Zum Hauptinhalt springen

Gesundheit

Was ist ERN RARE-LIVER und wie kann es Menschen mit Seltenen Lebererkrankungen helfen?

Am 28. Februar 2023 ist es soweit: Der RARE DISEASE DAY soll auf der
ganzen Welt so viel Aufmerksamkeit wie möglich erregen und auf die 300
Millionen Menschen lenken, die weltweit mit einer seltenen Erkrankung
leben.

Doch was viele Betroffene nicht wissen: Es gibt hochspezialisierte
Exzellenzzentren, wie das Europäische Referenznetzwerk für Seltene
Lebererkrankungen (ERN RARE-LIVER) - ein 2017 von der Europäischen
Kommission initiierter Verbund von medizinischen Exzellenzzentren zur
Diagnostik und Therapie von Betroffenen, sowohl Kindern als auch
Erwachsenen, das in Hamburg angesiedelt ist.

Doch was genau ist das ERN RARE-LIVER und wie kann es seinen Patienten
helfen?

Das Europäische Referenznetzwerk für Seltene Lebererkrankungen (ERN RARE-
LIVER) ist ein 2017 von der Europäischen Kommission initiierter Verbund
von medizinischen Exzellenzzentren zur Diagnostik und Therapie von
Betroffenen, sowohl Kindern als auch Erwachsenen.

Ziel ist es, das Wissen und die Erfahrung ausgewiesener Experten
europaweit zu bündeln und allen Patienten und ihren behandelnden Ärzten
zur Verfügung zu stellen. Inzwischen gehören 53 Universitätskliniken aus
15 EU-Ländern dem Netzwerk als Vollmitglieder an, zusätzliche 27 Zentren
aus 13 weiteren Ländern sind dem Netzwerk durch Partnerschaften verbunden
und arbeiten eng zusammen.

Neben der fachlichen Expertise zeichnet sich das ERN auch durch die
besondere Berücksichtigung der Patienteninteressen aus. 39
unterschiedliche Patientenorganisationen sind dem Netzwerk angeschlossen
und entsenden Vertreter in das Leitungsgremium (Management Board) und alle
weiteren Gremien des Netzwerkes.

Für Menschen mit Seltenen Erkrankungen ist es oft sehr schwierig,
rechtzeitig die richtige Diagnose und die für sie notwendigen, häufig sehr
individuellen Behandlungsmöglichkeiten zu bekommen.

In der Europäischen Union gilt eine Erkrankung als selten, wenn nicht mehr
als fünf von 10.000 Menschen von ihr betroffen sind. Das entspricht einer
Erkrankungshäufigkeit unter 0,05 Prozent, so dass selbst der
durchschnittliche Facharzt das entsprechende Krankheitsbild noch nie oder
höchstens einmal gesehen hat. Für seltene Erkrankungen kann das Fachwissen
deswegen nur an wenigen Spezialzentren vorhanden sein.

Ziel des RARE-LIVER Netzwerkes ist es, jedem betroffenen Patienten Zugang
zu diesem Spezialwissen zu ermöglichen und gemeinsam Diagnostik und
Therapie dieser seltenen Erkrankungen zu verbessern. Hierzu bietet das
Netzwerk umfangreiches Informationsmaterial, veranstaltet Seminare,
Workshops und Webinare zur Fort- und Weiterbildung und ist in
Zusammenarbeit mit den europäischen Fachgesellschaften auf den
internationalen Kongressen vertreten. Spezielle Arbeitsgruppen widmen sich
den verschiedenen Krankheitsbildern sowie übergeordneten Themen wie der
Lebensqualität betroffener Patienten oder den Versorgungsstrukturen.

Als einen ganz besonderen Service bietet das Netzwerk über ein Daten-
gesichertes online Tool auch gezielte Beratung für einzelne Fälle. Hierfür
kann sich jeder Arzt an eines der Mitgliedszentren wenden, und von dort
aus kann die Konsultation der besten Spezialisten für die jeweilige
Fragestellung leicht und zügig in die Wege geleitet werden. Auf diesem
Wege konnte bereits mehr als 400 Patienten mit besonders komplexen
Problemen bei seltenen Lebererkrankungen geholfen werden.

Auf diese Weise erreicht das RARE-LIVER Netzwerk schrittweise das
übergeordnete Ziel, dass jedem europäischen Patienten – unabhängig von
seinem Wohnort – das beste Wissen über Lebererkrankungen zugänglich
gemacht werden kann.

Zwei konkrete Beispiele:

Die autoimmune Hepatitis (AIH) ist eine seltene entzündliche Erkrankung
der Leber, bei der das eigene Immunsystem die Leber angreift und schädigt,
deshalb könnte AIH auch als „Rheuma“ der Leber bezeichnet werden.
Unbehandelt schreitet die Erkrankung voran, bis die Leber so stark
geschädigt ist, dass sie ihre Funktion nicht mehr erfüllen kann und die
Patienten versterben, es sein denn eine Lebertransplantation ist noch
möglich. Durch eine antientzündliche Therapie kann dieser Prozess
aufgehalten werden, die Lebensqualität verbessert sich und die Patienten
erreichen meist wieder eine normale Lebenserwartung. Eine
Lebertransplantation ist damit nicht mehr notwendig.

Einen gänzlich anderen Hintergrund hat die sehr seltene Lebererkrankung
Morbus Wilson, die Kupferspeicherkrankheit. Hierbei wird durch einen
genetischen (also ererbten) Fehler der Stoffwechsel von Kupfer, auf das
der Körper in geringen Mengen angewiesen ist, gestört: Es wird weiterhin
Kupfer in den Körper aufgenommen, aber kein Kupfer mehr ausgeschieden.
Somit reichert sich Kupfer in verschiedenen Organen wie der Leber, aber
auch dem Nervensystem, an und schädigt diese. Durch moderne medikamentöse
Therapien, die Kupfer binden und die Kupferausscheidung fördern, können
Organschäden effektiv verhindert werden. So effektiv die Therapie sein
kann, so sehr erfordert sie bei beiden Erkrankungen eine individualisierte
Abstimmung auf den jeweiligen Patienten und deshalb Erfahrung und
Spezialwissen.

Wie findet der Patient den richtigen Arzt?

In der Regel gehen Patienten zu ihrem Hausarzt, der mit den Symptomen und
dem Krankheitsbild im Fall von seltenen Lebererkrankungen häufig nichts
anfangen kann, daher überweist er den Patienten an das nächste
Universitätsklinikum. Dort finden weitere Untersuchungen statt. Doch auch
in den meisten Krankenhäusern reicht das Fachwissen oft nicht aus, um
herauszufinden, welches die richtige Behandlung wäre. In diesem Fall
wenden sich Ärzte an das Europäische Referenznetzwerk (ERN) RARE-LIVER.
Mit der Zustimmung des Patienten gibt das Krankenhaus die Akte in das
hochgesicherte ERN-eigene Online-System ein. Spezialisten aus ganz Europa
analysieren den Fall und erörtern die möglichen Optionen. Auf der
Grundlage von ähnlichen Fällen rät das Gremium zu einer, auf diesen
individuellen Fall maßgeschneiderten, Behandlung, die in den meisten
Fällen dann im Heimatland des Patienten durchgeführt werden kann. Das
System kann aber auch dazu dienen, Expertenmeinungen zur Diagnostik
einzuholen, also bei unklaren Fällen Experten zu befragen, was sie
glauben, welche Erkrankung vorliegt und welche weiteren Untersuchungen
notwendig sind, um die Erkrankung zu beweisen.

„Das heißt, der Patient muss dem Fachwissen nicht mit einem hohen
zeitlichen und finanziellen Aufwand hinterher reisen, sondern unser
Netzwerk bringt das Wissen direkt zum Patienten“, erklärt Leberspezialist
und Netzwerkkoordinator Professor Ansgar W. Lohse.

Hintergrundinformation:

In der Europäischen Union gilt eine Erkrankung als selten, wenn nicht mehr
als fünf von 10.000 Menschen von ihr betroffen sind. Doch von diesen
Erkrankungen gibt es viele.

Seltene Krankheiten haben häufig eine genetische Komponente als Ursache.
Sie verlaufen oft chronisch und senken häufig die Lebenserwartung des
Patienten. Dabei werden angeborene Krankheiten von Erkrankungen
unterschieden, die infektiöse oder toxische Ursachen haben.

Es gibt verschiedene seltene Erkrankungen mit genetischer Ursache, die zu
einer Leberschädigung führen können. Hierzu gehören zum Beispiel der
Morbus Wilson, die Porphyrie, oder der Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, die
durch Defekte von Enzymen verursacht werden, die für den Abbau von
Stoffwechselprodukten notwendig sind.

„Bei Lebererkrankungen ist die Früherkennung besonders wichtig. Die
Erkrankung und ihre Folgen können umso besser behandelt und gegebenenfalls
sogar geheilt werden, je früher sie erkannt wurden“, erklärt Professor
Ansgar W. Lohse.

Funktionen der Leber

Die Leber übernimmt zahlreiche Funktionen. Sie spielt eine wichtige Rolle
im Energiestoffwechsel und produziert zudem viele wesentliche Enzyme, um
diesen zu regulieren. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Entgiftung des
Körpers, die Speicherung von Energiereserven und Vitaminen sowie die
Produktion von Bluteiweißen, Gallenflüssigkeit, Abwehrstoffen und
Ausgangsprodukten für die Hormonproduktion. Auch wichtige Bestandteile des
Immunsystems sind in der Leber lokalisiert. Dies sind vorrangig
Abwehrzellen, die der Infektabwehr dienen, aber auch für das Gleichgewicht
des Immunsystems im ganzen Körper wichtig sind. Eine funktionsfähige Leber
ist essentiell für die Gesundheit jedes Menschen.

  • Aufrufe: 151

GERAADA Score: Deutsche Risikobewertung für Aortendissektion in den USA bestätigt

Hohe Zuverlässigkeit der Deutschen Risikobewertung bei Patient*innen mit
lebensbedrohlichen Einrissen der Hauptschlagader in Amerika bestätigt.

Der von der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie
(DGTHG) entwickelte GERAADA Score, der eine strukturierte
Risikoabschätzung für Patient*innen mit Aortendissektion vornimmt, ist in
den USA für amerikanische Patient*innen überprüft worden. Wie Mikolaj
Berezowski von der Klinik der Universität von Pennsylvania auf der
Jahrestagung der amerikanischen Fachgesellschaft STS (Society of Thoracic
Surgeons) berichtete, wurde der Score bei 685 notfallmäßig an der Aorta
operierten Patient*innen angewandt. Im Ergebnis zeigte sich eine hohe
Übereinstimmung zwischen der Vorhersage des Scores und dem tatsächlichen
Überleben. Dem GERAADA Score wurde daher eine große Zuverlässigkeit
attestiert.

„Es freut uns natürlich sehr, dass Amerika nach Deutschland blickt und die
Ergebnisse unserer wissenschaftlichen Tätigkeit anerkennt und bestätigt,“
sagte Prof. Dr.Andreas Böning, Vizepräsident der DGTHG. Die
Risikoabschätzung GERAADA wurde bereits 2020 von Prof. Martin Czerny,
Leiter der DGTHG-Kommission Aortenchirurgie, erstpubliziert (Eur J
Cardiothorac Surg. 2020 Oct 1; 58 (4): 700-706) und in Folge umgehend in
Deutschland in die klinische Praxis eingeführt. Aktuell werden die
Langzeit-Daten der Patient*innen des GERAADA Registers dahingehend
überprüft, ob der für den 30-Tage-Zeitraum entwickelte GERAADA Score auch
für das Langzeit-Überleben anzuwenden ist.

Prediction of mortality rate in acute type A dissection: the German
Registry for Acute Type A Aortic Dissection score.
Czerny M, Siepe M, Beyersdorf F, Feisst M, Gabel M, Pilz M, Pöling J,
Dohle DS, Sarvanakis K, Luehr M, Hagl C, Rawa A, Schneider W, Detter C,
Holubec T, Borger M, Böning A, Rylski B. Eur J Cardiothorac Surg. 2020 Oct
1;58(4):700-706. doi: 10.1093/ejcts/ezaa156.

  • Aufrufe: 102

Wie schädigen Operationen mit Herz-Lungen-Maschine die Darmflora?

Forschungen zum Mikrobiom mit renommierter Dr. Rusche-Projektförderung der
Deutschen Stiftung für Herzforschung ausgezeichnet

Rund 90.000 Herzoperationen mit und ohne Herz-Lungen-Maschine (HLM) werden
pro Jahr in Deutschland durchgeführt. Die Anwendung der HLM ist nach wie
vor bei vielen Operationen am Herzen unentbehrlich. Allerdings hat ein
solcher invasiver Eingriff, bei dem das Herz „stillgelegt“ wird und die
HLM die Funktion von Herz und Lunge übernehmen muss, mitunter auch
unerwünschte Folgen. Gefürchtet ist nach herzchirurgischen Eingriffen mit
HLM zum Beispiel das system-inflammatorische Antwortsyndrom (SIRS). Dabei
kommt es zu heftigen Immunreaktionen, die in eine kaum zu kontrollierende
Kreislaufinstabilität und Störungen der Organfunktion münden können – mit
zum Teil tödlichem Ausgang für die betroffenen Herzpatienten. Gleichzeitig
ist inzwischen bekannt, dass die natürliche und intakte Keimbesiedelung
des Darms, das Mikrobiom (ehemals auch als Darmflora bezeichnet), eine
grundlegende, stabilisierende Rolle bei der Regulierung des Immunsystems
hat. Diese sogenannte Eubiose kann durch verschiedene Einflüsse gestört
werden und in den gesundheitlich ungünstigen Zustand der Dysbiose
übergehen.

Forschung zum Mikrobiom und SIRS für mehr Patientensicherheit bei Herz-OPs
Bei einer Dysbiose sind Anzahl und Vielfalt der normalen Mikrobiom-
Organismen reduziert. Dies begünstigt, dass sich potenzielle
Krankheitserreger ansiedeln bzw. vermehren können, was durch Ausschüttung
verschiedener Metaboliten und Toxinproduktion wiederum entzündliche
Prozesse aktivieren und erhalten kann. Einer der Schlüsselfaktoren für das
Gleichgewicht des Mikrobiom-Milieus ist eine physiologische
Darmdurchblutung – und eine Operation mit HLM beeinträchtigt diese
nachweislich. „Unverzichtbar für mehr Patientensicherheit sind neue
Erkenntnisse zu den Entstehungsmechanismen des SIRS im Zusammenhang mit
herzchirurgischen Eingriffen mit HLM. Die Rolle des durch Operation mit
HLM veränderten Mikrobioms rückt dabei zunehmend in den Fokus der
Forschung“, betont Herzchirurg Prof. Dr. Armin Welz, Vorsitzender des
wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Stiftung für Herzforschung
(DSHF). Deshalb fördere die DSHF mit der diesjährigen Dr. Rusche-
Projektförderung eben zu dieser Problematik ein innovatives
Forschungsvorhaben.

Dr. med. Hristian Hinkov von der Klinik für Herz-, Thorax- und
Gefäßchirurgie am Deutschen Herzzentrum der Charité - Universitätsmedizin
Berlin, will daher nun zusammen mit Kollegen den Einfluss einer
Herzoperation mit HLM auf das Mikrobiom genauer untersuchen. Das mit der
Dr. Rusche-Projektförderung ausgezeichnete Projekt möchte unter anderem
klären, wie sich das Mikrobiom, seine Stoffwechselprodukte und Botenstoffe
(Metabolom) nach Operationen mit HLM verändern. Diese Erkenntnisse sollen
dann mit der Aktivierung verschiedener Entzündungsmechanismen und mit dem
Heilungsverlauf nach OP in Zusammenhang gesetzt werden, um so wichtige
Hinweise zum Entstehen eines SIRS zu erhalten.
„Denn lässt sich tatsächlich eine Verbindung zwischen spezifischer
Mikrobiom-Veränderung und SIRS-Mechanismen nachweisen, könnten sich daraus
auch neue Therapieansätze bei SIRS ergeben, zum Beispiel durch eine
gezielte Mikrobiom- bzw. Metabolom-Modulation“, hofft Dr. Hinkov.
Entsprechende Maßnahmen könnten entweder vor dem Eingriff erfolgen, um das
Mikrobiom zu stabilisieren oder nach dem Eingriff, um die Mikrobiom-
Zusammensetzung zu regenerieren und wieder herzustellen. Darüber hinaus
soll erforscht werden, ob sich bereits vor einer Operation anhand von
bestimmten Mikrobiom-Profilen ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von
SIRS erkennen lässt. „Damit könnte potenziell betroffenen Patienten eine
angepasste Therapie angeboten und der Einsatz einer HLM ein Stück sicherer
gemacht werden“, so Hinkov.

Mikrobiom von 80 Patientinnen und Patienten nach Bypass-OP untersucht
Das Projekt sieht konkret vor, bei 80 herzchirurgisch behandelten
Patienten das Mikrobiom zu untersuchen: davon 40 Patienten mit aorto-
koronarer Bypass-Operation und HLM sowie 40 Patienten mit Bypass-
Operation, bei der keine HLM-Unterstützung nötig ist. „Vor der Operation,
unmittelbar nach dem Eingriff, während des Krankenhausaufenthaltes sowie
sechs Monate nach Entlassung werden Blut- und Stuhlproben entnommen und
hinsichtlich Mikrobiom-Zusammensetzung, Entzündungszeichen und
Immunzellaktivierung ausgewertet. Die Befunde werden dann mit dem
jeweiligen Verlauf von OP und Heilungsprozess abgeglichen, um mögliche
Zusammenhänge zu erkennen“, erläutert Hinkov.

Das Projekt von Dr. Hinkov „Die Effekte der Herz-Lungen-Maschine auf das
intestinale Mikrobiom und die Relation zum postoperativen SIRS“ erhält
aufgrund seines innovativen Forschungsansatzes daher auch die Dr. Rusche-
Projektförderung der Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF) 2023 in
Höhe von 58.800 Euro, die jährlich von der DSHF zusammen mit der Deutschen
Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) für ein
Forschungsvorhaben auf dem Gebiet der Herzchirurgie vergeben wird. Die
DSHF wurde von der Deutschen Herzstiftung 1988 gegründet. Der Antrag der
Berliner Nachwuchsforscher wurde im Februar auf der 52. Jahrestagung der
DGTHG ausgezeichnet.
(ne)

Forschung nah am Patienten
Dank der finanziellen Unterstützung durch Stifterinnen und Stifter,
Spender und Erblasser kann die Deutsche Herzstiftung gemeinsam mit der von
ihr 1988 gegründeten Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF)
Forschungsprojekte in einer für die Herz-Kreislauf-Forschung
unverzichtbaren Größenordnung finanzieren. Infos zur Forschungsförderung
der Deutschen Herzstiftung: www.herzstiftung.de/forschung-und-foerderung
Die 2008 eingerichtete „Dr. Rusche-Projektförderung“ ist mit 60.000 Euro
dotiert und wird jährlich von der DSHF zusammen mit der Deutschen
Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) vergeben.
Benannt ist der Stiftungsfond nach dem Internisten Dr. Ortwin Rusche (1938
bis 2007) aus Bad Soden, der die DSHF in seinem Testament bedachte, um
Forschungsprojekte auf dem Gebiet der Herzchirurgie zu fördern. Bewerben
können sich junge Wissenschaftlerinnern und Wissenschaftler, die in
Deutschland auf dem Gebiet der Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie tätig
sind (www.dshf.de).

  • Aufrufe: 129

Behandlung von Müdigkeit in der Hausarztpraxis

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
hat ihre S3-Leitlinie „Müdigkeit“ umfassend überarbeitet. Wie bisher liegt
der Fokus der Leitlinienempfehlungen beim Symptomkomplex Müdigkeit auf
einer biopsychosozialen Vorgehensweise in der Hausarztpraxis. Neu hingegen
sind die Empfehlungen zu ME/CFS, die nun deutlich umfangreicher ausfallen
und auch andere Schwerpunkte setzen.

Müdigkeit ist ein häufiger Beratungsanlass in der Hausarztpraxis. Das gilt
umso mehr in Zeiten von Long- und Post-COVID. Die DEGAM warnt davor, den
hohen Leidensdruck der Patientinnen und Patienten zu unterschätzen. Die
Behandlung des Beschwerdebildes Müdigkeit ist äußerst komplex. Umso
wichtiger, dass sich niedergelassene Hausärztinnen und Hausärzte mit
Leitlinien im Praxisalltag gut orientieren können, welche Diagnose- und
Therapieoptionen am sinnvollsten sind.

Diese Orientierung vermittelt die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft
für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), die nun überarbeitet und
im Januar 2023 erneut veröffentlicht wurde. „Die Leitlinie hilft den
Hausärztinnen und Hausärzten, das richtige Maß an Medizin zu finden: Das
Gute und Richtige zu tun und das Unnötige und gegebenenfalls sogar
Schädliche zu unterlassen“, kommentiert Prof. Dr. med. Martin Scherer,
Präsident Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin.
Ziel sei es, die betroffenen Patientinnen und Patienten bestmöglich zu
versorgen.

Wie in der bisherigen Version spricht sich die Leitlinie für eine
biopsychosoziale Vorgehensweise aus. Gleichzeitig werden der hohe
Stellenwert der ausführlichen Anamnese und der umfassenden
primärärztlichen Versorgung bei Müdigkeit erneut betont: Die Behandlung in
der Hausarztpraxis ist laut Leitlinie der beste Schutz vor nicht-
indizierter überzogener Diagnostik und Therapie.

Die umfassendsten Änderungen gibt es im Leitlinien-Update im Kapitel
Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS): „Es
gibt bisher keine deutschsprachige eigene Leitlinie zu ME/CFS, aber nun im
Rahmen der Gesamtleitlinie aktuelle wissenschaftliche Informationen mit
entsprechend fundierten Handlungsempfehlungen für Hausärztinnen und
Hausärzte in Deutschland“, erklärt Prof. Dr. med. Erika Baum von der
DEGAM, die die Überarbeitung der Leitlinie federführend betreut hat.

Das neue Kapitel zu ME/CFS orientiert sich am Stand der internationalen
Forschung sowie an internationaler Evidenzrecherche und -bewertung.
Allerdings gibt es noch viele offene Forschungsfragen. Auch deswegen
spricht sich die DEGAM in der Leitlinie für mehr Forschungsanstrengungen
zu diesem komplexen Krankheitsbild aus.

Da die Ursache von ME/CFS nach wie vor ungeklärt ist und sowohl
physiologische als auch psychosomatische Mechanismen in Betracht kommen,
wird eine langfristig angelegte und biopsychosoziale Betreuung durch die
Hausarztpraxis empfohlen. Nur die Hausarztpraxis kann den Blick aus
unterschiedlichen Perspektiven gewährleisten. „Gerade Hausärztinnen und
Hausärzte können gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten am besten
erkennen, welche Interventionen und Belastungen individuell tolerabel
sind, um Fehlbelastungen zu vermeiden und die Therapie anzupassen. Bei
guter Kenntnis der Informationen aus der Leitlinie und kontinuierlich-
vertrauensvoller Betreuung können Betroffene adäquat versorgt werden,“ so
die Expertin Erika Baum.

Die wissenschaftliche Debatte um Diagnostik und Therapie von ME/CFS ist
auch international seit Längerem von Kontroversen geprägt – gerade weil
die Ursachen unklar und die wissenschaftlichen Ergebnisse wenig
einheitlich sind. Diese Kontroverse bildet sich teilweise auch in der
DEGAM-Leitlinie ab, da sich verschiedene Fachgesellschaften mit einem
Sondervotum zum ME/CFS-Kapitel eingebracht haben. „Bei schwacher
Evidenzlage wie in diesem Fall ist es nicht unüblich, auch in der
Leitlinienarbeit zu unterschiedlichen wissenschaftlichen
Schlussfolgerungen zu kommen“, kommentiert DEGAM-Präsident Martin Scherer.
„Trotzdem war die Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen und
Expertinnen und Experten bei der Überarbeitung der Leitlinie gut und
konstruktiv“, ergänzt Erika Baum.

Die oft hitzige öffentliche Diskussion um ME/CFS zeige, dass es in diesem
Bereich viele Missverständnisse gebe, so Baum weiter: „Es ist als
wissenschaftliche Fachgesellschaft unsere Aufgabe, diese Missverständnisse
zunehmend aufzulösen. Dafür setzen wir uns auch mit der neuen Leitlinie
ein.“

Darüber hinaus engagiert sich die DEGAM neben der eigentlichen
Leitlinienarbeit auch dafür, den Wissenstransfer in die Hausarztpraxen
anzustoßen und die Inhalte der neuen Leitlinie in der Aus-, Weiter- und
Fortbildung bekannt zu machen und zu verankern.

Zur überarbeiteten S3-Leitlinie Müdigkeit: https://bit.ly/3YDXoJM

  • Aufrufe: 148