Diabetes Kongress 2018: Zucker beeinflusst Stoffwechselvorgänge in Darm, Leber und Gehirn
Adipositas ist der stärkste Risikofaktor für die Entstehung eines Diabetes
Typ 2: 80-90 Prozent der Menschen in Deutschland mit Diabetes Typ 2 sind
auch adipös. Zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke fördern Übergewicht
und Typ-2-Diabetes. Dafür ist zum einen der hohe Kaloriengehalt
verantwortlich, zum anderen zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, dass
Saccharose unabhängig vom Körpergewicht aufgrund seiner Zusammensetzung
aus Fruktose und Glukose Stoffwechselabläufe ungünstig beeinflusst: So
regt Fruktose die Entstehung einer Fettleber an. Glukose setzt im Dünndarm
das Hormon GIP frei, das ebenfalls für die Entwicklung einer Fettleber
verantwortlich ist und eine Insulinresistenz fördert.
Professor Dr. med. Andreas Pfeiffer erläuterte im Rahmen der Vorab-
Pressekonferenz zum Diabetes Kongress am Donnerstag, den 3. Mai 2018, in
Berlin die neuesten Belege wissenschaftlicher Grundlagen der
Stoffwechselschäden durch Zucker.
In Deutschland sind zwei von drei Männern und jede zweite Frau
übergewichtig, knapp ein Viertel ist sogar adipös, also schwer
übergewichtig. 13 Prozent der Kinder in Deutschland haben Übergewicht,
über sechs Prozent sind adipös. Das sind mehr als doppelt so viele wie vor
zehn Jahren. Adipositas ist zur häufigsten chronischen Erkrankung im
Kindes- und Jugendalter geworden. Circa zehn Prozent sehr adipöser
Jugendlicher weisen auch eine Störung der Glukosetoleranz auf. Der
Zusammenhang zwischen dem Konsum zuckerhaltiger Getränke (Softdrinks) und
Übergewicht sowie Typ-2-Diabetes ist in Studien belegt.
„Auch wenn die Gesamtkalorienzahl die Hauptrolle bei der
Adipositasentstehung spielt, trägt Zucker aufgrund seiner Zusammensetzung
gleich mehrfach dazu bei“, sagt Professor Dr. med. Andreas F. H. Pfeiffer,
Leiter der Abteilung für Klinische Ernährung am Deutschen Institut für
Ernährungsforschung (DIfE) Potsdam-Rehbrücke und Leiter der Abteilung für
Endokrinologie, Diabetes und Ernährung der Charité Campus Benjamin
Franklin/Charité Universitätsmedizin Berlin.
Glukose setzt im oberen Dünndarm aus den sogenannten K-Zellen das Hormon
Glukoseinduziertes Insulinotropes Peptid, (GIP), frei. „Dadurch bewirkt
sie unter anderem die Entstehung einer Fettleber sowie einer
Insulinresistenz“, erklärt Professor Pfeiffer. „Denn das GIP steuert
einerseits im Fettgewebe die Lipolyse und sorgt dafür, dass weniger Fett
aus den Speichern nach einer Mahlzeit verbrannt werden kann. Weiterhin
steuert es die Durchblutung im Darm, so dass das Blut möglichst effektiv
mit seinen Nährstoffen zu den Speicherorganen kommt und nicht erst als
Glykogen in der Leber abgelagert wird.“ Außerdem wirke GIP auf das Gehirn,
wo es die Freisetzung des appetitanregenden Hormones Neuropeptid Y (NPY)
steigere. Darüber hinaus bewirkt GIP auch eine erhöhte Trägheit. „Die
Gewichtszunahme mit dem Eintritt der Menopause bei Frauen scheint
ebenfalls mit dem Hormon GIP zusammenzuhängen“, so Professor Pfeiffer.
Fruktose wird zu etwa 90 Prozent von der Leber extrahiert und unter hohem
Energieverbrauch verstoffwechselt. Fruktose ist in höherer Dosis ein
unmittelbarer Stimulator der Fettsynthese in der Leber. Professor Pfeiffer
erläutert: „Dies wird auch in epidemiologischen Studien bestätigt, in
denen die Fettleber eng mit dem Fruktosekonsum zusammenhängt. In kürzlich
publizierten Studien an Kindern konnte sogar gezeigt werden, dass eine
kurzfristige Einschränkung der Fruktoseaufnahme zu einer schnellen
Verbesserung der Fettleber führt.“ Darüber hinaus rege Fruktose die
Harnsäurebildung an. „Ein hoher Harnsäurespiegel kann Gicht auslösen und
wird mit anderen Stoffwechselstörungen wie beispielsweise einem erhöhten
Blutdruck und Insulinresistenz in Zusammenhang gebracht.“ Somit fördere
Zucker auf besondere Weise verschiedene Aspekte zivilisatorischer
Stoffwechselkrankheiten. Maßnahmen dagegen diskutieren die Teilnehmer des
53. Frühjahrskongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Er findet vom
9. bis 12. Mai im CityCube Berlin statt.
Quellen:
- Trends Endocrinol Metab. 2018 May;29(5):289-299. doi:
10.1016/j.tem.2018.03.003. Epub 2018 Mar 27.
High Glycemic Index Metabolic Damage - a Pivotal Role of GIP and GLP-1.
Pfeiffer AFH1, Keyhani-Nejad F2.
- DEGS-Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland: Übergewicht
und Adipositas in Deutschland
- Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2018, S. 64 ff.
