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William Shakespeare First Folio Ausgabe

Droge Shakespeare, Eine Satire von Anna Rybinski

William Shakespeare First Folio Ausgabe
William Shakespeare First Folio Ausgabe

Während einer Amerikareise verbrachte ich einige Tage bei neuen Bekannten in Cincinnati. Meine Landlady, Sally C., war kulturell sehr interessiert; wir führten lange Gespräche über die Welt im Allgemeinen und über die Literatur im Besonderen. Obwohl ich mich mit persönlichen Bekenntnissen zurückhielt, realisierte sie schnell, dass mein Hauptinteresse «dem sogenannten Bühnenautor William Shakespeare» galt und brachte mir am letzten Abend mit einer geheimnisvollen Miene einige Bücher aufs Zimmer.

Die Bemerkung, dass niemand diese Bände sehen durfte, vor allem ihr Ehemann nicht, weckte meine Neugier aufs Äusserste. Noch mehr die Mitteilung, dass sie mir damit ein Familiengeheimnis, nämlich die tragische Geschichte ihrer Ur-Ur-Urgrosstante anvertrauen wollte. Da mir vor der Abreise nur noch wenige Stunden zur Verfügung standen, fing ich gleich zu lesen an – und hörte bis zum Morgengrauen nicht auf. Was war das für eine Nacht!

Delia Bacon
Delia Bacon

Hier eine kurze Zusammenfassung der Lektüre, die mich über alle Massen aufgewühlt hatte. «Ein protestantischer Geistlicher zog 1811 mit Frau und Kindern in die wilden Wälder von Ohio, um Indianer zu bekehren. So kam die amerikanische Autorin Delia Bacon fernab jeglicher Zivilisation auf die Welt. Der Missionstätigkeit des Vaters war kein Glück beschieden, Hunger, Kälte, wilde Tiere und feindliche Eingeborene bedrohten ständig das Leben der kleinen Familie. Der gute Pastor musste unverrichteter Dinge – es heisst, ohne je einen Indianer getauft zu haben - und völlig verarmt nach Connecticut zurückkehren, wo er bald darauf starb. Weil seine Witwe für Delia keine höhere Schule bezahlen konnte, nahm die junge Dame die eigene Ausbildung selbst in die Hand; mit viel Disziplin und Ausdauer brachte sie es so weit, dass sie schon im Alter vom 15 Jahren gleichaltrige Mädchen unterrichten konnte. Ihr guter Ruf als Erzieherin verbreitete sich rasch – ihre grösste Leidenschaft galt jedoch der Literatur. Kaum zwanzig, gewann sie den ersten Preis in einem nationalen Wettbewerb, wo sie keinen geringeren als Edgar Alle Poe hinter sich liess! Sie schrieb auch ein erfolgreiches Theaterstück; der Bruder jedoch, inzwischen selbst ein Theologe, verbot ihr künftig solche unchristlichen Tätigkeiten. Sie gehorchte, obwohl sie sich inzwischen als Essayistin und Shakespeare-Kennerin einen Namen gemacht hatte; für die damalige Zeit eine erstaunliche Tatsache, weil die Literaturwissenschaft noch eine reine Männerdomäne war. Als Erzieherin hätte Delia Bacon eine glänzende Karriere einschlagen können, höhere Schulen für wohlhabende Mädchen waren damals rar. Eines Tages quittierte sie jedoch alle Verpflichtungen und widmete sich sechs Monate lang einer mörderischen Arbeit: dem Shakespeare-Kritizismus. Mit Akribie durchsuchte sie alle seine Werke, um Ungereimtheiten und versteckte Hinweise über Politik, die Umgebung und den Autor selbst zu finden. Sie kehrte mit der unerschütterlichen Überzeugung in die Öffentlichkeit zurück, dass der zweitrangige Schauspieler William Shakespeare vom Globe Theater nicht der Autor dieses Oeuvres sein kann! Er besass weder die Bildung noch das weltmännische Format, um solche grossartige Literatur zu schreiben. Ihr zufolge schuf eine Gruppe von Englands Elite die Bühnenwerke, deren zentrale Figur ein berühmter Philosoph und Staatsmann war:

Sir Francis Bacon
Sir Francis Bacon

Lord Francis BaconDer gleiche Familienname war reiner Zufall, sie bildete sich keineswegs eine entfernte Verwandtschaft ein. Unglücklicherweise machte sie in dieser Zeit die Bekanntschaft mit Samuel Morse, dem Erfinder des Telegraphs, der gerade seine bahnbrechenden Chiffre-Methoden präsentierte. Er brachte der Bacon-Anhängerin bei, wie man Geheimcodes entziffern und in alten Schriften verborgenen Zahlen- und Buchstabenkombinationen ausfindig machen konnte. Dazu hätte sie jedoch alle Werke von Shakespeare erneut durchsuchen müssen! Für jeden Grund genug, das unmögliche Vorhaben aufzugeben – aber nicht für Miss Bacon. Nichts konnte sie von dieser Arbeit abhalten, weder Entbehrungen noch die Drohungen des Bruders oder die Empörung anderer Wissenschaftler. Sie arbeitete wie besessen – und brachte ihre Begründungen ausführlich zu Papier in der Überzeugung, dass die Welt nicht den Provinzler aus Stratford-upon-Avon, wohl aber das Genie Francis Bacon feiern sollte. Zuletzt machte sie sich mit ihren beschränkten finanziellen Mitteln auf den Weg nach England. Körperlich und psychisch angeschlagen irrte sie auf historischen Plätzen und Friedhöfen umher und wollte sogar Gräber öffnen lassen, um dort die letzten Beweise für ihre Theorie zu finden. In Stratford verbrachte sie in einer ärmlichen Stube mehrere Monate praktisch im Bett, weil sie die Heizung nicht bezahlen konnte – und schrieb und schrieb, trotz Fieber und Husten. Allmählich erregte sie öffentliches Mitleid und mit Hilfe einiger Landsleute wurde ihr grosses Werk über den wahren Autor der Shakespeare’schen Dramen verlegt. Kaum einer las es - und niemand verstand es. Nach diesem Misserfolg verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Der Bruder musste sie nach Amerika zurückholen und in einer Anstalt pflegen lassen. Die Werke von William Shakespeare und Lord Francis Bacon wurden jedoch endgültig aus ihrer Umgebung verbannt, die eigenen Schriften ebenso. 1859 verstarb sie in geistiger Umnachtung.» Beim Abschied von meiner Gastgeberin war ich tief bewegt und bedankte mich mit zitternder Stimme für ihr Vertrauen. Zum Glück hatte die Lady die Ursache meines Gemütszustandes nicht verstanden und blühte regelrecht auf: Sie wollte mir sogar weitere Geheimnisse anvertrauen! So erfuhr ich, dass sie ein wichtiges Mitglied des Bacon-Vereins ist und dessen Arbeit jahrelang mit hohen Summen unterstützte. Eigentlich gab es schon seit dem Ableben von Delia Bacon eine weltumfassende Bewegung, von Literaten und Wissenschaftlern vorangetrieben, die felsenfest glaubten, dass die alte Jungfer recht hatte! Ein Heer von «Baconianern» der neuen Generation arbeitet auch heute unermüdlich daran, die Lügen über William Shakespeare zu entlarven. Sally flüsterte mir auch ihren grössten Kummer zu: Ihr Ehemann unterstütze sie gar nicht, in der Familie ist das Thema schon seit längerer Zeit verboten. Er hatte Angst, es könnte eventuell eine erbliche Veranlagung vorliegen, und verbannte jegliche Literatur über Delia Bacon aus dem Haus, die gesammelten Werke von Shakespeare und Francis Bacon inklusive. Dass sie ihr privates Vermögen insgeheim schon aufgebraucht hatte, um die Bewegung zu unterstützen, brachte bei ihm das Fass zum Überlaufen: Die jährliche Reise nach England wollte er nicht finanzieren und die Korrespondenz mit Gleichgesinnten wurde ihr verboten! Zum Glück konnte sie einige der kostbaren Bücher in einem Geheimfach verstecken und die Informationen des Vereins kämen an die Adresse einer Freundin. Ich versicherte ihr, dass sie das Geheimnis der richtigen Person anvertraute, weil ich selbst ebenso fest überzeugt war, den falschen Mann als Autor der unsterblichen Werke zu verehren. Eben darum sollten wir Kontakt halten und Neuigkeiten austauschen! Ihre Freude war unbeschreiblich. Wie Mitglieder eines Geheimbundes hatten wir Versprechungen gemacht, Adressen ausgetauscht und in euphorischem Zustand voneinander Abschied genommen.   Ich jubelte innerlich und konnte mein Glück kaum fassen: Mir war es gelungen, zum harten Kern des feindlichen Lagers vorzudringen! Ich habe die späte Verwandte der verrückten Miss Bacon kennengelernt, die genau so verrückt zu sein scheint, wie ihre Ur-Ur-Urgrosstante, die diesen Unfug in die Welt gesetzt hatte. Der trockene Stubengelehrte Lord Francis Bacon als Dichter? Lächerlich.   Ich nahm mir vor, meine Mitstreiter sofort über das Geschehene zu informieren, ihr Lob und ihre Anerkennung waren mir gewiss. Ich werde wie ein Spürhund auf der Fährte bleiben und von meiner neuen «Freundin» alles aus erster Hand erfahren, was die Baconianer im Schilde führten. Diese kriminelle Bande war nämlich zu allem fähig: Sie fälschten, stahlen Dokumente und vernichteten kostbare Beweise, die ihre Theorien gefährdeten. Und Sally faselte sogar etwas von einem Durchbruch! Nicht zu fassen – was haben sie wieder verdreht und gefälscht, um ihren Zielen näher zu kommen? Um es vorweg klarzustellen: Vor einem echten Durchbruch stehen nur WIR! Auch ich habe weder Geld noch Mühe gescheut, um der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Bald wird die staunende Welt von uns das bestgehütete Geheimnis der Literaturgeschichte erfahren, nämlich den Namen des wirklichen Autors der Shakespeare’schen Dramen:  

Edward de Vere, the Seventeenth Earl of Oxford
Edward de Vere, the Seventeenth Earl of Oxford

Edward de Vere, the Seventeenth Earl of Oxford   Edward de Vere, 17th Earl of Oxford[/caption] Er war das Genie, der seinem Freund, Will Shakespeare aus dem Theatermilieu bat, die Bühnenwerke als seine eigenen aufführen zu lassen. Nur er hatte die Ausbildung, das Talent, die philosophische Tiefe und die menschliche Erfahrung! Aber damals war es unter der Würde eines Aristokraten, als Autor von blutigen Dramen und frivolen Komödien aufzutreten. In Kürze können wir, «Oxfordianer», unsere Theorie mit authentischen Dokumenten beweisen, diesbezüglich habe ich in der letzten Zeit vielversprechendes gehört – jetzt werden unsere besten Köpfe die Forschungsergebnisse in Kürze öffentlich machen! Wir sind also bald am Ziel; leider habe ich inzwischen einige private Unannehmlichkeiten, die noch zu beseitigen wären. Mein Mann benimmt sich seit einiger Zeit merkwürdig. Als ihm zufällig ein Bankauszug von meinem privaten Konto in die Hände kam, sprach er tagelang nicht mit mir. Ja, das Geld, was ich von Mutti geerbt habe, ist alle. Na und? Die Nachforschungen kosten so viel, und wenn ich selbst nicht aktiv mithelfen kann, dann wenigstens mit Geld … Mein Mann sperrte sogar unser gemeinsames Konto und will mir die monatlichen Ausgaben lieber bar in die Hand geben. Ausserdem zwingen ihn Börsenverluste zum Sparen, und die Reise zu meiner «besten Freundin» in Oxford kann er auch nicht bezahlen. Oh weh, werde ich unseren grössten Triumph nicht hautnah miterleben können? Meine Tochter geht mir gleichwohl auf die Nerven, jeden Tag ruft sie zu unmöglichen Zeiten an. Ihr ständiges Gezeter lautet: Ich sollte mich in einer schönen Umgebung ausruhen! Wie wäre es in den Schweizer Bergen? Mein Sohn hingegen plädiert für eine Studienreise nach New Zealand, weit weg von europäischer Kultur. Sie spinnen doch alle. Solche teuren Reisen … sind wir jetzt pleite oder nicht?   Und wo sind überhaupt meine Bücher? Text: www.annarybinski.ch Homepages der andern Kolumnisten: www.gabrielabucher.ch www.leonardwuest.ch www.herberthuber.ch www.noemiefelber.ch/ http://paul-lascaux.ch/

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Verkaufsstand mit Insektennahrungsmitteln in Bangkok, Thailand.

Genuss statt Verdruss, Kolumne von Herbert Huber

Verkaufsstand mit Insektennahrungsmitteln in Bangkok, Thailand.
Verkaufsstand mit Insektennahrungsmitteln in Bangkok, Thailand.

Aber bitte, ich bin doch kein Küchen-Rassist! Wenn ich gegen gebackene, mit Sauce Remoulade servierte Engerlinge bin. Oder partout kein  Krokodilragoût und auch keinen Kängurubraten essen will.

Essen wie im Dschungelcamp
Essen wie im Dschungelcamp

Aber da wurde ja tatsächlich auf einem deutschen Fernsehsender eine Beiz in München vorgestellt, die Söttigs Zeugs servieren soll. Und Gäste zur Schau gestellt, welche eine frittierte Heuschrecke in den Mund stopften (man hörte es deutlich „chröspelen“) und dabei noch ein verklemmtes „mmh“ zu Wege brachten!

Insekten als Lebensmittel - Im Landeanflug auf den EU-Markt
Insekten als Lebensmittel - Im Landeanflug auf den EU-Markt

Zum Nachtisch wurden sautierte Bienchen auf einem Honigspiegel mit einem Stückchen Bienenwabe serviert! Was man denen als amuse-gueule vorsetzte, will ich lieber nicht beschreiben. Auf jeden Fall krabbelten die winzigen Dinger noch und sollen sehr proteinhaltig sein.

Frittierte Würmer sollen wegen des hohen Proteingehaltes sehr gesund sein
Frittierte Würmer sollen wegen des hohen Proteingehaltes sehr gesund sein

Allerdings, wie es scheint, hat sich der „Insekten Hype“ etwas vermindert und die mit diesen Dingern hergestellten Burger waren auch nicht gerade der Renner. Nur einmal habe ich einen Maikäfer hinuntergewurgelt. Das war in der Pfadi und galt damals bei den „Rotblauen“ Musegglern als Mutprobe!

So präsentiert sich die aktuelle Realität

Insekten essen Diese Produkte gibt es schon im Supermarkt
Insekten essen Diese Produkte gibt es schon im Supermarkt

Zurück zur (scheinbaren) Normalität. Doch, wo ist die überhaupt noch zu finden? Wenn sich Menschen planlos ihre Wägelis beim Grossverteiler voll beladen? Mit verpacktem Industriegemüse und Bequemlichkeitsfood, in Beuteln und Dosen, gewiss alles hygienisch verpackt, mit Datum versehen, für Genussreife und Ablauf und mit E-Nummern, dass einem graust.

Insekten essen Eine Alternative zum Fleisch
Insekten essen Eine Alternative zum Fleisch

Es wird drauflos gefoodet ganz gleich, wie dick der Bauch schon geworden ist. Und die Saison? Was ist das überhaupt? Da postet man mitten im Winter grünen Spargel und knallrote Erdbeeren, die von, weiss nur Gott woher, zu uns gekarrt und geflogen werden. Und Trauben müssen her und Tomaten das ganze Jahr.

Insekten als Lebensmittel Guten Appetit
Insekten als Lebensmittel Guten Appetit

Lieblos wird der Magen gefüllt wie der Benzintank des Autos. Wichtig ist, es läuft etwas. So, jetzt wird man mir wohl endgültig den Stempel eines „Grünen“ verpassen. Dabei wäre es ja ganz einfach: Ob grün oder rot, ob schwarz oder weiss, man sollte sich im Schlaraffenland der Exotik vielleicht wieder einmal auf kulinarische Gotik, auf Tradition, besinnen. Auf Saisonales. Auf Frisches. Auf Düfte. Auf mehr Genuss statt Verdruss!

So sieht Superfood aus
So sieht Superfood aus

Text : www.herberthuber.ch

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Restaurant mit vielen Handybenutzern

Bin (k)einer von Gestern meint Herbert Huber

Restaurant mit vielen Handybenutzern
Restaurant mit vielen Handybenutzern

Ich bin keiner von Gestern, gehöre ich doch auch zu denen, die am Handy kleben wie der Kaugummi am Gaumen. Telefonitis ist eine Krankheit, die (noch) nicht weh tut, aber einem rüüdig aufs Ohr gehen kann!

Handynutzer im Restaurant
Handynutzer im Restaurant

In der Beiz sind alle Tische besetzt. Ringsum klingelts und musizierts. Klassisch oder jazzig. Ich werde hässig, beobachte einen Gast, das Smartphone zwischen Ohr und hochgestelltem Achselknochen geklemmt. Schief ist die Kopflage, auch der Mundwinkel.

Handynutzer im Restaurant
Handynutzer im Restaurant

Zwischen den Zähnen etwas vom Kalb, Nüdeli auf der Gabel. Der Gast kaut und telefoniert! Business Lunch? Wichtigtuerei, oder was??

Unsitte verdrängt Anstand und Rücksichtnahme

Früh geübt, was später andere stört
Früh geübt, was später andere stört

Eine verdammte Unsitte ist es. Störsendungen ignoranter Manager gegenüber genussfreudigen Mitmenschen. Eine Beleidigung für die Küche und den Service, deren anspruchsvolle Leistung unbeachtet bleibt. Schon als Kind habe ich gelernt, nicht mit vollem Mund zu sprechen. Aber eben, das war gestern. Es gäbe Lösungen: Gleich eingangs der Beiz einen Eiskübel hinzustellen, mit der Bitte, während des Essens die Gespräche auf Eis zu legen – oder eine „Natelrobe“ statt der „Garderobe“. wo man sein Handy während des Restaurantaufenthaltes deponieren kann.

Stilles Örtchen, das war einmal

Toilette in Restaurant
Toilette in Restaurant

Szenenwechsel. Ich muss aufs Klo. Wenigstens da ist Ruhe. Denkste! „Salüüü“, tönts aus der Zelle nebenan. „Super, dass ich dich noch erreiche. Denk dran, ringsherum betonieren und gut mischen“. Dazwischen plumpst es in die Kloschüssel. „Und vor Ostern müsst ihr fertig sein, capito? Gut Osterhase und Gruß an deine Frau, Tschüüüss!“ Papiergeräusch und Wasserspülung. Hosen rauf – Geschäft erledigt.

Das stille Örtchen
Das stille Örtchen

Gleich zwei auf einen Streich. Wenn das nicht zeitgemäß, rationell, ökonomisch, ökologisch optimal ist? Ich weiss es selbst nicht mehr! Ich meinti, dass das Telefonieren in der Beiz während der Essenszeit verboten, Geschäft und Erholung, strikte getrennt werden sollten. Bin ich deswegen wieder zu  „Einem von Gestern“ geworden?

Text: www.herberthuber.ch

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Buchcover Hans Menasse

Hans Menasse – The Austrian Boy, Ein Leben zwischen Wien, London und Hollywood ein Essay von Anna Rybinski

Buchcover Hans Menasse
Buchcover Hans Menasse

Bei meinem letzten Aufenthalt in Wien haben mir liebe Bekannte ein besonderes Buch empfohlen. Der Titel des Buches könnte auch «Vom Flüchtlingskind zum Fussballstar» heissen – es ist die Lebensgeschichte eines Wiener Knaben, der als Achtjähriger aus der Stadt flüchten musste und nach seiner Rückkehr eine erfolgreiche Doppelkarriere aufgebaut hatte. Ja, nicht nur als Fussballstar, sondern auch als Vermittler zwischen Hollywood und Europa! Jetzt, wo man nur vom Gräuel und Elend des 2. Weltkriegs hört, wärmt es einem das Herz zu wissen, dass einige Schicksale eine Wendung  zum Guten fanden, dass manche Flüchtlingskinder von damals doch noch ein erfülltes Leben leben konnten. Die Geschichte endet trotz aller Gefahren mit einem Happy End. Wie ein Märchen – ist aber keins.

Flucht aus Wien

Die Brüder Hans und Kurt Menasse 1938
Die Brüder Hans und Kurt Menasse 1938

1938: Das Ehepaar Dolly und Richard Menasse versuchte verzweifelt, mit seinen Kindern aus Österreich zu flüchten, sie verfügten aber nicht über die nötigen finanziellen Mittel. Die Ehefrau war Katholikin, das Familienoberhaupt Jude – und den Rassengesetzen entsprechend waren sie bald allen Schikanen ausgesetzt.

«Ich hatte das Wort «Jude» überhaupt noch nie gehört. Auch in der Schule war keine Rede davon…..Ich wurde nie beschimpft. Ich war gut in der Klasse integriert und beliebt. Und von einem Tag auf den nächsten durfte ich nicht mehr in die Schule gehen.»

Nach dem «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wollten Dolly und Richard wenigstens ihre Söhne retten.

Hans spielt Cricket 1946
Hans spielt Cricket 1946

Man kann es nicht hoch genug würdigen: England hatte sich bereit erklärt, gefährdete Kinder aufzunehmen. Für die Reise- und Umsiedlungskosten kamen die Jüdische Gemeinde und die «Society of Friends», die Freikirche der Quäker auf. Ihrem Beispiel folgten bald die Niederlande, Frankreich, Belgien und Schweden. Die sogenannten Kindertransporte rollten ab 1. Dezember 1938 aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei in Richtung England. Die Familie Menasse musste freilich zahllose bürokratische Hürden überwinden, bis ihre Söhne, der 15-jährige Kurt und der 8-jährige Hans, die ersehnten Aufnahmebewilligungen erhielten. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit: Der Kriegsausbruch im September 1939 bedeutete das Ende dieser Aktion. Bis dahin wurden ca. 10.000 jüdische Kinder aus unmittelbarer Lebensgefahr in Sicherheit gebracht – die meisten sahen ihre Eltern nie wieder.

Die Jahre in England

Nach einer schwierigen Anfangszeit und schmerzhaften Trennungen hatten sich die Knaben in einem Londoner Aufnahmezentrum wiedergefunden und konnten auch gemeinsam eine Schule besuchen. Bis sich alles schlagartig änderte! Zwei Tage nach Englands Kriegserklärung an Deutschland wurden die Schulen und Kinderheime der Metropole blitzartig geräumt und hunderttausende Kinder aufs Land in Sicherheit gebracht. Jetzt mussten sich die Brüder erneut trennen, für einige Jahre gab es für sie kein Wiedersehen.

Die britische Regierung organisierte in ländlichen Gegenden Pflegeeltern für die Flüchtlingskinder. Hans kam mit zwei anderen Knaben zu einem kinderlosen Arbeiter-Ehepaar nach Dunstable und blieb bei ihnen sieben Jahre lang. Sie lebten in einfachen Verhältnissen – wurden allerdings liebevoll versorgt und wie eigene Söhne behandelt. Helfen mussten sie wohl im Garten und im Haus. Um das knappe Haushaltgeld aufzubessern, hatte Hans schon mit 12 Jahren Zeitungen ausgetragen oder sich als Fahrradkurier verdingt. Nach der obligatorischen Schulzeit begann er eine Ausbildung als technischer Zeichner und konnte bald als solcher arbeiten.

Sein grösstes Interesse galt indes dem Sport, vor allem dem Fussball, den er schon in Wien kennen- und lieben lernte. Im «Pioneer Boys Club» fiel der talentierte Bub früh auf. Er spielte bald bei Luton Town, einem Klub der zweiten englischen Liga und wurde  sogar  zu einem Probetraining von Arsenal London eingeladen.  Aber sein Schicksal bekam erneut eine andere Wendung.

«Ich hatte keine Ahnung gehabt, von gar nichts. Ich wusste nichts über die Judenverfolgung und auch nichts von Konzentrationslagern. Ich wusste nur, dass es Krieg zwischen Nazi-Deutschland und England gab. […] Ich wusste, dass die Russen auf Berlin zulaufen und die Amerikaner vorrücken. Und irgendwann stand gross in der Zeitung: Der Krieg ist vorbei!»

Die Rückkehr

Schuss von Menasse, Vienna-Austria 1953
Schuss von Menasse, Vienna-Austria 1953

Die Eltern überlebten die qualvollen Jahre in Wien, vor allem, weil die Katholikin nicht bereit war, sich von ihrem Ehemann zu trennen. Im Falle einer Scheidung bei «Mischehen» verlor der jüdische Partner seinen Schutzstatus und wurde deportiert. So war sein Leben gerettet – aber zu welchem Preis! Ohne eigene Wohnung und Einkommen, mit Zwangsarbeit und Krankheiten …. die Spirale ging immer tiefer abwärts. Überlebt, ja. Aber seelisch und körperlich gebrochen. Bei Kriegsende liessen die Eltern ihre Söhne, von denen sie jahrelang nichts gehört hatten, sofort durch das Internationale Rote Kreuz suchen.

Hans hatte in England unterdessen ein sorgenfreies Leben – bis er im Winter 1945 Post aus Wien erhielt.

«Als ich den Brief bekommen habe, wusste ich also, dass meine Eltern leben. Ich habe angefangen, mich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, zurückzugehen. Aber das war nicht so einfach: ich hatte einen guten Job in England, ich habe Fussball gespielt und angefangen, mit Mädchen auszugehen.»

Er entschied sich trotzdem, zu seinen leiblichen Eltern zurückzukehren, und trat erneut eine Reise ins Ungewisse an.

Sofia Loren mit Hans Menasse 1959
Sofia Loren mit Hans Menasse 1959

Schon Monate vor ihm traf auch sein Bruder Kurt in Wien ein. Als stolzer Sergeant der britischen Armee arbeitete er als Dolmetscher in ihrem Hauptquartier. Der Anfang für Hans war ungleich schwieriger: Er lebte mit den traumatisierten Eltern in einer winzigen Wohnung zu dritt mit Lebensmittelkarten für zwei! Ausserdem musste er seine gänzlich vergessene Muttersprache wieder erlernen und sich gleich Arbeit suchen, um Lebensmittelkarten zu bekommen. Als technischer Zeichner hatte er keine Chance  auf einen Job. Aber er konnte etwas, was damals sehr begehrt war und nur Wenige konnten: fliessend Englisch sprechen!

Obendrein galt er damals schon als hoffnungsvolles Fussballtalent. Was macht man mit diesem Kapital im Alter von 17 Jahren in einer kriegsversehrten Stadt?

Hans Menasse machte das Beste daraus.

Eine Doppelkarriere

Hitchcock und Menasse 1960 ©R.H.Binder
Hitchcock und Menasse 1960 ©R.H.Binder

Die amerikanische Filmindustrie wollte einen neuen Markt in Europa erschliessen und durch eine glückliche Fügung wurde Hans als Bürolehrling bei ihrer Verleihfirma angestellt. Der Name der Gesellschaft wechselte in den Jahrzehnten immer wieder, je nach Fusionen oder Aufkauf. Der Name ihres wichtigsten Mitarbeiters jedoch nicht: Hans Menasse. Seine Aufgabe war, die Vermarktung eines Filmes vorzubereiten. Sechs Monate vor dem Kinostart schickte das Studio eine Kopie nach Wien, um sie zu synchronisieren oder mit Untertiteln versehen zu lassen. Man brauchte Zeitungsartikel, Presseinformationen, Fotos und Plakate – das bedeutete viel Arbeit, ohne die Technologie von heute! Mit Kontakten zu den richtigen Leuten, guten Ideen und viel Bürokram musste Hans jede Premiere vorbereiten, damit der neue Streifen aus Hollywood erfolgreich wird.

Er machte die Arbeit so gut, dass er bald zum Pressechef aufstieg, und fast fünf Jahrzehnte lang Hollywood-Stars bei ihren Besuchen in Wien betreute. Er war auch bei ihnen geschätzt und beliebt – zahlreiche Fotos bezeugen es.

Einen Broterwerb hatte er also. Aber das Wichtigste für ihn, der Fussball, blieb auch nicht auf der Strecke.

Der Vater hatte den 17-jährigen bald nach seiner Rückkehr bei dem First Vienna Football Club für den Nachwuchs-Training angemeldet. Der Verein spielte in der damals größten Naturarena Europas, der Hohe Warte, mit einem Fassungsvermögen von 80.000 Zuschauern. Hans erfüllte die «hohen Erwartungen» und konnte bald als Aussenstürmer in die erste Mannschaft  aufsteigen: sein Debut erfolgte 1950, als er mit einem Tor und als Assistgeber glänzte.

Von da an ging es steil nach oben.

1953 war die FK Austria Wien, der grosse Rivale von Vienna, im Stadion Hohe Warte bei einem Meisterschaftsspiel zu Gast. Beide Clubs waren damals nicht nur österreichische, sondern auch europäische Spitze. Menasse hatte bei einem Sieg von 5:2 gleich vier Tore geschossen!

Es lohnt sich, nachzulesen, wie der «Sportfunk» darüber berichtete:

«Die Austria wurde eigentlich von einem Mann geschlagen: von Hans Menasse. […] Erstaunlich, mit welcher Ruhe er dem widerspenstigen Leder seinen Willen aufzwang und stets das machte, was man am wenigsten erwartete. […] Austrias Verteidigung wusste sich keinen Rat.»

Menasse mit Mutter und Sohn Schwarzenegger 1994
Menasse mit Mutter und Sohn Schwarzenegger 1994

Menasse spielte jahrelang mit der Vienna, später mit der Austria und wurde 1953 Mitglied der Nationalmannschaft. Bei Gastspielreisen mit seinem Klub lernte er viele Länder Europas und Südamerikas kennen.

Er war einer der populärsten und bekanntesten Sportler Österreichs.

Man erzählt, dass er einmal einen weltberühmten Hollywoodstar zum Hotel Sacher begleitete. Ein Passant fragte den anderen: Wer steht do neben dem Menasse?

Wir können uns auch fragen: War es nötig, neben solchen sportlichen Erfolgen einen anderen Beruf auszuüben? Er war die ganze Zeit auch noch als Pressebeauftragter des amerikanischen Filmverleihs tätig.

Naja, das waren andere Zeiten; mit dem Fussballspiel verdiente man kaum etwas. Die gefeierten Stars von heute sollten diese Zeilen lesen:

«Es gab im Fussball fast keine Profis, sondern nur Vertragsspieler. Bei der Vienna wurde alles in die Renovierung des devastierten Stadions auf der Hohen Warte gesteckt. Die Zuschauerränge waren auch kaputt. Die Spieler wurden ständig vertröstet und haben anfangs ganz wenig Geld bekommen.»

So blieb er auch später bei seinem reizvollen Job und sicherlich hatte er es genossen – seine wahre Berufung war  jedoch das Fussballspiel.

Hans Menasse kann  im Kreis seiner Familie auf ein erfülltes, erfolgreiches Leben zurückblicken.

Und ich, als Leserin dieses Buches empfinde  tiefe Dankbarkeit, dass nach den dunkelsten Zeiten solche glücklichen Wendungen möglich waren.

Die Zitate, wenn nicht anders vermerkt, stammen von Hans Menasse.

Das Buch «Hans Menasse The Austrian Boy» ist 2019 im Böhlau Verlag erschienen.

Autoren: Alexander Juraske, Agnes Meisinger, Peter Menasse.

Link: https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/geschichte/geschichte-des-20.-jahrhunderts/52796/hans-menasse-the-austrian-boy

Text:

www.annarybinski.ch

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