Übergewichtige Kinder und Teenager: Nicht immer sind die Hormone schuld Endokrinologen empfehlen: Energiebilanz beachten – weniger essen, mehr bewegen
Seit Mitte der 1970er Jahre sind weltweit immer mehr Kinder und
Jugendliche übergewichtig oder adipös. Auch wenn Gene zu etwa 50 Prozent
für Körpergewicht und Fettmasse bei Heranwachsenden verantwortlich sind,
erklärt dies nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie
e.V. (DGE) nicht allein die große Anzahl Betroffener in dieser
Altersgruppe.
Verantwortlich für zu viele Kilos sei vielmehr häufig ein Zuviel an Essen
und Trinken in Kombination mit zu wenig Bewegung. Dies führe zu einer
sogenannten positiven Energiebilanz. Werde sie regelmäßig – auch nur
geringfügig mit 50 Kilokalorien pro Tag - überschritten, mache sie dick.
Auf der Pressekonferenz der DGE am 11. September 2018 in Berlin im Vorfeld
der 3. Deutschen Hormonwoche, diskutieren Experten die Ursachen und
Präventionsmöglichkeiten von Übergewicht. Dabei nehmen sie auch
Hormonstörungen, etwa der Schilddrüse, als mögliche Gründe in den Blick.
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Laut Robert Koch-Institut sind in Deutschland über 15 Prozent der zwischen
3- und 17-Jährigen dick und knapp sechs Prozent von ihnen sogar stark
übergewichtig*.
Der Leidensdruck adipöser Kinder ist immens. Zum einen werden sie häufig
sozial ausgegrenzt und gemobbt, zum anderen drohen schwerwiegende
Begleiterkrankungen. Übergewicht kann bereits im Kindesalter zu
Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes führen sowie Herz-
Kreislaufbeschwerden und Haltungsschäden verursachen. „Man schätzt zudem,
dass über drei Viertel aller zu schweren Kinder ihr Übergewicht in das
Erwachsenenalter mitnehmen werden“, sagt Priv.-Doz. Dr. med. Susanna
Wiegand, Bereichsleiterin Adipositas, Sozialpädiatrisches Zentrum für
chronisch kranke Kinder an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
„Übergewicht kann auf krankhaften Störungen von Stoffwechsel, Hormonen
oder der Psyche beruhen“, so die Expertin. Doch in den meisten Fällen
liege die Ursache in einer sogenannten positiven Energiebilanz: „Dem
Körper wird mehr Energie zugeführt, als er durch Stoffwechsel und Bewegung
verbraucht.“ Aus Zwillings- und Adoptionsstudien wisse man zwar heute,
dass die Gewichtsentwicklung von Kindern und Jugendlichen zu etwa 50
Prozent genetisch festgelegt sei. Gene veränderten sich jedoch nur über
einen sehr langen Zeitraum. „Deshalb ist die Zunahme von Übergewicht und
Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in den Industrie- und
Schwellenländern sicher nicht genetisch, sondern vor allem durch ein
verändertes Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu erklären“, formuliert
die Kinderendokrinologin. „Bereits eine geringfügige regelmäßige positive
Energiebilanz von täglich etwa 50 kcal pro Tag führt im Grundschulalter zu
Übergewicht“, sagt sie. Das Überschreiten des Energiebedarfs sei gerade im
Sommer durch zuckerhaltige Durstlöscher schnell erreicht. Schon ein
kleines Glas Limonade schlage mit etwa 80 kcal zu Buche. Als Gegenmaßnahme
empfiehlt Wiegand, Vizepräsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft,
‒ neben mehr Bewegung im Alltag ‒ etwa die Bereitstellung von kostenlosen
Wasserspendern in Kindergärten und Schulen.
Zur Therapie von Adipositas gehöre nichtsdestotrotz der Ausschluss
bestimmter Hormonstörungen, sagt Professor Dr. med. Sven Diederich,
Ärztlicher Leiter Medicover Deutschland und ehemaliger Vizepräsident der
DGE aus Berlin. Viele Eltern vermuteten insbesondere eine gestörte
Schilddrüsenfunktion als Ursache, weil es in der Familie bereits Probleme
mit dem Organ gäbe. „Entgegen dieser Erwartung ist eine Unterfunktion der
Schilddrüse jedoch extrem selten die Ursache einer Adipositas“, stellt er
fest. Welche weiteren Hormone wie Hunger- und Sättigungshormone bei der
Entstehung von Adipositas eine Rolle spielen könnten und welche
Behandlungsmöglichkeiten es heute gibt, ist eines der Themen auf der
Pressekonferenz der DGE am 11. September 2018 in Berlin.
Quelle:
*Robert Koch-Institut (2018): Übergewicht und Adipositas im Kindes- und
Jugendalter in Deutschland – Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle2 und
Trends.
Journal of Health Monitoring 2018 3(1). DOI 10.17886/RKI-GBE-2018-005.
Robert Koch-Institut, Berlin.
<https://www.rki.de/DE/
/JoHM_01_2018_Adipositas_
