HPV-Impfung - die oft versäumte Chance gegen Krebs
Gegen Bakterien gibt es Antibiotika, nur gegen einzelne Viren gibt es
antivirale Medikamente, die jedoch oft nicht ausreichend wirksam sind und
auch Nebenwirkungen verursachen können. Daher hat die Impfprävention gegen
virusbedingte Krankheiten, wie z.B. Masern, Mumps, Röteln oder Hepatitis B
schon immer eine ganz besondere Bedeutung.
Eines der erfreulichsten Ergebnisse dieser Bemühungen war die Entwicklung
und Zulassung einer Impfung gegen humane Papillomviren, die
Gebärmutterhalskrebs und Genitalwarzen verursachen können. Studien
bestätigen die schützende Wirkung der HPV-Impfung, unerwünschte Reaktionen
sind ausgesprochen selten. Dennoch liegen die Durchimpfungsraten trotz der
seit zehn Jahren durch die STIKO ausgesprochenen Empfehlung noch unter 50
Prozent, stellt die Stiftung Kindergesundheit in einer aktuellen Übersicht
fest.
Eine Untersuchung der Ständigen Impfkommission STIKO beim Robert-Koch-
Institut Berlin kam nämlich zu eher ernüchternden Ergebnissen, berichtet
die Stiftung Kindergesundheit: Seit der Einführung der Impfung in
Deutschland sind die Impfquoten zwar leicht angestiegen, liegen jedoch
immer noch auf niedrigem Niveau. Ende 2016 wiesen nur 30,5 Prozent der
15-jährigen Mädchen eine vollständige Impfung auf. Auch unter den
17-jährigen waren Ende 2016 lediglich 42,5 Prozent vollständig geimpft.
Dabei lagen die Impfquoten in den neuen Bundesländern stets weit über den
noch niedrigeren Werten der alten Bundesländer.
„Beim Gebärmutterhalskrebs – in der Fachsprache Zervixkarzinom genannt -
konnte durch den deutschen Forscher Harald zur Hausen belegt werden, dass
an seiner Entstehung bestimmte Viren beteiligt sind“, berichtet Professor
Dr. Johannes Liese, Mitglied des Kuratoriums der Stiftung
Kindergesundheit. „Es sind die Humanen Papillomviren, abgekürzt HPV. Die
bis heute bekannten rund 210 Untertypen des humanen Papillomvirus sind
weltweit verbreitet. Einige von ihnen können bei Menschen
Gebärmutterhalskrebs, aber auch Scheiden-, Penis- und Analkarzinome und
Genitalwarzen hervorrufen“.
Es gibt mittlerweile drei zugelassene Impfstoffe gegen HPV-Viren: Alle
drei Impfstoffe schützen vor der Infektion mit den beiden häufigsten an
der Krebsentstehung beteiligten HPV-Typen, HPV 16 und 18. Diese zwei Typen
führen zu Schleimhautveränderungen, die in der Scheide und auch an den
äußeren Genitalien beider Geschlechter, also bei Frau und Mann, Krebs
auslösen können. HPV 16 und 18 verursachen in Europa rund 75 Prozent der
Gebärmutterhalskrebse.
Ein weiterer Impfstoff bietet ebenfalls Schutz vor HPV 16 und 18, richtet
sich darüber hinaus auch gegen die beiden HPV-Typen HPV 6 und 11, die zwar
nicht zu Krebs, aber zu Genitalwarzen, so genannten Kondylomen oder
Feigwarzen führen können.
Ein weiterer, im letzten Jahr zugelassener Impfstoff vermittelt Schutz vor
den HPV-Typen 6, 11, 16, 18, 31, 33, 45, 52 und 58 und kann damit die
Infektion mit weiteren, Zervixkarzinom auslösenden HPV Typen verhindern.
Dieser so genannte „9-valente“ Impfstoff wird vermutlich nach einer
Übergangszeit den früheren („4-valenten“) Impfstoff ersetzen. Zusammen
sind die HPV-Impfstoffe weltweit bereits über 260 Millionen Mal verwendet
worden.
Lovestories mit Risiken
„HPV-Infektionen sind häufig“, erläutert Professor Dr. Johannes Liese.
„Fast jeder sexuelle aktive Erwachsene kommt irgendwann in seinem Leben in
Kontakt mit Papillomviren. Die meisten von ihnen müssen keine negativen
Folgen befürchten: Das Immunsystem schafft es in aller Regel, den
unerwünschten Eindringling wieder loszuwerden. Eine chronische Infektion
mit den so genannten Hochrisikotypen von HP-Viren kann aber auch
gefährlich werden: Als vermutliche Folge davon erkranken in Deutschland
jedes Jahr etwa 4.700 Frauen neu am Gebärmutterhalskrebs, 1.500 bis 1.600
sterben daran“.
Die Impfung ist nur dann wirksam, wenn es noch nicht zur Ansteckung
gekommen ist. Da humane Papillomviren durch Geschlechtsverkehr übertragen
werden, sollte früh genug geimpft werden, lautet die übereinstimmende
Empfehlung von Infektiologen und Impfexperten. Sie lässt sich mit Zahlen
untermauern: Die Mehrheit der Mädchen erlebt heute ihre erste Regel mit
zwölf oder 13 Jahren. 36 Prozent der Mädchen und 20 Prozent der Jungen
geben an, bereits mit 14 bis 15 Jahren den ersten Geschlechtsverkehr
erlebt zu haben (Statista 2016).
Wirksam und gut verträglich
Der Schutz der HPV-Impfstoffe wird durch die Erzeugung von hohen
Antikörperspiegeln im Blut der Geimpften vermittelt. Die Dauer des
Schutzes ist jedoch noch nicht vollständig geklärt, es wird jedoch von
mindestens 10 Jahre ausgegangen. Empfehlungen für Auffrischungen gibt es
deshalb noch nicht.
In Australien wurden bereits 2007 durch ein staatliches Impfprogramm an
Schulen fast neun von zehn Mädchen geimpft, berichtet die Stiftung
Kindergesundheit. Bereits einige Jahre später wurde eine 60-prozentige
Abnahme der auffälligen Gebärmutterhals-Abstriche beim Frauenarzt
dokumentiert. Bei Jugendlichen unter 21 Jahren konnte zudem ein Rückgang
der Genitalwarzen um 80 Prozent festgestellt werden. Da in Australien sehr
viele Mädchen geimpft sind, ist die Infektionsrate auch bei den Jungen
zurückgegangen, obwohl nur die Mädchen geimpft wurden (Herdenschutz).
In den USA wurden bisher mehr als 56 Millionen Impfdosen verabreicht.
Lebensbedrohliche Nebenwirkungen sind dabei nicht aufgetreten. Als
unerwünschte Wirkungen der Impfung wurde häufiger über Fieber, Schmerzen,
Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle berichtet. Auch Juckreiz und
Blutungen an der Injektionsstelle sind möglich. Im Schnitt wurden bei
100.000 Impfungen lediglich 54 Nebenwirkungen gemeldet.
Schutz auch vor Krebs in Mund und Hals
In Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass die HPV-Impfung auch
Genitalwarzen und Krebsvorstufen an der Scheide und den Schamlippen
vorbeugen kann, die mit Papillomviren in Zusammenhang stehen, hebt die
Stiftung Kindergesundheit hervor. Studien mit insgesamt über 18.000 jungen
Frauen ergaben: Geimpfte Frauen hatten zu 49 Prozent weniger
Hautveränderungen an Scham und Scheide als nicht geimpfte Patientinnen. In
Australien, wo Impfprogramme zu einer Durchimpfungsrate von 73 Prozent
geführt haben, ging die Häufigkeit von Genitalwarzen bei Frauen unter 21
Jahren von 11,5 Prozent im Jahre 2007 auf 0,85 Prozent im Jahre 2011
zurück. Bei Frauen im Alter zwischen 21 und 30 Jahren wurde ein Rückgang
von 11,3 auf 3,1 Prozent registriert.
Möglicherweise kann die HPV-Impfung auch das Risiko für Krebserkrankungen
im Mund-Rachen-Raum, wie z.B. von Kehlkopf-Krebs verringern. Offenbar
spielen nämlich neben Alkohol und Rauchen auch HP-Viren vom Typ 16 bei der
Entstehung derartiger Tumore eine ursächliche Rolle.
Impfalter auf neun Jahre gesenkt
Die STIKO empfahl die Impfung ursprünglich für Mädchen zwischen zwölf und
17 Jahren. Im August 2014 senkte das Expertengremium am Robert-Koch
Institut das empfohlene Impfalter auf neun bis 14 Jahre und empfahl nur
noch zwei anstatt drei Impfstoffdosen für eine vollständige Immunisierung.
Versäumte Impfungen sollten spätestens bis zum 18. Lebensjahr nachgeholt
werden. Alle Krankenkassen übernehmen die kompletten Kosten für die
Impfung für den Altersbereich der 9- bis 17jähriger Mädchen, ohne dass
eine Zuzahlung nötig ist.
Zur besseren Information der Zielgruppe bieten sich die von Kinder- und
Jugendärzten angebotene und vielen Krankenkassen freiwillig übernommene
Vorsorgeuntersuchung U11 im Alter von 9 bis 10 Jahren und die
Jugendgesundheitsuntersuchung J1 im Alter von 12 bis 14 Jahren an. „Leider
wird gerade die J1 immer noch von viel zu wenigen Berechtigten
wahrgenommen“, so Professor Liese. „Es bedarf deshalb einer Intensivierung
der Impf-Aufklärung auch in den gynäkologischen Praxen. Auch Eltern
sollten den Kinder- und Jugendarzt, Haus- oder Frauenarzt ihrer Töchter
früh auf die HPV-Impfung ansprechen“.
Impfung bald auch für die Jungen?
Laut Professor Liese wäre es auch sinnvoll, nicht nur junge Mädchen,
sondern auch Jungen gegen die Papillomviren zu impfen. Schließlich können
auch Männer an den Folgen einer HPV-Infektion erkranken, am häufigsten an
den schwer zu behandelnden und sehr infektiösen Genitalwarzen.
Darüberhinaus sind jugendliche Männer auch Überträger der Viren. Dadurch
bestünde die Möglichkeit, die Anzahl der Gebärmutterhalskrebserkrankung
und anderer HP-Virus assoziierter Erkrankungen noch weiter zu senken. Die
sächsische Impfkommission SIKO empfiehlt die HPV-Impfung bereits seit 2013
auch für Jungen und Männer. Seit Anfang 2017 empfiehlt sie die HPV-Impfung
für alle Mädchen und Frauen ab 10. bis zum vollendeten 26. Lebensjahr und
für alle Jungen und Männer ab 10. bis zum vollendeten 26. Lebensjahr,
bevorzugt mit dem 9-valenten Impfstoff.
Mädchen und Frauen, die sich gegen die humanen Papillomviren impfen
lassen, sollten jedoch wissen: Die Impfung schützt nur vor den darin
deklarierten HPV-Viren, nicht jedoch vor Infektionen mit anderen Typen des
Virus, betont die Stiftung Kindergesundheit. Die Früherkennungsmaßnahmen
zum Gebärmutterhalskrebs beim Frauenarzt sollten deshalb auch von
geimpften Frauen unverändert in Anspruch genommen werden. In Deutschland
haben alle Frauen ab dem 20. Lebensjahr einmal jährlich Anspruch auf die
kostenlose Früherkennung.
Wichtige Informationen über die HPV-Impfung und über die Sexualaufklärung
von Kindern und Jugendlichen vermittelt die Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Maarweg 149-161 / 50825 Köln / Tel +49
221 8992-0 / Fax +49 221 8992-300. Online-Angebote unter www.bzga.de, www
.impfen-info.de und www.kindergesundheit-info.de
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