Neues EU-Projekt: Wie wichtig ist Biodiversität für den Einzelnen und die Gesellschaft?
Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) leitet ein neues
europaweites Forschungsprojekt zu den sozialen Aspekten der Artenvielfalt.
Ziel ist ein besseres Verständnis dafür, wie Menschen Biodiversität
wahrnehmen und welche Rolle dies bei der Entscheidungsfindung auf
individueller und gesellschaftlicher Ebene spielt. Gemeinsam mit 16
internationalen Partnern aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sollen
so neue Maßnahmen erprobt werden, die ein Umdenken ermöglichen. Das
Projekt wird im Rahmen von "Horizon Europe" mit rund fünf Millionen Euro
gefördert.
Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind laut dem
Weltbiodiversitätsrat IPBES vom Aussterben bedroht. "Es ist seit vielen
Jahren bekannt, dass wir eine Biodiversitätskrise erleben und die
Menschheit etwas unternehmen muss, um diese Entwicklung zu bremsen. Die
bisherigen Maßnahmen, diesen Trend zu stoppen oder zumindest zu bremsen,
sind aber unzureichend", sagt der Projektleiter und Sozial-
Umweltwissenschaftler Dr. Ilkhom Soliev von der MLU. Ein Grund dafür sei,
dass Maßnahmen zum Erhalt der Artenvielfalt in der Vergangenheit häufig
zugunsten anderer Ziele, etwa Wirtschaftswachstum, vernachlässigt wurden.
Dem Forscher zufolge braucht es daher ein grundlegendes Umdenken in der
Gesellschaft. Auch die Biodiversitätsforschung müsse neue Wege finden,
über das Thema zu reden. Hier setzt das Projekt "PLANET4B" an. Beteiligt
sind Partner aus Belgien, Deutschland, Großbritannien, Italien, der
Niederlande, Norwegen, Österreich, der Schweiz, Tschechien und Ungarn. Das
Team besteht aus Forschenden der Sozial- und Umweltwissenschaften, von
denen einige direkt bei IPBES mitwirken. Beteiligt sind zudem
Akteur*innen, die an der Gestaltung globaler, nationaler und regionaler
Biodiversitätspolitiken mitarbeiten, sowie Expert*innen, die in
verschiedenen lokalen Initiativen tätig sind.
Ziel des Projekts ist zunächst ein besseres Verständnis dafür, wie und
warum Menschen das Thema Artenvielfalt unterschiedlich wahrnehmen und
inwieweit sie im Einklang mit ihren eigenen Überzeugungen oder auch im
Widerspruch zu ihnen handeln. Dabei erforscht das Team auch die Rolle
verschiedener gesellschaftlicher Facetten in Bezug auf Alter, Geschlecht,
Behinderung, Ethnie und Kultur. "Die besonderen Herausforderungen, mit
denen die Menschen konfrontiert sind, müssen in der Forschung und Politik
besser berücksichtigt werden", so Soliev weiter. Neben dem Fokus auf
Individuen beleuchtet das Projekt zudem, wie biodiversitätsrelevante
Entscheidungen auf der breiteren gesellschaftlichen Ebene getroffen und
institutionalisiert werden. Auf Basis dieser Erkenntnisse sollen
verschiedene Experimente und Interventionsstudien im Rahmen von
Fallstudien durchgeführt werden, die ein Umdenken bei der Wahrnehmung des
Themas erreichen können. "Wir wollen gemeinsam mit lokalen Akteur*innen in
unseren Partnerländern verstehen, welche Stellschrauben es gibt, um den
Schutz der Artenvielfalt voranzutreiben - und auch, welche die bisher
wichtigsten Hindernisse sind, dies ausreichend zu tun", so Soliev. Anhand
dieser konkreten Fallbeschreibungen sollen dann wissenschaftlich fundierte
Maßnahmen entwickelt werden, um die Kluft zwischen Wissen und Handeln zu
schließen. So will das Team von "PLANET4B" besser nachvollziehen, was
Menschen zur Priorisierung der Biodiversität befähigen kann.
Die Ergebnisse des Projekts werden auf EU- und globaler Ebene aufbereitet
und können als Vorlage für politische Entscheidungen und Maßnahmen dienen,
wie transformative Veränderungen ausgelöst werden können. Dabei geht es
auch darum, lokale Unterschiede herauszuarbeiten und passgenaue Lösungen
zu präsentieren. "Nur, weil eine Maßnahme in Deutschland funktioniert hat,
muss das nicht für alle anderen Länder gelten. Wir wollen auch
herausfinden, woran das liegt - welche Prinzipien es gibt und wie diese
bei der besseren Priorisierung der Biodiversität helfen können", so Soliev
abschließend.
Weitere Informationen zum Projekt: http://www.planet4b.eu/
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