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„Der Anzug muss sitzen“ – NCT/UCC Dresden entwickelt individualisierte Krebstherapien

Der erste am NCT/UCC Dresden mit CAR-T-Zellen behandelte Patient mit dem Team der Early Clinical Trial Unit (v.r.n.l. Prof. Martin Bornhäuser, Dr. Martin Wermke, Dr. Raphael Teipel, Max Langner)  Quelle: ECTU Dresden
Der erste am NCT/UCC Dresden mit CAR-T-Zellen behandelte Patient mit dem Team der Early Clinical Trial Unit (v.r.n.l. Prof. Martin Bornhäuser, Dr. Martin Wermke, Dr. Raphael Teipel, Max Langner) Quelle: ECTU Dresden
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Der erste am NCT/UCC Dresden mit CAR-T-Zellen behandelte Patient mit dem Team der Early Clinical Trial Unit (v.r.n.l. Prof. Martin Bornhäuser, Dr. Martin Wermke, Dr. Raphael Teipel, Max Langner)  Quelle: ECTU Dresden
Der erste am NCT/UCC Dresden mit CAR-T-Zellen behandelte Patient mit dem Team der Early Clinical Trial Unit (v.r.n.l. Prof. Martin Bornhäuser, Dr. Martin Wermke, Dr. Raphael Teipel, Max Langner) Quelle: ECTU Dresden

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen Dresden startet im Frühjahr
mehrere Studien für neue maßgeschneiderte Medikamente gegen Krebs / Montag
(4. Februar) ist Weltkrebstag

Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) arbeitet
intensiv an der Zukunft der Krebsmedizin: Im April und Mai starten mehrere
Studien für neue maßgeschneiderte Medikamente gegen Krebs. „Wir wissen
heute, dass es hunderte Krebserkrankungen gibt, die sich gegeneinander
abgrenzen lassen. Jede dieser Einzelerkrankungen kann sich zudem von
Patient zu Patient unterscheiden und im Verlauf der Erkrankung weiter
verändern. Die moderne, so genannte personalisierte Krebsmedizin,
schneidet die gesamte Behandlung optimal auf den einzelnen Patienten zu“,
sagt Prof. Martin Bornhäuser, Geschäftsführender Direktor am NCT/UCC
Dresden und Direktor der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums
Carl Gustav Carus Dresden im Vorfeld des am 4. Februar stattfindenden
Weltkrebstages. Neben dem Einsatz maßgeschneiderter medikamentöser
Therapien entwickelt das NCT/UCC Dresden auch entsprechende Konzepte für
den OP, bei denen Patientendaten zum Planen und Ausführen operativer
Eingriffe herangezogen werden. Zum Beispiel sollen innovative Systeme
künftig die optimale Schnittführung oder Risikostrukturen in Echtzeit
anzeigen. Damit Patienten unmittelbar von den neuesten wissenschaftlichen
Erkenntnissen profitieren, arbeiten am NCT/UCC Dresden Ärzte und
Wissenschaftler des Universitätsklinikums Dresden, der Medizinischen
Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden, des Helmholtz-Zentrums Dresden-
Rossendorf (HZDR) und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) Hand in
Hand. Alle Kräfte im Kampf gegen Krebs zu bündeln, ist auch das Ziel der
Bundesregierung. Das Bundesforschungsministerium hat deshalb am 29. Januar
die „Nationale Dekade gegen Krebs“ ausgerufen.

Die Krankheit Krebs ist so individuell wie die Menschen, die daran
erkranken. „Die Krebsmedizin der Zukunft gleicht daher einem Maßanzug, der
für jeden Patienten mit höchster Präzision individuell angepasst wird.
Denn die enorme Vielfalt von Krebserkrankungen sorgt dafür, dass ein
Therapie-Anzug von der Stange bei keinem Patienten exakt sitzt“, sagt
Prof. Mechthild Krause. Die Geschäftsführende Direktorin am NCT/UCC
Dresden und Direktorin der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie
des Universitätsklinikums Dresden ist eine der Referentinnen zum Thema
personalisierte Onkologie beim 1. Deutschen Krebsforschungskongress, bei
dem Vertreter des NCT/UCC am 4. und 5. Februar mit zahlreichen führenden
Wissenschaftlern zu den neuesten Forschungsansätzen diskutieren.

Basis der personalisierten Krebstherapie sind unter anderem neue
diagnostische Methoden wie die molekular-genetische Untersuchung von
Tumorgewebe oder Blut. „Wir suchen nach Veränderungen, die Ursache für die
Entstehung, das Wachstum oder die Metastasierung von Tumoren sind. Sie
sind eine wichtige Grundlage – eine Art Schnittmuster – für die
maßgeschneiderte Behandlung. Denn im Idealfall lässt sich die Tumorzelle
genau an dieser veränderten Stelle mit zielgerichteten Therapien
angreifen“, erklärt Prof. Hanno Glimm, Geschäftsführender Direktor am
NCT/UCC Dresden und Leiter der Abteilung Translationale Medizinische
Onkologie.

Personalisierte Immuntherapien bedeuten wichtigen Fortschritt

Am NCT/UCC Dresden nutzen Ärzte und Wissenschaftler spezifische
biologische Merkmale von Tumoren beispielsweise dazu, um das Immunsystem
passgenau gegen die Krebserkrankung in Stellung zu bringen. So können hier
seit Mitte letzten Jahres Patienten des Universitätsklinikums Dresden mit
der innovativen CAR-T-Zell-Therapie behandelt werden. Die bislang
bundesweit nur an wenigen Zentren verfügbare Immuntherapie bietet Hoffnung
für Patienten mit aggressivem Lymphdrüsenkrebs und bestimmten Formen des
Blutkrebses, deren Tumorzellen ein ganz bestimmtes Oberflächenmerkmal
namens CD19 tragen. Körpereigene Immunzellen, gegen die sich Tumoren meist
sehr erfolgreich tarnen, werden hierzu im Labor mit einem künstlichen
Molekül versehen, das wie ein Navigationssystem zu dem spezifischen
Oberflächenmerkmal leitet. Das Immunsystem wird so in die Lage versetzt,
die Tumorzellen zu erkennen und zu beseitigen. „Bei etwa 40 Prozent der
Patienten, bei denen zuvor alle konventionellen Therapien versagten,
verschwindet der Krebs langfristig. Das ist einer der größten Fortschritte
der Krebsmedizin seit langem“, sagt Dr. Martin Wermke, Leiter der Early
Clinical Trial Unit am NCT/UCC Dresden.

Dresdner Wissenschaftler treiben diese therapeutische Innovation mit
voran: So entwickeln Forscher um Prof. Michael Bachmann, Direktor des
Instituts für Radiopharmazeutische Krebsforschung am HZDR und Prof.
Gerhard Ehninger, ehemals Direktor der Medizinischen Klinik I am
Universitätsklinikum Dresden, neben bispezifischen Antikörpern eine
spezielle CAR-T-Zell-Therapie, bei der sich die Aktivität der veränderten
Immunzellen an- und ausschalten und gegen verschiedene Oberflächenmerkmale
richten lässt. „Unseren Patienten am Universitätsklinikum können wir ein
außergewöhnlich breites Spektrum von personalisierten Immuntherapien
anbieten. Im Rahmen von Studien kommen ab April weitere Therapien mit T
-Zell-Rezeptor-modifizierten T-Zellen, bispezifischen Antikörpern sowie
tumorinfiltrierenden Lymphozyten hinzu“, sagt Dr. Wermke. „Mit den jetzt
beginnenden Studien stellt die Dresdner Hochschulmedizin ihre Stärke als
einer der führenden Standorte für translationale Forschung in der
Krebsmedizin unter Beweis. Das intensive und sehr kollegiale Miteinander
von Ärzten und Wissenschaftlern ist eine unserer Kernkompetenzen, die ein
Schlüssel für die erfolgreiche Überführung von Grundlagenforschung in die
Krankenversorgung ist“, betont Prof. Michael Albrecht, Medizinischer
Vorstand des Dresdner Uniklinikums.

Zielgerichtete Medikamente können aber auch ohne Aktvierung des
Immunsystems auf Prozesse der Krebsentwicklung einwirken. Sie verhindern
beispielsweise, dass Wachstums- und Vermehrungssignale in der Tumorzelle
ankommen oder sich Blutgefäße bilden, die die Tumorzelle mit Nährstoffen
und Sauerstoff versorgen. Prof. Christian Thomas, neu berufener Direktor
der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Dresden forscht etwa an
einem Protein, das normalerweise für die Regulierung von Zellteilung und
Zellwachstum zuständig ist. Beim Prostatakarzinom wird angenommen, dass
sich der Tumor die Eigenschaften dieses „Stat5“-Proteins zunutze macht und
durch deren vermehrte Bildung das eigene Wachstum anregt. Die Höhe des
Anteils vom „Stat5“-Protein im Prostatagewebe des Krebspatienten gibt dem
Arzt einen Hinweis auf die Aggressivität und das fortgeschrittene Stadium
des Prostatakarzinoms. In mehreren experimentellen therapeutischen Studien
konnte der Wissenschaftler darüber hinaus aufzeigen, dass sich „Stat5“
durch molekularbiologisch wirkende Medikamente zielgerichtet ausschalten
und das Tumorwachstum damit verlangsamen lässt.

Weniger Nebenwirkungen durch individualisierte Behandlung

Maßgeschneiderte Therapieansätze spielen auch bei der Reduktion von
Nebenwirkungen eine wichtige Rolle. So untersuchen Ärzte und Forscher des
NCT/UCC Dresden und des NCT Heidelberg in einer aktuellen Studie, ob sich
Tumoren des Mund-Rachen-Bereiches, die durch humane Papillomviren (HPV)
hervorgerufen wurden, mit einer verringerten Strahlendosis genauso wirksam
behandeln lassen, wie mit der bislang standardmäßig verabreichten
Strahlenmenge. „Wir senken die Strahlendosis in einem engmaschig
überwachten, zweistufigen Verfahren ab, das höchstmögliche Sicherheit für
die Patienten garantiert. So hoffen wir, langfristige gravierende
Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Schluckbeschwerden und Störungen des
Geruchs- und Geschmackssinns deutlich reduzieren zu können“, erklärt
Studienleiterin Prof. Mechthild Krause.

Auch in der Krebschirurgie sind immer präzisere, nebenwirkungsärmere
Eingriffe möglich. Wissenschaftler und Ärzte am NCT/UCC Dresden entwickeln
computergestützte Assistenzsysteme, die den Chirurgen ausgehend von den
individuellen Patientendaten beim Planen und Ausführen operativer
Eingriffe unterstützen sollen. „Wir bieten dem Chirurgen intelligente
Hilfen für seine Arbeit an – ähnlich wie ein Navigationssystem im Auto.
Während einer Operation sollen die Systeme beispielsweise in Echtzeit die
optimale Schnittführung oder Risikostrukturen anzeigen“, erklärt Prof.
Stefanie Speidel, Leiterin der Abteilung für Translationale Chirurgische
Onkologie. „Voraussetzung für die Entwicklung solcher Assistenzsysteme
sind vernetzte Operationssäle, wie sie aktuell im Dresdner NCT-Neubau,
aber auch im neuen Chirurgischen Zentrum des Uniklinikums (Haus 32)
entstehen. Hier sind eine Vielzahl an Daten verknüpft – zum Beispiel
Planungsdaten, während der Operation erzeugte Bilder oder Informationen
über den Patienten und aktuelle Vorgänge im OP“, sagt Prof. Jürgen Weitz,
Geschäftsführender Direktor am NCT/UCC Dresden und Direktor der Klinik für
Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie.

Die personalisierte Krebstherapie, die heute vielfach noch in der
Entwicklung ist, wird sich in den kommenden Jahren immer mehr durchsetzen.
Besonders konsequent werden ihre Möglichkeiten aktuell bereits im NCT-
MASTER-Programm ausgelotet und umgesetzt. Junge Krebspatienten und
Patienten mit sehr seltenen Krebserkrankungen haben im Rahmen des
Programms die Möglichkeit, das Erbgut ihres Tumors umfangreich analysieren
zu lassen. Auf dieser Basis suchen fächerübergreifende spezialisierte
Expertengremien – so genannte molekulare Tumorboards – anschließend nach
einer maßgeschneiderten Therapie. „Bei vielen Patienten können wir
hierdurch bemerkenswerte Erfolge erzielen“, sagt Prof. Hanno Glimm.
Bislang wurden rund 1.300 Patienten der NCT-Standorte Heidelberg und
Dresden sowie der Standorte des Deutschen Konsortiums für Translationale
Krebsforschung (DKTK) in das Programm einbezogen. „Personalisierte
Therapie muss nicht bedeuten, dass für jeden Patienten ein neues
Medikament entwickelt wird. Vielmehr wird die Behandlung individuell auf
die Biologie des jeweiligen Tumors angepasst. Um dies zu ermöglichen, ist
es unser langfristiges Ziel, die detaillierte genetische Diagnostik in die
normale Krebsversorgung einzubetten“, so Glimm.