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Vorsorge-Check-up durch Ultraschall ab 65 Jahren - Sonografie beim Bauchaortenaneurysma kann Leben retten

Bis zu 2000 Menschen sterben pro Jahr an einer Ruptur, also einem
Zerreißen oder Aufplatzen, eines Bauchaortenaneurysmas. In Deutschland
gehört die Ultraschalluntersuchung der Bauchaorta für Männer zu dem durch
die Krankenkassen bezahlten Gesundheits-Check-up ab 65 Jahren. Warum
zusätzliche eine flächendeckende Einladung zum Screening sinnvoll ist und
warum die Vorsorgeuntersuchung auch für Frauen wichtig ist, war Thema
einer Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in
der Medizin e. V. (DEGUM). Den Videomitschnitt der Pressekonferenz können
Interessierte hier ansehen:
<https://attendee.gotowebinar.com/recording/3207801396125793038>

Schmerzfrei, risikolos und ohne Nebenwirkungen – das ist eine
Ultraschalluntersuchung. Sie steht im starken Kontrast zu dem, was sie, im
Falle der Ruptur eines Bauchaortenaneurysmas, verhindern kann: Nur zehn
Prozent aller Patienten, die eine Ruptur erleiden, erreichen lebend das
Krankenhaus, alle anderen versterben bereits auf dem Weg dorthin oder noch
zu Hause. Geschätzt 250.000 Menschen in Deutschland sind an einem
Bauchaortenaneurysma erkrankt.

Das Bauchaortenaneurysma (BAA) ist eine Erweiterung der Bauchschlagader
(Aorta) auf einen Durchmesser von mindestens 30 Millimeter. Durch die
Ausdünnung der Wand erhöht sich die Rupturgefahr in Abhängigkeit des
Aneurysmadurchmessers. „Wichtige Faktoren für die Entstehung eines
Aneurysmas sind das männliche Geschlecht ab dem 65. Lebensjahr, familiäre
Häufung und Nikotinkonsum“, erklärt Dr. med. Siegfried Krishnabhakdi,
Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie, vaskuläre- und endovaskuläre
Chirurgie im Klinikum Osnabrück GmbH. „Bauchaortenaneurysmen sind in der
Bevölkerung nicht selten. Ein Großteil der Aneurysmen wird nach der
Diagnose lediglich regelmäßig kontrolliert, nur bei wenigen ist ein
Eingriff als Reaktion auf die Diagnose notwendig“, so Krishnabhakdi. Die
Ultraschalluntersuchung liefert bei der Diagnosestellung sehr genaue
Ergebnisse. „In beinahe 100 Prozent der Untersuchungen kann die Größe des
Aneurysmas zuverlässig bestimmt werden“, sagt der DEGUM-Experte.

Die Kriterien, ab wann eine Kontrolle oder eine Therapie notwendig ist,
sind definiert. Ist bei Männern das BAA größer als 55 Millimeter und bei
Frauen größer als 50 Millimetern, wird empfohlen, das Aneurysma
auszuschalten. Kleinere Aneurysmen mit geringer Wachstumsgeschwindigkeit
werden mit Ultraschall weiter beobachtet. Die Intervalle hängen dabei von
der Größe, den Risikofaktoren, wie zum Beispiel Nikotinkonsum, und der
Wachstumsgeschwindigkeit ab. Da Frauen – und noch mehr rauchende Frauen –
zur Ruptur neigen, werden hier kürzere Intervalle empfohlen.

Seit 2018 ist das Ultraschallscreening für Männer ab 65 Jahre Teil der
Vorsorgemaßnahmen, die von den Krankenkassen bezahlt werden. Die
Untersuchung wird von Hausärzten, Urologen, Internisten, Radiologen und
Chirurgen durchgeführt. „Die Raten von Gesamtsterblichkeit,
aneurysmabedingter Mortalität, Zahl der Rupturen und Notfalloperationen
gingen im Langzeitverlauf durch das Screening signifikant zurück“, betont
Krishnabhakdi. Allerdings werde eine Risikogruppe vernachlässigt: die
Frauen. „Bei Frauen über 65 Jahren, die rauchen, ist das Risiko der Ruptur
eines Bauchaortenaneurysmas sogar höher als bei gleichaltrigen Männern.“
Für Krishnabhakdi wäre deshalb eine Ausweitung des Vorsorge-Screenings auf
Frauen über 65 Jahre, die Risikofaktoren wie Nikotinkonsum und
Bluthochdruck erfüllen, sinnvoll.

Weitere Information:
Die Aorta ist das größte arterielle Blutgefäß im menschlichen Körper. Die
Aorta abdominalis oder auch Bauchaorta ist bei einem Erwachsenen
durchschnittlich zwischen zwei und drei Zentimeter dick. Als Aneurysma
wird eine Aussackung des Gefäßes verstanden, bei der der Lumen des
Blutgefäßes ausgedehnt wird. Durch die Ausdehnung wird die Gefäßwand immer
dünner, bis sie schließlich reißt.

Über die DEGUM:
Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) bietet
ein Forum für den wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungsaustausch
auf dem Gebiet des medizinischen Ultraschalls. Sie vereint rund 11 000
Ärzte verschiedener Fachgebiete, medizinische Assistenten,
Naturwissenschaftler und Techniker. Ultraschalldiagnostik ist heute das am
häufigsten eingesetzte bildgebende Verfahren in der Medizin.
Ultraschallanwendern bescheinigt die DEGUM eine entsprechende
Qualifikation mit einem Zertifikat der Stufen I bis III. Patienten finden
DEGUM-zertifizierte Ärzte im Internet unter: <www.degum.de>

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DGE: Lieferengpässe von Medikamenten gegen Hyperprolaktinämie und Akromegalie

Lieferengpässe von Medikamenten gegen Hyperprolaktinämie und Akromegalie
Gesundheitliche Risiken bei Unterbrechung der Einnahme

Viele Patienten, die an Hyperprolaktinämie und Akromegalie leiden,
erhalten derzeit in der Apotheke nicht ihr gewohntes Präparat. Grund dafür
sind Lieferengpässe. Davon betroffen sind die bei diesen Erkrankungen sehr
häufig eingesetzten Wirkstoffe Cabergolin und Bromocriptin. Ein Absetzen
der Medikamente würde viele Patienten einem gesundheitlichen Risiko
aussetzen.

Falls Patienten ihr gewohntes Präparat in der Apotheke nicht mehr
erhalten, sollten sie zeitnah ihren behandelnden Endokrinologen
aufzusuchen, rät die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Dann
könne gegebenenfalls zur Überbrückung auf ein Arzneimittel eines anderen
Herstellers ausgewichen werden, welches denselben Wirkstoff enthält.

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Die Wirkstoffe Cabergolin und Bromocriptin sind sogenannte Dopamin-
Agonisten. Im endokrinologischen Bereich finden die Präparate insbesondere
Anwendung zur Behandlung der Hyperprolaktinämie. Diese tritt bei Vorliegen
eines Prolaktinoms, einem gutartigen hormonbildenden Tumor im Vorderlappen
der Hirnanhangsdrüse des Gehirns, auf. Dadurch ist der Spiegel des
Milchhormons Prolaktin im Blut zu hoch. In der Folge bleibt bei
betroffenen Frauen die Monatsblutung aus und sie können nicht schwanger
werden. In vielen Fällen tritt auch Muttermilch aus den Brustdrüsen aus.
Beim Mann kommt es zu Libido- und Erektionsstörungen und einer
Verringerung des männlichen Hormonspiegels bis hin zur Unfruchtbarkeit.
Zudem können sich seine Brüste vergrößern. Auch die Akromegalie geht von
einem Tumor der Hirnanhangsdrüse – auch Hypophyse genannt – aus und wird
bei manchen Betroffenen ebenfalls mit Cabergolin und Bromocriptin
behandelt. Diese Störung hat einen Überschuss von Wachstumshormonen mit
einer Vergrößerung von Händen und Füßen zur Folge. Tritt sie bereits vor
der Pubertät auf, führt sie zu Riesenwuchs.

Seit einigen Wochen wird über zunehmende Lieferschwierigkeiten beider
Substanzen, die von unterschiedlichen Herstellern produziert werden,
berichtet. Neben Bromocriptin ist dabei Cabergolin insbesondere in der
erforderlichen Dosierung von 0,5 mg pro Tablette nicht erhältlich.
Teilweise noch lieferbar ist der Wirkstoff in höheren Dosierungen. Diese
sind jedoch lediglich für die Behandlung anderer Krankheiten wie Parkinson
zugelassen. „Beim Einsatz zur Therapie der Hyperprolaktinämie müssen diese
Tabletten, die denselben Wirkstoff enthalten, geteilt werden. Da das
Anwendungsgebiet (Behandlung der Hyperprolaktinämie oder der Akromegalie)
dann nicht der Zulassung des Präparates entspricht, sprechen wir von einem
„Off-Label-Gebrauch“. In diesem Falle wird empfohlen, die Krankenkasse
wegen der Kostenerstattung zu kontaktieren“, sagt Professor Dr. med.
Jürgen Honegger von der Arbeitsgemeinschaft Hypophyse und Hypophysentumore
der DGE. „Die Medikation mit Bromocriptin oder Cabergolin darf auf keinen
Fall ohne Rücksprache mit dem behandelnden Endokrinologen pausiert
werden“, betont der stellvertretende Ärztliche Direktor der Neurochirurgie
am Universitätsklinikum Tübingen. Eine Unterbrechung der Behandlung würde
bei vielen Patient zu einem Wiederauftreten der Symptome der
Hyperprolaktinämie oder der Akromegalie führen“, so Honegger weiter.
„Besonders bei Patienten mit einem ursprünglich groß ausgedehnten
Prolaktinom besteht dann etwa die Gefahr für das Auftreten von
Sehstörungen bis hin zur Erblindung.“

„Die DGE setzt sich aktuell mit den Kassenverbänden der gesetzlichen und
privaten Krankenversicherungen und den Herstellerfirmen von alternativen
Präparaten in Verbindung, um auf die Lieferengpässe hinzuweisen und eine
lückenlose Versorgung der Patienten sicherzustellen“, sagt Professor Dr.
med. Günter K. Stalla, Präsident der DGE und Ärztlicher Leiter von
Medicover Neuroendokrinologie in München. Gegebenenfalls kann für die Zeit
eines Lieferengpasses auch auf ein alternatives Arzneimittel eines anderen
Herstellers ausgewichen werden, welches aus derselben Wirkstoffgruppe
stammt. Hierzu gehört neben Bromocriptin und Cabergolin auch der Wirkstoff
Metergolin. Gegebenenfalls käme auch der Wirkstoff Quinagolid infrage, der
zwar einer anderen Wirkstoffgruppe angehört, aber ebenfalls für die
Behandlung der Hyperprolaktinämie eingesetzt wird. Eine Änderung der
Medikation sollte aber nur durch einen endokrinologisch erfahrenen Arzt
vorgenommen werden. „Wir haben eine Übersicht über die Verfügbarkeit aller
in Deutschland zugelassenen Arzneimittel mit den für diesen Zweck
einzusetzenden Wirkstoffen aus der Gruppe der Dopamin-Agonisten
zusammengestellt (1). Damit haben die behandelnden Ärzte einen raschen
Überblick, welche Behandlungsalternativen es für die Betroffenen gibt. Und
sie sehen, bei welchen Arzneimitteln derzeit Lieferengpässe bestehen“, so
Stalla weiter, zu dessen Schwerpunkten die Neuroendokrinologie und
Erkrankungen der Hypophyse gehören.

„Wir stellen immer häufiger fest, dass es hierzulande kurzfristig
Lieferschwierigkeiten von wichtigen Medikamenten gibt. Hier muss der
Gesetzgeber dringend handeln und so Versorgungssicherheit auch in Zeiten
eines hohen Kostendrucks im Gesundheitswesen schaffen“, betont Professor
Dr. med. Matthias M. Weber, Mediensprecher der DGE aus Mainz.


Weiterführende Informationen:

1. Auflistung der in Deutschland zugelassenen Arzneimittel mit den
Wirkstoffen Bromocriptin, Cabergolin, Quinagolid und Metergolin
(Arzneimittelbezeichnungen, Wirkstoffe, Hersteller, Anwendungsgebiete,
Lieferengpässe und deren Dauer laut Liste des Bundesinstitutes für
Arzneimittel und Medizinprodukte): Tabelle im Anhang

2. Liste des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte über
aktuell nicht lieferbare Arzneimittel: <https://smex-
ctp.trendmicro.com:443/wis/clicktime/v1/query?url=https%3a%2f%2fwww.bfarm.de%2fDE%2fArzneimittel%2fArzneimittelzulassung%2fArzneimittelinformationen%2fLieferengpaesse%2f%5ffunctions%2fFiltersuche%5fFormular.html%3fqueryResultId%3dnull%26pageNo%3d0&umid=6d83fab2-d659
-448b-8eca-

adf4e5f5db8e&auth=70320d07e1619bd9472ca0d5f646b20c91490250-586d5013f2de5b470857237030675225c1550ca5>

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Neuer Masterstudiengang Pflegewissenschaft

„Es ist nicht nur gut zu wissen, was man tut, sondern auch wie man es tut
und warum“, sagt Prof. Dr. Steve Strupeit und beschreibt damit kurz und
knapp das Ziel des Masterstudiums Pflegewissenschaft, das an der
Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd ab dem Sommersemester 2021
startet. Nach dem Bachelorstudiengang Pflegewissenschaft und dem
Masterstudiengang Pflegepädagogik leistet die Hochschule damit einen
weiteren Beitrag zur Akademisierung der Gesundheitsfachberufe.

Die zukünftigen Absolventinnen und Absolventen des Masterstudiengangs mit
dem Schwerpunkt Klinische Pflegeexpertise sollen nach ihrem Abschluss ihr
pflegerisches Handeln auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse
einordnen und ausrichten können. „Mit diesem Anspruch soll die
Versorgungsqualität im Gesundheitswesen verbessert werden“, sagt
Studiengangleiter Strupeit, der bereits den gleichnamigen
Bachelorstudiengang an der PH mitaufgebaut hat. Dazu müsse man aber
pflegewissenschaftliche Theorien, Modelle, Konzepte und Methoden kennen
und daraus Konsequenzen für die Pflegepraxis ableiten und vor allem
aufarbeiten können. Dinge, die die Studierenden im Masterstudiengang
lernen.

„Wir möchten unsere Studierenden zu hochqualifizierten Pflegeexpertinnen
und Pflegeexperten ausbilden“, sagt Benjamin Bohn von der Studienberatung
des Fachs. Dafür lernen die Studierenden Grundlagen der
Versorgungsforschung, Führungsaufgaben und -rollen in der
Pflegeentwicklung oder Ansätze zur Qualitätsentwicklung in der Pflege
kennen. Des Weiteren werden die Studierenden pflegewissenschaftliche
Projekte im Studium durchführen, das theoretische und berufspraktische
Anteile enthält.

Geeignet ist der Studiengang für Personen, die über eine anerkannte
Berufsausbildung im Pflegebereich sowie über einen fachlich einschlägigen
Hochschulabschluss verfügen. Die Studiendauer beträgt regulär drei
Semester, im Teilzeitstudium fünf Semester. Das Studium kann zum Winter-
und Sommersemester aufgenommen werden. Mögliche Arbeitsfelder gibt es zum
Beispiel im Risikomanagement, in verschiedenen Settings als
PflegeexpertIn, innerhalb klinischer Ethikkomitees, im Projektmanagement
und in Leitungsfunktionen aber auch in der Pflegeforschung. Der
Studienabschluss berechtigt ebenfalls zur Promotion.

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Coronavirus-Impfstoff zeigt langfristigen Wert von erkenntnisgeleiteter Grundlagenforschung

Entwicklung des mRNA-Vakzins der Firma BioNTech geht auf Teilprojekt in
DFG-gefördertem Mainzer Sonderforschungsbereich zur Krebsforschung zurück
/ Förderung von 2006 bis 2008

Der bislang aussichtsreichste Impfstoff gegen das Coronavirus ist auch ein
Beispiel für den langfristigen Wert erkenntnisgeleiteter
Grundlagenforschung und ihrer Förderung durch die Deutsche
Forschungsgemeinschaft (DFG). Die sogenannte mRNA-Vakzine-Plattform, die
das Mainzer Unternehmen BioNTech bei seinem gemeinsam mit dem US-
Pharmaunternehmen Pfizer entwickelten Covid-19-Impfstoff einsetzt, geht
auf Vorarbeiten zurück, die von 2006 bis 2008 in einem Teilprojekt eines
DFG-geförderten Sonderforschungsbereichs (SFB) zur Krebsforschung an der
Johannes Gutenberg-Universität Mainz durchgeführt wurden. Diese wiederum
knüpften bereits an vorherige DFG-Förderungen an.

Leiter des Teilprojekts war der spätere Gründer und heutige
Vorstandsvorsitzende von BioNTech, Professor Dr. Uğur Şahin, dessen Name
und Person eng mit der Entwicklung des Impfstoffs BNT162b2 verbunden ist,
der nach seiner nun erfolgten Zulassung in Großbritannien und der in Kürze
erwarteten Zulassung in den USA und der EU unmittelbar zum Einsatz kommen
soll. Neben ihm war auch Privatdozentin Dr. Özlem Türeci, die als
Medizinischer Vorstand von BioNTech ebenso maßgeblich am
Covid-19-Impfstoff beteiligte Ehefrau Şahins, mit einem Teilprojekt im
Sonderforschungsbereich vertreten. Sprecher des SFB war der Immunologe und
Onkologe Professor Dr. Christoph Huber, der später ebenfalls zu den
Gründern von BioNTech gehörte und heute im Aufsichtsrat des Unternehmens
sitzt.

Şahin bezeichnet die von der DFG geförderten Arbeiten als „wichtige
Beiträge“ zur Erforschung grundlegender wissenschaftlicher Fragestellungen
auf dem Weg zu der jetzt eingesetzten mRNA-Impfstoff-Plattform. „Diese
frühen Arbeiten gehörten zur Grundsteinlegung für die Entwicklung unseres
Impfstoffs“, so Şahin.

Der SFB, in dem Şahins Arbeiten stattfanden, wurde von 1997 bis 2008 mit
insgesamt rund 19 Millionen Euro gefördert. Er erforschte in zwei großen
Bereichen mit jeweils mehr als einem Dutzend Teilprojekten „Mechanismen
der Tumorabwehr und ihre therapeutische Beeinflussung“. Şahin war ab dem
Jahr 2000 zunächst als Leiter einer Nachwuchsgruppe in den SFB integriert.
Ab 2004 erhielt er in einem Graduiertenkolleg eine weitere DFG-Förderung,
ebenso wie Özlem Türeci, die zudem mit einem Habilitationsstipendium und
im Heisenberg-Programm der DFG gefördert wurde. Şahins Teilprojekt wurde
2006 in der letzten Förderperiode des SFB eingerichtet und von ihm
zunächst als Privatdozent geleitet, ehe er eine Professur für
Experimentelle Onkologie erhielt. Bis zum Ende des SFB 2008 wurde das
Teilprojekt mit gut 300 000 Euro gefördert.

Unter dem Titel „Entwicklung mRNA-basierter Impfstoffe zur Induktion
integrierter T- und B-Zell-Immunantworten gegen molekular definierte
Tumorantigene“ zielte das Teilprojekt darauf ab, Tumore durch eine direkte
Aktivierung des körpereigenen Immunsystems zu kontrollieren und zu
zerstören, was einen grundlegend anderen Therapieansatz als Bestrahlungen
oder Chemotherapien darstellt. Bei diesem Ansatz werden die sogenannten
Tumorantigene auf der Oberfläche der Tumorzellen identifiziert und ihre
Erbinformationen entschlüsselt. Der so gewonnene genetische Bauplan lässt
sich dann als Schablone oder Plattform für die Entwicklung und die
technologische Herstellung eines spezifisch gegen die Tumorantigene
gerichteten Impfstoffs einsetzen. Als Impfstoffsubstanz werden dabei
Ribonukleinsäuren (mRNA) verwendet, die das Immunsystem präzise über die
zu bekämpfenden Tumorantigene informieren und dann zügig abgebaut werden
und damit keine dauerhaften genetischen Veränderungen im Erbgut
hinterlassen.

Dieser Ansatz einer sogenannten mRNA-Vakzinierung wiederum basiert auf
anderen Vorarbeiten aus den 1990er-Jahren. Hierzu zählten unter anderem
auch Arbeiten in einem weiteren Sonderforschungsbereich, der von 1997 bis
2004 von der DFG an der Universität Tübingen gefördert wurde. Zu den
Mitarbeitern des von dem Immunologen Professor Dr. Hans-Georg Rammensee
geleiteten SFB zum Oberthema „Stammzellen und Antigenerkennung im
hämatopoetischen System: Von der Stammzelle zur Immuntherapie“ gehörte
unter anderem Dr. Ingmar Hoerr, der hier in einem Teilprojekt promoviert
wurde und im Anschluss das Biotech-Unternehmen Curevac gründete, das
derzeit ebenfalls an der Entwicklung eines Coronavirus-Impfstoffs
arbeitet.

Şahin selbst führte die in dem SFB-Teilprojekt begonnenen Arbeiten im
Rahmen mehrerer Förderungen des Bundesministeriums für Bildung und
Forschung (BMBF) und in dem von ihm 2010 mitgegründeten und ebenfalls DFG-
geförderten Forschungszentrum Translationale Onkologie (TRON) an der
Mainzer Universitätsmedizin sowie seit 2008 auch in seiner Ausgründung
BioNTech weiter, wo sie jetzt in die Entwicklung des Coronavirus-
Impfstoffs einflossen.

„Das Immunsystems hat sich über Millionen von Jahren Evolution darauf
optimiert, uns gegen Pathogene wie Viren zu schützen. Unsere frühe
Forschung hat sich mit der Frage beschäftigt, wie wir diese
Immunmechanismen weiter verbessern und zur Bekämpfung von Krebszellen
ausnutzen können. Auf diesem Wissen konnten wir jetzt aufsetzen. Das
Immunsystem gegen SARS-CoV-2 mit einem Impfstoff zu aktivieren, ist im
Vergleich eine einfachere Herausforderung als die Überwindung der
Selbsttoleranz gegen Krebs“, sagt Şahin. „Auch ist uns die jahrelange
Erfahrung als Wanderer zwischen den Welten der Grundlagenforschung und der
Anwendung zugutegekommen. Dabei geht es nie um einen einseitigen Prozess,
stattdessen befruchten Ergebnisse aus der Grundlagenforschung immer wieder
die Translation, genauso wie die anwendungsorientierte Forschung
Erkenntnisse liefert und neue Fragen aufwirft, die dann wieder
grundlagenwissenschaftlich studiert werden müssen“, so Şahin. Zusätzlich
zu seiner Tätigkeit bei BioNTech ist der Wissenschaftler weiterhin
Professor für Experimentelle Onkologie an der Mainzer Universität und wird
als Teilprojektleiter in drei derzeit laufenden SFB auch weiterhin von der
DFG gefördert.

DFG-Präsidentin Professorin Dr. Katja Becker beglückwünschte Şahin und
seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Entwicklung ihres Impfstoffs
und hob dabei hervor: „Die DFG freut sich sehr, auf ihre Weise und in
einem frühen Stadium einen Beitrag zu den Erkenntnissen geleistet zu
haben, die jetzt in einer erfolgreichen universitären Ausgründung für den
Impfstoff genutzt werden können, mit dem sich so große Hoffnungen
verbinden. Seine Entwicklung zeigt, wie essenziell eine Forschung ist, die
allein auf Basis wissenschaftlicher Neugier Erkenntnisse erzielt und deren
eigentlicher Wert oft darin liegt, dass er sich gerade nicht vorhersehen
lässt. Niemand konnte bei der Einrichtung des SFB etwas von der
Coronavirus-Pandemie ahnen, und doch begründeten die damaligen Forschungen
einen Wissensspeicher, der Jahre später und auf einem ganz anderen Gebiet
die Bekämpfung dieser globalen Herausforderung entscheidend voranbringen
kann.“

„Dieses Prinzip einer erkenntnisgeleiteten Forschung, für das die DFG in
besonderer Weise steht, wird in Deutschland seit nunmehr 100 Jahren
gefördert und erweist sich damit einmal mehr als Erfolgsgeschichte“, fuhr
Becker fort und verwies auf die Gründung der DFG-Vorgängerorganisation
Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft im Jahr 1920, an die die DFG in
diesem Jahr mit ihrer Kampagne „DFG2020 – Für das Wissen entscheiden“
erinnert.

Als größte Forschungsförderorganisation in Deutschland fördert die DFG
aktuell mehr als 31 000 Forschungsprojekte in allen Fachgebieten. Hierfür
standen jährlich zuletzt insgesamt rund 3,3 Milliarden Euro vom Bund und
den Ländern zur Verfügung, die nach wissenschaftlichen Qualitätskriterien
vergeben werden. Das Spektrum der Förderungen reicht von der
Einzelförderung bis zu großen Forschungsverbünden. Unter letzteren sollen
die derzeit mehr als 270 Sonderforschungsbereiche die Erforschung
langfristig konzipierter Vorhaben ermöglichen und die Schwerpunkt- und
Strukturbildung an den Hochschulen stärken.

Mit einer Reihe von Förderprojekten und weiteren Aktivitäten trägt die DFG
aktuell auch zur direkten Erforschung der Coronavirus-Pandemie bei.
Bereits vor deren Ausbruch wurden rund 20 Forschungsprojekte zu
Coronaviren sowie zur Infektiösität und genetischen Vielfalt von Viren
gefördert, darunter auch in mehreren SFB, einer Klinischen
Forschungsgruppe und einem Schwerpunktprogramm unter Leitung des Virologen
Professor Dr. Christian Drosten.

Nur wenige Wochen nach dem Ausbruch von Covid-19 startete die DFG Ende
März eine groß angelegte Ausschreibung zur fachübergreifenden Erforschung
von Epidemien und Pandemien. Mit ihr soll ein breites Spektrum an
Forschungsvorhaben gefördert werden, das von medizinischen und
biologischen Grundlagen sowie präventiven und therapeutischen Maßnahmen
über psychologische, gesellschaftliche, kulturelle, rechtliche oder
ethische Implikationen bis zur Ökonomie, Logistik und Kommunikation
reicht. Im Rahmen dieser Ausschreibung gingen fast 300 Förderanträge bei
der DFG ein, die ersten Projekte sollen voraussichtlich ab Anfang 2021
gefördert werden.

Im Juni richtete die DFG zudem eine interdisziplinäre Kommission für
Pandemieforschung mit 18 Mitgliedern aus allen Fachgebieten ein. Sie soll
die Rolle der Grundlagenforschung auf diesem Gebiet weiter stärken, die
Pandemie-Ausschreibung und die in deren Rahmen geförderten Projekte
begleiten und weitere Forschungsfelder identifizieren. Zu letzteren
veröffentlicht die DFG spezifische Ausschreibungen, mit denen Vorhaben zu
besonders drängenden oder kurzfristig zu beantwortenden Fragen in einer
sogenannten Fokus-Förderung für maximal ein Jahr gefördert werden können.

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