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DSM-Förderpreis für Dissertationen zu maritimen Themen

Lichtinstallation FRAME am Erweiterungsbau.  Hauke Dressler  DSM
Lichtinstallation FRAME am Erweiterungsbau. Hauke Dressler DSM

Der Förderverein des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) / Leibniz-
Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven lobt gemeinsam mit dem
Museum erstmals einen wissenschaftlichen Förderpreis aus, um die
Erforschung und Vermittlung des maritimen Erbes aktiv zu unterstützen. Mit
diesem Preis werden herausragende Dissertationen ausgezeichnet, die sich
mit maritimen Themen auseinandersetzen und Geschichte und Gegenwart
miteinander verbinden. Das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro soll die
Veröffentlichung und Verbreitung der Dissertation unterstützen.

„Als Förderverein begleiten wir das Deutsche Schifffahrtsmuseum auf seinem
Zukunftskurs. Mit dem neuen Preis, den wir jetzt erstmals ausloben,
möchten wir auf die bislang noch oft unterschätzte Bedeutung maritim-
historischer Forschung für unsere Gesellschaft hinweisen, wie sie auch am
DSM erfolgreich praktiziert wird“, sagt der Fördervereinsvorsitzende und
ehemalige Bremerhavener Oberbürgermeister Jörg Schulz. „Das DSM macht die
komplexe Verbindung zwischen Mensch und Meer in Forschung und
Ausstellungen sichtbar. Es ist daher wie kaum eine andere Institution
geeignet, einen solchen Preis zu verleihen.“

DSM-Direktorin Prof. Dr. Ruth Schilling freut sich über die Unterstützung
des Fördervereins und unterstreicht die enge Verbindung des Förderpreises
mit den Zielen des DSM: „Indem wir vom Meer aus auf Geschichte, Gegenwart
und Zukunft blicken, verstehen wir globale Zusammenhänge und ökologische
Gefahren besser. Als Deutsches Schifffahrtsmuseum und Leibniz-Institut für
Maritime Geschichte ist es uns ein Anliegen, maritim-historische Forschung
zu initiieren und zu fördern, da diese grundlegend wichtig für unser
Verständnis der Welt ist. Wir sind unserem Förderverein daher sehr
dankbar, dass er es uns ermöglicht, herausragende Forschungsarbeiten aus
diesem Themenfeld auszuzeichnen.“

Auch Einreichungen aus nicht spezifisch geistes- oder
geschichtswissenschaftlichen Feldern sind möglich, sofern sie einen Aspekt
des maritimen Erbes oder der maritimen Vergangenheit berücksichtigen.

Neben der eigentlichen Abschlussarbeit sollen eine Zusammenfassung von 800
bis 1000 Zeichen (inkl. Leerzeichen), ein Anschreiben sowie ein
Lebenslauf, der die wichtigsten wissenschaftlichen Stationen nennt
(maximal eine Seite), eingereicht werden.

Zusendungen werden bis zum 15. Dezember 2023 per E-Mail
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. angenommen oder postalisch an Deutsches
Schifffahrtsmuseum / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte, Prof. Dr.
Ruth Schilling, Hans-Scharoun-Platz 1, 27568 Bremerhaven.

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Wann ist ein Planet bewohnbar?

Mitglieder des Habitable Teams bei der Präsentation des Spiels (v.l.n.r.): Eva Laplace, Vincent Bronner, Jan Henneco, Dandan Wei.  Foto: HITS
Mitglieder des Habitable Teams bei der Präsentation des Spiels (v.l.n.r.): Eva Laplace, Vincent Bronner, Jan Henneco, Dandan Wei. Foto: HITS

Wann ist ein Planet bewohnbar? Wie bleibt er bewohnbar, wie entwickelt
sich dort Leben, und wie gerät es in Gefahr? Forschende des Heidelberger
Instituts für Theoretische Studien (HITS) haben sich diesen existentiellen
Fragen gestellt, um spielerisch die Bewohnbarkeit von Planeten zu testen.
Herausgekommen ist ein Brettspiel, das Astronomie und Klimakrise
miteinander verbindet. Für die Idee wurde das internationale Team im
Hochschulwettbewerb zum Wissenschaftsjahr „Unser Universum“ Anfang des
Jahres ausgezeichnet. Nun ist die Onlineversion des Spiels kostenfrei
zugänglich. Der Prototyp des Brettspiels wird demnächst fertiggestellt.

„Nur ein Jahr nach der ursprünglichen Idee sind wir glücklich und
erleichtert, dass wir auf der Zielgeraden angekommen sind“, sagt die
Astrophysikerin Eva Laplace, Postdoktorandin in der der Forschungsgruppe
„Stellar Evolution Theory“ (SET)  und Mitglied im Team „Habitable“, auf
deren Initiative das Spiel beruht. Zusammen mit ihren Kolleg*innen Dandan
Wei, Jan Henneco, Duresa Temaj, Vincent Bronner, Rajika Kuruwita, Simon
Speith und Julian Saling entwickelte sie „Habitable“, das die
Bewohnbarkeit von Planeten auf spielerische Art und Weise erklärt und
zugleich auf den kritischen Zustand der Erde aufmerksam macht. Dabei kam
den Forschenden ihre Leidenschaft für Brettspiele zugute. „Es steckt schon
eine Menge Herzblut drin“, sagt Vincent Bronner, Doktorand in der
Forschungsgruppe „Stellar Evolution Theory“. „Ohne das persönliche
Engagement aller Teammitglieder wäre ein solch komplexes Spiel nie
zustande gekommen.“

Zielgruppen von „Habitable“, bei dem Spielende Exoplaneten erforschen und
einen bewohnbaren Planeten erschaffen können, sind Familien, Spielefans,
Astronomiebegeisterte und Pädagog*innen, die das Spiel bei verschiedenen
Gelegenheiten ausgiebig testen konnten und durch ihr Feedback immer wieder
wertvolle Verbesserungsvorschläge machten. Eine echte Herausforderung war
der Besuch einer Gymnasialklasse aus dem badischen Schwetzingen am HITS,
die das Spiel unter Anleitung der Wissenschaftler*innen einem letzten
kritischen Härtetest unterzog, den „Habitable“ mit Bravour bestand. Die
Onlineversion ist jetzt unter diesem Link verfügbar und kann ein Jahr lang
kostenfrei gespielt werden: <https://tabletopia.com/games/habitable> .
Die Spielenden können über die „Discord“-Plattform interagieren und
Kommentare und Anregungen zum Spiel abgeben.Außerdem gibt es ein
Spielregelheft auf Englisch und Deutsch und ein Erklärvideo auf YouTube:
<https://youtu.be/LytHF-71OTE>

Das Thema: Wann ist Leben auf einem Planeten überhaupt möglich?

Doch welche astronomischen Fakten stecken hinter „Habitable“? Jan Henneco,
Doktorand in der Forschungsgruppe „Stellar Evolution Theory“, erklärt den
wissenschaftlichen Hintergrund des Spiels: „Bis heute wurden schon mehr
als 5.000 Planeten entdeckt, die um andere Sterne im Universum kreisen, so
genannte Exoplaneten.“ So weit, so spannend. „Aber nur einige von ihnen
befinden sich in einer bestimmten Region, der so genannten bewohnbaren,
oder „habitablen“ Zone“; ergänzt Rajika Kuruwita, HITS Independent
Postdoc. „In unserem eigenen Sonnensystem gibt es drei Planeten innerhalb
der bewohnbaren Zone, aber nur auf einem davon ist nach heutigen
Kenntnisstand Leben möglich: auf unserer Erde.“

Allerdings verändert der Mensch durch seine Lebensweise die
Durchschnittstemperatur und andere wichtige Eigenschaften - eine echte
Gefahr für die Bewohnbarkeit der Erde. Die grundlegende Frage für die
Spieler*innen ist also: Wie bleibt ein Planet bewohnbar, wie kann sich
dort Leben entwickeln, und durch welche strategischen Entscheidungen gerät
es in Gefahr? „Unser Ziel ist es, dass Menschen im Familien- und
Freundeskreis ein spannendes Spiel genießen können, das sie dazu anregt,
über den Klimawandel und die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die
Bewohnbarkeit unseres Planeten nachzudenken“, sagt Dandan Wei, die als
Postdoktorandin in der SET-Forschungsgruppe „ebenfalls an der Entwicklung
von „Habitable“ beteiligt war.

Eine ausgezeichnete Entwicklung

Mit der Idee eines Brettspiels bewarben sich die HITS-Astrophysiker*innen
beim Hochschulwettbewerb von Wissenschaft im Dialog (WiD) zum
Wissenschaftsjahr 2023 „Unser Universum.“  Für die Umsetzung ihrer Idee
erhielten sie im März des Jahres Mittel in Höhe von 10.000 Euro.  Die
Wissenschaftler*innen eigneten sich zunächst in einem Workshop mit einem
erfahrenen Spieleentwickler theoretisches Wissen zum Aufbau, zur Struktur
und den Besonderheiten von Brettspielen an. Danach entwickelten sie
„Habitable“ Schritt für Schritt mit Spieletest-Veranstaltungen am HITS und
anderswo. Der Prototyp des Brettspiels wird demnächst fertiggestellt und
professionell produziert.

Das Spiel: Konkurrenz und Kooperation

In diesem Strategiespiel für bis zu fünf Spielende geht es darum, Planeten
nachhaltig bewohnbar zu machen und das Leben auf ihnen zu ermöglichen und
zu entwickeln.  Wer am Ende die meisten „Lebenspunkte“ erzielt, hat
gewonnen. Die Spielenden können aber auch kooperieren und sich gegenseitig
unterstützen. Was „Habitable“ von vielen anderen Brettspielen
unterscheidet, ist, dass es vollständig auf wissenschaftlichen
Erkenntnissen beruht – aus der Astronomie, aber auch aus der
Klimaforschung.

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Hohe 30-Tage-Sterblichkeit nach Herzinfarkt: Kein Rückschluss auf Versorgungsmängel in Deutschland

Dr. Susanne Stolpe, Wissenschaftlerin an der UDE/UK Essen
Dr. Susanne Stolpe, Wissenschaftlerin an der UDE/UK Essen

Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD) versterben in Deutschland rund 8,5% der Patient:innen,
die wegen eines akuten Herzinfarkts im Krankenhaus aufgenommen werden,
dort innerhalb von 30 Tagen. Der OECD-Durchschnitt liegt mit 6,9% deutlich
niedriger. Dabei nimmt Deutschland in Europa einen Spitzenplatz bei den
Gesundheitsausgaben und der Verfügbarkeit von kardiologischen Verfahren
ein. Ein Team von Wissenschaftler:innen der Medizinischen Fakultät der
Universität Duisburg-Essen und der Universitätsmedizin Essen hat diese
widersprüchliche Situation nun genauer untersucht und festgestellt: Die
Situation ist besser als die Zahlen vermuten lassen.

In einem durch die Deutsche Herzstiftung e.V. geförderten Projekt konnten
sie zeigen, dass die Unterschiede in der 30 Tages-Krankenhaussterblichkeit
im Wesentlichen durch Artefakte hervorgerufen werden. Damit sind Faktoren
gemeint, die die Berechnung der Sterblichkeit - aber nicht die
Patientenversorgung beeinflussen. Aussagekräftige Rückschlüsse auf die
Versorgungsqualität können daher nur sehr eingeschränkt gezogen werden.

„In den Niederlanden und skandinavischen Ländern liegt die Sterblichkeit
von Patient:innen, die wegen eines akuten Herzinfarkts in ein Krankenhaus
aufgenommen wurden, zwischen 3 und 4,5 Prozent, das heißt, sie ist nur
etwa halb so hoch wie in Deutschland“, erklärt Dr. Susanne Stolpe,
Erstautorin der kürzlich in „Clinical Research in Cardiology“
veröffentlichten Studie. „Bisher wurde diese vergleichsweise hohe 30-Tages
Krankenhaussterblichkeit nach Herzinfarkt in Deutschland als Hinweis auf
Mängel in der Akutversorgung und der Effizienz des deutschen
Gesundheitswesens gewertet.“ Die Essener Epidemiolog:innen haben
verschiedene Daten gesammelt, um die Lage tiefergreifend analysieren zu
können. Dabei zeigte sich, dass gesundheitliche Risikofaktoren (z.B.
Häufigkeit des Rauchens in den verschiedenen Ländern) und
Begleiterkrankungen der Patienten, aber auch Unterschiede in der
leitliniengerechten Behandlung die großen Unterschiede in der
Krankenhaussterblichkeit nach akutem Herzinfarkt in den europäischen
Ländern nicht erklären konnten. Wichtiger waren Unterschiede in der
Registrierung von Patient:innen bei der Krankenhausaufnahme und
Unterschiede in den Strukturen der Gesundheitssysteme in den miteinander
verglichenen europäischen Ländern.

„Gerade in der Registrierung von Patient:innen und der Organisation der
Gesundheitsversorgung konnten wir erhebliche Unterschiede feststellen. Das
führt bei der Berechnung der Krankenhaussterblichkeit zu verzerrten
Ergebnissen“, so Prof. Dr. Andreas Stang, Leiter des Instituts für
Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE) in Essen.
Zwei Faktoren fallen besonders ins Gewicht. „Zum einen spielt die
Nichterfassung von Tagesfällen, also Herzinfarktpatient:innen mit einem
nur sehr kurzen Klinikaufenthalt, eine große Rolle. In den Niederlanden
gehen diese Personen z.B. nicht in die Berechnung ein. Zum anderen werden
Patient:innen für die Akutbehandlung eines Herzinfarkts in Deutschland
seltener verlegt als z.B. in skandinavischen Ländern. Beides führt zu
einer niedrigeren berechneten Krankenhaussterblichkeit.“ In Deutschland
ist die Verlegungshäufigkeit von Patient:innen mit akutem Herzinfarkt
geringer, weil eine Katheteruntersuchung und das Einsetzen von Stents in
vielen Krankenhäusern möglich ist.
Das Autor:innenteam ist deshalb der Meinung, dass der bei der OECD für
Deutschland bereitgestellte Indikator zur Krankenhaussterblichkeit nach
Herzinfarkt (‚AMI 30-day mortality using unlinked data‘) keine validen
Rückschlüsse auf die Qualität der Gesundheitsversorgung zulässt.

Originalpublikation:
OECD indicator ‘AMI 30-day mortality’ is neither comparable between
countries nor suitable as indicator for quality of acute care | Clinical
Research in Cardiology
https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s00392-023-02296-z.pdf?pdf=button%20sticky

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Soziale Bewegungen und Wissenschaft: „Jetzt gehen wir auch auf die Straße“

Prof. Dr. Andrea Schmelz und Prof. Dr. Claudia Lohrenscheit stellen das neue Fachbuch „Internationale Soziale Arbeit und soziale Bewegungen

Die Welt entwickelt sich weiter – wie viele positive Entwicklungen dabei
aus sozialen Bewegungen entstanden sind, verdeutlicht ein neues Fachbuch.
Mit-Herausgeberinnen Prof. Dr. Claudia Lohrenscheit und Prof. Dr. Andrea
Schmelz von der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Coburg sprechen im
Interview über bedeutende Bewegungen, über Verbindungen zu Sozialer Arbeit
und darüber, warum es Forscher:innen nicht nur um analytische Ergebnisse
geht. Sondern auch um Haltung.

Eine der seltenen Filmaufnahmen des Jahres 1913 stammt von einem Derby in
England und zeigt, wie sich die Frauenrechts-Aktivistin Emily Davison vor
das Rennpferd des Königs wirft. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es nur
eine Frau in England, die sich politisch betätigen durfte, und das war die
Queen. Mit aufsehenerregenden Aktionen kämpften die Suffragetten für das
Wahlrecht (englisch „suffrage“) für Frauen. Es ist ein Beispiel –
insgesamt ist die Geschichte sozialer Bewegungen geprägt von tragischen
Schicksalen und Anfeindungen, aber eben auch von bahnbrechenden Erfolgen
für Freiheit und Gerechtigkeit. Als entscheidender Faktor erwies sich
dabei eine maximale mediale Aufmerksamkeit. Daran hat sich von den
Suffragetten bis zu den heutigen Klima-Aktivist:innen der letzten
Generation nichts geändert. Das neue Fach- und Lehrbuch „Internationale
Soziale Arbeit und soziale Bewegungen“ ermöglicht einen historischen und
internationalen Vergleich und eine professionelle Einordnung. Zwei der
Herausgeber:innen forschen und lehren an der Hochschule Coburg: Prof. Dr.
Claudia Lohrenscheit und Prof. Dr. Andrea Schmelz von der Fakultät Soziale
Arbeit berichten im Interview, wie die Wissenschaft zur Versachlichung der
Diskussion beitragen kann – und warum es auch bei nüchterner Einschätzung
manchmal richtig ist, Partei zu ergreifen.

Die Klima-Aktisti:innen der „Letzten Generation“ erregen viel Aufsehen –
und viel Unmut. Wie ordnen Sie das ein?
Prof. Dr. Andrea Schmelz: Die deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit hat
sich durch ein Positionspapier solidarisch mit dieser Bewegung gezeigt und
darüber bin ich sehr froh. In unserem Buch kommt die Letzte Generation im
Kontext der Verbindungen zwischen nationalen und internationalen Klima-,
Gerechtigkeits- und auch Umweltbewegungen und ökologisch bewegter Sozialer
Arbeit vor. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Protestformen des
zivilen Ungehorsams in den sozialen Bewegungen immer eine Rolle spielten –
ob bei den Suffragetten oder in der Frauen-Bewegung - immer ging es darum,
Aufmerksamkeit für unhaltbare Zustände zu erregen. Die Klimakrise betrifft
uns alle: Jetzt können wir noch etwas tun. Jetzt müssen wir aber auch
handeln.

Viele finden die Protestformen zu radikal und kriminell – auch Polizei und
Justiz …
Schmelz: Wenn die Letzte Generation beispielsweise Landschaftsgemälde mit
Kartoffelbrei beworfen hat, ging es nicht darum, die Werke zu beschädigen
– sie sind ohnehin hinter Glas – sondern darum, eine Diskussion anzustoßen
darüber, dass es diese Landschaften vielleicht bald nicht mehr gibt und um
Folgen wie Lebensmittelknappheit aufgrund von Extremwetterereignissen oder
Dürrekastastrophen im globalen Maßstab, aber auch hierzulande. Bei dem
viel diskutierten Verkehrsunfall in Berlin wurde inzwischen gerichtlich
bestätigt, dass die Radfahrerin auch ohne die Verkehrsblockade leider
nicht hätte gerettet werden können. Die Aktivist:innen achten auch darauf,
einen Rettungskorridor zu ermöglichen, beispielsweise in dem sie sich mit
einer Hand nicht auf die Straße, sondern an einen anderen Aktivisten
kleben. Die Kriminalisierung ist unerträglich.

Was ist so schlimm?
Prof. Dr. Claudia Lohrenscheit: Mitglieder der letzten Generation können
präventiv in Haft genommen werden – besonders weitreichend sind dabei die
Befugnisse der bayerischen Polizei. Jemand, der keine Straftat begangen
hat, kann wochenlang eingesperrt werden. Ohne Gerichtsverfahren! Das ist
ein schwerer Eingriff in Grund- und Menschenrechte. Und wir reden hier
nicht von erwachsenen Straftätern, sondern von Kindern, Jugendlichen und
jungen Erwachsenen, die friedlich demonstrieren. Es ist sehr bedenklich,
wenn Menschenrechtsbewegungen so kriminalisiert werden. Sie werden uns
politisch vorantreiben und wenn wir in zehn Jahren auf diese Bewegung
zurückblicken, werden wir dankbar dafür sein. Das ist die Natur von
Menschenrechtsbewegungen: Sie müssen Störungsereignisse produzieren, um
Gehör zu finden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Innovation und positive
demokratische Entwicklung kommen oft vom Rand und nicht aus der Mitte. Wir
wären heute eine andere Gesellschaft, wenn wir diese ganzen wunderbaren
sozialen Bewegungen nicht hätten. Zum Beispiel hätten wir ohne die
ökologischen Bewegungen, die sich seit den 1980er Jahren entwickeln, nicht
das Bewusstsein, dass Atomkraftwerke problematisch sind oder dass wir die
Wälder schützen müssen. Dasselbe gilt für viele andere soziale Bewegungen.

Welche Bewegungen waren die erfolgreichsten?
Lohrenscheit: Bewegungen, die für Geschlechtergerechtigkeit eintreten,
waren und sind sehr erfolgreich. Wenn wir 40, 50 Jahre zurückschauen, geht
es um Frauenrechte. Hinzu kam der Schutz der sexuellen Orientierung.
Insgesamt geht es einfach darum, dass für alle dieselben Freiheits- und
Gleichheitsrechte gelten: beispielsweise das Recht auf eine Eheschließung
von schwulen und lesbischen Paaren, aber auch die Selbstbestimmung der
eigenen geschlechtlichen Identität. In Deutschland ist es heute verboten,
bei Babys, die nicht mit einem eindeutigen männlichen oder weiblichen
Geschlecht geboren werden, eine geschlechtskorrigierende Operation
vorzunehmen. In unserem Buch wird auch ein intergeschlechtlicher Aktivist
aus Uganda porträtiert, der dieses Thema gegen große Widerstände in seinem
Heimatland gesetzt hat. Es gibt Riesenerfolge – aber gerade im Bezug auf
Geschlechtergerechtigkeit auch Rückschritte. Schwangerschaftsabbrüche
werden in vielen Ländern kriminalisiert und die Frauen verfolgt, in
einigen US-amerikanischen Staaten ist es verboten, im Schulunterricht über
die sexuelle Orientierung zu sprechen. Die Worte schwul, lesbisch, bi,
trans oder queer dürfen im Unterricht nicht gesagt werden. Es dürfen keine
Kunstwerke gezeigt werden, in denen das Geschlecht zu sehen ist – wegen
Michelangelos David verlor eine Schulleiterin ihren Job. Es ist verrückt!
Wir sehen sehr konträre Entwicklungen: sehr erfreuliche und gleichzeitig
sehr besorgniserregende.

Wie kamen Sie auf das Thema?
Lohrenscheit: Wir beide und auch unsere beiden Herausgeber-Kolleginnen
forschen und lehren schon lange in diesen Bereichen – der Verlag hat uns
wegen eines Lehrbuchs für die Internationale Soziale Arbeit angefragt.
Schmelz: Das Buch bündelt unsere jahrelangen Forschungsergebnisse, die wir
auch immer wieder in die Lehre eingebracht haben.

Was haben Sie Neues entdeckt?
Lohrenscheit: Ich bin auf den Begriff Adultismus gestoßen, der das
Machtungleichgewicht zwischen jungen Menschen und Erwachsenen bezeichnet –
auch im Bezug auf gesellschaftliche Strukturen. Manche sagen da: Na
logisch! Kinder sind noch klein und Erwachsene müssen sich kümmern. Aber
die UN-Kinderrechtskonvention gibt vor, dass Kinder das Recht haben
mitzubestimmen und auch politisch teilzuhaben. Ich beschäftige mich seit
20 Jahren mit dem Thema Menschenrechte und mit Kinderrechten – und
Adultismus ist ein relativ neues, spannendes Thema. Das höre ich auch von
den Studierenden.
Schmelz: Einer meiner Schwerpunkte ist Migrationssozialarbeit und ich habe
festgestellt, dass soziale Bewegungen im Bereich der Migration in der
Sozialen Arbeit kaum wahrgenommen werden – und umgekehrt gibt es
Aktivist:innen, die zum Beispiel geflüchtet sind und große Vorbehalte
gegen die Soziale Arbeit haben, weil Soziale Arbeit in diesem Bereich eben
sehr oft Erfüllungsgehilfin staatlicher Aufträge ist. Beispielsweise, wenn
es um Abschiebung geht. Ein anderer Schwerpunkt sind bei mir die
ökologischen Bewegungen, die es seit Jahrzehnten sowohl weltweit als auch
hier in Deutschland gibt und was Klimagerechtigkeit und sozialökologische
Transformation für sozialarbeiterisches Handeln  bedeutet. In diesem
Bereich gibt es noch wenig Forschung.
Lohrenscheit: Was ich beim Thema Klima wirklich überraschend finde, ist
dass Wissenschaftler:innen sich heute mehr und mehr auch selbst als
Aktivist:innen verstehen – das ist in dieser Dimension neu, obwohl wir
dieses Engagement zum Beispiel auch aus der Frauenhausbewegung kennen.

Die Wissenschaft warnt aber doch bereits seit Jahrzehnten vor den Folgen
des Klimawandels …
Lohrenscheit: Ja, und jetzt gehen wir auch auf die Straße. Eine Kollegin
war beispielsweise in Lüzerath dabei, als das Dorf für den Abriss geräumt
wurde, weil ein Energiekonzern den Kohleabbau ausbauen will.

Ihr Buch gibt einen Überblick über weltweite Bewegungen und die
Verbindungen zu Sozialer Arbeit. Wem würden Sie es gerne mal auf den
Nachttisch legen?
Schmelz: In erster Linie richten wir uns an Studierende der Sozialen
Arbeit, aber natürlich auch an Praktiker:innen und alle, die sich für
sozialwissenschaftliche Themen und Proteste gegen globale Ungleichheiten
und Gewaltverhältnisse interessieren. Mit diesen gesellschaftlich
relevanten Fragen sollen sich auch diejenigen beschäftigen, die ansonsten
eher in technischen Fächern unterwegs sind.
Lohrenscheit: Es ist natürlich auch für die Aktivist:innen selbst
spannend, die finden sich darin wieder und es sind auch viele Ikonen der
sozialen Bewegungen porträtiert. Was mich in meinem Themenfeld
beschäftigt, richtet sich vor allem an die Politik, deshalb – ja, ich
würde es dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
auf den Tisch legen, dem Bundesjustizministerium und dem
Bundesinnenministerium.

Zum Buch:
Claudia Lohrenscheit / Andrea Schmelz / Caroline Schmitt / Ute Straub:
Internationale Soziale Arbeit und soziale Bewegungen. Nomos-Verlag, Baden-
Baden, 2023, 232 Seiten, 24 Euro.

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