Krankenhaus-Notaufnahmen sind und bleiben unterfinanziert
Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (DGOU)
begrüßt die zusätzlichen Mittel für Notaufnahmen im Rahmen des
Notfallstufenkonzeptes des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Die
Fachgesellschaft weist jedoch darauf hin, dass es auch mit den neuen
Zuschlägen für die an der Notfallversorgung teilnehmenden Kliniken bei
einer Unterfinanzierung der Notaufnahmen bleibt. Zudem spricht sie sich
für die Teilhabe von Orthopäden und Unfallchirurgen an der Notaufnahme-
Leitung aus. Denn durchschnittlich ein Drittel der Diagnosen in der
Notaufnahme betreffen das Fach Orthopädie und Unfallchirurgie.
Eine Studie (doi.org/10.1007/s00113-018-05
genaue Zahlen für eine Großstadt: Im Untersuchungsgebiet München mussten
43 Prozent der Notfallpatienten am Muskel-Skelett-System behandelt werden.
Bei den meisten Fällen handelt es sich um Verletzungen. „O und U ist ein
wesentlicher Bestandteil in der Notfallmedizin. Dem müssen wir mit
orthopädischer und unfallchirurgischer Fachkompetenz und gut
ausgestatteten Notaufnahmen begegnen“, sagt Prof. Dr. Paul Alfred
Grützner, Präsident der DGOU und der Deutschen Gesellschaft für
Unfallchirurgie e.V. (DGU).
„Die Vergütung der Versorgung innerhalb der Notaufnahmestrukturen ist seit
Jahren nicht ausreichend und bildet nicht die hohen Vorhaltekosten ab“,
sagt Prof. Dr. Dietmar Pennig, stellvertretender DGOU-Generalsekretär. Die
vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) auf den Weg gebrachte Regelung zu
einem gestuften System von Notfallstrukturen in Krankenhäusern sieht nun
Verbesserungen vor: Zukünftig sollen Krankenhäuser der Stufe eins für die
Basisnotfallversorgung 153.000 Euro, Krankenhäuser der Stufe zwei für die
erweiterte Notfallversorgung 459.000 Euro und Krankenhäuser der Stufe drei
für die umfassende Notfallversorgung 688.500 Euro jährlich erhalten.
Darüber hinaus reduziert sich jede einzelne DRG-Fallpauschale jedes
vollstationären Patienten in einer Klinik, die nicht an der
Notfallversorgung teilnimmt. Der sogenannte Rechnungsabschlag beträgt 60
Euro. „Das liegt weit hinter unseren Erwartungen und den Notwendigkeiten“,
kritisiert Professor Dr. Andreas Seekamp, DGOU-Vorstandsmitglied und
Mitglied des Fachbeirates Chirurgie in der Deutschen Interdisziplinären
Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Damit blieben die
Notaufnahmen mit ihren hohen Vorhaltekosten weiter unterfinanziert.
Insbesondere für schwerverletzte Patienten seien aber modernste
Diagnostikeinheiten wie Ultraschall, Computertomografie und MRT sowie
qualifiziertes Personal mit ausreichenden Schockraum-Kapazitäten für
schnelle Diagnostik und Therapieentscheidungen an 365 Tagen rund um die
Uhr notwendig.
Außerdem sieht das neue Notfallstufenkonzept eine Neuerung bei der
Organisation der Notaufnahme vor: Demnach verfügt der Leiter einer
Notaufnahme neben seiner Facharztqualifikation über die neue
Zusatzweiterbildung „Klinische Notfall- und Akutmedizin“. Ein bundesweit
einheitliches Leitungsmodell ist jedoch nicht vorgesehen. Allerdings
plädiert die DGOU für die Beteiligung eines Facharztes für Orthopädie und
Unfallchirurgie an der Leitung einer Notaufnahme unter Beachtung der
Vorgaben der gesetzlichen Unfallversicherung. „Ungeachtet der Organisation
der Notaufnahme ist deshalb zu gewährleisten, dass die Versorgung von
Arbeitsunfallverletzten in den Zuständigkeitsbereich des Durchgangsarztes
fällt“, so Prof. Grützner.
Wie die Münchner Studie zeigt, stellt die orthopädische und
unfallchirurgische Kompetenz eine der Schlüsselqualifikationen in der
Notaufnahme dar. Ziel ist es daher, die Kompetenz und personelle
Ausstattung sowie die Gestaltung der Dienstpläne und damit Vorhaltung von
Ärzten entsprechend dem Patientenaufkommen zu optimieren. „Dies kann mit
einem klug durchdachten Leitungsmodell gelingen, bei dem in einem
Notaufnahmeboard die Fächer berücksichtigt werden, die einen hohen Anteil
an Notfallpatienten versorgen“, sagt Seekamp, Direktor der Klinik für
Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
in Kiel. Zudem spricht sich die Fachgesellschaft dagegen aus, dass
Notaufnahmen als gesonderte Kliniken mit eigener Chefarztposition
etabliert werden. Denn das G-BA-Papier (§6 Satz 2) lässt viel Spielraum
offen bei der Organisation einer Notaufnahme: Es heißt lediglich, dass die
Notaufnahme eine eigenständige Organisationseinheit sein müsse. Daher
warnt Seekamp: „Eine Klinik in der Klinik führt zu einer Entkopplung von
Notfallbehandlung und fachqualifizierter Versorgung und schafft zusätzlich
Schnittstellenprobleme.“
Dass es für Orthopäden und Unfallchirurgen in der Notfallmedizin viel zu
tun gibt, zeigt jetzt erneut die Münchner Studie mit dem Titel
„Stellenwert der Unfallchirurgie für die Notaufnahme einer deutschen
Millionenstadt – eine Auswertung von 524.716 Notfallpatienten“:
Wissenschaftler des Klinikums rechts der Isar (MRI) der Technischen
Universität München und des Instituts für Notfallmedizin und
Medizinmanagement (INM) des Klinikums der Universität München (LMU)
untersuchten in ihrer Studie alle Patienten, die sich in einer von 14
Münchner Notaufnahmen im Beobachtungszeitraum zwischen Juli 2013 und Juni
2014 vorgestellt hatten. Von insgesamt 524.716 Notfallpatienten konnten
393.587 in die Studie eingeschlossen werden. 169.208 davon wurden aufgrund
eines orthopädisch-unfallchirurgisch
sind 43 Prozent. Die Patienten stellten sich rund um die Uhr vor, wobei
die Hauptaufnahmezeit unter der Woche zwischen 8 bis 14 Uhr lag und sich
am Wochenende in die Abendstunden verlagerte. Hauptdiagnose ist die
Verletzung des Kopfes, gefolgt von Verletzungen der Hand und des Unterarms
sowie des Knöchels. 20 Prozent der Patienten erlitten eine Fraktur. „Das
ist die bisher weltweit größte Notfallstudie“, erklärt Studienautor
Professor Dr. Peter Biberthaler, Direktor der Klinik und Poliklinik für
Unfallchirurgie an der TU München. „Bisher gab es keine harten Zahlen über
den Anteil von orthopädischen und unfallchirurgischen Diagnosen in den
Notaufnahmen einer Großstadt in Deutschland“, ergänzt Dr. Heiko Trentzsch,
Wissenschaftler am INM, Co-Autor der Studie und stellvertretender Leiter
der DGU-Sektion Notfall- und Intensivmedizin, Schwerverletztenversorgung
(NIS).
Referenzen:
1) „Stellenwert der Unfallchirurgie für die Notaufnahme einer deutschen
Millionenstadt – eine Auswertung von 524.716 Notfallpatienten“, Der
Unfallchirurg, 1-2019
https://link.springer.com/arti
Die Studie kann als pdf-Dokument angefordert werden unter:
2) Gutachten zur ambulanten Notfallversorgung im Krankenhaus –
Fallkostenkalkulation und Strukturanalyse, Deutsche Gesellschaft
interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin und Management Consult
Kestermann GmbH, 2015
https://www.dkgev.de/media/fil
Weitere Informationen:
www.dgou.de
