Lichtinstallation FRAME am Erweiterungsbau. Hauke Dressler DSM
Der Förderverein des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) / Leibniz- Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven lobt gemeinsam mit dem Museum erstmals einen wissenschaftlichen Förderpreis aus, um die Erforschung und Vermittlung des maritimen Erbes aktiv zu unterstützen. Mit diesem Preis werden herausragende Dissertationen ausgezeichnet, die sich mit maritimen Themen auseinandersetzen und Geschichte und Gegenwart miteinander verbinden. Das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro soll die Veröffentlichung und Verbreitung der Dissertation unterstützen.
„Als Förderverein begleiten wir das Deutsche Schifffahrtsmuseum auf seinem Zukunftskurs. Mit dem neuen Preis, den wir jetzt erstmals ausloben, möchten wir auf die bislang noch oft unterschätzte Bedeutung maritim- historischer Forschung für unsere Gesellschaft hinweisen, wie sie auch am DSM erfolgreich praktiziert wird“, sagt der Fördervereinsvorsitzende und ehemalige Bremerhavener Oberbürgermeister Jörg Schulz. „Das DSM macht die komplexe Verbindung zwischen Mensch und Meer in Forschung und Ausstellungen sichtbar. Es ist daher wie kaum eine andere Institution geeignet, einen solchen Preis zu verleihen.“
DSM-Direktorin Prof. Dr. Ruth Schilling freut sich über die Unterstützung des Fördervereins und unterstreicht die enge Verbindung des Förderpreises mit den Zielen des DSM: „Indem wir vom Meer aus auf Geschichte, Gegenwart und Zukunft blicken, verstehen wir globale Zusammenhänge und ökologische Gefahren besser. Als Deutsches Schifffahrtsmuseum und Leibniz-Institut für Maritime Geschichte ist es uns ein Anliegen, maritim-historische Forschung zu initiieren und zu fördern, da diese grundlegend wichtig für unser Verständnis der Welt ist. Wir sind unserem Förderverein daher sehr dankbar, dass er es uns ermöglicht, herausragende Forschungsarbeiten aus diesem Themenfeld auszuzeichnen.“
Auch Einreichungen aus nicht spezifisch geistes- oder geschichtswissenschaftlichen Feldern sind möglich, sofern sie einen Aspekt des maritimen Erbes oder der maritimen Vergangenheit berücksichtigen.
Neben der eigentlichen Abschlussarbeit sollen eine Zusammenfassung von 800 bis 1000 Zeichen (inkl. Leerzeichen), ein Anschreiben sowie ein Lebenslauf, der die wichtigsten wissenschaftlichen Stationen nennt (maximal eine Seite), eingereicht werden.
Zusendungen werden bis zum 15. Dezember 2023 per E-Mail Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. angenommen oder postalisch an Deutsches Schifffahrtsmuseum / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte, Prof. Dr. Ruth Schilling, Hans-Scharoun-Platz 1, 27568 Bremerhaven.
Mitglieder des Habitable Teams bei der Präsentation des Spiels (v.l.n.r.): Eva Laplace, Vincent Bronner, Jan Henneco, Dandan Wei. Foto: HITS
Wann ist ein Planet bewohnbar? Wie bleibt er bewohnbar, wie entwickelt sich dort Leben, und wie gerät es in Gefahr? Forschende des Heidelberger Instituts für Theoretische Studien (HITS) haben sich diesen existentiellen Fragen gestellt, um spielerisch die Bewohnbarkeit von Planeten zu testen. Herausgekommen ist ein Brettspiel, das Astronomie und Klimakrise miteinander verbindet. Für die Idee wurde das internationale Team im Hochschulwettbewerb zum Wissenschaftsjahr „Unser Universum“ Anfang des Jahres ausgezeichnet. Nun ist die Onlineversion des Spiels kostenfrei zugänglich. Der Prototyp des Brettspiels wird demnächst fertiggestellt.
„Nur ein Jahr nach der ursprünglichen Idee sind wir glücklich und erleichtert, dass wir auf der Zielgeraden angekommen sind“, sagt die Astrophysikerin Eva Laplace, Postdoktorandin in der der Forschungsgruppe „Stellar Evolution Theory“ (SET) und Mitglied im Team „Habitable“, auf deren Initiative das Spiel beruht. Zusammen mit ihren Kolleg*innen Dandan Wei, Jan Henneco, Duresa Temaj, Vincent Bronner, Rajika Kuruwita, Simon Speith und Julian Saling entwickelte sie „Habitable“, das die Bewohnbarkeit von Planeten auf spielerische Art und Weise erklärt und zugleich auf den kritischen Zustand der Erde aufmerksam macht. Dabei kam den Forschenden ihre Leidenschaft für Brettspiele zugute. „Es steckt schon eine Menge Herzblut drin“, sagt Vincent Bronner, Doktorand in der Forschungsgruppe „Stellar Evolution Theory“. „Ohne das persönliche Engagement aller Teammitglieder wäre ein solch komplexes Spiel nie zustande gekommen.“
Zielgruppen von „Habitable“, bei dem Spielende Exoplaneten erforschen und einen bewohnbaren Planeten erschaffen können, sind Familien, Spielefans, Astronomiebegeisterte und Pädagog*innen, die das Spiel bei verschiedenen Gelegenheiten ausgiebig testen konnten und durch ihr Feedback immer wieder wertvolle Verbesserungsvorschläge machten. Eine echte Herausforderung war der Besuch einer Gymnasialklasse aus dem badischen Schwetzingen am HITS, die das Spiel unter Anleitung der Wissenschaftler*innen einem letzten kritischen Härtetest unterzog, den „Habitable“ mit Bravour bestand. Die Onlineversion ist jetzt unter diesem Link verfügbar und kann ein Jahr lang kostenfrei gespielt werden: <https://tabletopia.com/games/habitable> . Die Spielenden können über die „Discord“-Plattform interagieren und Kommentare und Anregungen zum Spiel abgeben.Außerdem gibt es ein Spielregelheft auf Englisch und Deutsch und ein Erklärvideo auf YouTube: <https://youtu.be/LytHF-71OTE>
Das Thema: Wann ist Leben auf einem Planeten überhaupt möglich?
Doch welche astronomischen Fakten stecken hinter „Habitable“? Jan Henneco, Doktorand in der Forschungsgruppe „Stellar Evolution Theory“, erklärt den wissenschaftlichen Hintergrund des Spiels: „Bis heute wurden schon mehr als 5.000 Planeten entdeckt, die um andere Sterne im Universum kreisen, so genannte Exoplaneten.“ So weit, so spannend. „Aber nur einige von ihnen befinden sich in einer bestimmten Region, der so genannten bewohnbaren, oder „habitablen“ Zone“; ergänzt Rajika Kuruwita, HITS Independent Postdoc. „In unserem eigenen Sonnensystem gibt es drei Planeten innerhalb der bewohnbaren Zone, aber nur auf einem davon ist nach heutigen Kenntnisstand Leben möglich: auf unserer Erde.“
Allerdings verändert der Mensch durch seine Lebensweise die Durchschnittstemperatur und andere wichtige Eigenschaften - eine echte Gefahr für die Bewohnbarkeit der Erde. Die grundlegende Frage für die Spieler*innen ist also: Wie bleibt ein Planet bewohnbar, wie kann sich dort Leben entwickeln, und durch welche strategischen Entscheidungen gerät es in Gefahr? „Unser Ziel ist es, dass Menschen im Familien- und Freundeskreis ein spannendes Spiel genießen können, das sie dazu anregt, über den Klimawandel und die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Bewohnbarkeit unseres Planeten nachzudenken“, sagt Dandan Wei, die als Postdoktorandin in der SET-Forschungsgruppe „ebenfalls an der Entwicklung von „Habitable“ beteiligt war.
Eine ausgezeichnete Entwicklung
Mit der Idee eines Brettspiels bewarben sich die HITS-Astrophysiker*innen beim Hochschulwettbewerb von Wissenschaft im Dialog (WiD) zum Wissenschaftsjahr 2023 „Unser Universum.“ Für die Umsetzung ihrer Idee erhielten sie im März des Jahres Mittel in Höhe von 10.000 Euro. Die Wissenschaftler*innen eigneten sich zunächst in einem Workshop mit einem erfahrenen Spieleentwickler theoretisches Wissen zum Aufbau, zur Struktur und den Besonderheiten von Brettspielen an. Danach entwickelten sie „Habitable“ Schritt für Schritt mit Spieletest-Veranstaltungen am HITS und anderswo. Der Prototyp des Brettspiels wird demnächst fertiggestellt und professionell produziert.
Das Spiel: Konkurrenz und Kooperation
In diesem Strategiespiel für bis zu fünf Spielende geht es darum, Planeten nachhaltig bewohnbar zu machen und das Leben auf ihnen zu ermöglichen und zu entwickeln. Wer am Ende die meisten „Lebenspunkte“ erzielt, hat gewonnen. Die Spielenden können aber auch kooperieren und sich gegenseitig unterstützen. Was „Habitable“ von vielen anderen Brettspielen unterscheidet, ist, dass es vollständig auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht – aus der Astronomie, aber auch aus der Klimaforschung.
Dr. Susanne Stolpe, Wissenschaftlerin an der UDE/UK Essen
Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) versterben in Deutschland rund 8,5% der Patient:innen, die wegen eines akuten Herzinfarkts im Krankenhaus aufgenommen werden, dort innerhalb von 30 Tagen. Der OECD-Durchschnitt liegt mit 6,9% deutlich niedriger. Dabei nimmt Deutschland in Europa einen Spitzenplatz bei den Gesundheitsausgaben und der Verfügbarkeit von kardiologischen Verfahren ein. Ein Team von Wissenschaftler:innen der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und der Universitätsmedizin Essen hat diese widersprüchliche Situation nun genauer untersucht und festgestellt: Die Situation ist besser als die Zahlen vermuten lassen.
In einem durch die Deutsche Herzstiftung e.V. geförderten Projekt konnten sie zeigen, dass die Unterschiede in der 30 Tages-Krankenhaussterblichkeit im Wesentlichen durch Artefakte hervorgerufen werden. Damit sind Faktoren gemeint, die die Berechnung der Sterblichkeit - aber nicht die Patientenversorgung beeinflussen. Aussagekräftige Rückschlüsse auf die Versorgungsqualität können daher nur sehr eingeschränkt gezogen werden.
„In den Niederlanden und skandinavischen Ländern liegt die Sterblichkeit von Patient:innen, die wegen eines akuten Herzinfarkts in ein Krankenhaus aufgenommen wurden, zwischen 3 und 4,5 Prozent, das heißt, sie ist nur etwa halb so hoch wie in Deutschland“, erklärt Dr. Susanne Stolpe, Erstautorin der kürzlich in „Clinical Research in Cardiology“ veröffentlichten Studie. „Bisher wurde diese vergleichsweise hohe 30-Tages Krankenhaussterblichkeit nach Herzinfarkt in Deutschland als Hinweis auf Mängel in der Akutversorgung und der Effizienz des deutschen Gesundheitswesens gewertet.“ Die Essener Epidemiolog:innen haben verschiedene Daten gesammelt, um die Lage tiefergreifend analysieren zu können. Dabei zeigte sich, dass gesundheitliche Risikofaktoren (z.B. Häufigkeit des Rauchens in den verschiedenen Ländern) und Begleiterkrankungen der Patienten, aber auch Unterschiede in der leitliniengerechten Behandlung die großen Unterschiede in der Krankenhaussterblichkeit nach akutem Herzinfarkt in den europäischen Ländern nicht erklären konnten. Wichtiger waren Unterschiede in der Registrierung von Patient:innen bei der Krankenhausaufnahme und Unterschiede in den Strukturen der Gesundheitssysteme in den miteinander verglichenen europäischen Ländern.
„Gerade in der Registrierung von Patient:innen und der Organisation der Gesundheitsversorgung konnten wir erhebliche Unterschiede feststellen. Das führt bei der Berechnung der Krankenhaussterblichkeit zu verzerrten Ergebnissen“, so Prof. Dr. Andreas Stang, Leiter des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE) in Essen. Zwei Faktoren fallen besonders ins Gewicht. „Zum einen spielt die Nichterfassung von Tagesfällen, also Herzinfarktpatient:innen mit einem nur sehr kurzen Klinikaufenthalt, eine große Rolle. In den Niederlanden gehen diese Personen z.B. nicht in die Berechnung ein. Zum anderen werden Patient:innen für die Akutbehandlung eines Herzinfarkts in Deutschland seltener verlegt als z.B. in skandinavischen Ländern. Beides führt zu einer niedrigeren berechneten Krankenhaussterblichkeit.“ In Deutschland ist die Verlegungshäufigkeit von Patient:innen mit akutem Herzinfarkt geringer, weil eine Katheteruntersuchung und das Einsetzen von Stents in vielen Krankenhäusern möglich ist. Das Autor:innenteam ist deshalb der Meinung, dass der bei der OECD für Deutschland bereitgestellte Indikator zur Krankenhaussterblichkeit nach Herzinfarkt (‚AMI 30-day mortality using unlinked data‘) keine validen Rückschlüsse auf die Qualität der Gesundheitsversorgung zulässt.
Die Welt entwickelt sich weiter – wie viele positive Entwicklungen dabei aus sozialen Bewegungen entstanden sind, verdeutlicht ein neues Fachbuch. Mit-Herausgeberinnen Prof. Dr. Claudia Lohrenscheit und Prof. Dr. Andrea Schmelz von der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Coburg sprechen im Interview über bedeutende Bewegungen, über Verbindungen zu Sozialer Arbeit und darüber, warum es Forscher:innen nicht nur um analytische Ergebnisse geht. Sondern auch um Haltung.
Eine der seltenen Filmaufnahmen des Jahres 1913 stammt von einem Derby in England und zeigt, wie sich die Frauenrechts-Aktivistin Emily Davison vor das Rennpferd des Königs wirft. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es nur eine Frau in England, die sich politisch betätigen durfte, und das war die Queen. Mit aufsehenerregenden Aktionen kämpften die Suffragetten für das Wahlrecht (englisch „suffrage“) für Frauen. Es ist ein Beispiel – insgesamt ist die Geschichte sozialer Bewegungen geprägt von tragischen Schicksalen und Anfeindungen, aber eben auch von bahnbrechenden Erfolgen für Freiheit und Gerechtigkeit. Als entscheidender Faktor erwies sich dabei eine maximale mediale Aufmerksamkeit. Daran hat sich von den Suffragetten bis zu den heutigen Klima-Aktivist:innen der letzten Generation nichts geändert. Das neue Fach- und Lehrbuch „Internationale Soziale Arbeit und soziale Bewegungen“ ermöglicht einen historischen und internationalen Vergleich und eine professionelle Einordnung. Zwei der Herausgeber:innen forschen und lehren an der Hochschule Coburg: Prof. Dr. Claudia Lohrenscheit und Prof. Dr. Andrea Schmelz von der Fakultät Soziale Arbeit berichten im Interview, wie die Wissenschaft zur Versachlichung der Diskussion beitragen kann – und warum es auch bei nüchterner Einschätzung manchmal richtig ist, Partei zu ergreifen.
Die Klima-Aktisti:innen der „Letzten Generation“ erregen viel Aufsehen – und viel Unmut. Wie ordnen Sie das ein? Prof. Dr. Andrea Schmelz: Die deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit hat sich durch ein Positionspapier solidarisch mit dieser Bewegung gezeigt und darüber bin ich sehr froh. In unserem Buch kommt die Letzte Generation im Kontext der Verbindungen zwischen nationalen und internationalen Klima-, Gerechtigkeits- und auch Umweltbewegungen und ökologisch bewegter Sozialer Arbeit vor. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Protestformen des zivilen Ungehorsams in den sozialen Bewegungen immer eine Rolle spielten – ob bei den Suffragetten oder in der Frauen-Bewegung - immer ging es darum, Aufmerksamkeit für unhaltbare Zustände zu erregen. Die Klimakrise betrifft uns alle: Jetzt können wir noch etwas tun. Jetzt müssen wir aber auch handeln.
Viele finden die Protestformen zu radikal und kriminell – auch Polizei und Justiz … Schmelz: Wenn die Letzte Generation beispielsweise Landschaftsgemälde mit Kartoffelbrei beworfen hat, ging es nicht darum, die Werke zu beschädigen – sie sind ohnehin hinter Glas – sondern darum, eine Diskussion anzustoßen darüber, dass es diese Landschaften vielleicht bald nicht mehr gibt und um Folgen wie Lebensmittelknappheit aufgrund von Extremwetterereignissen oder Dürrekastastrophen im globalen Maßstab, aber auch hierzulande. Bei dem viel diskutierten Verkehrsunfall in Berlin wurde inzwischen gerichtlich bestätigt, dass die Radfahrerin auch ohne die Verkehrsblockade leider nicht hätte gerettet werden können. Die Aktivist:innen achten auch darauf, einen Rettungskorridor zu ermöglichen, beispielsweise in dem sie sich mit einer Hand nicht auf die Straße, sondern an einen anderen Aktivisten kleben. Die Kriminalisierung ist unerträglich.
Was ist so schlimm? Prof. Dr. Claudia Lohrenscheit: Mitglieder der letzten Generation können präventiv in Haft genommen werden – besonders weitreichend sind dabei die Befugnisse der bayerischen Polizei. Jemand, der keine Straftat begangen hat, kann wochenlang eingesperrt werden. Ohne Gerichtsverfahren! Das ist ein schwerer Eingriff in Grund- und Menschenrechte. Und wir reden hier nicht von erwachsenen Straftätern, sondern von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die friedlich demonstrieren. Es ist sehr bedenklich, wenn Menschenrechtsbewegungen so kriminalisiert werden. Sie werden uns politisch vorantreiben und wenn wir in zehn Jahren auf diese Bewegung zurückblicken, werden wir dankbar dafür sein. Das ist die Natur von Menschenrechtsbewegungen: Sie müssen Störungsereignisse produzieren, um Gehör zu finden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Innovation und positive demokratische Entwicklung kommen oft vom Rand und nicht aus der Mitte. Wir wären heute eine andere Gesellschaft, wenn wir diese ganzen wunderbaren sozialen Bewegungen nicht hätten. Zum Beispiel hätten wir ohne die ökologischen Bewegungen, die sich seit den 1980er Jahren entwickeln, nicht das Bewusstsein, dass Atomkraftwerke problematisch sind oder dass wir die Wälder schützen müssen. Dasselbe gilt für viele andere soziale Bewegungen.
Welche Bewegungen waren die erfolgreichsten? Lohrenscheit: Bewegungen, die für Geschlechtergerechtigkeit eintreten, waren und sind sehr erfolgreich. Wenn wir 40, 50 Jahre zurückschauen, geht es um Frauenrechte. Hinzu kam der Schutz der sexuellen Orientierung. Insgesamt geht es einfach darum, dass für alle dieselben Freiheits- und Gleichheitsrechte gelten: beispielsweise das Recht auf eine Eheschließung von schwulen und lesbischen Paaren, aber auch die Selbstbestimmung der eigenen geschlechtlichen Identität. In Deutschland ist es heute verboten, bei Babys, die nicht mit einem eindeutigen männlichen oder weiblichen Geschlecht geboren werden, eine geschlechtskorrigierende Operation vorzunehmen. In unserem Buch wird auch ein intergeschlechtlicher Aktivist aus Uganda porträtiert, der dieses Thema gegen große Widerstände in seinem Heimatland gesetzt hat. Es gibt Riesenerfolge – aber gerade im Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit auch Rückschritte. Schwangerschaftsabbrüche werden in vielen Ländern kriminalisiert und die Frauen verfolgt, in einigen US-amerikanischen Staaten ist es verboten, im Schulunterricht über die sexuelle Orientierung zu sprechen. Die Worte schwul, lesbisch, bi, trans oder queer dürfen im Unterricht nicht gesagt werden. Es dürfen keine Kunstwerke gezeigt werden, in denen das Geschlecht zu sehen ist – wegen Michelangelos David verlor eine Schulleiterin ihren Job. Es ist verrückt! Wir sehen sehr konträre Entwicklungen: sehr erfreuliche und gleichzeitig sehr besorgniserregende.
Wie kamen Sie auf das Thema? Lohrenscheit: Wir beide und auch unsere beiden Herausgeber-Kolleginnen forschen und lehren schon lange in diesen Bereichen – der Verlag hat uns wegen eines Lehrbuchs für die Internationale Soziale Arbeit angefragt. Schmelz: Das Buch bündelt unsere jahrelangen Forschungsergebnisse, die wir auch immer wieder in die Lehre eingebracht haben.
Was haben Sie Neues entdeckt? Lohrenscheit: Ich bin auf den Begriff Adultismus gestoßen, der das Machtungleichgewicht zwischen jungen Menschen und Erwachsenen bezeichnet – auch im Bezug auf gesellschaftliche Strukturen. Manche sagen da: Na logisch! Kinder sind noch klein und Erwachsene müssen sich kümmern. Aber die UN-Kinderrechtskonvention gibt vor, dass Kinder das Recht haben mitzubestimmen und auch politisch teilzuhaben. Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit dem Thema Menschenrechte und mit Kinderrechten – und Adultismus ist ein relativ neues, spannendes Thema. Das höre ich auch von den Studierenden. Schmelz: Einer meiner Schwerpunkte ist Migrationssozialarbeit und ich habe festgestellt, dass soziale Bewegungen im Bereich der Migration in der Sozialen Arbeit kaum wahrgenommen werden – und umgekehrt gibt es Aktivist:innen, die zum Beispiel geflüchtet sind und große Vorbehalte gegen die Soziale Arbeit haben, weil Soziale Arbeit in diesem Bereich eben sehr oft Erfüllungsgehilfin staatlicher Aufträge ist. Beispielsweise, wenn es um Abschiebung geht. Ein anderer Schwerpunkt sind bei mir die ökologischen Bewegungen, die es seit Jahrzehnten sowohl weltweit als auch hier in Deutschland gibt und was Klimagerechtigkeit und sozialökologische Transformation für sozialarbeiterisches Handeln bedeutet. In diesem Bereich gibt es noch wenig Forschung. Lohrenscheit: Was ich beim Thema Klima wirklich überraschend finde, ist dass Wissenschaftler:innen sich heute mehr und mehr auch selbst als Aktivist:innen verstehen – das ist in dieser Dimension neu, obwohl wir dieses Engagement zum Beispiel auch aus der Frauenhausbewegung kennen.
Die Wissenschaft warnt aber doch bereits seit Jahrzehnten vor den Folgen des Klimawandels … Lohrenscheit: Ja, und jetzt gehen wir auch auf die Straße. Eine Kollegin war beispielsweise in Lüzerath dabei, als das Dorf für den Abriss geräumt wurde, weil ein Energiekonzern den Kohleabbau ausbauen will.
Ihr Buch gibt einen Überblick über weltweite Bewegungen und die Verbindungen zu Sozialer Arbeit. Wem würden Sie es gerne mal auf den Nachttisch legen? Schmelz: In erster Linie richten wir uns an Studierende der Sozialen Arbeit, aber natürlich auch an Praktiker:innen und alle, die sich für sozialwissenschaftliche Themen und Proteste gegen globale Ungleichheiten und Gewaltverhältnisse interessieren. Mit diesen gesellschaftlich relevanten Fragen sollen sich auch diejenigen beschäftigen, die ansonsten eher in technischen Fächern unterwegs sind. Lohrenscheit: Es ist natürlich auch für die Aktivist:innen selbst spannend, die finden sich darin wieder und es sind auch viele Ikonen der sozialen Bewegungen porträtiert. Was mich in meinem Themenfeld beschäftigt, richtet sich vor allem an die Politik, deshalb – ja, ich würde es dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf den Tisch legen, dem Bundesjustizministerium und dem Bundesinnenministerium.
Zum Buch: Claudia Lohrenscheit / Andrea Schmelz / Caroline Schmitt / Ute Straub: Internationale Soziale Arbeit und soziale Bewegungen. Nomos-Verlag, Baden- Baden, 2023, 232 Seiten, 24 Euro.