Entscheidungen über Leben und Tod: „Die Wünsche am Lebensende sind äußerst individuell“

Notfall- und Intensivmediziner erleben täglich chronisch kranke und
betagte Patienten in der letzten Lebensphase. Regelmäßig muss dann
entschieden werden, welche intensivmedizinischen Maßnahmen fortgesetzt
werden oder ob auf eine primär palliative Behandlung umgestellt wird.
Welche Wünsche Patienten für diese Situation haben, berichtet Prof. Gian
Domenico Borasio zur Eröffnung des Kongresses DIVI 2018 in seinem
Festvortrag „Ich habe genug – was sich Patienten für das Lebensende
wünschen, und warum man viel wissen muss, um wenig zu tun“. Der 18.
Kongress der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und
Notfallmedizin (DIVI) findet vom 5. bis 7. Dezember 2018 in Leipzig statt.
Im Rahmen seines Vortrags wird der Neurologe und Palliativmediziner
Borasio auch erläutern, wie man die Wünsche nicht kommunikationsfähiger
Patienten praktisch ermittelt, wie man sie in Therapieentscheidungen
umsetzt und was Ärzte, Pflegekräfte und Seelsorger darüber hinaus beachten
sollten, wenn Entscheidungen über Leben und Tod anstehen. Darüber hinaus
gibt es mit Professor Borasio eine Abendveranstaltung für die
Öffentlichkeit. Im Oberlichtsaal der Stadtbibliothek Leipzig referiert der
Mediziner zum Thema „Intensivmedizin und Palliativmedizin – wie geht das
zusammen?“. Der Eintritt ist frei.
Herr Professor Borasio, welche Wünsche haben Menschen für ihr Lebensende?
Das ist höchst individuell und unglaublich heterogen. Es gibt keine
Standardwünsche, bei denen man davon ausgehen kann, dass alle Menschen am
Lebensende sie teilen. Nicht einmal der Wunsch, keine Schmerzen zu spüren,
ist universell. Es gibt auch Menschen, die lieber mehr Schmerzen ertragen,
um dafür bis zum Ende ein klares Bewusstsein zu haben.
Was müssen in der Intensivmedizin Tätige tun, um die Wünsche zu ermitteln?
Sie sollten sich mit der Biografie, mit den persönlichen Prioritäten,
Nöten und Wünschen eines jeden Patienten auseinandersetzen, um
herauszufinden, was dieser Patient in dieser Situation für seine
Behandlung wünschen würde, wenn man ihn fragen könnte. Häufig kann man in
der Intensivmedizin Patienten nicht akut befragen. Dann muss man ihren
mutmaßlichen Willen ermitteln.
Wie gelingt das?
Der wichtigste Punkt ist, sich mit der Geschichte des Menschen vertraut zu
machen. Wenn er sie nicht selbst erzählen kann, dann können das seine
Familie und sein Bevollmächtigter, sofern dieser bestimmt wurde, tun. In
meinem Vortrag werde ich erläutern, wie man dabei dem mutmaßlichen Willen
möglichst nahe kommt. Anhand der Geschichte eines jeden Menschen wird oft
erstaunlich klar, weshalb bestimmte Entscheidungen am Lebensende so und
nicht anders gefällt werden sollten. Das ist viel Wissen, und es braucht
Zeit, um diese Informationen zu ermitteln. Es ist natürlich sehr wichtig,
die genaue Krankengeschichte eines Patienten und die Details seiner
aktuellen klinischen Situation zu kennen. Aber man sollte auch verstehen,
welche Einstellungen dieser Mensch in seinem Leben in Bezug auf Leiden,
Behinderung und Auf-Hilfe-angewiesen-Sein entwickelt hatte. Diese
ganzheitliche Sicht des Patienten zu erfahren ist ein Prozess, den der
Arzt nicht alleine, sondern den das intensivmedizinische Team gemeinsam
bewältigt.
Wer gehört zu diesem Team?
Intensivteams umfassen nicht nur Ärzte und Pflegende, sondern auch je nach
Bedarf zum Beispiel Physiotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter und
Seelsorger. Es ist die Aufgabe des gesamten Teams zu versuchen, die
Geschichte des Patienten in all ihren Facetten zu erfassen, und dann
daraus eine für diesen einen Patienten in seiner Einmaligkeit und
Unverwechselbarkeit angemessene Therapieentscheidung abzuleiten.
Das ist angesichts der von Ihnen angesprochenen Heterogenität sicher eine
Herausforderung.
Ja, man braucht relativ viele Informationen. In meinem Vortrag werde ich
Beispiele dafür geben, was Menschen sich am Lebensende wünschen, um diese
Heterogenität darzustellen, und werde auch pragmatische Lösungen
aufzeigen, wie man diese Informationen in therapeutische Entscheidungen
umsetzen kann.
Was müssen Intensiv- und Notfallmediziner noch beachten?
Sie sollten sehr genau über die gesetzlichen Grundlagen für Entscheidungen
am Lebensende informiert sein. Was ist unter welchen Umständen zu tun,
wenn der Patient nicht selbst entscheiden kann? Welche Rolle spielt die
medizinische Indikation? Wann muss man im Extremfall sogar das Gericht
einschalten und wie kann man dafür sorgen, dass es nicht soweit kommt? All
diese Fragen werden zur Sprache kommen. Und dazu noch ein weiteres, ganz
zentrales Element, das notwendig ist, um mit diesen wiederkehrenden
Entscheidungen über Leben und Tod gut umzugehen. Ich hoffe, dadurch einen
kleinen Anstoß zu geben hin zu einer tieferen Reflexion über die
Komplexität der Entscheidungen am Lebensende und die Notwendigkeit eines
klar strukturierten, interprofessionellen Vorgehens im Team, um zu einer
Lösung im Sinne des Patienten zu kommen.
Zur Person:
Prof. Dr. med. Gian Domenico Borasio, Neurologe und Palliativmediziner,
ist seit 2011 Inhaber des einzigen Schweizer Lehrstuhls für
Palliativmedizin an der Universität Lausanne und Lehrbeauftragter für
Palliativmedizin an der Technischen Universität München. Ihm ist es
maßgeblich zu verdanken, dass sich heute alle Medizinstudenten in
Deutschland und in der Schweiz in ihrer Ausbildung mit der Begleitung
Sterbender und ihrer Familien auseinandersetzen müssen. Von 2006 bis 2011
hat er als Lehrstuhlinhaber für Palliativmedizin an der Universität
München ein Netzwerk an Professuren geschaffen, das alle Bereiche der
physischen, psychosozialen und spirituellen Sterbebegleitung in die Lehre
und Forschung integriert. 2016 hat er in Lausanne die weltweit erste
Professur für geriatrische Palliativmedizin ins Leben gerufen. Professor
Borasio hat über 350 wissenschaftliche Publikationen und 15 Bücher
veröffentlicht, darunter den Bestseller „Über das Sterben“.
Termine:
Prof. Dr. med. Gian Domenico Borasio, Lausanne
Festvortrag: „Ich habe genug – was sich Patienten für das Lebensende
wünschen, und warum man viel wissen muss, um wenig zu tun“
DIVI-Kongress, Congress Center Leipzig, Saal A, Halle 2
Mittwoch, 5. Dezember 2018, 12.30 bis 14 Uhr
Veranstaltung für die Öffentlichkeit: „Intensivmedizin und
Palliativmedizin – wie geht das zusammen?“
Stadtbibliothek Leipzig, Oberlichtsaal
Donnerstag, 6. Dezember 2018, 18.15 bis 19.15 Uhr
Eintritt frei
