Klausurwoche Pränataldiagnostik in Deutschland und Polen: Gibt es noch ein Recht auf Nichtwissen?
Bei einer interdisziplinären Klausurwoche an der Universität Ulm
diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und
Polen über die Pränataldiagnostik in beiden Ländern. Vom 13. bis zum 17.
März stehen ethische, gesellschaftliche und rechtliche Aspekte invasiver
und nicht-invasiver Untersuchungsmethoden im Fokus. Die BMBF-Klausurwoche
wird vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der
Universität Ulm organisiert. Alle Interessierten sind zu öffentlichen,
kostenfreien Vorträgen eingeladen.
Eine 38-Jährige freut sich, endlich schwanger zu sein. Doch in der
Ultraschall-Feindiagnostik ergeben sich Hinweise auf eine Trisomie 21
(„Down Syndrom“) des ungeborenen Kindes. Die Gynäkologin bietet der
verunsicherten Patientin den nicht-invasiven PraenaTest© an, bei dem
Genmaterial des Fötus aus dem Blut der Mutter gewonnen und risikofrei
untersucht wird. Doch will oder muss die Schwangere zwangsläufig wissen,
ob ihr Baby mit dem Down Syndrom geboren wird? Und würden die Konsequenzen
eines positiven Testbefunds in Deutschland und Polen tendenziell anders
ausfallen?
Um ethische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte der invasiven und
nicht-invasiven Pränataldiagnostik in Deutschland und Polen dreht sich
eine interdisziplinäre Klausurwoche vom 13. bis zum 17. März an der
Universität Ulm. Junge, aber auch erfahrene Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler aus beiden Ländern werden unter anderem über die
Auswirkungen schnell verfügbarer, nicht-invasiver Blutuntersuchungen wie
den PraenaTest© diskutieren. Auf der einen Seite sind diese Tests so
kostengünstig und risikoarm, dass sie schon bald zur Standarddiagnostik
gehören könnten. Auf der anderen Seite beschneiden sie das Recht der
Eltern auf Nichtwissen und erzwingen womöglich bestimmte Entscheidungen.
In Deutschland tendiert schon heute die große Mehrzahl der Mütter bei
einem Verdacht auf Trisomie 21 oder schwerere Fehlbildungen zu einem
Schwangerschaftsabbruch. In der Klausurwoche sollen Gemeinsamkeiten und
Unterschiede bei der Beurteilung vorgeburtlicher Untersuchungen in
Deutschland und Polen herausgearbeitet werden. Neben ethischen Problemen
wollen die Forscher auch den gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmen in
den Nachbarländern diskutieren. Welche rechtlichen Maßnahmen sind nötig,
um auf die veränderten diagnostischen Möglichkeiten zu reagieren? Und wie
verändert sich das Bild von Krankheit und Behinderung, wenn sie immer
früher feststellbar sind? Das sind nur zwei wichtige Fragestellungen von
vielen.
Die interdisziplinäre Klausurwoche wird vom Institut für Geschichte,
Theorie und Ethik der Medizin unter der Leitung von Professor Florian
Steger organisiert und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
(BMBF) gefördert. Sie richtet sich sowohl an Mediziner und
Naturwissenschaftler als auch an Geistes- und Sozialwissenschaftler. Die
wissenschaftliche Veranstaltung wird durch öffentliche Vorträge ergänzt.
Unter anderem referiert der Ärztliche Direktor der Ulmer Universitäts-
Frauenklinik, Professor Wolfgang Janni, über Entscheidungskonflikte im
Umfeld der modernen Pränataldiagnostik. Die prominente polnische
Politikerin Wanda Nowicka, die sich beispielsweise für die Legalisierung
von Abtreibungen einsetzt, wird über die politische Diskussion zur
vorgeburtlichen Diagnostik in Polen informieren. Bis 2015 war Nowicka
Vizemarschall der Sejm, einer der beiden Kammern der polnischen
Nationalversammlung. Der Eintritt zu den öffentlichen Vorträgen ist frei.
Eine Anmeldung ist nicht nötig.
Öffentliche Vorträge
im Rahmen der BMBF-Klausurwoche „Ethische, rechtliche und
gesellschaftliche Aspekte invasiver und nicht-invasiver genetischer
Pränataldiagnostik in Deutschland und Polen“
Montag, 13.3.2017
Entscheidungskonflikte im Umfeld der modernen Pränataldiagnostik in der
Gynäkologie
Referent: Prof. Dr. Wolfgang Janni (Direktor der Universitätsfrauenklinik
Ulm)
Zeit: 14:30-15:45 Uhr
Ort: Klinik für Frauenheilkunde, Prittwitzstraße 43, Donauraum, Zi. 308,
2.OG
Dienstag, 14.3.2017
Fortpflanzungsmedizin aus juristischer Sicht
Referent: Prof. Dr. Josef Franz Lindner (Universität Augsburg)
Zeit: 16:00-17:30 Uhr
Ort: Haus der Stadtgeschichte – Schwörhaus, „Schwörsaal“, Weinhof 12
Mittwoch, 15.3.2017
Auf dem Weg zum fetalen (Epi)Genom? Genetische Pränataldiagnostik im
Spannungsfeld von Technologieentwicklung und informierter Entscheidung
Referent: Prof. Dr. Reiner Siebert (Universität Ulm)
Zeit: 11:00-12:30 Uhr
Ort: Universität Ulm, Albert-Einstein-Allee, Bereich Ost, Hörsaal 8
Mittwoch, 15.3.2017
What politicians have to do with it? Current debates on prenatal medicine
in Poland
Referentin: Wanda Nowicka (Universität Warschau)
Zeit: 16:30-18:00 Uhr
Ort: Haus der Stadtgeschichte – Schwörhaus, „Schwörsaal“, Weinhof 12
Donnerstag, 16.3.2017
Making sense of non-directiveness of genetic counseling. The case of
Poland
Referent: Prof. Dr. Paweł Łuków (Universität Warschau)
Zeit: 11:00-12:30 Uhr
Ort: Villa Eberhardt, Rittersaal, Heidenheimer Straße 80
