Massimo Popolizio, Regisseur und Protagonist in Blick von der Brücke
Szenenbild der Vorstellung am LAC
Produktion und Besetzung: Compagnia Umberto Orsini, Teatro di Roma – Teatro Nazionale, Emilia Romagna Teatro ERT / Teatro Nazionale Regie Massimo Popolizio Bühnenbild Marco Rossi Licht Gianni Pollini Kostüme Gianluca Sbicca Ton Alessandro Saviozzi Eddie Carbone, Massimo Popolizio Beatrice Carbone, Valentina Sperlì Avvocato Alfieri, Michele Nani Marco, Raffaele Esposito Rodolfo, Lorenzo Grilli Catherine, Gaja Masciale Tony, Felice Montervino I Agente, Gabriele Brunelli II Agente, Adriano Exacoustos Louis, Marco Parlà
Am LAC ist in diesen Tagen ‘Uno sguardo dal ponte’ (,Ein Blick von der Brücke’, ‘A View from the Bridge’) über die Bühne gegangen. Dieses Drama von Arthur Miller ist weniger bekannt als sein ‘Tod eines Handlungsreisenden‘ aber sicher nicht weniger tief.
Von Titeln und Brücken
Massimo Popolizio und Valentina Sperlì als Beatrice Carbone
Die Brücke, auf die der Titel des Stücks anspielt, ist die New Yorker Brooklyn-Bridge. In einer Szene denkt der Rechtsanwalt Alfieri gerade dort über die Geschehnisse. Alfieri, den von Eddie zu Rate gezogen wird, ist der Erzähler, eine direkte Beziehung (eine Brücke?) zum Publikum, eigentlich auch eine Art Chor wie in den griechischen Tragödien.
Die Tragödie eines Mannes
Massimo Popolizio, Regisseur und Protagonist in Blick von der Brücke
Der Protagonist Eddie Carbone, ein italoamerikanischer Hafenarbeiter, lebt mit seiner Frau Beatrice und seiner Nichte Catherine in Brooklyn, wo viele Einwanderer aus Sizilien leben. Als sich die Nichte in einen von diesen verliebt……… Miller verbindet in einem literarisch grossartigen Werk Gesellschaftskritik und Psychoanalyse, aber es geht hier im Grunde eher um die Tragödie eines einzelnen Mannes, um kranke Liebe und Eifersucht, und weniger um Migration und die damalige Situation der Italiener in NYC.
Eine total packende Inszenierung
Ein grossartiger Massimo Popolizio als Eddie Carbone
Der Regisseur Massimo Popolizio konzentriert sich nicht auf die soziale Situation der Migranten aus Sizilien, sondern sehr figurennah auf den Charakter und auf die Gefühle des Hafenarbeiters Eddie. So wie auch auf dessen dramatische private Geschichte, auf die emotionale Entfremdung des Protagonisten von seiner Frau Beatrice, und auf die immer krankhaftere Anziehung für seine Nichte. Die Tragödie wird vom Regisseur sehr schlüssig gezeichnet, dank auch der perfekten Charakterisierung des Anwalts, welcher, wie schon gesagt, nicht nur Erzähler ist, sondern Mediator, Moderator, mehr: er hat sozusagen die gleiche Funktion des Chors in der antiken Tragödie. Obwohl die Psychoanalyse, die so typisch für die amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts ist, sehr wichtig in diesem Stück ist, lässt das Ende aber sofort an das Schicksal, an das blinde Fatum denken, das man leider immer hinnehmen muss.
Eine Klasse Besetzung
Massimo Popolizio als Eddie Carbone und Gaia Masciale als Catherine
Der Regisseur Massimo Popolizio selber in der Rolle von Eddie Carbone ist einfach grossartig. Und das, besonders wenn er eifersüchtig wie ein Adoleszent reagiert, nachdem er die Liebe zwischen Catherine und dem Migranten Rodolfo erfährt. Zuerst grotesk, dann wahnsinnig bis zum tragischen Rache-Schuss, dennoch immer plausibel. Ebenso wie Gaja Masciale in der Rolle der Nichte Catherine, die Eddie als Waise aufgenommen hat. Glaubwürdig in ihrer harmlosen, naiven Zuneigung für den Onkel, sowie auch als Objekt der Begierde, und wirklich rührend, wenn sie am Schluss versteht, dass es sich für ihn um eine ganz andere Art von Liebe handelt. Typengerecht besetzt und ebenfalls plausibel Valentina Sperlì als Beatrice, die duldsame, unterwürfige Ehefrau, die aber versucht, das Mädchen zu mehr Distanz zu bewegen, sobald sie die Gefährlichkeit der Situation erkennt. Den drei Schauspielern ebenbürtig sind Lorenzo Grilli als immer fröhlicher Rodolfo, Beatrices Cousin, in den sich Catherine verliebt, so wie Raffaele Esposito als Marco. Ideal besetzt Michele Nani als Rechtsanwalt Alfieri, der die furchtbare Tragödie kommen sieht.
Das Bühnenbild und die Kostüme
Szenenbild der Vorstellung am LAC
Nicht zuletzt dank Marco Rossis Bühnenbild sehen wir eine freie, zeitlose und fast abstrakte Inszenierung. Die mit den sparsamen aber eloquenten Details ausstaffierte Bühne besteht aus einer kleinen und klaustrophobischen Wohnung, in welcher man sich ziemlich eng bewegt, und aus trostlosem, billigem Mobiliar, das typisch für die Wohnverhältnisse eines Hafenarbeiters ist. Im Hintergrund schwarze Silhouetten von Laufstegen und Containern. Gianni Pollinis Light Design, betont jedes psychologische Register. Sehr eloquent sind auch die Kostüme von Gianluca Sbicca: ein aufreizender Minirock und leichte, kokette Frühlingskleider für eine Catherine, die mehr und mehr Selbstbewusstsein und erste Emanzipationszeichen zeigt; schwarz für die aus Süditalien stammende Ehefrau; dunkle Anzüge aus den 50er Jahren für den Protagonisten und für den Rechtsanwalt Alfieri.
PROGRAMM FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64
DMITRI SCHOSTAKOWITSCH Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47
WOLFGANG DAVID ORDOÑEZ PEÑA Travesía. Fanfarria y Pajarillo
Ein Klangabenteuer mit Wolfgang David Ordoñez Peña: Travesía, Fanfarria y Pajarillo
Die Filarmonía Joven de Colombia, unter der mitreißenden Leitung von Andrés Orozco Estrada, präsentierte eine faszinierende musikalische Reise mit dem Werk “Travesía, Fanfarria y Pajarillo” des kolumbianischen Komponisten Wolfgang David Ordoñez Peña, ein klangliches Abenteuer, das das Publikum auf vielfältige Weise begeisterte.
Einführung in Wolfgang David Ordoñez Peña’s Klangwelt: Travesía
Konzertimpression von Vanessa Bösch
Die Konzerthalle erfüllte sich mit Spannung, als Orozco Estrada den Taktstock hob und das Orchester die Reise in die faszinierende Klangwelt von Wolfgang David Ordoñez Peña begann. “Travesía” entfaltete sich als ein beeindruckendes Stück, das mit einer Mischung aus melodischen Linien, rhythmischer Komplexität und harmonischer Raffinesse beeindruckte. Eingesetzt wurde auch Schlagwerk, das in Südamerika auch für Volksmusik Usus ist, so Maraca. Auch das Xylophon stach immer wieder hervor. Die Filarmonía Joven de Colombia tauchte tief in die vielschichtigen Facetten dieses Werks ein und setzte jede musikalische Nuance mit Präzision und Leidenschaft um.
Fanfaren der Leidenschaft: Fanfarria
Der Übergang zur “Fanfarria” war wie ein musikalischer Weckruf. Die Fanfare, gespielt mit beeindruckender Präzision, verlieh dem Saal eine festliche Atmosphäre. Orozco Estrada führte das Orchester mit Energie und Begeisterung, während die Musiker die dynamischen Kontraste und die strahlende Klangpracht der Fanfare zum Leben erweckten. Die Komposition zeigte Ordoñez Peña’s Fähigkeit, traditionelle Elemente mit zeitgenössischer Vitalität zu verbinden.
Pajarillo: Kolumbianische Folklore im Orchesterklang
“Pajarillo” führte das Publikum auf eine tiefgreifende kulturelle Reise durch Kolumbien. Die Verbindung von Orchester und kolumbianischer Folklore war meisterhaft gelungen. Die Rhythmen und Melodien des Pajarillo, einem traditionellen kolumbianischen Tanz, durchzogen den Saal und entfachten eine lebendige Atmosphäre. Die Filarmonía Joven de Colombia interpretierte die folkloristischen Elemente mit Respekt und zugleich mit einer erfrischenden Modernität.
Die Virtuosität der Filarmonía Joven de Colombia: Technische Brillanz und klangliche Vielfalt
Das Orchester beeindruckte nicht nur durch seine musikalische Sensibilität, sondern auch durch seine technische Brillanz. Orozco Estrada lenkte die Filarmonía Joven de Colombia durch die komplexen Strukturen von Ordoñez Peña’s Kompositionen, wobei jedes Instrumentalensemble seine klangliche Vielfalt in vollem Glanz präsentierte. Die Streicher lieferten warme und nuancierte Klänge, die Holzbläser setzten farbenfrohe Akzente, und die Blechbläser brachten kraftvolle Fanfaren hervor – ein harmonisches Zusammenspiel auf höchstem Niveau.
Dynamik und Ausdruck: Orozco Estradas Dirigierkunst
Filarmónica Joven de Colombia
Die Dirigierkunst von Andrés Orozco Estrada erwies sich erneut als mitreißend und inspirierend. Seine Fähigkeit, das Orchester durch die unterschiedlichen Stimmungen von “Travesía, Fanfarria y Pajarillo” zu führen, war beeindruckend. Von leisen, introspektiven Momenten bis hin zu kraftvollen Ausbrüchen behielt Orozco Estrada die Kontrolle über die Dynamik, wodurch das Publikum in den Bann der musikalischen Erzählung gezogen wurde.
Fazit: Eine klangliche Entdeckungsreise
Das Konzert mit Wolfgang David Ordoñez Peña’s “Travesía, Fanfarria y Pajarillo” war zweifellos eine klangliche Entdeckungsreise. Die Filarmonía Joven de Colombia und Andrés Orozco Estrada lieferten eine mitreißende Interpretation, die die Vielfalt und kulturelle Tiefe der kolumbianischen Musik feierte. Die Komposition basiert auf dem “Joropo”, einem populären venezolanischem Tanz und Musikstil (auch Música Llanera), der vor ca. 300 Jahren in den Llanos entstand und so wirbelten die Töne und Schläge bunt und lebensfreudig durch den Berner Casinosaal, ganz zur Freude des Publikums, das nicht mit entsprechendem Applaus geizte.
FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64
Einführung in die Romantik: Orozco Estradas leidenschaftliche Dirigierkunst
Andrés Orozco-Estrada Leitung
Die Konzerthalle füllte sich mit erwartungsvoller Stille, als Solistin Hilary Hahn zusammen mit Dirigent Andres Orozco Estrada die Bühne betrat. Die leidenschaftliche Dirigierkunst des gebürtigen Kolumbianers Orozco Estrada wurde unmittelbar spürbar, als er die Spannung in der Luft aufbaute. Die Filarmonia Joven de Colombia, bestehend aus talentierten jungen Musikern, antwortete mit einer beeindruckenden Präzision und einem harmonischen Zusammenspiel. Orozco Estrada führte das Orchester durch die fein nuancierten Passagen von Mendelssohns Werk und verlieh jedem Abschnitt eine eigene dynamische Intensität.
Hilary Hahns virtuose Interpretation: Technische Brillanz und emotionale Tiefe
Hilary Hahn Solistin Violine
Die Bühne erstrahlte, als Hilary Hahn in das Geschehen eingriff. Schon die ersten Töne verzauberten das Publikum. Hahns Spiel zeugte von technischer Brillanz, während sie gleichzeitig eine beeindruckende emotionale Tiefe in jede Phrase einfließen ließ. In Mendelssohns Violinkonzert fand sie einen perfekten Ausdruck für ihre künstlerische Sensibilität. Ihre Virtuosität in den anspruchsvollen Passagen verschmolz nahtlos mit der orchestralen Begleitung, wobei sie die zarten Melodien ebenso meisterhaft beherrschte wie die kraftvollen Tutti-Passagen.
Mendelssohns Meisterwerk: Ein Sturm der Gefühle
Die magische Atmosphäre erreichte ihren Höhepunkt, als das Orchester und Hahn gemeinsam in die dramatischen Passagen des zweiten Satzes eintauchten. Das Konzert für Violine und Orchester op. 64, ein Spiegelbild der romantischen Sturm-und-Drang-Ära, faszinierte durch seine wechselnden Stimmungen. Von zarten lyrischen Momenten bis zu stürmischen Ausbrüchen schuf Mendelssohn eine reichhaltige Klangpalette, die von Solistin Hahn,Orozco Estrada und der Filarmonia Joven de Colombia meisterhaft präsentiert wurde.
Dynamik und Präzision: Orchester in Bestform
In den schnellen Sätzen des Konzerts bewies das orchester nicht nur seine technische Versiertheit, sondern auch die beeindruckende Fähigkeit zur dynamischen Gestaltung. Orozco Estrada navigierte das Orchester mit Präzision durch die raschen Wechsel der Tempi, wobei jede Gruppe von Instrumenten ihre eigene Rolle mit Bravour spielte. Die Holzbläser strahlten in den lyrischen Passagen, die Blechbläser setzten kraftvoll Akzente, und die Streicher lieferten eine klangliche Vielfalt, die das Publikum in ihren Bann zog.
Begeisternder Schlussakkord
Konzertimpression von Vanessa Bösch
Die Schlussakkorde hallten durch den Konzertsaal, und das Publikum brach in tosenden Applaus aus. Orozco Estrada, Hilary Hahn und die Filarmonia Joven de Colombia ernteten langanhaltende Ovationen für ihre herausragende Leistung. Die emotionale Tiefe, die technische Brillanz und die harmonische Zusammenarbeit zwischen Solistin und Orchester machten das Werk Mendelssohns zu einem aussergewöhnlichen Erlebnis. Die Kombination aus Orozco Estradas leidenschaftlicher Dirigierkunst, Hahns virtuosem Violinspiel und dem beeindruckenden Können des jugendlichen Orchesters schuf einen unvergesslichen Abend. Mendelssohns Konzert für Violine und Orchester wurde in all seiner Pracht und Emotionalität zum Leben erweckt, und das Publikum erlebte die Magie der Musik in ihrer reinsten Form.
DMITRI SCHOSTAKOWITSCH Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47
Grundsätzliches zum Werk
Das Werk ist viersätzig wie eine romantische Sinfonie, einfach aufgebaut mit Rückgriffen auf altbekannte formale Vorbilder, zum Beispiel die Sonatensatzform oder die Scherzo Form. Und: Sie führt, wie man das seit Beethoven kannte, «vom Dunkel ins Licht», «per aspera ad astra». Der erste Satz ist ein typisch Schostakowitsch er Sonatensatz, mit einer dramatischen, kraftvollen, marschartigen Durchführung, die allerdings auch ihre grotesken Masken hat. Der zweite Satz ist ein beliebtes Scherzo. Der dritte, langsame Satz, wird gemeinhin als das Zentrum des Werkes aufgefasst. Es ist ein sehr nachdenklicher Satz, der für russische Kommentatoren klare Trauerthemen enthält, wobei bezeichnenderweise die für russische Beerdigungen charakteristischen Blechbläser in diesem Satz fehlen; in der Tat bäumt sich der Satz zu einem gewaltigen emotionalen Tremolo-Höhepunkt auf. Völliger Gegensatz dazu ist der abrupte, laute Beginn des Finales. Es ist eine leichte Abwandlung des Marschthemas des ersten Satzes in der Vierten Sinfonie. Das Finale bietet einen ruhigeren Mittelteil, indem Schostakowitsch ein Eigenzitat hinein “schmuggelt”. Es sind dies Zeilen aus dem Pushkin-Gedicht “Wiedergeburt”, das Schostakowitsch direkt zuvor vertont hatte; in diesen Worten spricht der von der Macht gebeutelte Künstler. Direkt im Anschluss beginnt die mächtige anschließende Coda mit ihrem zweifelhaft optimistischen Schluss. Das Licht, die Erlösung, ist der Schluss: ein glorioser Marsch, mit fortissimo schabenden Geigen, donnernden Pauken, jaulendem Blech. Den Jubel hat Schostakowitsch derart inszeniert, dass es schon fast wehtut. Ätzend, diese Lautstärke, erbarmungslos, diese Achtel, geschunden, die Membran der Pauke unter diesen Quarten-Schlägen.
Ein Trip, den Du ohne Drogen antreten kannst
Konzertimpression von Vanessa Bösch
Das Orchester und der Dirigent nehmen uns mit auf eine packende Reise durch die Partitur, die eigentlich schlicht unbeschreiblich ist, zu sehr wühlt diese Interpretation auf. Ob Bläser, Streicher, Schlagwerk, Harfe, Triangel, ob piano, Mezzo oder forte, jede Nuance sitzt, jeder Ton, jedes Tempo, die Streicher ob gestrichen oder gezupft, ob die Bläser sich leicht über die Streicher schwingen oder Tragik und Schmerz schmetternd äussern, die Paukisten mal, sprichwörtlich, so richtig auf die Pauke hauen dürfen. Du weißt nicht, ist das nun schmerzhaft, oder freudig, sogar, am wahrscheinlichsten, schmerzhafte Freude. Nicht nur das Publikum ist gepackt, nein, man sieht auch den Musikern an, wie sie sich freuen, leiden, an – und entspannen, sich dem akustischen Orgasmus entgegenspielen, das Auditorium auf den Trip mitnehmen. Der kontinuierliche Spannungaufbau explodiert nach dem letzten Ton in einer wahren Applausexplosion, Bravorufen und einer langen stehenden Ovation.
Aussergewöhnlich, dass die Darbietenden die Sinfonie auf eine gewisse Art szenisch vortrugen, indem sie mimisch, durch Gesten mit dem Kopf usw. den Druck und den Schmerz ausdrückten, die der Komponist zur Zeit der Entstehung der Sinfonie durchlebte.
Die jungen Solisten des Baltic Sea Philharmonic treten ins Rampenlicht, Kristjan Järvi (links) steht als Motivator, nicht als allmächtiger Dirigent inmitten der Musiker seines Orchesters. Foto Bernd Possardt
Besetzung und Programm: Baltic Sea Philharmonic Kristjan Järvi – Leitung Olga Scheps – Klavier PROGRAMM — «NUTCRACKER REIMAGINED» Kristjan Järvi: «Ascending Swans», basierend auf «Lobgesang» aus der Bühnenmusik von Jean Sibelius zu «Schwanenweiss» op. 54 Peter Tschaikowski: «Der Nussknacker», dramatische Sinfonie nach der Ballettmusik op. 71, arrangiert von Kristjan Järvi (Auszüge) Edvard Grieg: Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16 Arvo Pärt: «Swansong» für Orchester Edward Elgar: «Nimrod» aus «Enigma-Variationen» op. 36 Marius Malancheti Winter Sky Maria Mutso Sireen Kristjan Järvi Stringsong Infinity Johnny Kliemek Precision
Es ist nirgendwo in Stein, respektive in Noten gemeisselt, dass klassische Musik per se todernst sein muss.Kristjan Järvi und sein jugendliches Orchester manifestierten dies einzigartig und rockten den KKL Konzertsaal.
Wenn das Publikum die Musiker*innen minutenlang stehend feiert und der Chef derselben wie ein Kobold auf der Bühne rum hüpft ist das nicht unbedingt ein Konzert der «Rolling Stones» im Hallenstadion und der hüpfende Derwisch nicht zwangsläufig Mick Jagger. Kaum vorstellbar, aber es ist tatsächlich der fulminante Abschluss eines Konzertes der Migros Kulturprozent Classics Reihe im Luzerner KKL..
Bei Kristjan Järvis Projekt «Nutcracker Reimagined» wird die Werkfolge aufgelöst, die einzelnen Stücke gehen gleichsam assoziativ ineinander über. In dem rund neunzigminütigen Klangstrom bildet Järvis eigene Adaption der «Nussknacker»-Musik von Peter Tschaikowsky einen roten Faden; andere Werke, darunter die drei separierten Sätze von Edvard Griegs Klavierkonzert mit Olga Scheps, werden zwanglos integriert.
Dazu bewegen sich die während des gesamten Konzerts auswendig und im Stehen spielenden Musiker kreuz und quer über die Bühne, auch Järvi selbst schaut ab und an in den hinteren Reihen nach dem Rechten. Stimmungswechsel und einzelne Solisten werden obendrein durch eine farbenfrohe Lichtregie hervorgehoben.
Mal positionieren sich eine Handvoll Musiker*innen, wie wir als Buben bei den Pfadfindern knieend ums Lagerfeuer, und übernehmen abwechselnd Soloparts, befeuert von den Gesten des Dirigenten.
Kristjan Järvi verkörpert die neue Generation von Dirigent*innen
Dirigent Kristjan Jaervi Foto Sunbeam Productions Siiri-Kumari
Es ist diese neue Generation von Dirigenten, dazu zähle ich, nebst Kristjan Järvi, z.B. auch Teodor Currentzis, Tugan Sokhiev, die Ukrainerin Oksana Lyniv und auch den Schweizer Titus Engel, die durchaus die Aura von gefeierten Popstars verströmen und mit ihrem Charisma, nicht nur das Publikum, sondern zuerst und vor allem, ihre Mitmusiker motivieren und begeistern und so auf die Reise in diese neuen Welten der Klassik Interpretationen mitnehmen.
«Nutcracker Reimagined» ein Konzert der anderen Art: ein Gesamtkunstwerk aus Musik und Licht, gespielt vom jungen Baltic Sea Philharmonic (Durchschnittsalter der Musiker*innen 23 Jahre) – stehend, auswendig und mit vollem Körpereinsatz.
«Nutcracker Reimagined» nimmt mit auf eine musikalische Reise. Den Auftakt macht das Stück «Ascending Swans», komponiert von Dirigent Kristijan Järvi selbst, basierend auf der Bühnenmusik von Jean Sibelius zu «Schwanenweiss».
Kristjan Järvi knackt die Nuss der verkrusteten Strukturen
Anschliessend begibt man sich in die Welt des «Nussknackers», mit einer neu arrangierten, dramatischen Sinfonie nach der Ballettmusik von Tschaikowski. Dann betritt die phänomenale Pianistin Olga Scheps die Bühne – mit Edward Griegs Klavierkonzert a-Moll.
Nahtloser Übergang von Tschaikowski zu Grieg
Konzertimpression Foto Maria Ulrich
Vom Nusskacker steigt Kristjan Järvi nahtlos frisch und forsch in das sehr viel gehörte Klavierkonzert des norwegischen «Nationalheiligen» Edvard Grieg ein, das die Streicher mit dunklen Untertönen, die Holzbläser mit fein abschattierten Pastelltönen, das Blech edel gerundet angehen. Olga Scheps am Flügel wirkt darin erfrischend aufgeräumt und gutgelaunt.
Pianistin Olga Scheps Foto Uwe-Arens
Sie setzt auf vollgriffige romantische Attacke, ihr Fortissimo ist dabei freilich nie plärrend laut, sondern wohl gerundet, sie trifft für Grieg die ideale Mitte aus packendem und poetischem Zugriff. Ja, dieser Grieg klingt wie ein nordischer Brahms, mal so gar nicht verniedlicht. Ein feuriger cooler Nordländer, ja das gibt’s, wie Scheeps, eine Pianistin von meisterhafter Eleganz, Kraft und Einsicht, eindrücklich demonstrierte, sehr zur Freude des sachkundigen Auditoriums. Die Pianistin reißt das Publikum mit entschiedenem Anschlag und einer angenehmen Dosis an Präzision und Klarheit mit sich. Im Adagio rollt dann zwar auch das Orchester einen wunderbar samtenen Klangteppich aus, gesamt gesehen bleibt es aber meist wohltuend zurückhaltend und überlässt der Solistin die Oberherrschaft. Der Dirigent lässt der Russin nicht nur viel Freiheiten, er bestärkt sie gar darin mit Gesten und Blicken. Diese weiss diesen Auslauf weidlich zu nutzen, präzis ihre Staccato, feinfühlig die perlenden Läufe liebevoll, streichelt sie das Elfenbein unter ihren Fingern, ohne deshalb verweichlicht zu tönen, denn die gebürtige Moskovitin kann auch sehr energisch, wo vom Komponisten angedacht. Sie führt das Orchester durch die anspruchsvolle Partitur, ohne voranzutreiben, immer in Symbiose mit dem jugendlichen nordischen Orchester, das von Kristjan Järvi mit Gesten, Kopfzeichen, ach mal mit hüpfen usw. geleitet wird. Der gebürtigen Este, Mitbegründer des aus Musiker*innen der Ostseeanrainerstaaten bestehenden Klangkörpers bewegt sich durch die lose aufgereihten Musiker*innen, motiviert hier mit einem Fingerzeig, dort mit einem intensiven Augenkontakt.
Auch die Werke stammen von Komponisten aus der Heimatregion des Orchesters
Den Abschluss des Programms machen Arvo Pärts «Swansong» für Orchester und Edward Elgars «Nimrod» aus «Enigma-Variationen». Die ganzen Abläufe haben auch etwas mystisches mit einem Kristjan Järvi als eine Art Guru dazwischen, der mit einer verschworenen Truppe Musk zelebriert und auch optisch aufbereitet.
Vertreter einer estnischen Musikerdynastie
Kristjan Jaervi Foto Siiri Kumari
Der jüngere Bruder des Tonhalle-Chefs Paavo Järvi experimentiert gern mit neuen Konzertformen. Sein «Nutcracker Reimagined»-Projekt rüttelt auf unterhaltsame, auch anregende Weise an den Strukturen des klassischen Musikbetriebs. Kann man Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Musikern hören? Die Frage liegt bei keinem Brüderpaar so nahe wie bei Paavo und Kristjan Järvi. Denn sowohl der Musikdirektor des Tonhalle-Orchesters als auch sein zehn Jahre jüngerer Bruder sind international erfolgreiche Dirigenten. Zudem wurden beide schon in frühester Jugend durch die Persönlichkeit und den Erfahrungsschatz ihres Vaters Neeme geprägt, der als Patriarch dieser Dirigentenfamilie den Namen Järvi mit über 400 CD-Einspielungen zu einer Marke gemacht hat. Und tatsächlich: Es gibt zwischen den Järvi-Söhnen bemerkenswerte Ähnlichkeiten in der Körpersprache. Beide pflegen einen ausgesprochen pragmatischen, im Kern fast nüchternen Dirigierstil, der auf die optimale Umsetzung des Notentextes fokussiert ist. Auf dieser handwerklichen Ebene braucht es keine grossen Gesten; für interpretatorische Akzente sorgen beide hingegen durch die intensive Interaktion mit jedem einzelnen Musiker, vor allem über den Blickkontakt. Trotzdem ist Kristijan Järvi nicht einfach der jüngere Doppelgänger von Zürichs Paavo.
Ein Kollektiv-Kunstwerk
Als Benjamin der Musikerdynstie Järvi nimmt sich Kristjan Järvi das Recht, aus der Reihe zu tanzen. Mit seinem Baltic Sea Philharmonic, einem Ensemble, das er 2008 zunächst als Jugendorchester am Usedomer Musikfestival gegründet hat, mischt er gezielt den Musikbetrieb auf. Järvi zielt dabei auf die seit dem 19. Jahrhundert kaum veränderten Gepflogenheiten des klassischen Konzerts.
Nicht “normale” Stückabfolge
Konzertimpression Foto Maria Ulrich
Warum muss man die Werke eines zuvor festgelegten Programms immer säuberlich voneinander getrennt und der Reihe nach abarbeiten? So fragt er sich beispielsweise. Warum müssen die Mitglieder eines Sinfonieorchesters immer starr nach einer wenig variablen Sitzordnung auf der Bühne Platz nehmen, traditionell ausgerichtet auf den Dirigenten? Und warum nicht auch einmal die Hierarchie zwischen dem Podium und der weitgehend passiven Hörerschaft im dunklen Saal durchbrechen? So animiert der Dirigent nicht nur seine Mitmusiker*innen, sondern auch das Auditorium mit Gesten und auffordernden Blicken.
Konzept soll auch junges Publikum in die Konzertsäle holen
Konzertimpression Foto Maria Ulrich
Neue Formen um eine neue, jüngere Zielgruppe in die Konzertsäle zu holen Solche Überlegungen stellen mittlerweile viele Interpreten an, um den Zugang zu klassischen Konzerten, gerade für Neulinge, zu erleichtern. Das Publikum «abholen» heisst das im Zeitgeist-Jargon – Krystian Järvi aber macht damit auf ebenso radikale wie unterhaltsame Weise Ernst. Bei seinem auf der Tournee präsentierten Projekt «Nutcracker Reimagined» wird die Werkfolge aufgelöst, die einzelnen Stücke gehen gleichsam assoziativ ineinander über. In dem rund neunzigminütigen Klangstrom bildet Järvis eigene Adaption der «Nussknacker»-Musik von Peter Tschaikowsky einen roten Faden; andere Werke, darunter die drei separierten Sätze von Edvard Griegs Klavierkonzert mit Olga Scheps, werden zwanglos eingeflochten
Überraschende, sehr erfrischend anregende Inszenierung
Konzertimpression Foto Maria Ulrich
Dazu bewegen sich die auswendig und im Stehen spielenden Musiker*innen kreuz und quer über die Bühne, auch Järvi selbst schaut ab und an in den hinteren Reihen nach dem Rechten. Stimmungswechsel und einzelne Solisten werden obendrein durch eine farbenfrohe Lichtregie hervorgehoben. Das Ergebnis erinnert eher an eine Performance, an einen Flash-Mob oder auch an ein Filmkonzert, bei dem die Darbietung selbst der beste Film ist. Die Suggestivität dieses Musik-Happenings trifft jedenfalls beim Publikum auf offene Ohren und wache Sinne – am Ende gibt es Ovationen für ein nahezu perfekt durchchoreografiertes überraschendes Konzerterlebnis.
Neue Konzertformate
Konzertimpression Foto Maria Ulrich
Aber ist dies nun das Konzert der Zukunft? Sicher nicht, dazu sind die praktischen Zwänge und auch die Beharrungskräfte des Musikbetriebs zu stark. Traditionalisten dürfte das beruhigen. Allerdings hat jüngst auch Paavo Järvi – nach seiner vollzogenen Vertragsverlängerung in Zürich – angekündigt, er wolle verstärkt mit neuen Konzertformaten experimentieren. Es liegt offenbar in der Familie. Kristjan Järvi und sein Orchester werden ihr Ding durchziehen und uns noch etliche Male überraschen und zum Staunen bringen. Dass dies nicht überall auf ungeteilte Zustimmung stossen wird ist ebenso sicher wie die Gewissheit, dass dies den Dirigenten und seine Truppe nicht aufhalten wird, neue Wege zu beschreiten, die gewohnten Pfade zu verlassen. Das Publikum jedenfalls honorierte diesen besonderen Konzertgenuss mit einer nicht enden wollenden begeisterten stehenden Ovation und etliche hüpften gar mit, wie es der Dirigent auf der Bühne vormachte.
Das animierte die Protagonisten dazu, noch eine längere Zugabe zu geben, auch diese genossen und bejubelt vom Auditorium.
Das Projektteam von "DigiTransPro" an der FH Dortmund (von rechts): Prof. Dr. Jan Christoph Albrecht, Prof. Dr. Carsten Wolff, Hermina Motruk, Prof. Dr. André Dechange und Prof. Dr. Marco Boehle. Benedikt Reichel Fachhochschule Dortmund
Unter dem Namen „DigiTransPro“ entsteht an der Fachhochschule Dortmund ein neuer Forschungsschwerpunkt zu digitalen Transformationsprozessen. Die Frage, der Lehrende, Promovierende und Studierende insbesondere der Fachbereiche Informatik und Wirtschaft nachgehen wollen, lautet: Wie kann der digitale Wandel in Unternehmen, aber auch in der Gesellschaft gestaltet werden?
„Digitalisierung ist die technische Automatisierung vorhandener Prozesse“, erklärt Prof. Dr. Carsten Wolff, Lehrender am Fachbereich Informatik und im Vorstand des Instituts für die Digitalisierung von Arbeits- und Lebenswelten (IDiAL) der FH Dortmund. „Transformation ist einen Schritt größer. Sie beschreibt eine Entwicklung, die bisher so nicht möglich und damit auch so nicht vorhersehbar war.“ Messenger-Dienste und Social Media etwa seien eine Transformation der Kommunikation. Ähnliche Umbrüche durchlaufen aktuell viele Branchen.
Wenn Prof. Wolff über (digitale) Transformation spricht, beginnt er auch mal bei Leonardo Da Vincis Schuhmacher: „Der konnte sich im 15. Jahrhundert auch nicht vorstellen, dass wir heute Schuhe irgendwo auf der Welt produzieren, ohne den Fuß ausgemessen zu haben. Und dass wir diese Schuhe in Geschäfte stellen, ohne zu wissen, ob sie dort gekauft werden.“ So aber funktioniert der Schuhmarkt heute. Auch die Industrielle Revolution war eine Transformation. „Die Industrialisierung hat sich durchgesetzt, denn die Massenproduktion mit standardisierten Verfahren war effizienter“, erklärt Carsten Wolff. Wenn digitale Transformation die Effizienz ebenfalls steigert, werde sie sich auch durchsetzen. Was das für den Schuhkauf bedeutet, weiß auch Professor Wolff heute noch nicht: „Vielleicht schaue ich bald nur in eine Kamera und eine KI erstellt den passenden Schuh nach meinen Wünschen – ohne, dass ich diese aussprechen muss. Wir sind bei der digitalen Transformation noch ganz am Anfang.“
Die Herausforderung liegt darin, Veränderungsprozesse zu gestalten, ohne vorab schon das Ergebnis zu kennen. „Genau dafür wollen wir Methodiken generieren, die sich an bestehenden Ideen des Projektmanagements orientieren, aber auch darüber hinausgehen“, erklärt Dr. Jan Christoph Albrecht, Professor für Projektmanagement am Fachbereich Wirtschaft. Mit dem internationalen Studiengang „European Master in Projekt Management“ sei die FH Dortmund dafür bereits gut positioniert. „Wir wollen Projektmanagement in allen Fachrichtungen und möglichst vielen Studiengängen der FH Dortmund verankern“, ergänzt Carsten Wolff. Diese interdisziplinäre Ausrichtung sei wichtig, um den technologischen Wandel mit neuen Partizipationsansätzen voranzutreiben.
„Digitale Transformation betrifft nicht nur ein einzelnes Unternehmen oder eine einzelne Branche, sie wirkt in die Gesellschaft“, betont auch Prof. Albrecht. Darum benötigen Veränderungsprozesse ein gutes Management. Heißt: den Wandel Schritt für Schritt vorantreiben, dabei alle Beteiligten mitnehmen und zugleich die große Vision nicht aus den Augen verlieren. Carsten Wolff: „In vielen Ländern ist Projektmanager*in bereits eine geschützte Berufsbezeichnung, die eine Ausbildung erfordert. In Deutschland haben wir noch Nachholbedarf. Mit DigiTransPro werden wir dazu beitragen, Veränderungsprozesse zu professionalisieren.“
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Hintergrund: Der Aufbau des Forschungsschwerpunkts wird im Projekt „DigiTransPro – Digital Transformation Projects: Projektmanagement für digitale Transformation“ durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen mit 277.486 Euro im Programm „Focus Forschung – HAW-Kooperation“ gefördert. Neben Prof. Dr. Carsten Wolff und Prof. Dr. Jan Christoph Albrecht sind auch Prof. Dr. Marco Boehle mit seinem Schwerpunkt proaktives Kostenmanagement und digitales Controlling sowie Prof. Dr. André Dechange mit dem Schwerpunkt Projektmanagement am Aufbau des neuen Forschungsschwerpunkts beteiligt.