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Post-COVID – Fakt oder Fiktion?

n vielen Studien wird derzeit versucht, die Entstehungsmechanismen der
Post-COVID-Erkrankung zu klären und Ansatzpunkte für eine ursächliche
Therapie zu finden. Auch eine Studie aus Essen versuchte, objektive
pathologische Befunde zu erfassen, was aber nicht gelang. Viele Betroffene
wiesen eine Somatisierungsstörung auf, offensichtlich ein Risikofaktor für
Post-COVID. Diese sei aber nicht gleichzusetzen mit einer
„Psychologisierung“ der Erkrankung. Verschiedene Studien zeigten
laborchemische und radiologische Auffälligkeiten bei Post-COVID. Die
Datenlage ist allerdings sehr heterogen, der Pathomechanismus bislang
nicht geklärt.

Die gesundheitsökonomisch-politischen wie gesellschaftlichen Folgen der
Pandemie werden zunehmend sichtbar – sowohl im Alltag der damit
konfrontierten Ärztinnen und Ärzte als auch im Alltagsleben mit unseren
Mitmenschen. Es fällt jedoch immer wieder auf, dass Studien weltweit zu
unterschiedlichen Angaben bezüglich der Prävalenz von Post-COVID-
Erkrankungen kommen. Jüngst hat eine in „Nature Medicine“ veröffentlichte
Studie [2] nationale Gesundheitsdaten des USDVA (US Department of Veterans
Affairs) von über 150.000 COVID-19-Erkrankten mit mehr als 5,5 Millionen
zeitgleichen und ebenso vielen historischen Kontrollen verglichen. Im
Ergebnis hatten ein Jahr nach der akuten SARS-CoV-2-Infektion 70 von 1.000
Betroffenen mindestens eine neurologische Post-COVID-Manifestation. Diese
Angabe ist im Vergleich zu anderen Studien, die von Zahlen bis zu 40 %
sprechen, als eher „konservativ“ zu bezeichnen; dennoch stellen auch 7 %
von vielen Millionen Menschen, die bislang an COVID-19 erkrankt waren,
eine enorme Herausforderung für das Gesundheitssystem dar.

Ein großes Problem ist dabei die Diagnosestellung, denn es gibt bislang
keine sicheren bzw. validen Biomarker, mit denen Post-COVID objektiv
nachgewiesen werden kann. Die Diagnose wird derzeit durch die
Krankheitssymptome definiert und mit Fragebögen erfasst wie z. B. dem
„Montreal Cognitive Assessment“ (MoCA), der „Epworth Sleepiness Scale“
(ESS), dem „Beck Depression Inventory Version I“ (BDI) oder der „Fatigue
Severity Scale“ (FSS). In Studien werden oft unterschiedliche Fragebögen
eingesetzt, was die Vergleichbarkeit erhobener Befunde und Daten
erschwert.

Im Rahmen einer prospektiven Studie [1] der Universität Duisburg-Essen
wurde eine Real-World-Kohorte von 171 entsprechend den Delphi-Konsensus-
Kriterien der WHO definierten Post-COVID-Betroffenen (bis August 2021,
also vor dem Auftreten der Omikron-Variante) untersucht. Die Betroffenen
erhielten umfassende neurovaskuläre, elektrophysiologische Tests und
Laboruntersuchungen. Neuropsychologische und psychosomatische Tests sowie
teilweise auch ein zerebrales MRT oder Lumbalpunktionen (Liquordiagnostik)
ergänzten die Diagnostik. Fast 67 % der Betroffenen waren Frauen mittleren
Alters mit vormals milder bis moderater COVID-19-Erkrankung (nur 5 % mit
stationärer Behandlung). Die häufigsten Beschwerden waren
Konzentrationsprobleme (58,2 %), Fatigue (58,2 %) und Gedächtnisstörungen
(32,7 %). Insgesamt gab es Beeinträchtigungen in allen erfassten
Kognitionsdomänen. Bei der Einordnung der stark variierenden Symptomatik
konnten drei Cluster abgegrenzt werden: eine Gruppe mit vornehmlich
Kopfschmerzen und Fatigue (Kopfschmerz-Cluster, n = 46), eine mit
vornehmlich psychiatrischen Beschwerden plus Fatigue (Psycho-Fatigue, n =
34) und eine mit vorrangig Fatigue und Konzentrationsstörungen (Fatigue-
Konzentration, n = 60).

Im Ergebnis fanden sich mehrheitlich weder spezifische Veränderungen von
Blutwerten (Blutbild, Hämoglobin, Entzündungswerte und andere Parameter)
noch der Lungenfunktion (Oxygenierung, Vitalkapazität etc.) oder
strukturelle Veränderungen im MRT des Gehirns oder objektivierbare
Schädigungen des peripheren oder zentralen Nervensystems. Bei 85,8 % der
Erkrankten konnten in der umfangreichen neurologischen Diagnostik keine
konkreten Befunde ermittelt werden. In seltenen Fällen wurden andere
spezielle neurologische Erkrankungen diagnostiziert (z. B.
Gefäßerkrankungen, Entzündungen, Multiple Sklerose), besonders bei
vorhandenen sensorischen oder motorischen Beschwerden. Auffällige Befunde
ergaben sich vermehrt im Bereich der Psychosomatik. Die Betroffenen hatten
im PHQ15-Fragebogen („Patient Health Questionnaire 15“) hohe
Somatisierungsscores, die mit den kognitiven Defiziten und dem Ausmaß der
Müdigkeit korrelierten. Vorbestehende Somatisierungsstörungen sowie
frühere psychische Erkrankungen schienen ein Risikofaktor für Post-
COVID-19 zu sein.

„Diese Studie wurde teilweise in den Medien und sozialen Medien so
interpretiert, als zweifelte man die Existenz des Post-COVID-Syndroms an“,
konstatiert Prof. Dr. med. Lars Timmermann, stellvertretender Präsident
der DGN. „Die DGN liest die Daten jedoch nicht so – die Ergebnisse
bedeuten weder, dass die Post-COVID-Betroffenen psychisch noch, dass sie
eingebildet krank sind. Vorbestehende Somatisierungsstörungen sind aber
offensichtlich ein Risikofaktor für Post-COVID.“

Auch wenn die Essener Studie kein klinisches Korrelat der Erkrankung
finden konnte, gibt es zahlreiche Erhebungen, die verschiedene
Auffälligkeiten nachgewiesen haben: Eine Studie [3] konnte in Plasmaproben
einer kleineren Kohorte von COVID-19- und Long-COVID-Erkrankten bei Long
COVID bis zu zwölf Monate nach der akuten Erkrankung SARS-CoV-2-Spike-
Protein (seltener auch andere Antigene) nachweisen, was die Publizierenden
als Hinweis auf eine Viruspersistenz werteten. Eine andere
Veröffentlichung [4] berichtete von deutlich reduzierten Cortisol-Spiegeln
und einer T-Zell-Erschöpfung bei Long-COVID-Betroffenen. Aktuell fanden
britische und deutsche Forschende in einer Fall-Kontroll-Studie bei
insgesamt 156 im Gesundheitswesen Tätigen während der ersten
COVID-19-Welle im Blut eine spezielle „Proteom-Signatur“ zum Zeitpunkt der
SARS-CoV-2-Serokonversion, die vorhersagen könnte, welche Betroffenen
wahrscheinlich Langzeitfolgen entwickeln werden [5]. Und Daten der in der
Präpandemie-Ära begonnenen UK-Biobank mit cMRT-Befunden vor und nach
COVID-19 bei denselben Personen zeigten im Längsschnitt nach
zwischenzeitlicher SARS-CoV-2-Infektion einen Rückgang der grauen Substanz
im orbitofrontalen Kortex und parahippocampalen Gyrus [6].

„Post-COVID ist keine Fiktion, Fakt ist aber: Wir wissen noch immer wenig
über die Entstehung und Ursachen von Post-COVID. Mit den klassischen
Untersuchungen wie in der Studie aus Essen [2] ist die Erkrankung
offensichtlich nicht zu objektivieren“, schlussfolgert Prof. Timmermann.
„Uns fehlen verlässliche Biomarker und ohne Wissen um die Ursache und
Entstehungsmechanismen kann nicht an kausalen Therapien gearbeitet
werden.“

Ganz machtlos gegen Post-COVID sei man dennoch nicht: „Derzeit bleibt die
Prävention ein wichtiges Mittel, also die Impfung – denn selbst nach
Impfdurchbrüchen ist die Wahrscheinlichkeit, Post-COVID zu bekommen, bei
Geimpften geringer als bei Ungeimpften.“ Der Experte verwies auf eine
Studie [7], bei der das Long-COVID-Risiko (Prävalenz) mit der Zahl der
Impfungen deutlich abnahm, von 41,8 % bei Ungeimpften auf bis 16 % bei
Dreifach-Geimpften. „Auch aus diesem Grund möchten wir uns der Empfehlung
des Robert Koch-Instituts für regelmäßige Auffrischungsimpfungen
anschließen.“

[1] Fleischer M, Szepanowski F, Tovar M et al. Post-COVID-19 Syndrome is
Rarely Associated with Damage of the Nervous System: Findings from a
Prospective Observational Cohort Study in 171 Patients. Neurol Ther 2022
Aug 26; 1-21
[2] Xu E, Xie Y, Al-Aly Z. Long-term neurologic outcomes of COVID-19. Nat
Med 2022 Sep 22. doi: 10.1038/s41591-022-02001-z. Online ahead of print.
[3] Swank Z, Senussi Y, Manickas-Hill Z et al. Persistent circulating
SARS-CoV-2 spike is associated with post-acute COVID-19 sequelae. Clin
Infect Dis 2022 Sep 2: ciac722
[4] Klein J, Wood J, Jaycox J et al. Distinguishing features of Long COVID
identified through immune profiling. medRxiv [Preprint]. 2022 Aug
10:2022.08.09.22278592
[5] Captur G, Moon JC, Topriceanu CC et al. Plasma proteomic signature
predicts who will get persistent symptoms following SARS-CoV-2 infection.
EBioMedicine 2022 Sep 27; 104293 doi: 10.1016/j.ebiom.2022.104293.
[6] Douaud G, Lee S, Alfaro-Almagro F et al. SARS-CoV-2 is associated with
changes in brain structure in UK Biobank. Nature 2022 Mar 7.
https://www.nature.com/articles/s41586-022-04569-5
[7] Azzolini E, Levi R, Sarti R et al. Association Between BNT162b2
Vaccination and Long COVID After Infections Not Requiring Hospitalization
in Health Care Workers. JAMA 2022 Aug 16; 328 (7): 676-678

Pressekontakt
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
c/o Dr. Bettina Albers, albersconcept, Jakobstraße 38, 99423 Weimar
Tel.: +49 (0)36 43 77 64 23
Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft in der
gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren über 11.700 Mitgliedern die
neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu
verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre,
Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der
gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden
gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org

  • Aufrufe: 77

„total zentral: die Leber!“: neue Therapieansätze bei seltenen Lebererkrankungen

Die Europäische Union (EU) stuft eine Erkrankung offiziell als seltene
Erkrankung ein, wenn sie weniger als fünf von 10.000 Menschen betrifft.
Addiert man alle bislang bekannten seltenen Erkrankungen, ergeben sich für
die EU insgesamt mehr als 6.000. Verschiedene dieser seltenen Erkrankungen
– an denen in der EU insgesamt schätzungsweise 30 Millionen Menschen
leiden – können auch zu einer Leberschädigung führen. Allein in
Deutschland sind mehrere 10.000 Menschen von einer seltenen
Lebererkrankung betroffen, für die teilweise neue, revolutionäre Therapien
zu Verfügung stehen.

Über diese aktuellen Entwicklungen und die Wichtigkeit einer frühzeitigen
Diagnose informieren die Ausrichter des 23. Deutschen Lebertages am 20.
November 2022 – Deutsche Leberstiftung, Deutsche Leberhilfe e. V. und
Gastro-Liga e. V. – im Vorfeld des Aktionstages.

Es gibt verschiedene seltene Erkrankungen, die zu einer Leberschädigung
führen können. Dabei werden angeborene Krankheiten, autoimmune
Erkrankungen, bei denen die Leber vom eigenen Immunsystem angegriffen wird
und Erkrankungen, die infektiöse oder toxische Ursachen haben, voneinander
unterschieden. Diese Erkrankungen verlaufen fortschreitend und senken
häufig die Lebenserwartung. Die Problematik bei seltenen Lebererkrankungen
besteht darin, dass diese häufig keine spezifischen Symptome verursachen
und daher sehr schlecht zu diagnostizieren sind. Für zahlreiche seltene
Lebererkrankungen gibt es in den letzten Jahren einen Erkenntnisgewinn bei
der Pathophysiologie – beispielsweise durch die Identifizierung einzelner
Gene und deren Funktion für die jeweilige Erkrankung.

„Prinzipiell sind verschiedene, fundamental neue therapeutische Strategien
für die Behandlung von seltenen Lebererkrankungen denkbar. So gibt es
beispielsweise für den Ersatz eines defekten oder fehlenden Proteins
deutlich bessere Optionen. Wir haben bereits jetzt die Möglichkeit, durch
Nutzung der RNA-Interferenz gezielt die Bildung von ‘schädlichen‘
Proteinen zu hemmen. Einige der bisher nicht behandelbaren seltenen
Lebererkrankungen sind mit den neuen Therapie-Optionen gut zu
kontrollieren“, erklärt Prof. Dr. Michael P. Manns, Vorstandsvorsitzender
der Deutschen Leberstiftung, und macht betroffenen Patienten für die
Zukunft weiter Hoffnung: „Für einige seltene Lebererkrankungen und seltene
genetische Speichererkrankungen mit Leberbeteiligung sind die neuen
Ansätze zur Therapie bereits im klinischen Alltag angekommen. Und weitere
vielversprechende Therapie-Optionen befinden sich aktuell in der frühen
klinischen Entwicklung. Erstmalig seit vielen Jahrzehnten sind jetzt für
bestimmte seltene Lebererkrankungen wirkliche Fortschritte in den
therapeutischen und speziell gentherapeutischen Möglichkeiten absehbar.
Doch nur wenn eine seltene Lebererkrankung auch diagnostiziert wird,
können betroffene Patienten von den wirksamen neuen Therapien profitieren.
Deswegen ist es wichtig, bei unspezifischen Beschwerden die Leberwerte zu
kontrollieren und seltene Lebererkrankungen als Ursache in Betracht zu
ziehen. Alle Ansprechpartner bei neu auftretenden Gesundheitsproblemen, in
der Regel also Haus- und Kinderärzte, müssen verstärkt für seltene
Lebererkrankungen sensibilisiert werden.“

Eine besondere Gruppe von seltenen Lebererkrankungen wird unter dem
Begriff „autoimmune Lebererkrankungen“ zusammengefasst. Diese
unterscheiden sich zwar im Krankheitsverlauf und in der Ausprägung, haben
jedoch in einem wesentlichen Punkt eine Gemeinsamkeit: Das körpereigene
Immunsystem ist fehlgesteuert. Körpereigene Strukturen werden als
„körperfremd“ identifiziert und bekämpft. Zu den autoimmunen
Lebererkrankungen gehören die Autoimmune Hepatitis (AIH), die Primär
Biliäre Cholangitis (PBC) und die Primär Sklerosierende Cholangitis (PSC).
Auch für diese Erkrankungen, die aktuell noch nicht heilbar sind, gibt es
zum Teil bessere Therapieoptionen, mit denen sie besser kontrollierbar
sind und das transplantationsfreie Überleben verlängert werden kann.

Sowohl PSC als auch PBC können in eine Leberzirrhose übergehen. Bei
Patienten mit PSC ist zudem das Risiko erhöht, ein Gallengangskarzinom zu
entwickeln. Vor allem die PBC ist mit einer Gallensäure
(Ursodesoxycholsäure, UDCA) und bei ausgewählten Patienten mit
Medikamenten wie beispielsweise Obeticholsäure (OCA) inzwischen gut
kontrollierbar. Bei der PSC werden hauptsächlich Komplikationen überwacht
und behandelt, an medikamentösen Therapien wird geforscht. Unter
bestimmten Umständen ist eine Lebertransplantation die einzige
Therapieoption. Auch bei der AIH ist es wichtig, möglichst frühzeitig eine
Diagnose zu stellen und mit der Therapie zu beginnen. Im Rahmen einer
Krebstherapie mit neuen Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICI) können
Leberentzündungen (Hepatitiden) auch als immunvermittelte Nebenwirkung
auftreten, sodass hier eine frühe Erkennung und Behandlung wichtig ist.

Mit dem Motto „total zentral: die Leber!“ rufen die Ausrichter des 23.
Deutschen Lebertages am 20. November 2022 Ärzte und Patienten auch dazu
auf, jede fortbestehende Leberwerterhöhung als Anlass zu weiterer
Diagnostik zu nehmen und dabei auch seltene Lebererkrankungen
einzubeziehen. Nur so können auch seltene Lebererkrankungen erkannt und
mit den immer besser werdenden Therapiemöglichkeiten bekämpft werden.

Mehr Infos zum 23. Deutschen Lebertag und alle bislang im Rahmen des
diesjährigen Deutschen Lebertages veröffentlichten Presseinformationen
unter: http://www.lebertag.org

Alle Institutionen, die im Rahmen des 23. Deutschen Lebertages mit einer
Veranstaltung aufklären und informieren möchten, werden von den
Ausrichtern bei der Pressearbeit und mit Veranstaltungsmaterialien
unterstützt. Informationen, Anmeldungen und Downloads unter:
http://www.lebertag.org

Die Ausrichter des 23. Deutschen Lebertages am 20. November 2022:

Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Krankheiten
von Magen, Darm und Leber sowie von Störungen des
Stoffwechsels und der Ernährung (Gastro-Liga) e. V.
Prof. Dr. Peter R. Galle, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats
Friedrich-List-Straße 13, 35398 Gießen
Tel 0641 – 97 48 10
<geschaeftsstelle@gastro-liga.de>   |  https://www.gastro-liga.de

  • Aufrufe: 111

Kostengünstige Alternative zum PCR-Test

Schnelligkeit oder Genauigkeit? Was Corona-Tests angeht, musste man sich
bisher zwischen diesen beiden Varianten entscheiden. Damit könnte künftig
Schluss sein: Der Pathogen Analyzer verbindet die Vorteile von PCR-Test
und Antigen-Schnelltest – er liefert bereits nach 20 bis 40 Minuten ein
verlässliches Ergebnis. Darüber hinaus kann er gleichzeitig bis zu elf
andere Krankheitserreger nachweisen. Ein Demonstrator des Systems ist vom
14. bis 17. November 2022 auf der Messe MEDICA in Düsseldorf zu sehen
(Halle 3, Stand E74/F74).

Der Hals kratzt, Schlappheitsgefühl macht sich breit. Hat man sich mit
Corona infiziert? Über Antigen-Schnelltests kann man dies zuhause oder im
Bürgertestzentrum schnell überprüfen – die Genauigkeit dieser Tests lässt
jedoch zu wünschen übrig. Tests auf Proteinbasis, bei denen virale
Antigene auf dem Chip erkannt werden, sind schlichtweg nicht so genau wie
Tests auf Nukleinsäurebasis. Sprich: Viele Infektionen bleiben unerkannt,
auch kann es zu fehlerhaften Positiv-Ergebnissen kommen. Für einen
sicheren Nachweis ist ein PCR-Test unerlässlich, allerdings ist dieser
sowohl deutlich teurer als auch langwieriger: Es kann bis zu zwei Tage
dauern, ehe das Ergebnis vorliegt.

Schnelle und verlässliche Ergebnisse

Ein Verbund aus Forscherinnen und Forschern des Fraunhofer-Instituts für
Produktionstechnologie IPT, des Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und
Bioverfahrenstechnik IGB sowie des Fraunhofer Center for Manufacturing
Innovation in Boston (USA) möchte das nun ändern. »Mit unserem Pathogen
Analyzer verbinden wir die Vorteile von Antigen- und PCR-Test: Da wir wie
beim PCR-Test das Erbgut der Viren direkt nachweisen, ist der Test äußerst
genau. Um das Erbgut zu vervielfältigen, nutzen wir allerdings ein anderes
Verfahren, daher liegt das Ergebnis bereits nach von 20 bis 40 Minuten
vor«, sagt Daniel Reibert, Wissenschaftler am Fraunhofer IPT. Dazu haben
die Forschenden auf dem Testchip, der ähnlich groß ist wie ein Antigen-
Schnelltest, zahlreiche kleine Hydrogel-Tropfen aufgedruckt, Experten
sprechen von Signalpunkten. Auf diesen Chips wird die Probe – die wie bei
bisherigen Tests über einen Nasen-Rachen-Abstrich gewonnen und in eine
Pufferlösung übertragen wird – aufgebracht. Anschließend wird der Testchip
in einem kompakten und mobilen Analyseinstrument auf 62 Grad Celsius
aufgeheizt. Die Pufferlösung und die hohe Temperatur legen das Erbgut des
Virus frei und vervielfältigen die Nukleinsäuren, um sie innerhalb der
Signalpunkte quantitativ nachweisen zu können. Diese Reaktion findet bei
einer konstanten Temperatur statt – das in der PCR biochemisch nötige
Aufheizen und Abkühlen der Probenflüssigkeit entfällt. Um den Test
personalisiert auszuwerten, können Patientinnen und Patienten eine
Smartphone App mit dem Analyzer verbinden. Über ein Lichtsignal im
Analyzer wird die Menge an Krankheitserreger-Erbgut detektiert und als
Endergebnis direkt an die Betroffenen übermittelt.

Zwölf Virenarten mit einem Streich nachweisen

Eine weitere Neuheit: »Jeder Signalpunkt enthält Fängermoleküle, die unter
Bestrahlung mit Licht Fluoreszenzstrahlung anderer Wellenlänge abgeben,
wenn sie das passende Pathogen gefangen haben. Daher ist jeder Signalpunkt
wie ein eigener kleiner Test«, erläutert Reibert. Ein solcher
Multiplexing-Ansatz erhöht zum einen die Verlässlichkeit, zum anderen
ermöglicht er es, bis zu zwölf verschiedene Virenarten gleichzeitig mit
einer Probennahme und einem Chip nachzuweisen. »Da wir das System als
Baukastensystem entwickelt haben, lässt es sich schnell an neue Pathogene
anpassen«, erläutert Reibert.

Eine der Herausforderungen lag darin, die späteren Herstellungsprozesse
des Tests mitzuentwickeln und sie preisgünstig zu gestalten – schließlich
soll der Test in Serie hergestellt nicht mehr als einen Euro kosten. Für
den Chip selbst setzen die Forschenden daher auf das Rolle zu Rolle-
Verfahren. Der Druck der einzelnen Probenpunkte kann entweder über 3D-
Druck oder das etablierte Siebdruckverfahren erfolgen.

Test auch für zuhause

Auf der Messe MEDICA vom 14. bis 17. November 2022 in Düsseldorf stellen
die Forschenden sowohl einen Demonstrator des Chips für drei Pathogene als
auch einen Analyzer-Demonstrator vor (Halle 3, Stand E74/F74). Langfristig
soll der Test auch ohne Analyzer auskommen und komplett über das
Smartphone funktionieren: Lichtquelle und Kamera sind im Handy bereits
vorhanden, das Heizelement kann im Testchip selbst integriert werden.
Dann, so die Hoffnung der Forscherinnen und Forscher, könnte der Test
nicht nur in zentralen Orten wie Stadien oder Arztpraxen, sondern auch
zuhause schnelle, kostengünstige und verlässliche Ergebnisse liefern – und
das direkt für eine Vielzahl an Krankheitserregern.

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Berufsverband der Urologen und Andrologen appellieren: Mehr Aufmerksamkeit für Hodenkrebs und die Selbstuntersuchung

Nach zuletzt mehreren Fällen von Hodenkrebs innerhalb weniger Monate im
Profi-Fußball häufen sich die Anfragen in den Pressestellen des
Berufsverbandes der Deutschen Urologen e.V. (BvDU) und der Deutschen
Gesellschaft für Andrologie e.V. (DGA): Besteht ein höheres Hodenkrebs-
Risiko für Fußball-Profis? Wie kann jeder Einzelne Vorsorge treffen?

Laut derzeitigem Stand gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass
ein höheres Risiko besteht, sodass aktuell von einer Koinzidenz
ausgegangen wird. „Durch die gehäuften Fälle im Profi-Fußball innerhalb
nicht einmal eines halben Jahres wurde die Öffentlichkeit sensibilisiert“,
so Catrin Steiniger, Präsidentin des BvDU e.V. und Fachärztin für
Urologie. „Auch ohne bewiesenen Zusammenhang bleibt die generelle Gefahr
einer Hodenkrebs-Erkrankung, bisher größtenteils ein Tabu-Thema, bestehen
– insbesondere für jüngere Männer. Die meisten jungen Männer wissen gar
nicht, dass sie die Altersgruppe sind, die Hodentumore bekommen kann." Ein
Umstand, der sich dank des offenen Umgangs der Fußballer mit ihrer
Krankheit derzeit zu ändern scheint. „Neben dem Alter gibt es weitere
Risikofaktoren für eine Hodenkrebserkrankung, die alle jungen Männer
kennen sollten“, ergänzt die Präsidentin der DGA, Prof. Dr. Sabine
Kliesch, Chefärztin des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie
(CeRA), Universität Münster.

Hodenkrebserkrankungen – je früher Tumore erkannt werden, desto besser
sind die Heilungschancen

Hodenkrebs stellt die häufigste Krebserkrankung junger Männer dar. Rund
4000 Neuerkrankungen werden jedes Jahr in Deutschland gezählt. Am
häufigsten erkranken Männer zwischen dem 20. und dem 44. Lebensjahr. Ein
erhöhtes Risiko besteht nach einer Vorerkrankung mit einseitigem
Hodenkrebs, einem Hodenhochstand in der Kindheit, Hodenkrebserkrankungen
von Vater oder Brüdern sowie Unfruchtbarkeit.
Eine Früherkennungsuntersuchung für junge Männer im Rahmen des
gesetzlichen Krebsfrüherkennungsprogramms gibt es in Deutschland nicht.
Deshalb ist es wichtig, eigenverantwortlich zu handeln. Denn auch bei
Hodenkrebs gilt – je früher der Tumor erkannt wird, desto besser sind die
Heilungschancen. Rund 95 Prozent der Männer mit Hodenkrebs werden wieder
gesund.

Eigenverantwortliches Handeln - richtiger Hodencheck

Der Berufsverband verweist auf die bereits seit Jahren erfolgreiche
Kampagne „Hodencheck“ in Kooperation mit der wissenschaftlichen
Fachgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), für die
Früherkennung von Hodenkrebs. Allen Jungen und Männern zwischen 14 und 45
Jahren wird empfohlen, die Hoden einmal im Monat abzutasten. Bei
Auffälligkeiten sollte eine urologische Untersuchung zur Abklärung
erfolgen. Männern mit den genannten Risikofaktoren wird zu besonderer
Aufmerksamkeit geraten. Sie sollten nicht nur auf die regelmäßige
Selbstuntersuchung der Hoden achten, sondern zusätzlich eine fachärztliche
urologische Abklärung wahrnehmen. „Urologinnen und Urologen sind bereit
für die Untersuchungen“, so BvDU-Präsidentin Catrin Steiniger.

Auf www.hodencheck.de wird die Selbstuntersuchung der Hoden erklärt und
niedergelassene Urologinnen und Urologen sowie urologische Kliniken in
ganz Deutschland sind online zu finden. Der Berufsverband fordert darüber
hinaus, die Hodenkrebs-Vorsorge als Früherkennungsuntersuchung für junge
Männer in das gesetzliche Krebsfrüherkennungsprogramm aufzunehmen.

DGA-Präsidentin Prof. Dr. Sabine Kliesch betont, dass es einer medizinisch
wenig aufwendigen Untersuchung durch Abtasten und Ultraschall der Hoden
bedarf, um frühzeitig einen Hodentumor zu entdecken. Um so erfreulicher
sei es, dass bereits der erste Profiverein der Fußball-Bundesliga die
entsprechenden Konsequenzen bezüglich seines medizinischen Check-ups
ziehen will!

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Gender Disclaimer: Zugunsten von besserer Lesbarkeit und Verständlichkeit
wird auf die geschlechtsspezifische Schreibweise ohne jede
Diskriminierungsabsicht durchgängig verzichtet. Alle Bezeichnungen von
Personen oder Positionen in unseren Texten sind somit geschlechtsneutral
zu verstehen.
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Über den Berufsverband der Deutschen Urologen e.V.

Seit fast 70 Jahren vertritt der Berufsverband der Deutschen Urologen e.V.
(BvDU) erfolgreich die Berufs- und Standesinteressen der urologischen
Fachärztinnen und Fachärzte in Klinik und Praxis. Neben der
berufspolitischen Arbeit widmet sich der Berufsverband stellvertretend für
seine Mitglieder der Entwicklung und dem Ausbau von Kooperationsmodellen
mit der Gesundheitswirtschaft. Wichtige Themen wie Selektivverträge, Fort-
und Weiterbildungsangebote, Vertrags- und Veranstaltungsmanagement,
Sponsoring und Rabattverträge liegen hierbei im Fokus. Als
Interessenvertretung der Urologinnen und Urologen in Klinik und Praxis
fördert der BvDU die Wertschätzung des Berufstands. Unsere Ziele sind u.a.
leistungsgerechte Honorare, Eindämmung der Bürokratie sowie die
Sicherstellung ärztlicher und beruflicher Entscheidungsfreiheit in Klinik
und Praxis.

Über die Deutsche Gesellschaft für Andrologie

Die Deutsche Gesellschaft für Andrologie (DGA) wurde 1975 gegründet und
ist eine interdisziplinäre wissenschaftlich-medizinische Gesellschaft mit
dem Ziel, die Andrologie sowohl als Forschungsgebiet als auch als
klinisches Fach zu stärken, zu fördern und weiter zu entwickeln. Die DGA
vertritt die Interessen aller mit andrologischen Fragestellungen befassten
Fachgruppen. Andrologie umfasst die Physiologie und Pathologie der
männlichen Fortpflanzungsfunktionen, sexualmedizinische und
endokrinologische Aspekte auf Seiten des Mannes und die Problematik des
alternden Mannes in Forschung und Klinik.

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