Zentrum für Genetische Herz- und Gefäßkrankheiten in Würzburg gegründet

Immer wieder schrecken Meldungen über Sportler, die plötzlich tot
umfallen, die Gesellschaft auf. Nicht selten steckt eine genetisch
bedingte Herzerkrankung hinter dem plötzlichen Herztod. Denn das
unerwartete Auftreten der Erkrankung in jungen Jahren ist typisch für eine
erblich bedingte Herzerkrankung. Die Krankheitsbilder einer vererbten
Herz- oder Gefäßerkrankung sind häufig komplex und ihre Erforschung und
die Betreuung entsprechend vielschichtig. Um die Betroffenen künftig noch
besser in einem multiprofessionellen und interdisziplinären Ansatz zu
behandeln, wurde am Uniklinikum Würzburg (UKW) jetzt das Zentrum für
Genetische Herz- und Gefäßerkrankungen gegründet.
Eine Mutter pflegt ihren schwerkranken Sohn, der auf ein neues Herz
wartet. Das Herz der Mutter ist ebenfalls schwach, auch sie wird eines
Tages auf ein Spenderherz angewiesen sein. Eine andere Mutter kommt nicht
eher zur Ruhe, bis sie weiß, woran ihre vierjährige Tochter plötzlich
mitten in der Nacht gestorben ist. Ist ihre Familie genetisch vorbelastet?
Wenn ja, trägt ihr Sohn ebenfalls die Mutation? Ein junger Mann wiederum,
gerade 18 Jahre alt, ist bislang kerngesund, möchte aber Klarheit mittels
eines Gentests, ob er die genetische Herzmuskelerkrankung seines Vaters
geerbt hat; das Risiko liegt bei bis zu 50 Prozent. Trägt er die Mutation,
wird er mit großer Wahrscheinlichkeit im Laufe seines Lebens ebenfalls
eine Herzerkrankung und Herzrhythmusstörungen bekommen, in der Regel eher
früher als später. Er wird Medikamente nehmen, sich vermutlich mit einem
Defibrillator vor einem plötzlichen Herztod schützen müssen und vielleicht
sogar eines Tages auf ein Spenderherz angewiesen sein.
Diagnose, Therapie und Forschung
Das sind nur drei Fälle von hunderten, die Prof. Dr. Brenda Gerull in der
Spezialsprechstunde für familiär bedingte Herzerkrankungen am Deutschen
Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI) behandelt, betreut und
untersucht. „Nicht alle Verläufe sind so dramatisch, manchmal reicht es
auch, lebenslang zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen. Aber auch das ist
schwer, vor allem, wenn es mit viel Ungewissheit verbunden ist“, erzählt
die Kardiologin, die seit Frühjahr 2016 im DZHI das Department für
Kardiovaskuläre Genetik leitet. Hier diagnostiziert und therapiert sie
nicht nur die genetisch bedingten Herzerkrankungen, hier erforscht die
Wissenschaftlerin auch gemeinsam mit ihrem Team die Ursachen und Auslöser.
Da genetische Herzerkrankungen sehr komplex sind und viele Fachbereiche
betreffen, hat Brenda Professor Gerull jetzt gemeinsam mit weiteren
Kolleginnen und Kollegen des Uniklinikums Würzburg unter dem Dach des
Zentrums für Seltene Erkrankungen (ZESE) das Zentrum für Genetische Herz-
und Gefäßerkrankungen (ZGH) gegründet. Hier werden unter Gerulls Leitung
die Kompetenzen mehrerer Abteilungen des Uniklinikums Würzburg und des
Instituts für Humangenetik der Universität Würzburg gebündelt.
Vernetzte Patientenversorgung
„Ich freue mich sehr, dass wir den betroffenen Familien im neuen Zentrum
für Genetische Herz- und Gefäßerkrankungen eine intensivere und
fachübergreifende Versorgung bieten können. Die Erwachsenenkardiologie
arbeitet hier noch enger mit der Kinderkardiologie und Herzchirurgie
zusammen, die Ambulanzen für Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen, die
Bildgebungsabteilungen sind ebenfalls eingebunden. Und auch psychologische
Unterstützung können wir im Bedarfsfall vermitteln“, erläutert Brenda
Gerull. „Langfristig streben wir jedoch an, dass die Patienten
kardiologisch und hausärztlich von den niedergelassenen Kollegen
weiterbetreut werden und wir beratend zur Seite stehen.“
Translationale Forschung
Neben der interdisziplinären Diagnose und Behandlung ist die
Translationale Forschung ein weiterer wichtiger Aspekt des neuen Zentrums
für genetische Herz- und Gefäßerkrankungen. Das bedeutet die schnelle
Umsetzung von Forschungsergebnissen in die klinische Behandlung – von der
Laborbank zum Krankenbett und zurück. „Im Fokus stehen die Mechanismen und
Therapien von genetischen Herzerkrankungen“, erklärt Professor Christoph
Maack, stellvertretender Leiter des neuen Zentrums und Leiter des
Departments Translationale Forschung am DZHI. „Gemeinsam versuchen wir
herauszufinden, auf welchen Wegen genetische Veränderungen beim Patienten
zu Herz- und Gefäßerkrankungen führen, um aus diesen Erkenntnissen
spezifische Therapien zu entwickeln, übrigens auch für Erkrankungen, die
nicht genetisch bedingt sind.“
Vererbte Veränderungen führen zwar deutlich seltener zu einer Herz- und
Gefäßerkrankung als Faktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck, Nikotin oder
andere Erkrankungen wie Diabetes, doch die Herz-Kreislauf-Erkrankungen in
Summe führen hierzulande mit Abstand am häufigsten zum Tod.
Weitere Informationen zum Zentrum für Genetische Herz- und
Gefäßerkrankungen finden Sie auf der Webseite: www.ukw.de/zgh.
