gesundheitsrisiko zu bestimmen, als auch aktuelle Satellitendaten zu
Feinstaub.

Die Studie von Forschern des Max-Planck-Instituts für Chemie
(Deutschland), der London School of Hygiene & Tropical Medicine
(Vereinigtes Königreich), der University of Washington (USA), des
Barcelona Institute for Global Health (Spanien) und der
Universitätsmedizin Mainz (Deutschland) wurde kürzlich im British Medical
Journal (BMJ), einer renommierten medizinischen Fachzeitschrift,
veröffentlicht.

Luftverschmutzung ist nach wie vor eine der größten Gefahren für die
öffentliche Gesundheit. Frühere Schätzungen der zurechenbaren
Sterblichkeitslast - der sogenannten Übersterblichkeit - variieren
erheblich, was in erster Linie auf unterschiedliche Annahmen zum
Zusammenhang von Exposition und Wirkung sowie den berücksichtigten
Todesursachen zurückzuführen ist. Darüber hinaus haben nur wenige globale
Studien die Sterblichkeit auf bestimmte Luftverschmutzungsquellen
zurückgeführt. Dies holt das Forscherteam unter der Leitung von Jos
Lelieveld und Andrea Pozzer vom Max-Planck-Institut für Chemie und Andy
Haines von der London School of Hygiene & Tropical Medicine nach. Die
Studie bewertet die Folgen, die der Ausstieg aus der Nutzung fossiler
Brennstoffe auf die Luftverschmutzung und somit auf die
krankheitsspezifische Mortalität und die Gesamtsterblichkeit hätte.

„Wir schätzen, dass weltweit etwa 5,1 Millionen zuschreibbarer Todesfälle
pro Jahr auf Luftverschmutzung durch die Nutzung fossiler Brennstoffe
zurückzuführen sind. Diese könnten durch den Umstieg auf saubere,
erneuerbare Energiequellen vermieden werden", erklärt der
Atmosphärenchemiker Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für
Chemie.

Die meisten zuzurechnenden Todesfälle (52 %) hängen mit Herz-Kreislauf-
Erkrankungen zusammen. Dies sind insbesondere ischämische Herzerkrankungen
(30 %), die die Durchblutung des Herzens stören und zu Herzinfarkten
führen können. Schlaganfall und chronisch obstruktive Lungenerkrankung
machen jeweils etwa 16 % aus, Diabetes etwa 6 %. Etwa 20 % waren
undefiniert, dürften aber teilweise mit Bluthochdruck und
neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson
zusammenhängen.

Die Ergebnisse basieren auf Daten der Global Burden of Disease Studie von
2019, satellitengestützten Feinstaub- und Bevölkerungsdaten und relativen
Risikomodellierungen, die das Verhältnis zwischen Schadstoffexposition und
gesundheitlicher Wirkung abbilden. Darüber wird die krankheitsspezifische
Sterberate und die Gesamtmortalität, die auf eine Langzeitbelastung mit
Feinstaub (PM2,5) und Ozon (O3) zurückzuführen sind, den Emissionsquellen
zugeordnet.

„Luftverschmutzung verursacht und verschlimmert Herz-Kreislauf-
Erkrankungen, was insbesondere die Anfälligkeit des Herz-Kreislauf-Systems
für Feinstaub zeigt. Daher ist es von größter Bedeutung, die
Luftverschmutzung als bedeutenden kardiovaskulären Risikofaktor
anzuerkennen, z. B. in den ESC- und AHA/ACC-Leitlinien für Prävention,
ischämischer Herzkrankheiten und Schlaganfall", erklärt der Kardiologe und
Koautor Thomas Münzel von der Universitätsmedizin Mainz.

Studienaufbau: Atmosphärische Modellierungsmethode teilt Luftverschmutzung
in Kategorien ein

Basis für die Berechnung von gasförmigen und partikelförmigen
Luftschadstoffen ist ein datengestütztes globales Atmosphärenmodell. Indem
die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die unterschiedlichen Quellen
der Luftverschmutzung per Computersimulation nacheinander ausschalteten,
ermittelten sie emissionsspezifisch die anteiligen Änderungen der
PM2,5-Werte.

„Wir haben für vier verschiedene Szenarien bestimmt, um wie viel sich
durch fossile Brennstoffe verursachte Emissionen vermindern würden",
erklärt Andrea Pozzer, Gruppenleiter am Mainzer Max-Planck-Institut für
Chemie. Im ersten Szenario werden die Quellen schrittweise ausgeschaltet.
Das zweite und dritte Szenario gehen jeweils von einer 25- bzw.
50-prozentigen Reduzierung aus. Laut dem vierten Szenario schließlich gibt
es keinerlei anthropogene, sondern nur natürliche Emissionen wie zum
Beispiel Wüstenstaub und Ruß aus natürlichen Waldbränden.

Die Szenarien zeigen, dass das Verhältnis zwischen Schadstoff-Exposition
und gesundheitlicher Wirkung annähernd linear ist. Daraus schlussfolgert
das Wissenschaftlerteam, dass jegliche Verringerung der Emissionen aus
fossilen Brennstoffen die Zahl der zurechenbaren Todesfälle erheblich
senken kann.

„Wenn die Nutzung fossiler Brennstoffe durch einen gerechten Zugang zu
sauberen erneuerbaren Energiequellen ersetzt würde, wäre Luftverschmutzung
kein bedeutendes umweltbedingtes Gesundheitsrisiko mehr", betont der
Epidemiologe Andy Haines, Professor für Umweltveränderungen und
öffentliche Gesundheit an der London School of Hygiene & Tropical
Medicine. „Angesichts des Ziels des Pariser Klimaabkommens, bis 2050
klimaneutral zu sein, würde der Ersatz fossiler Brennstoffe durch
erneuerbare Energiequellen rasche Vorteile für die öffentliche Gesundheit
und das Klima mit sich bringen.“

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Valerius-Preis würdigt herausragenden Fachartikel über Versorgungs- Konzepte von Frailty-Patienten im Akutbereich

Denise Schindele, Fachbereichsleitung für die Weiterbildungen in der Intensivpflege, Anästhesie und Intermediate Care Pflege an der RKH Akademie, Klinikum Ludwigsburg
Denise Schindele, Fachbereichsleitung für die Weiterbildungen in der Intensivpflege, Anästhesie und Intermediate Care Pflege an der RKH Akademie, Klinikum Ludwigsburg

Denise Schindele, Fachbereichsleitung für die Weiterbildungen in der
Intensivpflege, Anästhesie und Intermediate Care Pflege an der RKH
Akademie, Klinikum Ludwigsburg, wurde gestern von der Deutschen
Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und
dem Deutschen Ärzteverlag für den besten Fachbeitrag der Pflege- und
Gesundheitsfachberufe mit dem Valerius-Preis ausgezeichnet.

Unter dem Titel „Prähabilitation – ein Konzept für Patient:innen mit
Frailty im perioperativen Bereich?“, erschienen 2023 im DIVI-Magazin des
Deutschen Ärzteverlags, machten sie und ihr Co-Autor, Dr. Tilmann Müller-
Wolff, in einer Übersichtsarbeit deutlich: Um die Versorgungslage für
ältere, gebrechliche Patienten vor dem Hintergrund des demografischen
Wandels zu verbessern, braucht es multimodale Konzepte – und weiteren
Forschungsbedarf.

„Diese Übersichtsarbeit ist ein relevanter Teilaspekt meiner eigenen
Forschungsarbeit – ich beschäftige mich schon seit längerer Zeit mit dem
Thema Frailty und wie wir dieser Herausforderung begegnen können“, erklärt
Denise Schindele. Es gibt noch keine allgemeingültige Definition von
Frailty in der Anästhesie und Intensivmedizin. Kennzeichnend ist allgemein
ein Zustand stark reduzierter physiologischer Reserven, was zum Beispiel
das Risiko, während des Krankenhausaufenthalts zu versterben, erhöht.
Derzeit existieren noch keine einheitlichen Screening-Instrumente zur
Bestimmung von Frailty, da sich das Syndrom sehr individuell und komplex
äußern kann. Daher wird es in der klinischen Praxis nicht regelmäßig
erhoben. „In Anbetracht des demografischen Wandels werden zunehmend ältere
Menschen mit Frailty in unsere Kliniken kommen und darauf sind wir de
facto noch nicht ausreichend vorbereitet. Wir müssen Konzepte auch für den
Akut-Bereich entwickeln, um das postoperative Outcome von diesen
Risikopatienten zu verbessern. Die Prähabilitation kann dabei ein
hilfreiches Konzept sein“, erklärt Schindele.

Eindeutige Evidenz fehlt noch

Der Übersichtsartikel soll dazu beitragen, den dafür nötigen
wissenschaftlichen Diskurs aufrechtzuerhalten und das Thema
voranzutreiben. Anfang 2023 wurde dafür eine systematische
Literaturrecherche durchgeführt, die die bestehende Evidenz von
multimodalen Prähabilitationskonzepten auf das Outcome von Frailty-
Patienten untersuchte. Die Bausteine solcher Konzepte reichen von
körperlichem Training und psychologischer Unterstützung über die
Verbesserung des Ernährungszustands bis hin zur Optimierung von
Vorerkrankungen. Die Recherche ergab: Die untersuchten Konzepte
unterscheiden sich stark und einzelne Untersuchungsbausteine zeigen auch
positive Effekte auf das Outcome – eine eindeutige Evidenz gibt es aber
noch nicht.

Weitere Forschung für praxistaugliches Konzept nötig

Es besteht also noch weiterer Forschungsbedarf, um zukünftig einheitliche
Empfehlungen zur Versorgung von Patienten mit Frailty zu etablieren.
Wünschenswert wäre ein möglichst umfassendes und praxistaugliches Konzept,
mit dem die jeweils vorhandenen Defizite eines Frailty-Patienten einfach
getestet und die dann mit gezielten Maßnahmen behandelt werden: So, dass
die betroffene Person optimal auf die Operation vorbereitet ist und das
genannte Risiko gesenkt wird. Bis ein solches Konzept entwickelt worden
ist, helfen laut Denise Schindele oft schon pragmatische Lösungen: „In der
Praxis besteht häufig Unsicherheit, welches Assessment-Instrument genutzt
werden kann, weil es so viele gibt. Ich würde empfehlen, die Instrumente
zu nutzen, bei denen man sich sicher fühlt und die man auch gut in die
tägliche Routine einbauen kann. Wichtig ist, dass bei Frailty-Patienten
überhaupt erstmal mehr gescreent wird. Also: Sich einfach mal trauen und
alert sein für diese Gruppe!“

Valerius-Preis fördert Forschungsbeiträge der Pflege- und
Gesundheitsfachberufe

Die DIVI hat den Valerius-Preis erstmals 2013 vergeben. Die Namensgeberin
Therese Valerius war selbst eine Pflege-Pionierin: Sie legte den
Grundstein der heutigen Fachweiterbildungen, indem sie ein
Weiterbildungskonzept entwickelte und 1972 an der Uniklinik Mainz den
ersten Weiterbildungslehrgang „Anästhesie und Intensivpflege“ ins Leben
rief. Nun ehrt der Valerius-Preis neue Pionierinnen und Pioniere der
Gesundheitsfachberufe für herausragende Forschungsarbeiten. Die Jury setzt
sich zusammen aus Pflegeexperten im Herausgebergremium der DIVI-
Zeitschrift, Mitgliedern der DIVI-Sektion Pflegeforschung und
Pflegequalität sowie der Sektion Physiotherapie. Der Valerius-Preis ist
verbunden mit einer Fördersumme von 1.500 Euro.

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