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Lifestyle

Oliver Schnyder, Solist am Klavier

Luzerner Sinfonieorchester, Beethoven Projekt 3, Oliver Schnyder, Klavier, 18. Juni 2017, besucht von Léonard Wüst

Oliver Schnyder, Solist am Klavier
Oliver Schnyder, Solist am Klavier

Besetzung und Programm:

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 19

Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel «Egmont» op. 84

Ludwig van Beethoven
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73

 

Rezension:

Mit dem sonntäglichen Konzert endete das Beethoven Projekt des Luzerner Sinfonieorchesters. Die erste Aufführungsserie aller Konzerte begann  mit Kammermusik-Fassungen auf dem Pilatus.

Zum Konzert:

Im ersten Konzertteil wurde das etwas „ruhigere“ zweite Konzert für Klavier und Orchester von Beethoven interpretiert.

Luzerner Sinfonieorchester, Bild Christian Flierl
Luzerner Sinfonieorchester, Bild Christian Flierl

Schnyder arbeitete die Konturen klar heraus, feinfühlig und doch bestimmt, baute die Spannungen auf, klar strukturierend, dennoch nie dominant. Keinerlei Effekthascherei, instinktiv den Vorgaben des Komponisten folgend, ermöglichte dies ein wunderbares Miteinander von Solist und Orchester, das von Dirigent James Gaffigan konziliant, doch souverän bestimmt  zusammengefügt wurde. Gebannt, fast angestrengt – angespannt, lauschte das Publikum, im vollen Konzertsaal, diesem Musikgenuss und feierte die Künstler dann auch mit einem langanhaltenden starken Applaus.

Bei der darauf folgenden Ouverture zu Goethes  „Egmont“ konnte das Orchester ebenso brillieren, wie vorher Solist Oliver Schnyder., dazu liess ihm der Dirigent sehr viel Freiheiten, indem er nur sehr marginal mittels wenigen Gesten führte. Auch hier geizte das Auditorium nicht mit Applaus, bevor es sich wohlgestimmt in die Pause begab.

Zweiter Konzertteil:  

James Gaffigan, Leitung
James Gaffigan, Leitung

Das 5. Konzert für Klavier und Orchester Im englischsprachigen Raum auch unter dem Titel Emperor bekannt, gehört zu den meistaufgeführten Klavierkonzerten weltweit und erfreut sich größter Beliebtheit.(Aufgrund seiner fortgeschrittenen Schwerhörigkeit konnte Beethoven das Werk nicht selber uraufführen und hat deshalb präzise Anweisungen, wie der Solopart durch den Pianisten zu spielen sei, in der Partitur eingefügt). Zu Beginn intoniert das ganze Orchester erhaben und prunkvoll einen gehaltvollen Akkord, dreimal gefolgt  vom Soloklavier mit fabelhafter Kadenz, worauf das Orchester das Hauptthema mit grossem sinfonischen Glanz beginnt, eine einzigartige Verschmelzung von konzertierenden Passagen und sinfonischer Grösse. Trotz dem, von Beethoven diktierten engen Korsett der Interpretation, gelingt es Oliver Schnyder auf eindrückliche Art, dem Werk seine persönliche Note zu verleihen. Er schuf eine meditativ verinnerlichte Atmosphäre im langsamen Satz, schälte die Nuancen heraus, ruhte oft in sich selbst, über sein Instrument gebeugt, um sich kurz darauf entspannt zurückzulehnen für besonders schöne Tremolo oder eine Abfolge feiner Arpeggien. Diesen Intuitionen folgte Gaffigan mit seinem  Residenzorchester des KKL, so der neue Name des LSO, aufs trefflichste und lässt dadurch den Solisten brillieren, ohne das Licht des Orchesters unter den Scheffel zu stellen. Der ruhigen Verhaltenheit folgt als einziger Ton ein H. das von den Hörnern behutsam um einen halben Ton zum einem B hinuntergefedert wird, so den Boden legend für das intonieren des Themas des Finales durch das Solopiano, bevor es sich ungestüm überschäumend Bahn bricht zu einer 6/8 Taktfolge voller Übermut und so die ganze Spannung im grossen Finale auflöst. Entspannt und begeistert brachte das Publikum  eine wahre Applauskaskade ins Rollen, durchsetzt mit Bravorufen, von den Protagonisten sichtlich genossen. Nebst dem Solisten und dem Dirigenten durften auch die einzelnen Register ihren Sonderapplaus abholen.

Man sagt ja gemeinhin, dass der Applaus das Brot des Künstlers sei.  Am Ende dieses Konzertabends bekamen die Protagonisten sehr viel Brot für ihre Darbietungen und auch noch eine verdiente stehende Ovation.

Grundsätzliches zum Solisten am Piano Oliver Schnyder

Solist Oliver Schnyder startete seit seinem Debüt-Rezital 2000 im John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, D.C. und seinem Solo-Debüt 2002 mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter David Zinman anlässlich der Orpheum-Musikfesttage zur Förderung junger Solisten Zürich (heute: Orpheum – Young Soloists on Stage) eine weltweite, sehr erfolgreiche Konzerttätigkeit.

 

Kurzer Trailer des Luzerner Sinfonieorchesters LSO

youtube.com/watch?v=2oAW9cmRsX0

Text: www.leonardwuest.ch

Fotos: sinfonieorchester.ch/home

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Norma Alexandra Deshorties_c_NicolasSchopfer

Genf OPERA DES NATIONS – NORMA, Première, 16. Juni 2017, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Norma Alexandra Deshorties_c_NicolasSchopfer
Norma Alexandra Deshorties_c_NicolasSchopfer

Besetzung:

Orchestre de la Suisse Romande, Dirigent John Fiore

Mise en scène & dramaturgie Jossi Wieler & Sergio Morabito
Reprise de la mise en scène Magdalena Fuchsberger
Décors et costumes Anna Viebrock
Lumières Mario Fleck
   
Norma Alexandra Deshorties
Pollione Rubens Pelizzari
Adalgisa Ruxandra Donose
Oroveso Marco Spotti
Clotilda Sona Ghazarian
Flavio Migran Agadzhanyan*
Flavio Daniel Kluge (23 juin)
   
Chœur du Grand Théâtre
Direction Alan Woodbridge
 
Orchestre de la Suisse Romande  
*Membre de la Troupe des jeunes solistes en résidence

 

Zur Handlung

Rubens Pelizzari, Pollione, Tenor
Rubens Pelizzari, Pollione, Tenor

Norma, eine gallische Oberpriesterin, kann als einzige den Zeitpunkt bestimmen, wann die Gallier endlich die römische Besatzungsmacht angreifen sollen. Da sie aber im geheimen mit dem Befehlshaber der römischen Armee – Pollione – liiert ist und zwei Kinder hat mit ihm, zögert sie den Zeitpunkt hinaus und plädiert für Frieden. Pollione hat sich aber mittlerweile in eine andere Frau verliebt, in die Novizin Adalgisa, und will diese mit nach Rom nehmen. Norma schwört Rache, als sie davon erfährt. Sie will ihre Kinder töten, kann es aber nicht und fordert Adalgisa auf, diese mit nach Rom zu nehmen. Adalgisa ihrerseits versucht, Norma und Pollione wieder zusammen zu führen. Pollione widersetzt sich aber, darauf gibt Norma das Zeichen zum Kampf gegen die Römer. Sie lässt einen Scheiterhaufen errichten für eine Priesterin, welche ihr Keuscheitsgebot gebrochen hat. Nicht für Adalgisa ist er bestimmt, sondern für sie selber. Nachdem ihr Vater ihr versprochen hat, sich um die Kinder zu kümmern, geht sie in den Tod. Polliones erkennt die Grösse Normas, seine Liebe für sie lebt wieder auf und er folgt ihr in den Tod.

 

Ruxandra Donose, Adalgisa, Mezzosopran c Nicolae Alexa
Ruxandra Donose, Adalgisa, Mezzosopran c Nicolae Alexa

Soviel  in Kürze zur Handlung der Oper „Norma“ von Vincenzo Bellini, welche am Freitagabend im Grand Theater Genève Première feierte. Inszenierung und Dramaturgie Jossi Wieler und Sergio Morabito, Bühnenbild und Kostüme Anna Viebrock.

Rezension:

Ein einziger Schauplatz

Marco Spotti, Oroveso Bass
Marco Spotti, Oroveso Bass

Wer eine traditionelle Aufführung erwartet hat, sah sich enttäuscht, und das schienen doch einige gewesen zu sein nach den Buh-Rufen zu schliessen beim Schlussapplaus. Andere wiederum waren hell begeistert. Die Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito ist ungewöhnlich, aber herrlich entstaubt und spannend. Sie siedeln das Geschehen an in die Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen. Der Schauplatz: Ein relativ schäbig wirkender Kirchenraum mit ein paar Bankreihen. Abgetrennt durch ein niedriges Gitter im vorderen Teil der Bühne der Altarraum. Linkerhand die Sakristei, der winzige Wohnbereich Normas und ihrer Kinder, symbolisch für deren heimliches Leben. Die ganze Handlung spielt in diesem einen Raum. Der Altarraum wird nicht oft betreten, und wenn, dann hat das meist mit der Verletzung von Normas Privatsphäre zu tun, mit Übergriff, Entweihung oder Entehrung. Es gibt unzählige symbolhafte Momente und Anspielungen, welche die Spannung erhalten und den Zuhörer zum Mitdenken und Mitfühlen anregen. Einige Szenen waren atmosphärisch so dicht, dass der Zwischenapplaus mitunter störend wirkte.

 

Sona Ghazarian, Clotilda, Sopran
Sona Ghazarian, Clotilda, Sopran

Anna Viebrocks Kostüme sind der Epoche nachempfunden: Die Gallier tragen ältlich wirkenden Anzüge, abgegriffene Aktentaschen und sie stützen sich teilweise auf. Das gibt ihnen den Anschein, als wären sie müde, verhärmt und desillusioniert. Die Novizinnen kommen in unauffälligen, knielangen Kleidern daher, Norma selber trägt Schwarz, einzig beim Schneiden der Mistel schlüpft sie in eine Robe, die einem liturgischen Kleid nachempfunden ist. Pollione seinerseits trägt, ganz im Sinne seines Machotums, einen Ledermantel, darunter einen silbrigen Anzug. Das hat etwas Bedrückendes und erzeugt ein realitätsnahes Bild der Zeit, in welche das Geschehen angesiedelt ist.

 

Alexandra Deshorties, Norma Sopran
Alexandra Deshorties, Norma Sopran

Die Darsteller überzeugen durchwegs: Allen voran Norma (Alexandra Deshorties) in ihrer schlichten Ernsthaftigkeit, in ihrer Liebe, Leidenschaft, Verzweiflung und Rache. Adalgisa (Ruxandra Donose) schwankt zwischen Naivität und Verführung und spielt dies sehr überzeugend, Pollione (Rubens Pelizzari) ist ein arroganter, selbstverliebter Macho und Casanova. Oroveso (Marco Spotti) hat etwas Unnahbares, eine gewisse Ernsthaftigkeit, kommt kerzengerade daher, aber vom Leben gezeichnet.

 

Belcanto vom Feinsten

Und dann ist da Bellinis Musik. Das Orchestre de la Suisse Romande unter John Fiore sorgte durchwegs für einen wunderbar ausgewogenen Klangteppich. Die Ouvertüre hatte etwas Drängendes und war doch leichtfüssig, fast spielerisch. Alexandra Deshorties als Norma beherrschte ihre ausdrucksstarke Stimme mühelos, nuancierte und modellierte, nur in den ganz hohen Partien kam sie teilweise etwas laut und schrill daher. Ruxandra Donose war ihr als Adalgisa eine absolut ebenbürtige Partnerin, Rubens Pellizari (Pollione) hat den richtigen Schmelz, ein kräftiger, sonorer Tenor und Marco Spotti als Oroveso (Bass), immer mit dieser Unnahbarkeit, aber stimmlich so überzeugend wie die anderen. Einzig Sona Ghazarian als Clotilde schien ihre Stimme nicht wirklich zu finden an diesem Abend. Zu erwähnen auch der exzellente Chor (Leitung Alan Woodbridge), der für hochemotionale Momente sorgte.

 

Sängerinnen und Sänger, Chor, Dirigent und Orchester ernteten viel Applaus aber wie eingangs erwähnt, wurden die beiden Regisseure und die Bühnenbildnerin mit Buh-Rufen empfangen. Wer sich aber auf diese Inszenierung eingelassen hat, sich mitnehmen liess auf diese Reise, der verbrachte spannende zweieinhalb Stunden und verliess das Theater in angeregter Dikussion.

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: www.geneveopera.ch

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Weitere Aufführungen: 18., 21., 23., 26., 29. Juni 2017; 1. Juli 2017

https://www.geneveopera.ch/programmation/saison-16-17/norma/

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Stadt der Vögel, c Emanuel Wallimann, die Waldstätter AG

Stadt der Vögel, Freilichtspiel Tribschen Luzern, Première vom 13. Juni 2017, besucht von Léonard Wüst

Stadt der Vögel, c Emanuel Wallimann, die Waldstätter AG
Stadt der Vögel, c Emanuel Wallimann, die Waldstätter AG

Leitung und Besetzung:

Text
Gisela Widmer
Regie
Annette Windlin
Ausstattung
Ruth Mächler
In der Hauptrolle
Walter Sigi Arnold
Komposition
Hansjörg Römer /
Christian Wallner
Musik
Myrta Amstad / Christian Wallner /
Pit Furrer / David Zopfi
Choreografie
Lukas Schmocker
Licht
Martin Brun

 

Grundsätzliches zum Stück und zu den Freilichtspielen:

Seit 2005 finden auf Tribschen bei Luzern, wo 1866 bis 1872 Richard Wagner wohnte, die Luzerner Freilichtspiele jedes zweite Jahr statt.

Für die diesjährige Produktion hat Gisela Widmer, angeregt durch den Luzerner Altphilologen Kurt Steinmann, den 2400 Jahre alten Klassiker „Stadt der Vögel“ von Aristophanes neu geschrieben.

Die Ausgangslage: Natürlich handeln die beiden Athener, Makarios («der Glückselige») und Georgos («der Erdverbundene »), zuerst einmal aus purem Eigennutz. Sie haben einiges auf dem Kerbholz und gleichzeitig die Nase voll von den Wirrnissen in Athen. Das aber sind nur die äusseren Beweggründe für ihre Flucht: In ihren Herzen werden sie von der urmenschlichen Sehnsucht nach einem «guten Ort» getrieben. Diese anfänglich noch diffuse Sehnsucht führt sie in die Vogelwelt. Denn der Vogel ist wie der Mensch ein zweibeiniges und aufrecht stehendes Wesen; dazu aber fähig, zu fliegen und über allem und all überall zu sein.

Und hier, in dieser Vogelperspektive, liegt das Geheimnis von Aristophanes’ Komödie: Man muss die Fähigkeit entwickeln, das Bekannte von aussen zu betrachten, um es wirklich zu erkennen.

Und die beiden Athener erkennen: Die Erde mit ihren streitenden Menschen ist ein hoffnungslos schlechter Ort. Genauso wie der Olymp mit seinen strafenden Göttern. Und am schlechtesten ist die Abhängigkeit der Menschen von den Göttern. Selbst die Vögel haben darunter zu leiden: Sie werden von den Menschen

gefangen, gebraten und manchmal sogar den Göttern geopfert.

So werden die beiden Athener und die Vögel Verbündete. Eine Stadt wollen sie bauen. Unabhängig sein und frei! Die Götter sollen verhungern. Und die Menschen sollen halt selber schauen. Diese Vogelstadt, die da herbeigesehnt wird, ist eine Utopie, also ein «Nichtort». Goethe hat in seiner Übersetzung für die Vogelstadt den Begriff «Wolkenkuckucksheim» kreiert. König Wiedehopf tritt auf, und es stellt sich heraus, dass er ebenfalls einst ein Athener war, der von den Menschen schlecht behandelt wurde und sich deshalb den Vögeln zuwandte.

Rezension:

Natürlich, wie an solchen Premieren gewohnt, erschien viele lokale, gar einige nationale Prominenz, auch gaben sich andere Regisseure und Schauspielerinnen die Ehre. So etwa auch der Intendant des Luzerner Theaters Benedikt von Peter, der  kürzlich erwähnte, dass er in Zukunft noch vermehrter mit lokalen Laienbühnen zusammen arbeiten will. Auf Tribschen (Zuschauertribüne mit 550 gedeckten Plätzen), boten die Schauspielerinnen physisch eine starke Leistung, konnten sie doch nicht auf die Höhen des Spielgeländes fliegen, sondern mussten hinauf- und auch wieder herunter sprinten. Hauptdarsteller Walter Sigi Arnold (Makarios) hatte, als Primus inter Pares, die Szenerie jederzeit im Griff. Die Live Musik spielte diesmal eine eher untergeordnete Rolle, konnte sich eigentlich nur bei Begleitung der Gesängen der Nachtigall (König Wiedehopfs Gattin) profilieren.

Etwas ungewohnt ist es schon, dass die Zuschauertribüne diesmal nicht Richtung See ausgerichtet ist, sondern um 180 Grad gedreht Richtung Richard Wagner Museum. Somit entfällt der spektakuläre Blick über den Vierwaldstättersee Richtung Bürgenstock, dafür kann die Regisseurin so die Hauptfiguren, in diesem Fall die diversen Vögel, im Wald, mal sichtbar, mal unsichtbar, platzieren, und es ergeben sich mehr Variationen für das Lichtdesign.

Zuerst betreten Makarios und Georgos, vor ihren Gläubigern aus Athen geflohen, die Szene, auf der, im Rund verstreut, diverse Eier liegen. Neugierig beäugt von einem Wächtervogel, sinnieren die beiden über ihre Zukunft und träumen davon, sich dem Volk der Vögel anzuschliessen und in Zukunft ohne menschliche Sorgen mehr zu leben. Nicht mehr vogelfrei, sondern frei wie ein Vogel. Sie wandelten so auf den Spuren von König Wiedehopf, der schon bis etwa zur Hälfte zu einem Vogel mutiert war und auf Bitten des Wächtervogels, zusammen mit seinem Aktuar, nun auch die Szene bereicherte. Ab jetzt wurde diskutiert, argumentiert und lamentiert. Schlussendlich sah sich Wiedehopf genötigt, eine Vogel-Volks-Vollversammlung einzuberufen. Also schälten sich Vögel aus den herumliegenden Eiern, strömten die gefiederten Genossen aus allen Himmelsrichtungen zur Versammlung. Unter dem Vorsitz ihres Königs wurde heftig gegackert, ob man die zwei menschlichen Asylsuchenden in ihr Volk aufnehmen soll. Um bessere Karten für ihr Ansinnen zu haben, versprach Makarios, die Gründung einer eigenen „Stadt der Vögel“, demokratisch strukturiert nach athenischem Vorbild an die Hand zu nehmen. Schlussendlich zeigt sich das Vogelvolk einverstanden, hatten ihnen doch die beiden Fahnenflüchtigen reichlich Honig über den Mund gestrichen.

Ab da ereignet sich Seltsames in der neu gegründeten Vogelstadt, später von J.W. Goethe „Wolkenkuckucksheim“ genannt, die Stadt in den Wolken, die sich die Vögel als Zwischenreich gebaut haben. Schon bald zeigen sich fast menschliche Verhaltensweisen, wie das Streben nach Macht. Einfluss und Ruhm wollen sich auch hier ihren Weg bahnen. Eigenschaften, die dem Gefieder bis dato völlig fremd waren. Eine Gruppe Beamter aus Athen erscheint, um alles der Ordnung halber zu regulieren, was es für so eine Stadtgründung braucht. Da sind Chaos und Streit schon vorprogrammiert. Sie Vögel wehren sich mit Federn und Schnäbeln, wie sie es schon vorher gegen Makarios und Georgos getan hatten Dazu gipfelt das, von Makarios und Georgos initiierte, Aufbegehren gegen die Allmacht der Götter in einem eigentlichen Boykott. Es werden keine Opfergaben (Schafe, Kälber usw.) mehr dargeboten, was die Götter fast verhungern lässt und bemüssigt, mit dem aufmüpfigen Vogelvolk zu verhandeln. Dafür wird von Zeus zuerst Göttin „Iris“ per Transportseil zum aufmüpfigen Vogelvolk geschickt, um die Lage zu sondieren. Die trifft aber mit ihrer Schnodderigkeit und dem affektierten, hochnäsigen Gehabe den Ton nicht, sodass der Göttervater drei weitere hochrangige Abgeordnete schickt,  u.a. Herakles, seinen Sohn und Poseidon, einen Bruder. Als Wesen, die in einer Zwischenwelt leben, haben die Vögel dabei die besseren Karten als beispielsweise die Menschen, die auf der Erde, in diesem Fall vor allem im ungeliebten Athen, leben. Irgendwann wird irgendwie ein fast guteidgenössischer Kompromiss gefunden, der von den  Vögeln singend („Alle Vögel sind schon da“) und tanzend gefeiert wird. Am Schluss findet die Hochzeitsfeier von Georgos mit der Göttin Basileia statt, auf der die Götter erscheinen und die Vögel in militärischer Formation vorbeimarschieren. Schlussendlich ziehen sich die Götter in den Himmel zurück. Die Menschen bleiben auf der Erde und dazwischen ist eben diese Fantasie einer „Stadt der Vögel“, die auf Tribschen von einem engagierten Team auf und hinter der Bühne in die Realität umgesetzt wurde.

Der Stoff aus dem Jahre 414 vor Christus wurde zügig, amüsant und farbenprächtig inszeniert, aufgelockert durch ein paar lokalpolitisch eingefügte Bonmots und vom Publikum mit entsprechend grossem Applaus belohnt, den auch, die nun ebenfalls auf die Szene geeilten „Macher“, geniessen durften.

Trailer der Produktion:

 
Kleine Fotodiashow der Produktion von Emanuel Wallimann, die Waldstätter AG:

Fotos: www.freilichtspiele-luzern.ch, Wikipedia und Homepage von

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Dancemakers Series #8 Foto Ingo Höhn

Luzerner Theater, Dancemakers Series #8, 8. Juni 2017, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Dancemakers Series #8 Foto Ingo Höhn
Dancemakers Series #8 Foto Ingo Höhn
Besetzung:
Zach Enquist, Sada Mamedova (Choreographie Dario Dinuzzi)
Zach Enquist, Sada Mamedova (Choreographie Dario Dinuzzi)

Tanz Luzerner Theater: Martina Consoli, Zach Enquist, Rachel P. Fallon, Shota Inoue, Carlos Kerr Jr., Rachel Lawrence, Olivia Lecomte, Dor Mamalia, Sada Mamedova, Salome Martins, Aurelie Robichon, Enrique Saez Martinéz, Tom van de Ven, Dario Dinuzzi, Andrea Thompson

 

Rezension:

Die Serie «Dancemakers» gibt den Tänzern des Luzerner Balletts einmal pro Jahr die Möglichkeit, sich selber auszudrücken, zu zeigen, wie sie sich und den Tanz sehen. Das führt jedes Mal zu speziellen Begegnungen und spannenden Programmen, so auch letzten Donnerstag an der Première von «Dancemakers Series  #8“ im Südpol

 

Sada Mamedova, Andrea Thompson (Choreographie Zach Enquist)
Sada Mamedova, Andrea Thompson (Choreographie Zach Enquist)

Die Themen der sieben Choreographien sind alle relativ ernsthaft, tiefgründig und philosophisch und die Tänzerinnen und Tänzer gehen auch in ihrem körperlichen Ausdruck einen Schritt weiter, weg vom ausschliesslichen Tanz hin zu einer Art «Bewegungs-Erzähl-Theater» mit tänzerischen Interaktionen. Es wird viel gesprochen, rezitiert, teilweise in Reimen, es gibt Video-Einspielungen und Schattenspiele.

 

Ausdrucksstarke Bilder

Martina Consoli, Zach Enquist, Andrea Thompson, Sada Mamedova (Choreographie Dario Dinuzzi)
Martina Consoli, Zach Enquist, Andrea Thompson, Sada Mamedova (Choreographie Dario Dinuzzi)

«playFULL» von Carlos Kerr Jr., «Kintsukuroi» von Olivia Lecomte und Sada Mamedova und «Crescens» von Dario Dinuzzi stehen reinem Tanztheater am nächsten. «playFULL» erinnert an den Alltag einer Männer-WG. Drei junge Männer provozieren, necken und bekämpfen sich, dies auf einer Bühne mit lediglich einer dunklen freistehenden Wand mit Türe. Kerr gelingen ausdrucksstarke und teilweise amüsante Bilder. Auch Olivia Lecomte überzeugt mit eindrücklichen Momenten. Wenn sie für einen Sekundenbruchteil mitten im Lichtkreis in einer Pose verharrt, hat das etwas von einer Momentaufnahmen in Schwarz-Weiss. In «Crescens» betanzt Enrique Sáez Martínez mit kraftvollen Bewegungen die leere Bühne und weiss sie doch zu füllen.

 

Skurriler Höhepunkt

Olivia Lecomte (Choreographie Olivia Lecomte) 1Dor Mamalia dokumentiert in «I’mpossible» den Untergang einer Person. Er steht im Dialog mit einem überdimensionalen rotleuchtenden Stoff-Herz (Tom van de Ven), die Deutung der Bilder ist nicht immer ganz einfach. Eindrücklich seine unglaubliche Elastizität, wenn er sich in schlangengleichen Bewegungen auf der Bühne windet. Zach Enquist befasst sich in «What lies between» (Rachel Lawrence, Andrea Thompson, Sada Mamedova) mit den Gewohnheiten der Menschen und ihrer Unfähigkeit, diese zu ändern. Zwei Frauen scheinen sich gegenseitig verfallen, eine dritte drängt sich immer wieder dazwischen. «The Balancing Act» von Dario Dinuzzi thematisiert die Einsamkeit. Die Tänzer/-innen (Dario Dinuzzi, Andrea Thompson, Sada Mamedova, Zach Enquist und Martina Consoli) betanzen kleine Holzhürden, jeder auf seine eigene Art. «+3» von Shota Inoue verlangt dem Zuschauer einiges ab, unterhält aber auch mit schrägen Ideen. Wenn sich die drei (Rachel Lawrence, Sada Mamedova und Tom van de Ven) mit  verschlungenen Armen und Beinen in beinahe unmöglichen Positionen winden, erinnert das an das Gesellschaftsspiel «Twister» und mit der Heiratsszene mit Einrad erlebt das Stück einen skurrilen Höhepunkt. Nicht alles offenbart sich dem gemeinen Tanzliebhaber. Aber die Tatsache, dass es viele gemeinsame neue Elemente gibt in den 7 Choreografien lässt die Frage aufkommen, ob «Dancemakers» hier Weichen stellt für das, was kommen wird?

 

Dor Mamalia (Choreographie Dor Mamalia)
Dor Mamalia (Choreographie Dor Mamalia)

Last but not least und man verzeihe die Banalität: Die Tänzerinnen und Tänzer stehen zum Schlussapplaus auf der Bühne, 13 unterschiedlichste Menschen aus 9 verschiedenen Nationen aber mit der gemeinsamen Leidenschaft für den Tanz, fürs Ausprobieren und Experimentieren, eines der berührendsten Bilder dieses Abends!

Kleine Fotodiashow der Produktion von Ingo Höhn, Luzerner Theater:

fotogalerien.wordpress.com/2017/06/08/luzerner-theater-dancemakers-series-8-8-juni-2017-besucht-von-gabriela-bucher-liechti/

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: luzernertheater.ch

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