Mit dem Update der S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Frauen mit
wiederholten Spontanaborten“ werden diagnostische und therapeutische
Maßnahmen bewertet, die für Patientinnen mit wiederholten Fehlgeburten
gelten.
Wiederholte Fehlgeburten sind für betroffene
Frauen und Paare eine große körperliche und psychische Belastung.
Gleichzeitig sind die Ursachen vielfältig und die wissenschaftliche
Datenlage in vielen Bereichen heterogen. Die jetzt veröffentlichte S2k-
Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Frauen mit wiederholten
Spontanaborten“ schafft deshalb einen einheitlichen Rahmen für eine
strukturierte, evidenzbasierte und individuell ausgerichtete Versorgung.
Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und
Geburtshilfe e. V. (DGGG) wurden die Empfehlungen umfassend aktualisiert.
Sie richten sich insbesondere an Gynäkologinnen und Gynäkologen sowie an
alle weiteren Fachdisziplinen, die Frauen und Paare mit wiederholten
Fehlgeburten betreuen.
Weiterführende Diagnostik kann bereits nach zwei Fehlgeburten sinnvoll
sein
Nach der WHO-Definition liegen wiederholte Spontanaborte (WSA) bei drei
oder mehr aufeinanderfolgenden Fehlgeburten vor (siehe Kasten unten). Die
Leitlinie macht jedoch deutlich: Eine umfassendere Abklärung kann bereits
nach zwei Fehlgeburten sinnvoll sein. Ob eine weiterführende Diagnostik
angezeigt ist, sollte individuell entschieden werden. Neben der genauen
Abort- und Schwangerschaftsanamnese spielen insbesondere das Alter der
Frau und die reproduktionsmedizinische Gesamtsituation des Paares eine
wichtige Rolle. Ziel ist eine sinnvolle Abklärung relevanter Ursachen –
ohne unnötige Untersuchungen.
„Nach wiederholten Fehlgeburten brauchen Paare vor allem Klarheit und eine
verlässliche medizinische Orientierung. Die neue Leitlinie unterstützt
Ärztinnen und Ärzte dabei, die Diagnostik gezielt auf die individuelle
Situation abzustimmen und gleichzeitig unnötige Untersuchungen und
Behandlungen zu vermeiden“.
Prof. Bettina Toth,
DGGG-Leitlinienkoordinatorin
Frau und Mann gemeinsam in den Blick nehmen
Die Ursachen wiederholter Spontanaborte können sehr unterschiedlich sein.
Die Leitlinie berücksichtigt unter anderem genetische und anatomische
Faktoren, endokrinologische Erkrankungen, das Antiphospholipid-Syndrom,
Lebensstilfaktoren und psychische Belastungen. Besonderes Augenmerk liegt
in der aktualisierten Fassung auf männlichen Faktoren. Damit wird
unterstrichen, dass wiederholte Fehlgeburten nicht ausschließlich als
Problem der Frau betrachtet werden sollten. Auch beim Mann können Faktoren
wie bestimmte Veränderungen der Samenqualität oder der Spermien-DNA für
die individuelle Abklärung relevant sein.
Abortmaterial kann wichtige diagnostische Hinweise liefern
Bei wiederholten Spontanaborten kommt auch der genetischen Untersuchung
des Abortmaterials eine wichtige Bedeutung zu. Liegen keine entsprechenden
Befunde vorangegangener Fehlgeburten vor, soll eine zytogenetische
Untersuchung erfolgen. Die Ergebnisse können dabei helfen, die weitere
Diagnostik gezielter zu planen – etwa wenn eine Chromosomenveränderung
festgestellt wird.
Die Leitlinie setzt einen klaren Schwerpunkt auf eine ursachenbezogene
Therapie. Nicht jede Behandlung, die bei wiederholten Fehlgeburten
angeboten wird, ist wissenschaftlich ausreichend belegt. So ist
beispielsweise eine generelle Behandlung mit Heparin bei Frauen mit
wiederholten Spontanaborten ohne nachgewiesene Thrombophilie nicht
angezeigt. Auch für ASS allein oder in Kombination mit Heparin konnte bei
ungeklärten wiederholten Spontanaborten kein signifikanter Vorteil
hinsichtlich der Lebendgeburtenrate gezeigt werden.
Therapeutische Maßnahmen sollten daher gezielt eingesetzt werden, wenn
eine entsprechende Diagnose und Indikation vorliegen.
Psychische Belastung berücksichtigen
Neben der körperlichen Diagnostik stellt die Leitlinie die psychische
Situation der betroffenen Frauen und Paare in den Mittelpunkt. Wiederholte
Fehlgeburten können mit erheblichen Ängsten und psychischen Belastungen
einhergehen. Eine gute Versorgung sollte diese Belastungen ernst nehmen
und bei Bedarf psychosomatische oder psychotherapeutische Unterstützung
einbeziehen.
Die Betreuung von Paaren mit wiederholten Spontanaborten erfordert häufig
eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Neben der Gynäkologie und
Reproduktionsmedizin können unter anderem auch Disziplinen wie die
Humangenetik, Urologie und Andrologie, Endokrinologie, Innere Medizin,
Dermatologie, Sexualmedizin und Psychosomatik beteiligt sein.
Die aktualisierte Leitlinie ersetzt die Fassung von 2022 und ist vom 1.
Juni 2026 bis 31. Mai 2031 gültig.
Definitionen
Eine Fehlgeburt ist der Verlust einer Schwangerschaft vom Beginn der
Befruchtung bis zur 24. Schwangerschaftswoche bei einem Gewicht des Fetus
von < 500 g.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert drei und mehr Fehlgeburten
vor der 20. Schwangerschaftswoche (SSW) als wiederholten Spontanabort
(WSA).
Von einem primären wiederholten Spontanabort spricht man, wenn zuvor noch
keine Lebendgeburt stattgefunden hat.
Hat zuvor eine Lebendgeburt stattgefunden, so handelt es sich um einen
sekundären wiederholten Spontanabort.
Das DGGG-Leitlinienprogramm hat dieses Leitlinienprojekt mit 5.000 Euro
unterstützt.
Leitlinien sind Handlungsempfehlungen. Sie sind rechtlich nicht bindend
und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
https://www.tirol-kliniken.at/page.cfm?vpath=standorte/landeskrankenhaus-
innsbruck/kliniken/department-frauenheilkunde/univ-klinik-fuer-
gynaekologische-endokrinologie-und-reproduktionsmedizin
Originalpublikation:
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/015-050