Lieferengpass Tamoxifen: PatientInnen brauchen Versorgungssicherheit bei unverzichtbaren Medikamenten
Der Berufsverband der Frauenärzte e.V. (BVF) und die Deutsche Gesellschaft
für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) fordern zusammen mit der
Deutschen Gesellschaft für Senologie e.V. (DGS) am aktuellen Beispiel des
nur noch schwer verfügbaren Brustkrebsmedikaments Tamoxifen eine
transparentere Kommunikation und Informationen bei Lieferengpässen. Für
eine nachhaltige Versorgungssicherheit braucht es eine Neuausrichtung, die
nicht länger durch die Mechanismen von Preis- und Rabattdruck gefährdet
ist, sondern eine Skalierbarkeit gewährleistet, die Schaden von den
PatientInnen abwendet.
Weil Lieferschwierigkeiten bei Arzneimitteln zunehmend die
Patientenversorgung in vielen Fachgebieten bedrohen, bemühen sich viele
ärztliche Fachgesellschaften und Verbände seit langer Zeit, um ein
konsequentes Vorgehen gegen Engpässe. In der Frauenheilkunde etwa waren
unlängst Schwangere mit Bluthochdruckkomplikationen einer entsprechenden
Situation ausgesetzt, als das Medikament alpha-Methyldopa nicht verfügbar
war. Von der aktuellen Tamoxifen-Verknappung sind nun etwa 125.000
Patientinnen bundesweit betroffen, die den Wirkstoff zur Behandlung von
Brustkrebserkrankungen einnehmen. Seit Jahresbeginn ist der Wirkstoff aus
unterschiedlichen Gründen nur noch schwer verfügbar.
„Tamoxifen ist ein essenzieller Wirkstoff vor allem in der
Brustkrebstherapie, bei dem es für viele Frauen keine Alternativen gibt.
Bei behandelnden Gynäkologinnen und Gynäkologen löst die Situation große
Betroffenheit aus, denn für viele Brustkrebspatientinnen stellt die
Information zum Tamoxifen-Engpass eine gravierende psychische
Beanspruchung in einer ohnehin sehr belasteten Lebenssituation dar. Von
ärztlicher Seite bemühen wir uns, den Wirkstoff-Engpass abzumildern und
unsere Patientinnen bestmöglich durch diese Zeit zu begleiten. Ein
besseres Frühwarnsystem und skalierbare Möglichkeiten, die Defizite einer
heterogenen Versorgungskette rechtzeitig abwenden, sind unsere ärztlichen
Forderungen.“
(Dr. Klaus Doubek, Präsident des Berufsverband der Frauenärzte e.V.)
Die Hintergründe für die Verknappung von Tamoxifen sind noch nicht
vollständig geklärt. Eine mögliche Ursache ist ein Anstieg der
Verschreibungen seit dem ersten Quartal 2020 im zeitlichen Zusammenhang
mit den Lockdown-Maßnahmen der COVID-19-Pandemie. Diese Strategie zur
Bevorratung war kombiniert mit einer geringen Flexibilität in den
Herstellungsprozessen sowie der Herausforderung, dass ein notwendiger
Stabilisator für die Tamoxifen-Tabletten laut Berichten nicht mehr
produziert wird. Für die betroffenen Patientinnen ist der aktuelle Zustand
eine erhebliche Belastung. Zudem hat Tamoxifen im Vergleich zu
alternativen Wirkstoffen die zur Brustkrebsbehandlung eingesetzt werden
können, ein vergleichsweise geringes Nebenwirkungsprofil. Notwendige
Therapieumstellungen, die grundsätzlich ein Lösungsansatz sein können,
sind in diesem Fall mit einer höheren Nebenwirkungsrate belastet.
„Unser Apell lautet: Bei der Medikamentenversorgung in einem so reichen
Land wie Deutschland muss ein Umdenken stattfinden. Das bisher prioritäre
Ziel der niedrigen Preise sollte abgelöst werden vom primären Ziel der
Versorgungssicherheit.“
(Prof. Dr. Anton J. Scharl, Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Gynäkologie und Geburtshilfe e.V.
Wichtig sei nun vor allem, dass keine weiteren Bevorratungen getätigt
würden, um jetzt neu zu versorgenden Patientinnen das Medikament nicht
komplett vorzuenthalten, betont in diesem Zusammenhang auch Prof.in Sara
Y. Brucker, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Senologie e.V.. In
seiner Sitzung vom 9. Februar 2022 wurden vom Beirat für Liefer- und
Versorgungsengpässe beim Bundesinstitut für Arzneimittel und
Medizinprodukte (BfArM) einstimmig verschiedene Maßnahmen zur Abmilderung
der Lieferengpässe bei tamoxifenhaltigen Arzneimitteln beschlossen. Unter
anderem sollen ÄrztInnen in den kommenden Monaten keine Rezepte für eine
individuelle Bevorratung ausstellen.
Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) hat
gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Senologie e.V. (DGS), der
Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e.V. (AGO), der Deutschen
Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. (DGHO) und
der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) fachliche Empfehlungen
im Zusammenhang mit dem Lieferengpass für Tamoxifen herausgegeben.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
https://www.senologie.org/uebe
https://www.ago-online.de/ago-
Originalpublikation:
https://www.bvf.de/aktuelles/p
brauchen-flaechendeckend-verso
medikamenten/
https://www.dggg.de/presse/pre
/patientinnen-brauchen-flaeche
unverzichtbaren-medikamenten
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