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Baselitz Bühnenbild 1. Akt Foto Peter Meisel

Wagners PARSIFAL, Bayerische Staatsoper München, 17. April 2022, besucht von Léonard Wüst

Baselitz Bühnenbild 1. Akt Foto Peter Meisel
Baselitz Bühnenbild 1. Akt Foto Peter Meisel

Inszenierung und Besetzung:
Musikalische Leitung Marek Janowski
Inszenierung Pierre Audi
Bühne Georg Baselitz
Mitarbeit Bühnenbild Christof Hetzer
Kostüme Florence von Gerkan
Mitarbeit Kostüm Tristan Sczesny
Licht Urs Schönebaum
Dramaturgie Klaus Bertisch, Benedikt Stampfli
Chöre und Kinderchor Stellario Fagone
Amfortas Christian Gerhaher
Titurel Bálint Szabó
Gurnemanz Christof Fischesser
Parsifal Simon O’Neill
Klingsor Jochen Schmeckenbecher
Kundry Anja Kampe
Erster Gralsritter Kevin Conners
Zweiter Gralsritter Daniel Noyola
Stimme aus der Höhe Yajie Zhang
Erster Knappe Deanna Breiwick
Zweiter Knappe Yajie Zhang
Dritter Knappe Paul Kaufmann
Vierter Knappe Joel Williams
Klingsors Zaubermädchen Deanna Breiwick, Valeriia Savinskaia, Natalia Kutateladze
Eliza Boom, Aoife Gibney und Yajie Zhang
Bayerisches Staatsorchester
Bayerischer Staatsopernchor und Extrachor der Bayerischen Staatsoper

Der Autor einer so wirren Geschichte, eines solchen Drehbuches, würde heue entweder geköpft oder heiliggesprochen. Genau das ist ja Richard Wagner eigentlich widerfahren, er polarisierte zu seiner, aber auch bis in die heutige Zeit. Die sogenannten »Wagnerianer» pilgern jeden August zu zehntausenden auf den grünen Hügel in Bayreuth um ihm an den Bayreuther Festspielen zu huldigen. Dort, wo ausschliesslich Werke des, leider, äusserst antisemitischen Musikgenies aufgeführt werden. Der prominenteste dieser Gruppe war nebst König Ludwig II. von Bayern, Adolf Hitler, Marie Gräfin Schleinitz und weitere, damalige und heutige Prominenz.

Georg Baselitz und sein Bühnenbild
Georg Baselitz und sein Bühnenbild

Der “Grüne Hügel” bleibt das exklusivste und begehrteste Ereignis, das «Mekka» im wagnerianischen Musikkalender. Der “sinnbetörende Rausch” der Wagnerschen Musik – vor dem Nietzsche warnte, der Brahms, Adorno und Tschaikowski abschreckte – zieht unverändert seine Anhänger in den Bann. Thomas Mann zuerst beeindruckt von Wagner, änderte später seine Meinung über diesen. Der “Wagnerianer” huldigt seinem Idol mit ehrfürchtiger, ja fast religiöser Hingabe.

Gurnemanz Christof Fischesser Foto W.Hoesl
Gurnemanz Christof Fischesser Foto W.Hoesl

Bei Wagners Einfluss, dem sich viele zu entziehen versuchten, kann zudem nicht von einer kontinuierlichen, gleichförmigen Entwicklung gesprochen werden. Komponisten wie etwa Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Antonín Dvořák bewegten sich noch in „traditionellen“ harmonischen Bahnen, während Richard Strauss und Gustav Mahler die Wagnersche Tonsprache übernahmen.

Grundsätzliches zur Vorgeschichte der Handlung

Amfortas Christian Gerhaher und Simon O'Neill als Parsifal Foto W. Hoehsl
Amfortas Christian Gerhaher und Simon O'Neill als Parsifal Foto W. Hoehsl

König Titurel, von Gott zum Hüter der Reliquien Gral und Heiliger Speer bestimmt, hatte den Gralstempel errichtet. Der Gral diente als Trinkbecher beim letzten Abendmahl und fing das Blut Christi am Kreuz auf. Mit dem Speer wurde Jesus am Kreuz die Seitenwunde beigebracht. Titurel versammelte Ritter um sich, die, von den Reliquien gestärkt, in die Welt zogen und für das Gute kämpften. Auch Klingsor bemühte sich, der Gralsgemeinschaft anzugehören, wird jedoch wegen seiner Unkeuschheit abgelehnt. Deshalb entmannt er sich selbst, wird nun aber erst recht abgelehnt. Daraufhin schafft er sich in der Wüste ein Gegenreich: einen Zaubergarten mit verführerischen Frauen. Zu diesen Frauen gehört auch Kundry, eine Reinkarnation einer der Frauen, die Jesus auf seinem Kreuzweg verspottet hatten und dafür von diesem verflucht worden war, für immer unerlöst die Welt zu durchstreifen.

PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto
PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto

Nachdem Klingsor mittels seines Zaubergartens mehrere Ritter verführt und so der Gralsgemeinschaft abspenstig gemacht hat, beschließt Titurels Sohn Amfortas, zugleich dessen Nachfolger als Gralskönig, mit dem heiligen Speer bewaffnet gegen Klingsor in den Kampf zu ziehen. Er unterliegt jedoch Kundrys Verführungskünsten und verliert so den Speer an Klingsor, der ihm mit dem (vergifteten) Speer eine Wunde schlägt, an welcher er seitdem entsetzlich leidet. Denn die Wunde schließt sich nicht mehr: Mit jeder neuen Enthüllung des Grals, wodurch die gesamte Ritterschaft genährt wird, bricht sie von neuem auf. Eine Prophezeiung verspricht Amfortas, dass ein durch Mitleid wissender reiner Tor ihn einst von seinen Qualen erlösen wird. Kundry, die ihre Taten in Klingsors Dienst bereut, stellt sich in den Dienst der Gralsritter, um für ihre Schuld zu büßen.

Zur Aufführung

PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto
PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto

Das Bühnenbild von Baselitz ist wagnerisch düster, gar bedrohlich gehalten. Regisseur Pierre Audi lässt die Akteur*innen leider etwas statisch agieren, stehen sie doch meist fast regungslos nebeneinander auf der Bühne.Man soll doch einfach die Augen schließen, dann wäre das alles viel erträglicher, konnte man in einer Kritik lesen. Und so plump und provokativ das auch verfasst sein mag, steckt da ein wahrer Kern drin. Die Kostüme sind nämlich leider eine Vollkatastrophe. Parsifal bekommt ein billiges Papp-Gedeck umgehängt und gleicht später im dritten Akt als verkleideter Ritter dem Amazon-Maskottchen. Jochen Schmeckenbecher als Klingsor könnte wohl genauso nach einer wilden Faschingsnacht aus einer Partylocation kommen, so wie er ausgestattet wurde – mit furchteinflößender Wut und einem adäquaten Gegenspieler hat das nichts zu tun. Das verhunzteste Kostüm bekommt sogleich der, der die größte schauspielerische Leistung vollzieht: Gerhaher als Amfortas. Sein Mantel gleicht einer Bettdecke, die Wunde ist schlichtweg ein blutiger Fleck. Er taucht als blutig versehrter Amfortas im Hosenträger-Look auf. Er geht an der Krücke, über seinen Schultern liegt ein undefinierbares Etwas zwischen Eskimomantel und Heizdecke. Gerhahers Interpretation konzentriert sich auf penible Textdeutung. Man muss sich reinhören. Affekte (Zorn: Ohn‘ Urlaub, Verzweiflung: Oh, Strafe! Strafe ohne Gleichen) haben bei Gerhaher einen feminin weichen Touch.  In manchen leisen Passagen ist das Sprechen nah und das Singen fern. Gewöhungsbedürftig ist auch der vibratolose Beginn so mancher Phrase. Kurzum, Gerhaher singt einen reflektierten, affektierten, einen larmoyanten Amfortas. Gerhahers Interpretation ist Geschmackssache. Im dritten Akt streift die Grals-Verzweiflung des Amfortas gar die Parodie. Dessen ungeachtet  bietet Gerhahers Amfortas Nuancen der Textdeutung, von denen andere Amfortas-Sänger nicht einmal zu träumen wagen dürften. Darum ist seine Rollenaneignung zwar unorthodox, doch richtig und hochinteressant.

Christian Gerhaher als Amfortas links mit Simon O'Neill als Parsifal
Christian Gerhaher als Amfortas links mit Simon O'Neill als Parsifal

Die musikalische Seite ist so außergewöhnlich schön, dass man – heilig hehrstes Wunder – eben doch den ganzen Abend über gefesselt ist. Janowski trägt die Sänger auf Händen. Keiner muss auch nur eine Sekunde forcieren. Kein Wagner-Gebrüll, nirgends. Stattdessen Pianissimo-Zauberei, Höhepunkte mit Gänsehautwirkung, wunderbar schnelle, flüssige Tempi und traumverlorene Momente. Anja Kampe als Kundry schießt Spitzentöne wie Leuchtraketen in den Bühnenhimmel, Christof Fischesser gibt dem Gurnemanz unanfechtbare Bassautorität und Simon O’Neill lässt den Parsifal mit seinem timbrierten Tenor eindrucksvoll reifen. Überragend ist Christian Gerhaher – in einer Partie, von der viele dachten, dass sie nicht zu ihm passt. Psychologisch so aufregend hört man den Amfortas selten. Das kann fahl und bösartig klingen, zerfließend in Selbstmitleid und im nächsten Moment tief verzweifelt.

Bühnenbild. Vom  hochgelobten Georg Baselitz erwartet man mehr

PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto
PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto

Dem abstrakten schwarz-grauen Wald mit Tierskelett im ersten Akt möchte man durchaus eine endzeitliche Poesie bescheinigen. Die Bilder sind schlichtweg zu einfach, sei es nun das mit wenigen Strichen angedeutete Mauerwerk auf einem faltbaren Prospekt, das Klingsors Burg andeuten soll, oder der Zwischenvorhang mit auf dem Kopf stehenden Engeln. Da fällt es auch nicht mehr ins Gewicht, dass der schwarze Wald bei Parsifals Wiederkehr im letzten Akt auf dem Kopf steht.

Blosse Staffage und ein berühmter Name reichen nicht aus

Kundry Anja Kampe und Simon O'Neill als Parsifal Foto W. Hoehsl
Kundry Anja Kampe und Simon O'Neill als Parsifal Foto W. Hoehsl

Im ersten Akt stehen die Darsteller unentschlossen zwischen entlaubten Baselitz-Bäumen herum – wer möchte, kann dabei an eine Öko-Apokalypse denken. Der zweite Akt spielt vor einer schwarzweißen, flachen Baselitz-Burg, vor der sich nackte Albtraum-Blumenmädchen in fetten rosa Pappmaché-Kostümen aufstellen. Im dritten Akt stehen die Baselitz-Bäume, wie sich das für Baselitz eigentlich gehört, auf dem Kopf. Dazwischen stehen die Sänger*innen bloss herum. Allein gelassen von der Regie, die nur formelhafte und ausdrucksarme Bewegungen zulässt, gelingt es kaum einem Darsteller, seiner Rolle Profil zu geben. Nur Christian Gerhaher als Amfortas darf am Krückstock theatralisch leidend über die Bühne wanken.

Sänger stehen fast regungslos in den Kulissen

Gurnemanz Christof Fischesser und SimonO'Neill als Parsiifal rechtsFoto W.Hoesl
Gurnemanz Christof Fischesser und SimonO'Neill als Parsiifal rechtsFoto W.Hoesl

Nun ist grundlegend nichts Falsches daran, wenn jemand vor den Urhebern eines Werkes großen Respekt hat. Malerfürst Baselitz hat im Vorfeld keinen Hehl daraus gemacht, dass er dem Regietheater, das schon Werke zur Unkenntlichkeit entstellte, sehr kritisch gegenübersteht. Aber das steht in keinem Widerspruch zu dem Anspruch an eine lebendige Personenregie, der hier mitnichten eingelöst wird. Der scheidende Amsterdamer Intendant Audi lässt die Sänger sträflich alleine, arrangiert sie mehr oder weniger nur als Staffage in den Kulissen. Dies leider auch zum ritterlichen Abendmahl. Ein Scheiterhaufen aus wenigen Stämmen scheint den Gral zu bergen. Amfortas streckt einen Arm mit einem blutigen Klumpen bedeutungsvoll nach oben, dazu entkleiden sich die Ritter. Warum, das erklärt die Inszenierung nicht.

Nackte Blumenmädchen, nackte Gralsritter

Simon O'Neill als Parsifal Foto W. Hoehsl
Simon O'Neill als Parsifal Foto W. Hoehsl

Gewiss, im „Parsifal“ geht es um Vieles: Mitleid, Macht, Erotik, Religion, Erlösung und auch um Reinheit. Aber dass die Ritter just zur heiligen Zeremonie zu Nackten werden, erscheint dann doch bei allen denkbaren Reinheitsritualen weit hergeholt. Hinzu kommt, dass sie sich – wie auch später die Blumenmädchen – extrem hässlich in fleischfarbenen Trikots präsentieren müssen, mit dicken Bäuchen, Hängebrüsten, schlaffem Gesäß und rosa Scham (Kostüme: Florence von Gerkan). Figuren wie aus einem Horrorfilm.

Überragende Stimmen

Simon O'Neill als Parsifal Foto W. Hoehsl
Simon O'Neill als Parsifal Foto W. Hoehsl

Anja Kampe «Kundry»: Ihre gefährlichen Schreie meisterte sie mit ebenso großer Wucht wie ihre große Szene „Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust“. Wie Leuchtraketen feuerte sie da ihre Spitzentöne ab, nur gelegentlich durchsetzt von einigen Schärfen. Auch in den mittleren und tiefen Registern besitzt dieser Sopran eine Fülle und Substanz, von der andere heute offenbar nur noch träumen können. Anja Kampe vermag das ungeheuer toll zu präsentieren, sowohl stimmlich, als auch darstellerisch: die Ambivalenz, gar diese Schizophrenie dieser Rolle.“ Sie war zweifellos mit der sängerische Höhepunkt dieses Abends.

Großes Lob auch für Marek Janowski am Dirigentenpult, allerdings wurde er manchmal doch „sehr laut“, besonders an Ende der Ersten und am Anfang des dritten Aufzugs. „Man hört wirklich jede einzelne Orchesterstimme in diesem sehr offenen und sehr hoch gefahrenen Orchestergraben. Das ist schon sehr speziell, fast «bayreuthisch».

Und dann ist da noch Christian Gerhaher, der sich als Amfortas theatralisch leidend an einer Krücke über die Bühne schleppt und damit die öde Szene als Einziger für wenige Momente belebt. Seine musikalische Gestaltung überzeugt , auch weil sein etwas überpointierter Sprechgesang mit seiner Darstellung harmoniert.

PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto
PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto

Christoph Fischesser singt einen lyrischen Gurnemanz. Die Stimme ist weich, edel timbriert, wenig metallisch, er singt rhetorisch sorgfältig, durchsetzt den von Erinnerungen geprägten Monolog des ersten Aufzugs mit ariosen Aufschwüngen. Das Stimmmaterial ist immer noch superb. Schön das Legato, das er zwischen energischer Deklamation einerseits und einem dem Sprechen angenäherten Parlando andererseits entfaltet. Der Vortrag ist lebendig und biegsam, wird vollkommen aus dem Bühnenmoment heraus gesungen. Nichts ist da nur abgesungen. Männlich-energische Akzente gliedern die Phrasen (des Grales Wunderkräfte stärken). Bombensicher auch bei «Da Titurel, in hohen Alters Mühen».

Das Auditorium belohnte die, trotz allen Unzulänglichkeiten betr. Bühnenausstattung und Spielleitung, überzeugemden, überragenden Leistungen der Protagonist*innen mit einer langanhaltenden, stehenden Ovation.

PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto
PARSIFAL Ensemble der Bayerischen Staatsoper Szenenfoto

Noch ein Detail, aber ein wichtiges, am Rande. Auch die Gastronomie im Hause trug das ihrige für einen äusserst angeregten Abend bei. Bei unserem Erscheinen im Restaurant «Ludwig zwei» in der ersten, vierzigminütigen, Pause, standen die im Voraus bestellten Speisen und Getränke bereits auf dem Tisch, sodass man, trotz der kurzen Zeit, die Musse hatte, auch hier zu geniessen und nicht hinunterzuschlingen. Also, alles in allem,  ein doch beeindruckendes «Gesamtpaket» Staatsoper München im Nationaltheater.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.staatsoper.de

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Die Verführerinnen stürzen sich auf Parsifal Foto Ruth Walz
Die Verführerinnen stürzen sich auf Parsifal Foto Ruth Walz
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Original Berner Platte

Sauer macht lustig, weiss Herbert Huber

Original Berner Platte
Original Berner Platte

Ich liebe Sauerkraut. Wer hat eigentlich diese Konservierungsart erfunden? Was noch, ausser der Berner Platte, kann man mit Sauerkraut zubereiten? Es soll sogar mit Fisch bestens munden?.Erfinder des «sauren «Krautes waren die Chinesen. Sie konservierten ihren Chinakohl mit Reiswein. Durch seinen hohen Vitamingehalt (besonders Vitamin C) beugte es im Winter Mangelerscheinungen vor. Deshalb wurde es auch ganzjährig als Proviant in der Seefahrt eingesetzt, nachdem im 18. Jahrhundert entdeckt worden war, dass der Verzehr von Sauerkraut Skorbut verhindert.

Sauerkraut Delikatessen Kohl Schweinefleisch
Sauerkraut Delikatessen Kohl Schweinefleisch

Bei Weinsauerkraut bzw. Weinkraut wird zusätzlich etwas Weißwein dazugegeben. Die Salzlake muss den Weisskohl während der Gärzeit (4 bis 6 Wochen) bedecken. Deswegen muss der Kohl während der Gärung mit Gewichten beschwert werden. Während der Gärung darf keine Luft an den Kohl gelangen, da sonst statt der gewünschten Milchsäuregärung z. B. Schimmel auftreten kann. Ist die Gärung soweit fortgeschritten, dass ein genügend niedriger pH-Wert vorhanden ist, werden schädliche Bakterien (Fäulnis) und Pilze (z. B. Hefen) gehemmt oder getötet. Schließlich ist das Kraut so sauer, dass es haltbar ist.

Blut und Leberwurst mit Salzkartoffeln und Sauerkraut
Blut und Leberwurst mit Salzkartoffeln und Sauerkraut

Ursprünglich benutzte man Holzfässer (wie auch bei Salzfleisch oder Salzbohnen), später Sauerkrauttöpfe aus Steingut zur Zubereitung. Um einen Luftabschluss und ein gleichzeitiges Entweichen von Gasen zu ermöglichen, besitzt der Sauerkrauttopf eine umlaufende Rinne. Ein aufgesetzter Deckel taucht rundum in das in der Rinne befindliche Salzwasser und verhindert einen Luftzutritt. Seit dem späten 19. Jahrhundert stellt man Sauerkraut industriell her, zunächst in Holzfässern, heute in luftdicht verschließbaren Gärsilos. Bekannte Anbaugebiete in der Schweiz sind das Gürbetal und das Berner Seeland.

Einige Koch Tipps – Rezepte dazu lassen sich bequem googeln.

Oma´s Sauerkraut
Oma´s Sauerkraut

Surchabis und Bärnerplatte ist sehr deftig und ganz nach dem Motto: From «nose to tail» abgestimmt ist. Nose to Tail will sagen, dass es dem Tier gegenüber unanständig wäre, es nicht von Kopf bis Fuss zu verwerten. Denn es hält auch jenseits des Filets etliche Leckerbissen und Gaumenfreuden für uns bereit.

Szegediner Gulasch
Szegediner Gulasch

Das Szegediner Gulasch hat seinen Ursprung in Ungarn. Das ungarische Wort «gulyás» bedeutet so viel wie Hirtenfleisch.  Szegediner Gulasch ist eine Variante des ungarischen Gulasches. Das Rezept ist in der Slowakei, Tschechien, Deutschland und Österreich beliebt. Gleich bleiben immer die Grundzutaten: Schweinefleisch. Rassige Paprikapulver, brauner Fleischfond. Sauerkraut und am Schluss leicht gesäuerter Rahm. Und Salzkartoffeln, Knödel oder Buchweizen Spätzle

Elsässer Choucroute mit Fisch
Elsässer Choucroute mit Fisch

Sauerkraut und Fisch. Wichtig ist, dass man das Sauerkraut abspült, dann mehrere Male zwischen den Handflächen ausdrückt, um den sauren Geschmack etwas zu entfernen. Und dann im Riesling oder Schaumwein gart. Darauf angerichtet ein gebratenes Zander – Wolfsbarsch oder Felchenfilet. Und begleitet von einem sämigen Riesling -oder Schaumweinsösschen.

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Fotos: www.pixelio.de

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La choucroute garnie alsacienne dite à la strasbourgeoise, une recette unique
La choucroute garnie alsacienne dite à la strasbourgeoise, une recette unique
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Fabio Biondi Violine und Leitung links und Avi Avital Mandoline freuen sich über die gelungene Darbietung

Zeitreisen mit Avi Avital, Tonhalle Zürich, 11. April 2022, besucht von Léonard Wüst

Fabio Biondi Violine und Leitung links und Avi Avital Mandoline freuen sich über die gelungene Darbietung
Fabio Biondi Violine und Leitung links und Avi Avital Mandoline freuen sich über die gelungene Darbietung

Besetzung und Programm:
Zürcher Kammerorchester
Fabio Biondi  Violine und Leitung
Avi Avital Mandoline

Antonio Vivaldi Konzert g-Moll RV 156 für Streicher und Basso continuo
 
Johann Sebastian Bach Violinkonzert a-Moll BWV 1041 (Arr. für Mandoline A. Avital)
 
Ottorino Respighi «Antiche danze ed arie per liuto», 3. Suite
 
Pjotr I. Tschaikowsky Aus: «Die Jahreszeiten» op. 37b, Auszüge (Arr. O. Ben-Ari)
 
Joseph Haydn: Violinkonzert G-Dur Hob. VIIa:4

Als Reisender in der Musikgeschichte kennt der gebürtige Israeli Avi Avital keine Grenzen, wenn er sich auf die Suche nach Repertoire für seine Mandoline begibt. Wenn das Vivaldi-Konzert mit der Adaption des Bach-Violinkonzerts für Mandoline in einen Dialog tritt oder Tschaikowskys «Jahreszeiten» mit dem wunderbaren Violinkonzert G-Dur von Joseph Haydn kontrastiert, dann entstehen Programme, in dem alle – Solist, Orchester und Publikum – vollkommen Neues entdecken.

Antonio Vivaldi Konzert g-Moll RV 156 für Streicher und Basso continuo

Das Zürcher Kammerorchesterauf der Bühne vor der grossen Orgel
Das Zürcher Kammerorchesterauf der Bühne vor der grossen Orgel

Den Auftakt machte das Zürcher Kammerorchester, geleitet von Fabio Boni, anstelle des kurzfristig erkranken Stammkonzertmeisters Willi Zimmermann, mit Vivaldis Konzert g-Moll RV 156 für Streicher und Basso continuo. Elegant und beschwingt fröhlich fiedelten sich die Musiker durch die Partitur des, schon zu seiner Zeit europaweit bekannten venezianischen Teilzeitpriesters.

 

 

 

 

Antonio Vivaldi Der rote Priester

Antonio Vivaldi Symbolfoto
Antonio Vivaldi Symbolfoto

Jeder in Venedig kannte Vivaldi. Aber viele wussten gar nicht wie er wirklich hieß – für sie war er einfach nur der “prete rosso”, der “rote Priester”. Denn bevor Antonio Vivaldi ein berühmter Komponist wurde, war er zum Priester geweiht worden. Außerdem hatte er feuerrote Haare, was in Italien noch viel seltener ist als bei uns. Vielleicht hat Vivaldi auch deshalb seine Haare manchmal unter einer Perücke versteckt.

Dem Publikum, durchwegs eher gesetzteren Alters gefiel dieser muntere Auftakt ins Konzert, was es auch mit reichlich Applaus bekundete.

 

 

 

 

Johann Sebastian Bach Violinkonzert a-Moll BWV 1041

Avi Avital präsentiert die Klangschönheit seines Instruments.
Avi Avital präsentiert die Klangschönheit seines Instruments.

Grundsätzliches zu Bach: Eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten, die sich bei Bach wie bei kaum einem anderen Komponisten auftut: Versucht man ein möglichst historisch korrektes Spiel, also abgesetzt, schlank und doch kantabel? Sollen die Melodien bescheiden klingen, geistlich oder glamourös? Wie schaffe ich genug Transparenz, so dass das ganze Geflecht der Töne hörbar wird? Und wie lasse ich meine Finger so über die Saiten tanzen, dass die Ecksätze ganz leicht und luftig klingen? Habe ich genug an die Räume gedacht, für die Bach komponiert hat? Hohe Decken, glatte Steinfußböden und viel Hall?

Avi Avital beantwortet all diese Fragen auf seine Art

Fabio Biondi Violine und Leitung links und Avi Avital Mandoline freuen sich über die gelungene Darbietung
Fabio Biondi Violine und Leitung links und Avi Avital Mandoline freuen sich über die gelungene Darbietung

Beim, von ihm arrangierten Violinkonzert a-Moll BWV 1041 von Johann Sebastian Bach, war dann Avi Avital mit von der Partie mit seiner Mandoline und er hatte, für sich und uns, alle obenstehenden Fragen richtig beantwortet. Avital ist ein junger Künstler (*1978) mit sympathischem Lachmund und dunklem Lockenschopf. Er hat viel Charisma und Persönlichkeit und scheut sich nicht davor, diese in seinen musikalischen Eskapaden auf der Mandoline auch mit viel Leidenschaft zum Ausdruck zu bringen. Leider war sein Instrument nur bei Solosequenzen und Improvisationen gut zu hören, nicht aber im Tutti des Orchesters, aber was man hörte, war ausserordentlich virtuos und es schien fast, als würde die Mandoline das sonst oft übliche Cembalo ersetzen. Trotzdem wusste der erste Teil dieses ausserordentlichen Konzertes zu überzeugen, was auch dem vorzüglichen Streicherensemble des ZKO zuzuschreiben war. “Bachs Musik ist voller Geheimnisse. Egal, wie lange man sie schon spielt, immer gibt es etwas Neues zu entdecken”, schwärmt Avi Avital. “Wenn man ein anderes Instrument einsetzt, kann man die Zeitlosigkeit dieser Musik auf ganz neue Weise erleben.” Mit dieser Erkenntnis und nach langem, kräftigem Applaus,  begab man sich zufrieden in die Foyers für die Pause.

Ottorino Respighi «Antiche danze ed arie per liuto», 3. Suite

Das Zürcher Kammerorchester. im grossen Tonhallesaal
Das Zürcher Kammerorchester. im grossen Tonhallesaal

„Alte Tänze und Weisen für Laute“) ist der Titel einer Reihe von Orchestersuiten. In dem neoklassizistischen Werk greift der Komponist auf Übertragungen von Lauten- und Gitarrentabulaturen des 16. und 17. Jahrhunderts zurück, die der italienische Musikwissenschaftler Oscar Chilesotti (1848–1916) editiert hatte, und arrangierte sie für modernes Instrumentarium. Ein relativ unspektakulärer Auftakt, kennt man Respighis Werke doch sonst eher etwas lebhafter, an mozartsche Virtuosität angelehnt, aber eine ideale Komposition, um «in die Gänge zu kommen». Der Untertitel des Werkes lautet Trascrizione libera per orchestra (freie Transkriptionen für Orchester). Das Publikum genoss vom ersten Ton an und belohnte die Musiker mit langanhaltendem Applaus.

Joseph Haydn Violinkonzert G-Dur Hob. VIIa:4

Solist  Avi Avital Foto Harald Hoffmann
Solist Avi Avital Foto Harald Hoffmann

Es gibt gerade genug Elemente von Haydns frühem Stil in seinen drei Sätzen, die seinen Verbleib im Kanon der echten Werke gestatten“ (H. Robbins-Landon). Seine Solopartie ist insofern ungewöhnlich, als sie praktisch nicht über die dritte Lage hinausgeht und auch sonst kaum Gebrauch von virtuosen Passagen macht. So liegt der Schwerpunkt des Werkes ganz auf der Gesanglichkeit. Die ersten beiden Sätze erinnern an kantable Opernarien aus der Zeit um 1750, besonders schön das Adagio mit seiner weitgespannten Streicherkantilene, die die Mandoline aufgreift und ausschmückt. Das Finale, ein vitaler Kehraus, könnte in jedem Haydn-Divertimento stehen. Avi Avital bot einen fantastischen Haydn, klanglich «a la Napolitaine» mit seinen mediterranen Mandolinenklängen. Virtuos seine Läufe, weich und ausgedehnt die Tremoli. Hier konnte der Solist seiner Virtuosität freien Lauf lassen und zugleich die komplexen Strukturen der Musik mit dem weichen Wohlklang der Mandoline zum Leuchten bringen und wurde dafür vom sachkundigen Auditorium mit langanhaltender Akklamation belohnt.

Pjotr I. Tschaikowsky Aus: «Die Jahreszeiten» op. 37b, Auszüge

Die Künstler freuen sich über den grossen Schlussapplaus
Die Künstler freuen sich über den grossen Schlussapplaus

Tschaikowsky versuchte typische Stimmungen und Szenarien der jeweiligen Monate einzufangen und musikalisch umzusetzen. So beginnt der “Mai” mit der Atmosphäre einer sternenklaren romantischen Frühlingsnacht. Im September wird eine Jagd musikalisch dargestellt – mit Hilfe der Zitate von typischen Jagdrufen. Hier führte Fabio Biondi «sein» Orchester stehend dirigierend durch die Partitur. Anhand der zwölf Monate des Jahreskreises kann das Orchester hier zwölf intime Stimmungsbilder nachzeichnen. Russischen Charakter hat vor allem  ‘Auf der Troika’, wenn im November die Glöckchen des Schlittens und der frohe Gesang der Insassen einen bezaubernden Klang erzeugen. Ein stimmiger Abschluss des Konzertes an diesem lauen Frühlingsabend. Das Publikum belohnte die Künstler*innen mit einem kräftigen Schlussapplaus, der nicht aufhörte, bis uns die Protagonist*innen als Zugabe ein kleines Stück von Vivaldi und, da der Applaus nicht nachliess, noch einige Takte Bach obendrauf gewährten. Fazit. Ein spannendes Konzerterlebnis der etwas anderen Art, erfrischend und erfreuend, dank einem ausserordentlichen Solisten, einem, für uns eher exotischen Instrument und dem fabelhaften Zürcher Kammerorchester.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos:   Vanessa Bösch und  www.zko.ch  

 
 

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Die Künstler freuen sich über den grossen Schlussapplaus
Die Künstler freuen sich über den grossen Schlussapplaus
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Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra

Benefizkonzert für die Ukraine Anne-Sophie Mutter | Kian Soltani | Yulianna Avdeeva | Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra, KKL Luzern, 9.4.2022, besucht von Léonard Wüst

Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra
Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra
Besetzung und Programm:
Anne-Sophie Mutter  Violine
Kian Soltani  Violoncello
Yulianna Avdeeva  Klavier
Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra:  Gregory Ahss, Violine | Korbinian Altenberger, Violine | Raphael Christ, Violine | Tanja Christ, Viola | Wolfram Christ, Viola | Lucas Macías Navarro, Oboe | Konstantin Pfiz, Violoncello | Thomas Ruge, Violoncello | Francesco Senese, Violine | Irina Simon-Renes, Violine | Chaim Steller, Viola | Rick Stotijn, Kontrabass

Valentin Silvestrov
Bagatelle für Klavier op. 1 Nr. 2
Robert Schumann (1810–1856)
Klavierquartett Es-Dur op. 47
Felix Mendelssohn (1809–1847)
Oktett Es-Dur für vier Violinen, zwei Violen und zwei Violoncelli op. 20
Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)
Trio für für Violine, Violoncello und Klavier e-Moll op. 67

Michael Häfliger Intendant Lucerne Festival
Michael Häfliger Intendant Lucerne Festival

Michael Häfliger Intendant des Lucerne Festival hiess die Besucher im praktisch vollbesetzten Konzertsaal dieses, aus gegebenem Anlass kurzfristig zu einem Benefizkonzert umgewandelten Event, herzlich willkommen, bedankte sich bei den mitwirkenden Musikern, die auf eine Gage zugunsten der guten Sache verzichteten, ebenso Dank an das KKL Luzern, das die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung stellte. Sämtliche Erträge des Abends flössen an das IKRK und dessen Partnerorganisationen zur finanziellen Unterstützung deren Hilfsprojekte in der Ukraine und den angrenzenden, von grossen Flüchtlingsströmen betroffenen Staaten.

Prof. Dr. Jürg Kesselring
Prof. Dr. Jürg Kesselring

Dann übergab er das Wort an Jürg Kesselring, Mitglied der Assemblée des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK), der in seinem Speech, nebst Dankesworten auch erwähnte, wie wichtig es sei, mit Musik, die weltweit verstanden würde und verbinde, ein Zeichen zu setzen gegen das Furchtbare, was sich im Moment grad dort abspiele. Nach diesen besinnlichen, nachdenklich stimmenden Worten gings dann zum musikalischen Teil über, dem Häfliger noch vor fügte, dass nicht die im Programmheft gelisteten 3 Romanzen von Schumann zur Aufführung gelangen, sondern das Werk eines der bekanntesten zeitgenössischen ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov (* 30. September 1937 in Kiew, Ukrainische SSR). Anmerkung der Redaktion: Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine floh Silvestrov mit Tochter und Enkelin im März 2022 nach Berlin

Valentin Silvestrov Bagatelle für Klavier op. 1 Nr. 2

Yulianna Avdeeva Foto  Christine Schneider
Yulianna Avdeeva Foto Christine Schneider

Als «erhabene Belanglosigkeiten» hat Valentin Silvestrov seine Bagatellen einmal bezeichnet. Kleinigkeiten, Lappalien? Das wäre dem Ukrainer gewiss zu wenig, denn in diesen Stücken gibt es «nichts ausser Musik». Die Bagatellen sind in den
letzten anderthalb Jahrzehnten so etwas wie Silvestrovs Lieblingsgattung geworden. Fünf Sammlungen liegen inzwischen vor, die erste – mit drei Beiträgen – stammt aus dem Jahr 2005.
«An den Bagatellen interessiert ihn in erster Linie die Melodie, doch nicht als etwas Fertiges, sondern als Antwort auf ‹augenblicklich› aufblitzende und das Ohr des Komponisten nicht mehr loslassende Intonationen, Rufe, Motive», so der
Komponist. Es sind kurze Momente des «Verweile doch»,
Augenblicke des Besonderen, die Silvestrov musikalisch
erfasst und aus ihrer Flüchtigkeit in etwas Bleibendes hinüberführt. Für dieses kurze Amuse d’oreille von grad mal ungefähr zwei Minuten betrat die ganz in schwarz gekleidete russische Pianistin Yulianna Avdeeva (* 1985 in Moskau) die Konzertbühne und intonierte die, bei uns bis dato selten aufgeführte, sehr slawisch klingende Petitesse, mit viel Feingefühl und Respekt. Da das Werk kein, oder eher ein recht unspektakuläres Finale hat, das das Publikum sichtlich verunsicherte, applaudierte dieses denn auch erst, als die Künstlerin sich schliesslich erhob.

Noch eine Besonderheit: Silvestrov hat jedem Stück genaue Pedalangaben beigefügt. Der Bedeutung der Oberstimme gibt er Ausdruck durch die Bemerkung: «Mit der linken Hand etwas leiser spielen als mit der rechten.“

Robert Schumann (1810–1856) Klavierquartett Es-Dur op. 47

Traum statt Triumph: Je weniger Stimmen, desto intensiver die Musik. Robert Schumann gelang in seinem Klavierquartett Es-Dur op. 47 ein intensives, jedoch nach innen gerichtetes Werk..„Schrecklich schlaflose Nächte – wie immer!“ und fünf Wochen intensiven Komponierens verdankt das Klavierquartett Es-Dur op. 47 sein Entstehen. Dennoch ist das Werk kein rauschafter Abschluss von Robert Schumanns sogenanntem Kammermusikjahr 1842 geworden, sondern ein zurückgenommener, fast schon verträumter Blick ins Innere des Komponisten. Hier ist wenig von der Opulenz des kurz vorher entstandenen Klavierquintetts op. 44 zu spüren – trotz der gemeinsamen Tonart Es-Dur. Die russische Pianistin und die drei Solisten des Lucerne Festival Orchestra harmonierten grandios, verständigten sich mittels Gestik und Augenkontakt, keine(r) wollte sich in den Vordergrund spielen, sondern ordnete das Spiel dem Ganzen unter. Kein triumphales Zurschaustellen klanglicher Möglichkeiten, kein Klavierkonzert mit obligatem Streichquartett: mit einer Stimme weniger schafft Schumann im Klavierquartett mehr Kammermusik. Ein ebenso zartes wie dichtes Gewebe wird hier gesponnen; Streicher und Klavier verschmelzen – ganz ohne pianistische Vorherrschaft – zu einem organischen Gesamtklang. Clara Schumann, die das Werk zusammen mit dem Geiger Ferdinand David und Niels Wilhelm Gade an der Bratsche aus der Taufe hob (man wäre gern dabei gewesen…!), war „wahrhaft entzückt von diesem schönen Werke, das so jugendlich.“ Und so frisch und jugendlich tönte die Intonation der vier Künstler denn auch, ohne Pathos und schwülem Geschwelge, dennoch romantisch aber nicht süss. Das Auditorium geizte denn auch nicht an Applaus und klatschte das Quartett noch etliche Male auf die Bühne zurück.

Felix Mendelssohn (1809–1847) Oktett Es-Dur für vier Violinen, zwei Violen und zwei Violoncelli op. 20

Nachdem der Konzertflügel weggerollt worden war, positionierte sich das Streichoktett auf der Konzertbühne. Der 14-jährige Felix Mendelssohn-Bartholdy galt als Wunderkind. Seit einigen Jahren erhielt er Kompositionsunterricht bei Carl Friedrich Zelter, außerdem spielte Felix schon früh Klavier “wie der Teufel”. Aus seinem Sohn sollte etwas werden, hatte der Vater – ein reicher Bankier – früh beschlossen.

Mit bloss 16 Jahren schrieb der hochbegabte Sprössling dann dieses Oktett. Der erste Satz ist „Zeugnis und Symbol strahlender Jugend“ (Eric Werner). Er wird vom Elan seines Hauptthemas getragen, einem jubelnden Aufschwung der ersten Geige über Tremoli der Mittelstimmen und absteigendem Bass. Wie dieser Beginn so ist der Klang des gesamten Satzes ein Geniestreich – in der Gruppierung der Streicherpaare, im Spiel mit den Klangfarben und Registern. Ebenso souverän ist die Form gehandhabt. Die quicklebendige Überleitungsfigur wird sogleich in Originalgestalt und Umkehrung eingeführt, das Seitenthema schon in der Exposition mit dem Hauptthema verschränkt, der Bogen der Durchführung spannt sich von zarter Zurücknahme bis zu dramatischer Entladung, nach der in gewaltigem Anlauf die Reprise erreicht wird. Höhepunkt des Satzes ist jedoch die Coda, in der die Emphase des Hauptthemas nochmals gesteigert wird.

Gar eine Art Szenenapplaus für das Oktett

Die Solist*innen, zwei Damen, sechs Herren, statt wie üblich mit zwei Celli, nur mit einem, dafür ergänzt durch einen Kontrabass.boten Kammermusik vom Allerfeinsten, ab dem ersten Ton bis zum furiosen Finale und so verwunderte auch nicht, dass das Publikum gar schon nach dem ersten Satz begeistert applaudierte, was die Musiker*innen mit einem nachsichtigen, aber auch freudigem Lächeln im Gesicht kurz innehalten liess, bevor sie das Andante in Angriff nahmen.

Andante geht eigene Wege

Das Andante geht harmonisch und formal eigene Wege. Den Beginn der Bratschen in c-Moll beantworten die vier Geigen mit einem schubertischen Lyrismus in der Tonart des Neapolitaners Des-Dur. Diesem harmonischen Vexierspiel entspricht das motivische: Eine Triolenfigur aus dem Hauptthema wird zum Klanggrund für das zweite Thema und bestimmt die Durchführung. Dazwischen stehen achtstimmige, polyphone Gewebe aus dauernden Vorhalts Bildungen, die an die kontrapunktischen Schönheiten des späten Mozart erinnern. Wie im Andante von dessen Jupitersinfonie wird das Hauptthema erst ganz am Schluss wiederholt. Das Scherzo beschrieb Fanny Mendelssohn auf anschauliche Weise: „Das ganze Stück wird staccato und pianissimo vorgetragen, die einzelnen Tremulando-Schauer, die leicht aufblitzenden Pralltriller, alles ist neu, fremd und doch so ansprechend, so befreundet, man fühlt sich so nahe der Geisterwelt, so leicht in die Lüfte gehoben, ja man möchte selbst einen Besenstil zur Hand nehmen, der luftigen Schar besser zu folgen. Am Schlusse flattert die erste Geige federleicht auf – und alles ist zerstoben.“ Der Schluss des Zitats ist selbst ein Zitat, eben aus der erwähnten Stelle im Faust.

Zitiert Mendelssohn Händels «Messias»

Das Finale hat mit dem Scherzo den Charakter des Perpetuum mobile und die Meisterschaft im Kontrapunkt gemein. „Der Mendelssohnsche Contrapunct verleugnet alles steife Schulpathos, regt behendig und anmuthig seine schlanken Glieder und bekommt bei schöner Sangbarkeit der Subjecte rhetorische Kraft“, meinte ein Wiener Kritiker der damaligen Zeit. Die „Sangbarkeit des Subjekts“, das sich zu Beginn aus dem Gewimmel der tiefen Streicher fugenartig in die Höhe hebt, rührt vom ersten Satz her: Es ist nichts anderes als dessen variiertes zweites Thema. Das Gegenthema des Fugatos dürfte den Hörerinnen und Hörern ebenfalls vertraut sein: Es handelt sich um jene Folge von drei Quartsprüngen, die schon Händel im Halleluja seines Messias für ein majestätisches Fugato benutzt hatte. Der junge Mendelssohn kostete die kontrapunktischen Möglichkeiten dieses Themas kongenial aus – bis hin zu einem siebenstimmigen Doppelfugato, das von der Wiederaufnahme des Scherzo Themas gekrönt wird. Die acht Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra boten eine grandiose Umsetzung des, leider, selten aufgeführten Werkes und durften dafür einen langanhaltenden stürmischen Applaus der begeisterten Zuhörer geniessen, bevor die Konzertpause folgte, in der man nun, nach Corona, auch wieder mit einem Cüpli im Foyer anstossen konnte.

Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)  Trio für Violine, Violoncello und Klavier e-Moll op. 67

Nachdem der Konzertflügel wieder an den richtigen Ort gerollt worden war, kamen mit Anne Sophie Mutter (Violine) und Kian Soltani (Cello), die eigentlichen «Headliner» dieses Konzertes auf die Bühne, zu denen sich auch noch die Pianistin Yulianna Avdeeva gesellte.

Grundsätzliches zu Schostakowitschs Komposition

Anne-Sophie Mutter Violine Symbolfoto
Anne-Sophie Mutter Violine Symbolfoto

Am 11. Februar 1944 verstarb der Musik- und Literaturwissenschaftler Iwan Sollertinski mit nur 41 Jahren, am Tag danach setzte sich Dmitri Schostakowitsch hin und begann, dem Freund mit seinem Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67 ein Andenken zu komponieren. Denn Sollertinskis früher Tod traf Schostakowitsch tief. Wenige Tage zuvor noch hatte Sollertinski einführende Worte zu Schostakowitschs Achter Symphonie gesprochen. Seinen Schmerz über den Tod des Freundes versuchte Schostakowitsch am 15.Februar 1944 der Witwe Sollertinskis zu beschreiben: “Liebe Olga Pantelejmonovna! Das Unglück, das mich traf, als ich vom Tode Iwan Iwanowitschs erfuhr, kann ich nicht in Worte fassen. Er war mein nächster und teuerster Freund. Meine ganze Entwicklung verdanke ich ihm. Ohne ihn zu leben wird mir unerträglich schwerfallen…”

Kian Soltani Violocello Symbolfoto
Kian Soltani Violocello Symbolfoto

Das im August 1944 vollendete Klaviertrio, ist wahrscheinlich das Allertragischste im Schaffen Schostakowitschs, denn tatsächlich mischt sich in die Trauer um den Freund auch Not und Elend der Kriegszeit hinein. Dass Schostakowitsch im Finale ein Thema aus der jüdischen Volksmusik verwandte, deutet zweifelsohne auf seine Trauer um die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden hin. Dieses jüdische Thema aus seinem Klaviertrio griff Schostakowitsch 1960 nochmals auf, als er sein achtes Streichquartett schrieb, “den Opfern des Faschismus und des Krieges gewidmet”. Im Klaviertrio ist es das Cello, das mit fahlen Flageolett-Tönen beginnt; Kanon artig antwortet die Violine. Dass alles Helle in diesem dunklen Werk trügerisch ist, entpuppt sich im energiegeladenen und bedrohlich wirkenden Scherzo. Im Largo hebt Schostakowitsch eine Totenklage an: Mit schweren Klavierakkorden schreitet die Musik als Passacaglia daher, quasi ein letztes Aufbäumen und in der Art eines Totentanzes klingt das Werk dann aus – makaber, leise und unerbittlich.

Diese schmerzlichen, manchmal sehr düsteren Tonformationen wussten die drei Protagonist*innen aufs trefflichste umzusetzen. Das einfühlsame Spiel, gepaart mit ihrer meisterhaften Spieltechnik, widerspiegelte die Verzweiflung und den Schmerz des Komponisten ein – drücklich und dringlich. Das düstere Brummen des Cellos, die spitzen Pizzicato der Violine oder die dunklen Harmonien des Pianos nachvollzogen die Stimmung, in der sich Schostakowitsch befunden haben muss.

Nach dem Ausklingen der letzten, feinen Laute applaudierte das Auditorium denn auch nicht euphorisiert, eher respektvoll, nachdenklich, aber deswegen nicht weniger begeistert.

Text: www.leonardwuest.ch Fotos: www.lucernefestival.ch  Peter Fischli und Priska Ketterer

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Anne-Sophie Mutter Yulianna Avdeeva  und Kian Soltani  beim Schlussapplaus
Anne-Sophie Mutter Yulianna Avdeeva und Kian Soltani beim Schlussapplaus
Anne Sophie Mutter Violine
Anne Sophie Mutter Violine
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