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Automatische und nachhaltige Entfernung von Ölverschmutzungen in Gewässern durch Textilien

Forschende des ITA, der Uni Bonn und der Heimbach GmbH haben eine
neuartige Methode entwickelt, mit der Ölverschmutzungen energiesparend,
kostengünstig und ohne Einsatz toxischer Substanzen von Wasseroberflächen
entfernt werden können. Ermöglicht wird dies durch ein technisches Textil,
das in einen schwimmenden Behälter integriert wird. So können mit einem
einzigen kleinen Gerät bis zu 4 L Diesel innerhalb einer Stunde zu
entfernen. Dies entspricht etwa 100 m2 Ölfilm auf einer Wasseroberfläche.

Trotz dem stetigen Ausbau erneuerbarer Energien haben die weltweite
Ölproduktion, der Ölverbrauch und das Risiko der Ölverschmutzung in den
letzten zwei Jahrzehnten stetig zugenommen. Im Jahr 2022 belief sich die
weltweite Ölförderung auf 4,4 Milliarden Tonnen! Dabei kommt es bei der
Förderung, dem Transport und der Verwendung von Öl häufig zu Unfällen, die
zu schweren und manchmal irreversiblen Umweltverschmutzungen und Schäden
für den Menschen führen.

Es gibt verschiedene Methoden diese Ölverschmutzungen von
Wasseroberflächen zu entfernen. Jedoch weisen alle Methoden verschiedene
Defizite auf, die ihren Einsatz erschweren und insbesondere die Entfernung
von Öl aus Binnengewässern einschränken.

Für viele technische Anwendungen gibt es unerwartete Lösungen aus dem
Bereich der Biologie. Jahrmillionen der Evolution haben dazu geführt, dass
die Oberflächen lebender Organismen für ihre Interaktion mit der Umwelt
optimiert wurden. Lösungen, die für Materialwissenschaftler oft eher
ungewohnt und schwer zu akzeptieren sind. Die langjährige Untersuchung von
rund 20.000 verschiedenen Arten an der Uni Bonn zeigte, dass es eine
nahezu unendliche Vielfalt an Strukturen und Funktionalitäten gibt. Einige
Arten zeichnen sich besonders durch ihre hervorragende Öladsorption aus.
Beispielsweise adsorbieren die Blätter des Schwimmfarns Salvinia molesta
Öl sehr schnell, separieren es gleichzeitig von Wasseroberflächen und
transportieren es auf ihren Oberflächen (Abbildung 1 Sekundenschnelle
Adsorption eines Tropfens Altöls durch ein Blatt des Schwimmfarns Salvinia
molesta, schauen Sie sich auch das Video des Phänomens an).

Die Beobachtungen inspirierten dazu, den Effekt auf technische Textilien
zur Trennung von Öl und Wasser zu übertragen. Es handelt sich um ein
superhydrophobes Abstandsgewirk, das industriell hergestellt werden kann
und daher leicht skalierbar ist.
Das biologisch inspirierte Textil kann in eine Vorrichtung zur Öl-Wasser-
Trennung integriert werden kann. Dieses gesamte Gerät wird Bionischer
Öladsorber (BOA) genannt
(s. Abbildung 2: Querschnitt durch das CAD-Modell des bionischen
Öladsorbers. Das Schema zeigt einen Ölfilm (rot) auf einer
Wasseroberfläche (hellblau). In dem schwimmenden Behälter (grau) ist das
Textil (orange) so befestigt, dass es mit dem Ölfilm in Kontakt ist und
das Ende in den Behälter hineinragt. Das Öl wird durch das BOA-Textil
adsorbiert und transportiert. Wie im Querschnitt dargestellt, gelangt es
in den Behälter, wo es wieder freigesetzt wird und sich am Boden des
Behälters ansammelt. Bitte sehen Sie sich dazu auch das Video zur
Ölabsorption an Textil an).

Ausgehend von der Verunreinigung in Form eines Ölfilms auf der
Wasseroberfläche funktioniert der Separations- und Sammelprozess nach den
folgenden Schritten:
•       Der BOA wird in den Ölfilm eingebracht.
•       Das Öl wird vom Textil adsorbiert und gleichzeitig vom Wasser
getrennt.
•       Das Öl wird durch das Textil in den Auffangbehälter transportiert.
•       Das Öl tropft aus dem Textil in den Auffangbehälter.
•       Das Öl wird bis zur Entleerung des Behälters aufgefangen.

Der Vorteil dieser neuartigen Ölabscheidevorrichtung ist, dass keine
zusätzliche Energie für den Betrieb aufgewendet werden muss. Das Öl wird
durch die Oberflächeneigenschaften des Textils vom umgebenden Wasser
getrennt und allein durch Kapillarkräfte, auch gegen die Schwerkraft,
durch das Textil transportiert. Am Ende des Textils im Sammelbehälter
angekommen, desorbiert das Öl ohne weitere äußere Einwirkung allein durch
die Schwerkraft. Mit dem derzeitigen Maßstab können mit einem Gerät des
Bionic Oil Adsorber pro Stunde ca. 4 l Diesel von Wasser getrennt werden.

Es scheint unwahrscheinlich, dass ein funktionalisiertes Abstandsgewirk
günstiger ist als ein herkömmliches Vlies, wie es üblicherweise für
Ölsorptionsmittel verwendet wird. Da es sich jedoch um ein funktionelles
Material handelt, müssen die Kosten im Verhältnis zur Menge des entfernten
Öls stehen. Vergleicht man den Verkaufspreis des BOA-Textils mit den
Verkaufspreisen verschiedener ölbindender Vliesstoffe, so ist das BOA-
Textil mit 10 ct/L ca. 5 bis 13 Mal günstiger.

Insgesamt bietet das BOA-Gerät eine kostengünstige und nachhaltige Methode
zur Öl-Wasser-Trennung im Gegensatz zu den gängigen Reinigungsmethoden
durch die folgenden Vorteile:
•       Es ist kein zusätzlicher Energiebedarf, wie bei Ölskimmern,
notwendig.
•       Es werden keine giftigen Substanzen in das Gewässer eingebracht,
wie z.B. bei Öl-Dispersionsmitteln.
•       Die Textilien und Geräte können mehrfach wiederverwendet werden.
•       Es verbleibt kein Abfall im Gewässer.
•       Es ist kostengünstig in Bezug auf die Menge des entfernten Öls.

Das Team der Forschenden vom ITA, der Uni Bonn und der Heimbach GmbH
konnte nachweisen, dass die neuartige biomimetische BOA-Technologie für
eine selbstgesteuerte Abtrennung und automatische Sammlung von Ölfilmen
einschließlich ihrer vollständigen Entfernung aus dem Wasser überraschend
effizient und nachhaltig ist. Darüber hinaus kann sie in verschiedenen
verwandten Abscheidungsprozessen eingesetzt werden. Derzeit wird das
Produkt so weiterentwickelt, dass es in 2-3 Jahren in den Markt eingeführt
werden kann.

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Krankenhausreform: Gefäßmedizinischer Leistungsbereich muss die Versorgungsrealität abbilden

Die im Rahmen der Krankenhausreform vorgesehene
Leistungsgruppensystematik weist für die Leistungsgruppe Gefäßmedizin
grundlegende Defizite auf. So fehlt die inklusive Nennung der drei
Fachdisziplinen Gefäßchirurgie, interventionelle Radiologie und
Angiologie, die die gefäßmedizinischen Leistungen erbringen. Sie
entspricht in der gegenwärtigen Form damit nicht den fachlichen und
interdisziplinären Anforderungen an eine hohe Behandlungsqualität und
bildet in keinerlei Weise die gefäßmedizinische Versorgungswirklichkeit
ab.

Zu diesem Ergebnis kommen die drei Fachgesellschaften, die die
interdisziplinäre gefäßmedizinische Versorgung im Krankenhaus
sicherstellen. In intensiven Gesprächen haben die Deutsche
Röntgengesellschaft (DRG) mit ihrer Fachvertretung Deutsche Gesellschaft
für Interventionelle Radiologie und minimal-invasive Therapie (DeGIR), die
Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie (DGG) und die Deutsche
Gesellschaft für Angiologie (DGA) den Leistungsbereich Gefäßmedizin und
die dort hinterlegten Qualitätskriterien geprüft und bewertet. Die
vorliegende bisherige Ausgestaltung des Leistungsbereiches Gefäßmedizin
mit drei gefäßmedizinischen Leistungsgruppen halten sie weder für
realistisch noch für umfassend abgebildet. In einer gemeinsamen
Stellungnahme haben die Fachgesellschaften deshalb einen fachlich
begründeten Vorschlag zur Neufassung dieser Leistungsgruppen vorgelegt.

„Unsere Fachgesellschaften fühlen sich einer qualitativ hochwertigen,
gemeinsamen Versorgung von Gefäßpatientinnen und -patienten verpflichtet.
Mit dem erarbeiteten Vorschlag können wir dies auch in Zukunft
gewährleisten. Dass dieser Konsens so zustande kommen konnte, ist ein
echter Meilenstein für die Zusammenarbeit unserer drei Disziplinen“, sagt
DRG-Präsident Prof. Konstantin Nikolaou. „Die heutige Versorgungsrealität
in der Gefäßmedizin ist interdisziplinär und umfasst als solche operative
wie auch kathetergestützte, minimal-invasive Verfahren. Nur mit
Beteiligung der entsprechenden Facharztgruppen ist eine adäquate
gefäßmedizinische Versorgung in den Krankenhäusern möglich“, ergänzt Prof.
Philipp Paprottka, Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Interventionelle Radiologie und minimal-invasive Therapie in der DRG
(DeGIR).

Der gemeinsame Vorschlag dokumentiert notwendige Voraussetzungen, ohne die
das Leistungsspektrum der Gefäßmedizin nicht darstellbar ist. „Die
vorliegende Ausgestaltung der drei gefäßmedizinischen Leistungsgruppen hat
mit der Versorgungswirklichkeit in den Kliniken wenig zu tun und kann in
dieser Form nicht stehenbleiben. Es braucht zwingend ergänzende
fachärztliche Qualitätskriterien, um auch die umfänglichen Leistungen der
Angiologie, der Gefäßchirurgie und der interventionellen Radiologie in der
Diagnostik und Therapie abzubilden“, erläutert DGA-Präsident Prof. Wulf
Ito die gemeinsame Stellungnahme.

„In allen drei bisher vorgesehenen Leistungsgruppen im Leistungsbereich
Gefäßmedizin fehlt die erforderliche Differenzierung zwischen
konservativen, chirurgischen und interventionellen Eingriffen, die eine
ebenso differenzierte fachärztliche Qualifikation erfordern. Ohne diese
Anpassung werden wir der Versorgungsrealität nicht gerecht“, sagt DGG-
Präsident Prof. Jörg Heckenkamp.

Konkret bedeutet dies:

- Die leitliniengerechte, qualitätsgesicherte (QBAA-RL) Therapie von
Aortenaneurysmen (offen und endovaskulär) wird von Gefäßchirurg:innen mit
entsprechender Expertise erbracht. Die endovaskuläre Therapie wird auch
von interventionell tätigen Radiolog:innen durchgeführt. Beide
Facharztqualifikationen sind deshalb als Qualitätskriterium entsprechend
zu benennen.

- Während die offen chirurgische Therapie der Carotisstenosen (LG 12.2)
von der Gefäßchirurgie durchgeführt wird, erfolgen die endovaskulären
Eingriffe im Zusammenspiel mit Fachärzt:innen der Angiologie und der
Radiologie bzw. der Neuroradiologie mit entsprechend interventioneller
Expertise. Alle drei Disziplinen müssen deshalb als fachärztliches
Qualitätskriterium hinterlegt werden.

- Entgegen der bisher vorliegenden Ausgestaltung erfolgt die Behandlung
komplexer peripherer arterieller Gefäße (LG 12.3) heute sowohl offen-
chirurgisch durch die Gefäßchirurgie, aber auch minimal-invasiv
endovaskulär durch interventionell tätige Gefäßchirurg:innen,
Angiolog:innen und Radiolog:innen. Letztere Prozeduren sind in der
gegenwärtigen Systematik überhaupt nicht erfasst. Die beteiligten
Fachgesellschaften halten deshalb die Schaffung einer zusätzlichen
Leistungsgruppe „Minimalinvasive Gefäßmedizin“ (LG 12.4) für erforderlich.
Für eine Übergangszeit wäre es möglich, die gefäßchirurgische
Facharztqualifikation als ein zentrales Qualitätskriterium um die
Expertise von Angiologie und Radiologie zu ergänzen und als
Qualitätskriterium in der LG 12.3 zu hinterlegen.

Dies ist eine gemeinsame Pressemitteilung von:
Deutsche Gesellschaft für Angiologie - Gesellschaft für Gefäßmedizin e.V.
Deutsche Röntgengesellschaft e.V.
Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V.

Pressemitteilung als PDF: https://www.dga-
gefaessmedizin.de/fileadmin/content/PDFs/Pressemitteilungen/2023
/PM_14122023_DRG-DGG-DGA-LB-Gefaessmedizin.pdf

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Die Sicherheit Israels ist unsere Verpflichtung. Deutschland weiß das.”

Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnet Robert
Habeck für die ‚Rede des Jahres‘ 2023 aus

Die Jury des Seminars für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen
verleiht Dr. Robert Habeck die Auszeichnung ‚Rede des Jahres 2023‘ für
seine Video-Ansprache zu Israel und Antisemitismus am 1. November 2023.
Sie ist ein Musterbeispiel für eine engagierte und bedeutsame politische
Rede. Mit Verve und hoher Emotionalität verteidigt Habeck das
Existenzrecht Israels und legt damit ein eindringliches Votum für die
besondere Verantwortung Deutschlands ab.

Der 7. Oktober stellte nicht nur für Israel, sondern auch für Deutschland
eine gravierende Zäsur dar. An diesem Tag griff die palästinensische
Terrororganisation Hamas Israel an. In Deutschland gab es zuletzt
Anschläge auf Synagogen und jüdische Mitmenschen, israelische Flaggen
wurden verbrannt, immer verworrenere Narrative wurden gestreut und trugen
zu einer aufgeheizten Stimmung in Politik und Gesellschaft bei.

Nach gut drei Wochen ergriff Vizekanzler Robert Habeck das Wort. Er wolle
einen Beitrag dazu leis-ten, die Debatte zu entwirren – „Zu viel scheint
mir zu schnell vermischt zu werden.” Diese Rede drängte sich aufgrund der
gesellschaftlichen Notlage auf und wurde geradezu herbeigesehnt. In diesem
Spannungsfeld tritt Habeck als rhetorischer Akteur mit einem
selbstbewussten und klaren Statement auf und macht sich zum Sprachrohr
gesamtgesellschaftlicher Verantwortung.

In seiner Video-Ansprache äußert sich Habeck zu Israel und dem
Antisemitismus. In einem zweifachen Plädoyer bekräftigt er einerseits das
Existenzrecht Israels und dessen Recht auf Verteidigung und erteilt
anderseits dem Antisemitismus innerhalb Deutschlands eine klare Absage:
„Antisemitismus ist in keiner Gestalt zu tolerieren – in keiner.”

Habeck greift in seiner Argumentation grundlegende Werte wie die
historische Verantwortung Deutschlands oder auch den Toleranz-Gedanken
auf, den er jedoch von einem falschverstandenen, beliebigen abgrenzt. Er
ordnet mit seinen knappen Sätzen analytisch die Lage und erzeugt
Anschaulichkeit durch tagesaktuelle und persönliche Beispiele. „Ein
jüdischer Freund berichtete mir von sei-ner Angst, seiner schieren
Verzweiflung, seinem Gefühl von Einsamkeit. […] Heute hier, in
Deutschland. Fast 80 Jahre nach dem Holocaust.” Eindringlich wirken diese
Passagen, weil sie durch den Einsatz rhetorischer Stilmittel,
Parallelismen, Wiederholungen und Antithesen den Inhalt hervorhe-ben.
Habecks Text ist bewusst komponiert und wirkt doch natürlich. Mit Kürze
und Klarheit in Wortwahl und Satzbau präsentiert Habeck ein
unmissverständliches Statement in einer schwierigen Problemlage – und
bietet damit politische Führung. Kritik, auch ins eigene politische
Milieu, wird da-bei nicht ausgespart: „Es braucht jetzt Klarheit, kein
Verwischen.” Dabei betont er auch das Leid der Menschen in Gaza und
fordert den Schutz der Zivilbevölkerung. Gleichzeitig rechtfertige dies
jedoch keinen Antisemitismus.

Mit seiner Ansprache tritt Robert Habeck als mitfühlender Denker auf, als
Politiker und Mitbürger, der seinem persönlichen Anliegen Ausdruck
verleihen will. Er artikuliert Gefühle wie Angst, Schmerz und Verzweiflung
überzeugend und authentisch. Er kombiniert Emotionen und Argumente zu
einer überaus wirkungsvollen Rede, die in eindrückliche Appelle mündet.
Differenzierung und Rationalität für die Debatte seien das Gebot der
Stunde. Am verfassungsrechtlichen Grundkonsens dürfe man nicht rütteln:
„Das Existenzrecht Israels darf nicht relativiert werden. Die Sicherheit
Israels ist unsere Verpflichtung. Deutschland weiß das.”

Hohe publizistische Wirkung und einhelliges Lob in allen politischen
Lagern entfaltete das zehnminütige Statement auch aufgrund seiner
zeitgemäßen Inszenierung für Social Media: Mit seiner Nahaufnahme im
Hochformat und mehrsprachigen Untertiteln verbindet es klassische und
moderne Ele-mente der überzeugenden Rede und weist auf eine Veränderung
der Rede- und Debattenkultur hin. Beispielhaft verkörpert Robert Habeck
diese Entwicklung und verdient sich mit seiner Video-Ansprache den Preis
‚Rede des Jahres 2023’.

Seit 1998 vergibt das Seminar für Allgemeine Rhetorik die Auszeichnung
‚Rede des Jahres’. Mit diesem Preis würdigt das Seminar jährlich eine
Rede, die die politische, soziale oder kulturelle Diskussion entscheidend
beeinflusst hat. Kriterien für die Jury sind u.a. inhaltliche Relevanz,
Vortragsstil, Elaboriertheit sowie publizistische Wirkung.

Jury
Jutta Beck M.A., Lukas Beck M.A., Selina Bernarding M.A., Dr. Fabian
Erhardt, Dr. Markus Gott-schling, Rebecca Kiderlen M.A., Prof. Dr. Joachim
Knape, Prof. Dr. Olaf Kramer, Evelyn Krutsch, Dr. Frank Schuhmacher, Prof.
Dr. Dietmar Till, Dr. Thomas Zinsmaier

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Abkopplung von China für deutsche Wirtschaft teuer, aber zu überstehen

Bei einem abrupten Handelsstopp mit China würde Deutschlands Wirtschaft um
rund 5 Prozent einbrechen. Der Schock ist vergleichbar mit dem nach der
Finanzkrise oder der Corona-Krise. Das ergeben Simulationsrechnungen unter
Federführung des IfW Kiel. Mittel- bis langfristig pendelt sich der
Verlust auf jährlich rund 1,5 Prozent ein. Bei einem schrittweisen,
behutsamen Zurückfahren der Handelsbeziehungen würden die hohen
Anfangskosten vermieden.

„Der Handel mit China bringt uns Wohlstand und ist kurzfristig praktisch
nicht zu ersetzen. Ein Bruch hätte hohe Kosten für Deutschland, dennoch
besitzt unser Land gesamtwirtschaftlich genug Widerstandskraft, um selbst
solch ein extremes Szenario zu überstehen“, sagt Moritz Schularick,
Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel). Anlass ist die
Vorstellung einer neuen Analyse eines internationalen Forschungsteams
unter Federführung des IfW Kiel (Hinz et al.: „Was wäre wenn? Die
Auswirkungen einer harten Abkopplung von China auf die deutsche
Wirtschaft“ https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/was-waere-wenn-die-
auswirkungen-einer-harten-abkopplung-von-china-auf-die-deutsche-

wirtschaft-32325/?ADMCMD_simTime=1702533600). Die Ergebnisse der Studie
diskutieren wir heute Vormittag live in einem Online-Event, mehr
Informationen dazu am Ende der Meldung.

Methodisch orientieren sich die Berechnungen an der vieldiskutierten
Studie zur Abkoppelung Deutschlands von russischem Gas (https://www.ifw-
kiel.de/de/publikationen/what-if-germany-is-cut-off-from-russian-
energy-25922/
), auf deren Grundlage einige der Autoren frühzeitig
vorausgesagt hatten, dass diese handhabbar sein würde.

Verfeindete Handelsblöcke: Wohlstandsverlust von bis zu 5 Prozent

In der aktuellen Analyse modelliert die Forschungsgruppe einen Zerfall der
Weltwirtschaft in verfeindete Handelsblöcke. Dabei stehen sich die
Europäische Union samt USA und G7-Staaten auf der einen und China mit
seinen Verbündeten, insbesondere Russland, auf der anderen Seite
gegenüber. Alle direkten Handelsbeziehungen zwischen den beiden Blöcken
werden gekappt. Außerdem gibt es noch eine Gruppe neutraler Staaten, etwa
Brasilien, Indonesien oder die Türkei, mit denen beide Blöcke weiterhin
Handel treiben.

Ein solcher Zerfall hätte für Deutschland erhebliche Wohlstandsverluste
zur Folge, wenn er abrupt eintritt und das Land unvorbereitet trifft
(Cold-Turkey-Szenario, übersetzt: kalter Entzug). Deutschlands
Wirtschaftsleistung bricht den Berechnungen zufolge dann im ersten Jahr um
bis zu 5 Prozent ein.

Mittel- bis langfristig, also nach 4 bis 5 Jahren, wenn sich die deutsche
Wirtschaft auf die neue Realität eingestellt und alternative
Handelsbeziehungen innerhalb ihrer Verbündeten und mit neutralen Staaten
organisiert hat, liegt der Wohlstandsverlust dauerhaft bei rund 1,5
Prozent jährlich.

Bestehende Handelsverbindungen mit China können nicht ad hoc kompensiert
werden

Verursacht werden die hohen Kosten für Deutschland also vor allem durch
die kurzfristigen Auswirkungen eines plötzlichen Handelsabbruchs, weil
bestehende Handelsverbindungen mit China ad hoc nicht kompensiert werden
können.

Die Autoren vergleichen den Handelsschock mit einem Szenario, bei dem die
deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen weiter unverändert intakt sind.

„Die deutsche Politik hat sich bei der Frage, ob sich Deutschland einen
Lieferstopp russischer Energie leisten kann, von Interessengruppen mit
überzogenen Warnungen verunsichern lassen. Unsere aktuellen Berechnungen
sollen der Politik im Umgang mit China wissenschaftliche Fakten als
Entscheidungsgrundlage liefern, wenn es etwa um die Frage geht, mit
welchen ökonomischen Maßnahmen Deutschland oder die EU etwa auf eine
Invasion Chinas in Taiwan reagieren soll oder kann“, so Schularick.

Ein schrittweises, behutsames Zurückfahren der Handelsbeziehungen zwischen
den westlichen Alliierten und China samt seinen Verbündeten bis hin zum
Handelsstopp nach 3 Jahren hätte auf lange Sicht denselben
Wohlstandsverlust wie der abrupte Handelsabbruch zur Folge, jährlich rund
1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung (Gradual-Decoupling-Szenario). Der
starke Wirtschaftseinbruch in den ersten Monaten und Jahren würde aber
vermieden, stattdessen entstünde der Wohlstandsverlust sukzessive.

Ein sogenanntes De-Risking-Szenario, in dem sich die deutsche Wirtschaft
nur teilweise von China löst, grundsätzlich aber die Handelsbeziehungen
aufrechterhält, würde mittel- bis langfristig Wohlstandseinbußen von
jährlich rund einem halben Prozent nach sich ziehen.

In Zwischenszenarien, bei denen die Handelsbeziehungen zwar abrupt enden,
Deutschland sich aber vorher in Teilen von China entkoppelt hat, fällt die
Wirtschaft auf den Pfad des Cold-Turkey-Szenarios zurück und folgt dann
dessen Anpassungspfad zum langfristigen Wohlstandsverlust von rund 1,5
Prozent. Der Einbruch nach dem Handelsschock ist dann also weit weniger
stark als im Ursprungsszenario.

In allen simulierten Szenarien sind die Kosten für China in Relation zur
Wirtschaftskraft deutlich, nämlich um rund 60 Prozent, höher als für
Deutschland.

Entkopplung von China politische Entscheidung

„Jede Entkopplung der deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen ist für
Deutschland mit Kosten verbunden. Die vergleichsweise geringen Kosten
einer teilweisen Entkopplung, oder Entkopplung nur in bestimmten Sektoren,
können als Versicherungsprämie gegen einen schmerzhaften
Wirtschaftseinbruch verstanden werden, der eintritt, wenn die Verflechtung
eng bleibt und abrupt endet“, so Julian Hinz, Handelsforscher und
Forschungsdirektor am IfW Kiel und federführender Autor der Studie.

„Ob und wie stark sich Deutschland vom Handel mit China lösen will, ist
eine politische Entscheidung. Sie ist vor allem mit der Frage verbunden,
ob die geoökonomische Verhandlungsposition des Westens bzw. Deutschlands
durch enge Handelsverbindungen mit China gestärkt oder geschwächt wird.“

Die Autoren betonen in ihrem Papier eine Reihe von Einschränkungen, die
der Natur von Modellrechnungen innewohnen. Die wichtigste ist, dass das
Ergebnis entscheidend von der Annahme beeinflusst wird, wie schnell
Deutschland neue Handelsverbindungen organisieren kann, wenn die alten
enden, also wie groß, ökonomisch gesprochen, die sogenannte
Handelselastizität ist. Die Autoren orientieren sich hier an der jüngsten
Literatur und verwenden die Elastizitäten eher konservativ, kalkulieren
die Kosten also am oberen Ende der Skala.

Außerdem erfassen die Modellrechnungen nicht alle konjunkturellen
Verstärkungseffekte. Die Autoren betonen aber, dass dies an den
grundsätzlichen Schlussfolgerungen der Studie nichts ändert.

Jetzt lesen: Hinz et al.: „Was wäre wenn? Die Auswirkungen einer harten
Abkopplung von China auf die deutsche Wirtschaft“ (https://www.ifw-
kiel.de/de/publikationen/was-waere-wenn-die-auswirkungen-einer-harten-
abkopplung-von-china-auf-die-deutsche-

wirtschaft-32325/?ADMCMD_simTime=1702533600)

Hinweis: Wir werden die Ergebnisse der Studie heute Vormittag in einem
Online-Event diskutieren:

Was wäre, wenn? Die Auswirkungen einer harten Abkopplung von China auf die
deutsche Wirtschaft

Donnerstag, 14. Dezember 2023, 11 bis 12 Uhr via Zoom

Gesprächspartner
Moritz Schularick, IfW Kiel, Präsident
Mikko Huotari, MERICS, Direktor
Janka Oertel, European Council on Foreign Relations, Direktorin Asien-
Programm

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