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Ultraschall für Mikroimplantate – Mit kabelloser Ladung zur personalisierten Medizin

Die Behandlung von chronischen Autoimmunkrankheiten muss nicht
zwangsläufig mit kostspieligen Medikamenten und unerwünschten
Nebenwirkungen einhergehen. Mit Hilfe von Neuromodulation können
Krankheiten wie rheumatoide Arthritis, chronische Kopfschmerzen, Asthma
oder Parkinson behandelt werden. Um dieses Vorhaben zu realisieren,
entwickeln Forschende am Fraunhofer IZM im europaweiten Projekt
Moore4Medical eine neue Generation von Mikroimplantaten. Das Besondere an
der hochminiaturisierten Elektronik: Mittels Ultraschallwellen können die
Implantate komplett kabellos geladen werden.

Aus dem Bereich der Consumer-Elektronik ist das Moore‘sche Gesetz nicht
mehr wegzudenken. Alle zwei Jahre sollen neue Chip-Generationen doppelt so
leistungsfähig sein wie ihre Vorgänger. Das im Jahr 1965 aufgekommene
Paradigma lässt jedoch bisher einen wichtigen Anwendungsbereich der
Elektronik aus – die Medizintechnik.
Um Krankenhausaufenthalte und Kosten im Gesundheitswesen durch
personalisierte Lösungen zu reduzieren, wird seit einigen Jahrzehnten auf
neue therapeutische Ansätze zurückgegriffen. Ein Beispiel sind sogenannte
Elektrozeutika, also mit elektronischen Lösungen ausgestattete
Mikroimplantate, die mit Strom personalisiert und lokal behandeln, ohne
dabei Nebenwirkungen im Körper auszulösen. Nun haben es sich Forschende am
Fraunhofer IZM zur Aufgabe gemacht, einen neuen Weg einzuschlagen und
setzen dabei anstelle von Strom auf Ultraschall.

Ultraschallwellen sind Druckwellen, die von außen angewandt, in den Körper
eindringen und somit das Mikroimplantat erreichen. Im Vergleich zu
konventionellen batteriegeladenen Geräten sind klare Vorteile zu erkennen:
Mit Hilfe von Ultraschall können die Implantate von außen geladen werden,
was häufige invasive Eingriffe oder kabelgebundene Ladung obsolet macht.
Vor allem die extreme Miniaturisierung der Systeme ist eine Innovation auf
dem Gebiet und ermöglicht es den Mikroimplantaten, gerade einmal 20
Mikrometer kleine Nerven präzise zu stimulieren.

Indem das Team am Fraunhofer IZM Ultraschall zur Ladung der Implantate
nutzbar macht, wird für die effiziente Energieübertragung als eine der
größten technologischen Herausforderungen in der Medizintechnik eine
Lösung gefunden. Denn eingebaute Batterien erschweren bisher die
Miniaturisierung, wobei eine Erschöpfung der Energie unausweichlich ist
und somit ein Auswechseln, sprich ein weiterer operativer Eingriff,
erfolgen muss. Zudem können mit Induktionsspulen ausgestattete
batteriebetriebene Implantate nur in Hautnähe eingesetzt werden.
Im Gegensatz dazu machen es kleinste Ultraschallwandler möglich, die
Mikroimplantate der Zukunft auch weit im Körperinneren zu verwenden.
Trifft hochfrequenter Schall auf sie, geraten sie in Schwingung. Diese
winzigen Bewegungen werden in elektrische Energie für das Mikroimplantat
umgewandelt. Die Herausforderung besteht darin, die schwingenden
Mikrostrukturen optimal auszurichten, um hohe Verluste bei der
Energieübertragung zu vermeiden. Gleichzeitig können nur extrem kleine
Strukturen Gebrauch finden, da die Gesamtgröße des Implantats einige
Millimeter nicht überschreiten darf.

Ultraschallwandler, Elektroden zur Aufzeichnung neuronaler Aktivitäten
sowie passive Komponenten – all diese Bauteile auf wenige Millimeter zu
miniaturisieren, zu integrieren und langlebig aufzubauen, ist eine große,
jedoch nicht unüberwindbare Hürde. Aktuell bewerten die Forschenden,
welche Materialien sie für den Prototypen verwenden können: Hierbei
handelt es sich um eine zentrale Entscheidung, denn diese müssen
biokompatibel und gleichzeitig für die Verkapselung und Energieübertragung
durch Schallwellen geeignet sein. Im weiteren Verlauf werden mehrere
Schallwandler auch in Gruppen aufgebaut, so dass eine Kombination der
elektronischen Komponenten und dadurch ein konzentrierteres Ausstrahlen
der Ultraschallwelle erreicht wird.

Das Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM ist
eines von 66 beteiligten Unternehmen in dem EU-geförderten Projekt
Moore4Medical. Das Institut ist für die Koordinierung und Durchführung des
Arbeitspakets „Implantable Devices“ verantwortlich. Zum Projektende im
Juni 2023 soll eine offene Technologie-Plattform in einer Art Toolbox
entstehen, die schnellere, kostengünstigere und leistungsfähigere
Medizintechnik ermöglicht. Zukünftige Forschungen könnten diese im Projekt
entwickelten Grundbausteine für spezialisierte Anwendungen in den
Bereichen kabellose Mikroimplantate, Organ-on-Chip, 3D-Ultraschall,
dauerhaftes Monitoring mittels Sensoren, Medikamenten-Adhärenz durch
intelligente Verabreichung sowie röntgenfreie Chirurgie mit optischer
Erfassung weiterentwickeln und somit die Medizintechnik leistungsstark
voranbringen.

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Covid-19-Antikörperwirkstoff COR-101: Herzstiftung begrüßt erste Tests an Patienten

Herzstiftung hat COR-101-Wirkstoffentwicklung gegen Covid-19 mitgefördert

Der Antikörperwirkstoff COR-101 gegen Covid-19 wird seit dem 21. April
2021 an hospitalisierten Patientinnen und Patienten, die an Covid-19
erkrankt sind, erprobt. Das gab das Universitätsklinikum Tübingen, das die
klinische Studie koordiniert, bekannt. Die Deutsche Herzstiftung hat die
Entwicklung von COR-101 durch das Corona-Antikörper-Team (CORAT) mit dem
Forschungsprojekt „Menschliche monoklonale Antikörper gegen SARS-CoV-2 zur
Prophylaxe gegen Covid-19 - Unterstützung der Entwicklung“ mit 50.000 Euro
unterstützt (Forschungs-Video unter www.youtube.com/watch?v=nCV0NytOLLs).
Das Projekt wurde von Prof. Dr. Stefan Dübel, Leiter der Abteilung
Biotechnologie der Technischen Universität Braunschweig, und seinem
Kollegen Prof. Dr. Michael Hust initiiert.
„Wir gratulieren den CORAT-Forschern zu diesem wichtigen Schritt der
Erprobung des Antikörpermedikaments an ersten Covid-19-Patienten“, betont
Prof. Dr. med. Dietrich Andresen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen
Herzstiftung. Dies könne, so der Kardiologe, ein weiterer wichtiger
Baustein in der Bekämpfung von SARS-CoV-2 werden. „Mit den ersten Tests
deuten sich Perspektiven für eine klinische Anwendung an. Ob die
Antikörpertherapie auch bei Herz-Kreislauf-Patienten wirkt, müssen die
klinischen Tests noch zeigen.“

Impfstoffe können zwar Gesunde schützen, aber bereits an Covid-19
erkrankte Menschen nicht heilen. Antikörper-Therapien wie COR-101 können
dagegen unmittelbar gegen das Virus wirken und so zum Schutz vor einer
schweren Covid-19-Erkrankung das Immunsystem von infizierten Personen
unterstützen. So soll der Wirkstoff COR-101 nach Informationen von CORAT
die bereits in Deutschland eingesetzten Antikörperwirkstoffe ergänzen, die
bei moderat bis schwer erkrankten Covid-19-Patienten wegen ihrer
Nebenwirkungen bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf nicht eingesetzt
werden dürfen.

Im Frühling 2020 hatten die CORAT-Forscher um Prof. Dübel und seinem
Braunschweiger Kollegen Prof. Hust mit vielen weiteren Unterstützern den
monoklonalen Antikörper COR-101 nach dem genetischen Bauplan, der DNA-
Sequenz, von menschlichen Antikörpern, die der Blutbahn von Gesundeten
entnommen wurden, nachgebaut. „Diese Antikörper sind von Antikörpern
unseres eigenen Körpers nicht zu unterscheiden, außer dass sie die
Coronaviren blockieren können“, erklärt Dübel und betont: „COR-101 wurde
speziell für Patienten mit einer moderaten bis schweren Covid-19
Erkrankung entwickelt.“ Die ersten Patienten wurden Ende April am
Universitätsklinikum Tübingen unter der Leitung von Prof. Dr. Helmut Salih
mit dem neuartigen Antikörper-Wirkstoff im Rahmen einer Phase Ib/II-Studie
behandelt. An fünf Studienzentren in Deutschland wird diese Studie nun
durchgeführt und soll bei 45 hospitalisierten Patientinnen und Patienten
insbesondere die Sicherheit und Verträglichkeit, sowie die Wirksamkeit von
COR-101 bewerten.

Auch könnte sich im Rahmen der klinischen Studie zeigen, ob COR-101 nicht
nur den Heilungsprozess von akut Covid-19-Erkrankten unterstützen, sondern
gerade auch Risikogruppen, die nicht hundertprozentig von einer Corona-
Impfung profitieren können, vor einer Infektion schützen kann: Menschen
mit Vorerkrankungen und ältere Personen. Die Gabe von Antikörpern kann
deshalb eine wichtige therapeutische Ergänzung zur Impfung gegen Covid-19
sein.

Die Covid-19-Forschungsförderung der Deutschen Herzstiftung
Unmittelbar nach Beginn der Corona-Pandemie hat die Deutsche Herzstiftung
die „Covid-19-Projektförderung“ ins Leben gerufen und eine Million Euro
für die Forschung bereitgestellt. 14 hochkarätige wissenschaftliche
Projekte wurden ausgewählt. Informationen zur Covid-19-Projektförderung
der Herzstiftung finden Sie unter:
www.herzstiftung.de/covid-19-projektfoerderung
Weitere Informationen zur Forschung zu COR-101 bietet die aktuelle Ausgabe
von HERZ heute 2/2021 in dem Artikel „Auf dem Weg zu einem Medikament
gegen Covid-19“, kostenfrei erhältlich unter Tel. 069 955128-400 oder
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Ein Video-Clip „Covid-19-Forschung: Auf der Suche nach einer Antikörper-
Therapie“ (Stand: Dez. 2020) mit dem Wissenschaftler der TU Braunschweig
Prof. Stefan Dübel ist abrufbar unter:

https://www.youtube.com/watch?v=nCV0NytOLLs

Weitere Informationen:
https://www.tu-braunschweig.de/bbt/biotech/corat-corona-antibody-team

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Seltene Krebserkrankung: Zertifizierte Versorgung von Mesotheliomerkrankten

Die Diagnostik und Behandlung des Mesothelioms – einer seltenen
Tumorerkrankung, die überwiegend durch Kontakt mit Asbest verursacht wird
– ist komplex und stellt aktuell eine große Herausforderung dar. Die
Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) setzt sich deshalb für die bestmögliche
Versorgung von betroffenen Patient*innen ein. Hierfür hat die DKG in
Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e. V.
(DGUV) Qualitätsanforderungen für die Diagnostik und Therapie von
Mesotheliomen erarbeitet.

Zertifizierte Lungenkrebszentren, die diese zusätzlichen Anforderungen
erfüllen, können sich ab sofort auch als sogenannte Mesotheliomeinheiten
zertifizieren lassen und somit zu besseren Versorgungsstrukturen für
Erkrankte beitragen.

Mesotheliome treten meist am Lungenfell auf, manchmal am Bauchfell und in
sehr seltenen Fällen auch im Bereich des Herzbeutels. Etwa 90 Prozent der
Mesotheliomerkrankungen können auf eine Asbestexposition zurückgeführt
werden. Jährlich werden in Deutschland ca. 1.500 Erkrankungen neu an
dieser Tumorart gemeldet. Trotz seiner Seltenheit ist das maligne
Mesotheliom eine der häufigsten beruflich verursachten Tumorerkrankungen
in Deutschland. Mit relativen 5-Jahres-Überlebensraten von 8 Prozent bei
Männern bzw. 13 Prozent bei Frauen gehört das Mesotheliom zu den
Krebsarten mit einer ungünstigen Prognose.

Leider wird die Erkrankung meist erst entdeckt, wenn die Tumorentwicklung
schon weit fortgeschritten ist. Die Behandlung besteht meistens aus einer
Chemo- und/oder Strahlentherapie, je nach Krankheitsstadium in Kombination
mit einer Operation. Dazu kamen in den vergangenen Jahren weitere
Behandlungsmethoden, die im Zusammenspiel mit neuen Biomarkern wichtige
Bausteine für die Früherkennung und moderne Behandlungskonzepte sein
können. „Für die Betroffenen ist es wichtig, dass sie von Expertinnen und
Experten behandelt werden, die sich mit der Erkrankung und den
Behandlungsoptionen gut auskennen“, sagt Privatdozentin Dr. Simone
Wesselmann, Bereichsleiterin Zertifizierung bei der DKG. „Unsere
zertifizierten Lungenkrebszentren bringen dafür sehr gute Voraussetzungen
mit, beispielsweise in der Thoraxchirurgie. Durch die Zertifizierung von
Mesotheliomeinheiten setzen wir darüber hinaus bestimmte
Qualitätsanforderungen fest, um so die Versorgungsstandards für
Patientinnen und Patienten mit Mesotheliomen zu verbessern.“

Die DGUV unterstützt die Zertifizierung als Mesotheliomeinheit.
Voraussetzung für die Zertifizierung ist das Angebot von speziellen
Mesotheliomsprechstunden. „Für die seltenen Mesotheliomerkrankungen sind
ausgewiesene Spezialambulanzen viel seltener als für häufige Tumoren. Im
Verdachts- oder Krankheitsfall zeitnah Expertinnen und Experten in
zumutbarer Entfernung zum eigenen Wohnort zu finden, kann für die
Betroffenen und ihre Angehörigen eine große Herausforderung darstellen“,
sagt Dr. Edlyn Höller, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der DGUV:
„Die Einrichtung von regionalen Mesotheliomsprechstunden zur Diagnostik,
Therapieplanung, Beratung und Zweitmeinung auf Expertenniveau und mit
reibungslosen Abläufen wird die Versorgung für die Patientinnen und
Patienten deutlich erleichtern und verbessern.“

Die Deutsche Krebsgesellschaft
Die Deutsche Krebsgesellschaft e. V. (DKG) – eine Nachfolgeorganisation
des 1900 gegründeten „Comité für Krebssammelforschung“ – ist die größte
wissenschaftlich-onkologische Fachgesellschaft im deutschsprachigen Raum.
In der DKG vertreten sind rund 8.000 Einzelmitglieder in 25
Arbeitsgemeinschaften, die sich mit der Erforschung und Behandlung von
Krebserkrankungen befassen; dazu kommen 16 Landeskrebsgesellschaften und
36 Fördermitglieder. Die DKG engagiert sich für eine Krebsversorgung auf
Basis von evidenzbasierter Medizin, Interdisziplinarität und konsequenten
Qualitätsstandards, ist Mitinitiatorin des Nationalen Krebsplans und
Partnerin der „Nationalen Dekade gegen Krebs". Mehr:
https://www.krebsgesellschaft.de/

Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)
Die gesetzliche Unfallversicherung ist der Zweig der Sozialversicherung,
der Menschen nach Arbeits-, Schul- und Wegeunfällen sowie bei
Berufskrankheiten versorgt. Die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung
sind Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. Ihr Spitzenverband ist die
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) e.V. Der Verband vertritt
die gemeinsamen Interessen der Unfallversicherungsträger und fördert die
Forschung. Unter seinem Dach arbeiten auch drei eigene
Forschungsinstitute. Mehr: https://www.dguv.de/corona/index.jsp

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Neuer Therapieansatz bei Colitis ulcerosa erstmals angewendet

Patient 1: Tim Klaenfoth geht es nach der Infusion seiner aufbereiteten körpereigenen T-Zellen gut. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen  Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen
Patient 1: Tim Klaenfoth geht es nach der Infusion seiner aufbereiteten körpereigenen T-Zellen gut. Foto: Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen Michael Rabenstein/Uni-Klinikum Erlangen

Spezielle regulatorische T-Zellen sollen die entzündete Darmschleimhaut
zum Abheilen bringen – weltweit erster Patient im Erlanger DZI behandelt

Der gesamte Darm ist mit einer Oberfläche von knapp 400 Quadratmetern und
acht Metern Länge unser größtes Immunorgan. Hier befindet sich ein
Gleichgewicht zwischen entzündungsfördernden und -hemmenden Faktoren.
Reagiert die körpereigene Abwehr allerdings über, führt das zu
Entzündungen, die nicht mehr abklingen – so wie bei Colitis ulcerosa. Die
chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED), die hauptsächlich den
Dickdarm betrifft, kommt weltweit immer häufiger vor. Betroffene leiden an
anhaltenden blutigen Durchfällen und krampfartigen Bauchschmerzen, die die
Lebensqualität oft stark beeinträchtigen. Einer von ihnen ist Tim
Klaenfoth. Die Beschwerden des heute 22-Jährigen begannen schon 2015, doch
auch unzählige Behandlungsversuche mit verschiedenen Therapeutika brachten
keine anhaltende Besserung. Tim Klaenfoth setzte deshalb seine ganze
Hoffnung in eine neuartige Therapie, die er jetzt als weltweit erster
Colitis-ulcerosa-Patient im Deutschen Zentrum Immuntherapie (DZI) am
Universitätsklinikum Erlangen im Rahmen einer durch die Deutsche
Forschungsgemeinschaft geförderten Studie verabreicht bekam: Körpereigene
regulatorische T-Helferzellen (Treg) sollen das Gleichgewicht in seinem
Darm wiederherstellen und so die chronische Entzündung abklingen lassen.

Bei Tim Klaenfoth fing es mit Magen-Darm-Beschwerden und Durchfällen an.
Nach einer Darmspiegelung stellte ein Gastroenterologe bei dem damals
16-Jährigen die Diagnose Colitis ulcerosa. Tim Klaenfoth ging es nach und
nach immer schlechter, bei 1,80 Meter Körpergröße wog der Jugendliche bald
nur noch 57 Kilogramm. „Ich war schwach und konnte kaum aufstehen.
Irgendwann bin ich dann in die Notaufnahme gegangen“, erinnert sich Tim
Klaenfoth. Er wurde stationär behandelt und bekam Medikamente zur
Eindämmung der Symptome. „Ich dachte damals, mein Leben wäre vorbei. Im
ersten Jahr konnte ich meine Erkrankung nur schwer akzeptieren“, schildert
der junge Mann seine damalige Situation. Verschiedenste
Behandlungsmethoden brachten nicht den gewünschten Erfolg. Die Symptome
besserten sich nicht oder kamen bald vollständig zurück. „2016 hatte ich
dann genug von den vielen Behandlungen und ich brach die Therapie ab.
Daraufhin war ich sogar ein Jahr lang symptomfrei. Aber danach kamen die
Beschwerden wieder und ich ließ mich an der Charité behandeln“, sagt Tim
Klaenfoth. Die Berliner Ärzte machten den jungen Mann dann auf ein
Verbundprojekt zwischen der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem
Uni-Klinikum Erlangen aufmerksam, da er alle bislang zur Verfügung
stehenden Therapieoptionen ausgeschöpft hatte. Für die vielversprechende
experimentelle Therapie nahm Tim Klaenfoth die über 400 Kilometer lange
Anreise in die Hugenottenstadt gern in Kauf.

Balanceakt der T-Zellen

„Im gesunden menschlichen Körper besteht ein Gleichgewicht zwischen
entzündungsfördernden T-Zellen, den sogenannten Effektor-T-Zellen, und
entzündungshemmenden regulatorischen T-Zellen, den Treg“, erklärt Prof.
Dr. Raja Atreya, Leiter des Schwerpunkts CED sowie Oberarzt der
Medizinischen Klinik 1 – Gastroenterologie, Pneumologie und Endokrinologie
(Direktor: Prof Dr. Markus F. Neurath) und des DZI am Uni-Klinikum
Erlangen. Treg sind eine spezialisierte Untergruppe von T-Zellen mit stark
entzündungshemmenden Eigenschaften. Sie haben die Funktion, die
Aktivierung des Immunsystems in bestimmten Situationen zu unterdrücken,
und verhindern dadurch eine Entzündungsreaktion. „Es konnte
wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass bei Patienten mit Colitis
ulcerosa das Gleichgewicht zwischen Effektor-T-Zellen und regulatorischen
T-Zellen gestört ist“, so Prof. Atreya. „Die Treg sind dabei nicht in
ausreichender Konzentration vorhanden und die entzündungsfördernden
T-Zellen somit in der Überzahl.“

Körpereigene T-Zellen gewinnen und zurückführen

Der Ansatz der Erlanger Wissenschaftler: Aus dem Blut des Patienten werden
mittels Leukapherese, also der Blutzelltrennung, zuerst körpereigene
regulatorische T-Zellen gewonnen und diese anschließend im Reinraumlabor
vermehrt. Die körpereigenen Treg werden dem Patienten anschließend als
einmalige Infusion wieder zurückgegeben. PD Dr. Bosch-Voskens, Oberärztin
der Hautklinik (Direktorin: Prof. Dr. Carola Berking) des Uni-Klinikums
Erlangen, erklärt: „So wollen wir das natürliche Gleichgewicht der
verschiedenen T-Zellen im Darm wiederherstellen und die entzündlichen
Veränderungen der Darmschleimhaut damit zum Abheilen bringen. Im
Tiermodell hat sich bereits gezeigt, dass der therapeutische Einsatz von
Treg einen heilenden Effekt hat. Wir sind deshalb äußerst zuversichtlich,
dass dieser Ansatz auch bei Herrn Klaenfoth ein positives Ergebnis bringen
wird.“ Im DZI besteht für Patienten wie Tim Klaenfoth die besondere
Möglichkeit, im Rahmen von Studien eine neue Behandlungsoption
wahrzunehmen, die andernorts noch nicht zur Verfügung steht. Die Treg-
Studie im Sonderforschungsbereich Transregio 241 wurde in Kooperation mit
der Charité – Universitätsmedizin Berlin konzipiert und wird von Dr.
Bosch-Voskens und Prof. Atreya unter der Leitung von Prof. Dr. Markus F.
Neurath durchgeführt.

Weltweit erster behandelter Colitis-ulcerosa-Patient

Tim Klaenfoth ist der weltweit erste Patient mit Colitis ulcerosa, der die
Treg-Therapie erhalten hat. Nach nur etwa 30 Minuten hatte der 22-Jährige
die Infusion der aufbereiteten Zellen hinter sich. Im Anschluss wurden Tim
Klaenfoths Temperatur und Blutdruck regelmäßig kontrolliert: zuerst jede
Viertelstunde, danach jede Stunde und später alle drei Stunden – auch
nachts. „Die Infusion an sich habe ich vertragen. Durch die ständige
Überwachung bin ich etwas müde“, berichtet Tim Klaenfoth. Ansonsten gehe
es ihm gut. Hinter dem Präparat steckt jedoch jahrelange Forschung. Seit
2012 arbeiteten die Erlanger Wissenschaftler der Medizin 1 und der
Hautklinik daran, ein Produkt aus körpereigenen regulatorischen T-Zellen
in der benötigten Qualität und Menge herzustellen, das die
Entzündungsreaktion bei Colitis ulcerosa zurückgehen lässt. Das Ziel der
aktuell laufenden Phase-I-Studie ist es, die Verträglichkeit und
Sicherheit der Infusion von körpereigenen regulatorischen T-Zellen für
Patienten mit Colitis ulcerosa nachzuweisen. Die Erlanger Forscher
erwarten sich außerdem eine Aussage darüber, ob die Tregs tatsächlich in
den Darm einwandern und dort die aktive Entzündung der Darmschleimhaut
hemmen. So wollen sie es künftig ermöglichen, mehr Colitis-ulcerosa-
Patienten eine wirksame Therapie anbieten zu können.

„Weltweit wurden bisher ca. 160 Patientenfälle veröffentlicht, die eine
ähnliche Infusion mit regulatorischen T-Zellen erhalten haben. Der Einsatz
bei Colitis ulcerosa wurde bislang noch nicht erprobt. Wir sind daher sehr
stolz, diesen Therapieansatz nun bei uns in Erlagen weltweit zum ersten
Mal durchzuführen“, freut sich Prof. Neurath. Bei Tim Klaenfoths nächstem
Besuch am Uni-Klinikum Erlangen wird sich nach der geplanten
Darmspiegelung dann zeigen, ob die Entzündung zurückgegangen ist und die
Therapie erfolgreich war. „Meine Lebensqualität würde sich dadurch
mindestens verdoppeln. Ich möchte mich endlich wieder frei bewegen
können“, sagt Tim Klaenfoth. Damit stünde seinem erfolgreichen
Studienabschluss in Schweden nichts mehr im Weg und sein Traum von einem
Auslandsaufenthalt in Japan käme ein ganzes Stück näher.

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