Interview mit Prof. Dr. Detlev Ganten zum Weltgesundheitstag 2017
Depressionen: Zwei Mal pro Woche Joggen kann helfen
Interview mit Prof. Dr. Detlev Ganten zum Weltgesundheitstag 2017
Immer mehr Menschen weltweit leiden an Depressionen: Nach einer Studie der
Weltgesundheitsorganisation WHO sind es über 320 Millionen – das sind 4,4%
der Weltbevölkerung. Die Zahlen steigen, die Unterstützung aber nicht.
Weil Depressionen zudem immer noch mit sozialem Stigma verbunden sind,
steht der Weltgesundheitstag 2017 unter dem Motto „Depression – Let’s
talk“.
Prof. Dr. Detlev Ganten ist Präsident des World Health Summit, Arzt und
Wissenschaftler und erklärt, warum Forschung, Politik, Industrie und
Zivilgesellschaft die Situation nur gemeinsam verbessern können.
1. Depressionen sind eine ernstzunehmende Krankheit, die weltweit
verbreitet ist – viele Menschen aber sehen darin eher eine
Modeerscheinung. Was tun?
Depressionen sind eine Krankheit und müssen als solche anerkannt und
behandelt werden. Sie werden aber oft von Ärzten und Patienten nicht ernst
genug genommen. Rund die Hälfte der schwereren Fälle wird bisher gar nicht
behandelt. Das kann im Extremfall bis zum Suizid führen. Das ist besonders
dramatisch, da Depressionen gut behandelbar und sogar heilbar sein können.
Die Dunkelziffer der Depressions-Kranken ist weltweit extrem hoch: Das
gilt vor allem für ärmere Länder, in den Industrienationen ist die
Datenlage besser. Schauen wir uns zum Beispiel die dramatische Situation
der Millionen Menschen an, die auf der Flucht vor Folter, Verfolgung und
Gewalt Unvorstellbares erleben und oft schwer traumatisiert bei uns
ankommen. Ein riesiges Forschungsthema, das uns in Zukunft noch viel
beschäftigen wird.
2. Laut WHO gibt es in vielen Ländern nahezu keine Unterstützung für
Menschen mit Depressionen. Im Durchschnitt sind nur drei Prozent der
staatlichen Gesundheitsausgaben für seelische Gesundheit vorgesehen. Was
ist nötig, um diese Situation zu verbessern?
Wichtig ist erstmal eine effektive Aufklärungsarbeit, die sowohl die
Patienten und ihr Umfeld, als auch Politik und Forschung erreicht. Dafür
brauchen wir internationale, übergreifende Foren wie den World Health
Summit, der jedes Jahr einflussreiche Vertreter aus Wissenschaft, Politik,
Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus über 80 Ländern nach Berlin holt, um
weltweite Gesundheitsprobleme gemeinsam anzugehen. Psychische Gesundheit
in den unterschiedlichen Kulturkreisen gehört zum Beispiel neben wichtigen
Themen wie Antibiotikaresistenzen unbedingt auf die Agenda der G7/G20
Gespräche.
3. Sport und Bewegung gelten als gutes Mittel gegen Depressionen. Was
ist dran?
Regelmäßiges Laufen – vor allem in der Gruppe – aktiviert unser
Hormonsystem, so dass Endorphine ausgeschüttet und Glücksgefühle
verursacht werden. Das ist schon mal ein wichtiger Schritt. Außerdem
fördert das Wissen von physischer Leistungsfähigkeit auch mentale Stärke,
um zum Beispiel durch persönlich oder beruflich schwere Zeiten zu gehen.
Unter bestimmten Umständen kann zwei Mal pro Woche Joggen sogar die
Medikamente ersetzen.
4. Welchen Rat haben Sie als Arzt, wenn es erste Symptome gibt?
Wer zum Beispiel mutlos und antriebslos ist, muss sich dessen überhaupt
erst bewusst werden und akzeptieren, dass es sich um eine Krankheit
handeln könnte. Das ist ein langwieriger und meist schwieriger Prozess.
Der Austausch mit vertrauten Personen kann dann schon viel bewirken. Das
ist auch der Rat an den Familien- oder Freundeskreis, denn oft werden die
Symptome von außen viel eher erkannt als von den Betroffenen selbst. Wir
müssen für die Menschen da sein und ihnen ein positives Umfeld bieten.
Unbedingt wichtig ist natürlich, dass Depressionskranke zum Arzt gehen und
professionelle Hilfe erhalten.
(Quelle: World Health Summit)
Prof. Dr. Detlev Ganten hat als Professor an der Universität Heidelberg
bereits in den 80er Jahren regelmäßig Laufgruppen gegen Depressionen
geleitet. 2009 gründete er den World Health Summit mit dem Ziel,
Weltgesundheit zu verbessern. Ganten ist Facharzt für Pharmakologie und
Experte für Bluthochdruck, Evolutionäre und Molekulare Medizin.
Der World Health Summit findet vom 15.-17. Oktober 2017 in Berlin statt
(Kosmos, Karl-Marx-Allee 131a). Er steht unter der Schirmherrschaft von
Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Präsidenten der Europäischen
Kommission Jean-Claude Juncker und gilt mit mehr als 1.600 Teilnehmern aus
über 80 Ländern als das wichtigste strategische Forum für weltweite
Gesundheitsfragen.
Zentrale Themen beim WHS 2017 sind unter anderem die Gesundheitspolitik
der G7/G20, die Entwicklung neuer Impfstoffe, Digitalisierung und Big
Data, Gesundheitssicherheit, urbane Gesundheit sowie Afrika und die
Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen.
Informationen zu Themen und Sprechern des World Health Summit 2017:
https://www.worldhealthsummit.org/whs-2017/program
https://www.worldhealthsummit.org/whs-2017/speakers
